280. Kiezspaziergang: Langer Tag der Stadtnatur im Volkspark Wilmersdorf

280. Kiezspaziergang: Bezirksstadträtin Heike Schmitt-Schmelz

Herzlich willkommen! Mein Name ist Heike Schmitt-Schmelz und ich leite die Abteilung Abteilung Schule, Sport, Weiterbildung und Kultur. Ich begrüße Sie alle recht herzlich zu unserem 280. Kiezspaziergang.

Bevor es losgeht, schon einmal der Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang: Am Samstag, 11. Juli, erkunden Sie gemeinsam mit meinem Kollegen Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger den Olympiapark. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Olympischen Platz.

Der 280. Kiezspaziergang kann auf Komoot nachgelaufen werden.

Volkspark Wilmersdorf: Blick vom Hippie-Hügel auf den Park

1. Station: "Hippiehügel", Babelsberger Straße

Willkommen im Volkspark Wilmersdorf. Wenn wir uns heute hier umschauen, sehen wir Wiesen, Bäume, Sportplätze und Menschen, die ihre Freizeit genießen. Doch vor rund 150 Jahren sah dieser Ort völlig anders aus.
Damals befand sich hier eine feuchte Niederung mit Moorflächen, Wiesen und kleinen Wasserläufen. Das Gelände gehörte zu einer sogenannten Fennlandschaft. Der Boden war sumpfig und für eine Bebauung kaum geeignet. Gleichzeitig wuchs Berlin im 19. Jahrhundert rasant. Aus dem kleinen Dorf Wilmersdorf wurde Schritt für Schritt ein dichter Stadtteil mit Mietshäusern und neuen Straßen. Immer mehr Menschen zogen hierher. Damit stellte sich eine wichtige Frage: Wo finden die Menschen in der wachsenden Großstadt Erholung, frische Luft und Platz für Bewegung?

Genau aus dieser Frage entstand die Idee der Volksparks. Im 19. Jahrhundert wirkte sich die Industrialisierung immer stärker auf die Städte aus. Die Volksparks sollten einen Ausgleich schaffen. Anders als die Schlossgärten früherer Zeiten waren sie nicht für Adelige oder Wohlhabende gedacht, sondern für alle Menschen. Hier sollte man nicht nur spazieren gehen und die Natur betrachten. Sie sollten Orte der Erholung, der Begegnung und der Gesundheit sein. Man sollte spielen, Sport treiben, sich treffen und gemeinsam Zeit verbringen.

Der Volkspark Wilmersdorf ist ein typisches Beispiel. Die Gemeinde begann bereits um 1900 mit den Planungen. Der Gartenbaudirektor Richard Thieme entwarf eine moderne Parkanlage. Das war allerdings keine leichte Aufgabe. Das Gelände musste entwässert, aufgeschüttet und neu gestaltet werden. Der Erste Weltkrieg verzögerte viele Arbeiten, doch in den folgenden Jahrzehnten entstand nach und nach der Park, den wir heute kennen.

Charakteristisch für den Volkspark Wilmersdorf ist seine langgezogene Form. Er zieht sich wie ein grünes Band durch die Stadt und verbindet Wilmersdorf mit dem benachbarten Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Insgesamt ist der Grünzug rund zweieinhalb Kilometer lang. Obwohl rundherum Straßen und Wohnhäuser liegen, wirkt der Park an vielen Stellen erstaunlich ruhig und abgeschirmt.

Auch für Kinder waren Volksparks von großer Bedeutung. Mit der Industrialisierung verschwanden viele freie Flächen zum Spielen. Deshalb entstanden in den Volksparks einige der ersten öffentlichen Spielplätze. Berlin war dabei sogar ein Vorreiter. Die Vorstellung, dass Kinder eigene Räume zum Spielen und Entdecken brauchen, war damals eine neue und moderne Idee. Spielplätze spielen im Volkspark Wilmersdorf eine große Rolle. Insgesamt 8 Anlagen gibt es hier. Einen besonders schönen sehen sie dort unten, den Zauberspielplatz. Unser Kinder- und Jugendparlament hat gemeinsam mit unserem Fachbereich Grünflächen die Idee und Gestaltung entwickelt.

