279. Kiezspaziergang: Kunst und Kultur in Charlottenburg

279. Kiezspaziergang: Bezirksbürgermeisterin Kirstin Bauch im The Space am Kudamm

Herzlich willkommen zum 279. Kiezspaziergang. Ich bin Kirstin Bauch, Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, und freue mich, Sie heute zu begrüßen.

Bevor wir in das heutige Thema eintauchen, ein kurzer Ausblick: Der nächste Spaziergang findet am Samstag, 13. Juni statt. Der Juni-Spaziergang steht traditionell unter dem Motto „Langer Tag der Stadtnatur“. Sie erkunden mit Bezirksstadträtin Heike Schmitt-Schmelz den Volkspark Wilmersdorf. Treffpunkt ist um 14 Uhr am „Hippie-Hügel“ (zwischen Kufsteiner und Babelsberger Straße).

Der 279. Kiezspaziergang kann auf Komoot nachgelaufen werden.

Heute aber dreht sich alles um Kunst und Kultur in der City West. Unsere Route führt uns heute zum Renaissance-Theater, zur Gedenktafel von Lotte Reiniger, zur Galerie Camera Work, zum Theater des Westens, zum Kranzler Eck und zum Abschluss besuchen wir „The Space“ am Kurfürstendamm.

Die City West gehört bis heute zu den wichtigsten Hotspots für Kunst und Unterhaltung Berlins. Das Überraschende dabei ist: Dieser Stadtteil ist vergleichsweise jung. Bis in die 1880er Jahre lagen westlich des Tiergartens vor allem Felder, Gärten und Ausflugslokale. Erst mit dem Bahnhof Zoologischer Garten und dem Ausbau des Kurfürstendamms begann hier die rasante Entwicklung eines neuen Stadtzentrums.

Innerhalb weniger Jahrzehnte entstand rund um den Ku’damm ein modernes Großstadtviertel mit Theatern, Cafés, Kinos, Hotels und Geschäften. Man sprach bald vom „Neuen Westen“.

Besonders in den Goldenen Zwanzigern wurde die City West zum Symbol des modernen Berlins: international, urban und voller Unterhaltung.

Auch nach Krieg, Teilung und Wiedervereinigung blieb die Gegend ein wichtiger Ort für Kunst, Kultur und Öffentlichkeit.

279. Kiezspaziergang: C/O-Berlin im Amerikahaus

1. Station: C/O-Berlin im Amerikahaus

Wir starten unseren Kiezspaziergang heute an einem wichtigen Ort der Berliner Kunstszene. Das C/O Berlin ist ein renommiertes Ausstellungshaus für Fotografie und visuelle Medien. Zu Gast ist heute Guide Uli Schuster. Er wird uns etwas über das C/O erzählen.

Seinen Sitz hat es im ehemaligen Amerika-Haus. Dieses Gebäude hat eine eigene, spannende Geschichte. In den 1950er Jahren nutzten es die USA als Kultur- und Informationszentrum. Hier lief nach dem Zweiten Weltkrieg auch ein sogenanntes „Umerziehungsprogramm“. Die Idee war: Demokratie vermitteln, Kultur zeigen, Austausch fördern. Es gab Ausstellungen, Vorträge, Filme und Sprachkurse. Viele West-Berlinerinnen und West-Berliner kamen hier zum ersten Mal mit amerikanischer Kultur in Kontakt. Heute knüpft das C/O Berlin an diese Tradition an – nur mit anderen Mitteln.

Seit 2014 befindet sich das C/O Berlin in diesem Haus. Doch die Geschichte beginnt schon im Jahr 2000. Damals gründeten drei Berliner – ein Fotograf, ein Designer und ein Architekt – diese Institution. Ihr Ziel war es, Fotografie einen festen Ort in Berlin zu geben, unabhängig von kommerziellen Interessen.

Das Konzept ging auf. Inzwischen hat das C/O Berlin mehr als 180 Ausstellungen gezeigt und sich international einen Namen gemacht. Hier waren schon Arbeiten bekannte Fotografinnen und Fotografen zu sehen, etwa von Annie Leibovitz, Anton Corbijn oder Sebastião Salgado.

Gleichzeitig fördert das Haus gezielt Nachwuchskünstlerinnen und -künstler. Besonders wichtig ist dabei der „C/O Berlin Talent Award“. Ausgezeichnet werden dabei immer zwei Personen: eine künstlerische Position und eine theoretische Position. Bild und Text sollen miteinander ins Gespräch kommen.

Auch gesellschaftliche Themen spielen eine große Rolle. Fotografie wird im C/O nicht nur als Kunst verstanden, sondern auch als Mittel, um politische und soziale Entwicklungen sichtbar zu machen. Ein neuer Preis beschäftigt sich zum Beispiel mit dem Thema Klimawandel.

