Ein Beitrag von Uta von Pirani
Clara Israel wurde am 28. Oktober 1876 als drittes Kind von Isidor und Bertha Israel geboren.
Sie wuchs in einer alten Kaufmannsfamilie zusammen mit vier Geschwistern, zwei Schwestern und zwei Brüdern im Haus der Großeltern auf, im Zentrum von Spandau nahe dem Marktplatz. Dieses Haus ist im Krieg zerstört worden.
Sie muss eine glückliche Kindheit gehabt haben, denn sie hat gern von den Stätten ihrer Kindheit erzählt oder z.B. dem Erlebnis, wenn sie mit der Pferdekutsche von Spandau nach Berlin fuhren, über die Charlottenburger Chaussee, durch den Tiergarten, durch das Brandenburger Tor, Unter den Linden bis in die Nähe des Schlosses, um dort Einkäufe zu erledigen.
Nach dem Tod des Vaters 1898 zog die Familie nach Berlin. Clara besuchte die Königliche Augusta Schule für höhere Töchter (heutige Sophie-Scholl-Schule in Schöneberg).
Der älteste Bruder Eugen war Arzt; er nahm sich 1941 das Leben. Ihr jüngerer Bruder Paul war Kaufmann; er verstarb in Argentinien. Ihre ältere Schwester Rosa heiratete 1905 den späteren Leiter des jüdischen Waisenhauses in Pankow, Isidor Grunwald, der aber bereits 1925 verstarb. Ihre Mutter lebte bis zu ihrem Tod 1922 bei ihren beiden Töchtern Clara und Gertrud; beide erlernten einen Beruf.
Clara machte eine Ausbildung als Hortnerin beim Verein Jugendheim Charlottenburg, den Anna von Gierke gegründet hatte; sie leitete mehrere Jahre einen Hort in der Nähe des Alexanderplatzes. 1893 schloss sie sich den Mädchen- und Frauengruppen für Soziale Arbeit an (Gründerin und Vorsitzende war Jeanette Schwerin). Alice Salomon, die nach dem Tod von Jeanette Schwerin 1899 zur Vorsitzenden gewählt worden war, eröffnete hier den ersten „Jahreskurs zur beruflichen Ausbildung in der ohlfahrtspflege“, Vorläufer der (Fach-) Hochschulausbildung für Soziale Arbeit. Ehrenamtlich arbeitete Clara Israel zudem in der Deutschen Zentrale für Jugendfürsorge in Berlin. Mit dem Erlass der ersten Ausbildungsordnung für Wohlfahrtspflegerinnen 1918/20 konnte sie dann verbunden mit einem Nachschulungskurs die staatliche Anerkennung erwerben.
Um die Jahrhundertwende wurde immer deutlicher, dass wachsende Verelendung, Armut und Obdachlosigkeit zu einer Gefahr für die öffentliche Ordnung wurde, die sich nicht mehr nur durch ehrenamtliches Engagement von Kirchen, Stiftungen o.ä. regulieren ließ. Staat und Kommunen mussten handeln; es gab erste Schritte zu einer Sozialgesetzgebung. Andererseits gab es zu dieser Zeit auch eine gewisse Aufbruchstimmung, auch in der Erziehung standen nun eher präventive Ziele, wie frühe Förderung und Stärkung der Persönlichkeit, im Vordergrund.
Als 1908 in Umsetzung des „Erlass für die Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfe“ erforderlich eine Jugendgerichtshilfe einzurichten war, die in der damals noch selbstständigen Stadt Charlottenburg der 1901 gegründeten „Vereinigung der Wohltätigkeitsbestrebungen“, später „Charlottenburger Wohlfahrtszentrale“ übertragen wurde, wurde auf Empfehlung von Alice Salomon Clara Israel damit betraut. Da war sie 32 Jahre alt. Seitdem hat sie sich dem Einsatz für die Jugend- und Wohlfahrtsarbeit in Charlottenburg verschrieben.
Sie engagierte sich darüber hinaus in der Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit von der traditionellen Armenpflege zur modernen Wohlfahrtsarbeit; sie war Mitglied im Deutschen Verband der Sozialbeamtinnen, ab 1921 im Hauptvorstand und arbeitete bereits seit 1916 als Dozentin an der Wohlfahrtsschule des Vereins Jugendheim Charlottenburg, dem Anna von Gierke vorstand, und an der Städtischen Wohlfahrtsschule für Fürsorgerinnen am Kaiserin Auguste Victoria Haus in Charlottenburg. Um 1923 entwickelte sie die „Richtlinien für die Familienfürsorge“, mit dem Ziel, die verschiedenen Spezialfürsorgen für Jugendliche und Erwachsene in einer einheitlichen Bezirks-Familienfürsorge zusammenzufassen.
Clara Israel war dann maßgeblich an Aufbau und Entwicklung des Jugendamtes beteiligt, das die Stadt Charlottenburg bereits 1920, vier Jahre vor Inkrafttreten des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes errichtete; sie übernahm die Leitung der Fürsorgeabteilung, in der eine Vielzahl Fürsorgebereiche, die bisher unterschiedlichen Institutionen zugeordnet waren, versammelt waren. 1929 wurde sie als Leiterin des Jugendamtes zum ersten weiblichen Magistratsrat in Preußen ernannt. Sie hat dieses Jugendamt maßgeblich geprägt.
