276. Kiezspaziergang: Kultur erleben in Wilmersdorf

Herzlich willkommen! Mein Name ist Heike Schmitt-Schmelz und ich leite die Abteilung Schule, Sport, Weiterbildung und Kultur. Ich begrüße Sie alle recht herzlich zu unserem 276. Kiezspaziergang.

Unser Kiezspaziergang führt durch das vielseitige Wilmersdorf und verbindet Geschichte, Kultur und Gesellschaft. Wir schlendern durch den Güntzelkiez, tauchen in das Leben der Schriftstellerin Anna Seghers ein und entdecken Kuriositäten wie das Lippenstiftmuseum. Weiter geht es zum Abspannwerk an der Prinzregentenstraße, einem Symbol der Berliner Elektrifizierung, und zur Gedenktafel für Walter Benjamin, einen der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts. An der Volkshochschule Charlottenburg und der Jugendverkehrsschule stehen Bildung und Mobilität im Fokus. Den Abschluss bildet das restaurierte Schoeler-Schlösschen, ein historisches Gebäude, das heute als kultureller Treffpunkt der Nachbarschaft dient.

Bevor es losgeht, schon einmal der Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang: Am Samstag, 14. März. Wir widmen uns Künstlerinnen, die das kulturelle Leben des Bezirks geprägt haben — von Film, Fotografie und Literatur bis hin zu Tanz und bildender Kunst. Bezirksbürgermeisterin Kirstin Bauch übernimmt die Führung. Treffpunkt ist am Samstag, 14. März, um 14 Uhr an der Fasanenstraße 69, der Gedenktafel von Asta Nielsen.

Der 276. Kiezspaziergang kann auf Komoot nachgelaufen werden.

276. Kiezspaziergang: Litfaßsäule Emil und die Detektive

1. Station: Litfaßsäule (Ecke Trautenaustraße)

Wir stehen hier an einer unscheinbaren Ecke. Doch sie ist weltberühmt: In „Emil und die Detektive“ spielt genau hier eine kurze, aber wichtige Szene. Das Buch erschien 1929 und machte Erich Kästner bekannt. Kästner lebte damals selbst in Wilmersdorf, nur wenige Straßen entfernt.

In der Geschichte kommt der zwölfjährige Emil zum ersten Mal nach Berlin. Er verfolgt einen Mann, der ihm auf der Zugfahrt Geld gestohlen hat. Hier an dieser Stelle springt Emil von der Straßenbahn. Die Bundesallee hieß damals noch Kaiserallee. Er erblickt einen Zeitungskiosk und diese Litfaßsäule. Dazwischen findet er ein Versteck. Von hier aus beobachtet er den Dieb, der im Café Josty sitzt, das damals gegenüber lag.

Die Szene ist kurz, aber sie markiert einen Wendepunkt. Emil ist nicht mehr allein. Bald schließen sich ihm Berliner Kinder an. Sie organisieren sich, helfen einander, handeln gemeinsam.

Dass ausgerechnet eine Litfaßsäule Teil dieser Szene ist, passt gut. Denn diese Säulen gehörten damals ganz selbstverständlich zum Stadtbild. Und sie waren mehr als bloße Werbeträger.

Die Litfaßsäule ist eine Berliner Erfindung. 1854 setzte der Drucker Ernst Litfaß durch, dass in der Stadt feste Anschlagsäulen aufgestellt wurden. Es sollte wieder Ordnung herrschen. Vorher wurde überall wild plakatiert: an Häusern, Zäunen, Bäumen. Die neuen Litfaßsäulen bündelten Informationen an bestimmten Orten. Wer wissen wollte, was los war in der Stadt, schaute hier vorbei.

Von Beginn an klebte mehr als Werbung an den runden Säulen: neben amtlichen Bekanntmachungen, hingen hier auch Theaterpläne oder politische Aufrufe. Und später Kriegsnachrichten, Wahlplakate oder Suchmeldungen. Die Litfaßsäule war ein öffentliches Medium, lange bevor es elektronische Medien gab. Sie machte sichtbar, was die Stadt bewegte.

Ihre Geschichte läuft parallel zur Geschichte Berlins. Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, geteilte Stadt, Wiedervereinigung. Die Inhalte wechselten, die Form blieb. Technisch wurden die Säulen immer wieder angepasst. Der Hohlraum im Inneren wurde als Telefonkabelverzweiger oder Trafostation genutzt, später kamen beleuchtete und drehbare Modelle hinzu, heute auch digitale Varianten.

