203. Kiezspaziergang am 10.11.18 mit Bezirksbürgermeister Naumann

Treffpunkt: BVG-Parkplatz in der Hertzallee

Bildvergrößerung: 203. Kiezspaziergang Kartenskizze
203. Kiezspaziergang Kartenskizze
Bild: BA CW, ML

Herzlich willkommen zu unserem 203. Kiezspaziergang. Als erstes möchte ich ganz herzlich Trine Græse, die Bürgermeisterin aus unserer dänischen Partnerstadt Gladsaxe, begrüßen, die zusammen mit ihrem Mann seit vorgestern zur Feier unseres 50-jährigen Partnerschaftsjubiläum in Charlottenburg- Wilmersdorf weilt. Frau Græse, wir freuen uns sehr, dass Sie an unserem Kiezspaziergang teilnehmen. Beim Kiezspaziergang im November gedenken wir traditionell der Novemberpogrome 1938. Dieses Jahr jährt sich am 9. November außerdem zum hundertsten Mal die Novemberrevolution von 1918, die den Ersten Weltkrieg und die Monarchie in Deutschland beendete und den Frauen endlich das Wahlrecht brachte. Unser Weg führt uns heute zum Hardenbergplatz, wo uns Herr Nebel von der Berliner Stadtmission die baulichen Veränderungen in der Bahnhofsmission erläutern wird, danach gehen wir durch die Jebensstraße am Museum für Fotografie vorbei zur C/O Galerie und dann zum Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße. Der Kiezspaziergang endet am Kurfürstendamm im Maison de France. Vor hundert Jahren wurde ja in Compiègne das Ende des Ersten Weltkrieges mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes besiegelt.

Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen noch Treff- und Zeitpunkt des nächsten Kiezspaziergangs mitteilen. Wir sehen uns wieder zu unserem letzten Kiezspaziergang in diesem Jahr am Samstag, den 8.12.18, um 14 Uhr. Startpunkt ist der Joachimsthaler Platz bei der Verkehrskanzel. Wir wandern zur Gedächtniskirche, wo uns Pfarrer Germer empfangen wird, und gedenken dann am Mahnmal der Toten und Verletzten des Attentats auf den Weihnachtsmarkt. Der Kiezspaziergang endet mit einer ausführlichen Führung durch das Bikini-Haus.

Station 1: BVG-Parkplatz

BVG-Parkplatz
BVG-Parkplatz
Bild: BA-CW,ML

Hier auf diesem Gelände planen die Technische Universität und das Land Berlin Großes. Bereits weit fortgeschritten in der Planung sind zwei Gebäude zwischen Fasanenstraße und S-Bahn, die in einem Architekturwettbewerb ausgewählt und am 11. September 2017 entschieden wurden, und zwar der Neubau des Mathematikgebäudes und ein Interdisziplinäres Zentrum für Modellierung und Simulation. Der Siegerentwurf von Code Unique Architekten BDA aus Dresden und Rehwaldt Landschaftsarchitekten Dresden diente als Grundlage für die weitere Bearbeitung. Beide Gebäude zusammen sollen 125 Millionen € kosten. Die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher lobt die Entwürfe mit folgenden Worten:

Der Siegerentwurf stärkt die städtebauliche Idee des Campus. Die Offenheit und Durchlässigkeit der Erdgeschosszone ermöglicht den Zugang in das gesamte Areal. Über den Innenhof erschließt sich das öffentliche Foyer des Mathematikgebäudes und die dortige Cafeteria am Ufer des Landwehrkanals. Sehr geschickt verbindet der Entwurf die unterschiedlichen öffentlichen Räume und belebt in hohen Maß sowohl den Campus als auch die Uferzone.

Das neue Mathematikgebäude wird eine Nutzfläche von 14.500 m² haben, das Interdisziplinäre Zentrum für Modellierung und Simulation von 5700 m².

Aber das sind nur die am weitesten fortgeschrittenen Vorhaben. Geplant ist hier viel mehr.

Die BVG wird wohl einen Grundstückstauch vornehmen, so dass der Busparkplatz verlegt werden kann, entweder näher zur S-Bahn hin oder unter die Erde, damit wird die Fläche hier frei. Die BVG plant auch eine Ladestation für weitere Elektrobusse, denn seit 2015 werden auf der Linie 204 vom Bahnhof Zoo zum Bahnhof Südkreuz bereits Elektrobusse getestet. Deren Akkus werden kabellos an den beiden Bahnhöfen wieder aufgeladen.

Die Brache zwischen Zoo-Wirtschaftshof und Busparkplatz ist 13.000 m² groß. Hier war einst das Riesenrad geplant. Das Grundstück gehört inzwischen dem Münchener Immobilienunternehmen Reiß & Co, das sich an den Städtebaulichen Wettbewerb von 2011 halten will. Es sollen sechs Gebäudeblöcke und ein Hochhaus entstehen. Büros, ein Hotel, ein Gästehaus für Lehrende und Studierendenappartements sind geplant. Das Hochhaus soll etwas niedriger sein als die Türme in der Kantstraße werden.

