Wenn Isadora Duncan auf der Bühne erschien, fiel sofort auf: Sie tanzte barfuß. Ihr Stil war neu. Sie folgte der Musik und ihrer eigenen Intuition. Oft bewegte sie sich zu Beethoven oder Tschaikowski. Sie setzte klassische Konzertmusik tänzerisch um, das war revolutionär.
In Berlin lebte sie an dieser Adresse. Das Haus ist natürlich nicht mehr das, in dem Isadora Duncan um 1900 lebte. Aber der Reihe nach.
Isadora Duncan wurde 1877 in San Francisco geboren. Die Familie war arm. Ihr Vater starb früh. Ihre Mutter zog vier Kinder allein groß und verdiente Geld als Musiklehrerin. In diesem Umfeld wuchs Isadora auf: wenig Geld, aber viel Musik und viel Freiheit im Denken.
Schon als Kind lehnte sie das klassische Ballett ab. Die festgelegten Schritte, das Korsett, die Spitzenschuhe – all das empfand sie als Zwang. Sie wollte sich frei bewegen. Sie tanzte barfuß, trug lockere Tuniken, die an die griechische Antike erinnerten.
Ende der 1890er Jahre trat sie mit geringem Erfolg in den USA auf. 1899 ging sie nach Europa. Sie tanzte in London, Paris und Berlin. Hier wurde sie bekannt. Die Presse sprach vom „neuen Stern der Tanzkunst“.
1903 veröffentlichte sie in Berlin ihren Vortrag „Der Tanz der Zukunft“. Darin griff sie das klassische Ballett scharf an, sprach von „unnatürlichen Bewegungen“ und deformierten Körpern. Für sie sollte Tanz aus dem Inneren kommen, aus der Atmung, dem Gefühl und persönlicher Haltung.
Kurz darauf gründete sie mit ihrer Schwester Elizabeth eine Tanzschule im Berliner Grunewald. Die Schule war als Internat organisiert. Duncan unterrichtete die Schülerinnen kostenlos und finanzierte alles durch ihre Auftritte. Die Mädchen tanzten ebenfalls barfuß, in einfachen Gewändern. Die Polizei verbot zeitweise öffentliche Auftritte wegen der „nackten Beine“. Die Schule zog mehrmals um, doch die sogenannte Duncan-Tradition wirkte noch lange weiter.
Für Isadora Duncan war Tanz nicht nur Kunst, sondern eine Weltanschauung. Sie sprach vom Tanz fast wie von einer Religion. Sie berief sich auf die griechische Antike, auf Natur und Freiheit und ließ sich von Denkern wie Nietzsche inspirieren.
Auch politisch bezog sie Stellung. Während des Ersten Weltkriegs tanzte sie die „Marseillaise“ als Zeichen der Solidarität mit Frankreich. Später unterstützte sie die Russische Revolution und gründete eine Tanzschule in Moskau.
Ihr Privatleben war von starken Gegensätzen geprägt. Sie lebte bewusst ohne feste Ehebindungen, forderte Selbstbestimmung für Frauen und bekam drei Kinder von drei verschiedenen Männern. Doch ihr Leben war auch von schweren Schicksalsschlägen überschattet. Zwei ihrer Kinder starben bei einem Autounfall. Das dritte starb kurz nach der Geburt.
Schließlich heiratete sie doch noch: Den russischen Dichter Sergej Jessenin. Die Ehe war stürmisch und dauerte nur kurze Zeit. Jessenin nahm sich wenige Jahre später das Leben.
Isadora Duncan selbst starb 1927 in Nizza. Bei einer Autofahrt verfing sich ihr langer Seidenschal in den Speichen des Wagens. Sie wurde stranguliert und starb noch am Unfallort. Sie war fünfzig Jahre alt. Ihr Grab befindet sich heute auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris, neben ihren Kindern.
Wir wechseln die Straßenseite und gehen zur UdK, Hardenbergstraße 33.