Viele alte Säulen sind verschwunden. Einige stehen unter Denkmalschutz. Manche werden inzwischen bewusst für Kunst oder nicht-kommerzielle Inhalte genutzt. Auch das knüpft an ihre ursprüngliche Idee an: Öffentlichkeit herzustellen.

Die Säule, die wir hier sehen, ist nicht mehr die aus Kästners Zeit. Aber sie steht am selben Ort. Und sie verbindet etwas, das für Berlin typisch ist: Literatur, Alltagsgeschichte und Stadtmöbel auf engstem Raum. Auch im Rathaus Charlottenburg steht übrigens eine Litfaßsäule. Da finden Sie aktuelle Veranstaltungen und Hinweise des Bezirksamts. Schauen Sie einfach mal vorbei.

Wir gehen jetzt trotzdem weiter zur Kreuzung und biegen dann links in die Güntzelstraße ein haben dort unseren nächsten Stop.

276. Kiezspaziergang: Güntzelkiez

2. Station: Güntzelkiez

Auf der ersten Hälfte unseres Spaziergangs bewegen wir uns durch den Güntzelkiez. Er liegt südlich des Hohenzollerndamms, eingerahmt von Brandenburgischer Straße, Bundesallee und Berliner Straße. Benannt ist er nach der Güntzelstraße und dem gleichnamigen U-Bahnhof.

Viele Häuser stammen aus der Gründerzeit. Die Straßen sind ruhig, die Bebauung geschlossen, die Plätze sorgfältig gestaltet. Typisch für den Güntzelkiez ist seine gewachsene Alltagsinfrastruktur. Hier wird gewohnt, eingekauft, gelernt und gearbeitet. Vieles liegt nah beieinander. Es gibt Schulen, Kitas, Bibliotheken, Kirchen und kleine soziale Einrichtungen. Die Dietrich-Bonhoeffer-Bibliothek an der Brandenburgischen Straße gehört ebenso dazu wie der Abenteuerspielplatz in der Holsteinischen Straße oder verschiedene Beratungsstellen.

Die schwedische Schule und die schwedische Victoriagemeinde verleihen dem Kiez bei Festen oder dem Weihnachtsmarkt einen skandinavischen Akzent.

Ein wichtiger Mittelpunkt ist die Güntzelstraße selbst. Sie verläuft vom Emser Platz bis zur Bamberger Straße. Benannt wurde sie 1893 nach Bernhard Güntzel, einem Wilmersdorfer Kommunalpolitiker. Heute ist sie eine ruhige Wohn- und Einkaufsstraße. Viele Läden sind inhabergeführt und seit Jahrzehnten an ihrem Platz. Dazu passt auch der Wochenmarkt am Hohenzollernplatz. Er findet mehrmals pro Woche statt und ist ein Treffpunkt für die Anwohnerinnen und Anwohner.

Der Güntzelkiez hatte und hat Anziehungskraft. Künstler, Handwerker, kleine Manufakturen und spezialisierte Läden finden hier Raum. Gleichzeitig bleibt es ruhig. Das wird oft als „West-Berliner Charme“ beschrieben. Gemeint ist eine Mischung aus Gelassenheit, Nachbarschaft und Alltagstauglichkeit.

Einige Häuser erzählen zusätzlich Geschichte. In der Güntzelstraße lebten über die Jahre Schriftsteller, Künstler und Architekten. Eine Gedenktafel an der Hausnummer 3 erinnert beispielsweise an Egon Erwin Kisch. Auch Verbindungen zu Alfred Döblins Familie finden sich hier.

Der Kiez ist auch heute für Kreative attraktiv. Auch Star-Visagist René Koch lebt hier und hat ein besonderes Museum eingerichtet. Mehr dazu später.

Jetzt gehen wir erst einmal die Güntzelstraße weiter und biegen rechts in die Helmstedter Straße ein. Wir sehen uns wieder vor Hausnummer 24. Dort hängt eine Gedenktafel für die Schriftstellerin Anna Seghers.

