278. Kiezspaziergang: Denkmalschutz in Charlottenburg

278. Kiezspaziergang: Bezirksstadtrat Christoph Brzezinski

Herzlich willkommen! Mein Name ist Christoph Brzezinski und ich leite die Abteilung Stadtentwicklung, Liegenschaften und IT. Ich begrüße Sie alle recht herzlich zu unserem 278. Kiezspaziergang.

Bevor es losgeht, schon einmal der Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang: Am Samstag, 9. Mai. Dann geht es um Kunst und Kultur in der City West. Bezirksbürgermeisterin Kirstin Bauch übernimmt die Führung. Treffpunkt ist am C/O Berlin (Amerika Haus), Hardenbergstraße 22-24, um 14 Uhr.

Der 278. Kiezspaziergang kann auf Komoot nachgelaufen werden.

Heute beschäftigen wir uns mit dem Thema Denkmalschutz. Viele verbinden damit vor allem Kirchen, Schlösser oder besonders alte Gebäude. Die spielen natürlich eine wichtige Rolle, aber diese Vorstellung greift zu kurz. In Berlin stehen rund 8000 Objekte unter Denkmalschutz. Dazu gehören nicht nur einzelne Gebäude, sondern auch Straßenzüge, Parkanlagen und technische Bauwerke.

Denkmäler sind Orte, an denen sich Geschichte ablesen lässt. Sie geben Auskunft darüber, wie die Stadt gewachsen ist, wie Menschen gewohnt und gearbeitet haben und welche Vorstellungen von Architektur und Stadt es in verschiedenen Zeiten gab. Denkmalschutz bedeutet, diese Zeugnisse zu erhalten und gleichzeitig einen Umgang damit zu finden, der auch heutigen Anforderungen gerecht wird.

Die Idee, Denkmäler systematisch zu erfassen und zu schützen, reicht in Berlin mehr als 200 Jahre zurück. Schon Karl Friedrich Schinkel hat Anfang des 19. Jahrhunderts gefordert, sich um den Erhalt historischer Bauten zu kümmern. Das heutige Denkmalschutzgesetz in Berlin gilt seit 1978 und bildet die Grundlage für die Arbeit der Denkmalpflege.

Auf unserem Spaziergang schauen wir uns verschiedene Beispiele an, die diese Bandbreite gut zeigen: Unsere Stationen sind die ehemalige Oberpostdirektion, die Große Kaskade im Lietzenseepark, das Einküchenhaus in der Kuno-Fischer-Straße, das Ignatiushaus, das ehemalige Strafgericht Charlottenburg, das Schirmständerhaus in der Wilmersdorfer Straße und die Trinitatiskirche am Karl-August-Platz.

Aber zuerst beginnen wir hier: Am S-Bahnhof Witzleben.

278. Kiezspaziergang: S-Bahnhof Witzleben

1. Station: S-Bahnhof Witzleben

Einen S-Bahnhof nehmen einen Ort wahr, an dem man einsteigt, umsteigt und schnell wieder verlässt. Dass wir es hier mit einem Denkmal zu tun haben, ist auf den ersten Blick nicht unbedingt offensichtlich.

Der Bahnhof wurde zwischen 1913 und 1916 gebaut. Entworfen hat ihn der Charlottenburger Stadtbaurat August Bredtschneider. Die Anlage gehört zur Ringbahn, die Berlin bis heute wie ein Kreis umschließt. Der Bahnhof wurde am 1. April 1916 eröffnet, ist also jetzt 110 Jahre alt und erhielt den Namen „Witzleben“, nach einem preußischen General, der hier in der Nähe lebte.

Wenn man genauer hinschaut, erkennt man, dass der Bahnhof sorgfältig gestaltet ist. Die Gleise liegen etwa acht Meter unter Straßenniveau, in einem Einschnitt. Der Zugang erfolgt über zwei Seiten: von der Neuen Kantstraße und vom Dresselsteg. Beide Eingänge haben eigene Empfangsgebäude. Sie sind bewusst schlicht gehalten, mit Putzfassaden, Natursteinelementen und klar gegliederten Formen.

Ursprünglich gab es hier sogar zwei Mittelbahnsteige. Einer für die Ringbahn, der andere für eine Verbindung zur Stadtbahn. Diese Verbindung wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach nicht wieder aufgebaut. Der zweite Bahnsteig ist bis heute außer Betrieb.