Heute erfüllt der Volkspark Wilmersdorf noch immer viele Aufgaben. Er ist Erholungsraum, Sportstätte, Treffpunkt und zugleich ein wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Die Bäume spenden Schatten, filtern Schadstoffe aus der Luft und kühlen die Umgebung. Die Grünflächen nehmen Regenwasser auf und helfen dabei, die Folgen von Starkregen und Hitze abzumildern. Gerade in Zeiten des Klimawandels werden solche Parks immer wichtiger.

Wir gehen jetzt weiter und treffen uns vor einer Benjes-Hecke.

2. Station: Benjes-Hecken

Wenn wir heute durch einen Park gehen und einen Haufen Äste oder eine Benjeshecke sehen, denken viele Menschen zunächst: Hier wurde wohl vergessen aufzuräumen. Aus Sicht der Natur ist aber oft genau das Gegenteil der Fall. Denn Totholz gehört zu den wertvollsten Lebensräumen überhaupt.

Eine Benjeshecke besteht aus locker aufgeschichteten Ästen, Zweigen und anderem Gehölzschnitt. Benannt ist sie nach dem Landschaftsgärtner Hermann Benjes, der diese Idee in den 1980er Jahren bekannt gemacht hat. Das Besondere daran: Die Hecke wird nicht gepflanzt. Stattdessen überlässt man der Natur einen Teil der Arbeit. Vögel tragen Samen ein, der Wind verteilt sie, und mit der Zeit wachsen zwischen den Ästen Kräuter, Sträucher und manchmal sogar kleine Bäume. Aus einem Haufen Holz entsteht nach und nach eine lebendige Naturhecke.

Für viele Tiere ist eine Benjeshecke ein kleines Paradies. Vögel wie Rotkehlchen, Zaunkönig oder Amsel finden hier geschützte Nistplätze. Igel, Mäuse und Siebenschläfer nutzen die Hohlräume als Versteck. Eidechsen und Kröten finden in den Unterschlupf, und viele Insekten überwintern zwischen den Ästen. Gerade in unseren Städten werden solche Rückzugsorte immer wichtiger. Alte Bäume verschwinden, Brachflächen werden bebaut, und moderne Gebäude bieten kaum noch Spalten oder Nischen für Tiere.
Totholz ist dabei alles andere als tot. Wenn man einen alten Ast oder Baumstamm anhebt, entdeckt man oft ein regelrechtes Gewimmel. Käfer, Asseln, Tausendfüßer, Spinnen, Pilze und Mikroorganismen arbeiten hier ununterbrochen. Tatsächlich lebt etwa ein Viertel aller Käferarten Deutschlands an abgestorbenem Holz. Auch viele Wildbienen, Wespen und Pilzarten sind darauf angewiesen.

Diese kleinen Lebewesen übernehmen eine wichtige Aufgabe. Sie zersetzen das Holz und führen die darin gespeicherten Nährstoffe wieder dem Boden zu. So entsteht Humus, der Pflanzen beim Wachsen hilft. Gleichzeitig speichert verrottendes Holz Wasser und gibt es in Trockenzeiten langsam wieder ab. Es schützt den Boden vor Austrocknung und hilft sogar dabei, Starkregen besser aufzunehmen.

Eine Benjeshecke ist deshalb weit mehr als ein Lebensraum für Tiere. Sie unterstützt den gesamten Kreislauf der Natur. Und sie zeigt, dass Naturschutz manchmal sehr einfach sein kann. Die Äste, die bei der Pflege von Bäumen und Sträuchern ohnehin anfallen, müssen nicht abtransportiert werden. Sie bleiben vor Ort und werden zu einem wertvollen Lebensraum. Wenn wir jetzt weiter durch den Volkspark gehen, werden Sie diese Totholzecken an verschiedenen Stellen entdecken. Halten Sie die Augen offen.

Jetzt geht es aber erst einmal weiter zu Rosengarten.