276. Kiezspaziergang: Anna Seghers

3. Station: Anna Seghers (Helmstedter Straße 24)

Von 1928 bis 1933 wohnte die Schriftstellerin Anna Seghers in diesem Haus. Eine Gedenktafel erinnert daran. Sie wurde 1988 angebracht, fünf Jahre nach ihrem Tod. Sie fasst auf wenigen Zeilen ein Leben zusammen, das eng mit den politischen Bruchlinien des 20. Jahrhunderts verbunden ist:

ANNA SEGHERS
19.11.1900 – 1.7.1983
Schriftstellerin, Trägerin des Kleist-Preises (1928)
und des Georg-Büchner-Preises (1947)
1933 wurden ihre Bücher verboten und verbrannt.
Anna Seghers emigrierte über Frankreich und Spanien
nach Mexiko.
1952 bis 1978 Präsidentin des Schriftstellerverbandes
der DDR.
Hauptwerk: “Das siebte Kreuz”

Anna Seghers wurde 1900 in Mainz geboren. Ihr bürgerlicher Name war Netti Reiling. Sie stammte aus einer jüdischen Familie und studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Sinologie. 1924 promovierte sie in Heidelberg. Schreiben wollte sie von Anfang an. Berlin wurde dafür der richtige Ort.

Hier entwickelte sie ihr literarisches Profil. 1928 erschien ihre Erzählung „Aufstand der Fischer von St. Barbara“. Es war ihre erste Buchveröffentlichung. „Was der Panzerkreuzer Potemkin vor drei Jahren für den Film bedeutete, bedeutet der Aufstand der Fischer von St. Barbara für die moderne deutsche Literatur.“ Mit dieser Anzeige warb der Kiepenheuer Verlag für den 1928 mit dem Kleist-Preis ausgezeichneten Text von Seghers. Im selben Jahr trat sie der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei. Ihre Texte waren politisch. Sie erzählten von Menschen unter Druck, von Entscheidungen, von Verantwortung.

1933 endete diese Berliner Phase abrupt. Als Kommunistin und Jüdin war Anna Seghers unmittelbar bedroht. Ihre Bücher wurden verboten und verbrannt. Sie floh mit ihrer Familie erst nach Frankreich. Später, nach der deutschen Besetzung, ging der Weg weiter ins Exil nach Mexiko. Das Exil wurde zu einem zentralen Thema ihres Schreibens.

In Mexiko entstand auch ihr bekanntestes Werk, „Das siebte Kreuz“. Der Roman erschien 1942 und erzählt von der Flucht aus einem Konzentrationslager.

1947 kehrte Anna Seghers nach Berlin zurück. Sie entschied sich bewusst für den Osten der Stadt. In der DDR prägte sie das literarische Leben über Jahrzehnte. Von 1952 bis 1978 war sie Präsidentin des Schriftstellerverbandes. Sie hatte Einfluss, trug Verantwortung und blieb zugleich eine umstrittene Figur. Ihr Schweigen in politischen Konflikten der DDR wurde später kritisch diskutiert.

Anna Seghers starb 1983 in Berlin. Sie ist auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof begraben, neben vielen anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern.

Wir gehen jetzt ein paar Meter weiter zur Hausnummer 16. Dort treffen wir auf den Visagisten René Koch, der uns sein Lippenstiftmuseum vorstellt.

276. Kiezspaziergang: Lippenstiftmuseum

4. Station: Lippenstiftmuseum

An dieser Stelle stoßen wir auf eine Besonderheit im Kiez. In einem ganz normalen Wohnhaus befindet sich das Lippenstiftmuseum. Es ist kein öffentliches Museum im klassischen Sinn, sondern eine private Sammlung, die nach Anmeldung zugänglich ist.

René Koch ist Visagist, Sammler und Geschichtenerzähler. Seit 2009 öffnet er seine privaten Räume für Besucherinnen und Besucher. Er zeigt seine einzigartige Sammlung rund um den Lippenstift. Inzwischen umfasst sie weit über tausend Exponate.

Das Museum widmet sich der Geschichte des Lippenstifts. Und damit einem Gegenstand, der oft unterschätzt wird. Denn Lippenstift ist mehr als Kosmetik. Er ist Ausdruck von Mode, Zeitgeist, gesellschaftlichen Normen und politischen Haltungen. So wurde Schminken etwa in vielen Diktaturen verboten oder abgewertet. Individualität war unerwünscht. In anderen Kulturen wiederum war Lippenfarbe nie auf ein Geschlecht beschränkt. Auch solche Unterschiede werden hier sichtbar gemacht.

