195. Kiezspaziergang

Vom ehemaligen Rathaus Wilmersdorf bis zum Volkspark Wilmersdorf

Mit Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann

Bildvergrößerung: Kartenskizze 195. Kiezspaziergang
Kartenskizze 195. Kiezspaziergang
Bild: BA CW, ML

Treffpunkt: Fehrbelliner Platz 4
Länge : 1,5 km

Herzlich willkommen zu unserem 195. Kiezspaziergang! Wir werden heute einen Bogen spannen von der ehemaligen Notunterkunft für geflüchtete Menschen hier im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf zu der neu gegründeten Initiative Nachbarschafft e.V. als Träger der ehemaligen Revierunterkunft im Volkspark Wilmersdorf, die zu einem Begegnungszentrum umgebaut wird. Dort wird unser Kiezspaziergang heute enden. Der Märzspaziergang hat traditionell einen Frauen-Schwerpunkt, der Höhepunkt ist deshalb das Unternehmerinnen- und Gründerinnenzentrum City West, wo uns vom UCW-Vorstand Frau Franziska Becker zusammen mit unserer neuen Gleichstellungsbeauftragten, Frau Lück, empfangen wird. Frau Lück steht bereits neben mir: Herzlich willkommen in unserer Runde, Frau Lück! Auf dem Weg dorthin kreuzen wir den Leon-Jessel-Platz, um den herum sich eine sehr aktive Bürgerinitiative entwickelt hat. Herr Aden von der Initiative ist ebenfalls schon unter uns, und auch ihn möchte ich ganz herzlich begrüßen.
Bevor wir nun beginnen, möchte ich Ihnen den Treff- und Zeitpunkt des nächsten Kiezspaziergangs bekannt geben. Im April wird mich Herr Engelmann vertreten. Der Kiezspaziergang wird am Samstag, den 14. April, um 14 Uhr am Platz am Wilden Eber beginnen. Er geht unter anderem zur Villa Gerstenberg, die gerade umgebaut wird. Von dort geht es dann durch den Messelpark zum Roseneck.

Station 1: Fehrbelliner Platz 4 / Ehemaliges Rathaus Wilmersdorf

Station 1: Fehrbelliner Platz 4 / Ehemaliges Rathaus Wilmersdorf
Das Gelände um den Fehrbelliner Platz und den angrenzenden Preußenpark hatte man schon in den 1920er-Jahren zum Behördenzentrum bestimmt. Der Entwurf der halbrunden Form des Fehrbelliner Platzes, die sich zum Preußenpark öffnet, geht auf einen Entwurf von Otto Firle zurück.

Das ehemalige Rathaus wurde von 1941 bis 1943 von Helmut Remmelmann für die Deutsche Arbeitsfront (DAF) gebaut. Da damals bereits Beton und Stahl kontingentiert waren, wurde es ganz traditionell als Mauerwerksbau mit Putzfassade ausgeführt. Es ist damit das einzige Gebäude dieser Art am Fehrbelliner Platz. Die Deutsche Arbeitsfront wurde am 10. Mai 1933 gegründet und war der Einheitsverband der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, nachdem die freien Gewerkschaften aufgelöst worden waren. Das Streikrecht wurde abgeschafft. Die DAF war nach dem Führerprinzip bis hinab zum Blockwart gegliedert und sollte die deutschen Arbeiter in das „Dritte Reich“ integrieren.

1945 wurde die Deutsche Arbeitsfront verboten und ihr Vermögen von den Alliierten beschlagnahmt. Die Immobilie wurde dann fast 10 Jahre von den Briten genutzt.

Am 1. April 1954 wurde das Gebäude dem Bezirk Wilmersdorf als Rathaus übereignet. Diese Funktion hatte es fast 60 Jahre inne, bis wegen der hohen Immobilienkosten das Bezirksamt im Januar 2012 beschloss, das Rathaus Wilmersdorf als Verwaltungsgebäude aufzugeben und sich auf das Dienstgebäude Hohenzollerndamm sowie das Rathaus Charlottenburg zu konzentrieren.

Im August 2015 wurde die Notunterkunft Rathaus Wilmersdorf für geflüchtete Menschen eröffnet. Innerhalb weniger Tage fanden sich hunderte Freiwillige zusammen und organisierten Kinderbetreuung, Sozialberatung usw. Nachdem der Arbeitersamariterbund die Trägerschaft für die Notunterkunft übernommen hatte, kümmerte sich die Initiative um Bibliothek, Deutschunterricht, Kleiderkammern, Spendenannahme, Patenschaften und vieles mehr. Im Rathaus wohnten zeitweise 1150 Menschen. Über diese Zeit hat der Koordinator Holger Michel ein Buch mit dem Titel: Wir machen das: ein Jahr als Freiwilliger in einer Unterkunft für Geflüchtete, geschrieben, das ich nur empfehlen kann. Die letzten Bewohner und Bewohnerinnen sind erst Ende 2017 ausgezogen. Sie haben neue Quartiere im Berliner Südwesten bezogen, da leider das Tempohome für 160 Menschen am Wilmersdorfer Stadion nicht rechtzeitig fertig wurde. Das ist ärgerlich, denn die Schulwege der Kinder verlängern sich, Freundschaften und Netzwerke sind von den Entfernungen ebenfalls negativ betroffen. Nun wird hier saniert und renoviert, ehe Landesbedienstete im Gebäude untergebracht werden.

Wir gehen jetzt bis zur Ecke Mannheimer Straße und bleiben dabei auf dieser Seite der Brandenburgischen Straße.

Station 2: Brandenburgische / Ecke Mannheimer Straße

Station 2.1: Brandenburgische Straße 12-14
Das Eckhaus gegenüber in der Brandenburgischen Straße 12-14 wurde von den Nordstern-Versicherungen als Büro- und Wohnhaus in Auftrag gegeben. Es entstand 1936 und steht heute unter Denkmalschutz. Architekt war Heinrich Straumer. Heinrich Straumer wurde 1876 geboren und starb 1937. Er war Mitglied im Deutschen Werkbund und gilt als ein Vertreter der gemäßigten Moderne und des englischen Landhausstils. Straumer entwarf zahlreiche Wohnhäuser für das gehobene Bürgertum. Zu seinen bekanntesten Bauten zählt der Funkturm, aber auch die Kirche zum Heiligen Kreuz in der Nassauischen Straße und die Kirche am Lietzensee sind von ihm.