Das C/O Berlin versteht sich nicht nur als Ausstellungshaus. Es ist auch ein Ort zum Lernen und Ausprobieren. Es gibt Workshops, Vorträge, Filmabende und Gespräche. Kinder, Jugendliche und Erwachsene können hier selbst fotografisch arbeiten und eigene Projekte entwickeln.

Gerade heute, in einer Welt voller Bilder, wird das immer wichtiger. Wir sehen jeden Tag unzählige Fotos und Videos. Das C/O Berlin beschäftigt sich deshalb auch mit der Frage, wie Bilder entstehen und wie sie unsere Sicht auf die Welt beeinflussen.

Wir gehen jetzt die Hardenbergstraße entlang. Am Steinplatz treffen wir uns vor dem „Palastkiosk“ wieder.

279. Kiezspaziergang: Palastkiosk

2. Station: Palastkiosk, Hardenbergstraße 12

Auf den ersten Blick wirkt dieser Ort fast unscheinbar. Ein kleiner, grüner Pavillon am Rand des Steinplatzes. Doch der Palastkiosk ist kein gewöhnlicher Kiosk. Er ist Denkmal, Treffpunkt und Experimentierfeld zugleich. Wir begrüßen heute Nicola Schüschke und Elena Höller. Beide sind Kunststudentinnen in Berlin. Sie haben den Kiosk entdeckt, sich dafür begeistert und schließlich beschlossen, ihn wiederzubeleben.

Entworfen wurde er vor rund 120 Jahren vom Architekten Alfred Grenander. Grenander prägte mit seinen Bauten das Berliner Stadtbild – vor allem im Umfeld der U-Bahn. Auch dieser Kiosk gehört zu einer ganzen Reihe kleiner Pavillons, die damals als Teil der modernen Großstadt entstanden. Mit seinem auffälligen Dach, den geschwungenen Formen und der grünen Farbe war er gut sichtbar und ein fester Bestandteil des Straßenlebens.

Doch lange Zeit stand der Kiosk leer. Das Häuschen verfiel langsam, die Fenster waren verriegelt. Erst vor Kurzem kam neues Leben zurück – und zwar durch diese beiden jungen Frauen.

Sie haben fast alles selbst gemacht. Gemeinsam mit Freundinnen und Freunden haben sie den Kiosk renoviert. Viel Eigenarbeit, viel Engagement – und auch ein gewisses Risiko. Der Bezirk unterstützte die Initiative und stellte den Kiosk zu einer symbolischen Miete zur Verfügung.

Heute funktioniert der Palastkiosk wieder – aber anders als früher. Natürlich gibt es hier weiterhin klassische Kioskprodukte: Getränke, Snacks, Zeitungen. Doch das ist nur die eine Seite. Die andere ist Kunst.

Im Inneren werden kleine Kunstwerke verkauft. Postkarten, Drucke, und kleine, selbstgemachte Magazine – sogenannte Zines. Viele dieser Arbeiten stammen von jungen Künstlerinnen und Künstlern. Der Kiosk wird so zu einer Art Mini-Galerie. Man kann sie anschauen, anfassen und mitnehmen.

Noch spannender wird es draußen, auf dem Steinplatz. Hier entfaltet sich die eigentliche Idee des Projekts. Der Platz wird zur Bühne. Oder besser gesagt: zu einem offenen Raum für Begegnung und Kreativität.

Im vergangenen Sommer fanden hier Workshops statt. Menschen zeichneten gemeinsam, banden Bücher oder arbeiteten mit Ton. Auch Lesungen und kleine Ausstellungen gehören dazu.

Wir gehen weiter bis zur Ecke Knesebeckstraße. Da treffen wir uns bei unserer nächsten Station: Dem Renaissance-Theater.

279. Kiezspaziergang: Das Renaissance Theater Berlin

3. Station: Renaissance-Theater Berlin, Knesebeckstraße 100

In den 1920er Jahren entwickelte sich die City West zu einem der wichtigsten Kulturviertel Berlins. Rund um den Kurfürstendamm entstanden Theater, Kabaretts und Premierenkinos. Die Gegend stand für modernes Großstadtleben, Unterhaltung und kulturelle Experimente. Viele Künstlerinnen und Künstler, Schauspieler, Autoren und Journalistinnen trafen sich hier. Auch jüdische Theatermacher und Intellektuelle prägten das kulturelle Leben entscheidend mit. Das Renaissance-Theater erinnert bis heute an diese große Zeit der Berliner Theaterkultur.

Wir begrüßen Joachim Flicker, Chefdramaturg und Stellvertreter des Intendanten. Er wird uns heute etwas über die Geschichte das Hauses und das heutige Renaissance-Theater erzählen.

