Viele denken, dass die Geschichte des Olympiastadions mit den Olympischen Spielen von 1936 beginnt. Tatsächlich reicht sie aber deutlich weiter zurück.
Um 1900 stand hier noch der Grunewald. 1909 entstand an dieser Stelle zunächst eine große Pferderennbahn. Pferderennen waren damals ein beliebter Treffpunkt der Berliner Oberschicht. In der Mitte der Rennbahn ließ man bereits eine große Fläche frei. Dort sollte später ein Stadion entstehen.
1912 erhielt Berlin den Zuschlag für die Olympischen Spiele von 1916. Der Architekt Otto March baute daraufhin das sogenannte Deutsche Stadion. Es wurde in nur 200 Tagen errichtet und 1913 feierlich eröffnet. Doch die Olympischen Spiele fanden nie statt. Der Erste Weltkrieg brach aus, und die Spiele wurden abgesagt. Das Stadion wurde zeitweise sogar als Lazarett genutzt.
1931 bekam Berlin erneut den Zuschlag für Olympische Spiele, diesmal für das Jahr 1936. Inzwischen waren die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Sie erkannten schnell den Propaganda-Faktor der Spiele. Adolf Hitler entschied deshalb, das alte Stadion abzureißen und eine völlig neue Anlage zu errichten.
Die Söhne von Otto March, die Architekten Werner und Walter March, planten das neue Stadion. Es entstand in nur 28 Monaten Bauzeit. Mehr als 2.000 Arbeiter waren gleichzeitig auf der Baustelle beschäftigt. Das gesamte Gelände erhielt den Namen „Reichssportfeld“ und wurde in der Nazi-Zeit weiterentwickelt.
Wenn wir uns umsehen, erkennen wir sofort die strenge Architektur der Anlage. Alles ist auf große Achsen ausgerichtet. Vom Olympischen Platz führt der Blick durch das Stadion über das Marathontor bis zum Glockenturm am anderen Ende des Maifeldes. Diese Sichtachse ist kein Zufall. Sie gehört zur Inszenierung der nationalsozialistischen Macht und sollte Größe und Ordnung vermitteln.
Interessant ist auch die Bauweise des Stadions. Ein großer Teil liegt etwa 15 Meter tief im Boden. Dadurch wirkt es von außen weniger gewaltig, obwohl es ursprünglich Platz für rund 100.000 Zuschauer bot. Heute sind es knapp 74.000 Sitzplätze. Bei „normalen“ ausverkauften Konzerten, wie das der Toten Hosen heute, werden an die 72.000 Zuschauer erwartet. Den Allzeit-Besucherrekord, stellte erst kürzlich Metallica am 30. Mai 2026 im Rahmen ihrer “M72 World Tour” auf. Sie spielten vor 95.000 Fans und übertrafen damit die bisherige Bestmarke der Band U2 aus dem Jahr 2009, die bei ihrer legendären 360-Grad-Tour im Jahr 2009 etwas über 90.000 Fans unterhalten konnten.
Die Fassade besteht überwiegend aus fränkischem Muschelkalk. Viele Skulpturen auf dem Gelände stammen ebenfalls aus der Zeit des Nationalsozialismus. Sie zeigen Sportler, Sieger und Heldenfiguren und spiegeln die damaligen Vorstellungen von Körper, Stärke und Gemeinschaft wider.
Am 1. August 1936 wurden die Olympischen Spiele eröffnet und vom NS-Regime als eine große Propagandashow inszeniert. Antisemitische Schilder und Hetzparolen verschwanden für einige Wochen aus dem Berliner Stadtbild. Die Nationalsozialisten wollten der Welt ein friedliches und modernes Deutschland präsentieren. Gleichzeitig setzte sich die Ausgrenzung jüdischer Menschen bei den Spielen wie im Alltag fort. Jüdische Sportlerinnen und Sportler aus Deutschland wurden systematisch von den Spielen ausgeschlossen, obwohl einige von ihnen zu den besten Athletinnen und Athleten des Landes gehörten. In vielen Ländern gab es deshalb Diskussionen über einen Boykott der Spiele.
Dennoch reisten die meisten Nationen nach Berlin. Unter den internationalen Teilnehmerinnen und Teilnehmern waren zahlreiche jüdische und schwarze Sportlerinnen und Sportler. Viele von ihnen gewannen Medaillen und widerlegten damit die rassistische Ideologie der Nationalsozialisten. Besonders bekannt wurde der amerikanische Leichtathlet Jesse Owens, der vier Goldmedaillen gewann und zu einer der prägenden Figuren dieser Olympischen Spiele wurde.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das Stadion ein wichtiger Ort für den Berliner Sport. Die britischen Truppen nutzten Teile des Geländes als Militärstützpunkt. Der zerstörte Glockenturm wurde später wieder aufgebaut, und die ehemalige Führerloge auf der Ehrentribüne wurde verkleinert, um ihre historische Bedeutung abzuschwächen.
Zwischen 2000 und 2004 wurde das Olympiastadion grundlegend modernisiert. Dabei stand es bereits unter Denkmalschutz. Deshalb musste ein Kompromiss zwischen moderner Sportarena und historischem Bauwerk gefunden werden. Das neue Dach gilt bis heute als Meisterwerk der Ingenieurbaukunst. Es bleibt am Marathontor bewusst offen, damit der historische Blick zum Maifeld und zum Glockenturm erhalten bleibt.
Heute ist das Olympiastadion die Heimat des Fußballvereins Hertha BSC. Hier findet das jährliche DFB-Pokalfinale statt, genauso wie internationale Fußballspiele, Football-Games, Leichtathletikveranstaltungen und große Konzerte. Gleichzeitig bleibt dieser Ort ein wichtiger Erinnerungsort.
Wir gehen jetzt nur ein paar Meter weiter zum Eingang des Friedhofs Heerstraße.