Wir überqueren nun die Straße und gehen weiter bis zur Ecke Gieseler- / Wegenerstraße

Station 3: Gieseler- / Ecke Wegenerstraße

Station 3.1: Comenius-Schule
Die ehemalige Gemeindeschule Wilmersdorf wurde von 1897 bis 1898 gebaut. Der Entwurf stammt von dem Architekten Becker. 1908 wurde sie von Otto Herrnring und Philipp Nitze erweitert.

Heute ist die Comenius-Schule eine besondere Schule mit mehreren Förderschwerpunkten, die die Schüler und Schülerinnen von der Grundschule bis zum Mittleren Schulabschluss begleitet. Es gibt Inklusionsklassen, in denen alle zusammen lernen, aber auch Klassen für autistische Schüler und Schülerinnen und für Kinder mit Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Klassen sind klein und der Unterricht wird anschaulich, mit vielen Wiederholungen und in kleinen Lernschritten gestaltet. Nach dem Schulabschluss kann man an der zweijährigen Comenius-Berufsschule, sich auf Agrarwirtschaft, Textilpflege, Hauswirtschaft und Catering spezialisieren.

Im Förderschwerpunkt Autismus werden autistische Kinder betreut. Autismus ist eine Entwicklungsstörung, die im frühkindlichen Alter beginnt. Autistische Menschen haben Schwierigkeiten in der Wahrnehmungsverarbeitung und in der Kommunikation mit anderen. In den Integrationsklassen werden die Kinder zusätzlich von einer Schulhelferin unterstützt.

Im Blisse-Stift, an dem wir nachher noch vorbeikommen, bietet die Comenius-Schule Ganztags-Kleinklassen mit 9 Schüler und Schülerinnen an. Dort befindet sich auch der Hort der Comenius-Schule. In der Comenius-Schule gibt es auch ein Streichorchester für Kinder ab 6 Jahren, das offen für alle Kinder ist. Es heißt Flitzebögen und wird über unsere Musikschule organisiert

Station 3.2: Gieselerstraße / Herkunft des Namens
Die Gieselerstraße wurde nach Johann Gieseler benannt. Er wurde 1842 in Wilmersdorf geboren und starb ebenda 1891. Gieseler gehörte zu den Grundbesitzern in Wilmersdorf. Sein Grundstück lag ungefähr da, wo heute die Gieselerstraße ist. Sie wurde um 1890 angelegt und erhielt 1893 ihren Namen.

Station 3.3: Wegenerstraße / Herkunft des Namens
Die Wegenerstraße führt vom Leon-Jessel-Platz bis zur Brandenburgischen Straße. Bis 1893 hieß sie Holsteiner Straße. Am 24.8.1893 wurde sie nach Robert Wegener benannt. Wegener wurde 1829 geboren und starb 1895. Er war von 1877 bis 1886 Amts- und Gemeindevorsteher in Wilmersdorf.

Wir gehen nun weiter bis zur Hausnummer 18 auf der rechten Seite der Wegenerstraße.

Station 4: Wegenerstraße 18 / Stolpersteine / Heinrich Levysohn und Ruth Levysohn

Am 2.April 2013 wurden für Ruth und Heinrich Levysohn vor ihrem letzten Wohnort zwei Stolpersteine verlegt. Darauf steht:

HIER WOHNTE HEINRICH LEVYSOHN JG. 1873 DEPORTIERT 10.7.1942 THERESIENSTADT ERMORDET IN AUSCHWITZ HIER WOHNTE RUTH FRIEDA
LEVYSOHN JG. 1912 DEPORTIERT 10.7.1942 THERESIENSTADT ERMORDET 25.2.1944

Heinrich Levysohn leitete zusammen mit seinem Bruder eine Fabrik zur Herstellung von Regenmänteln. 1907 heiratete er Fränzis Fränkel. Mit ihr hatte er zwei Töchter, Irma und Ruth. Von 1916 bis 1918 war er Soldat im Ersten Weltkrieg. Nach dem Krieg arbeitete er als Handelsvertreter und verkaufte Stoffe und Wäsche. Ab 1933 war er festangestellter Vertreter bei der Firma Arthur Schlossmann für Herrenunterwäsche. Seine Tochter Irma konnte 1939 mit ihrem Mann nach Argentinien auswandern. Seine Frau starb 1940 an Krebs. Seine Tochter Ruth [ich zitiere jetzt]:

besuchte verschiedene private Lernzirkel, weil sie häufig krank war, legte aber doch mit 14 Jahren eine Prüfung ab. Bis zum 18. Lebensjahr lernte sie als Haushaltshilfe und wurde danach im israelitischen Säuglingsheim von Dr. Mendelssohn eingestellt, um Säuglingsschwester zu werden. In diesem Beruf war sie noch tätig, als sie zusammen mit ihrem Vater Heinrich Lewysohn aus der Wohnung in der Wegenerstraße abgeholt wurde. Vater und Tochter wurden am 10.Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und in Auschwitz ermordet.

Wir gehen nun weiter bis zum Leon-Jessel-Platz.

Station 5: Leon-Jessel-Platz

Bildvergrößerung: Wasserpilz am Leon-Jessel-Platz, Kiezspaziergang 10.03.2018
Wasserpilz am Leon-Jessel-Platz, Kiezspaziergang 10.03.2018
Bild: BA-CW, ML

Station 5.1: Leon-Jessel-Platz
Der kleine Stadtplatz wurde 1984 gepflastert und mit der Brunnenskulptur mit dem Namen Wasserpilz neu gestaltet. Der Bildhauer heißt Emanuel Scharfenberg. Scharfenberg wurde 1932 in Reichenberg in Böhmen geboren und starb 2006 in Berlin. Scharfenberg hatte großen Anteil am Wiederaufbau des Charlottenburger Schlosses nach dem Krieg. Wir haben ja beim Januarspaziergang von Margarete Kühn gehört, die den Abriss des Schlosses verhindert hat. Scharfenberg stellte zum Beispiel die Barock- und Rokokoschnitzereien im Knobelsdorff-Flügel wieder her. Scharfenberg war Mitglied in der Gruppe Plastik 71, der ehemaligen Fabrik K19 am Klausenerplatz und im Berufsverband Bildende Künstler*innen.

