270. Kiezspaziergang: Charlottenburg-Nord: Von der U-Bahnstation Halemweg über die Ringsiedlung zum Volkspark Jungfernheide

270. Kiezspaziergang Arne Herz

Herzlich willkommen! Mein Name ist Arne Herz und ich bin Staatssekretär für Mobilität und Verkehr in der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt. Ich begrüße Sie alle recht herzlich zu unserem 270. Kiezspaziergang.

Bevor wir losgehen, habe ich noch zwei Anmerkungen. Zum einen der Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang: Am Samstag, 13. September, geht es durch Alt-Lietzow. Bezirksstadtrat Christoph Brzezinski übernimmt die Führung. Treffpunkt ist um 14 Uhr an der Villa Kogge, Alt-Lietzow 28.

Zum anderen planen wir gerade die Kiezspaziergänge für nächstes Jahr. Deshalb wollten wir bei Ihnen eine kleine Umfrage starten: Über welchen Ort würden Sie gern mehr wissen? Welche Station würden Sie gern mal auf einem Kiezspaziergang sehen? Wir können nicht versprechen, dass wir jeden Wunsch erfüllen. Aber wenn Sie eine Idee haben, teilen Sie uns die gern mit. Am besten schreiben Sie Ihren Wunschort auf einen Zettel und bringen ihn zum nächsten Spaziergang einfach mit, wir sammeln das dann ein. Oder Sie schreiben einfach eine kurze E-Mail an presse@charlottenburg-wilmersdorf.de

Unser heutiger Kiezspaziergang führt uns nach Charlottenburg-Nord – rund um die Siedlung Siemensstadt und den Volkspark Jungfernheide.

In der sogenannten Ringsiedlung Siemensstadt begegnen wir dem Geist der Moderne. Einer Zeit, in der Architektur mehr sein wollte als nur Fassade. Es ging ums Ganze: ums Leben, ums Wohnen, um die Gesellschaft. „Licht, Luft und Sonne für alle“ – das war das große Versprechen. Und genau das wurde hier, in den späten 1920er-Jahren, in die Tat umgesetzt.

Die Ringsiedlung liegt in Charlottenburg-Nord und Spandau. Sie entstand zwischen 1929 und 1931 im Auftrag der beiden Wohnungsbaugesellschaften „Primus“ und „Heerstraße“. Der Elektrokonzern Siemens war am Bau nicht beteiligt.

Die Siedlung ist ein Gemeinschaftswerk berühmter Architekten. Walter Gropius, Hans Scharoun, Hugo Häring, Otto Bartning, Fred Forbat und Paul Rudolf Henning – sie alle gehörten zur Architekten-Vereinigung „Der Ring“ und brachten ihre Ideen vom „Neuen Bauen“ ein.

Insgesamt wurden 1.370 Wohnungen gebaut – alle mit Bad und Zentralheizung. Die meisten waren kompakte Eineinhalb- bis Zweieinhalb-Zimmer-Wohnungen, untergebracht in drei- bis viergeschossigen Zeilenbauten. Ziel war es, für die Beschäftigten von Siemens schnellen und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Sie planten also nicht für Reiche, sondern für alle Menschen. Funktional, durchdacht, offen zur Natur – also klare Linien, sinnvolle Grundrisse, viel Grün.

Aber auch Gegensätze und Ideenvielfalt begegnen uns hier. Jeder Architekt hatte seinen eigenen Stil, seine eigene Vorstellung vom guten Wohnen. Wir werden diese Unterschiede auf unserem Spaziergang entdecken.

Und es ist spannend, wie aktuell dieses Gelände heute wieder ist – denn Siemensstadt steht erneut vor einem großen Umbruch: Mit dem Bau von Siemensstadt Square entsteht bis 2035 auf dem ehemaligen Industrieareal ein neuer Stadtteil. Ein CO₂-neutrales Quartier, in dem rund 7.000 Menschen wohnen und mehr als 20.000 arbeiten sollen – in Büros, Forschungseinrichtungen, Start-ups und Werkstätten. Schulen, Kitas, ein Bildungscampus, ein Boulevard mit Läden und Cafés – all das ist Teil des Konzepts.

Auch infrastrukturell bewegt sich viel: Der historische S-Bahnhof Siemensstadt wird reaktiviert, die Siemensbahn wieder zum Leben erweckt – ein entscheidender Schritt für nachhaltige Mobilität im Westen Berlins.

Siemensstadt war also schon einmal ein Ort des Aufbruchs – und ist es jetzt wieder.