Auch der Hardenbergplatz soll neu gestaltet werden: Mehr Grün und weniger Parkplätze sind das Motto. Verkehr und Promenade sollen klar voneinander getrennt werden. Mehr Platz für die Fußgänger und –gängerinnen soll die Aufenthaltsqualität verbessern. Ideen für ein Hochhaus an der Nordseite des Platzes, die zuvor von der AG City und dem Architekten Christoph Langhof vorgeschlagen worden waren, wurde eine Absage erteilt. Auch eine Tiefgarage ist nicht mehr vorgesehen. Die Bushaltestellen sollen näher an den Bahnhof Zoo heranrücken, damit das Umsteigen vom Bus in die Bahn und von Bahn in den Bus erleichtert wird. Es ist auch beabsichtigt, Flächen auf dem Hardenbergplatz zu reservieren, für den Fall, dass es irgendwann Straßenbahnhaltestellen auf dem Hardenbergplatz geben sollte. Das Verfahren für einen Bebauungsplan hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung an sich gezogen. Es wurde am 14. Juni 2018 eröffnet. Es ist aber noch nicht klar, wann es abgeschlossen ist.

Wir gehen nun unter der Brücke durch, biegen rechts ab und treffen uns vor der Nummer 13 wieder, wo uns Herr Nebel von der Berliner Stadtmission bereits erwartet.

Station 2: Hardenbergplatz 13 / Berliner Stadtmission

Bahnhof Zoologischer Garten
Bahnhof Zoologischer Garten
Bild: BA-CW,ML

Station 2.1: Bahnhofsmission

Ich begrüße ganz herzlich Wolfgang Nebel, Diakon und Zentrumskoordinator des Zentrums am Zoo der Berliner Stadtmission. Die Deutsche Bahn AG hat der Berliner Stadtmission dankenswerterweise für 25 Jahre zusätzlich 500 m² zur Verfügung gestellt. Diese sollen für Beratung, Bildung, aber auch Betreuung genutzt werden, denn die Bahnhofsmission ist die erste Anlaufstelle für viele obdachlose Menschen, die ihren Alltag oft nicht mehr bewältigen können. Auch unser Bundespräsident Frank Walter Steinmeier ist hier manchmal vor Ort. In seiner Doktorarbeit hat er sich mit der Obdachlosigkeit von Menschen beschäftigt, was die Bedeutung dieses Themas für ihn zeigt.

Wolfgang Nebel hat die Um- und Ausbauarbeiten des Zentrums am Zoo geleitet und wird uns nun davon berichten.

Vielen Dank, Herr Nebel!

Station 2.2: Bahnhof Zoologischer Garten

Der Bahnhof Zoologischer Garten wurde von 1878 bis 1882 von Ernst Dircksen gebaut und zunächst für den Stadtbahnverkehr, ab 1884 auch für den Fernverkehr geöffnet. Kurz danach wurde der Ausbau des Kurfürstendammes beendet, und schnell wurde der Bahnhof Zoo zu einer Art Hauptbahnhof für die neue City im Berliner Westen.

Für die Olympischen Spiele 1936 wurde der Bahnhof grundlegend umgebaut, und die Gleisanlagen der Fernbahn erweitert. Unter Aufrechterhaltung des gesamten Eisenbahnbetriebs begann man 1934 mit dem vollständigen Abbruch und Neubau des Bahnhofs, der 1941 fertig gestellt wurde. Architekt war Fritz Hane, der auch den Bahnhof Olympiastadion umgebaut hatte.

Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurden von 1954 bis 1957 die Fernbahnhalle und die niedrigere S-Bahn-Halle verglast und ein terrassenförmiger Restaurantvorbau errichtet. Während der Teilung der Stadt war der Bahnhof Zoo in der Zuständigkeit der Deutschen Reichsbahn und lange Zeit der einzige Fernbahnhof und damit wiederum der eigentliche Hauptbahnhof West-Berlins.

Der Bahnhof Zoo wurde durch das Buch von Christiane F. zum Synonym für die Schattenseiten der Großstadt mit den Drogenproblemen und den Schwierigkeiten der obdachlosen Menschen, die sich hier trafen. Gleichzeitig wurde der Bahnhof Zoo, befördert durch das Musical Linie 1 des Grips-Theaters, zum Symbol für die Sehnsüchte vieler Jugendlicher nach den Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten der Großstadt.

1994 fusionierten die Deutsche Reichsbahn und die Deutsche Bundesbahn zur Deutschen Bahn AG, die 1995 den Servicebetrieb neu ordnete und damit auch den Bahnhof Zoo im Inneren völlig umgestaltete. Gegen den Widerstand von Künstlern und Intellektuellen aus dem Ost- und Westteil der Stadt wurde dabei auch die legendäre Heinrich-Heine-Buchhandlung geschlossen.

Nach wie vor ist dies der bedeutendste Bahnhof in der westlichen City, auch wenn er gegen den ausdrücklichen Widerstand von Charlottenburg-Wilmersdorf von der Deutschen Bahn vom Fernverkehr bis auf wenige Ausnahmen abgekoppelt wurde. Im Moment dient er als Umsteigebahnhof für S-Bahnen, Regionalbahnen und den Regional-Express. 90.000 Fahrgäste frequentieren den Bahnhof täglich. Neueste Planungen der Deutschen Bahn sehen allerdings vor, dass ab 2030 wieder Fernzüge am Bahnhof Zoo halten sollen.

Seit Anfang 2015 investiert die Deutsche Bahn erneut in den Bahnhof Zoo. In der ersten Baustufe wurden die Zooterrassen modernisiert, die im November 2016 mit der Restaurantkette MacDonalds wieder eröffnet wurden. Die Freiluftterrasse gleicht dem historischen Vorbild. Die Modernisierung des Bahnhofs geht in den nächsten Jahren mit einer Verbesserung des Brandschutzes und der Sanierung der technischen Anlagen weiter.

