272. Kiezspaziergang: Vom Ludwigkirchplatz zu Preußenpark

272. Kiezspaziergang: Ludwigkirchplatz

Herzlich willkommen! Mein Name ist Kirstin Bauch und ich bin Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf. Ich begrüße Sie alle recht herzlich zu unserem 272. Kiezspaziergang.

Unser heutiger Spaziergang führt uns durch Wilmersdorf – zu Plätzen, Häusern und zu Menschen, die die Geschichte dieses Viertels geprägt haben. Wir beginnen hier am Ludwigkirchplatz, gehen über den Olivaer Platz, weiter zur Gedenktafel für die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner Wilmersdorfs, treffen dann auf Lilian Harvey, Anita Berber, Erich Maria Remarque und Ernst Toller – Künstlerinnen und Künstler, deren Leben eng mit Berlin verbunden war. Zum Abschluss schauen wir uns am Preußenpark ein Gebäude des Architekten Hinrich Baller an, das zeigt, wie lebendig und eigenwillig moderne Architektur sein kann.

Bevor es losgeht, schon einmal der Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang: Am Samstag, 8. November, erinnern wir an die Schicksale unserer jüdischen Mitbürger:innen zur NS-Zeit. Mein Kollege Simon Hertel übernimmt die Führung. Treffpunkt ist am Bahnhof Grunewald um 14 Uhr.

Der 272. Kiezspaziergang kann auf Komoot nachgelaufen werden.

272. Kiezspaziergang: Ludwigkirche

1. Station: Ludwigkirche am Ludwigkirchplatz

Wir stehen hier am Ludwigkirchplatz, einem der schönsten Plätze in Wilmersdorf. Heute ist er ein beliebter Treffpunkt mitten in der Stadt, mit Spielplatz, Brunnen, Grünanlage und vielen Cafés und Restaurants in der Nähe. Ende des 19. Jahrhunderts sah es hier aber ganz anders aus. Damals war dieser Ort noch ein sumpfiges Gelände, das „Hopfenbruch“ genannt wurde. Ein Abwassergraben, der „Schwarze Graben“, zog sich hier entlang – er roch wohl nicht besonders angenehm. Erst mit der Entwässerung und dem Bau der Kanalisation wurde das Gebiet bebaubar.

Wilmersdorf wuchs in den 1880er Jahren rasant. Aus dem kleinen Dorf wurde innerhalb weniger Jahrzehnte eine Stadt mit Zehntausenden von Einwohnern. Viele Zugezogene waren Katholiken, die eine eigene Kirche brauchten. Denn bis dahin gab es in der Nähe nur die kleine Dorfkirche in Schmargendorf. So entstand die Idee, hier auf dem damaligen Straßburger Platz eine große katholische Kirche zu bauen. Möglich wurde das, weil die Wilmersdorfer Terrain-Gesellschaft das Grundstück der Gemeinde schenkte – allerdings unter der Bedingung, dass hier ein monumentaler Kirchenbau entstehen sollte.

Der Neubau wurde dem Zentrumspolitiker Ludwig Windthorst gewidmet, der kurz zuvor gestorben war. Windthorst war einer der wichtigsten katholischen Politiker seiner Zeit, Gegenspieler von Bismarck im Kulturkampf, und er hatte selbst einige Jahre in Wilmersdorf gewohnt. Deshalb erhielt die Kirche den Namen St. Ludwig – im Gedenken an Windthorst und an seinen Namenspatron, den heiligen König Ludwig IX. von Frankreich.

Der Architekt war August Menken. Er entwarf eine große neugotische Backsteinkirche mit kreuzförmigem Grundriss und einem markanten Vierungsturm von 70 Metern Höhe. Besonders wichtig war, dass die Kirche frei auf dem Platz steht. Das war für eine katholische Kirche in der Kaiserzeit keineswegs selbstverständlich. Eigentlich sollten katholische Kirchen eher unauffällig in Häuserzeilen eingebaut werden, um gegenüber der evangelischen “Staatskirche” entsprechend zurückzustehen. Dass St. Ludwig mitten auf einem Platz errichtet wurde, war also ein sichtbares Statement.