Dieses Haus ist ein echtes Unikat. Es ist das einzige vollständig erhaltene Art-déco-Theater Europas. Und es steht seit fast hundert Jahren genau hier, an der Ecke Hardenbergstraße und Knesebeckstraße. Schon das macht es besonders. Doch seine wahre Qualität zeigt sich erst im Inneren.

Betritt man das Foyer, taucht man in eine andere Welt ein. Farben, Formen und Materialien wirken wie aus einem Traum. Goldgelb, Weinrot, Blaugrün – alles scheint in Bewegung zu sein. Wände schwingen, Decken wölben sich, Treppen führen in weichen Kurven nach oben. Der Architekt Oskar Kaufmann wollte genau das erreichen: Er wollte die Besucher aus dem Alltag herauslösen und in eine eigene Theaterwelt führen, noch bevor das Theaterstück überhaupt beginnt. Wir sind heute leider eine zu große Gruppe, um hineinzugehen. Aber viele von Ihnen waren sicherlich schon hier und haben sich eine Aufführung hier angesehen und wissen, wovon ich spreche.

Kaufmann war einer der bedeutendsten Theaterarchitekten seiner Zeit. In den 1920er Jahren baute er mehrere Bühnen in Berlin. Doch das Renaissance-Theater gilt als eines seiner eindrucksvollsten Werke. Hier verwandelte er einen ehemaligen Kinosaal in nur wenigen Monaten in ein kunstvolles Theater. Und das unter schwierigen Bedingungen, denn das Gebäude war ursprünglich gar nicht für diesen Zweck gedacht.

Unterstützt wurde er vom Maler und Bühnenbildner César Klein. Gemeinsam schufen sie ein Gesamtkunstwerk. Besonders beeindruckend ist das große Intarsien-Wandbild im Zuschauerraum. Es zeigt Szenen aus der Commedia dell’arte mit den typischen Figuren wie Harlekin oder Pierrot. Diese Darstellungen erzählen von Liebe, Intrigen und Verwechslungen. Themen, die bis heute auf jeder Theaterbühne zu finden sind.

Wenn man im Saal sitzt, fühlt man sich fast wie in einer kostbaren Schatulle. Holz, Perlmutt und feine Einlegearbeiten reflektieren das Licht. Alles wirkt warm, nah und sehr intim. Das Theater fasst nur etwa 500 Zuschauer. Das macht seinen besonderen Reiz aus. Man ist dicht dran am Geschehen.

Eröffnet wurde das Theater im Jahr 1922. Die erste Aufführung war Lessings „Miss Sara Sampson“. Schon damals setzte das Haus auf eine Mischung aus anspruchsvoller Literatur und unterhaltsamen Stücken. Dieses Konzept hat sich bis heute gehalten. Aktuell läuft „Na also. Geht doch. Eine Komödie“ mit Nicole Heesters.

Die Geschichte des Hauses spiegelt dabei auch die Geschichte Deutschlands. In der NS-Zeit veränderte sich das Theater stark. Viele Künstler mussten gehen, und Teile des Hauses wurden für andere Zwecke genutzt. Während des Krieges wurde der Spielbetrieb schließlich ganz eingestellt. Nach dem Krieg ging es erstaunlich schnell weiter. Bereits 1945 wurde hier wieder gespielt – trotz der Schäden.

In den folgenden Jahrzehnten standen viele bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler auf dieser Bühne. Bis heute ist es ein sogenanntes Schauspieler-Theater. Das heißt: Die Kunst der Darsteller steht im Mittelpunkt. Das Renaissance-Theater hat kein festes Ensemble, arbeitet aber regelmäßig mit bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern zusammen, etwa mit dem ehemaligen Tatort-Ermittler Boris Aljinović, Gesine Cukrowski, Dominique Horwitz oder Joachim Król.

Der Spielplan verbindet Gegenwart und Geschichte. Es gibt moderne Stücke, oft sogar Uraufführungen, aber auch Klassiker in neuer Form. Dabei greift das Theater immer wieder aktuelle Themen auf. Gesellschaftliche Fragen, politische Entwicklungen, das Leben in der Stadt – all das findet seinen Weg auf die Bühne. Gleichzeitig bleibt das Theater unterhaltsam und zugänglich.

Ein besonderer Ort im Haus ist das sogenannte Bruckner-Foyer. Ein kleiner, eleganter Raum im Art-déco-Stil. Hier finden Lesungen, Gespräche und kleinere Veranstaltungen statt. Oft entsteht dort eine sehr direkte Verbindung zwischen Künstlern und Publikum. Fast so, als würde man gemeinsam in einem Wohnzimmer sitzen.

