Unter diesem schlichten Stein liegt eine Frau, die Anfang des 20. Jahrhunderts etwas völlig Unerhörtes getan hat: Sie wurde die erste Pilotin Deutschlands.
Melli Beese hieß eigentlich Amelie Hedwig Beese. Sie wurde 1886 bei Dresden geboren, als Tochter eines wohlhabenden Architekten. Ihr Elternhaus war bürgerlich, gesichert – aber die Rolle, die für Frauen vorgesehen war, passte ihr nicht. Studieren durften Frauen in Deutschland damals kaum. Also ging sie dahin, wo es möglich war: nach Stockholm. Dort studierte sie von 1906 bis 1909 Bildhauerei an der Königlichen Akademie der freien Künste. Nebenbei entdeckte sie ihre zweite große Liebe: das Meer und das Segeln.
In der Zeitung las sie von den Brüdern Wright und ihren Flugversuchen. Und da war für sie plötzlich klar:
„Fliegen. Ich wollte fliegen lernen. Das war aber auch alles, von dem ich wusste, dass ich es wollte.“
1909 ging sie nach Deutschland zurück. In Dresden besuchte sie als Gasthörerin Vorlesungen zu Mathematik, Mechanik, Schiffbau und Flugwesen. Aber Theorie genügte ihr nicht. Sie wollte wirklich fliegen und nicht nur zusehen.
Die Fliegerei war neu, gefährlich und fest in Männerhand. Frauen galten als „ungeeignet“. Mehrere Flugschulen lehnten sie ab, die Albatros-Werke etwa „mangels Erfahrung mit weiblichen Schülern“. Schließlich nahm sie in Johannisthal bei Berlin der Pilot Robert Thelen widerwillig als Schülerin an.
Schon beim zweiten Übungsflug kam es 1910 zu einem schweren Unfall: Der Motor setzte aus, das Flugzeug stürzte aus etwa 20 Metern ab. Melli Beese brach sich den Knöchel, bekam Morphin gegen die Schmerzen. Daraus entstand später eine Abhängigkeit, die sie ihr Leben lang begleiten sollte. Für ihren Fluglehrer war der Absturz der Beweis, dass Frauen im Flugzeug „Unglück bringen“. Er weigerte sich, sie weiter zu unterrichten.
Melli Beese gab trotzdem nicht auf. 1911 wechselte sie zu den Rumpler-Werken. Dort versprach man sich von einer Pilotin gute Werbung, aber im Alltag erlebte sie offenen Widerstand: Man verspottete sie, drängte sie aus Flügen heraus, sabotierte ihre Maschine, ließ das Benzin ab und manipulierte ihre Zündkerzen. Einmal entdeckte sie kurz nach dem Start, dass Verspannungen an den Tragflächen gelöst wurden – ein lebensgefährlicher „Streich“.
Am 13. September 1911, ihrem 25. Geburtstag, trat sie frühmorgens auf dem Flugfeld an, bevor ihre Konkurrenten eintrafen. Sie flog drei makellose Runden, landete punktgenau – und erhielt die Flugzeugführerlizenz Nummer 115. Sie war damit die erste Frau in Deutschland, die offiziell fliegen durfte.
Danach machte sie weiter: Sie nahm an Flugwochen teil, erreicht gute Platzierungen, stellt 1911/12 Rekorde auf, etwa im Höhen- und Dauerflug für Frauen. 1912 gründete sie gemeinsam mit Charles Boutard und Hermann Reichelt die Flugschule Melli Beese GmbH und konstruierte sogar eigene Flugzeugtypen, darunter die „Beese-Taube“. Doch mit dem Ersten Weltkrieg änderte sich alles. Weil sie durch ihre Heirat mit Charles Boutard die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, galt sie plötzlich als „feindliche Ausländerin“. Die Behörden schlossen ihre Schule, beschlagnahmten die Flugzeuge und stellten sie unter Aufsicht.
Nach dem Krieg kämpfte sie vergeblich um Entschädigungen. Sie versuchte, ihre Fluglizenz zu erneuern, stürzte dabei ab – blieb aber unverletzt. Ihre Ehe zerbrach, die finanzielle Lage war hoffnungslos, ihre Morphiumsucht belastete sie immer stärker. Am 21. Dezember 1925 nahm sich Melli Beese das Leben. Auf einem Zettel soll sie geschrieben haben:
„Fliegen ist notwendig. Leben nicht.“
Sie wurde hier auf dem städtischen Friedhof Schmargendorf beerdigt. Seit 1975 ist ihr Grab ein Ehrengrab des Landes Berlin.
Wir verlassen den Friedhof wieder, halten uns rechts und gehen zu unserer letzten Station: Die Breite Straße.