Am 29. Juni 1895 wurde der Grundstein gelegt, genau zwei Jahre später war die Einweihung. Die Kirche war damit das erste große katholische Gotteshaus im Berliner Südwesten – und sie prägte den jungen Stadtteil entscheidend. Bald entstanden ringsum die großbürgerlichen Mietshäuser, die wir bis heute sehen können.

Wir gehen jetzt in die Kirche rein und schauen sie uns von innen an.

Ursprünglich war die Gestaltung im Inneren der Kirche aufwendig: Es gab figurenreiche Skulpturen, Glasfenster mit Szenen aus dem Leben des heiligen Ludwig und einen reich verzierten Altar. Viele dieser Ausstattungsstücke gingen im Krieg verloren. 1943 wurde die Kirche stark beschädigt, in den fünfziger Jahren aber wieder aufgebaut. Das heutige Hauptportal kam sogar erst in den 1980er Jahren hinzu.

Einige Details verbinden Kirche und Stadtteil eng miteinander. Überall finden wir die Lilie – in Mosaiken, auf Messgewändern und im Kirchenwappen. Sie verweist auf König Ludwig von Frankreich, aber auch auf eine alte Legende: Ein Ritter von Wilmerstorff soll dem König im Kreuzzug das Leben gerettet haben und dafür das Wappen der Bourbonen mit den drei Lilien erhalten haben. So wurde die Lilie zum Symbol Wilmersdorfs – bis heute im Bezirkswappen.

Wir verlassen nun die Kirche und gehen durch die Pariser Straße zum Olivaer Platz.

272. Kiezspaziergang: Olivaer Platz

2. Station: Olivaer Platz

Wir sind hier direkt an der Grenze von Charlottenburg zu Wilmersdorf. Der kleine dreieckige Teil an der Nordseite des Olivaer Platzes liegt noch in Charlottenburg, während der restliche Teil schon zu Wilmersdorf gehört.
Benannt wurde der Olivaer Platz 1892 nach dem „Frieden von Oliva“. Dieser Vertrag wurde 1660 im Kloster Oliva bei Danzig geschlossen. Für Brandenburg war er von großer Bedeutung: Er legte damit den Grundstein für das spätere Königreich. Eine Gedenktafel am Eingang des Parks erinnert bis heute an dieses Ereignis.

Angelegt wurde der Platz 1910 nach Plänen des Stadtgartendirektors Richard Thieme. Er wich mit seinem Entwurf von den üblichen Schmuckplätzen ab. Statt eines bunten Durcheinanders setzte er auf klare Geometrie und Symmetrie. Es gab einen abgesenkten Garten, der mit Beetrosen, Narzissen und Tulpen bepflanzt war, eine monumentale Stützmauer mit Grottenbrunnen und einen Spielplatz. Der Olivaer Platz galt damals als modernster Platz in Berlin. Allerdings war diese neuartige Bepflanzung in der Öffentlichkeit umstritten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Platz zwar wiederhergestellt, aber vieles änderte sich. 1961 musste er für die Verbreiterung der Lietzenburger Straße verkleinert und umgebaut werden. Der Architekt Eberhard Fink gestaltete ihn neu: mit Springbrunnen, Mauern, Pergolen und einem Parkplatz an der Ostseite. 1963 kam die Skulptur „Der Schlüssel“ von Yasuo Mizui dazu, später auch die Stahlskulptur Lenz von Pit Kroke, die später wegen der Umgestaltung des Platzes wieder entfernt werden musste.

In den 2000er Jahren gab es sogar Pläne, hier eine große Markthalle nach dem Vorbild von Covent Garden in London zu bauen – mit Verkaufsflächen und Tiefgarage. Diese Idee scheiterte. Stattdessen begann eine lange Diskussion über die Zukunft des Platzes.