Wir gehen nun unter der Unterführung durch und treffen uns wieder in der Jebensstraße 3.

Station 3: Jebensstraße 3

Evangelischer Oberkirchenrat
Evangelischer Oberkirchenrat
Bild: BA-CW,ML

Station 3.1: Jebensstraße / Herkunft des Namens

Am 4. Dezember 1912 wurde die Straße nach Wilhelm Jebens benannt. Wilhelm Jebens wurde 1830 in Danzig geboren und starb 1907 in Charlottenburg. Er hat sich um den Ausbau des preußischen Verwaltungsrechts verdient gemacht und war Senatspräsident am Oberverwaltungsgericht. Auf seine Initiative hin wurde das Gebäude in der Hardenbergstraße 31 gebaut, was heute als Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg dient und wo wir auch gleich vorbeikommen werden. Nach seiner Pensionierung wurde Jebens Stadtverordneter und Stadtrat von Charlottenburg.

Station 3.2: Museum für Fotografie

Das Museum für Fotografie gehört zu den Staatlichen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ist eine Abteilung der Kunstbibliothek. Es ist gleichzeitig Ausstellungs-, Forschungs- und Dokumentationszentrum für Fotografie.
Der neoklassizistische Bau wurde als Offizierskasino für die Landwehr-Inspektion Berlin von den beiden Architekten Heino Schmieden und Julius Boethke gebaut und am 2. September 1909 eingeweiht. Im Gegensatz zur schlichten äußeren Erscheinung hatte es eine prachtvolle Innenausstattung und beherbergte Festsäle, Gästezimmer und ein Restaurant. Der repräsentativste Raum war der 665 m² große und elf Meter hohe Kaisersaal.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude stark beschädigt. 1950 kaufte das Land Berlin das Gebäude, in das dann die Kunstbibliothek einzog. Von 1978 bis 1986 nutzte die Berlinische Galerie die Räumlichkeiten für Ausstellungen. Nachdem die Kunstbibliothek 1993 in das Kulturforum umzog, wurde das Gebäude nur noch als Depot und als Werkstatt genutzt.

2004 wurde dann das Museum für Fotografie eröffnet. Im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss ist die Sammlung der Helmut-Newton-Stiftung untergebracht. Im Kaisersaal im zweiten Obergeschoss. wird die Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek in wechselnden Ausstellungen gezeigt. Die Sammlung hat Fotografien von der Frühzeit der Fotografie bis hin zu den künstlerischen Positionen der Gegenwart. Sie ist in fünf Bereiche unterteilt: das Bildarchiv, die Sammlung künstlerischer Fotografie, die Nachlässe und Archive, die Messbildbestände und die historischen Postkarten aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Ein Besuch lohnt sich, besonders jetzt, wo eine Ausstellung zur Novemberrevolution stattfindet!

Station 3.3: Novemberrevolution in Deutschland

Wir bleiben beim Thema, wir haben hier in Charlottenburg-Wilmersdorf zwar keinen symbolischen Ort zur Erinnerung an die Novemberrevolution vor hundert Jahren, da sie aber ein wichtiges Ereignis auf dem Weg zu unserer heutigen Demokratie war, möchte ich doch ein paar Worte dazu sagen.

Im Herbst 1918 wurde die aussichtlose militärische Lage Deutschlands im Ersten Weltkrieg offenbar und der Reichskanzler Max von Baden ersuchte die Alliierten um einen Waffenstillstand. Die Marineführung stellte sich dagegen, sie wollte lieber in Ehren untergehen und gab den Befehl zu einer bisher vermiedenen Entscheidungsschlacht gegen die doppelt so große britische Flotte. Dies führte zu einer massiven Befehlsverweigerung, zuerst der Matrosen in Wilhelmshaven und dann in Kiel. Der Matrosenaufstand entwickelte sich innerhalb weniger Tage zur Revolution, die das ganze Reich erfasste. Am 9. November erreichte die Revolution Berlin¸ wo Reichskanzler Prinz Maximilian von Baden eigenmächtig die Abdankung des Kaisers bekannt gab (die offizielle Abdankung folgte erst am 28. November). Hier der Wortlaut seines Erlasses:

Seine Majestät der Kaiser und König haben sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amt, bis die mit der Abdankung Seiner Majestät, dem Thronverzichte Seiner Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen des Deutschen Reichs und von Preußen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind. Er beabsichtigt, dem Regenten die Ernennung des Abgeordneten Ebert zum Reichskanzler und die Vorlage eines Gesetzentwurfs wegen der Ausschreibung allgemeiner Wahlen für eine verfassungsgebende deutsche Nationalversammlung vorzuschlagen, der es obliegen würde, die künftige Staatsform des deutschen Volks, einschließlich der Volksteile, die ihren Eintritt in die Reichsgrenzen wünschen sollten, endgültig festzustellen.