280. Kiezspaziergang im Volkspark Wilmersdorf: Rosengarten

3. Station: Rosengarten, Bundesallee 161, 10715 Berlin-Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf

Rosen gelten als Königinnen der Blumen. Sie schmücken Parks, Gärten und öffentliche Plätze. Doch Rosen können auch einen wichtigen Beitrag zur biologischen Vielfalt leisten.

Viele Menschen glauben, dass Rosen für Insekten kaum interessant sind. Das stimmt nur teilweise. Rosen produzieren meist wenig oder gar keinen Nektar. Dafür liefern ihre Blüten große Mengen Pollen. Dieser Pollen enthält Eiweiße, Vitamine und andere wichtige Nährstoffe. Für viele Wildbienen, Käfer und andere Insekten ist er eine wertvolle Nahrungsquelle.

Entscheidend ist die Wahl der richtigen Rosen. Besonders wertvoll für Insekten sind einfache, ungefüllte Blüten. Hier können Bienen und Käfer die Staubgefäße leicht erreichen. Bei vielen stark gefüllten Zuchtrosen ist das anders. Dort wurden die Staubgefäße oft in zusätzliche Blütenblätter umgewandelt. Die Blüten sehen zwar prächtig aus, bieten aber kaum Nahrung für Insekten und bilden oft keine Früchte mehr.

Nach der Blüte entsteht bei vielen Rosen eine weitere wichtige Nahrungsquelle: die Hagebutte. Diese roten Früchte bleiben oft bis in den Winter hinein an den Zweigen hängen. Für zahlreiche Vogelarten sind sie dann eine wertvolle Vitaminquelle, wenn andere Nahrung knapp wird.

Besonders interessant sind die heimischen Wildrosen. Dazu gehören beispielsweise die Hundsrose, die Weinrose oder die Bibernellrose. Sie sind robust, kommen mit trockenen Standorten gut zurecht und bieten vielen Tierarten Nahrung und Lebensraum. In ihren dornigen Zweigen finden Vögel geschützte Nistplätze. Zwischen den Ästen können sich Eidechsen verstecken. An älteren Rosenstöcken wachsen oft Moose und Flechten.

Ein naturnaher Rosengarten verbindet deshalb Schönheit und Artenvielfalt. Rosen können gemeinsam mit Lavendel, Stauden und Wildblumen wachsen. So entsteht über viele Monate hinweg ein vielfältiges Blütenangebot für Insekten. Gleichzeitig bieten die unterschiedlichen Pflanzen Nahrung, Schutz und Verstecke für zahlreiche Tiere.

Unsere nächste Station ist der Staudengarten. Dazu überqueren wir die Fußgängerbrücke.

280. Kiezspaziergang im Volkspark Wilmersdorf: Garten

4. Station: Garten im Volkspark Wilmersdorf, Am Volkspark 41-43, 10715 Berlin-Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf

Auf den ersten Blick wirkt ein Staudengarten vielleicht einfach wie ein schön bepflanztes Beet. Tatsächlich steckt dahinter aber ein wichtiges Thema für die Stadtnatur: der Schutz der biologischen Vielfalt.

Zunächst die Frage: Was sind eigentlich Stauden? Stauden sind mehrjährige Pflanzen. Im Winter sterben ihre oberirdischen Teile ab, im Frühjahr treiben sie wieder neu aus. Viele Pflanzen, die wir von Wiesen kennen, gehören dazu – etwa Margeriten, Schlüsselblumen und sogar der Löwenzahn.

Besonders interessant sind die sogenannten Wildstauden. Das sind Pflanzen, die nicht züchterisch verändert wurden. Sie wachsen so, wie sie auch in der Natur vorkommen. Im Gegensatz dazu stehen viele Zierpflanzen, die auf besonders große oder gefüllte Blüten gezüchtet wurden. Das sieht oft attraktiv aus, hat aber einen Nachteil: Viele dieser Zuchtformen produzieren deutlich weniger Pollen und Nektar oder sind für Insekten schwer zugänglich.