Bevor wir uns gleich selbst ein Bild vom alten Siemensstadt machen, vom sozialen Anspruch der Moderne und von der Architektur des „Neuen Bauens“, noch ein kurzer Ausblick auf unsere Route:

Vor der Ringsiedlung besuchen wir die Sühne-Christi-Kirche und den Goebelplatz. Zum Abschluss unserer heutigen Tour machen wir einen Abstecher in den Volkspark Jungfernheide.

270. Kiezspaziergang U-Bahnhof Halemweg

U-Bahnhof Halemweg

Wir beginnen unseren Rundgang hier am U-Bahnhof Halemweg – ein Ort, der auf den ersten Blick eher unauffällig wirkt, aber viel zu erzählen hat. Sowohl über Berliner Architekturgeschichte als auch über den Menschen, der dem Bahnhof seinen Namen gab.

Eröffnet wurde der Bahnhof 1980 – als Teil der Verlängerung der U7 in Richtung Spandau. Entworfen hat ihn Rainer G. Rümmler, der fast alle Berliner U-Bahnhöfe von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre gestaltet hat. Rümmler war berühmt – oder je nach Geschmack berüchtigt – für seine fantasievollen, bunten und manchmal auch ziemlich schrägen Entwürfe. Viele seiner Bahnhöfe erinnern eher an Theaterkulissen als an nüchterne Verkehrsbauten.

Der Halemweg allerdings gehört zu seinen eher zurückhaltenden Werken. Die Gestaltung ist sachlich, fast schon spartanisch. Trotzdem wirkt der Bahnhof mit seinem kräftigen Orange alles andere als langweilig.

Zwischen 2017 und 2021 wurde der Bahnhof grundlegend saniert. Es gibt jetzt ein Blindenleitsystem, einen Aufzug und einen zusätzlichen Ausgang. Auch das Farbkonzept wurde überarbeitet – aber orientiert sich noch immer am Original. Direkt über dem Bahnhof entstand ein 450 Meter langer Grünzug mit Spielgeräten, Hochbeeten und sogar einer riesigen Himmelsschaukel. Auch hier begegnet uns das Spiel mit Farbe: das Orange der Spielgeräte trifft auf das frische Grün der Natur – eine kleine Hommage an Rümmlers Handschrift.

Doch so bunt dieser Ort auch wirkt – sein Name erinnert an eine dunkle Zeit. Die Straße und der Bahnhof sind nach Nikolaus Christoph von Halem benannt. Halem war Jurist, Unternehmer – und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Schon 1933 weigerte er sich den Eid auf Hitler zu leisten und gab sein Rechtsreferendariat auf. Sehr früh suchte er Kontakt zu zivilen und militärischen Widerstandsgruppen. Gemeinsam mit dem ehemaligen Generalstabsoffizier Beppo Römer plante er sogar ein Attentat auf Hitler.

Halem wurde verraten, verhaftet und in mehreren Gefängnissen und Konzentrationslagern interniert und gefoltert. Doch er verriet niemanden. 1944 wurde er vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 9. Oktober 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Da war er gerade 39 Jahre alt.
Über der Rolltreppe erinnert eine Tafel an ihn. Lehrerinnen und Lehrer der benachbarten Anna-Freud-Schule hatten sich dafür eingesetzt. Doch auch diese Erinnerung hat ihre Geschichte: Die erste Tafel wurde schon nach wenigen Wochen zerstört, eine zweite ebenfalls. Heute ist die Gedenktafel durch eine dicke Glasscheibe geschützt.

Der Halemweg ist nicht nur ein Bahnhof, sondern ein Beispiel dafür, wie Erinnerung im Alltag sichtbar bleiben kann. Die umliegenden Straßen in Charlottenburg-Nord tragen viele Namen von Widerstandskämpfern, etwa der Jakob-Kaiser-Platz, die Hofackerzeiler, benannt nach Cäsar von Hofacker oder der Kirchnerpfad, benannt nach Johanna Kirchner. Das war kein Zufall. Schon in den 1950er-Jahren wollte man hier ein Zeichen setzen – gegen das Vergessen, gegen das Schweigen.

Also: Wenn wir heute durch diesen scheinbar alltäglichen Ort gehen, schauen wir genau hin. Und erinnern uns daran, dass es Menschen gab, die ihr Leben riskierten – für Freiheit und für Menschlichkeit.

Wir gehen den Halemweg entlang und treffen uns an der Sühne-Christi-Kirche Ecke Töplerstraße.