Der Bahnhof erzählt damit mehrere Geschichten gleichzeitig. Er steht für den Ausbau der Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals wuchs Berlin stark, und neue Verkehrsverbindungen wurden dringend gebraucht. Die Ringbahn war ein zentrales Element dieser Entwicklung. Gleichzeitig sollte hier ein Umstieg zur U-Bahn am Kaiserdamm möglich sein. Der Bahnhof war also von Anfang an als Knotenpunkt gedacht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm durch die zunehmende Trennung der beiden Stadthälften und schließlich auch der S-Bahn-Netze die Fahrgastzahl rapide ab. Mit dem Reichsbahnerstreik von 1980 wurde der Betrieb der Ringbahn im Westteil der Stadt eingestellt. Auch dieser Bahnhof wurde geschlossen und blieb über Jahre ungenutzt. Erst nach der Wiedervereinigung hat man die Ringbahn schrittweise reaktiviert. 1993 ging der Bahnhof nach einer Sanierung wieder in Betrieb.

Seitdem hat sich seine Funktion noch einmal verändert. Heute ist er vor allem ein Zubringer zum Messegelände und zum Zentralen Omnibusbahnhof. Das spiegelt sich auch im Namen wider. Aus „Witzleben“ wurde 2002 „Messe Nord/ICC“. Seit Ende 2024 heißt der Bahnhof offiziell „Messe Nord/ZOB“. Der historische Name ist damit aus dem Alltag verschwunden.

Wenn wir über Denkmalschutz sprechen, geht es oft um besonders auffällige Gebäude. Dieser Bahnhof zeigt, dass auch Infrastruktur Teil unseres kulturellen Erbes ist. Gebäude in Berlin werden unter Denkmalschutz gestellt, wenn ihre Erhaltung im öffentlichen Interesse liegt. Dieses Interesse kann vor allem geschichtlich, künstlerisch, wissenschaftlich oder städtebaulich begründet sein.

Praktisch heißt das: Ein Gebäude kann geschützt werden, weil es eine Epoche oder Bauweise besonders gut dokumentiert, architektonisch herausragt, für Forschung und Stadtgeschichte wichtig ist oder das Stadtbild prägt.

In Berlin werden außerdem nicht nur einzelne Häuser geschützt, sondern auch Denkmalbereiche, Gartendenkmale und Bodendenkmale. Die Denkmalbehörde prüft dabei die Denkmalfähigkeit eines Objekts und nimmt es bei entsprechender Begründung in die Denkmalliste auf.

Ein weiterer wichtiger Grund ist der Erhalt von technikhistorischen Zeugnissen; deshalb können auch Anlagen und Gebäude mit besonderer Bedeutung für die Entwicklung der Technik als Denkmale gelten.

Wir wechseln jetzt die Straßenseite und gehen in die Dernburgstraße. Dort treffen wir uns vor der Hausnummer 50, der ehemaligen Oberpostdirektion.

278. Kiezspaziergang: Oberpostdirektion

2. Station: Ehemalige Oberpostdirektion

Das Gebäude fällt vor allem durch seine Größe und seine klare Form auf. Es ist kein Wohnhaus und auch kein repräsentativer Bau im klassischen Sinn, sondern ein Verwaltungsgebäude.

Die Oberpostdirektion wurde zwischen 1925 und 1928 errichtet. Architekt war Willy Hoffmann, ein damals führender Postbaurat. Der Neubau hatte einen ganz praktischen Hintergrund: Die Berliner Postverwaltung war damals auf rund 20 Standorte verteilt. Mit diesem Gebäude wollte man alles an einem Ort bündeln.

Hier arbeiteten etwa 1.000 Menschen. Organisiert wurden von hier aus große Teile des Post- und Fernmeldewesens. Das heißt: Briefe, Pakete, Telegraphie, später auch Telefon – all das lief hier zusammen. Die Oberpostdirektion war eine zentrale Verwaltungseinheit, die den Alltag der Stadt mit organisierte.
Auch architektonisch ist das Gebäude bemerkenswert. Es gehört zu den wichtigsten Beispielen des Berliner Expressionismus. Man sieht den Kontrast zwischen den hellen Putzflächen und den rotbraunen Terrakotta-Elementen. Fensterrahmen, Gesimse und Gebäudekanten sind damit betont. Das gibt der Fassade eine klare, fast grafische Struktur.

Der Bau ist als große Vierflügelanlage organisiert, mit einem Innenhof und einem zentralen Verbindungstrakt. Dort befanden sich unter anderem ein Festsaal und eine Kantine.

Im Inneren ist besonders das Haupttreppenhaus auffällig. Es ist rund angelegt, mit sehr hohen Pfeilern und einem Oberlicht. Diese Gestaltung sollte Orientierung geben, aber auch Eindruck machen.