Die Festlegung auf die Staatsform erfolgte dann aber viel schneller, denn Philipp Scheidemann, führendes Mitglied der SPD, erfuhr beim Mittagessen, dass Karl Liebknecht in Kürze die Räterepublik ausrufen wolle, und eilte nach eigenen Aussagen „zwischen Mittagessen und Nachspeise“, kurz nach 14 Uhr, auf einen Balkon des Reichstages und rief die erste deutsche Republik aus, nach der stenographischen Mitschrift eines österreichischen Journalisten, denn es gibt mehrere Versionen, mit folgenden Worten:

Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt. Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt! Die Hohenzollern haben abgedankt! Es lebe die deutsche Republik! Der Abgeordnete Ebert ist zum Reichskanzler ausgerufen worden. Ebert ist damit beauftragt worden, eine neue Regierung zusammenzustellen. Dieser Regierung werden alle sozialistischen Parteien angehören. […]

Übrigens sind die Filmausschnitte von der Ausrufung der Republik mit Philipp Scheidemann, die zur Zeit im Fernsehen gezeigt werden, kein Originaldokument, sondern Scheidemann hat die Szene ein paar Tage später nachgestellt und filmen lassen.

Von einem LKW im Lustgarten aus rief Karl Liebknecht seinerseits die freie sozialistische Republik Deutschland aus, wahrscheinlich fast zeitgleich. Um 16 Uhr wiederholte Liebknecht vor einer im Hof des Schlosses versammelten Menschenmenge, von einem Balkon des Berliner Schlosses aus, die Ausrufung mit folgenden Worten:

Der Tag der Revolution ist gekommen. Wir haben den Frieden erzwungen. Der Friede ist in diesem Augenblick geschlossen. Das Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzollern, die in diesem Schloß jahrhundertelang gewohnt haben, ist vorüber. In dieser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik Deutschland.

Der Abschnitt des Berliner Schlosses mit dem Balkon, auf dem Liebknecht stand, wurde dann vor der Sprengung des Schlosses als Portal an das Staatsratsgebäude der DDR angebracht.

Im Prinzip ist es aber nicht so elementar wichtig, wer die Republik zuerst ausgerufen hat, denn die politischen Mehrheits- und Kräfteverhältnisse in Deutschland zielten auf sozialdemokratische und nicht auf sozialistische Veränderungen.

Der Schriftsteller Thomas Mann kommentierte die Ereignisse in Berlin folgendermaßen:

Ich bin befriedigt von der relativen Ruhe und Ordnung, mit der vorderhand sich alles abspielt. Die deutsche Revolution ist eben die deutsche, wenn auch Revolution. Keine französische Wildheit, keine russisch-kommunistische Trunkenheit.

Und Albert Einstein, der Professor an der Humboldt-Universität war, schrieb am 9. November in sein Notizbuch bezüglich seiner Vorlesung:

Fiel aus wegen Revolution.

Am 12. November veröffentlichte der Rat der Volksbeauftragten, das höchste Regierungsorgan im revolutionären Deutschland, sein Regierungsprogramm. Der Belagerungszustand wurde aufgehoben und die Gesindeordnung und die Zensur abgeschafft. Alle politisch Inhaftierten erhielten Amnestie. Die Vereins-, Versammlungs- und Pressefreiheit wurden erweitert. Leistungen der Erwerbslosenfürsorge, der Sozial- und Unfallversicherung wurden verbessert. Der Achtstundentag wurde ab dem 1.1.1919 verbindlich. Auch das allgemeine Wahlrecht wurde eingeführt, und zwar für alle Bürger und Bürgerinnen ab 20 Jahren.

Wir haben nun also seit hundert Jahren das Frauenwahlrecht, und das will gefeiert werden. Am Montag, den 12. November, also übermorgen, lädt die Gleichstellungsbeauftragte Katrin Lück gemeinsam mit dem Landesfrauenrat Berlin und dem Unternehmerinnen-Centrum West ab 14 Uhr zur 100-Jahr-Feier des Frauenwahlrechts in das UCW, Sigmaringer Straße 1. Es gibt Musik, Kaffee und Kuchen und weitere Angebote. Die eigentliche Festveranstaltung beginnt um 17 Uhr und wird von mir und Senatorin Dilek Kolat eröffnet werden. Wir wollen mit weiteren Rednerinnen auf 100 Jahre Wahlrecht zurückblicken und über die Zukunft nachdenken.

Lange hatte es gedauert. Olympe de Gouges hatte 1791 als erste in ihrer Deklaration der Rechte der Frauen und Bürgerinnen das Wahlrecht gefordert. In Deutschland war es Louise Dittmar, die während der Revolution 1849 als erste das Stimmrecht für Frauen einforderte. 1891 nimmt die SPD das Frauenwahlrecht in ihr Parteiprogramm auf. 128 bzw. 70 Jahre hat es dann noch bis zum ersten Wahltag vergangen.

In der Stadtverordnetenversammlung Charlottenburg schlägt sich dieses Ereignis ganz nüchtern mit einem Antrag auf mehr Mittel nieder. Im Protokoll vom 4.12.1918 steht, ich zitiere:

Für die Aufstellung der Wählerlisten zur Nationalversammlung bietet das Material des Wahlamtes keine brauchbare Grundlage. Die Wahlberechtigung setzte bisher für Reichstagswahlen mit Zurücklegung des 25. Lebensjahres, für die Wahlen zum Preußischen Abgeordnetenhause und für die Gemeindewahlen mit der Vollendung des 24. Lebensjahres ein. Für die Wahl zur Nationalversammlung ist zwar ein Gesetz noch nicht erlassen, es ist aber damit zu rechnen, daß die Wahlberechtigung einsetzt mit Vollendung des 20. Lebensjahres für Männer und Frauen. In unserer Wahlkartothek fehlen uns also die männlichen Wähler vom 20. bis 24. Lebensjahr und die weiblichen Wähler überhaupt. Die zuverlässigste Unterlage für die Aufstellung der Wählerliste für die Nationalversammlung ist u.E. nur zu gewinnen durch eine besondere Bevölkerungsaufnahme. Die Kosten für diese Aufnahme und die Aufstellung der Wählerlisten veranschlagen wir auf 14.000 Mark.