2011 gewann das Büro Rehwaldt Landschaftsarchitekten einen Wettbewerb für eine neue Gestaltung. Ziel war ein offenerer, nutzerfreundlicher Park – mit mehr Wiesen, Sitzplätzen, einem Café und einem barrierefreien Spielplatz. Anwohnerinitiativen protestierten, vor allem wegen der Parkplätze und der alten Bäume. Am Ende fand man einen Kompromiss: Etwa die Hälfte der Stellplätze blieb erhalten, gleichzeitig wurde der Park heller und übersichtlicher. Die Umgestaltung begann 2018 und war 2021 abgeschlossen.

Heute sehen wir das Ergebnis: eine große offene Grünfläche mit alten und neuen Bäumen, Staudenbeeten, Sitzgelegenheiten und Spielmöglichkeiten.

Wir gehen jetzt weiter am Platz entlang und biegen links in die Konstanzer Straße ein. Wir treffen uns Ecke Duisburger Straße.

272. Kiezspaziergang: Jüdinnen und Juden aus Wilmersdorf

3. Station: Jüdinnen und Juden aus Wilmersdorf - Duisburger Straße 1 Ecke Konstanzer Straße

An dieser Stelle erinnert eine Gedenktafel an die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner Wilmersdorfs.

Um 1900 war Wilmersdorf ein bevorzugtes Wohngebiet für jüdische Familien, etwa 13 Prozent der Bevölkerung, die hier lebte, war jüdisch. Rund um den Kurfürstendamm entwickelte sich ein vielfältiges jüdisches Alltags- und Kulturleben. Cafés, Geschäfte, Vereine und Künstler prägten das Viertel.

Das änderte sich nach 1933 schlagartig. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann die systematische Ausgrenzung, Enteignung und Vertreibung. Es gab Stadtviertel, in denen Juden nicht mehr leben durften. Auch um den Kurfürstendamm sollten alle jüdischen Bewohner verschwinden.

Die Duisburger Straße lag knapp außerhalb dieser Sperrzonen. Deshalb mussten viele jüdische Familien, die ihre Wohnungen in Charlottenburg oder am Kurfürstendamm verloren hatten, hierher ziehen. Manche kamen bei Verwandten oder hilfsbereiten Vermietern unter, andere wurden in sogenannte „Judenhäuser“ eingewiesen.

Ab 1941 begann die Deportation. Viele der hier lebenden Jüdinnen und Juden wurden über den Bahnhof Grunewald in Ghettos und Konzentrationslager verschleppt. Nur wenige überlebten.

Diese Tafel erinnert an sie. Sie zeigt auch Fotos: eine Wilmersdorfer Familie beim Spaziergang in den 1930er-Jahren, ein Plan der sogenannten „judenreinen Gebiete“, ein Porträt von Kurt Tucholsky, der hier kurzzeitig lebte, und Bilder von Felix Nussbaum und dem Mahnmal Gleis 17 in Grunewald.

Neben der Tafel erinnern auch Stolpersteine vor den Häusern an die früheren Nachbarn, die hier wohnten – und von hier aus in den Tod geschickt wurden.

Die Inschrift fasst es knapp zusammen: “Unvergessen. Wir erinnern. Not forgotten. We remember.”

Unsere nächste Station befindet sich an der Düsseldorfer Straße 47. Dazu gehen wir die Konstanzer Straße weiter und biegen links in die Düsseldorfer Straße ein.

272. Kiezspaziergang: Lilian Harvey

4. Station: Lilian Harvey (Düsseldorfer Straße 47)

Hier lebte von 1925 bis 1930 Lilian Harvey – eine britisch-deutsche Schauspielerin und einer der großen Stars des deutschen Kinos der 1930er-Jahre.

Geboren wurde sie 1906 in London Lilian Helen Muriel Pape. Harvey ist der Mädchenname ihrer Großmutter, den sie als Künstlernamen führte. Sie wuchs in der Schweiz und in Berlin auf. In Berlin machte sie ihr Abitur und begann ihre Ballettausbildung an der Deutschen Staatsoper. Dort legte sie den Grundstein für ihre Karriere.