Am 13.6.1986 wurde der Platz nach dem Operettenkomponisten Leon Jessel benannt. Den Namensgeber des Platzes, Leon Jessel, kennen fast alle, denn er hat die Operette Das Schwarzwaldmädel komponiert. Leon Jessel wurde 1871 in Stettin geboren. 1911 zog er nach Berlin, wo er verstärkt Singspiele und Operetten komponierte. Das eben erwähnte Schwarzwaldmädel wurde in den ersten zehn Jahren ungefähr 6000 Mal aufgeführt. Sein zweiter großer Erfolg war die Operette Die Postmeisterin. Sein populärstes Werk ist aber die Parade der Zinnsoldaten von 1905, die 1933 als Titellied des gleichnamigen Paramount-Zeichentrickfilm fungierte. Jessel war eher deutschnational gesinnt und bat nach der Machtergreifung um Aufnahme in den Kampfbund für deutsche Kultur, wurde jedoch wegen seiner jüdischen Abstammung abgewiesen und später auch mit einem Aufführungsverbot belegt. Bei einer Hausdurchsuchung fand man einen Brief Jessels, in dem er geschrieben hatte: „Ich kann nicht arbeiten in einer Zeit, wo Judenhetze mein Volk zu vernichten droht, wo ich nicht weiß, wann das grausige Schicksal auch an meine Tür klopfen wird.“ Daraufhin wurde er von Gestapo festgenommen und so schwer gefoltert, dass er am 4. Januar 1942 im Jüdischen Krankenhaus Berlin starb.

Es gibt eine Stiftung mit seinem Namen. Diese wurde 1977 eingerichtet und seitdem zunächst vom Bezirk Wilmersdorf und seit der Fusion vom Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf verwaltet. Bis zum Auslaufen der Urheberrechte 2012 (70 Jahre nach dem Tod eines Urhebers werden seine Werke gemeinfrei) waren die Tantiemen der größte Einnahmeposten der Stiftung. Nunmehr stehen lediglich die Erträge des sogenannten Stammkapitals zur Verfügung, die sich aktuell auf ca. € 16.000 jährlich belaufen. Als Stiftungszweck hatte Jessels Ehefrau Anna in ihrem Testament die Unterstützung von Hilfsbedürftigen außerhalb gesetzlicher Sozialleistungen ohne Rücksicht auf die Konfession festgelegt. Das Bezirksamt finanziert mit den Stiftungsgeldern zum Beispiel die Teilnahme an Klassenfahrten für bedürftige Kinder, kostenlose Schuldner- und Mieterberatungen, Bekleidungsbeihilfen und unterstützt Weiterbildungsmaßnahmen junger Erwachsener.

2002 wurde der Platz durch Anwohner, Anwohnerinnen und Mitglieder des Vereins Miteinander im Kiez e.V. bepflanzt. Seit seiner Gründung vor mehr als 15 Jahren hat der Verein vielfältige Aktionen im Kiez durchgeführt. Höhepunkt ist das jährliche Kiez-Sommerfest. Mehr darüber erzählt uns jetzt Herr Aden:

Vielen Dank, Herr Aden!

Station 5.2: Wegenerstraße 1-2 / Café Restaurant Weißer Elefant
Es gibt auch noch mehr interessante Dinge hier am Platz. An der Ecke befindet sich seit 2000 das alkoholfreie Café Restaurant Weißer Elefant. Es wird von der Pawian gGmbH mit finanzieller Unterstützung des Bezirksamtes betrieben. Im gleichen Haus wurde eine Kontaktstelle für Menschen mit Suchtproblemen untergebracht. In dem behindertengerecht ausgestatteten Restaurant stehen 80 Plätze zur Verfügung, im Sommer zusätzlich eine Terrasse mit 70 Plätzen. Der Weiße Elefant ist ein Beschäftigungsangebot für psychisch kranke und suchtkranke Menschen in Charlottenburg-Wilmersdorf und gleichzeitig ein hervorragendes gastronomisches Angebot für alle. Die anspruchsvolle alkoholfreie und preiswerte Gastronomie will als lustvolle Alternative zu einem abstinenten Leben motivieren und gleichzeitig einen Einstieg ins Berufsleben ermöglichen.

Station 5.3: Die Pfalzburger
In der Fechnerstraße 28, von hier aus gesehen links, befindet sich der Hintereingang zu einer stationären Einrichtung für Suchtmittelabhängige: DIE PFALZBURGER. Der Name verrät es bereits, die Einrichtung liegt eigentlich in der Pfalzburger Straße, und zwar hat sie die Hausnummer 35-38. Dort wird eine stationäre Suchttherapie für Erwachsene angeboten sowie bei Bedarf eine ganztägige ambulante Nachsorge. Die Einrichtung befindet sich in einem sanierten, barrierefreien Altbau von 1906.

Station 5.4: Fechnerstraße 25 / Wandgemälde
Das Wandgemälde vor uns wurde 1983 von Gert Neuhaus gemalt. Es hat den Titel Preußengiebel. Gert Neuhaus wurde 1939 in Berlin geboren und studierte an der Hochschule der Künste Berlin. Von 1966 bis 1977 hatte er eine Galerie in Berlin. 1976 begann Neuhaus mit Entwürfen und Ausführungen großer Giebelwände und Fassadenmalereien vor allem für private Auftraggeber und Immobilienentwickler. Die meisten der haushohen Wandbilder sind in Berlin.