Gezeigt werden Lippenstifte, Make-up-Etuis, Werbeplakate und Zubehör aus mehr als zwei Jahrhunderten. Die Sammlung reicht vom Barock bis in die Gegenwart. Zu sehen sind seltene Stücke, aber auch Alltagsprodukte. Zum Beispiel der sogenannte Volkslippenstift aus der DDR. Ein kleines Objekt, das viel über Konsum, Ideologie und Alltag erzählt.

Ein Schwerpunkt liegt auf Film, Theater und Popkultur. Lippenstift spielte dort früh eine wichtige Rolle. In der Stummfilmzeit ebenso wie später im Farbfilm. Die Ausstellung zeigt, wie stark Bilder von Weiblichkeit, Glamour oder Rebellion mit Lippenfarbe verbunden waren – und bis heute sind.

Ein eigener Bereich ist Kussabdrücken gewidmet. Über 150 sind es inzwischen. Sie stammen von bekannten Künstlerinnen und Persönlichkeiten.

Wir gehen jetzt weiter zum Bewag-Abspannwerk Prinzregentenstraße. Dazu überqueren wir gleich die Berliner Straße, gehen nach rechts und biegen an der Ecke Prinzregentenstraße links in die Straße ein. Wir treffen uns an der Hausnummer 26-29 wieder.

276. Kiezspaziergang: Bewag-Abspannwerk

5. Station: Bewag-Abspannwerk (Prinzregentenstraße 26-29)

Das Bewag-Abspannwerk an der Prinzregentenstraße ist ein technischer Zweckbau aus den 1920er Jahren und steht heute unter Denkmalschutz. Es wurde zwischen 1926 und 1929 nach Entwürfen des Architekten Paul Stanke für die Elektrizitätswerk Südwest AG errichtet. Dieses Unternehmen versorgte damals die Stadtteile Schöneberg und Wilmersdorf mit Strom.

Das Gebäude spielte eine wichtige Rolle in der Berliner Elektrizitätsgeschichte. Es war Teil des 30-Kilovolt-Netzes, das Schöneberg und Wilmersdorf mit dem Berliner Verbundnetz verband. Damit steht das Abspannwerk für den Übergang von eigenständiger lokaler Versorgung hin zur technischen und organisatorischen Vereinheitlichung nach der Bildung von Groß-Berlin im Jahr 1920.

1938 fusionierte die Elektrizitätswerk Südwest AG mit der Berliner Kraft- und Licht AG, der Bewag.

Architektonisch ist das Abspannwerk ein Stahlskelettbau mit Klinkerverkleidung und streng symmetrischem Aufbau. Klinker war in dieser Zeit ein typisches Material: langlebig, feuerfest und zugleich gut gestaltbar. Zweckbauten sollten funktional sein, aber auch in das Stadtbild passen – genau das zeigt sich hier.
Im Zentrum steht ein breiter, fünfgeschossiger Mittelbau, in dem ursprünglich Büroräume untergebracht waren. Seitlich schließen sich zwei leicht zurückgesetzte Schalthäuser an.

Der Mittelteil ist horizontal gegliedert: durch bandartige Fenster, durchgehende Gesimse und sorgfältig gesetzte Klinkerflächen. Die seitlichen Schalthäuser sind dagegen vertikal betont, mit schmalen Fensterbändern über mehrere Geschosse. So wird die technische Nutzung auch von außen sichtbar.

Der Haupteingang ist als gestuft eingezogenes Portal ausgebildet. Er wirkt zurückhaltend, aber klar betont. Darüber liegen große querrechteckige Fenster. Den oberen Abschluss bilden flache, auskragende Walmdächer. Stilistisch bewegt sich das Gebäude zwischen Neuer Sachlichkeit und leichten expressionistischen Anklängen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Abspannwerk beschädigt. In den Jahren 1954 und 1955 erfolgte der Wiederaufbau, wobei die ursprüngliche Gestalt weitgehend erhalten blieb.