Schon 1925 erhielt sie erste Hauptrollen im Film, und mit dem Tonfilm kam der Durchbruch. Mit den Musikfilmen „Liebeswalzer“ (1930), „Die Drei von der Tankstelle“ (1930) und „Der Kongreß tanzt“ (1931) wurde sie zum Publikumsliebling. Gemeinsam mit Willy Fritsch bildete sie das Traumpaar des deutschen Kinos. Die Menschen standen Schlange vor den Kinos, Verehrer brachen sogar in Kinokassen ein, um an Karten zu kommen.

Man nannte sie „das süßeste Mädel der Welt“. Aber hinter der Leinwandfigur stand eine Frau mit eiserner Disziplin: sie trainierte hart, hielt strenge Diäten und sprach mehrere Sprachen fließend. Das machte sie auch international erfolgreich – in Paris, in London, sogar in Hollywood.

1935 kam Lilian Harvey nach zwei Jahren in Hollywood noch einmal nach Deutschland zurück – vor allem wegen ihrer Beziehung zu dem verheirateten Regisseur Paul Martin. Ihm zuliebe hatte sie sogar einen Heiratsantrag von Gary Cooper abgelehnt. Martin verdankte seine Karriere in großen Teilen ihr. Doch nach seiner Scheidung heiratete er nicht Lilian Harvey, sondern eine andere Schauspielerin. Diese Enttäuschung traf sie schwer und markierte auch einen Einschnitt in ihrem beruflichen Leben.

Und auch im nationalsozialistischen Deutschland wurde es für sie gefährlich. Lilian Harvey war eine Weltbürgerin, die sich nichts vorschreiben lassen wollte. Sie empfing jüdische Freunde bei sich zu Hause, half Verfolgten – und zog damit den Zorn der Gestapo auf sich. Sie galt bald als „unzuverlässig“. 1939 verließ sie Deutschland, verlor ihr Vermögen und bekam ihre Staatsbürgerschaft aberkannt.

Im Exil lebte sie in Frankreich und den USA, arbeitete zeitweise als Schauspielerin, aber auch als Krankenschwester und Helferin des Roten Kreuzes. Nach dem Krieg kehrte sie nach Europa zurück. An ihre früheren Erfolge konnte sie nicht mehr anknüpfen, aber sie blieb eine verehrte Figur. 1968 starb Lilian Harvey in Südfrankreich mit 62 Jahren. Ihre Filme und Lieder leben weiter – und diese Tafel hier erinnert an ihre Berliner Jahre, in denen aus einer jungen Tänzerin ein internationaler Filmstar wurde.

Unsere nächste Station ist die Gedenktafel für Anita Berber, an der Zähringer Straße 13. Wir gehen jetzt also die Düsseldorfer Straße entlang, biegen an der Bayerischen Straße rechts ab und gehen dann an der nächsten Ecke rechts in die Zähringer.

272. Kiezspaziergang: Anita Berber

5. Station: Anita Berber - Zähringer Straße 13

Hier lebte zwischen 1919 und 1928 Anita Berber – Tänzerin, Schauspielerin, Skandalfigur und eine Ikone der Berliner Bohème.

Sie wurde 1899 in Leipzig geboren, Tochter eines Geigenvirtuosen und einer Kabarettistin. Früh kam sie nach Berlin, wo sie zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Großmutter und zwei Tanten hier im Haus wohnte. Aus dieser Frauen-Wohngemeinschaft heraus startete sie ihre Karriere – zunächst als Schauspielschülerin, dann als Tänzerin.

Schon als Teenager stand sie auf den Bühnen des Wintergartens, des Apollo-Theaters oder der „Weißen Maus“. Rasch wurde sie ein gefeierter Star – mit Solotanzabenden, mit Tourneen durch Europa, später auch mit Rollen beim Film. Sie trat an der Seite von Stars wie Emil Jannings, Hans Albers oder Conrad Veidt auf und wirkte sogar im ersten Teil von Fritz Langs „Dr. Mabuse“ mit.