Gleichzeitig war das Gebäude funktional durchdacht. Das Tragwerk besteht aus einem Stahlskelett. Dadurch waren die Grundrisse schon damals flexibel. Räume konnten verändert und angepasst werden.

Das Gebäude hat verschiedene politische Systeme überstanden und wurde immer wieder anders genutzt. In der NS-Zeit hieß die Behörde Reichspostdirektion. Nach 1945 wurde sie Teil der Berliner Verwaltung. In West-Berlin entstand später die Landespostdirektion. Nach der Privatisierung der Post in den 1990er Jahren verlor das Gebäude seine ursprüngliche Funktion.

Bis 2019 nutzte die Deutsche Telekom das Haus. Danach stand es eine Zeit lang leer und wurde anschließend umfassend saniert und grundlegend umgebaut. Im Inneren hat man viele Strukturen geöffnet, technische Anlagen erneuert und neue Arbeitsformen ermöglicht. Gleichzeitig blieb die äußere Gestalt weitgehend erhalten. Auch zentrale Räume wie das Treppenhaus oder der Festsaal hat man bewusst bewahrt.

Heute ist es ein moderner Bürostandort. Unternehmen wie mobile.de oder Kleinanzeigen haben hier ihren Sitz.

Wir gehen jetzt die Dernburgstraße weiter entlang bis zur Großen Kaskade im Lietzenseepark.

278. Kiezspaziergang: Große Kaskade am Lietzensee

3. Station: Lietzensee (Große Kaskade)

Man hört das Wasser oft schon, bevor man die Anlage richtig sieht: Die Große Kaskade gehörte von Anfang an zum Konzept des Parks. Sie wurde 1912 bis 1913 von Erwin Barth und Heinrich Seeling entworfen. Beide haben hier bewusst ein Gegenstück zum ruhigen See geschaffen. Während der See eher still und flächig wirkt, bringt die Kaskade Bewegung in den Raum. Das hatte auch einen praktischen Nutzen: Das bewegte, und dadurch mit Sauerstoff angereicherte Wasser half, die starke Algenbildung im Lietzensee zu verringern.

Barth entwarf eine klar symmetrische Anlage. Oben liegt eine Sandsteinbrüstung, darunter beginnt die Kaskade, die aus Beton und Muschelkalk besteht. Von einem halbrunden Becken fließt das Wasser in mehreren Stufen nach unten. Es läuft über kleine Wasserfälle, Terrassen und insgesamt neun Becken, bis es schließlich den See erreicht. Die Formen sind einfach, fast streng. Genau das ist typisch für die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Man entfernte sich vom verspielten Dekor und setzte stärker auf klare Linien und große Formen.

Die Kaskade liegt genau am südlichen Eingang des Parks, sie wirkt wie eine Art Auftakt oder wie eine Theaterbühne. Der Blick wird gelenkt – vom Stadtraum hinein in den Park und weiter zum Wasser. Das ist vermutlich kein Zufall, Heinrich Seeling war ein gefragter Theaterarchitekt und wusste genau, wie man Räume inszeniert.

Gleichzeitig passt die Kaskade sehr gut zu der Idee, die Erwin Barth verfolgt hat. Er wollte keine Parks nur zum Anschauen schaffen. Seine Parks sollten genutzt werden und Orte für Erholung, Bewegung und Alltag sein. Genau das passiert hier bis heute: Menschen sitzen auf den Stufen, schauen aufs Wasser oder treffen sich.

Lange war die Kaskade in keinem guten Zustand. Erst 2006 wurde sie umfassend saniert. Die Arbeiten dauerten mehrere Monate. Dabei ging es nicht nur um den Brunnen selbst. Auch Wege, Treppen und Böschungen wurden überarbeitet. Sogar historische Elemente wie sogenannte Hohlwege wurden wieder angelegt. Man hat also versucht, das ursprüngliche Gesamtbild des Parks wieder erfahrbar zu machen. Gleichzeitig hat der Bezirk die Technik erneuert. So wird heute das Wasser direkt aus dem Lietzensee entnommen. Das spart Ressourcen und ist ökologisch sinnvoll. Finanziert wurde das durch die Stiftung Denkmalschutz Berlin und den Bezirk.

Unsere nächste Station ist das Einküchenhaus, Kuno-Fischer-Straße 13. Dazu gehen wir die Suarezstraße entlang und biegen links in die Kuno-Fischer-Straße ein.