1965 kam ein Erweiterungsbau auf einem benachbarten Grundstück hinzu. Er stammt von der Bauabteilung der Bewag und bildet einen deutlichen Kontrast: ein nahezu fensterloser Kubus aus vorgefertigten Fassadenelementen, ganz auf Funktion ausgerichtet – typisch für die Nachkriegszeit.

Heute gehört das Gebäude zum Unternehmen Stromnetz Berlin, das als Eigentümer der Stromnetzanlagen in Berlin für den Betrieb des Stromverteilungsnetzes zuständig ist.

Wir gehen jetzt die Straße weiter entlang und treffen uns an der Hausnummer 66 wieder.

276. Kiezspaziergang: Walter Benjamin

6. Station: Gedenktafel für Walter Benjamin (Prinzregentenstraße 66)

Wir stehen hier an einem Ort, der an einen der wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts erinnert. Walter Benjamin lebte von 1930 bis 1933 an dieser Stelle. Das ursprüngliche Haus existiert nicht mehr.

Walter Benjamin war Literaturkritiker, Essayist und Philosoph. Er wurde 1892 in Berlin geboren und wuchs in einer jüdischen bürgerlichen Familie auf. Berlin blieb für ihn lange ein zentraler Bezugspunkt. Auch dann noch, als sein Leben zunehmend von Unsicherheit und Ortswechseln geprägt war.

In den Jahren hier in der Prinzregentenstraße arbeitete Benjamin unter anderem an einem sehr persönlichen Text: „Berliner Kindheit um 1900“. Darin erinnert er sich an seine eigene frühe Kindheit. Er beschreibt Straßen, Zimmer, Gegenstände, Stimmungen. Kleine Beobachtungen werden bei ihm zu Denkansätzen. Diese Art zu schreiben wurde später typisch für ihn.

Benjamin war kein Universitätsphilosoph. Seine Habilitation scheiterte. Er lebte als freier Schriftsteller, oft unter prekären Bedingungen. Er schrieb für Zeitungen, den Rundfunk, übersetzte große Autoren wie Baudelaire und Proust. Gleichzeitig entwickelte er eine sehr eigene Form des Denkens. Fragmentarisch, suchend, oft quer zu den akademischen Systemen.

Sein bekanntester Essay trägt den Titel „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Darin geht es um Fotografie, Film und Massenkultur. Viele seiner Gedanken wirken bis heute erstaunlich aktuell. Zu Lebzeiten blieb er in der breiten Öffentlichkeit unbekannt. Erst nach dem Krieg wurde sein Werk nach und nach bekannt.

1933 musste Walter Benjamin emigrieren. Als Jude und als unabhängiger linker Intellektueller war er bedroht. Er ging nach Paris. Dort lebte er jahrelang in Unsicherheit, abhängig von Unterstützungen durch Freunde und Institutionen. Zu seinen engen Weggefährten gehörten Theodor W. Adorno, Bertolt Brecht und Hannah Arendt.

Als die deutsche Wehrmacht Frankreich besetzte, versuchte Benjamin zu fliehen. Sein Ziel waren die USA. Im September 1940 erreichte er die spanische Grenzstadt Portbou. Dort erfuhr er, dass ihm die Weiterreise vermutlich verwehrt würde. Aus Angst vor der Auslieferung an die Gestapo nahm er sich das Leben.

Unsere nächste Station ist die Volkshochschule Charlottenburg. Wir wechseln die Straßenseite und treffen uns an der Hausnummer 33.

276. Kiezspaziergang: Volkshochschule City West

7. Station: Volkshochschule Charlottenburg (Prinzregentenstraße 33)

Wir stehen hier an einem der zentralen Standorte der Volkshochschule Charlottenburg-Wilmersdorf. Das Lernzentrum in der Prinzregentenstraße wurde 2014 eröffnet. Es liegt direkt am Volkspark Wilmersdorf und ergänzt das Stammhaus in der Pestalozzistraße.

Die Volkshochschule ist eine kommunale Einrichtung des Bezirks. Sie richtet sich an Erwachsene und an Jugendliche ab 15 Jahren. Ihr Grundgedanke ist das lebenslange Lernen. Die Angebote stehen Menschen offen, unabhängig von Herkunft, Bildungsweg oder Beruf.

