273. Kiezspaziergang – Jüdisches Leben in Grunewald

273. Kiezspaziergang: S-Bahnhof Grunewald

Herzlich willkommen zum 273. Kiezspaziergang. Mein Name ist Simon Hertel und ich bin der Bezirksstadtrat für Jugend und Gesundheit.

Bevor wir jetzt richtig in das heutige Thema einsteigen, vorweg der Werbeblock für den nächsten Spaziergang:
Beim nächsten Kiezspaziergang am Samstag, 13. Dezember, um 14 Uhr erkunden Sie mit meiner Kollegin Bezirksstadträtin Astrid Duda Schmargendorf. Treffpunkt ist das Rathaus Schmargendorf am Berkaer Platz 1.

Der 273. Kiezspaziergang kann auf Komoot nachgelaufen werden.

273. Kiezspaziergang: Eingang S-Bahnhof Grunewald

1. Station: S-Bahn-Station Grunewald

Die Villenkolonie Grunewald entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wurde bald zu einer der begehrtesten Wohnlagen des Berliner Bürgertums. Inmitten von Wäldern und Seen entstanden prächtige Villen, die das Bild des Viertels bis heute prägen.

Die Villenkolonie Grunewald war auch ein Zentrum jüdischen Lebens. Viele ihrer Bewohnerinnen und Bewohner prägten das kulturelle und wirtschaftliche Leben Berlins entscheidend mit. Namen wie Samuel Fischer, Hans Ullstein und Walther Rathenau stehen für diese Zeit des Aufbruchs und der Kreativität.

Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich alles. Auch im idyllischen Grunewald wurden die Bewohnerinnen und Bewohner bald mit der brutalen Realität der Verfolgung konfrontiert. Mindestens ein Drittel der Bevölkerung im Grunewald war von rassischer oder politischer Verfolgung, von Repression, Enteignung oder Ermordung betroffen. Nur wenige schafften es zu emigrieren.

Der Bahnhof Grunewald, wurde ab 1941 zum Ausgangspunkt der Deportationen von Berliner Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager.

Gleichzeitig zog auch die neue Macht in den Grunewald ein. Auf Schwanenwerder wohnten der Propagandaminister Joseph Goebbels, Hitlers Leibarzt Theo Morell und Generalbauinspektor Albert Speer. Institutionen des Regimes ließen sich nieder: die Reichsbräuteschule, die junge Frauen auf ihre Rolle als Ehefrauen von SS-Angehörigen vorbereiten sollte, oder Aufmarschplätze der Hitlerjugend auf dem Hochschulsportplatz im Jagen 60.

Auf unserem Spaziergang werden wir heute Orte besuchen, die von dieser Zeit erzählen, und an die Menschen erinnern, deren Leben zerstört wurden.

Ein Ort, der das auf besonders eindrückliche Weise zeigt, ist Gleis 17, unsere nächste Station. Auf dem Weg gehen wir an einer Betonmauer mit Negativabdrücken menschlicher Körper entlang – einem Mahnmal des polnischen Künstlers Karol Broniatowski, das auf Initiative des damaligen Bezirks Wilmersdorf entstand und am 18. Oktober 1991 enthüllt wurde. Es erinnert an die Deportationen mit der Eisenbahn ebenso wie an die zahllosen Märsche aus den Berliner Zwischenlagern zu den Bahnhöfen des Abtransports.

273. Kiezspaziergang: Gedenkstätte Gleis 17

2. Station: Gedenkstätte Gleis 17

Zwischen Oktober 1941 und Frühjahr 1945 fuhren von hier regelmäßig Züge in Richtung Osten – manchmal wöchentlich, manchmal täglich. Insgesamt wurden rund 50.000 Berliner Jüdinnen und Juden deportiert, nicht nur von hier, sondern auch vom Güterbahnhof Moabit und vom Anhalter Bahnhof. Damit gehört der Bahnhof Grunewald zu den zentralen Orten der Deportationen aus Berlin.

