Hier, vor diesem Haus, erinnern die Stolpersteine an Otto und Martha Hirsch – zwei Menschen, deren Leben durch die nationalsozialistische Verfolgung zerstört wurde.
Otto Hirsch, 1885 in Stuttgart geboren, stammte aus einer jüdischen Familie und fiel schon früh durch sein großes juristisches Talent auf. Nach ausgezeichnetem Abitur und Jurastudium trat er 1912 in die Stuttgarter Stadtverwaltung ein. Zwei Jahre später heiratete er Martha Loeb, ebenfalls aus Stuttgart. Die beiden bekamen drei Kinder.
Hirsch machte schnell Karriere: 1921 wurde er jüngster Ministerialrat in Württemberg, arbeitete an großen Infrastrukturprojekten wie dem Neckarkanal und engagierte sich gleichzeitig stark in der jüdischen Gemeinschaft. 1930 wurde er Präsident des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs.
Doch 1933 verlor er seine Stellung und wechselte zur Reichsvertretung der Deutschen Juden, wo er deutschlandweit Emigration organisierte. Dafür zog die Familie nach Berlin und wohnte hier im Grunewald, in der Koenigsallee 35. Hirsch wusste, wie gefährlich seine Arbeit war, doch er führte sie trotz Gestapo-Druck und wiederholter Verhaftungen weiter.
1941 wurde er erneut festgenommen und ins Konzentrationslager Mauthausen verschleppt. Dort starb er am 19. Juni 1941. Es existiert nur der amtliche Vermerk über seinen Tod. Auch Martha Hirsch wurde verfolgt. Sie wurde 1942 nach Riga deportiert und am 29. Oktober dort ermordet.
Die Kinder konnten rechtzeitig fliehen: die Tochter Grete nach England, der Sohn Hans-Georg nach Amerika.
Die Stolpersteine, die wir hier und im ganzen Bezirk sehen, sind Teil eines europaweiten Kunstprojekts des Künstlers Gunter Demnig. Jeder Stein trägt den Namen eines Menschen, der hier wohnte und verfolgt wurde, und bringt seine Geschichte zurück an den Ort, an dem sie begann.
In Charlottenburg-Wilmersdorf ist die lokale Stolperstein-Initiative sehr aktiv. Ehrenamtliche recherchieren die Biografien, kontaktieren Angehörige und organisieren die Verlegungen. Viele dieser Lebensgeschichten wären ohne ihre Arbeit heute kaum noch bekannt. Die Biographien, die sie dabei zusammentragen, kann man auf der Website des Bezirksamts nachlesen.
Es gibt aber auch Kritik an den Steinen – etwa daran, dass sie im Boden liegen und man über die Namen läuft. Andere begrüßen gerade diese Form, weil sie Teil des Alltags ist und die Geschichte dort sichtbar macht, wo sie begann: vor den Häusern der Menschen.
Unabhängig von diesen Debatten erfüllen die Stolpersteine einen wichtigen Zweck: Sie geben einzelnen Biografien Raum und machen sichtbar, dass hinter jedem Namen ein Leben stand.
Von hier aus führt uns der Weg weiter zur Villa Noelle, der nächsten Station unseres Rundgangs. Wir gehen den Hasensprung entlang und biegen an der Winkler Straße links ab.