Wir halten es für erforderlich, die Vorarbeiten für die Aufstellung der Wählerliste für die Nationalversammlung sofort in Angriff zu nehmen, da voraussichtlich bis zu den Wahlen selbst nur eine kurze Frist zur Verfügung stehen wird.

Die Mittel reichten aber nicht, denn am 8. Januar bewilligte die Stadtverordnetenversammlung weitere 17.000 Mark. Begründet wurde der Antrag des Oberbürgermeisters Scholz damit, dass die Wahlen zur Nationalversammlung bereits am 19. Januar 1919 stattfänden, womit der Magistrat nicht gerechnet hatte, und deshalb zahlreiche Überstunden bezahlt und zusätzliche Hilfskräfte eingestellt werden müssten.

Am Wahlsonntag, dem 19. Januar 1919, gaben 15 Millionen Männer und 17,7 Millionen Frauen ihre Stimme ab. Das sind 82% der deutschen Frauen.

Zudem befasste sich die Stadtverordnetenversammlung Charlottenburg am selben Tag, dem 4.12.18, mit der Einführung des achtstündigen Arbeitstages. Hier ein Zitat aus der Vorlage:

Der Einführung des achtstündigen Arbeitstages für die Arbeiter in allen Verwaltungszweigen […] im allgemeinen mit Wirkung vom 1. Dezember 1918 ab unter Belassung der für die neunstündige Arbeitszeit bisher gewährten Bezüge wird zugestimmt.
Dies ist ein Monat früher als der von dem Rat der Volksbeauftragten zum 1. Januar 1919 geforderten Frist. Probleme bereiten unter anderem die finanziellen Herausforderungen und die dadurch notwendigen Neueinstellungen, die aber andererseits einen Beitrag zum Abbau der Arbeitslosigkeit darstellen.

Station 3.3: Jebensstraße 3 / Evangelischer Oberkirchenrat

Hier im Haus befand sich der Evangelische Oberkirchenrat. Er war die oberste Verwaltungsbehörde der evangelischen Landeskirche in den vor 1866 zum Königreich Preußen gehörenden Provinzen und ihrer Nachfolgekirche. Sein Sitz war in Berlin und er wurde 1850 ins Leben gerufen.

Das repräsentative Verwaltungsgebäude wurde von 1910 bis 1911 von Adolf Bürckner und Fritz Herrmann errichtet und 1912 eingeweiht. Über dem Portal sind die Worte eingemeißelt: Evangelischer Oberkirchenrat. Es steht unter Denkmalschutz.

Seit 2007 ist das Gebäude Sitz des Evangelischen Kirchenamts für die Bundeswehr, Berlin. Die evangelische Militärseelsorge dient der seelsorgerischen Betreuung von Soldaten und Soldatinnen durch die Evangelische Kirche. Hintergrund für die Seelsorge ist die Gewährleistung des Rechtes der Soldaten, auch unter den besonderen Bedingungen des soldatischen Dienstes ihre Religion frei und ungestört ausüben zu können. Außerdem sind hier einige weitere evangelische Behörden untergebracht: die Außenstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland, die Redaktion der evangelischen Zeitschrift Zeitzeichen und ein paar andere mehr.

Zudem ist hier die Ambulanz der Caritas für die kostenlose Behandlung von obdachlosen Menschen und anderen Personen ohne Krankenversicherung. In dem ehrenamtlich arbeitenden Ärzteteam sind 16 Fachrichtungen vertreten, zum Beispiel Allgemeinmedizin, Chirurgie, HNO, Dermatologie und Neurologie. Die Zahl der Behandlungen erhöht sich ständig und liegt bei über 5000 im Jahr.

Wir gehen nun bis zur Hardenbergstraße, überqueren sie und treffen uns wieder vor dem Amerika-Haus.

Station 4: Hardenbergstraße 22-24

Landeszentrale für politische Bildung
Landeszentrale für politische Bildung
Bild: BA-CW,ML

Station 4.1: Hardenbergstraße / Herkunft des Namens

Die Hardenbergstraße wurde 1864, der Hardenbergplatz 1958 nach dem Fürsten Carl August von Hardenberg benannt. Hardenberg wurde 1750 geboren und starb 1822. Hardenberg ist bekannt für die nach ihm und dem Freiherr vom und zum Stein (nach dem der Steinplatz benannt ist) benannten Stein-Hardenbergischen Reformen, auch preußische Reformen genannt. Die preußische Niederlage gegen Napoleon 1806 zwang den König Friedrich Wilhelm III., eine Modernisierung des Staates einzuleiten und Ideen der Aufklärung aufzugreifen. In Steins Amtszeit fielen das Oktoberedikt von 1807, das die Leibeigenschaft der Bauern aufhob, und die Städteordnung von 1808. Nach einer kurzen Zwischenphase übernahm Hardenberg die Führung der Politik. Seit 1810 trug er den Titel eines Staatskanzlers; dieses Amt bekleidete er bis 1822. In seine Amtszeit fallen die Vollendung der Agrarreform, Gesetze zur Gewerbereform und die Aufhebung der Binnenzölle, was einen Aufschwung in der Wirtschaft auslöste. Zu den gesellschaftlichen Reformen gehörte das Emanzipationsedikt von 1812, das die jüdischen Bürger und Bürgerinnen gleichstellte. Auch Justiz und Verwaltung wurden im Zuge der Reformen endgültig getrennt.