Das Mahnmal „Gleis 17“, das wir heute sehen, erinnert an diese Verbrechen. Es wurde 1998 von der Deutschen Bahn errichtet. In den Schotter des Bahnsteigs sind 186 Stahlplatten eingelassen. Jede Platte trägt das Datum eines Transports, die Zahl der Deportierten und den Zielort. Die nationalsozialistischen Behörden führten über diese Vernichtungsaktionen genaue Aufzeichnungen. Wenn man die Reihenfolge liest, wird deutlich, wie systematisch die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung organisiert war.

Die Vegetation, die sich über die Jahre zwischen den Schienen ausgebreitet hat, gehört bewusst zum Mahnmal. Sie steht als Zeichen des Lebens – und als Symbol dafür, dass von diesem Gleis nie wieder ein Zug abfahren wird.
Jedes Jahr erinnert ein Schweigemarsch, organisiert von Schülerinnen und Schülern des Gottfried-Keller-Gymnasiums, der Landespolizeiakademie Berlin und des Walther-Rathenau-Gymnasiums, an die Opfer der Pogromnacht vom 9. November 1938. Der Gedenkzug beginnt am Walther-Rathenau-Denkmal und führt hierher zum Mahnmal Gleis 17. So wird die Erinnerung an die Opfer lebendig gehalten.

Nach diesem stillen Ort der Erinnerung führt uns der Weg weiter – zur Hilde-Ephraim-Straße. Sie trägt den Namen einer Frau, die im Widerstand gegen das NS-Regime kämpfte. Dazu gehen wir ein wenig Querfeld ein und über einen schmalen Trampelpfad durch die Wiese – er führt uns direkt zur nächsten Station, der Hilde-Ephraim-Straße.

273. Kiezspaziergang: Straßenschild mit Aufschrift Hilde-Ephraim-Straße

3. Station: Hilde-Ephraim-Straße – Eine Widerstandskämpferin gegen das Naziregime

Diese Straße wurde 2009 als neue Erschließungsstraße in einer Villensiedlung angelegt und 2010 nach einer mutigen Frau benannt: Hilde Ephraim. Sie war eine Widerstandskämpferin, die sich mit großer Entschlossenheit gegen das nationalsozialistische Regime stellte – und dafür mit ihrem Leben bezahlen musste.

Hilde Ephraim wurde am 1. April 1905 in Berlin geboren. Sie wuchs in einer jüdischen Familie auf und machte eine Ausbildung zur Fürsorgerin. In Brandenburg an der Havel arbeitete sie als Sozialarbeiterin, bevor sie 1931 der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) beitrat, einer linken Abspaltung der SPD. In einer Zeit, in der politische Überzeugungen gefährlich wurden, stand sie offen auf der Seite der Gegner des Nationalsozialismus.

Nach der Machtübernahme 1933 wurde sie wegen ihrer jüdischen Herkunft und ihrer politischen Haltung aus dem Staatsdienst entlassen. Doch sie ließ sich nicht einschüchtern. In Berlin schloss sie sich dem Widerstand an und kümmerte sich besonders um die Familien von Verhafteten.

Sie organisierte Hilfe für Menschen, die wegen ihrer politischen Überzeugung oder ihrer Herkunft verfolgt wurden – vor allem im Rahmen der „Roten Hilfe“, einer Organisation, die politisch Verfolgte und ihre Angehörigen unterstützte.

1936 wurde Hilde Ephraim von der Gestapo verhaftet. Während der Verhöre wurde sie schwer misshandelt, doch sie blieb standhaft und verriet ihre Mitstreiter nicht. Ein Jahr später verurteilte sie der Volksgerichtshof zu vier Jahren Zuchthaus, die sie in Lübeck und Amberg verbüßte. Trotz der unmenschlichen Haftbedingungen überlebte sie.

Doch am Ende ihrer Strafe kam keine Freiheit. Im September 1940 wurde sie Opfer des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms, der sogenannten Aktion T4. Man verschleppte sie in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz, wo sie am 20. September 1940 ermordet wurde – mit nur 35 Jahren.