Und noch etwas gehört zu diesem Ort: direkt vor dem Theater steht der Entenbrunnen von August Gaul. Er wurde schon 1911 aufgestellt und erinnert an das bürgerliche Engagement in der Stadt.

Wir wechseln einmal die Straßenseite und gehen bis zur Knesebeckstraße 11. Dort ist die Gedenktafel für Lotte Reiniger.

279. Kiezspaziergang: Gedenktafel Lotte Reiniger

4. Station: Gedenktafel Lotte Reiniger, Knesebeckstraße 11

Charlottenburg war in den 1920er Jahren nicht nur ein Vergnügungsviertel, sondern auch ein wichtiger Ort für Künstlerinnen, Filmschaffende und kreative Experimente. Lotte Reiniger gehört genau in dieses Umfeld. Ihre frühen Trickfilme entstanden mitten in einer lebendigen Berliner Avantgarde, die Theater, Film, Kunst und neue technische Möglichkeiten miteinander verband.

Lotte Reiniger hat Filmgeschichte geschrieben – auch wenn ihr Name vielen lange unbekannt geblieben ist. Sie wurde 1899 hier in diesem Haus geboren und gilt heute als eine der wichtigsten Pionierinnen des Animationsfilms.

Viele Menschen denken bei Trickfilm automatisch an Walt Disney. Doch Lotte Reiniger fing viel früher an: Ihr Film „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ entstand bereits zwischen 1923 und 1926 – also mehr als zehn Jahre vor Disneys „Schneewittchen“. Bis heute ist er der älteste erhaltene abendfüllende Animationsfilm der Welt.

Dieser Film entstand nicht mit Zeichnungen oder Computern, sondern mit Scherenschnitt.

Schon als Kind liebte Lotte Reiniger das Ausschneiden von Figuren aus Papier. Besonders fasziniert war sie vom Schattentheater und von Märchen. Später sagte sie einmal: „Ich glaube mehr an Märchen als an Zeitungen.“ Dieser Satz steht heute auch auf ihrer Gedenktafel.

Als Jugendliche begeisterte sie sich für das neue Medium Film. Ein Schlüsselmoment war ein Vortrag des Schauspielers und Regisseurs Paul Wegener, der damals durch Filme wie „Der Golem“ berühmt war. Er sprach über die Möglichkeiten des Trickfilms – und Lotte Reiniger war sofort fasziniert.

Sie ging an die Schauspielschule von Max Reinhardt, wollte eigentlich Schauspielerin werden, entdeckte dann aber ihren eigenen Weg. Während andere auf der Bühne standen, schnitt sie Silhouetten ihrer Kollegen aus schwarzem Papier. Paul Wegener bemerkte ihr Talent und gab ihr erste Aufträge für seine Filme. So begann ihre Karriere.

1919 entstand ihr erster eigener Film. Kurz darauf lernte sie ihren späteren Mann Carl Koch kennen, der ihr wichtigster technischer Partner wurde. Gemeinsam entwickelten sie eine völlig neue Form des Films.

Die Technik war aufwendig und zugleich erstaunlich einfach. Reiniger schnitt bewegliche Figuren aus Papier aus. Arme, Beine und Köpfe waren mit kleinen Gelenken verbunden. Die Figuren wurden auf einer beleuchteten Glasplatte bewegt und Bild für Bild fotografiert. Für nur eine Sekunde Film brauchte man damals sechzehn Einzelaufnahmen.

Der Film „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ entstand in etwa 300.000 Einzelbilder. Drei Jahre lang arbeitete das Team daran. Unterstützt wurden sie dabei vom jüdischen Bankier Louis Hagen, der ihnen ein kleines Studio finanzierte. Ohne dieses private Mäzenatentum wäre der Film wahrscheinlich nie entstanden.

Inhaltlich liebte Lotte Reiniger Märchen, Mythen und Opern. Ihre Filme erzählen von Zauberern, Prinzessinnen, fliegenden Pferden und fantastischen Welten. Gleichzeitig wirken sie erstaunlich modern. Die Bewegungen sind elegant, fast tänzerisch. Viele Szenen erinnern an Ballett oder Theater.

In den 1920er Jahren bewegte sie sich mitten in der Berliner Avantgarde. Sie kannte Künstler wie Bertolt Brecht oder Fritz Lang. Trotzdem blieb sie immer eigenständig. Während viele Künstler damals auf Technik, Geschwindigkeit und Moderne setzten, hielt sie an Märchen und Fantasie fest.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verließen sie und ihr Mann Deutschland. Viele ihrer Freunde waren jüdisch, die politische Situation wurde immer gefährlicher. Über London, Paris und Rom führte ihr Weg schließlich zurück nach Berlin, wo sie ihre kranke Mutter pflegte. Nach dem Krieg zog das Ehepaar endgültig nach England.