Doch berühmt – oder besser berüchtigt – wurde Anita Berber vor allem durch ihren eigenen, exzessiven Stil. Mit Sebastian Droste, ihrem zweiten Ehemann und Tanzpartner, schuf sie das Skandalprogramm „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“, das in Wien uraufgeführt wurde. Nackttänze, wilde Bewegungen, provokante Themen – die Presse stürzte sich begeistert auf jeden Skandal, und die Menschen strömten in Scharen in ihre Vorstellung. Staatliche Stellen zwangen sie, 1923 Österreich zu verlassen.

Berbers Leben war maßlos: Alkohol, Drogen, exzessive Nächte im Eldorado und anderen Clubs, offene Beziehungen – all das machte sie zur Projektionsfigur einer ganzen Generation, die nach dem Ersten Weltkrieg keine Zukunft mehr sah und im Rausch die Gegenwart lebte.

Ein Bild von Otto Dix aus dem Jahr 1925 zeigt sie in einem roten Kleid vor rotem Hintergrund – ein erschreckend intensives Porträt, das sie älter, zerstörter, ausgelaugter zeigt, als sie mit Mitte 20 tatsächlich war. Dieses Bild wurde weltberühmt und hängt heute im Kunstmuseum Stuttgart.

1928 brach Anita Berber auf einer Tournee in Damaskus auf der Bühne zusammen. Sie war drogenabhängig, schwer krank an Tuberkulose, mittellos. Berliner Künstlerkollegen sammelten Geld, um ihre Rückkehr zu ermöglichen. Am 10. November 1928 starb sie mit nur 29 Jahren im Krankenhaus Bethanien in Kreuzberg.

Beigesetzt wurde sie auf dem St.-Thomas-Friedhof an der Hermannstraße. Das Grab ist heute eingeebnet, doch seit 2003 erinnert die Gedenktafel hier in der Zähringer Straße an diese „gewagteste Frau ihrer Zeit“ – so hat Karl Lagerfeld sie später genannt.

Wir gehen jetzt wieder zurück zur Bayerischen Straße, biegen rechts ab und biegen dann an der nächsten Kreuzung link sin die Wittelsbacherstraße ein. Wir sehen uns an der Hausnummer 5 wieder.

272. Kiezspaziergang: Erich Maria Remarque

6. Station: Erich Maria Remarque - Wittelsbacherstraße 5

Wir stehen hier vor einer eher unscheinbaren Hausfassade. Doch genau hier wohnte in den späten 1920er-Jahren Erich Maria Remarque. Und hier, in einer Wohnung in diesem Haus, schrieb er seinen berühmtesten Roman: “Im Westen nichts Neues”.

Remarque war 1898 in Osnabrück geboren worden, als Erich Paul Remark – am Ende mit einem k, wie in D-Mark. Später änderte er die Schreibweise seines Nachnamens in „Remarque“ – mit que am Ende – was an die französischen Wurzeln seiner Familie erinnerte. Den Namen „Maria“ fügte er hinzu – als Hommage an seine Mutter und an den Dichter Rainer Maria Rilke.

Er kam zunächst als Journalist nach Berlin. 1925 arbeitete er beim Blatt „Sport im Bild“ in Charlottenburg, wohnte am Kaiserdamm, zog dann aber bald hierher nach Wilmersdorf. In dieser Wohnung fand er die Ruhe, um zu schreiben. Hier entstand der Roman, mit dem er weltberühmt wurde.

“Im Westen nichts Neues” erzählt vom Schicksal einer Generation, die im Ersten Weltkrieg zugrunde ging – auch wenn sie körperlich überlebte. Remarque selbst war 1917 als Soldat schwer verwundet worden und verbrachte lange Zeit im Lazarett. Diese Erfahrungen prägten ihn. Sein Buch schildert den Krieg nicht heroisch, sondern als sinnlose, zerstörerische Katastrophe.

Als der Roman 1928 erschien, wurde er sofort ein internationaler Erfolg. Innerhalb weniger Monate verkaufte sich das Buch in Hunderttausenden Exemplaren. 1930 kam die Hollywood-Verfilmung in die Kinos. Sie machte den Stoff endgültig zum Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges.