Wir gehen nun weiter zur nächsten Station, der Gedenktafel für den Verleger Samuel Fischer. Dazu gehen wir die Hilde-Ephraim-Straße entlang und biegen an der Ecke Trabener Straße links ab. Der Trabener Straße folgen wir bis zur Ecke Erdener Straße. Dort treffen wir uns vor der Hausnummer 8.

273. Kiezspaziergang: S. Fischer

4. Station: Gedenktafel S. Fischer

Die Station, an der wir uns jetzt befinden, erinnert an eine der wichtigen Figuren der deutschen Literaturgeschichte: Samuel Fischer. Er war nicht nur Verleger, sondern ein leidenschaftlicher Förderer der Literatur – ein Mann, der den literarischen Aufbruch der Moderne in Deutschland entscheidend geprägt hat.

1905 zog Samuel Fischer in dieses Haus, das der Architekt Hermann Muthesius für ihn entwarf. Es wurde bald zu einem Treffpunkt der literarischen Welt. Hier kamen Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Hermann Hesse und viele andere Autoren zusammen. Fischer pflegte enge Beziehungen zu ihnen – er verstand sich nicht als Geschäftsmann, sondern als Partner und Freund seiner Schriftsteller.

Seinen S. Fischer Verlag gründete er bereits 1886. Er machte früh internationale Literatur in Deutschland bekannt, veröffentlichte Autoren wie Ibsen, Zola, Tolstoi und Dostojewski, und förderte die deutsche Moderne mit Werken von Hauptmann, Schnitzler und Mann. Viele dieser Bücher prägten Generationen und gehören bis heute zur Weltliteratur.

In den 1920er-Jahren stellte sich die Frage, wer sein Lebenswerk fortführen sollte. Fischer fand in seinem Schwiegersohn Gottfried Bermann Fischer einen Nachfolger, der ab 1925 in den Verlag eintrat und bald die Geschäftsführung übernahm. So blieb das Unternehmen in Familienhand.

Mit der Machtübernahme geriet der Verlag ins Visier der Nationalsozialisten. Fischer war Jude und viele seiner Autorinnen und Autoren – unter ihnen Stefan Zweig, Franz Werfel und Arnold Zweig – wurden verboten oder ins Exil gedrängt. Bücher des Verlags wurden beschlagnahmt, die Arbeit zunehmend unmöglich.

Samuel Fischer selbst blieb in Berlin. Er war krank und unterschätzte die Bedrohung, die von den neuen Machthabern ausging. 1934 starb er hier in seinem Haus in der Erdener Straße.

Nach seinem Tod wurde der Verlag zwangsweise aufgespalten und „arisiert“. Gottfried Bermann Fischer floh zunächst nach Wien, dann nach Stockholm und schließlich nach New York, wo er mit einem Teil des Verlags weiterarbeitete und versuchte, die Stimmen der Vertriebenen im Exil zu bewahren. Der andere Teil blieb in Berlin – unter dem alten Namen, aber ohne die Familie Fischer.
Das Schicksal des S. Fischer Verlags steht beispielhaft für das, was viele jüdische Unternehmer und Intellektuelle in dieser Zeit erlebten: Vertreibung, Enteignung und den Versuch, ihre Lebenswerke auszulöschen. Und es erinnert an den Verlust, den Deutschland durch die Vertreibung jüdischer Kulturschaffender erlitten hat.

Unsere nächste Station ist nur einige Meter entfernt. Wir gehen die Erdener Straße entlang bis zur Ecke Baraschstraße. Dort treffen wir uns vor der Litfaßsäule.