Wildstauden sind dagegen wahre Insektenmagnete. Sie bieten Wildbienen, Hummeln, Schmetterlingen und vielen anderen Arten Nahrung. Und genau das wird immer wichtiger. In Deutschland leben mehr als 33.000 Insektenarten. Sie bestäuben Pflanzen, verbessern die Bodenfruchtbarkeit und dienen vielen Vögeln als Nahrung. Doch ihre Bestände gehen seit Jahrzehnten zurück. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Biomasse flugfähiger Insekten in manchen Gebieten innerhalb weniger Jahrzehnte um mehr als 70 Prozent abgenommen hat.

Ein Grund dafür ist der Verlust geeigneter Lebensräume. Viele Flächen werden versiegelt, artenarme Rasen ersetzen blütenreiche Wiesen, und manche Pflanzen bieten Insekten kaum noch Nahrung. Deshalb gewinnen Wildstauden in der Stadtplanung zunehmend an Bedeutung.

Charlottenburg-Wilmersdorf nimmt hier sogar eine Vorreiterrolle ein. Seit 2021 produziert die Bezirksgärtnerei heimische Wildstauden in großem Maßstab selbst – und das komplett torffrei. Der Bezirk war damit die erste Kommune Deutschlands, die diesen Weg gegangen ist. Inzwischen werden mehr als 50 verschiedene Arten kultiviert und nicht nur hier in Charlottenburg-Wilmersdorf, sondern auch in anderen Berliner Bezirken eingesetzt.

Das Besondere an Wildstauden ist ihre Robustheit. Sie sind an unser Klima angepasst, kommen meist ohne zusätzliche Bewässerung aus und benötigen kaum Dünger. Gleichzeitig blühen sie oft über lange Zeiträume und bieten dadurch vielen Insekten eine verlässliche Nahrungsquelle.

Wir verlassen jetzt für einen Station den Park und gehen zum Gemeinschaftsgarten im Schoeler-Schlösschen.

280. Kiezspaziergang im Volkspark Wilmersdorf: Gemeinschaftsgarten "Schoeler-Scholle"

5. Station: Community-Gardening Schoeler-Schlösschen, Wilhelmsaue 126, 10715 Berlin-Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf

Mit dem Community Garden, also einem Gemeinschaftsgarten, am Schoeler Schlösschen kommen wir zu einem wichtigen Thema der Stadtnatur: Natur entsteht nicht nur durch Pflanzen und Tiere, sondern auch durch Menschen, die sich gemeinsam um ihren Lebensraum kümmern.

Seit März treffen sich hier an der Schoeler-Scholle Interessierte regelmäßig und überlegen gemeinsam, wie dieser Garten gestaltet werden soll. Es wurde geplant, diskutiert, gepflanzt und ausprobiert. Die ersten Erfolge sind bereits sichtbar. In den Hochbeeten wachsen Salate und andere Pflanzen inzwischen so gut, dass sich die Gruppe schon zum gemeinsamen Ernten und Essen treffen kann.

Besonders spannend ist, dass hier nicht nur gegärtnert wird. Das Projekt verbindet Natur, Geschichte, Kunst und Kultur. Eine kleine Ausstellung beschäftigt sich mit der Geschichte des Gärtnerns in der Stadt. Veranstaltungen, Kunstprojekte und gemeinsame Aktionen bieten eine neue Perspektive auf Stadtnatur.

Dabei knüpft der Garten auch an die Geschichte dieses Ortes an. Im 19. Jahrhundert war das Schoeler-Schlösschen ein beliebtes Ausflugsziel für Berlinerinnen und Berliner. Zeitgenossen schwärmten von den Pilzen, die damals im Park gesammelt wurden. Die Bedingungen waren offenbar ideal. Nicht zuletzt deshalb, weil die Besucher ihre Pferde hier anbanden und diese für reichlich natürlichen Dünger sorgten. Heute plant die Gartengruppe sogar, selbst Pilze zu züchten – eine schöne Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Gemeinschaftsgärten spielen in vielen Städten eine immer größere Rolle. Sie schaffen neue Lebensräume für Insekten, Vögel und andere Tiere. Gleichzeitig bringen sie Menschen zusammen. Wer gemeinsam pflanzt, kommt ins Gespräch. Man tauscht Wissen aus, lernt voneinander und entwickelt ein stärkeres Bewusstsein für Natur und Umwelt.