270. Kiezspaziergang Toeplerstraße 1 / Sühne-Christi-Kirche

Toeplerstraße 1 / Sühne-Christi-Kirche

Auf den ersten Blick wirkt die Sühne-Christi-Kirche modern und schlicht – mit ihrem sechseckigen Baukörper, den weißen Wänden und dem freistehenden, dreieckigen Glockenturm. Doch was diesen Ort besonders macht, ist nicht nur die Architektur, sondern die Botschaft, die er vermittelt. Die Kirche ist ein Ort der Erinnerung, ein Ort des Gedenkens an die Opfer von Gewalt, Krieg und Terror.

Erbaut wurde die Kirche in den Jahren 1962 bis 1964 nach Plänen des Berliner Architekten Hansrudolf Plarre. Sie war die erste Kirche der jungen Kirchengemeinde Charlottenburg-Nord, die erst kurz zuvor selbstständig geworden war. Der sechseckige Kirchenraum wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich, fast wie ein Zelt. Das Dach ist ein Zwölfeck, getragen von einem sichtbaren Stahlgerüst. Durch ein umlaufendes Fensterband unter der Dachkante fällt Tageslicht in den Raum. An der Außenwand zum Halemweg hin befindet sich die Skulptur “Kruzifix” von Adrian van der Ende.

Leider können wir die Kirche heute nicht von innen sehen. In der Ferienzeit ist niemand vor Ort, um das Gebäude zu öffnen.

Im Inneren der Kirche ist die Gestaltung klar und reduziert. Die Wände bestehen aus roten Lochziegeln, die unverputzt geblieben sind. Kanzel, Altar, Taufstein und Kreuz sind schlicht und aus weißem Stein gefertigt. Das Kreuz über dem Altar trägt eine Dornenkrone – ein Symbol des Leidens. An der Empore, auf der gegenüberliegenden Seite, steht eine große Orgel mit 38 Registern, gebaut 1967.

Doch schon vor der Kirche beginnt das, was diesen Ort so besonders macht: das Gedenken. Auf dem Vorplatz steht eine lange Mauer aus Beton und Ziegeln, gestaltet vom Künstler Florian Breuer. In großen, klaren Lettern stehen dort Orte des Leidens: Plötzensee, Auschwitz, Hiroshima, Mauern. Im Vorraum der Kirche kommt ein weiterer hinzu: Golgatha – der Ort der Kreuzigung Jesu. Vor der Mauer liegt eine Bodenplatte mit einem Bibelzitat aus dem Buch Genesis:

„Horch, das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“

Diese Worte – ursprünglich von Gott an Kain gerichtet, nachdem der seinen Bruder Abel ermordet hat – stehen hier als universelle Mahnung. Die Mauer zieht sich vom Vorplatz durch den Eingangsbereich bis hinein in den Kirchenraum. Damit wird das Gedenken Teil der Architektur – und Teil jedes Gottesdienstes. Man kann sich dem nicht entziehen.

Der Ort ist bewusst gewählt. Nur wenige hundert Meter entfernt liegt das Strafgefängnis Plötzensee, eine der zentralen Hinrichtungsstätten des NS-Regimes. Mehr als 2.800 Menschen wurden dort ermordet – darunter viele Widerstandskämpfer. In der ehemaligen Hinrichtungsstätte am Rande der heutigen Justizvollzugsanstalt Plötzensee erinnert heute die Gedenkstätte Plötzensee an die Opfer.

Unsere nächste Station ist der Goebelplatz. Dazu gehen wir die Toeplerstraße entlang.

270. Kiezspaziergang Goebelplatz

Goebelplatz

Wer sich hier auf dem Goebelplatz einmal umschaut, merkt schnell: Dieser Platz ist von Gebäuden umgeben, die wie ein Freiluftmuseum wirken und von denen wir uns gleich einige näher ansehen werden. Die Bauten erzählen von den großen Umbrüchen in der deutschen Architektur – von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus bis in die Nachkriegsmoderne.

Benannt wurde der Platz im Jahr 1930 nach dem deutsch-amerikanischen Tüftler Henry Goebel – oder eigentlich Johann Heinrich Christoph Conrad Göbel. Er sorgte im 19. Jahrhundert für Aufsehen, weil er behauptete, schon vor Edison die Glühlampe erfunden zu haben. Allerdings konnte er sich damit juristisch nicht durchsetzen.