278. Kiezspaziergang: Einküchenhaus

4. Station: Einküchenhaus (Kuno-Fischer-Straße 13)

Diesmal geht es um ein Haus, das auf den ersten Blick ganz gewöhnlich wirkt. Das Gebäude wurde 1908 errichtet und gilt als das erste Einküchenhaus in Berlin. Äußerlich passt es sich seiner Umgebung an: ein fünfgeschossiges Mietshaus mit Vorderhaus, Seitenflügeln und Quergebäude. Auch die Fassade gibt keinen Hinweis darauf, dass hier ein neues Wohnmodell ausprobiert wurde.

Die Besonderheit lag im Inneren. In diesem Haus gab es ursprünglich keine privaten Küchen. Stattdessen wurde im Keller eine große Zentralküche betrieben. Von dort aus wurden alle Bewohnerinnen und Bewohner versorgt. Bestellt wurde per Haustelefon, geliefert über Speiseaufzüge direkt in die Wohnungen.

Das Konzept geht auf die Frauenrechtlerin Lily Braun zurück. Sie wollte die Hausarbeit bündeln und professionalisieren. Ihr Ziel war es, Frauen und Mütter zu entlasten – vor allem diejenigen, die berufstätig waren oder alleinerziehend. Das Einküchenhaus sollte den Alltag erleichtern und neue Spielräume schaffen.

Die Wohnungen selbst waren für die Zeit komfortabel ausgestattet. Es gab Zentralheizung, Warmwasser und eigene Bäder. Die Grundrisse reichten von zwei bis fünf Zimmern. Auffällig ist, dass auch kleinere Wohnungen gute Lagen hatten – oft mit Blick zur Straße oder sogar zum See. Das war nur möglich, weil auf Küchen verzichtet wurde.

Auch die Erschließung des Hauses war besonders organisiert. Jedes Treppenhaus führte zu nur zwei Wohnungen pro Etage. Viele Wohnungen hatten Balkone oder Loggien. Hinzu kamen gemeinschaftlich nutzbare Bereiche wie ein Garten am Seeufer und eine Dachterrasse. Die hinteren Gebäudeteile waren ähnlich sorgfältig gestaltet wie das Vorderhaus. Das zeigt, dass hier bewusst ein anderes Verständnis von Wohnen umgesetzt wurde.
Gleichzeitig verband das Konzept zwei unterschiedliche Versprechen. Einerseits ging es um Entlastung und Emanzipation. Andererseits bot das Haus einen gewissen Komfort, der an gehobenes Wohnen erinnerte – mit Serviceleistungen, die man sonst eher aus großen Haushalten mit Personal kannte.

Trotz großer Aufmerksamkeit funktionierte das Modell nur kurze Zeit. Bereits wenige Jahre nach der Eröffnung wurde die Zentralküche 1913 wieder aufgegeben. In der Folge erhielten die Wohnungen nachträglich eigene Küchen.

Die Gründe dafür lagen vor allem in der Praxis. Das Wohnen im Einküchenhaus war vergleichsweise teuer und damit für viele unerschwinglich. Gleichzeitig blieb die Idee kulturell fremd. Die eigene Küche hatte einen hohen Stellenwert und war eng mit dem Familienleben verbunden. Auch innerhalb der Frauenbewegung gab es Kritik, etwa weil das Modell vor allem für bürgerliche Haushalte geeignet war und die Lebensrealität vieler Arbeiterinnen nicht traf.
So wurde aus dem Reformprojekt ein ganz normales Mietshaus. Die gemeinschaftlichen Einrichtungen verschwanden oder wurden anders genutzt. Heute ist das ursprüngliche Konzept nur noch in den Grundrissen nachvollziehbar.

Wir gehen jetzt zurück zur Suarezstraße und folgen ihr, bis wir auf die Neue Kantstraße treffen.

278. Kiezspaziergang: Ignatiushaus

5. Station: Ignatiushaus (Neue Kantstraße 1)

An dieser Station stehen wir vor einem Gebäude, das man leicht übersehen könnte – obwohl es eigentlich ziemlich auffällig ist.

Das Gebäude entstand Mitte der 1950er Jahre. Entworfen hat es der Architekt Johannes Jackel. Ursprünglich war es kein Hotel, sondern ein Haus der Jesuiten, also ein Wohn- und Arbeitsort für den Orden der Societas Jesu.
Wenn man es anschaut, merkt man schnell: Es sieht nicht aus wie ein klassisches Kloster. Es gibt keine religiösen Symbole an der Fassade, keine monumentale Geste. Stattdessen wirkt das Gebäude fast sachlich und städtisch. Genau das war beabsichtigt. Der Bau sollte sich in die Großstadt einfügen und nicht abgrenzen.