273. Kiezspaziergang: Barraschstraße - Litfaßsäule mit Geschichte zur Umbenennung der Straße

5. Station: Baraschstraße

Seit Februar 2022 trägt diese Straße den Namen Baraschstraße – zur Erinnerung an Arthur und Irene Barasch, ein jüdisches Ehepaar, das hier im Grunewald lebte. Zuvor hieß sie Wissmannstraße, benannt nach Hermann von Wissmann, einem Kolonialoffizier, der heute vor allem wegen seiner Rolle in Deutsch-Ostafrika und der dort angewandten Gewalt gegen die einheimische Bevölkerung in der Kritik steht.

Arthur Barasch wurde 1872 in Schlesien geboren. Gemeinsam mit seinem Bruder Georg gründete er die bekannte Warenhauskette „Gebrüder Barasch“, die in verschiedenen deutschen Städten Filialen hatte, darunter Breslau, Magdeburg und Königsberg. Mit einem umfangreichen Warenangebot und einer aufwendigen Innenausstattung galten die Warenhäuser damals als Inbegriff der Moderne. In Breslau führten die beiden Brüder nicht nur ein Warenhaus, sondern auch ein „Photographisches Atelier“ und veranstalteten Kunstausstellungen.

1921 zog Arthur Barasch mit seiner Frau Irene und den beiden Kindern Else und Werner in die Wissmannstraße 11. Die Familie war wohlhabend, offen und kulturell interessiert. In ihrer Villa fanden Konzerte und literarische Abende statt, die Familie war Teil des bürgerlichen Lebens dieser Villenkolonie. Doch die politischen Veränderungen machten auch vor ihrem Haus im Grunewald nicht Halt. Die Familie erlebte – wie so viele – Ausgrenzung und Antisemitismus. Irene Barasch verlor ihre Anstellung als Professorin an der Hochschule für Musik.

Während Irene Barasch und den beiden Kindern die Flucht aus dem Deutschen Reich gelang, blieb Arthur Barasch in Berlin und war der Verfolgung durch die Nationalsozialisten unmittelbar ausgesetzt. 1939 musste er sein Grundstück in der Wissmannstraße verkaufen, um staatliche Abgaben und Steuern zu begleichen. In den folgenden Jahren wurde sein Vermögen vollständig beschlagnahmt. Wegen eines angeblichen Devisenvergehens kam er ins Gefängnis nach Plötzensee. Nach seiner Entlassung lebte er kurzzeitig im Keller seines ehemaligen Hauses, bevor er deportiert und 1942 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde.

Seiner Frau und den Kindern wurde die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Irene Barasch wartete jahrelang in Kuba auf ein Visum für die USA. Ihrem Sohn Werner gelang die Flucht in die Schweiz, später musste er weitere Jahre in Frankreich und Spanien verbringen. Erst am 8. Mai 1945, dem Tag des Kriegsendes, erreichte er den Hafen von Philadelphia und konnte dort seine Mutter und Schwester wiedersehen.

Später schrieb Werner Barasch ein Buch über seine Erlebnisse. Es trägt den Titel „Entronnen“.

Von hier aus geht es nur eine Straßenecke weiter: Unsere nächste Station ist der Gedenkstein für Walther Rathenau.

273. Kiezspaziergang: Gedenkstein für Walther Rathenau

6. Station: Gedenkstein Walther Rathenau

Walther Rathenau war eine der herausragenden, aber auch umstrittenen Persönlichkeiten der Weimarer Republik. Er wurde 1867 in Berlin geboren, als ältester Sohn des Industriellen Emil Rathenau, dem Gründer der AEG. Die Familie gehörte zum wohlhabenden jüdischen Bürgertum, das in dieser Zeit maßgeblich zum wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg Berlins beitrug.

Rathenau war weit mehr als nur Industrieller. Er war Denker, Schriftsteller und Politiker – ein Mann, der versuchte, Wirtschaft und Ethik miteinander zu verbinden. Während des Ersten Weltkriegs leitete er die Kriegsrohstoffabteilung und organisierte die Versorgung der Industrie. Nach dem Krieg engagierte er sich in der Deutschen Demokratischen Partei und wurde 1922 Außenminister.