In Folge der Reformen besserte sich die Lage des Staates. Der König regierte nicht mehr im Stil eines absolutistischen Herrschers, vielmehr delegierte er Verantwortung an Spitzenbeamte, die ihre Gebiete mit einer gewissen Eigenständigkeit verwalteten. Dabei ging es sowohl um die Fachressorts als auch um die Leitung neu gebildeter Provinzen und Regierungsbezirke. Einen preußischen Staat hat es vor 1806 eigentlich nicht gegeben, sondern es gab verschiedene Länder, Provinzen und Staaten, die zu einem beträchtlichen Teil nur von der Person des Königs zusammengehalten wurden. In der Ära Steins und Hardenbergs wurde also aus den preußischen Staaten ein einheitlicher preußischer Staat.

Die Befreiung der Bauern aus der Leibeigenschaft hatte eine Verarmung von großen Teilen der Landbevölkerung zur Folge. Dies bewirkte eine starke Zuwanderung in die Städte auf der Suche nach Arbeit, die sich mit der Industrialisierung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts noch verstärkte. Wir erinnern uns an die schwindelerregende Zunahme der Bevölkerung in Charlottenburg in jener Zeit, die hauptsächlich von der in der Stadt ihr Glück suchenden Landbevölkerung getragen wurde.

Station 4.2: Hardenbergstraße 31 / Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg

Das Gebäude des Oberverwaltungsgerichts gegenüber wurde von 1905 bis 1907 für das Königlich-Preußische Oberverwaltungsgericht auf Initiative von Wilhelm Jebens gebaut. Architekten waren Eduard Fürstenau, Paul Kieschke und Paul Thoemer.

1953 wurde es Sitz des Bundesverwaltungsgerichts. 2002 zog das Bundesverwaltungsgericht nach Leipzig, und der Bund übertrug 2003 das Gebäude dem Land Berlin. Am 1. Oktober 2004 zog dann das Oberverwaltungsgericht Berlin dort ein. Im gleichen Jahr schlossen die Länder Berlin und Brandenburg den Staatsvertrag über die Errichtung gemeinsamer Fachobergerichte der Länder Berlin und Brandenburg, womit das Gebäude heute Sitz des am 1. Juli 2005 fusionierten Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg ist.

Station 4.3: Hardenbergstraße 22-24 / C/O Berlin

Wir stehen hier vor dem Amerika-Haus, das ein Spiegelbild der Nachkriegsgeschichte ist. Dazu gleich mehr. Gebaut wurde es von 1956 bis 1957 nach den Plänen von Bruno Grimmek im Rahmen der internationalen Bauausstellung Interbau, der wir auch das Hansa-Viertel verdanken. Der Name rührt daher, dass die USA ab 1953 weltweit Kultur- und Informationszentren einrichtete, um über Kultur und Land zu informieren. Hier im Berliner Amerika-Haus gab es ein Kino, eine Bibliothek, Ausstellungsflächen und vieles mehr. Es war ein lebendiger und beliebter Ort, wo man sich über wichtige kulturelle und politische Entwicklungen der USA informieren konnte. Robert Kennedy, Richard Nixon und Willy Brandt waren zu Besuch. Künstler, wie Robert Rauschenberg, stellten hier aus.

1968, mit dem Vietnam-Krieg und der Studentenbewegung, änderte sich das gute Image der USA. Das Amerika-Haus als Symbol für den „Imperialismus“ der USA wurde mit faulen Eiern und Molotow-Cocktails angegriffen. Danach wandelte sich das offene Haus langsam und wurde nach dem 11. September 2001 und mit dem Irak-Krieg 2003 leider zu einer Art Festung.

2006 übertrugen die USA das Gebäude dem Land Berlin. Heute befinden sich die Landeszentrale für politische Bildung und das C/O Berlin darin.

Eigentlich wollte uns dessen Chef, Herr Erfurth, persönlich begrüßen, da aber im Moment die Paris Photo stattfindet, sind er und seine Kuratoren und Kuratorinnen alle unterwegs. C/O Berlin wurde 2000 als gemeinnützige Stiftung von dem Fotografen Stephan Erfurth, dem Designer Marc Naroska und dem Architekten Ingo Pott gegründet und befindet sich seit 2014 an diesem Standort in der Hardenbergstraße. Diese Entscheidung für ein Haus im Umfeld anderer Institutionen für Film und Fotografie hat das Profil des Standorts verstärkt. Wir sind ja gerade am Museum für Fotografie vorbeigegangen, wir haben am Yva-Bogen das neue Delphi Lux, in der Kantstraße den Delphi Filmpalast, am Steinplatz die Universität der Künste und natürlich gibt es in der Gegend auch einige Galerien. Das Ausstellungshaus C/O Berlin zeigt Fotografien und andere visuelle Medien renommierter internationaler Künstler und Künstlerinnen und schreibt einen Wettbewerb für junge Fotograf*innen und Kunstkritiker*innen aus. Zudem gibt es Künstlergespräche, Vorträge und Führungen. Das Haus finanziert sich durch Eintrittsgelder, privates Sponsoring, Erlöse aus dem Museumsshop und Spenden des Freundeskreises. 2015 hat C/O Berlin für die behutsame Sanierung und Revitalisierung des Amerika-Hauses den BDA Preis Berlin des Bundes Deutscher Architekten erhalten.