Typisch für die 1950er Jahre ist vor allem die Gestaltung der Fassade. Die Außenwände sind mit kleinen, farbigen Keramikplatten verkleidet. Die Farben und die leicht versetzten Fenster geben dem Haus etwas Lebendiges, fast Spielerisches. Auch die abgerundete Ladenzeile unten fällt auf. Sie zieht sich in einer eleganten Kurve um die Ecke und wird von schlanken, farbig gefassten Pfeilern getragen. Die Läden hatten übrigens eine Funktion: Sie sollten Einnahmen bringen. Damit konnte ein Teil des Klosterbetriebs finanziert werden.

Hinter dieser Ladenzeile beginnt das eigentliche Gebäude. Es ist fünf bis sechs Stockwerke hoch und leicht abgewinkelt gebaut. Die Dachkanten ragen weit hervor, die oberste Etage ist etwas zurückgesetzt und hat Balkone. Insgesamt wirkt das Haus offen und leicht.

Im Inneren gab es Wohnräume für die Ordensmitglieder, aber auch Gemeinschaftsbereiche: eine Kapelle, einen Vortragssaal, Aufenthaltsräume, eine Bibliothek und ein Refektorium, also einen Speisesaal. Dazu kamen Gästezimmer, Krankenräume und auch Werkbereiche wie eine Schneiderei und eine Wäscherei.

Ein Teil dieser Nutzung ist heute kaum noch sichtbar. Das Gebäude wurde später stark umgebaut und viele der ursprünglichen Räume sind verschwunden. Nur an wenigen Stellen lässt sich die frühere Funktion noch erahnen.

Interessant ist auch der zeitliche Kontext. Das Haus entstand in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Berlin war geprägt von Wiederaufbau, Materialknappheit und einfachen Bauweisen. Viele Gebäude dieser Zeit sind funktional, oft sparsam konstruiert und verzichten auf dekorativen Schmuck. Genau in diesem Rahmen bewegt sich auch dieses Haus – und setzt zugleich eigene Akzente durch Farbe und Form.

Hier zeigt sich ein typischer Widerspruch der 1950er Jahre: Einerseits wird schlicht und wirtschaftlich gebaut. Andererseits entsteht der Wunsch nach einer neuen, freundlicheren Architektur. Dieses Haus versucht beides zu verbinden.

Die Jesuiten nutzten das Gebäude nicht nur zum Wohnen, sondern auch für Bildung und geistliche Arbeit. Später zog hier die „Christliche Glaubens- und Lebensschule St. Ignatius“ ein, benannt nach Ignatius von Loyola. Sie bot Kurse, Gespräche und geistliche Übungen an und blieb bis 2003 an diesem Ort. Danach stand das Haus einige Jahre leer. Es gab sogar Überlegungen zum Abriss.

Das ist ein spannender Punkt bei Gebäuden der Nachkriegszeit. Häufig stellt sich die Frage: Warum soll man sie überhaupt erhalten? Viele Menschen finden sie ja eher sperrig oder sogar hässlich. In der Denkmalpflege zählt aber nicht nur das Aussehen. Entscheidend ist der sogenannte Zeugniswert. Diese Gebäude erzählen viel über ihre Zeit – über den Wiederaufbau nach dem Krieg, über neue Materialien und über den starken Glauben an Fortschritt, besonders in den 60er- und 70er-Jahren. Dass wir sie heute oft kritisch sehen, hat auch mit einem Generationswechsel zu tun. Jede Epoche grenzt sich von der vorherigen ab. Wichtig ist deshalb, genauer hinzuschauen: Welche Qualität hat ein Gebäude? Wie ist es in die Stadt eingebunden? Und kann man es weiter nutzen? Denn oft liegt darin eine große Chance. Statt abzureißen, lassen sich viele dieser Häuser umbauen und neu interpretieren. Das spart Ressourcen und bewahrt gleichzeitig ein Stück Stadtgeschichte, das man sonst schnell verlieren würde.

Wir gehen jetzt die Kantstraße ein kurzes Stück entlang bis zum ehemaligen Strafgericht Charlottenburg.

278. Kiezspaziergang: Wilmina/Strafgericht Charlottenburg

6. Station: Strafgericht Charlottenburg

Man läuft hier die Kantstraße entlang – laut, voll, ganz normaler Großstadtverkehr. Dann öffnet sich plötzlich ein Tor und dahinter wird es ruhig.
Wir stehen hier vor dem heutigen Hotel Wilmina. Was man von außen kaum sieht: Hinter dieser Fassade verbirgt sich ein ehemaliges Strafgericht mit Frauengefängnis.