Der Goebelplatz selbst ist eine kleine grüne Oase. Ein rechteckiger, zurückhaltender Platz mit Maulbeerbäumen, einem durchgehenden Weg aus Muschelkalkplatten und einer Muschelkalkskulptur aus dem Jahr 1954 von Alfred Paul Trenkel in der Mitte. Die Skulptur besteht aus drei verschieden großen, nach unten hin verjüngten Säulen, die fast organisch erscheinen. Die Säulen stehen auf einem Rundsockel, der ebenfalls aus Muschelkalk gehauen ist.

2010 bis 2011 hat man der Platz umfassend saniert. Im Rahmen eines Programms zur Pflege von UNESCO-Welterbestätten orientierte man sich dabei bewusst an seinem historischen Erscheinungsbild. So kehrten auch die bunten Staudenbeete und Rosen zurück. Neue Bänke und Mülleimer machen den Ort heute wieder nutzbar und einladend.

Rund um den Platz stehen Gebäude, die jeweils ein Kapitel deutscher Architekturgeschichte aufschlagen. Auf der einen Seite sieht man typische Zeilenbauten mit Flachdach, wie sie während der Weimarer Republik entstanden – inspiriert vom Neuen Bauen, von Klarheit und Funktionalität. Diese modernistischen Ideen wurden ab 1933 unterbrochen.

Ab 1936 übernahm Hans Hertlein, der langjährige Hausarchitekt von Siemens, die weitere Bebauung östlich des Platzes. Und damit änderte sich nicht nur die politische, sondern auch die architektonische Ausrichtung: Statt Flachdächern und Lichtdurchflutung prägten nun steile Giebel, massive Formen und dekorative Tierreliefs die Fassaden. Die Bauten dieser NS-Zeit liegen außerhalb des offiziellen Welterbes, aber sie grenzen direkt an den Platz an – und zeigen damit anschaulich, wie sich Machtwechsel im Stadtbild ablesen lassen.

Wir gehen einmal quer über den Goebelplatz und treffen uns am Geißlerpfad 11.

270. Kiezspaziergang Fred Forbat - Geißlerpfad 11

Fred Forbat - Geißlerpfad 11

Der Architekt Fred Forbat hat hier, am Geißlerpfad, ein Gebäude entworfen, das exemplarisch zeigt, was „Wohnen für den Menschen“ im Sinne des Neuen Bauens bedeuten kann. Es geht nicht um Repräsentation, sondern um Alltagstauglichkeit, Komfort und Würde im Wohnen – gerade für Menschen mit kleinem Einkommen.

Man könnte meinen, Forbat habe sich Walter Gropius‘ Idee „Architektur muss dem Menschen dienen – nicht umgekehrt“ zu eigen gemacht. Denn seine Gebäude sind keine bloßen Hüllen, sondern bewusst gestaltete Lebensräume.

Schon die Anordnung der Wohnungen zeigt seine Haltung. Die Loggien – also die geschützten Balkone – erstrecken sich über die ganze Wohnungsbreite. Das schafft Luft, Licht und Weite. Man blickt von hier direkt ins Grüne, ohne ein gegenüberliegendes Haus vor der Nase zu haben. Für Forbat war das nicht nur eine ästhetische Frage, sondern ein soziales Anliegen: Der Mensch brauche „ungestörte Aussicht auf die Hauptgrünfläche ohne jedes Gegenüber”.

Auch die Grundrisse seiner Wohnungen sind durchdacht. Forbat wollte flexible Räume, die sich dem Leben anpassen – und nicht umgekehrt. Er experimentierte mit variablen Wänden, verschob die Küche, veränderte die Raumaufteilung – je nachdem, ob eine Familie, ein Paar oder eine Einzelperson hier lebte. So entstanden vier Wohnungstypen im selben Haus – ein fast revolutionärer Gedanke für die Zeit um 1930.

Dabei blieb Forbat nicht bei großen Ideen stehen. Auch im Detail dachte er praktisch: kurze Wasserleitungen zwischen Küche und Bad – das spart Energie und Geld. Die Eingänge sind durch kleine Vordächer betont, die Straßenfassade ist klar gegliedert, mit abgerundeten Ecken und vertikalen Akzenten.

Sein Entwurf war ursprünglich größer gedacht. Forbat wollte die Siedlung östlich über den Goebelplatz hinaus erweitern, mit einem kleinen Einkaufszentrum. Doch dazu kam es nicht. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten durfte Forbat als ungarischer Jude nicht mehr in Deutschland arbeiten. Seine Karriere setzte er später erfolgreich in Schweden fort.

Wir gehen zur Goebelstraße 1, dort steht das Laubenganghaus von Hans Scharoun.