Rathenau hatte zeitlebens mit antisemitischen Anfeindungen zu kämpfen. Nach seiner Ernennung zum Außenminister wurden die Angriffe auf ihn immer heftiger. Mit dem Vertrag von Rapallo, den er im April 1922 mit der Sowjetunion schloss, wollte er Deutschlands internationale Isolation überwinden. Doch dieser Schritt machte ihn in nationalistischen und rechtsextremen Kreisen zur Zielscheibe. In der völkischen Presse wurde er offen angefeindet und als Symbolfigur einer sogenannten „Judenrepublik“ diffamiert.

Nach den Morden an Karl Gareis und Matthias Erzberger und den Attentaten auf Maximilian Harden und Philipp Scheidemann wurde auch Rathenaus Name in Hetzartikeln genannt – fast als Einladung zum nächsten Mord. Trotz konkreter Warnungen der Polizei lehnte er jede Form von Personenschutz ab.

Am 24. Juni 1922, auf dem Weg von seiner Villa in der Koenigsallee zum Auswärtigen Amt, wurde er von Mitgliedern der rechtsextremen Organisation Consul ermordet. Der Anschlag schockierte das Land. In Berlin demonstrierten mehr als 400.000 Menschen gegen die Tat und für die junge Republik. Der Mord an Walther Rathenau markierte einen Wendepunkt in der Weimarer Republik. Die politische Gewalt und die Anfeindungen gegen die Regierung nahmen zu, und Rathenaus Tod zeigte die Zerbrechlichkeit der Republik.

Von hier aus führt uns der Weg weiter zum Rhoda-Erdmann-Park, der an eine Wissenschaftlerin erinnert, die im nationalsozialistischen Deutschland ebenfalls verfolgt wurde. Wir gehen bis zum Park die Koenigsallee entlang.

273. Kiezspaziergang: Schild mit Aufschrift Rhoda-Erdmann-Park

7. Station: Rhoda-Erdmann-Park

Der Park trägt seit 2012 den Namen der Biologin und Zellforscherin Rhoda Erdmann. Sie war eine Pionierin der experimentellen Zellbiologie in Deutschland.

Erdmann wurde 1870 in Hersfeld geboren, wuchs aber in Hamburg auf. Ihr Vater war Lehrer, und als älteste Tochter übernahm sie früh Verantwortung für ihre Geschwister. Ihr eigener Bildungsweg war jedoch nicht einfach: Für Frauen war der Zugang zu Universitäten damals stark eingeschränkt. Sie arbeitete zunächst als Lehrerin. Ab 1903 studierte sie Naturwissenschaften und promovierte mit einer Arbeit über die Zellstruktur von See-Igel-Eiern – ein wichtiges Forschungsthema ihrer Zeit.

Nach ihrer Promotion arbeitete sie am Robert Koch-Institut, ging jedoch 1913 in die USA, wo sie an der Yale University und später am Rockefeller Institute for Medical Research forschte. Dort beschäftigte sie sich unter anderem mit der Geflügelpest. Während des Ersten Weltkriegs wurde sie deshalb jedoch verdächtigt, als „feindliche Ausländerin“ die amerikanische Geflügelbestände gefährden zu wollen. Der Vorwurf war haltlos, führte aber 1919 zu ihrer Ausweisung nach Deutschland.

In Berlin setzte Erdmann ihre wissenschaftliche Laufbahn fort. Sie baute an der Charité eine Abteilung für experimentelle Zellforschung auf. Als zweite Frau in Deutschland habilitierte sie sich 1920 im Fach Zoologie und wurde später außerordentliche Professorin. 1930 erhielt sie die Leitung eines eigenen Instituts für experimentelle Zellforschung. Gleichzeitig engagierte sie sich für Frauen in der Wissenschaft und gründete 1925 den „Verband deutscher Hochschuldozentinnen“.