Gebaut wurde die Anlage 1896 von den Architekten Adolf Bürckner und Eduard Fürstenau. Vorn an der Straße lag das Gerichtsgebäude. Dahinter, im Blockinneren, das Gefängnis.

Das Vorderhaus wurde im Lauf der Zeit unterschiedlich genutzt – als Gericht, später als Nachlassverwaltung, als Landesanstalt für Chemie und zuletzt als Grundbuchamt. Das Gefängnis war fast 90 Jahre in Betrieb, ab 1985 diente es noch eine Zeit lang als Archiv.

Besonders belastet ist seine Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus. Hier waren viele Frauen inhaftiert, die Widerstand geleistet hatten, unter anderem aus dem Umfeld der sogenannten Roten Kapelle. Namen wie Libertas Schulze-Boysen oder Cato Bontjes van Beek stehen für diese Geschichte. Für viele von ihnen endete der Weg von hier aus im Gefängnis Plötzensee – und oft mit dem Tod.

Auch nach 1945 blieb das Gebäude ein Gefängnis. Später wurde es als Jugendarrestanstalt genutzt. Nach der Schließung stand die Anlage lange leer. Erst ab 2010 begann eine neue Phase. Ein Architekturbüro übernahm das Gelände und entwickelte eine neue Nutzung. Das Ziel war nicht einfach Umbau, sondern eine grundsätzliche Umkehr: aus einem Ort der Isolation sollte ein offener, sozialer Ort werden.

Wenn man heute durch das Tor geht, merkt man sofort, wie stark sich die Atmosphäre verändert. Der Weg führt durch mehrere Höfe, am Ende liegt ein begrünter Gartenhof.

Auch im Gebäude selbst haben die Architekten viel verändert, aber nicht alles. Ein wichtiger Punkt war der Umgang mit Licht. Die ursprünglichen Zellen hatten kleine, hoch liegende Fenster. Die Insassinnen konnten oft nur ein Stückchen Himmel sehen. Diese Fenster wurden nach unten vergrößert. Dadurch kommt mehr Licht hinein, und man kann jetzt auch nach draußen schauen.
Viele Zellen wurden zusammengelegt, um größere Räume zu schaffen. Trotzdem bleibt die ursprüngliche Struktur erkennbar. Die alten Zellentüren sind noch da. Auch Gitter sind teilweise erhalten. Man sieht also weiterhin, was dieser Ort einmal war.

Auch die Wege durch das Gebäude haben sich verändert. Früher war das Gebäude so organisiert, dass Gefangene sich möglichst wenig sehen und begegnen konnten. Heute ist es genau umgekehrt. Es gibt Durchblicke, Öffnungen und Sichtachsen. Man orientiert sich leichter, und die Räume wirken verbunden.

Das ehemalige Gerichtsgebäude vorne wird heute als Kulturort genutzt, der sogenannte „Amtsalon“. Dahinter liegt das Hotel mit 44 Zimmern. Dazu kommen ein Restaurant, eine Bar und weitere neue Gebäude, die das Ensemble ergänzen.

Die Geschichte bleibt auch nach dem Umbau Teil des Gebäudes. Man hat nicht versucht, alles zu glätten oder zu verstecken. Alte Materialien und Gebrauchsspuren bleiben sichtbar. Eine Zelle blieb im Originalzustand erhalten, dort geben Schautafeln Auskunft über die frühere Nutzung.
Auch aus architektonischer Sicht ist das Projekt interessant. Es zeigt, wie man mit vorhandener Bausubstanz arbeiten kann, statt neu zu bauen. Viele Materialien wurden wiederverwendet, die Struktur blieb erhalten. Das spart Ressourcen und ist ein Beispiel für nachhaltiges Bauen im Bestand. Dafür hat das Projekt auch einen Architekturpreis erhalten.

Wir gehen die Kantstraße ein Stück weiter und biegen dann links in die Windscheidstraße ein. An der Pestalozzistraße gehen wir nach rechts und treffen uns an der Volkshochschule vor der Hausnummer 40 wieder.

278. Kiezspaziergang: Volkshochschule

7. Station: Berliner Volkshochschule (Pestalozzistraße 40)

Wir stehen vor dem Gebäude der Volkshochschule City West. Errichtet wurde es in den Jahren 1894 bis 1895. Der Architekt war Paul Bratring, damals Stadtbaurat in Charlottenburg. Gebaut hat er eine sogenannte Doppelschule – also zwei Schulen in einem Gebäude. Der Grund war einfach: Charlottenburg wuchs rasant. Innerhalb von nur 20 Jahren stieg die Zahl der Schulkinder von rund 1.600 auf mehr als 12.000.