Dort arbeitete Lotte Reiniger weiter für die BBC und drehte neue Märchenfilme. Besonders die Geschichten der Brüder Grimm begleiteten sie ihr ganzes Leben. Noch im hohen Alter reiste sie durch Europa und Nordamerika, hielt Vorträge und begeisterte junge Filmschaffende.

Unsere nächste Station ist die Camera Work Gallery an der Kantstraße 149. Dazu gehen wir die Knesebeckstraße bis zum Ende, biegen links auf den Savignyplatz, überqueren die Kantstraße und gehen dann links in Richtung Schwarzes Café. Direkt daneben liegt die Galerie.

279. Kiezspaziergang: Camera Work Gallery

Während sich nach der Wiedervereinigung viele neue Galerien zunächst in Mitte ansiedelten, blieb Charlottenburg ein wichtiger Ort für den internationalen Kunstmarkt. Besonders Fotografie spielt hier eine große Rolle.

Wir dürfen heute die Camera Work Gallery gemeinsam besichtigen.

Die Camera Work Gallery wurde 1997 gegründet, also in einer Zeit, in der sich Berlin gerade neu erfand. Seitdem hat sich die Galerie einen internationalen Ruf aufgebaut. Und das liegt nicht nur an den großen Namen, die hier gezeigt werden, sondern vor allem an einer klaren Idee.

Diese Idee ist einfach und zugleich anspruchsvoll: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Fotografie zusammenzubringen. Hier hängen Werke von echten Ikonen – Künstler, die die Fotografie geprägt haben. Dazu gehören Namen wie Man Ray, Richard Avedon, Diane Arbus oder Helmut Newton. Ihre Bilder kennt man oft, auch wenn man die Namen vielleicht nicht sofort zuordnen kann. Sie haben unsere Sehgewohnheiten verändert – in Mode, Werbung und Kunst.

Gleichzeitig zeigt die Galerie aber auch zeitgenössische Fotografien von Künstlerinnen und Künstler, die heute arbeiten und neue Bildsprachen entwickeln. Das ist kein Nebeneinander, sondern ein bewusstes Konzept. Die Besucher können hier sehen, wie sich Fotografie verändert hat – und wie sie sich weiterentwickelt.

Ein gutes Beispiel sind Fotografen wie Martin Schoeller oder David Drebin. Sie gehören heute selbst zu bekannten Namen, haben aber ihre Karriere auch durch solche Plattformen aufgebaut. CAMERA WORK begleitet Künstler oft über viele Jahre hinweg. Die Galerie versteht sich also nicht nur als Ausstellungsort, sondern auch als Förderer.

Ein wichtiger Teil dieser Arbeit ist das sogenannte „CAMERA WORK Lab“. Das ist eine eigene Ausstellungsfläche innerhalb der Galerie. Hier bekommen junge Künstlerinnen und Künstler die Chance, ihre Arbeiten einem internationalen Publikum zu zeigen.

Neben den Ausstellungen besitzt die Galerie auch eine umfangreiche eigene Sammlung. Sie reicht vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das zeigt, wie breit das Verständnis von Fotografie hier ist. Es geht um die Geschichte eines Mediums.

Thematisch bewegt sich die Galerie oft in Bereichen wie Mode-, Porträt- oder Aktfotografie. Aber auch Architektur und Stillleben spielen eine Rolle. Entscheidend ist weniger das Motiv als die künstlerische Qualität. Ein gutes Foto erzählt immer mehr als das, was man auf den ersten Blick sieht.

Interessant ist auch der Name der Galerie: „Camera Work“. Er ist eine Anspielung auf eine berühmte Zeitschrift aus dem frühen 20. Jahrhundert, die Fotografie als Kunstform etablieren wollte. Genau diese Haltung setzt die Galerie bis heute fort.

CAMERA WORK ist außerdem international vernetzt. Die Galerie ist regelmäßig auf großen Kunstmessen vertreten – in Paris, London oder Hongkong. Dadurch entsteht ein Austausch, der weit über Berlin hinausgeht. Gleichzeitig bleibt die Galerie ganz bewusst hier in Charlottenburg verortet.

Unser nächster Stopp ist das Theater des Westens, also erstmal gerade aus weitergehen und dann an der nächsten Ampel die Straßenseite wechseln.