Gerade in einer Großstadt wie Berlin ist das wichtig. Viele Menschen haben keinen eigenen Garten. Gemeinschaftsgärten ermöglichen trotzdem unmittelbare Naturerfahrungen. Man kann beobachten, wie Pflanzen wachsen, welche Insekten die Blüten besuchen und wie aus einem Samen eine Ernte entsteht.

Der Community Garden zeigt deshalb sehr schön, dass Stadtnatur nicht nur etwas ist, das von Grünflächenämtern oder Naturschutzverbänden geschaffen wird. Stadtnatur lebt auch vom Engagement der Menschen vor Ort. Wenn jemand von Ihnen „Nektar geleckt“ hat – einfach hingehen und mitmachen …

Wir gehen zurück in den Park und treffen uns vor einer Gruppe Findlinge wieder.

280. Kiezspaziergang im Volkspark Wilmersdorf: Findlinge und Geschiebe

6. Station: Findlinge

Diese Findlinge lagen schon lange hier. Ihre Geschichte reicht mehr als 20.000 Jahre zurück – bis in die letzte Eiszeit.

Damals sah die Landschaft hier völlig anders aus. Wo heute Häuser, Straßen und Parks liegen, schob sich eine gewaltige Eismasse aus Skandinavien nach Süden. Dieser Gletscher bewegte riesige Mengen an Gestein, Sand und Geröll. Dabei transportierte er auch große Felsbrocken über viele hundert Kilometer hinweg. Als das Klima wärmer wurde und das Eis schmolz, blieben diese Steine zurück. Das sind die Findlinge und ihre kleineren Verwandten, die „Geschiebe“, die wir heute im Park entdecken können.

Der Volkspark Wilmersdorf verdankt seine Entstehung dieser geologischen Vergangenheit. Der Park liegt in einer eiszeitlichen Rinne. Diese entstand, als gewaltige Schmelzwassermengen unter oder vor dem Gletscher abflossen und dabei tiefe Täler in den Untergrund gruben. Die Niederung, die wir heute als Volkspark Wilmersdorf und Rudolph-Wilde-Park kennen, ist ein Überrest dieser Landschaft.

Wenn man genau hinschaut, kann man diese Form bis heute erkennen. Der Park liegt tiefer als die umliegenden Straßen und Häuser. Er zieht sich wie ein langes grünes Tal durch die Stadt. Früher befanden sich hier sumpfige Feuchtgebiete, Seen und kleine Wasserläufe. Der Wilmersdorfer See lag dort, wo heute Sportplätze zu finden sind. Auch der Fennsee am westlichen Ende des Parks erinnert noch an diese wasserreiche Vergangenheit.

Unsere nächste Station ist die Süntelbuche, dazu folgen wir dem Weg ein paar Meter.

7. Station: Süntelbuche

Vor uns steht ein ganz besonderer Baum: eine Süntelbuche. Sie ist noch sehr klein, aber sie zeigt schon die charakteristischen Merkmale des Baums. Nichts an ihr wirkt gerade oder ordentlich.

Die Süntelbuche ist keine eigene Baumart, sondern eine seltene Variante unserer heimischen Rotbuche. Ihr ungewöhnlicher Wuchs geht auf eine genetische Besonderheit zurück. Die Ursache ist bis heute nicht vollständig geklärt. Statt gerade in die Höhe zu wachsen, bilden Süntelbuchen verdrehte Stämme, geknickte Äste und oft schirm- oder zeltförmige Kronen. Manche wirken wie natürliche Skulpturen, andere erinnern an Märchenwälder oder verwunschene Orte.

Kein Wunder, dass die Menschen früher von „Hexenholz“ oder „Teufelsbuchen“ sprachen. Für viele war dieser Wuchs so ungewöhnlich, dass man sich ihn nur mit übernatürlichen Kräften erklären konnte.