Station 4.4: Landeszentrale für politische Bildung

Im Amerika-Haus ist auch die Berliner Landeszentrale für politische Bildung beheimatet. Mit Broschüren, Büchern und Veranstaltungsreihen trägt die Landeszentrale zur politischen Bildung der Bürger und Bürgerinnen bei. Die Publikationen der Landeszentrale kann man meist kostenfrei hier abholen.

Station 4.5: Unterführung am Bahnhof Zoo / Lichtinstallation

Um diese Uhrzeit vielleicht noch nicht zu sehen: die Lichtinstallation von Anne Boissel, die seit Anfang 2015 aus der lange etwas schmuddelig wirkenden Unterführung nach Anbruch der Dunkelheit einen schönen Ort macht.

Wenn wir durch den Yva-Bogen gegangen sind, kommen wir zu einer weiteren Lichtinstallation, die die Stahlkonstruktion der Brücke in Szene setzt. Dieses Lichtkonzept stammt von dem Künstler Hans Peter Kuhn in Zusammenarbeit mit der Firma Arup. Seit Juli 2015 ist sie in Betrieb.

Wir biegen nun rechts in den Yva-Bogen ein. Angesichts der fortgeschrittenen Zeit werden wir nun direkt zum Jüdischen Gemeindezentrum in der Fasanenstraße gehen, da Frau Nachama uns dort um 15:30 Uhr erwartet. Wir werden auf dem Weg durch den Yva-Bogen auch am Delphi Lux vorbeigehen.

Station 4.6: Yva-Bogen / Herkunft des Namens

Der Yva-Bogen wurde am 1.9.2011 nach der Modefotografin Else Neuländer-Simon (Yva) benannt. Yva wurde am 26.1.1900 in Berlin geboren. Mit 25 gründete sie ihr erstes Fotoatelier in der Berliner Friedrich-Wilhelm-Straße 17, zog dann in die Bleibtreustraße 17 und schließlich in die Schlüterstraße 45, wo sie in einer Atelierwohnung lebte und wo bis vor kurzem das Hotel Bogotá war. Seit 1936 war sie Ausbilderin von Helmut Newton, bis sie 1938 wegen ihrer jüdischen Herkunft Berufsverbot erhielt. 1942 wurde sie in das Konzentrationslager Majdanek deportiert. Vermutlich starb sie dort noch im selben Jahr, wurde aber erst am 31.12.1944 für tot erklärt.

Die Aufenthaltsqualität des Yva-Bogens soll verbessert werden. Aus diesem Grund finden zur Zeit eine Reihe von Werkstattgesprächen statt. Mit der Organisation wurde das Büro SWUP Landschaftsarchitektur, Stadtplanung und Mediation beauftragt. Auch das Regionalmanagement City West und die Anrainer sind mit im Boot. Bei dem nächsten Gespräch am 16.11. geht es dann schon konkret um die Entwicklung von Ideen und Lösungsansätzen für die tourismus- und kunstorientierte Aufwertung des Gebiets.

Station 4.7: Delphi Lux

Am 6. September 2017 wurde hier das neue Kino Delphi Lux eröffnet, was uns als Bezirk nach all dem langen Kinosterben sehr gefreut hat. Das Delphi Lux gehört zur Yorckgruppe. Gezeigt werden hier ausgewählte europäische Filme und unabhängige amerikanische Produktionen, und zwar Spiel- und Dokumentarfilmen, teilweise auch in der Originalsprache. Es gibt auch ein Kinderprogramm. In dem Kino sind auch Schulklassen willkommen. Manchmal steht das Delphi Lux auch für das Begleitprogramm der C/O Galerie zur Verfügung.

Es gibt sieben unterschiedlich große Säle. Der kleinste hat Platz für 35, der größte für 119 Personen. Architekt des Delphi Lux war das Architekturbüro Bruzkus Batek. Großer Wert wurde auf die Lichteffekte gelegt, jeder Saal hat eine eigene Licht-Design. In einem Saal und in der Lounge hängen Lampen aus dem alten Gloria-Palast, der inzwischen ja abgerissen wurde, um Platz für ein Geschäftshaus zu machen. Einer der kleineren Säle, der mit der Lounge und der Bar verbunden ist, kann auch gemietet werden, sowohl für kleine Filmfestivals als auch für Pressevorführungen oder private Veranstaltungen.

Station 5: Fasanenstraße 79/80 / Jüdisches Gemeindezentrum

Jüdisches Gemeindehaus
Jüdisches Gemeindehaus
Bild: BA-CW,ML

Station 5.1: Jüdisches Gemeindezentrum / 80 Jahre Novemberpogrome

Ich begrüße ganz herzlich Frau Nachama, die Direktorin des Touro Colleges am Rupenhorn, die auch im Vorstand der Jüdischen Gemeinde ist. Sie wird uns gleich etwas zum Gemeindezentrum sagen.