Gerade in Berlin aber stieß das Werk auf den erbitterten Widerstand der Nationalsozialisten. Bei Vorführungen im „Metropol“ am Nollendorfplatz stürmten SA-Leute den Saal, warfen Stinkbomben und ließen sogar weiße Mäuse frei. Joseph Goebbels war an den Aktionen beteiligt. Der Film wurde verboten, und wenig später auch das Buch. Im Mai 1933 verbrannten die Nazis Remarques Werke öffentlich auf dem Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz.

Remarque selbst hatte Deutschland schon im Januar 1933 verlassen, gerade noch rechtzeitig. Zunächst ging er in die Schweiz, später in die USA. 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Seine Schwester Elfriede, die in Dresden lebte, wurde 1943 als eine Art „Ersatzopfer“ vor dem Volksgerichtshof verurteilt und hingerichtet. Jemand hatte sie denunziert. Der Präsident des „Volksgerichtshofs“ Roland Freisler sagte damals: „Ihr Bruder ist uns entwischt, Sie werden uns nicht entwischen.“

Remarque selbst wurde nach dem Krieg vor allem in den USA und in der Schweiz geehrt. Er starb 1970 in Locarno, in seiner Villa am Lago Maggiore.

Unsere nächste Station ist nur einen Katzensprung entfernt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite treffen wir uns an der Gedenktafel von Ernst Toller.

272. Kiezspaziergang: Ernst Toller

7. Station: Ernst Toller - Wittelsbacherstraße 33a

An dieser Stelle erinnert eine Tafel an Ernst Toller. Er war Dramatiker, Revolutionär und überzeugter Antimilitarist – ein Mensch, der sein Leben lang zwischen Literatur und Politik stand. Von 1930 bis 1933 lebte er hier in Wilmersdorf, kurz bevor ihn die Nationalsozialisten ins Exil trieben.

Toller wurde 1893 in der Nähe von Posen, im damaligen Preußen, geboren. Als junger Student meldete er sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst. Die Erfahrungen an der Front erschütterten ihn tief, 1916 erlitt er einen völligen psychischen und physischen Zusammenbruch: Aus dem begeisterten Kriegsfreiwilligen wurde ein entschiedener Antimilitarist. Noch im Krieg schrieb er erste Gedichte gegen das Töten.

Nach 1918 engagierte er sich in der Revolution und übernahm eine führende Rolle in der Münchner Räterepublik. Das war der Versuch, 1919 in München nach der Revolution eine sozialistische Regierung zu errichten. Nach etwa vier Wochen schlugen Freikorps- und Reichswehrtruppen die Räterepublik nieder und Toller wurde er verhaftet. Fünf Jahre verbrachte er in Festungshaft – Jahre, in denen einige seiner wichtigsten Dramen entstanden, darunter „Masse Mensch“, „Die Maschinenstürmer“ und „Hinkemann“. Diese Stücke prägten das politische Theater der 1920er-Jahre und machten ihn weit über Deutschland hinaus bekannt.

Nach seiner Entlassung zog Toller nach Berlin. Er schrieb und veröffentlichte, engagierte sich für politische Gefangene, gegen Kolonialismus und gegen den Nationalsozialismus. Mit Tollers Stück „Hoppla, wir leben!“ eröffnete Erwin Piscator 1927 seine politische Bühne am Nollendorfplatz.

Als 1933 der Reichstag brannte, befand sich Toller auf einer Vortragsreise in der Schweiz. Er kehrte nicht zurück. Seine Werke wurden von den Nationalsozialisten verboten und verbrannt, er selbst ausgebürgert. Über England führte ihn sein Weg ins Exil in die USA. Dort nahm er sich 1939, mit 45 Jahren, in New York das Leben.

Die Berliner Gedenktafel für Ernst Toller wurde 2023 hier in der Wittelsbacherstraße enthüllt – fast neunzig Jahre nach seiner erzwungenen Flucht. Sie erinnert an einen Schriftsteller, der mit Leidenschaft für Freiheit, Menschenrechte und Menschlichkeit eintrat.