270. Kiezspaziergang Laubenganghaus Hans Scharoun - Goebelstr.1-9

Laubenganghaus Hans Scharoun - Goebelstr.1-9

Pinkfarbene Gänge, expressionistischen Zackenfenster im Treppenhaus, bunte Türen in Gelb, Rot oder Blau und die chararakteristischen „Bullaugenfenster”: Hans Scharoun, der Architekt dieses Hauses, dachte nicht in starren Formen.

Sein Name ist eng verbunden mit dem Begriff der „organischen Baukunst“. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen arbeitete er nicht mit streng geometrischen Formen und ließ sich auch nicht von rein funktionalen Prinzipien leiten. Elemente der Schiffs- und Hafenarchitektur aus seiner norddeutschen Heimat finden sich in zahlreichen seiner Bauten wieder. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Berliner Philharmonie und die Staatsbibliothek am Potsdamer Platz.

Scharoun dachte bei seinen Werken vom Leben her, vom Alltag der Menschen. Wie wohnen Menschen wirklich? Was brauchen sie, um sich wohlzufühlen? Und vor allem: Wie kann durch Bauen Nähe entstehen – statt Anonymität?

Die Antwort, die der Architekt hier gibt, ist der Laubengang. Das klingt erstmal technisch, ist aber ein sozialer Raum. Ein Laubengang ist mehr als ein Flur im Freien. Er ist ein Zwischenraum – weder ganz öffentlich, noch ganz privat. Genau da, wo Nachbarschaft entsteht. Man trifft sich, bleibt stehen, wechselt ein paar Worte, Kinder spielen vor der Wohnungstür oder jemand gießt Blumen. Kleine, beiläufige Begegnungen – aber genau daraus entsteht Gemeinschaft.

Scharoun nutzte diese halböffentlichen Gänge bewusst als Mittel gegen die Vereinzelung. Statt isolierter Eingänge plante er offene Wege, die alle Wohnungen verbinden. Wer hier wohnt, ist nicht automatisch befreundet – aber auch nicht völlig fremd. Es ist ein architektonisches Angebot: zur Nähe, zur Begegnung, zum Miteinander. Gerade heute ist das aktueller denn je: Einsamkeit und soziale Isolation gehören zu den großen Herausforderungen unserer Zeit, verstärkt durch Entwicklungen wie Homeoffice, anonyme Wohnformen oder auch Social Distancing während der Coronapandemie.

Das Laubenganghaus gehört nicht zur ursprünglichen Bebauung der Ringsiedlung. Hans Scharoun hat es nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs am Ende des „Langen Jammers“ angefügt.

Unser nächster Halt ist das Haus nebenan, der sogenannte „Lange Jammer“. Wir gehen bis zur Hausnummer 55.

270. Kiezspaziergang „Langer Jammer" + „Paradies der großen Wäsche“ - Goebelstraße 55 + Durchgang

„Langer Jammer" + „Paradies der großen Wäsche“ - Goebelstraße 55 + Durchgang

Wenn man vor diesem Gebäuderiegel steht, wird schnell klar, warum er den Spitznamen „Langer Jammer“ bekommen hat. Ganze 338 Meter zieht sich das Haus an der Goebelstraße entlang. Es wirkt wie eine Mauer.

Der Architekt Otto Bartning hatte es hier nicht leicht. Dieses Grundstück war schmal, lag direkt an der Bahn und ließ keine ideale Nord-Süd-Ausrichtung zu – so wie bei den meisten anderen Gebäuden der Siedlung. Eigentlich wollte man, dass morgens die Sonne in Schlafzimmer und Bad scheint und abends in die Küche und das Wohnzimmer. Doch hier machte das Bezirksamt Vorgaben: Eine Randbebauung musste her, um den Bahndamm der Siemensbahn zu verdecken. Deshalb verläuft das Gebäude in Ost-West-Richtung. Bartning reagierte darauf mit einem Trick: Er legte die Wohnräume auf die sonnige Südseite und plante dort Balkone ein. So kommen trotzdem Licht und Luft in die Wohnungen.

Bartning hat das Gebäude aus 25 identischen Baueinheiten zusammengesetzt. Die Fassade zur Straße ist streng, klar, fast schmucklos und schaut nach Norden. Der Ausdruck „Wohnmaschine“ passt hier gut. Und genau dieser Begriff zeigt schon das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen:

Die Moderne wollte rationell bauen, effizient, hygienisch. Und das tat sie auch. Jede Wohnung hier hatte – für die Zeit um 1930 – modernen Komfort: ein eigenes Bad, WC, Heizung, große Fenster, sogar eine Essküche mit Doppeltür zur Loggia. Also: keine Jammer-Architektur – jedenfalls nicht aus Sicht des Wohnstandards.