Ihr beruflicher Weg endete jedoch abrupt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. 1933 denunzierten zwei Kollegen sie als „jüdisch“. Als sich das als falsch herausstellte, lautete der nächste Vorwurf, sie habe jüdischen Schülern bei der Stellensuche geholfen. Erdmann wurde verhaftet, nach zwei Wochen wieder entlassen, aber „aus prinzipiellen Gründen“ aus der Lehre ausgeschlossen. Sie durfte keine Vorlesungen mehr halten. 1935 starb sie nach längerer Krankheit mit nur 64 Jahren.

Auch wenn Erdmann keine Jüdin war, verweist ihr Schicksal auf dieselben Mechanismen, denen viele jüdische Bewohnerinnen und Bewohner des Grunewalds ausgesetzt waren: Denunziation, Ausschluss und zerstörte Biografien.

Wir gehen nun weiter zu unserer nächsten Station – zu den Stolpersteinen von Otto und Martha Hirsch. Dazu gehen wir die Koenigsallee weiter entlang bis zur Hausnummer 35.

273. Kiezspaziergang: Stolpersteine der Eheleute Martha und Otto Hirsch

8. Station: Stolpersteine Otto und Martha Hirsch

Hier, vor diesem Haus, erinnern die Stolpersteine an Otto und Martha Hirsch – zwei Menschen, deren Leben durch die nationalsozialistische Verfolgung zerstört wurde.

Otto Hirsch, 1885 in Stuttgart geboren, stammte aus einer jüdischen Familie und fiel schon früh durch sein großes juristisches Talent auf. Nach ausgezeichnetem Abitur und Jurastudium trat er 1912 in die Stuttgarter Stadtverwaltung ein. Zwei Jahre später heiratete er Martha Loeb, ebenfalls aus Stuttgart. Die beiden bekamen drei Kinder.

Hirsch machte schnell Karriere: 1921 wurde er jüngster Ministerialrat in Württemberg, arbeitete an großen Infrastrukturprojekten wie dem Neckarkanal und engagierte sich gleichzeitig stark in der jüdischen Gemeinschaft. 1930 wurde er Präsident des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs.

Doch 1933 verlor er seine Stellung und wechselte zur Reichsvertretung der Deutschen Juden, wo er deutschlandweit Emigration organisierte. Dafür zog die Familie nach Berlin und wohnte hier im Grunewald, in der Koenigsallee 35. Hirsch wusste, wie gefährlich seine Arbeit war, doch er führte sie trotz Gestapo-Druck und wiederholter Verhaftungen weiter.

1941 wurde er erneut festgenommen und ins Konzentrationslager Mauthausen verschleppt. Dort starb er am 19. Juni 1941. Es existiert nur der amtliche Vermerk über seinen Tod. Auch Martha Hirsch wurde verfolgt. Sie wurde 1942 nach Riga deportiert und am 29. Oktober dort ermordet.
Die Kinder konnten rechtzeitig fliehen: die Tochter Grete nach England, der Sohn Hans-Georg nach Amerika.

Die Stolpersteine, die wir hier und im ganzen Bezirk sehen, sind Teil eines europaweiten Kunstprojekts des Künstlers Gunter Demnig. Jeder Stein trägt den Namen eines Menschen, der hier wohnte und verfolgt wurde, und bringt seine Geschichte zurück an den Ort, an dem sie begann.

In Charlottenburg-Wilmersdorf ist die lokale Stolperstein-Initiative sehr aktiv. Ehrenamtliche recherchieren die Biografien, kontaktieren Angehörige und organisieren die Verlegungen. Viele dieser Lebensgeschichten wären ohne ihre Arbeit heute kaum noch bekannt. Die Biographien, die sie dabei zusammentragen, kann man auf der Website des Bezirksamts nachlesen.

Es gibt aber auch Kritik an den Steinen – etwa daran, dass sie im Boden liegen und man über die Namen läuft. Andere begrüßen gerade diese Form, weil sie Teil des Alltags ist und die Geschichte dort sichtbar macht, wo sie begann: vor den Häusern der Menschen.