Wir gehen jetzt weiter bis zur Württembergischen Straße und biegen links ab. Wir treffen uns vor dem Gebäude mit der Hausnummer 60-63 wieder, das der Architekt Hinrich Baller entworfen hat.

272. Kiezspaziergang: Hinrich Baller

8. Station: Hinrich Baller – Wohnanlage am Preußenpark Württembergische Strasse 60-63

Wenn wir uns hier umschauen, fällt sofort auf: Diese Häuser sehen ungewöhnlich aus. Keine geraden Linien, überall Schwünge, Balkone wie Wellen, viel Glas und Grün. Gebaut wurde die Wohnanlage zwischen 1998 und 2000 im Auftrag des Bundes, für die vielen Bediensteten, die nach dem Regierungsumzug von Bonn nach Berlin zogen.

Das ist ein typisches Werk von Hinrich Baller – einem Architekten, der Berlin nach der Nachkriegszeit ein Stück weit spielerischer und freundlicher machen wollte. Die großen Fenster lassen viel Licht hinein, die geschwungenen Balkongeländer wirken fast wie filigrane Zeichnungen, und die Fassaden öffnen sich spielerisch nach außen. Auch im Inneren ist das Haus ungewöhnlich: Offene Grundrisse, fließende Räume, Wohnungen, die sich ins Grüne öffnen. Im Hof finden wir Teiche und Pflanzflächen – Architektur, die Stadt und Natur miteinander verbinden will.

Das ist typisch für Hinrich Baller. Er hat in Berlin rund 200 Gebäude entworfen – und man erkennt sie sofort. Keine strengen rechten Winkel, dafür geschwungene Linien, viel Glas, verzierte Metallgitter in einem typischen Mintgrün, Balkone, die wie Wellen schwungvoll aus der Fassade treten. Manche vergleichen seinen Stil mit dem Jugendstil oder der organischen Architektur, andere sehen Einflüsse von Gaudí oder Hundertwasser.

Ballers Architektur hat immer polarisiert. Für die einen waren seine Gebäude zu verspielt, zu dekorativ, zu wenig nüchtern. Andere feiern sie als aufmüpfig, fröhlich, sozial und von eigenwilliger Schönheit. Sicher ist: Seine Häuser fallen auf.

Hinrich Baller wurde 1936 geboren, zunächst studierte er Musik, bevor er zur Architektur wechselte. Zusammen mit seiner ersten Frau, Inken Baller, entwickelte er in den 1960er- und 70er-Jahren einen Stil, der sich bewusst von der strengen Architektur der Nachkriegszeit abhob. Statt grauer Kästen wollte er lichtdurchflutete, lebendige Häuser schaffen – Orte, an denen Menschen sich wohlfühlen. Ab den 1990er-Jahren arbeitete er dann mit seiner zweiten Frau, Doris Piroth. Gemeinsam bauten sie auch hier am Preußenpark.

Ballers Arbeiten sind in Berlin an vielen Orten zu finden: an der Lietzenburger Straße, in der Schloßstraße, in Charlottenburg und Wilmersdorf. Vor zwei Jahren wurde er zusammen mit Inken Baller mit dem Großen BDA-Preis ausgezeichnet – eine späte Anerkennung für ein Werk, das jenseits des architektonischen Mainstreams entstand. Hinrich Baller starb im Sommer 2025 im Alter von 89 Jahren.

Wir gehen jetzt über die Pommersche Straße in den Preußenpark und treffen uns an der Borussia-Statue.

272. Kiezspaziergang: Preußenpark

9. Station: Preußenpark

Wir stehen hier im Preußenpark, an der Borussia-Statue, die dem Park seinen Namen gibt. Die Figur ist eine Kopie einer Skulptur des Berliner Bildhauers Reinhold Begas aus dem Jahr 1885. Sie zeigt „Borussia“ – die Personifikation Preußens. Eine fast fünf Meter hohe Frauengestalt, mit Helm, Panzer und Schwert, dazu Lorbeerkränze an der Seite – Sinnbild für Stärke und Sieg. Aufgestellt wurde sie 1936, also zu einer Zeit, in der man nationale Symbole wieder besonders betonte. Das Original stand einst in Marmor, diese Version hier besteht aus Kunststein. Reinhold Begas war einer der bekanntesten Bildhauer des Berliner Neobarocks, von ihm stammt auch das Bismarckdenkmal am Großen Stern.