Das Gebäude ist typisch für diese Zeit. Roter Backstein, klare Gliederung, solide gebaut. Wenn man genauer hinschaut, sieht man viele Details: sorgfältig gesetzte Ziegel, Gesimse und leicht zurückgesetzte Fenster.
Der Grundriss ist ebenfalls interessant. Das Gebäude ist streng organisiert. Früher waren Mädchen und Jungen getrennt untergebracht – mit eigenen Höfen und eigenen Zugängen. Durch die Tordurchfahrten vorne gelangte man in die Innenbereiche. Diese klare Trennung war damals ganz selbstverständlich.

Im Laufe der Zeit hat sich die Nutzung mehrfach verändert. Neben der Gemeindeschule gab es hier schon früh eine Hilfsschule. Später zog eine Schwerhörigenschule ein, dann eine gewerbliche Berufsschule. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude als Lazarett genutzt.
Nach dem Krieg war es stark beschädigt und wurde um 1950 wieder aufgebaut. Die ursprüngliche Struktur blieb aber weitgehend erhalten.
Seit 1980 wird das Haus von der Volkshochschule genutzt. In den folgenden Jahren wurde es schrittweise umgebaut und an neue Anforderungen angepasst. Heute beherbergt es zudem das Charlotte-Wolf-Kolleg, wo Erwachsene ihr Abitur nachholen können.

Damit hat sich die Funktion des Hauses grundlegend verändert – aber eigentlich auch wieder nicht ganz. Es ist immer noch ein Ort des Lernens. Nur die Zielgruppe ist eine andere.

Die Volkshochschule selbst hat in Charlottenburg eine lange Tradition. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts gab es erste Angebote für Erwachsenenbildung. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte sie eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau – nicht nur materiell, sondern auch gesellschaftlich. Es ging um Bildung, Orientierung und Teilhabe.

Auch architektonisch ist das Gebäude ein gutes Beispiel für den Umgang mit Bestand. Statt abzureißen, wurde es immer wieder angepasst. Neue Nutzungen wurden integriert, ohne die Grundstruktur zu zerstören.
Wir gehen jetzt die Pestalozzistraße weiter und biegen rechts in die Wilmersdorfer Straße ein. Dort treffen wir uns vor Hausnummer 58, dem sogenannten Schirmständerhaus.

278. Kiezspaziergang: Schirmständerhaus

8. Station: Schirmständerhaus (Wilmersdorfer Straße 58)

Diesmal lohnt es sich, kurz nach oben zu schauen. Denn genau dort sitzt das auffälligste Detail dieses Hauses: ein weit auskragendes Dach mit großen runden Öffnungen. Dieses ungewöhnliche Element hat dem Gebäude seinen Spitznamen gegeben – das „Schirmständerhaus“.

Das Haus wurde Mitte der 1950er Jahre gebaut. Architekt war Hans Simon. Auftraggeber war das Berliner Schuhhaus Stiller, das hier ein modernes Geschäftshaus wollte. Im Erdgeschoss befand sich ein großes Ladenlokal, darüber Büros und weitere Nutzungen.

Schon damals war klar: Dieses Gebäude sollte auffallen. Und das tut es bis heute.

Ein wichtiges Gestaltungselement ist das sogenannte Flugdach. Das ist ein weit auskragendes Dach, das fast zu schweben scheint. Solche Dächer waren in den 1950er Jahren ein beliebtes Mittel, um Dynamik und Leichtigkeit zu zeigen. Hier ist es besonders auffällig, weil die Dachplatte zusätzlich mit großen runden Öffnungen durchbrochen ist.

Auch die Fassade ist alles andere als streng. Sie schwingt leicht nach innen, also konkav. Dadurch wirkt das Haus fast wie eine Bühne. Die senkrechten Stützen gliedern die Front in gleichmäßige Achsen. Dazwischen liegen Fenster und dunkle Brüstungen. Dieses Spiel aus Linien, Kurven und Flächen gibt dem Gebäude eine gewisse Bewegung.