Unabhängig von diesen Debatten erfüllen die Stolpersteine einen wichtigen Zweck: Sie geben einzelnen Biografien Raum und machen sichtbar, dass hinter jedem Namen ein Leben stand.

Von hier aus führt uns der Weg weiter zur Villa Noelle, der nächsten Station unseres Rundgangs. Wir gehen den Hasensprung entlang und biegen an der Winkler Straße links ab.

273. Kiezspaziergang: Villa Noelle

9. Station: Villa Noelle

Die Villa Noelle können wir heute kaum sehen – sie liegt hinter Bauzäunen und wird derzeit vollständig restauriert. Trotzdem lohnt ein kurzer Blick auf ihre Geschichte, denn sie zeigt, wie vielschichtig die Vergangenheit im Grunewald ist, auch dort, wo auf den ersten Blick kein direkter Bezug zu jüdischem Leben besteht.

Die Villa wurde 1901/02 für den Stahlbauunternehmer Ernst Noelle erbaut. Sie war ein prachtvoller Werksteinbau im Stil der deutschen Renaissance, mit Giebeln, Erkern und einer Fassade, die an nordalpine Burgen erinnerte. Das Grundstück reichte damals bis zum Dianasee und umfasste rund 9.000 Quadratmeter. Von dem Haus selbst ist heute nur wenig sichtbar – einst aber war es eines der imposantesten Gebäude der Villenkolonie.

Eine Verbindung zu unserem heutigen Thema ergibt sich über Ernst Noelles Enkelin: Elisabeth Noelle-Neumann, geboren 1916. Sie wurde später zur bekanntesten Meinungsforscherin der Bundesrepublik. Weniger bekannt ist, dass einige ihrer frühen wissenschaftlichen Arbeiten im Nationalsozialismus positiv aufgenommen wurden. So machte Noelle-Neumann in ihrer Dissertation „Meinungs- und Massenforschung in USA“ (1940) den Einfluss jüdischer US-Journalistinnen und Journalisten für Deutschlands schlechtes Ansehen in der Welt verantwortlich.

1942 sollte sie auf Wunsch von Joseph Goebbels als Adjutantin ins Propagandaministerium wechseln – ein Amt, das sie wegen einer Erkrankung jedoch nicht antrat. Ihre Nähe zu zentralen Figuren des Regimes und ihre frühen Publikationen bleiben bis heute umstritten und zeigen, wie komplex persönliche Karrieren in dieser Zeit verlaufen konnten.

Die Villa selbst hat eine wechselvolle Geschichte: In den 1930er Jahren wurde sie in ein Mehrfamilienhaus umgebaut, nach dem Krieg mehrfach verkauft und in den 1970er Jahren aufwendig restauriert. Seit den 2010er Jahren stand sie jedoch lange leer und verfiel – zeitweise galt sie als einer der bekanntesten „Lost Places“ Berlins. Erst 2022 wurde sie erneut verkauft und seither wird sie grundlegend saniert.

Wir gehen jetzt die Winkler Straße weiter und biegen links in die Bettinastraße ein. Vor der Hausnummer 4 treffen wir uns wieder.

273. Kiezspaziergang: Gedenktafel für Hans Ullstein

10. Station: Hans Ullstein

Die Gedenktafel erinnert an den Verleger Hans Ullstein, der von 1913 bis zu seinem Tod 1935 hier in der Bettinastraße lebte. Das Gebäude, das damals an dieser Stelle stand – eine schlossartige Villa – existiert allerdings nicht mehr. Es wurde 2013 abgerissen, nachdem es über viele Jahrzehnte genutzt worden war, unter anderem als Klinik des Deutschen Roten Kreuzes, die hier bis 2007 betrieben wurde.