Die Geschichte der Volkshochschule in Charlottenburg reicht bis ins Jahr 1905 zurück. Schon früh gab es hier Fortbildungskurse für Arbeiterinnen und Arbeiter. Bildung sollte nicht nur einer akademischen Elite vorbehalten sein. Diese Idee war für ihre Zeit ungewöhnlich und fortschrittlich.

Anfangs waren die Kurse kostenlos, allerdings nur für Männer zugänglich. Erst ab 1913 durften auch Frauen teilnehmen. Trotz dieser Einschränkungen markierte die frühe Volkshochschularbeit einen wichtigen Schritt hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit.

Nach der Gründung von Groß-Berlin 1920 wurde die Volkshochschule Teil eines stadtweiten Bildungssystems. Die politischen Brüche des 20. Jahrhunderts hinterließen auch hier ihre Spuren. Während der NS-Zeit wurde die Arbeit gleichgeschaltet. Nach 1945 begann der mühsame Neuanfang unter schwierigen Bedingungen.

Heute arbeitet die VHS City West an mehreren Standorten im Bezirk. Neben dem historischen Gebäude in der Pestalozzistraße gehört das Lernzentrum in der Prinzregentenstraße zu den wichtigsten. Hier gibt es helle Kursräume, PC-Räume, Bewegungs- und Tanzräume sowie Werkstätten für praktische Angebote, etwa für Nähen oder Textilarbeit.

Inhaltlich ist das Programm breit angelegt. Es umfasst Politik und Gesellschaft, Kultur, Gesundheit, Sprachen, berufliche Weiterbildung und Grundbildung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Kursen, die grundlegende Kompetenzen stärken und den Einstieg ins Weiterlernen erleichtern.

Die Volkshochschule versteht sich als demokratische Bildungsinstitution. Sie ist politisch und weltanschaulich unabhängig. Offenheit, Respekt und Qualität prägen ihre Arbeit. Lernen gilt dann als gelungen, wenn Menschen ihre eigenen Ziele erreichen, Neues mitnehmen und motiviert bleiben.

Jährlich finden hier tausende Kurse statt. Getragen wird dieses Angebot von einem kleinen festen Team und vielen freiberuflichen Kursleitenden.

Wir gehen weiter zu unserer nächsten Station. Dazu gehen wir ein paar Meter zurück bis zur Waghäuseler Straße und biegen dort links ein. An der Bundesallee halten wir uns wieder links und treffen uns an der Jugendverkehrsschule Wilmersdorf.

276. Kiezspaziergang:Jugendverkehrsschule

8. Station: Jugendverkehrsschule Wilmersdorf

Die Jugendverkehrsschule Wilmersdorf ist ein Lern- und Übungsplatz für den Straßenverkehr. Im Mittelpunkt steht das sichere Radfahren. Und zwar nicht auf der Straße, sondern in einer geschützten Umgebung.

Der Verkehr in der Stadt nimmt seit Jahren zu. Für Kinder wird es dadurch schwieriger, sich sicher zu bewegen. Schon 1996 forderte die Kultusministerkonferenz deshalb eine umfassende Mobilitätserziehung. Kinder sollen lernen, selbstständig, sicher und möglichst klimafreundlich unterwegs zu sein.

Genau hier setzt die Jugendverkehrsschule an. Kinder zwischen vier und sechzehn Jahren üben hier, wie Verkehr funktioniert. Nicht theoretisch aus dem Buch, sondern auf dem Fahrrad. Sie lernen Verkehrszeichen, Regeln und Verhaltensweisen kennen. Schritt für Schritt und altersgerecht.

Das Gelände ist wie ein kleines Straßennetz aufgebaut. Es gibt Fahrbahnen, Kreuzungen, Ampeln, Zebrastreifen und Verkehrsschilder. So können Kinder reale Situationen üben, ohne echten Gefahren ausgesetzt zu sein. Pädagogisch geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begleiten die Übungen.

Wichtige Grundlagen werden hier vermittelt. Zum Beispiel der bewusste Blick über die Schulter vor dem Abbiegen. Es geht um Vorfahrt, ums Anhalten, um Aufmerksamkeit. Und auch um den Fahrradhelm und warum er sinnvoll ist.

Ein zentrales Ziel ist die Vorbereitung auf den Radfahrschein. Die Kinder trainieren auf festen Prüfungsstrecken. Sie gewinnen Sicherheit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das stärkt nicht nur die Verkehrssicherheit, sondern auch die Selbstständigkeit.