279. Kiezspaziergang: Stage - Theater des Westens

6. Station: Stage - Theater des Westens

Das Theater des Westens erzählt viel über die Entstehung der City West selbst. Als das Haus 1896 eröffnet wurde, war die Gegend rund um den Kurfürstendamm noch vergleichsweise neu. Wie anfangs erwähnt, entwickelte sich erst mit dem Bahnhof Zoologischer Garten und dem Ausbau des Ku’damms hier ein modernes Stadtzentrum als Gegenpol zur historischen Mitte Berlins. Neue Theater, Cafés und Vergnügungsorte zogen ein wohlhabendes und kulturinteressiertes Publikum an. Das Theater des Westens wurde zu einem Symbol dieses neuen großstädtischen Lebensgefühls.

Und das sieht man: Es ist eines der prächtigsten Theatergebäude Berlins. Die Fassade wirkt fast wie ein Schloss. Säulen, Rundbogenfenster, Figuren und Verzierungen – alles ist darauf angelegt, Eindruck zu machen.

Der Architekt Bernhard Sehring hatte einen klaren Plan. Er wollte ein großes, repräsentatives Theater in einer Gegend bauen, die damals noch kaum kulturelle Angebote hatte. Charlottenburg war im Wachstum, viele wohlhabende Menschen lebten hier – aber ein Theater fehlte. Sehring erkannte diese Lücke und nutzte sie.

Schon der Bau erregte Aufmerksamkeit. Außen zeigt sich eine Mischung aus verschiedenen Stilen: Renaissance, Barock, Jugendstil. Das wirkt heute fast verspielt, war damals aber ein Statement. Kunst sollte sichtbar sein. Und sie sollte auch im Stadtraum präsent sein.

Besonders spannend ist der Kontrast zwischen Vorder- und Hinterbau. Während das Zuschauerhaus elegant und reich geschmückt ist, erinnert der Bühnenturm eher an eine mittelalterliche Burg mit Zinnen, Türme und Fachwerk. Dieses Nebeneinander wirkt ungewöhnlich, macht aber den Charakter des Gebäudes aus.

Im Inneren setzt sich dieser Eindruck fort. Große Foyers, viel Dekor, ein Hauch von Luxus. Das Theater bot ursprünglich Platz für rund 1.700 Zuschauer. Es war damit eines der größten Häuser der Stadt.

Doch der Start war nicht einfach. Wirtschaftlich hatte das Theater zunächst Schwierigkeiten. Erst als es sich stärker auf Oper und später auf Operette konzentrierte, wurde es erfolgreicher. In den 1920er Jahren war es ein wichtiger Ort für Musiktheater. Große Namen und aufwendige Produktionen prägten das Programm.

Auch hier spiegelt sich die deutsche Geschichte deutlich wider. In der NS-Zeit wurde das Theater umbenannt und politisch vereinnahmt. Es hieß nun „Volksoper“ und stand unter staatlicher Kontrolle. Während des Krieges wurde das Gebäude beschädigt, konnte aber später wieder instandgesetzt werden.

Nach 1945 begann eine neue Phase. Das Haus wurde zur Spielstätte der Städtischen Oper Berlin. Denn deren eigenes Gebäude war zerstört. So wurde hier 1945 eine der ersten Opernaufführungen im Nachkriegs-Berlin gezeigt. Erst 1961 zog die Oper wieder in ihr eigenes Haus zurück.

Und genau dieses Jahr markiert einen Wendepunkt. 1961 feierte das Theater seinen 65. Geburtstag – und brachte ein Stück auf die Bühne, das alles veränderte: „My Fair Lady“. Es war die erste große Musicalproduktion auf Deutsch. Der Erfolg war enorm. Zwei Jahre lief das Stück ohne Unterbrechung. Und damit war klar: Die Kunstform Musical hatte in Deutschland seinen Platz gefunden.

Seitdem ist das Theater des Westens eng mit diesem Genre verbunden. In den folgenden Jahrzehnten wurden hier viele erfolgreiche Produktionen gezeigt. Stücke wie „La Cage aux Folles“ (Ein Käfig voller Narren) oder „Guys and Dolls“ prägten den Ruf des Hauses. In den 1980er Jahren wurde das Theater umfassend renoviert und technisch modernisiert.

Heute wird das Haus von einem internationalen Musicalkonzern betrieben. Seit 2003 ist es eine große Musicalbühne mit rund 1.500 Plätzen. Produktionen wie „Tanz der Vampire“, „We Will Rock You“ oder „Mamma Mia!“ haben hier ein großes Publikum erreicht.

Wir verlassen jetzt die Theaterbühne und gehen zum Kranzler Eck, unserer nächsten Station.

279. Kiezspaziergang: Kranzler Eck

7. Station: Kranzler Eck Berlin

Kaum ein Ort steht so sehr für die Geschichte der City West wie das Kranzler Eck. Hier treffen Berliner Kaffeehauskultur, Nachkriegsgeschichte, Architektur, Konsum und Großstadtleben unmittelbar aufeinander. Wer über den Kurfürstendamm spricht, denkt oft auch an das Café Kranzler – an die rot-weiß gestreifte Markise, die berühmte Rotunde und den Blick auf die Kreuzung am Ku’damm.