Hans Ullstein war eines von fünf Kindern des Verlagsgründers Leopold Ullstein und stieg nach seinem Jurastudium 1899 in das Familienunternehmen ein. Der Ullstein-Verlag gehörte damals zu den größten Medienhäusern Deutschlands. Unter der Leitung der Brüder entstanden zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften, die für einen modernen, liberalen Journalismus standen. Dazu gehörten bekannte Titel wie die Berliner Illustrirte Zeitung oder die BZ am Mittag. Die Ullsteins prägten den Zeitungsmarkt mit einer Mischung aus politischer Berichterstattung, Kultur und Alltagsnähe – ein Konzept, das Millionen Menschen erreichte.

Hans Ullstein galt als ruhiger, vermittelnder Charakter innerhalb der Familie. Seine politische Haltung war liberal; zeitweise engagierte er sich in der Fortschrittlichen Volkspartei und in der Berliner Kommunalpolitik. Gemeinsam mit seiner Frau Antonie lebte er ab 1912 in der großen Villa.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich das Leben der Familie radikal. Obwohl die Ullsteins seit Generationen protestantisch waren, galten sie nach NS-Rassenideologie als jüdisch. 1933 wurden die Brüder aus dem Verlag gedrängt, ihr Vermögen beschlagnahmt und das traditionsreiche Unternehmen „arisiert“. Der Verlag erhielt den Namen „Deutscher Verlag“, und man versuchte, die Marke Ullstein vollständig zu tilgen.

Hans Ullstein erlebte diese Entwicklung nur noch in den Anfängen. Er starb 1935 hier im Grunewald. Seine Familie musste ins Exil gehen; ein Teil wanderte in die USA aus. Nach dem Krieg kämpften die Erben vergeblich um die Rückgabe des Unternehmens. In den 1950er-Jahren ging der Verlag schließlich weitgehend an Axel Springer über.

Nach den vielen Biografien, die von Verlust und Verfolgung erzählen, führt uns der Weg nun zu einem Ort, der auch an jüdisches Leben nach 1945 erinnert: dem Karmielplatz, unserer letzten Station. Wir gehen die Fontanestraße entlang bis zu dem Platz am S-Bahnhof Grunewald.

273. Kiezspaziergang: Schild mit Aufschrift Karmielplatz

11. Station: Karmielplatz

11. Station: Karmielplatz
Der Karmielplatz trägt seinen Namen seit 2015. Damals wurde das 30-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen Charlottenburg-Wilmersdorf und Karmiel gefeiert. Diese Zusammenarbeit entstand 1985 und gehört zu den frühesten kommunalen Partnerschaften mit einer israelischen Stadt. Seitdem haben sich daraus viele konkrete Begegnungen entwickelt – Schüleraustausche, Fachkräfteprogramme, kulturelle Projekte und seit einigen Jahren auch ein enger Austausch der beiden Kinder- und Jugendparlamente.

Karmiel liegt im Norden Israels, in der Region Galiläa. Die Stadt wurde 1961 gegründet, zählt heute rund 50.000 Einwohnerinnen und Einwohner und ist bekannt für ihre moderne Stadtplanung, für Industrie- und High-Tech-Betriebe sowie für ihr internationales Tanzfestival, das Gäste aus aller Welt anzieht.

Dass dieser Platz hier, in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Grunewald, den Namen einer israelischen Partnerstadt trägt, ist kein Zufall. Nur wenige Meter entfernt begann für Tausende Berliner Jüdinnen und Juden der Weg in die Deportation. Die Städtepartnerschaft steht damit bewusst an einem Ort, an dem sich die Geschichte der Verfolgung so deutlich zeigt. Sie verweist darauf, dass heute trotz dieser Vergangenheit Beziehungen bestehen, in denen Austausch und Begegnung möglich sind.

Der Karmielplatz markiert damit gewissermaßen den Übergang von der historischen Erinnerung hin zur Gegenwart.

Damit endet unser Rundgang. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben, gemeinsam mit mir das jüdische Leben im Grunewald während des Nationalsozialismus zu erkunden.

Zum Abschluss wie immer noch einmal der Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang. Der findet am Samstag, dem 13. Dezember, um 14 Uhr statt. Treffpunkt ist das Rathaus Schmargendorf am Berkaer Platz 1.

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