Zur Ausstattung gehören Fahrräder für unterschiedliche Altersstufen. Vom Laufrad bis zum Jugendrad ist alles da. Eine eigene Fahrradwerkstatt sorgt dafür, dass die Räder verkehrstauglich bleiben.

Aber auch Jugendliche ab 60 können hier etwas lernen, nämlich den Umgang mit Elektro-Scootern und Pedelecs. In den kostenlosen Kursen geht es um Geschwindigkeit, Bremswege, Reaktionszeiten und tote Winkel. Auch Schutzkleidung und Diebstahlschutz werden thematisiert. Räder, Scooter und Helme werden auf Wunsch gestellt.

Wir gehen jetzt über den Volksparksteg in den Volkspark Wilmersdorf und treffen uns an den Schachtischen.

276. Kiezspaziergang: Volkspark Wilmersdorf

9. Station: Volkspark Wilmersdorf

Der Volkspark Wilmersdorf ist die größte Grünanlage in Wilmersdorf und Teil eines langen grünen Bands, das sich zusammen mit dem Rudolph-Wilde-Park über rund zweieinhalb Kilometer durch die Stadt zieht. Der Grünzug folgt einer eiszeitlichen Rinne. Deshalb ist er schmal, aber sehr lang. An manchen Stellen misst er kaum 150 Meter in der Breite.

Entstanden ist der Park vor gut hundert Jahren. Damals waren Wilmersdorf und Schöneberg noch eigenständige, wohlhabende Städte. Man wollte die Wohngebiete für ein bürgerliches Publikum aufwerten. Das sumpfige Gelände eignete sich ohnehin nicht zum Bauen. So wurde daraus Grün.

Der Volkspark Wilmersdorf entwickelte sich in mehreren Etappen zwischen 1912 und 1936. In den 1960er Jahren wurde er noch einmal stark umgestaltet. Heute gliedert er sich in drei sehr unterschiedliche Abschnitte, die durch große Straßen voneinander getrennt sind.

Im Osten, nahe der Kufsteiner Straße, geht der Park fast unmerklich in den Rudolph-Wilde-Park über. Hier finden wir weite Wiesen, alte Bäume und den großen Spielplatz am Hans-Rosenthal-Platz beim ehemaligen RIAS-Gebäude. Dieser Teil ist sehr belebt. Familien, Jugendliche und Schulklassen nutzen ihn täglich.

Zwischen Uhlandstraße und Bundesallee öffnet sich der Park zu einem breiten Wiesental. Hier lagen früher der Wilmersdorfer See und ein beliebtes Seebad. Der See wurde im frühen 20. Jahrhundert zugeschüttet. Heute erinnern nur noch die offenen Flächen und die Sportanlagen an diese Geschichte. Fußballplätze, Liegewiesen, Minigolf und kleinere Gärten prägen diesen Abschnitt. Unter Bäumen gibt es Plätze zum Schachspielen und zum Verweilen.

Die Bundesallee zerschneidet den Park. Seit 1971 verbindet der knallgelbe Volksparksteg die beiden Teile.

Westlich davon verändert sich der Charakter deutlich. Hier liegt der Fennsee. Er ist das letzte sichtbare Überbleibsel der früheren Gewässerlandschaft. Steile Ufer, dichtes Gehölz und schmale Wege geben diesem Abschnitt etwas Wildes und Zurückgezogenes. Besonders bei Spaziergängern und Joggern ist dieser Teil beliebt.

Jetzt geht es zur letzten Station unseres Spaziergangs, dem Schoeler Schlösschen. Dazu gehen wir die Straße weiter entlang und biegen an der Ecke rechts in den Schoelerpark ein.

276. Kiezspaziergang: Schoeler Schlösschen

10. Station: Schoeler Schlösschen (Wilhelmsaue 126)

Das Schoeler Schlösschen ist das älteste erhaltene Gebäude in Wilmersdorf. Seine Geschichte beginnt Mitte des 18. Jahrhunderts, lange bevor Wilmersdorf zur Großstadt wurde.

Ursprünglich stand hier ein einfaches bäuerliches Haus. Es wurde um 1752 für den Pfarrer Samuel Gottlieb Fuhrmann errichtet. Dazu gehörte eine Maulbeerplantage für die Seidenraupenzucht. Wilmersdorf war damals ein kleines Angerdorf am See.