Aber der Eindruck der Monotonie bleibt. Kein Wunder, dass Kritiker schon damals spotteten, hier werde die alte Mietskaserne einfach in neuer Form wiederholt. Die Utopie der Gleichheit droht zur Einförmigkeit zu werden.

Direkt hinter dem Riegel, verborgen im Grün, liegt das, was die Bewohner liebevoll das „Paradies der großen Wäsche“ nannten. Die zentrale Siedlungswäscherei. Sie war Teil eines technischen Gesamtkonzepts: Die Siemensstadt hatte ihr eigenes Fernheizwerk, entworfen von Otto Bartning und dem Ingenieur Max Mengeringhausen. Es versorgte alle Häuser mit Wärme und warmem Wasser – eine echte Innovation. Dadurch wurde Platz in den Wohnungen frei, weil man auf sperrige Kachelöfen verzichten konnte.
Die Wäscherei war nicht nur praktisch – sie wurde zum sozialen Ort. Hier traf man sich, wusch Wäsche, tauschte Neuigkeiten. Kinder konnten
mitkommen, für sie gab es einen eigenen Spielbereich – ausgestattet mit kindgerechten Freischwinger-Stühlen von Mies van der Rohe. Es war ein Raum des Miteinanders. Technik wurde hier nicht nur als Funktion verstanden, sondern auch als Ermöglicher von Gemeinschaft.

Heute ist das Waschhaus stillgelegt und auch benachbarte Fernheizwerk ist seit langem außer Betrieb. Die zuständige Wohnungsbaugesellschaft nutzte das stillgelegte Waschhaus lange Zeit als Geschäftsstelle. Derzeit wird das Gebäude renoviert.

Um zur nächsten Station zu gelangen, müssen wir nur die Straßenseite wechseln und ein paar Meter die Goebelstraße entlang gehen. An der Hausnummer 60 biegen wir rechts in den Weg ein und sehen uns vor der Hausnummer 70 wieder.

270. Kiezspaziergang Hugo Häring, Goebelstraße 70

Hugo Häring, Goebelstraße 70

Wir stehen hier vor einem Ensemble, das ganz anders wirkt als der „Lange Jammer“. Verspielt, plastisch, fast lebendig. Die Gebäude stammen von Hugo Häring – einem Architekten, der sich gegen jede Art von Standardisierung stellte. Für ihn war Architektur kein Massenprodukt, sondern etwas, das sich an den Menschen und ihr Leben anpassen muss. Seine Idee: Die Wohnung soll wie ein Organ für die Menschen funktionieren, die sie nutzen.

Das bedeutet: Der Grundriss wird nicht starr am Reißbrett entworfen, sondern ergibt sich aus dem Leben, das darin stattfindet. Räume sollen sich nach der Funktion formen, nicht nach einer vorgegebenen Norm.

In der Siemensstadt durfte Häring gleich neun Wohnzeilen bauen. Hier wurde nicht einfach kopiert und vervielfältigt. Jedes Detail wirkt durchdacht. Dabei folgte er trotzdem der damals typischen Zeilenbauweise: lange Gebäude, idealerweise in Nord-Süd-Richtung, damit möglichst viel Licht in die Wohnungen fällt. Härings Zeilen sind besonders präzise danach ausgerichtet: Die Schlafzimmer und Bäder liegen im Osten, also zur Morgensonne, die Wohnräume und Küchen im Westen – mit Abendlicht.

Was sofort ins Auge fällt, sind die Balkone. In den unteren drei Etagen sind sie nierenförmig geschwungen – und das hat einen Grund: Sie sollten weit hinausragen, um Platz zu schaffen – für eine Liege, einen Tisch, drei Stühle. Gleichzeitig wollte Häring vermeiden, dass sie zu viel Schatten auf die darunterliegenden Wohnzimmer werfen. Also: Form folgt Funktion – aber mit Stil. In den oberen Etagen sind die Balkone rechteckig und paarweise zusammengefasst.

Die Westfassade – also die Seite, die wir hier sehen – ist die Schauseite. Lebendig gegliedert, mit versetzten Balkonen, vertikal betonten Treppenhäusern und warmen, lederfarbenen Klinkern. Die Ostseite dagegen ist schlicht – aber nie langweilig. Auch dort sorgt eine feine Gliederung der Fenster und Mauerflächen dafür, dass keine Monotonie entsteht.