Station 5.5: Fechnerstraße / Herkunft des Namens
Die Fechnerstraße wurde nach dem Maler und Schriftsteller Hanns Fechner benannt. Hans Fechner wurde 1860 in Berlin geboren und starb 1931 in Schreiberhau in Niederschlesien. Hanns Fechner hat sich vor allem mit Porträts einen Namen gemacht, unter anderem von Theodor Fontane und Rudolf Virchow. Zudem illustrierte er Bücher und zeichnete seine Heimat Wilmersdorf. Ein Augenleiden zwang Fechner, die Malerei aufzugeben. Er wandte sich der Schriftstellerei zu. In seinen Jugenderinnerungen mit dem Titel Spreehanns beschäftigt er sich mit dem Leben in Wilmersdorf während der Gründerzeit. Wilhelm Fechner, Vater von Hanns Fechner, besaß in der Brandenburgischen Straße 87/88 (heute: Brandenburgische Straße 56/57) ein märkisches Landhaus. So konnte Fechner den Aufstieg vieler Großbauern zu den sogenannten „Millionenbauern“ verfolgen. Seine Erinnerungen schildern diese Umbruchzeit mit viel Lokalkolorit. Das bekannte Landhaus der Fechners wurde bald nach dem Tod von Wilhelm Fechner abgerissen. Heute steht an dieser Stelle das 1964 errichtete Gebäude der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte.

Die Fechnerstraße trägt seit dem 31. Juli 1947 ihren Namen.

Wir gehen nun durch die Sigmaringer Straße bis zum Habermannplatz und halten vor der Gedenktafel für Ernst Habermann an der Ecke Gasteiner Straße.

Station 6: Sigmaringer Straße / Ecke Gasteiner Straße

Bildvergrößerung: Habermannplatz, Kiezspaziergang 10.03.2018
Habermannplatz, Kiezspaziergang 10.03.2018
Bild: BA-CW, ML

Station 6.1: Habermannplatz
Alte Wilmersdorfer nennen den Spielplatz, der heute Habermannplatz heißt, “Knochenpark”, denn hier an der damaligen Kirchhofstraße befand sich der Friedhof des Dorfes. 1964 wurde der Platz nach dem ersten Bürgermeister von Deutsch-Wilmersdorf benannt. Zu Habermanns Ehren wurde 1963 auch eine Gedenktafel am Platz angebracht. Auf der steht:

Habermannplatz Ernst Habermann 8.6.1886 – 6.6.1958 Oberbürgermeister von Deutsch-Wilmersdorf von 1909 – 1920
Gegenüber stand damals das Rathaus

Ernst Habermann war von 1897 bis 1921 Gemeindevorsteher, ab 1906 Bürgermeister und ab 1909 dann Oberbürgermeister. Unter seiner Verantwortung entwickelte sich das Dorf zur Großstadt. Als es 1906 das Stadtrecht bekommen hatte, gab es 75.000 Einwohner und Einwohnerinnen. Vier Jahre später waren es schon mehr als 100.000. Ein großer Teil der kommunalen Einrichtungen entstanden in jener Zeit, die meisten Wilmersdorfer Schulen zum Beispiel wurden zwischen 1895 und 1915 gebaut.

Das erste Rathaus Wilmersdorf stand auf dem Grundstück Gasteiner Straße / Brandenburgische Straße, ungefähr da, wo sich heute das Unternehmerinnen- und Gründerinnenzentrum, das Atelierhaus und die Dietrich-Bonhoeffer-Bibliothek befinden. Es wurde von 1893 bis 1894 nach Plänen und Entwürfen von August Lindemann auf einer Fläche von 898 m² gebaut. Vorbild waren italienische Rathäuser der Renaissance. Das Rathaus war nicht viel größer als das Rathaus Schmargendorf. Es wurde bereits um 1900 für das schnell wachsende Wilmersdorf zu klein. Ein neues, großes Rathaus sollte am nördlichen Fehrbelliner Platz, südlich des Preußenparks gebaut werden, dort wo sich heute der Parkplatz, Taxihalteplatz, Park-Café und Biergarten befinden. Der Erste Weltkrieg machte aber den Plänen ein Ende, und das Wilmersdorfer Rathaus hier an der Sigmaringer Straße 1 behielt seine Funktion auch nach der Bildung Groß-Berlins 1920. Hier war der Sitz des Bürgermeisters. Da das Haus zu klein war, wurde das Joachimsthalsche Gymnasium in der Kaiserallee, der heutigen Bundesallee, als zusätzliches “Stadthaus” genutzt. Im Zweiten Weltkrieg, 1944 wurde das alte Rathaus fast vollständig zerstört. Die übrig gebliebenen Akten wurden in das benachbarte Goethe-Gymnasium geschafft, die Ruine später abgerissen. Wie wir am Anfang unseres Spaziergangs gehört haben, konnte die Stadtverwaltung am 1. April 1954 in das wesentlich größere Gebäude am Fehrbelliner Platz 4 einziehen.

Station 6.2: Sigmaringer Straße 36 / Stolperstein / Walter Falk
Schräg gegenüber befindet sich ein Stolperstein zur Erinnerung an Walter Falk. Dieser Stolperstein wurde von der Hausbewohnerin Petra Henzel gespendet und am 14.5.2013 verlegt.

HIER WOHNTE WALTER FALK JG. 1873 DEPORTIERT 19.1.1942 RIGA ERMORDET

Walter Falk wurde am 6. März 1873 in Leipzig geboren und arbeitete als Hotelangestellter in Berlin. Von 1936 bis 1941 lebte er in der Sigmaringer Straße 36. Am 19. Januar 1942 wurde er vom Bahnhof Grunewald nach Riga deportiert und dort erschossen.

Wir gehen nun auf die andere Straßenseite und treffen uns wieder vor dem Eingang der Sigmaringer Straße 1.