Früher gab es deutlich mehr Süntelbuchen als heute. Ihr Name stammt vom Süntel, einem Höhenzug in Niedersachsen. Dort stand bis ins 19. Jahrhundert der größte Bestand Europas. Doch weil die Bäume für die Forstwirtschaft praktisch wertlos waren, wurden die Wälder großflächig gerodet. Das Holz ist so verdreht, dass es sich kaum verarbeiten lässt. Aus Sicht der damaligen Förster waren die Bäume nutzlos. Mit der Rodung verschwanden innerhalb weniger Jahre Tausende Exemplare.

Heute gehören Süntelbuchen zu den großen botanischen Seltenheiten Europas. In Deutschland existieren nur noch wenige alte Einzelbäume und kleine Baumgruppen. Viele stehen in Parks, Botanischen Gärten oder unter besonderem Schutz.

Die Süntelbuche hier im Volkspark Wilmersdorf wurde erst am 1. April 2026 gepflanzt. Sie stammt von einer berühmten Vorgängerin ab: der sogenannten Tilly-Buche in Niedersachsen. Diese legendäre Süntelbuche wurde über 250 Jahre alt und galt als eines der bekanntesten Naturdenkmale Deutschlands.
Die Pflanzung der Süntelbuche ist Teil eines Kunstprojekts ist. Die Künstlerin Wiebke Eizel gab ihrem Projekt den Titel „Von einem undisziplinierbaren Baum“. Denn die Süntelbuche widersetzt sich gewissermaßen unseren Vorstellungen von Ordnung und Effizienz. Sie wächst nicht gerade, liefert kein verwertbares Holz und folgt nicht den Regeln, die Menschen über Jahrhunderte für einen „guten“ Baum aufgestellt haben.

Gerade deshalb ist sie heute so faszinierend. Sie erinnert uns daran, dass Natur nicht immer geradlinig ist. Vielfalt bedeutet auch, dass es ungewöhnliche Formen und scheinbare Ausnahmen gibt. Was früher als wertlos galt, wird heute als seltenes Naturerbe geschätzt.

Wir biegen an der nächsten Ecke rechts ab und treffen zwischen den beiden Sportplätzen auf Bewegungscoach Noah Diesing.

8. Station: Bewegungslotse

Wenn wir über Stadtnatur sprechen, denken wir oft zuerst an Pflanzen, Tiere oder Artenschutz. Tatsächlich hat Stadtnatur aber noch eine weitere wichtige Funktion: Sie schützt unsere Gesundheit.

Viele Menschen spüren das ganz intuitiv. Nach einem Spaziergang im Park fühlen wir uns oft ruhiger, ausgeglichener und erholter. Die Wissenschaft kann inzwischen gut erklären, warum das so ist.

Doch Stadtnatur wirkt nicht nur auf unseren Körper, sondern auch auf unsere Psyche. Zahlreiche Studien zeigen, dass Menschen, die in einer grünen Umgebung leben oder regelmäßig Parks besuchen, seltener unter Stress leiden. Sie berichten häufiger von Wohlbefinden und innerer Ausgeglichenheit. Schon kurze Aufenthalte im Grünen können helfen, den Kopf freizubekommen und sich zu erholen.

Auch körperlich profitieren wir. Parks laden zum Spazierengehen, Joggen oder Radfahren ein. Wer Grünflächen in der Nähe hat, bewegt sich oft mehr. Gleichzeitig sinkt das Risiko für verschiedene Erkrankungen, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sogar die durchschnittliche Lebenserwartung steht in Zusammenhang mit dem Zugang zu Grünflächen.

Ein weiterer Aspekt wird häufig übersehen: Stadtnatur fördert soziale Gesundheit. Parks sind Begegnungsorte. Menschen treffen sich hier, kommen ins Gespräch oder verbringen gemeinsam Zeit. Gerade in einer Großstadt können solche Orte helfen, Einsamkeit zu verringern und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken.