Die Geschichte beginnt allerdings nicht hier in Charlottenburg, sondern in Berlin-Mitte. Bereits 1825 eröffnete der Wiener Zuckerbäcker Johann Georg Kranzler an der Ecke Friedrichstraße und Unter den Linden eine kleine Konditorei. Das Café wurde schnell beliebt. Besonders ungewöhnlich war damals die Straßenterrasse. Tische im öffentlichen Raum waren im Berlin des 19. Jahrhunderts fast revolutionär. Das Kranzler wurde früh zu einem Treffpunkt der besseren Gesellschaft.

1932 eröffnete dann am Kurfürstendamm eine Filiale – ausgerechnet in den Räumen des berühmten „Café des Westens“, das zuvor als Treffpunkt von Künstlern, Schriftstellern und Bohémiens bekannt war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag vieles in Trümmern. Doch das Kranzler kehrte zurück. 1958 entstand hier der markante Neubau des Architekten Hanns Dustmann: ein modernes Cafégebäude mit geschwungener Rotunde und rot-weiß gestreifter Markise. Genau dieses Bild wurde zu einer Ikone West-Berlins.

Das Café Kranzler war mehr als nur ein Café. Es war Bühne, Treffpunkt und Aussichtspunkt zugleich. Touristen, Künstler, Politiker und Berliner saßen hier über Kaffee und Sahnetorte und beobachteten das Leben auf dem Ku’damm. Die Kreuzung vor dem Kranzler wurde zu einem der bekanntesten Orte der Stadt.

Hier zeigte sich die ganze Geschichte West-Berlins. 1968 liefen hier Demonstrationen der Studentenbewegung vorbei. Wasserwerfer und Proteste trafen direkt auf die Welt der Kaffeehausgäste hinter den Fenstern. Nach dem Mauerfall strömten Tausende DDR-Bürger über den Kurfürstendamm und standen plötzlich vor dem Kranzler. Später feierten Fußballfans hier Weltmeisterschaften, und bis heute bleibt die Kreuzung ein Ort öffentlicher Bilder und Ereignisse.

Das Kranzler steht deshalb auch für etwas Größeres: für die City West als Bühne der Großstadt. Werbung, Leuchtreklamen, Schaufenster und Straßencafés gehörten hier immer dazu. Der Kurfürstendamm lebte von Sichtbarkeit und Inszenierung. Schon früh war die Gegend ein Ort des Konsums, aber eben auch des Sehens und Gesehenwerdens.

Nach der Wiedervereinigung veränderte sich die Gegend erneut stark. Ende der 1990er Jahre entstand das „Neue Kranzler Eck“ nach Plänen des deutsch-amerikanischen Stararchitekten Helmut Jahn. Der gläserne Hochhauskomplex mit seiner scharfen Spitze sollte den Aufbruch der City West ins neue Jahrtausend symbolisieren. Viele Berliner diskutierten damals heftig über den Neubau. Manche sahen darin ein modernes Zeichen für das neue Berlin, andere fürchteten den Verlust der alten Kaffeehauskultur.

Immerhin blieb die historische Rotunde erhalten. Sie wurde in den Neubau integriert und erinnert bis heute an das alte Café Kranzler. Im Innenhof entstanden große Vogelvolieren mit Sittichen, die über viele Jahre zu einer kleinen Attraktion mitten in der Großstadt wurden.

Auch heute bleibt das Kranzler Eck im Wandel. Seit 2024 steht das Café erneut leer. Für 2026 ist eine umfassende Neugestaltung geplant. Die Gebäude sollen stärker zum Ku’damm geöffnet werden. Balkone und Dachflächen sollen öffentlich nutzbar werden. Der Innenhof wird umgebaut und künftig als Veranstaltungsort dienen. Die Vogelvolieren sind verschwunden, stattdessen entstehen Grünflächen und neue Aufenthaltsbereiche.

Bis dahin wird das Areal unter dem Namen „KranzlerX“ zwischengenutzt. Open-Air-Kino, Basketball-Events und Kulturveranstaltungen sollen den Ort lebendig halten. Gleichzeitig ziehen neue Firmen und digitale Unternehmen ein. Selbst der Weltkonzern PayPal hat hier inzwischen seine Deutschlandzentrale eröffnet.

Wir gehen weiter zur letzten Station unseres heutigen Spaziergangs: „The Space“ am Kurfürstendamm 229, direkt neben Galeria Berlin.

