Wir stehen jetzt am Künstlerhof Alt-Lietzow. Auf den ersten Blick wirkt das Haus wie ein typischer Berliner Altbau. Aber dahinter steckt eine lange und bewegte Geschichte – vom Brauereigebäude über eine Likörfabrik bis hin zum Treffpunkt der Westberliner Filmszene. Heute ist es ein lebendiger Ort für Kunst, Musik und Literatur.
Das Gebäude wurde 1888 als Brauerei errichtet, später zog eine Likörfabrik ein. An der Hauswand prangte noch bis vor wenigen Jahren der Werbespruch: „Bärenliköre schaffen Bärenstimmung“. Danach diente es als Wäscherei und Werkstatt. Ab den 1960er Jahren entdeckten Künstler und Filmschaffende den Ort für sich. Die Kamerafrau Gisela Tuchtenhagen lebte hier, ihr Partner Klaus Wildenhahn drehte preisgekrönte Dokumentarfilme, und der Regisseur Harun Farocki probte Szenen für seine Arbeiten.
Seit den 1980er Jahren haben hier immer mehr Künstler Ateliers eingerichtet. Die Malerin Brigitte Arndt, die schon seit den 1980ern hier arbeitet, hatte die Idee, aus dem Haus ein Zentrum für Kunst und Kultur zu machen. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem Tischler Frank Schroedter, gründete sie 2017 eine gemeinnützige GmbH und übernahm das Gebäude in Erbpacht. Seither trägt es den Namen „Künstlerhof Alt-Lietzow“.
Heute ist das Haus voller kreativer Energie. Hier arbeiten Malerinnen, Bildhauer, Musiker, Designer und Filmschaffende. Es gibt eine Galerie, Seminarräume, Ateliers – und sogar eine Geigenakademie. Die Geigerin Michiko Lena Feuerlein hat einen Konzertsaal eingerichtet, den „Saitenflügel“. Dort finden regelmäßig Konzerte statt, im Sommer oft auch draußen im Hof.
Ein besonderer Ort ist der Essbare Garten, den Brigitte Arndt 2018 ins Leben gerufen hat. Auf einer Brache entstand ein bunter Gemeinschaftsgarten, in dem nicht nur Blumen, sondern auch Gemüse und Kräuter wachsen. Anwohner brachten Samen aus aller Welt, und schnell wurde der Garten zu einem Treffpunkt für Menschen aus unterschiedlichen Kulturen.
Seit 2024 ist auch der traditionsreiche Buchhändlerkeller Berlin hier zu Hause. Dieser Ort für Literaturveranstaltungen besteht schon seit den 1960er Jahren. Jeden Donnerstag lesen Autorinnen und Autoren aus neuen Büchern, dazu gibt es Lesungen über Klassiker, literarische Collagen oder Diskussionen über aktuelle Themen.
Das Haus selbst bewahrt seine Geschichte. Eine Gedenktafel erinnert an den anarchistischen Schriftsteller Erich Mühsam, der hier in den 1920er Jahren lebte. Er setzte sich für politische Gefangene ein, wurde nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verhaftet und 1934 im KZ Oranienburg ermordet. Die Künstlerin Brigitte Arndt hat die Tafel gestaltet:
So verbindet das Haus Erinnerungskultur mit künstlerischem Schaffen.
Damit endet der heutige Kiezspaziergang. Vielen Dank, dass Sie dabei waren. Für alle, die sich fragen, warum wir das Rathaus auf unserer heutigen Tour nicht vorgestellt haben: Anlässlich des Tags des offenen Denkmals hat unsere ehemalige Magistratsbibliothek, das heutige VIZ, geöffnet. Es lohnt sich, dort einmal reinzuschauen. Der Leiter Thomas Wolfes ist ein versierter Kenner der Rathausgeschichte und kann ihnen sicherlich all Ihre Fragen beantworten. Außerdem gibt es auch eine kleine Ausstellung zur Baugeschichte des Rathauses. Sie finden beides im 2. Obergeschoss, Raum 200e.
Zum Abschluss noch ein Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang: Der findet am Samstag, 11. Oktober 2025, mit Bezirksbürgermeisterin Kirstin Bauch statt. Treffpunkt ist um 14 Uhr an der Ludwig Kirche am Ludwigkirchplatz.