Häring wollte nicht beeindrucken, sondern dem Alltag Raum geben. Ursprünglich plante er auf den Dächern Atelierwohnungen mit großen Terrassen – ein Ort für Rückzug, für Kreativität. Verwirklicht wurden dann aber nur Trockenräume. Trotzdem: Die Idee zeigt, wie stark Häring das Individuum im Blick hatte.

Seine Haltung stand im Gegensatz zu vielen anderen Architekten seiner Zeit, die stärker auf industrielle, serielle Lösungen setzten. Häring dagegen sagte: Jede Wohnung ist anders, weil jeder Mensch anders lebt. Kann man sich also Freiheit bauen? Häring hat es versucht – mit offenen, flexiblen Grundrissen, mit Rücksicht auf Licht, Ausblick, Nutzung.

Für viele gelten Härings Bauten als Höhepunkt der Siemensstadt. Schon damals wurden sie in der Fachwelt gelobt – für ihre Natürlichkeit, ihren Maßstab, ihre Poesie. Und sie zeigen bis heute: Wenn man den Menschen ins Zentrum stellt, kann auch ein Zeilenbau Wärme und Charakter haben.

Wir gehen jetzt den Weg zwischen den Häusern entlang bis zum Heckerdamm. Da biegen wir rechts ab und gehen bis zur Hausnummer 287.

270. Kiezspaziergang Paul Rudolf Henning - Heckerdamm 287

Paul Rudolf Henning - Heckerdamm 287

Unser nächster Halt führt uns zu einem Architekten, der das Wohnen als Teil eines größeren Ganzen verstand: Paul Rudolf Henning. Seine Bauten hier am Heckerdamm gehören zum zweiten Bauabschnitt der Großsiedlung Siemensstadt und wurden in den Jahren 1930 bis 1934 errichtet.

Henning dachte bei seinen Entwürfen nicht nur an schöne Fassaden oder moderne Grundrisse – er dachte auch die Umgebung mit. Für ihn war Wohnen eingebettet in ein Netzwerk aus Wegen, Grünflächen, Versorgung und Gesundheit. Seine Zeilenbauten stehen genau dafür.

Zunächst plante er drei gleich lange, dreigeschossige Wohnhäuser. Daran schließen sich nach Norden hin drei zweigeschossige Bauten an. Diese Staffelung ist kein Zufall. Sie schafft einen sanften Übergang in den angrenzenden Volkspark Jungfernheide.

In den zweigeschossigen Häusern bekam jede Mietpartei Anteil an den Dachterrassen. Diese waren nicht etwa Luxus, sondern der Wunsch des Bezirksamts und Teil eines gesundheitlichen Konzepts. In einer Zeit, in der Tuberkulose noch weit verbreitet war, sollten die Bewohner frische Luft und Sonne tanken können.

Die Siedlung war aber nicht nur funktional, sondern auch gestalterisch durchdacht. Henning nahm Farbtöne und Materialien der benachbarten Bauten von Hugo Häring auf und ergänzte sie mit eigenen Akzenten. Er setzte auf schlichte, geometrische Formen. Besonders auffällig sind die Balkone: abgerundete Quader, fast skulptural, mit Platz für fünf Stühle. Sie treten deutlich aus der Fassade hervor und verleihen den Häusern eine besondere plastische Wirkung. Kein Wunder – Henning war auch Bildhauer.

Die Wohnungen selbst waren unterschiedlich groß – 52, 62 oder 72 Quadratmeter. Von außen sieht man das nicht. Einheitlichkeit nach außen, Vielfalt im Innern. Die größeren Wohnungen an den Südseiten haben keine Balkone, sondern sogenannte Blumenfenster: breite Fenster mit weitem Blick über die Wiese. Auch das ist Teil eines Konzepts, das Licht, Luft und Ausblick als Grundlage für gutes Wohnen verstand.

Ein kürzerer Block mit vier Etagen schließt das Ensemble nach Westen ab. Später, in den Jahren 1933 und 1934, kamen noch zwei spiegelbildlich angeordnete Blöcke hinzu – ohne Balkone, aber mit den gleichen flachdachigen Formen. Dass diese Bauten auch noch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit Flachdach gebaut werden konnten, ist bemerkenswert – denn das Flachdach war in deren Ideologie verpönt.