Komplexität und Umfang der sich weiter verstärkenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme führten zu einem ständigen Anwachsen der Aufgaben und, trotz aller Sparzwänge auch im Bereich der Fürsorgekräfte, zugleich zu einer immer größeren Mitarbeiterschaft, mit denen sich Clara Israel in ihrer Leitungsfunktion konfrontiert sah.
MitarbeiterInnen berichteten später, dass sie in ihr immer eine fachlich lösungsorientierte, und menschlich verständnisvolle Beraterin hatten, die ihnen immer wieder Sicherheit, Kraft, Mut und Zuversicht gegeben hat. Auch in schwierigen Situationen blieb sie ruhig und überlegt, ja fast gelassen. Sie hatte ein hohes Ansehen in der Mitarbeiterschaft.
Am 11. März 1933 erfolgte im Vorgriff auf die Vorschriften des am 7. April 1933 erlassenen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, das die Entlassung aller Juden, Kommunisten und Sozialisten vorsah, eine erste „Säuberung“ im Rathaus Charlottenburg.
Es gelang einer Mitarbeiterin zwar, Clara Israel vor dem Rathaus abzufangen; sie wollte sich aber unbedingt persönlich davon überzeugen, ob man sie am Weiterarbeiten hindere. Erst als sie mit eigenen Augen vor ihrem Zimmer den SA-Posten stehen sah, ließ sie sich von der Mitarbeiterin sicher aus dem Rathaus bringen. Im Ergebnis bedeutete das die Entbindung Israels von allen ihren Ämtern aufgrund ihrer Abstammung! Damit endete ihre Arbeit als Leiterin des Jugendamtes Charlottenburg ebenso wie ihre Verbands- und Lehrtätigkeit.Es gelang ihr, eine ihrer Mitarbeiterinnen als Nachfolgerin zu etablieren, die das Jugendamt in ihrem Sinne, also mit all seinen reformpädagogischen Ansätzen weiterführte, soweit das in diesen Zeiten möglich war. Einer ihr nahestehenden Wohlfahrtspflegerin schrieb sie im Mai 1933: „Was heute in Deutschland geschieht, verlangt von jedem eine Stellungnahme, darf aber auch niemand mit Ballast an falscher Stelle kämpfen lassen. Auch Dein Weg ist nicht eben. Du
wirst Deine ganze Kraft brauchen. Vergeude sie nicht an falscher Stelle! Und ich gehe meinen Weg. Ich konnte einst Verantwortung für viele tragen; ich lehne es heute ab, die kleine Verantwortung zu tragen, daß ein Besuch bei mir diskreditiert. Ich, mein Ehrgefühl und mein Menschentum sind nicht berührt, solange ich keine Schuld auf mich lade.“
Danach organisierte sie den Jüdischen Hauspflegeverein Berlin-Charlottenburg. So brachte sie durch ihre Arbeit vielen alten und vereinsamten Menschen, deren Familienmitglieder Deutschland bereits verlassen hatten, Hilfe in Krankheitsfällen und bemühte sich um diejenigen, die ihre häusliche Arbeit allein nicht mehr leisten konnten. Ihre Tätigkeit bezog sich vor allem auf die Koordination von Unterstützungsangeboten, die Anleitung von Pflegekräften, die Beratung jüdischer Familien und den Austausch mit anderen Wohlfahrtsorganisationen. Der Verein finanzierte sich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge. Das NS-Regime duldete diese Arbeit zunächst; ab 1941/42 wurden aber immer mehr Pflegebedürftige und auch Pflegekräfte deportiert. 1942 wurde der Verein aufgelöst.
Als ihr bereits 1936 nahegelegt wurde, Deutschland zu verlassen, lehnte sie ab mit der Begründung, „sie sei zu alt, sie habe ihr Leben der Arbeit gewidmet und wolle es in Arbeit beschließen. Das aber könne sie in einem anderen Lande nicht mehr tun.“
Anders ihre sechs Jahre jüngere Schwester Gertrud, wie sie in der sozialen Arbeit tätig; diese emigrierte mit ihrer ebenfalls jüdischen Freundin Adele Beerensson nach London, wo beide bei einem deutschen Bombenangriff am 13.10.1940 ums Leben kamen.
Zuletzt lebte Clara Israel mit ihrer früheren Mitarbeiterin und Freundin Grete Hartstein und ihrer älteren Schwester Rosa in der Trendelenburgstraße 1 in Charlottenburg. Hier setzten sie am 22. Oktober 1942 gemeinsam ihrem Leben ein Ende, nachdem ihnen die Deportation angedroht worden war. Clara und Grete wurden zwar noch lebend aufgefunden und in das jüdische Krankenhaus Berlin eingeliefert, verstarben dort aber.
Das Grab von Clara Israel befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee (Feld J6, Reihe 1).
Für das Jugendamt Charlottenburg war sie ein Glücksfall. Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, ihnen zuzuhören, ihre Perspektive einzubeziehen und in diesem Sinne die Jugendhilfepraxis zu prägen, sich nicht selbst zu verbiegen oder sich verbiegen zu lassen, dies können wir von Menschen wie Clara Israel lernen!
Clara Israel gehört zu den führenden Persönlichkeiten der Sozialen Arbeit der 20-er Jahre in Deutschland.