Schon wenige Jahre später änderte sich der Charakter des Hauses grundlegend. 1765 ließ der Berliner Kaufmann Cornelius Adrian Hesse ein barockes Landhaus errichten. Aus dem Nutzbau wurde ein repräsentativer Sommersitz. Der große Garten reichte bis zum Wilmersdorfer See. Das Haus überstand Brände und Kriege und blieb ungewöhnlich gut erhalten.

Im 19. Jahrhundert wechselte das Anwesen mehrfach den Besitzer. Bankiers, Fabrikanten und Akademiker nutzten es als Sommerresidenz. Der Garten wurde erweitert, umgestaltet und galt zeitweise als Sehenswürdigkeit. Das Schlösschen erzählt damit auch vom Wandel Wilmersdorfs: vom Dorf zur Sommerfrische und schließlich zum dicht bebauten Stadtteil.

Seinen heutigen Namen erhielt das Haus 1893. Damals kaufte der bekannte Augenarzt Heinrich Schoeler das Anwesen. Er lebte hier bis zu seinem Tod 1918. Die Familie bewohnte das Haus ganzjährig, hielt aber bewusst an einem eher traditionellen Lebensstil fest. Elektrisches Licht oder Telefon ließ Schoeler nicht einbauen. In dieser Zeit wuchs Wilmersdorf ringsum rasant.

Nach dem Ersten Weltkrieg geriet das Grundstück unter Druck. In den späten 1920er Jahren entstanden rundherum große Wohnanlagen. Das Haus selbst konnte nur durch Interventionen erhalten werden. Es ging in städtischen Besitz über und wurde dem Jugendamt übertragen.

In der NS-Zeit wurde das Schlösschen massiv umgebaut. Ein zusätzliches Stockwerk kam hinzu. Das Haus diente als Heim der Hitlerjugend und als Ort einer lokalgeschichtlichen Ausstellung. Diese Phase gehört zur schwierigen Geschichte des Gebäudes.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann ein neuer Abschnitt. Ab 1946 wurde das Haus fast sechs Jahrzehnte lang als Kindertagesstätte genutzt. Viele Wilmersdorferinnen und Wilmersdorfer verbinden persönliche Erinnerungen mit dieser Zeit. Erst ein Brand im Jahr 2003 führte zum Leerstand.

Es folgten lange Jahre der Unsicherheit. Sanierungspläne, Finanzierungsmodelle und Nutzungsideen wechselten. Auch der Versuch, hier die Bibliothek von Altbundespräsident Johannes Rau unterzubringen, scheiterte. Eine Bürgerinitiative setzte sich für eine kulturelle Nutzung ein. Zwischendurch wurde das Haus temporär für zeitgenössische Kunst geöffnet.

Ab 2021 begann schließlich die umfassende Sanierung. Ziel war eine barrierearme Wiederherstellung und eine dauerhafte kulturelle Nutzung. Die Arbeiten wurden mit Bundesmitteln und durch den Bezirk finanziert.

Seit 2025 ist das Schoeler-Schlösschen wieder geöffnet. Es versteht sich heute als Kultur- und Begegnungsort für den Kiez. Mit Ausstellungen, Work-Shops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Konzerten und Lesungen. Oder einfach nur zum Kaffeetrinken und Kuchenessen im Café.

Das Schoeler-Schlösschen ist damit kein Museum im klassischen Sinn. Es ist ein Haus mit vielen Schichten. Es erzählt von fast 300 Jahren Ortsgeschichte. Und es zeigt, wie ein historisches Gebäude immer wieder neue Bedeutungen annehmen kann.

Damit sind wir am Ende des heuten Spaziergangs. Ich danke Ihnen, dass Sie mich bei diesen winterlichen Temperaturen begleitet haben.

Zum Abschluss noch ein Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang: Treffpunkt ist am Samstag, 14. März, um 14 Uhr an der Fasanenstraße 69, der Gedenktafel von Asta Nielsen.

Zusammen mit Bezirksbürgermeisterin Kirstin Bauch entdecken Sie Künstlerinnen, die das kulturelle Leben des Bezirks geprägt haben — von Film, Fotografie und Literatur bis hin zu Tanz und bildender Kunst.

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