Der Preußenpark selbst hat eine lange Geschichte. Er wurde 1904/05 nach Plänen des damaligen Gemeinde-Obergärtners Richard Thieme angelegt – damals noch als „Platz D“. Erst 1907 bekam er offiziell den Namen „Preußenplatz“, den die Anwohner allerdings schon vorher „Preußenpark“ nannten. Anfangs war er ein kleiner Landschaftsgarten, geometrisch angelegt, ganz im Stil der Zeit. In den 1920er-Jahren wurde er dann erweitert: eine große Wiese entstand, die sich nach Süden zum Fehrbelliner Platz öffnete. In den 1930ern kam noch einmal Fläche hinzu.

Nach dem Krieg sah es hier anders aus: Entlang der Württembergischen Straße türmte sich ein Trümmerberg, und der ehemalige Aufmarschplatz im Süden wurde zum Parkplatz. Später wurde der Park wieder zu einem beliebten Ort der Erholung – und ab den 1990er-Jahren auch über Berlin hinaus bekannt als Standort der „Thaiwiese“. Hier trafen sich vor allem thailändische Familien, um gemeinsam zu essen, zu kochen und sich auszutauschen – ein lebendiger, inoffizieller Markt, der zu einer festen Institution wurde. 2024 beschloss der Bezirk, den Markt aus dem Park zu verlagern, um die Grünflächen zu schützen und Platz für die anstehende Neugestaltung zu schaffen.

Denn der Preußenpark steht vor einem großen Umbau: Er soll zu einem Modellprojekt für Klimaanpassung und nachhaltige Stadtgestaltung werden. Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf hat dafür rund neun Millionen Euro Fördermittel erhalten, unter anderem aus dem Bundesprogramm „Anpassung urbaner und ländlicher Räume an den Klimawandel“. Ziel ist, den Park so umzugestalten, dass er besser mit Hitze, Trockenheit und Starkregen umgehen kann – also zu einer sogenannten „Schwammstadtfläche“ wird.

Konkret heißt das: Regenwasser soll künftig im Park gespeichert und genutzt werden, statt in die Kanalisation zu fließen. Gemeinsam mit der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) wird ein System entwickelt, bei dem das Regenwasser von Nachbargrundstücken – etwa von den Dächern der Senatsverwaltung – in Zisternen gesammelt wird. Von dort aus wird es in den Park geleitet und für die Bewässerung der Bäume genutzt. Das spart Trinkwasser und schont die Kanalisation.

Auch im Park selbst wird geforscht und ausprobiert: Der Boden wird gelockert, mit Mikroorganismen angereichert und mit Laub gemulcht, um die Feuchtigkeit besser zu halten. Am Hang des Trümmerbergs wird der Boden mit Kokosmatten gesichert, und es entsteht sogar ein kleiner „Tiny Forest“ – ein Miniwald, der auf kleinem Raum viele Pflanzenarten vereint. Ein weiteres Experiment ist das sogenannte Stockholm-System, bei dem die Bäume in einem speziellen Bodensubstrat wachsen, das mehr Wasser speichern kann.

Ein besonderes Element der neuen Planung ist die Absenkung des Rondells im Norden des Parks. Die so entstehende Mulde soll Regenwasser aufnehmen und langsam verdunsten lassen – das kühlt die Umgebung und hilft, Überflutungen zu vermeiden.

Insgesamt geht es beim Umbau darum, Natur, Stadt und Nutzung besser miteinander zu verbinden: ein Park, der robust genug ist für heiße Sommer, aber auch offen bleibt für die Menschen, die ihn besuchen.

Damit sind wir am Ende des heutigen Kiezspaziergangs. Vielen Dank, dass Sie dabei waren.

Zum Abschluss noch ein Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang: Der findet am Samstag, 8. November, statt. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Bahnhof Grunewald.

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