Station 7: Sigmaringer Straße 1

Bildvergrößerung: UCW Zentrum, Kiezspaziergang 10.03.2018
UCW Zentrum, Kiezspaziergang 10.03.2018
Bild: BA-CW, ML

Station 7.1: Sigmaringer Straße 1 / Atelierhaus
Ich begrüße ganz herzlich die 1. Vorsitzende des Fördervereins des Unternehmerinnen- und Gründerinnenzentrums City West, Frau Becker, und möchte ihr und Frau Lück für den herzlichen, warmen Empfang hier vor dem Unternehmerinnen- und Gründerinnenzentrum City West danken. Bevor ich den Damen das Mikrofon überreiche, möchte ich noch etwas zur Geschichte dieses Projekts sagen.

Das vor uns stehende Verwaltungsgebäude wurde 1955 für das Gesundheitsamt und die Bibliothek gebaut. Nach der Bezirksfusion von Charlottenburg und Wilmersdorf 2001 wurden die beiden Gesundheitsämter zusammengelegt und schließlich im Verwaltungsgebäude am Hohenzollerndamm 177 neben dem Rathaus Wilmersdorf untergebracht, so dass dieses Haus frei wurde. 2004/2005 schlug Ellis Huber, der damalige Ärztekammerpräsident, vor, das Gebäude in ein Atelierhaus für Künstler und Künstlerinnen umzuwandeln. Meine Vorgängerin Monika Thiemen nahm die Idee gerne auf und so wurde ein innovatives Nutzungskonzept entwickelt. Zu diesem gehörte nicht nur das Atelierhaus, sondern auch das Unternehmerinnen- und Gründerinnenzentrum City West, zu dem ich gleich noch komme. Im Sommer 2005 wurden die ersten Ateliers ausgeschrieben und vermietet. Seit Anfang 2006 arbeiten Künstlerinnen und Künstler unterschiedlichster Nationalitäten im dritten und vierten Stock des ehemaligen Gesundheitsamtes Wilmersdorf. Die Vergabe der Räume erfolgen im Rahmen des Atelieranmietprogrammes durch den Atelierbeirat in Zusammenarbeit mit dem Atelierbüro im Kulturwerk des Berufsverband Bildender Künstler*innen Berlins, kurz bbk. Der Quadratmeterpreis für diese geförderten Ateliers beträgt € 3,25 brutto/warm. Das Besondere am Atelierhaus ist, dass die Künstler und Künstlerinnen auch schon viele Ausstellungen zusammen gemacht haben, einige davon in der Kommunalen Galerie am Hohenzollerndamm.

Station 7.2: UCW
Das Unternehmerinnen- und Gründerinnenzentrum City West entstand aus einer alten Idee, der Idee nämlich, ein Netzwerk zu gründen, in dem die Mieterinnen die Möglichkeit haben, durch gemeinsame Nutzung von Serviceangeboten Synergieeffekte zu nutzen, Aufträge firmenübergreifend anzunehmen, gemeinsam Marketingstrategien zu entwickeln und sich gegenseitig zu ergänzen. Am 15. Juli 2005 übernahm die Gesellschaft für Stadtentwicklung GSE das Haus und am 1. August 2005 wurde das Unternehmerinnen- und Gründerinnenzentrum Charlottenburg-Wilmersdorf UCW. eröffnet. Das Gebäude besteht aus 5 Etagen mit hellen Räumen, ist behindertengerecht eingerichtet und verfügt über Pkw-Stellplätze. Aber jetzt haben erst einmal Frau Becker und Frau Lück das Wort.

Vielen Dank, Frau Becker! Vielen Dank, Frau Lück!

Station 7.3: Dietrich-Bonhoeffer-Bibliothek
Im selben Gebäude rechts um die Ecke befindet sich die Dietrich-Bonhoeffer-Bibliothek. Sie ist eine der beiden Hauptbibliotheken der Stadtbibliothek Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Bibliothek wurde 1893 in der Mehlitzstraße 2 gegründet. Dieses Gebäude hier stammt, wie schon gesagt, aus dem Jahr 1955. 1961 wurde es für die Einrichtung der Jugendbibliothek aufgestockt. 1997 wurde die Bibliothek nach Dietrich Bonhoeffer benannt.

Heute beschäftigen wir uns aber schwerpunktmäßig mit den Frauen unseres Bezirks. Deshalb müssen wir an dieser Stelle den Namen Hertha Block erwähnen. 1933, als die schwarzen Listen zur „Säuberung“ der Bibliotheken herausgegeben wurden, befand sich die Wilmersdorfer Volksbücherei im Joachimsthalschen Gymnasium an der heutigen Bundesallee, der damaligen Kaiserallee. Dort wurden die indizierten Bücher hinter Altakten und im Dachboden versteckt. Ein ganz besonderer Schatz war die Sammlung Geiger: Die Nachfahren des jüdischen Goethe-Forschers Ludwig Geiger hatten 1931 dem Bezirksamt Wilmersdorf dessen Privatbibliothek vermacht, eine wertvolle Sammlung geisteswissenschaftlicher Werke, die seit 2005 im Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam als Dauerleihgabe steht. In der Wilmersdorfer Volksbücherei arbeitete damals die 25-jährige Bibliothekarin Hertha Block. Sie war im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller aktiv und wurde am 26. Juni 1933 verhaftet, nachdem sie sich mit Bekannten in einem Café am Tauentzien getroffen hatte, das als Oppositionellen-Treffpunkt bekannt war. Während der Nazizeit konnte sie nur noch im Frauengefängnis in ihrem Beruf arbeiten. Aber im Herbst 1945 wurde sie wieder in Wilmersdorf als Bibliothekarin eingestellt. Unter schwierigen Bedingungen half sie mit, die Bibliothek wieder aufzubauen. Die versteckten Bücher hatten die Nazizeit überlebt. Hertha Block baute dann ab 1952 die Zweigstelle im Rathaus Schmargendorf auf.

Wir gehen nun zur Einfahrt der Gasteiner Straße 14, gegenüber der Feuerwache.