Deshalb sprechen Fachleute heute oft von Stadtnatur als Gesundheitsressource. Während die Medizin meist dann eingreift, wenn Menschen bereits krank sind, kann eine grüne Umgebung dazu beitragen, dass wir gesund bleiben. Natur wirkt gewissermaßen vorbeugend.
In diesem Zusammenhang gewinnt auch der sogenannte One-Health-Ansatz an Bedeutung: „eine Gesundheit“. Dahinter steckt eine einfache Erkenntnis: Die Gesundheit von Menschen, Tieren, Pflanzen und Umwelt hängt eng zusammen. Wenn Ökosysteme intakt sind, profitieren alle davon. Biodiversität, Klimaschutz und Gesundheit sind keine getrennten Themen. Sie gehören zusammen.

Der Volkspark Wilmersdorf ist dafür ein gutes Beispiel. Er bietet Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Gleichzeitig ist er ein Ort für Bewegung, Erholung und Begegnung.

Wir gehen jetzt zur letzten Station unseres Spaziergangs: Der Sonnenuhr.

9. Station: Sonnenuhr (Ecke Blissestraße)

Die Sonnenuhr ist ein passender Ort, um über die Sonne zu sprechen – und darüber, welche Bedeutung sie heute für das Leben in unseren Städten hat.

Die Sonnenuhr selbst wurde 1970 vom Berliner Bildhauer Alfred Trenkel geschaffen. Auf der Tafel am Sockel steht ein humorvoller Berliner Spruch:

280. Kiezspaziergang im Volkspark Wilmersdorf: Sonnenuhr
„Wenn die Sonne scheint, denn jeht se, und wenn’s rejnet, denn steht se.“
Alfred Trenkel, Berliner Bildhauer

Genau darum soll es hier gehen: um die Sonne. Denn sie spendet Licht und Energie, kann aber in Zeiten des Klimawandels auch zur Belastung werden.

Gerade Städte heizen sich im Sommer besonders stark auf. Asphalt, Beton und Hausfassaden speichern die Sonnenwärme den ganzen Tag über. Nachts geben sie diese Wärme nur langsam wieder ab. Deshalb bleibt es in vielen Innenstädten auch nachts unangenehm warm. Fachleute sprechen von sogenannten städtischen Wärmeinseln.

Berlin spürt diese Entwicklung bereits deutlich. Die Zahl heißer Tage nimmt zu. Gleichzeitig erleben wir immer häufiger längere Trockenperioden. Für ältere Menschen, Kinder und Menschen mit Vorerkrankungen kann das zu einer ernsthaften gesundheitlichen Belastung werden.

Umso wichtiger werden Grünanlagen wie der Volkspark Wilmersdorf. Sie sind weit mehr als schöne Erholungsorte. Sie sind natürliche Klimaanlagen der Stadt.

Bäume spenden Schatten und verhindern, dass sich Wege, Wiesen und Gebäude so stark aufheizen. Wer im Hochsommer einmal vom sonnigen Gehweg unter ein dichtes Blätterdach tritt, spürt den Unterschied sofort. Die gefühlte Temperatur kann dort deutlich niedriger sein.

Hinzu kommt ein zweiter Effekt: Pflanzen verdunsten Wasser über ihre Blätter. Diese Verdunstung verbraucht Energie und kühlt die Umgebung ähnlich wie Schweiß auf unserer Haut. Auch der Boden unter Bäumen und Wiesen speichert Feuchtigkeit und trägt zur Kühlung bei.

Besonders interessant ist, dass diese Wirkung nicht an der Parkgrenze endet. Die kühlere Luft strömt auch in die umliegenden Straßen und Wohngebiete. Parks verbessern also nicht nur das Klima innerhalb ihrer eigenen Grenzen, sondern auch in ihrer Nachbarschaft.

Grünflächen helfen außerdem bei Starkregen. Wo Wiesen, Beete und lockere Böden vorhanden sind, kann Wasser versickern. Auf versiegelten Flächen fließt es dagegen sofort in die Kanalisation. Parks schützen deshalb sowohl vor Hitze als auch vor Überschwemmungen.

Damit sind wir am Ende unseres heutigen Kiezspaziergangs. Vielen Dank, dass Sie dabei waren!

Zum Abschluss noch ein Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang: Der findet am Samstag, 11. Juli statt. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Olympischen Platz.

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