279. Kiezspaziergang: The Space Kudamm

8. Station: The Space

Nach der Wiedervereinigung wirkte die City West zunächst weniger modern als die neue Berliner Mitte. Viele Kinos schlossen, und manche hielten den Ku’damm für überholt. Seit den 2010er Jahren erlebt die Gegend jedoch wieder einen Wandel. Neue Kulturorte, Zwischennutzungen und kreative Projekte prägen heute das Bild. „The Space“ steht genau für diese Entwicklung. In einer temporären Architektur aus Containern entstehen hier Ausstellungen, Workshops, Veranstaltungen und Experimentierräume für Kunst, Technologie und Stadtkultur. Die City West zeigt sich damit erneut als Ort, an dem Neues ausprobiert wird.

Eva Stripp ist Projektmanagerin und erzählt uns, was alles im „The Space“ möglich ist.

„The Space“ – früher bekannt als „Masumi Space“ – ist ein experimenteller Ort am Kurfürstendamm. Die Architektur ist bewusst einfach und flexibel. Rund vierzig Hochseecontainer bilden das Grundgerüst. Daraus entstehen Räume, die sich immer wieder neu kombinieren lassen. Mal sind es kleine Ausstellungen, mal große Events mit mehreren hundert Menschen. Alles ist beweglich, nichts ist endgültig.

Das macht diesen Ort so spannend. Es geht hier nicht um ein fertiges Konzept, sondern um ein offenes System. Ein Raum, der ausprobiert, was möglich ist.

In der Stadtplanung nennt man das eine „Zwischennutzung“. Eine Fläche, die eigentlich leer steht, wird temporär aktiviert. Doch hier passiert mehr als nur eine Übergangslösung. The Space versteht sich als Labor. Ein Ort, an dem neue Ideen entstehen und getestet werden.

An diesem Ort treffen ganz unterschiedliche Bereiche aufeinander. Kunst, Technologie, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur werden bewusst miteinander verbunden. Es gibt Ausstellungen, Talks, Workshops, Installationen. Manchmal entstehen auch ganz unerwartete Formate.

Ein Schwerpunkt liegt auf dem Thema Zukunft. Aber nicht im Sinne von Science-Fiction, sondern um drängende Fragen zu beantworten: Welche Technologien gibt es schon heute? Wie verändern sie unseren Alltag? Und wie können wir damit umgehen?

Dafür bringt „The Space“ Menschen aus verschiedenen Feldern zusammen. Designer, Künstler, Entwickler, Wissenschaftler. Sie tauschen sich aus, arbeiten gemeinsam und zeigen ihre Projekte. Besucher können diese Prozesse oft direkt miterleben.

Ein weiteres wichtiges Thema ist Gemeinschaft. Der Ort versteht sich als Plattform für verschiedene Communities. Menschen sollen sich hier begegnen, Ideen teilen und gemeinsam etwas entwickeln. Kultur ist dabei kein Zusatz, sondern der Kern des Ganzen.

Auch Bildung spielt eine große Rolle. Es gibt Workshops, Diskussionsrunden und Formate zum gemeinsamen Lernen. Dabei geht es nicht nur um Wissen, sondern auch um Perspektiven. Wie schauen wir auf die Welt? Und wie können wir sie mitgestalten?

Gleichzeitig schafft der Ort auch bewusste Gegenräume. In einer Stadt, die oft schnell und laut ist, gibt es hier Angebote für Ruhe und Reflexion. Formate rund um Achtsamkeit und Wellbeing gehören ebenso dazu. Körper und Geist werden mitgedacht.

Spannend ist auch die Verbindung von Kultur und Wirtschaft. Marken nutzen den Ort für Präsentationen oder Events. Doch ein Teil der Einnahmen fließt direkt zurück in kulturelle Projekte. So entsteht ein Kreislauf, der kreative Arbeit unterstützt.

Ein sichtbares Zeichen dieses Ansatzes ist das große Wandbild hier vor Ort. Eine riesige Fläche, die immer wieder neu gestaltet wird. Kunst wird bewusst in den öffentlichen Raum geholt.

The Space steht damit für eine neue Art von Kulturort. Kein festes Haus mit klarer Funktion, sondern ein offener Prozess. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieser letzten Station: Stadt ist nie fertig. Sie lebt davon, dass Menschen sie nutzen, verändern und neu denken.

Damit sind wir am Ende des heutigen Kiezspaziergangs. Vielen Dank, dass Sie mich begleitet haben. Der nächste Spaziergang findet am Samstag, 13. Juni statt. Um 14 Uhr geht es mit Bezirksstadträtin Heike Schmitt-Schmelz durch den Volkspark Wilmersdorf. Treffpunkt ist um 14 Uhr am „ Hippie-Hügel“ (zwischen Kufsteiner und Babelsberger Straße).

Kontakt

Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Verkehrsanbindungen