Henning arbeitete hier im Rahmen der Wohnungsfürsorgegesellschaft. Das bedeutete: strenge Vorgaben, vor allem bei den Grundrissen. Große Experimente waren nicht möglich. Trotzdem gelang es ihm, moderne, durchdachte und menschenfreundliche Wohnungen zu schaffen – eingebettet in ein städtebauliches Konzept, das die Frage stellt: Wie viel Stadt braucht das Wohnen?

Für Henning war die Antwort klar: Wohnen ist mehr als vier Wände. Es braucht Freiräume, Licht, Wege, Parks – es braucht Anschluss an die Stadt, aber auch Rückzug ins Grüne. Genau diesen Übergang – vom Haus zur Stadt, von der Straße zur Natur – hat er hier gebaut.

Wir gehen in den Volkspark Jungfernheide, unserer letzten Station auf unserem Spaziergang und treffen uns am Jungfernheideteich.

270. Kiezspaziergang Jungfernheide

Volkspark Jungfernheide

Wir stehen hier am Jungfernheideteich. Er wirkt natürlich, wurde aber künstlich angelegt. Sein Wasser erhält er aus dem Nonnengrabenkanal und gibt es an die tiefer liegende Spree weiter. Der Name „Jungfernheide“ geht auf das Spandauer Benediktinerinnenkloster zurück. Die „Jungfern“, also Nonnen, waren seit dem Mittelalter in Besitz dieses Areals.

Der Park ist ein Ort zum Durchatmen, zum Spazieren, Klettern, Spielen, zum Baden und Hundeausführen. Und mit 146 Hektar eine der größten Grünanlagen Berlins. Dabei war dieses Gelände ursprünglich alles andere als ein Ort der Erholung. Erst jagte hier der preußische Adel Wildtiere, dann nutzte das Militär die Fläche zum Exerzieren und Schießen. Später war hier das erste Luftschiffer-Bataillon untergebracht – bis der Versailler Vertrag 1919 die militärische Luftfahrt verbot und man die Hangars abriss.

Auf dem ehemaligen Militärgelände entstand dann Anfang der 1920er Jahre ein Volkspark. Die Stadt Charlottenburg kaufte das Gelände, und der Gartenbaudirektor Erwin Barth verwandelte es in einen modernen Erholungsraum. 1923 wurde der Park eröffnet – als Teil der Volksparkbewegung. Es war kein Ziergarten, sondern ein Ort, an dem sich die städtische Bevölkerung wirklich erholen konnte: Sportplätze, ein Freibad, ein Spielplatz, eine Freilichtbühne, ein Wildgehege – all das war schon damals Teil des Konzepts.

Der Park erfüllt aber nicht nur eine soziale, sondern auch eine wichtige ökologische Funktion – besonders in einer dicht bebauten Stadt wie Berlin. Gleichzeitig wird er stark genutzt – das hinterlässt Spuren. Besonders die große Wiese im Zentrum hat darunter gelitten.

Deshalb hat der Fachbereich Grünflächen im vergangenen Jahr ein Pilotprojekt umgesetzt, um die Wiese zu sanieren. Ziel war es, den Boden wieder durchlässiger zu machen, ihn besser mit Wasser und Nährstoffen zu versorgen – und die Fläche insgesamt robuster gegen Belastung und Trockenheit zu machen.

Dabei hat man neue Wege beschritten: In den Boden wurde Biokohle eingearbeitet. Sie speichert Wasser und bindet CO₂. Statt auf gezüchtete Rasengräser zu setzen, hat man auf regionale Gräser zurückgegriffen. Diese sind in Berlin heimisch und an den sandigen, trockenen Boden angepasst. Deshalb brauchen sie weniger Wasser und Dünger.

Damit sind wir am Ende unseres heutigen Spaziergangs angekommen. Sie können gern noch etwas im schattigen Park umherschlendern oder im Kulturbiergarten um die Ecke etwas Kühles trinken. Vielen Dank für Ihre Teilnahme. Zum Abschluss noch ein Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang: Am Samstag, 13. September geht es mit Bezirksstadtrat Christoph Brzezinski durch Alt-Lietzow. Treffpunkt ist um 14 Uhr an der Villa Kogge, Alt-Lietzow 28.

  • 270. Kiezspaziergang

    Goebelplatz

  • 270. Kiezspaziergang Goebelplatz

    Goebelplatz

  • 270. Kiezspaziergang
  • 270. Kiezspaziergang Jungfernheide
  • 270. Kiezspaziergang Jungfernheide

    Jungferngheide

Kontakt

Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Verkehrsanbindungen