Typisch für die Zeit ist auch der Umgang mit Licht. Ursprünglich waren die vertikalen Linien der Fassade mit Neonröhren betont. Nachts hat das Gebäude geleuchtet. Diese Beleuchtung war lange außer Betrieb, wurde aber bei der Sanierung Anfang der 2000er Jahre wieder aktiviert. Seitdem kennt man das Haus auch als „Blaues Wunder“, weil es im Dunkeln blau aufleuchtet.
Innen war das Gebäude ebenfalls ungewöhnlich gestaltet. Das Ladenlokal zog sich weit nach hinten in den Hof. Dort gab es einen runden Glaspavillon und eine geschwungene Treppe. Vieles davon ist heute verändert, aber die Grundidee – ein offener, einladender Verkaufsraum – lässt sich noch nachvollziehen.

Das Haus gehört zu einer Phase der Architektur, in der man sich bewusst von der strengen Sachlichkeit der 1920er Jahre absetzt. Statt klarer, kubischer Formen entstehen wieder plastische, fast spielerische Gebäude. Man spricht manchmal von einem „plastischen Stil“.

Gleichzeitig zeigt es auch, wie sich die Stadt verändert. In den Jahrzehnten nach dem Bau wurde vieles umgebaut. Schaufenster wurden verändert, Details gingen verloren. Wie viele Gebäude der 1950er Jahre geriet auch dieses Haus zeitweise aus dem Blick.

Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Es ist eines der wenigen erhaltenen Beispiele für diese Art von Verkaufsarchitektur in Berlin. Und es zeigt, wie viel Experimentierfreude in der Nachkriegszeit möglich war – trotz knapper Mittel.

Jetzt gehen wir zur letzten Station unseres heutigen Kiezspaziergangs: Zur Trinitatiskirche am Karl-August-Platz.

278. Kiezspaziergang: Trinitatiskirche

9. Station: Trinitatiskirche am Karl-August-Platz

Die Trinitatiskirche wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Der Anlass war ganz praktisch: Charlottenburg wuchs schnell. Neue Wohnhäuser entstanden rund um die Kantstraße. Die alte Luisenkirche konnte die vielen Gemeindemitglieder nicht mehr versorgen. Deshalb entschied man sich 1895, hier eine neue Kirche zu bauen.

Der Bau begann 1896. Entworfen wurde die Kirche von Johannes Vollmer und Heinrich Jassoy. Beide waren damals wichtige Vertreter des evangelischen Kirchenbaus. 1898 wurde die Kirche eingeweiht, kurz darauf entstand eine eigene Gemeinde.

Von außen wirkt die Kirche klassisch und ruhig. Roter Backstein, ein hoher Turm, klare Formen. Der Stil orientiert sich an der Neugotik, aber ohne viel Dekor. Das passt gut zur evangelischen Tradition, die eher auf Einfachheit setzt.

Spannend wird es, wenn man sich den Grundriss anschaut. Die Kirche ist kein langgestreckter Raum wie viele ältere Kirchen. Stattdessen ist sie als Zentralbau angelegt. Das heißt: Der Raum ist auf die Mitte ausgerichtet. Die Predigt steht im Zentrum. Das war damals ein modernes Konzept. Es zeigt, wie wichtig das gesprochene Wort im evangelischen Gottesdienst ist.
Innen war die Kirche ursprünglich reich ausgemalt. Es gab Wandbilder und einen aufwendig gestalteten Altarraum. Das änderte sich später mehrfach. Schon in der Weimarer Republik wurde vieles umgestaltet.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche schwer beschädigt. Nur die Außenmauern und der Turm blieben weitgehend stehen. Ab 1951 begann der Wiederaufbau. 1953 konnte die Kirche wieder genutzt werden.
Der Innenraum wurde dabei stark vereinfacht. Man verzichtete bewusst auf Schmuck und Malereien. Stattdessen entstand ein heller, klarer Raum.
In den 1960er Jahren kam eine neue künstlerische Gestaltung hinzu. Besonders prägend ist das große Holzkreuz im Altarraum. Es stammt von Otto Flath. Die Figur zeigt Christus nicht als leidenden, sondern als aufgerichteten, fast schon auferstandenen Körper. Auch die Fenster wurden neu gestaltet. Verschiedene Künstler haben daran gearbeitet. Die Motive greifen Themen wie Hoffnung, Zweifel und Verantwortung auf. Sie verbinden biblische Inhalte mit Fragen der Gegenwart.

Damit sind wir am Ende unseres heutigen Kiezspaziergangs angelangt. Vielen Dank, dass Sie dabei waren. Und zum Abschluss wie üblich noch ein Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang: Der findet am Samstag, 9. Mai, statt. Treffpunkt ist um 14 Uhr am C/O Berlin (Amerika Haus), Hardenbergstraße 22-24.

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