Station 8: Gasteiner Straße 14

Bildvergrößerung: Goethe-Gymnasium, Kiezspaziergang 10.03.2018
Goethe-Gymnasium, Kiezspaziergang 10.03.2018
Bild: BA-CW, ML

Station 8.1: Gasteiner Straße / Herkunft des Namens
Die Gasteiner Straße hieß bis 1888 Kirchhofstraße, weil auf dem heutigen Habermannplatz der Wilmersdorfer Friedhof war. Danach wurde sie nach dem österreichischen Kurort Bad Gastein benannt.

Station 8.2: Gasteiner Straße 19-20 / Feuerwache
Gleichzeitig mit dem Rathaus, also Anfang der 90er-Jahre des 19. Jahrhunderts, wurde auch eine Feuerwache gebaut, die dann 1908/1909 durch die jetzige Feuerwache ersetzt wurde. Architekt der neuen Wache war Philipp Nitze.

Bereits 1874 war in Wilmersdorf eine Pflichtfeuerwehr eingerichtet worden, die 1890 in eine Freiwillige Feuerwehr umgewandelt wurde. 1906 wurde dann eine Berufswehr geschaffen, die 1909 in dieses Gebäude einziehen konnte. 1921 wurde das Wachgebäude umgebaut. 1960 wurden die Hallentore erweitert und 1962 der Steigeturm umgebaut. Nach der Auflösung der Freiwilligen Feuerwehr Grunewald wurde 1988 die Freiwillige Feuerwehr Wilmersdorf gegründet, am 27.4.1996 die Jugendfeuerwehr gegründet. Ebenfalls in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurde ein Neubau in der Barstraße geplant, aber nie realisiert, so dass die Feuerwache vor uns immer noch die Hauptfeuerwache in Wilmersdorf ist.

Hier noch etwas zum Alltag bei der Berliner Feuerwehr. Die Beamten bei der Berliner Feuerwehr arbeiten in 12-Stunden-Schichten, danach haben sie mindestens 24 Stunden frei. Berufsfeuerwehrleute sind für alle Funktionen ausgebildet und werden alternierend auch in allen Funktionen eingesetzt, zum Beispiel: Maschinist in einem Löschfahrzeug oder Atemschutzträger oder als Sanitäter im Rettungsdienst. Es gibt nicht nur den Bereitschaftsdienst, sondern auch Arbeits- und Übungsdienste. In Berlin gibt es 67 Standorte, an denen jeden Morgen um 7 Uhr 550 Feuerwehrleute ihren Dienst antreten. Beim Arbeits- und Übungsdienst werden zum Beispiel die Fahrzeuge gewaschen und die Wachgebäude instandgehalten. Danach gibt es den Wachunterricht, jeder Mitarbeiter muss turnusmäßig ein kurzes Referat zu einem bestimmten Thema halten. Auch praktische Übungen werden regelmäßig durchgeführt. Zwischen 12 Uhr und 15 Uhr ist Bereitschaftszeit, das bedeutet, dass die Feuerwehrleute, solange kein Einsatz ansteht, vor Ort machen können, was sie wollen: lesen, fernsehen usw. Nachmittags stehen weitere Arbeitsdienste und Sport auf dem Programm, da es ja wichtig ist, dass die Feuerwehrleute fit sind.

Bei der Berliner Berufsfeuerwehr gibt es 35 Berufsfeuerwachen. Eine Feuerwache ist (außer bei Einsätzen) ständig mit hauptamtlichen Einsatzkräften besetzt. Die kleinste taktische Einheit ist in der Brandbekämpfung die “Staffel”, das ist ein Löschfahrzeug mit einer Besatzung von sechs Einsatzkräften. Bei einem Wohnungsbrand werden normalerweise zwei Staffeln mit einer Drehleiter und ein Rettungswagen eingesetzt. Auch die Freiwillige Feuerwehr untersteht organisatorisch einer Berufsfeuerwache.

Station 8.3: Gasteiner Straße 11 / Stolperstein / Georg Oppel
Ein paar Häuser weiter auf dieser Seite der Gasteiner Straße befindet sich vor dem Haus Nummer 11 ein Stolperstein zum Gedenken an Georg Oppel mit dem folgendem Text:

HIER WOHNTE GEORG OPPEL JG. 1875 VERHAFTET MÄRZ 1933 COLUMBIAHAUS GEFOLTERT VON SA TOT AN FOLGEN 17.4.1936

Georg Oppel wurde am 10. Februar 1875 in Schlochau (heute: Człuchów) in Westpreußen geboren. Er war kaufmännischer Angestellter, stammte aus einer jüdischen Familie und war bereits SPD-Mitglied, als er 1919 im Bezirksamt Wilmersdorf zu arbeiten begann. 1920 wurde er in die Bezirksversammlung Wilmersdorf und von ihr 1921 zum besoldeten Stadtrat gewählt. Im Rahmen der Preußischen Abbauverordnung strich die Bezirksversammlung Wilmersdorf, in der die Bürgerlichen die Mehrheit hatten, 1924 seine Stelle und versetzte ihn in den einstweiligen Ruhestand. 1925/26 war er Stadtverordneter im Wahlkreis Wilmersdorf. 1926 und 1930 wählte ihn die Bezirksversammlung Wilmersdorf zum unbesoldeten Bezirksstadtrat. 1928 wurde Georg Oppel Kommissarischer und später Ordentlicher Direktor des Arbeitsamts Berlin-Ost. Bei den vorgezogenen Neuwahlen 1933 wurde er wieder in die Bezirksversammlung Wilmersdorf gewählt. Nach dem SPD-Verbot vom Juni 1933 wurde ihm das Mandat entzogen und die Tätigkeit als Bezirksverordneter verboten. Oppel war bereits Ende März 1933 von der SA verhaftet und im Tempelhofer Gestapo-Gefängnis Columbia-Haus in Tempelhof misshandelt worden. Noch vor Ablauf seiner Amtszeit als unbesoldeter Stadtrat beurlaubte ihn das Bezirksamt Wilmersdorf mit dem Vermerk „Jude, Sozialdemokrat“. 1933 wurde ihm von der Reichsanstalt für Arbeit gekündigt. Nach seiner Haftentlassung war er arbeitsunfähig. Ruhestandsbezüge wurden ihm zunächst verweigert, später erhielt er eine „jederzeit widerrufliche“ Rente von 99 Reichsmark im Monat. Am 16. März 1936 starb er in Berlin an den Folgen der Misshandlungen während der Haft.