Dieses Jahr jähren sich im November zum 80ten-Mal die schrecklichen Ereignisse, die einen ersten Höhepunkt der Angriffe gegen die deutsche jüdische Bevölkerung markieren. Die Diskriminierungen und Ausgrenzungen der jüdischen Bevölkerung begannen mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und nahmen kontinuierlich zu. Viele versuchten zu fliehen. Das war aber nicht ganz einfach, denn die europäischen Nachbarstaaten befürchteten eine Flüchtlingswelle und waren bestrebt, diese abzuwenden. 1938 wurde auf Initiative der USA die Konferenz von Evian einberufen, um über die zunehmende Zahl von jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland und Österreich zu beraten. Doch keines der 32 teilnehmenden Länder war bereit, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Vielmehr protestierte die Schweiz, in die viele jüdische Österreicher und Österreicherin flohen, gegen die „Verjudung“ und drohte eine allgemeine Visumspflicht an. Luxemburg verstärkte am 9. November 1938 sogar noch auf Beschluss seiner damaligen christlich-sozialistischen Regierung die Grenzkontrollen. Trotzdem verließen bis zum Herbst etwa 54.000 jüdische Österreicher und Deutsche das Reich.

War bis 1937 eher eine schleichende Verdrängung jüdischer Mitbürger und Mitbürgerinnen aus der Privatwirtschaft vorherrschend, wurde jetzt auf Zwangsenteignung von Mietshäusern, Geschäften und Fabriken gesetzt. Himmler forderte bereits im Januar eine „Mobilisierung des Volkszorns“, um Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte und Betriebe zu initiieren. Am 7. November 1938 wurde auf die deutsche Botschaft in Paris ein Attentat verübt, dies nahm die NS-Führung als Anlass, um der Parteibasis Gelegenheit zum Angriff auf jüdisches Eigentum zu geben und die Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben auszuschalten. Ein Befehl von vielen als Beispiel sei hier zitiert, er stammt von der SA-Stelle Nordsee:

Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. […] Die Presse ist heranzuziehen. Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden. […] Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen. An den zerstörten jüdischen Geschäften, Synagogen usw. sind Schilder anzubringen, mit etwa folgendem Text: […] Tod dem internationalen Judentum. Keine Verständigung mit Völkern, die judenhörig sind.‘

Vom 7. bis 13. November wurden in Deutschland etwa 400 Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben. Über 1.400 Synagogen, darunter diese hier in der Fasanenstraße, brannten. Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Die Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust mündete.

Zurück zum Gemeindehaus in der Fasanenstraße, wie bereits gesagt, wurde die Synagoge am 9. November in Brand gesteckt und im August 1939 wurde die Jüdische Gemeinde gezwungen, das Grundstück für 350.000 Reichsmark an die Reichspost zu verkaufen. 1943 wurde das Gebäude bei den Luftangriffen auf Charlottenburg weiter beschädigt.

Im Jahr 1954 wurde das Grundstück an die jüdische Gemeinde restituiert. 1957 beschloss das Abgeordnetenhaus die Finanzierung des Abrisses der alten Synagoge und den Aufbau eines neuen jüdischen Gemeindezentrums. Ein Architekturwettbewerb wurde ausgeschrieben, der von dem Architekturbüro Dieter Knoblauch und Hans Heise gewonnen wurde. Das neue Gemeindehaus wurde am 10. November 1958 eröffnet.

Am 9. November 1959 wurde eine Gedenkstätte eingeweiht. Sie besteht aus einer Gedenkwand mit den Namen der Konzentrations- und Vernichtungslager. Hier werden an jedem 9. November Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Nationalsozialismus abgehalten. Im Rahmen von Umbauarbeiten wurde sie 2002 auf den Vorhof verlegt.

Alles andere sagt Ihnen nun Frau Nachama.

Vielen Dank, Frau Nachama!

Wir gehen nun direkt zum Maison de France, wo uns Frau Lakotta erwartet.

Station 6: Kurfürstendamm 211 / Maison de France

Maison de France
Maison de France
Bild: BA-CW,ML

Das Maison de France wurde 1950 als französisches Kulturzentrum eröffnet. Das Haus wurde 1897 von W. Klopsch als Miet-, Wohn- und Geschäftshaus erbaut und 1927 bis 1929 im Stil der Neuen Sachlichkeit von Hans und Wassili Luckhardt und Alfons Anker zum Haus Scharlachberg umgebaut. Es wurde im Krieg teilweise zerstört.

Von 1948-1950 wurde das Haus von dem Architekten Hans Semrau zum französischen Kulturzentrum ausgebaut. Als wichtige Etappe zur Begründung neuer deutsch-französischer Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg schuf Frankreich einen Ort des geistigen Austauschs und der politischen Verständigung. Als eines der ersten wiederhergestellten Gebäude nach dem Krieg stellt es ein bedeutendes Baudenkmal dar und wurde als 1000. Objekt in die Berliner Denkmalliste aufgenommen.

Im April 2013 wurden die Schließung und der Verkauf des Hauses für das Jahr 2015 angekündigt, aber nach großen Protesten wurde der Beschluss im Januar 2014 revidiert.

Alles andere wird Ihnen nun Frau Lakotta erzählen.

Vielen Dank, Frau Lakotta!

Hier endet unser Kiezspaziergang. Bevor wir nun auseinandergehen, erinnere ich Sie noch einmal an den Treffpunkt des nächsten Kiezspaziergangs am Samstag, den 8.12.18. Wir beginnen am Joachimsthaler Platz an der Verkehrskanzel und enden im Bikini-Haus. Ich wünsche Ihnen einen guten Nachhauseweg und ein geruhsames restliches Wochenende. Tschüss, bis zum nächsten Mal!