Station 8.4: Gasteiner Straße 9-10 / Mietshaus
Das Haus am Ende der Gasteiner Straße, an der Ecke zur Fechnerstraße wurde 1903 bis 1904 von Wilhelm Bielicke gebaut. Es steht unter Denkmalschutz.

Station 8.5: Gasteiner Straße 23 / Goethe-Gymnasium
Das Goethe-Gymnasium schräg gegenüber wurde zwischen 1903 und 1904 von Otto Herrnring als Mädchengymnasium erbaut. Es erhielt den Namen Viktoria-Luise-Lyzeum. Viktoria Luise wurde am13. September 1892 als einzige Tochter Kaiser Wilhelms II. und Kaiserin Auguste Viktorias in Potsdam geboren. Den Namen Viktoria erhielt sie nach ihrer Großmutter, der Kaiserin Victoria. Diese schrieb sich übrigens mit c, im Gegensatz zu Viktoria Luise, deren Namen man allerdings auch häufig fälschlicherweise mit c geschrieben findet. Den Namen Luise erhielt sie nach der preußischen Königin Luise. Bereits im Jahr ihrer Einschulung 1899 wurde übrigens in Schöneberg der Viktoria-Luise-Platz nach ihr benannt, 1904 dann das Viktoria-Luise-Lyceum. Sie heiratete 1913 den Herzog Ernst August von Braunschweig und starb 1980 in Hannover. Ihre Tochter Friederike wurde Königin von Griechenland.

Die Fassade des Viktoria-Luise-Lyzeums wurde reich mit romanischen und orientalischen Schmuckelementen ausgestattet. An der Ecke zur Uhlandstraße schließt sich ein niedrigeres ehemaliges Lehrerinnenseminar an. Die ursprüngliche Ausschmückung des Inneren ist weitgehend erhalten. In dem Verwaltungsbericht der Großstadt Wilmersdorf von 1913 heißt es über den kommunalpolitischen Schwerpunkt Bildung [ich zitiere]:

Für die ebenso rasche wie günstige Entwicklung Wilmersdorfs war nicht zuletzt die seit Mitte der 90er Jahre von ihm verfolgte Schulpolitik von erheblicher Bedeutung. Hierbei aber ging die Gemeindeverwaltung von der durch die Tatsachen später als richtig erwiesenen Ansicht aus, daß nach dem an sich keineswegs begüterten Wilmersdorf steuerkräftige Elemente nur dann in größerer Zahl zuziehen würden, wenn in ihm auch den Bedürfnissen eines solchen Zuzugs nach möglichst günstiger Gelegenheit zu Erziehung und Unterricht der Jugend gebührend Rechnung getragen sei.

Um die steuerkräftigen Bürger und Bürgerinnen ging es also, und um diese anzulocken, wurde vor allem in Bildungseinrichtungen investiert.

Vom 13. April 1917 bis Ostern 1918 besuchte Marlene Dietrich die Schule. Mit 16 verließ sie die Schule ohne Abitur und begann in Weimar eine Ausbildung zur Konzertgeigerin.

Am 10. Mai 1954 wurde das Gymnasium als Goethe-Gymnasium neu gegründet. Es ist altsprachlich ausgerichtet. Erste Fremdsprache, die von der Grundschule mitgebracht wird, ist Englisch, ab der 5. Klasse kommt Latein dazu, ab der 8. Klasse Alt-Griechisch als dritte Fremdsprache und wer will, kann dann ab der 10. Klasse noch Französisch lernen. Als Wahlfach wird auch Russisch angeboten. Die Schülerinnen und Schüler können hier das Latinum und das Graecum erwerben. Die Kurse der Oberstufe unternehmen Studienfahrten ins klassische Griechenland oder nach Rom.

Wir gehen nun weiter bis zur Uhlandstraße, in die wir rechts einbiegen. Dann überqueren wir die Berliner Straße, nehmen dort den Übergang und gehen auf der östlichen Seite der Uhlandstraße bis zur Wilhelmsaue.

Station 9: Uhlandstraße (östliche Seite) / Ecke Wilhelmsaue

Bildvergrößerung: Blisse-Stiftung, Kiezspaziergang 10.03.2018
Blisse-Stiftung, Kiezspaziergang 10.03.2018
Bild: BA-CW, ML

Station 9.1: Mittelstreifen / Gedenktafel für ermordete Deserteure
Wir sind beim Überqueren der Kreuzung an der Gedenktafel für ermordete Deserteure vorbeigegangen. Am Freitag, den 24. April 2015, wurde die Gedenktafel für einen Ende April 1945 ermordeten 17jährigen Deserteur enthüllt. Auf ihr steht:

Hier wurde in den letzten Tagen des April 1945 ein 17-Jähriger von Nationalsozialisten erhängt. Zur Erinnerung an ihn und alle anderen, die sich der Teilnahme am Krieg verweigerten und deshalb ermordet wurden.

Die Gedenktafel wurde komplett aus Spenden zahlreicher Privatpersonen und von mehreren Organisationen finanziert und mit Unterstützung des Aktiven Museums verwirklicht. Am Tag der Enthüllung wies Laura von Wimmersperg auf die Notwendigkeit dieser Gedenktafel hin, [ich zitiere]:

um immer wieder aufmerksam zu machen, was passiert ist in der Zeit und wie wir acht geben müssen, daß so etwas nicht wieder passiert, […] daß wir weitergeben, was wir wissen, daß wir unsere Jugendlichen und die Menschen, die uns anvertraut sind, erziehen zu Menschlichkeit, aber auch zu Widerständigkeit, zu Mut, damit man solchen Situationen widersteht. Wenn erst einmal ein Krieg oder eine gefährliche Situation vorhanden ist, ist es sehr schwer, zu widerstehen.

Station 9.2: Uhlandstraße / Herkunft des Namens
Die Uhlandstraße verläuft über fast 3 Kilometer vom Steinplatz bis zur Mecklenburgischen Straße. Sie wurde 1893 nach dem Dichter Ludwig Uhland benannt. In den 20er- und 30er-Jahren war die Uhlandstraße die Wilmersdorfer Amüsiermeile mit vielen Kinos, Restaurants und Cafés.

Station 9.3: Blisse-Stift / Auguste Blisse
Auguste Amalie Blisse, geborene Schierjott, wurde am 17.9.1845 in Charlottenburg geboren und starb am 20.8.1907 in Deutsch-Wilmersdorf. Sie war maßgeblich an der Konzeption des Blisse-Stiftes beteiligt. Ihr war die Jugendarbeit sehr wichtig und diese sollte auch der Schwerpunkt der Stiftung sein.

Auguste Blisse war mit Christian Blisse verheiratet. Christian Blisse stammte aus einem Wilmersdorfer Bauerngeschlecht mit ausgedehnten Feldern, an der Stelle, wo heute die Blissestraße verläuft. Durch den Bedarf an Bauland für die wachsende Stadt Berlin gelangten viele Bauern hier zu Vermögen. Da die Blisses mit dem Landverkauf länger warteten als andere Bauern, wurden sie sehr reich und gehörten damit zu den sogenannten Millionenbauern, was ihnen den Spitznamen „Millionen-Blisse“ einbrachte.

Auguste und Christian Blisse vererbten der Stadt drei Millionen Mark für ein Waisenhaus, dessen Bau 1908 begonnen wurde und 1911 als Christian und Auguste-Blisse-Stiftung auf dem Grundstück des ehemaligen Stammgutes der Blisses eröffnet wurde. Architekt war Otto Herrnring. Der Bau kostete 600.000 Reichsmark. Die Eröffnung des Waisenhauses erfolgte am 1.1.1911. Das Waisenhaus wurde das Zuhause für evangelische Kinder zwischen 6 und 16 Jahren. Das restliche Geld der Stiftung diente der Finanzierung des Betriebes des Waisenhauses, zumindest bis zur Inflation, die dann das Vermögen vernichtete. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Stiftung zweckentfremdet. Das Blisse-Stift befindet sich heute in der Verwaltung unseres Bezirksamtes. Wie wir vorhin gehört haben, residieren hier inzwischen der Kinderhort der Comenius-Schule und die offene Ganztagsschule für autistische und lernbehinderte Kinder.

Wir gehen nun ein paar Meter weiter und treffen uns wieder vor der bunten Skulptur.

Station 10: Uhlandstraße 101 / Das Ding

Bildvergrößerung: Uhlandstraße Skulptur Das Ding, Kiezspaziergang 10.03.2018
Uhlandstraße Skulptur Das Ding, Kiezspaziergang 10.03.2018
Bild: BA-CW, ML

Die fünf Meter hohe Skulptur auf der Grünfläche vor dem Uhlandhaus wurde 1968 von der Keramikkünstlerin Susanne Riée geschaffen. Die Plastik heißt schlicht DAS DING und besteht aus Stahlbeton und bunter Keramik. Die 1926 oder 1927 geborene Künstlerin Susanne Riée kann ein sehr vielseitiges Werk vorweisen. Neben ihren Skulpturen sind das Zeichnungen, Collagen und Drucke. Riée hat sehr viele „Kunst-am-Bau-Projekte“ realisiert. In der Berliner Philharmonie gibt es eine Arbeit von ihr: das kleine rote Fenster. Diese Arbeit wiederholt in einer Variation gleich große Rechtecke und rechtwinklige Trapeze.

Station 11: Straße am Schoelerpark 37 / Begegnungszentrum des Trägers Nachbarschafft e.V.

Ich begrüße ganz herzlich Peter Palmreuther vom Vorstand und die Geschäftsführerin Lore Steine, die Ihnen gleich sagen werden, was der Verein Nachbarschafft e.V. mit der ehemaligen Revierunterkunft vorhat.

Zeitlich parallel zur Schließung der Notunterkunft hat das Bezirksamt beschlossen, in der früheren Revierunterkunft Am Schoelerpark 37 eine Begegnungsstätte für die weitere Arbeit mit geflüchteten Menschen und die Vernetzung mit den Menschen im Kiez zu errichten. Dafür stehen Mittel des Masterplans Integration und Partizipation zur Verfügung. Das Projekt wurde ausgeschrieben und das überzeugendste Konzept kam vom Verein Nachbarschafft e.V. Dieser Verein hat sich aus der Initiative Freiwillige helfen im Rathaus Wilmersdorf entwickelt, die auch nach dem Auszug aus der Notunterkunft die früheren Bewohner und Bewohnerinnen unterstützen. Am 24. Oktober hat das Bezirksamt deshalb beschlossen, die ehemalige Revierunterkunft dem Verein zu übertragen. Koordiniert wird das Projekt durch das Integrationsbüro des Bezirksamtes.

Hier endet unser Kiezspaziergang, zumindest fast, denn der Internationale Frauentag ist gerade einmal zwei Tage her und Frau Michel-Drees und Frau Cieschinger, die ich hiermit ganz herzlich begrüße, werden im Anschluss die schon fast traditionellen Rosen verteilen, die alle aus dem fairen Handel kommen. Wie Sie vielleicht wissen, gehört Charlottenburg-Wilmersdorf seit dem 9.6.2011 zu den inzwischen 525 Fairtrade-Towns. Darauf sind wir stolz. Frau Michel-Drees wird Ihnen das Projekt gleich vorstellen.

Zuvor möchte ich Ihnen aber noch den Treffpunkt des nächsten Kiezspaziergangs mitteilen. Er findet am Samstag, den 14. April, statt und beginnt um 14 Uhr am Platz am Wilden Eber / Ecke Lentzeallee. Da ich nicht da bin, wird der Stellvertretende Bezirksbürgermeister Herr Engelmann den Spaziergang führen. Zum Platz am Wilden Eber kommen Sie mit dem Bus 110.