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Kiezspaziergang am 14.6.2003

durch die Wilmersdorfer Straße von der Krumme Straße bis zum Kraftwerk Charlottenburg

mit Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler
Treffpunkt am U-Bhf Wilmersdorfer Straße, Ausgang Krumme Straße

Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlich willkommen zu unserem heutigen Kiezspaziergang.

Wie immer zuerst der Hinweis auf den nächsten Termin: Am zweiten Samstag im Juli, das ist der 12.Juli, wird meine Kollegin, die Sozial- und Umweltstadträtin Martina Schmiedhofer einen Sommerspaziergang an vier Grunewaldseen entlang anbieten. Treffpunkt wird um 14.00 Uhr am S-Bahnhof Halensee am Henriettenplatz sein, und es wird zum Halensee, Koenigssee, Herthasee und Hubertussee in Grunewald gehen.

Heute möchte ich Ihnen die Wilmersdorfer Straße vorstellen. Frau Thiemen hat bereits bei ihrer Führung über den Altstadtpfad im Februar dieses Jahres festgestellt, dass die Wilmersdorfer Straße einen eigenen Spaziergang wert wäre, und den wollen wir heute gemeinsam gehen. Und dabei geht es um Vergangenheit und um Zukunft, denn die Wilmersdorfer Straße entwickelt sich rapide, und als Baustadtrat freue ich mich ganz besonders über das Interesse der Investoren an dieser wichtigen Charlottenburger Straße. Ich kann Ihnen heute insgesamt 6 Neubauprojekte vorstellen.

Die Wilmersdorfer Straße ist eine Charlottenburger Straße. Das muss man heute zwar nicht mehr so sehr betonen, denn die beiden früheren Bezirke sind inzwischen fusioniert, aber früher wurde die Wilmersdorfer häufig fälschlicherweise dem Bezirk Wilmersdorf zugeordnet. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich ganz einfach dadurch, dass Straßen in Berlin oft nach der Richtung benannt wurden, in die sie führen, und die Wilmersdorfer Straße führt aus Charlottenburg nach Wilmersdorf.

Schon 1794 ist der Name “Wilmerdorfischer Weg” nachgewiesen, seit 1824 “Wilmersdorfer Straße”. Auch älteren Plänen ist hier der “Priesterweg” eingezeichnet. Denn über diesen Weg ging schon im Mittelalter der Wilmerdorfer Pfarrer, der bis 1708 die Pfarrei Lietzow mitversorgen musste. Das Dörfchen Lietzow befand sich dort wo heute hinter dem Rathaus Charlottenburg die Straße Alt-Lietzow noch daran erinnert. Es wurde 1720 in die Stadt Charlottenburg eingemeindet. Wir werden also heute auch ein gutes Stück Weg des Wilmersdorfer Pfarrers zu seiner Nebenpfarrei Lietzow zurücklegen.

Die Wilmersdorfer Straße hat drei sehr unterschiedliche Abschnitte: Südlich zwischen Kurfürstendamm und Krumme Straße ist sie ein Teil der Kudamm-City, dann in der Mitte bis zur Schillerstraße die Einkaufs-Fußgängerzone mit Kaufhäusern Läden, und im nördlichen Bereich bis zur Otto-Suhr-Allee eine Einkaufsstraße im Kiez mit vielen traditionellen Geschäften. Wir beginnen hier mit dem mittleren Abschnitt an der Krumme Straße und damit am östlichen Rand des Stuttgarter Platzes.

Stuttgarter Platz

Nach der Inbetriebnahme des Bahnhofs Charlottenburg als Fern- und S-Bhf 1882 und nach der Überdeckung des sogenannten ‘Schwarzen Grabens’, eines offenen Abwassergrabens entlang der heutigen Zillestraße, wurde die Bebauung in Charlottenburg in Richtung Süden und Westen zunächst bis zum Stuttgarter Platz ausgedehnt. Seinen Namen erhielt er 1892. In den Jahren 1893-94 entstanden die auf der Westseite des Platzes erhaltenen repräsentativen Wohnhäuser. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der damals hier gelegene Busbahnhof zu einer Hochburg des Schwarzhandels, in den 60ern machte die Kommune I den Platz über Berlin hinaus bekannt, und in den 70ern entstanden hier die ersten Bürgerinitiativen.

Zwischen Windscheidstraße und Kaiser-Friedrich-Straße zeichnet sich der Stuttgarter Platz aus durch eine gute Wohnlage mit stuckverzierten Altbauten, gemütlichen Cafés und Feinkostläden, mit Verkehrsberuhigung, einer Grünanlage und einen Spielplatz mit Spielbrunnen, die Ende der 70er Jahre durch eine Bürgerinitiative initiiert wurden. Ich denke, auch diesen gut bürgerlichen Teil des Stuttgarter Platzes sollten wir einmal in einen Kiezspaziergang einbeziehen.

Von der Kaiser-Friedrich-Straße bis hier zur Wilmersdorfer Straße ist der Stuttgarter Platz nicht gerade ein Schmuckstück. Hässliche Neubauten der 70er Jahre; Bordelle, Bars und Clubs, sowie billige Im- und Exportgeschäfte beherrschen hier das Bild.

Seit dem Juni 1999 kämpft eine Bürgerinitiative für den Erhalt des Kiezes und gegen ein geplantes 19-stöckiges Hochhaus mit 2- bis 3-stöckigen Arkaden entlang des Bahndammes, sowie die Verlegung des S-Bahnhofs in die Nähe des U-Bahnhofs Wilmersdorfer Straße, um den Umsteigeweg zu verkürzen.

Krumme Straße

Die Krumme Straße erhielt ihren Namen ganz zu Recht wegen der gebogenen Straßenführung. Sie erhielt ihren Namen bereits 1824, endete damals aber bereits an der Wallstraße. Bis hierher zur Wilmersdorfer Straße wurde sie erst 1893 verlängert.

U-Bhf Wilmersdorfer Straße

Der U-Bhf Wilmersdorfer Straße ist Teil der längsten U-Bahnlinie Berlins, der Linie 7 zwischen Rudow und Spandau. Sie wurde in den 60er und 70er Jahren gebaut. Mit dem U-Bahnhof entstand auch die Fußgängerzone, in der sich Warenhäuser und Einzelhandel konzentrieren. Nach dem optischen Niedergang der Fußgängerzone haben wir sie 2001 neu gestaltet und unter anderem die nicht mehr zeitgemäßen Pavillons und die Überdachungen der U-Bahnabgänge entfernt.

Kantstraße

1887 benannt nach dem Philosophen Immanuel Kant (1724-1804). Mit der Entwicklung der westlichen City Berlins am Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Kantstraße als Parallelstraße des Kurfürstendammes zu einer Neben-City-Straße, an der das Theater des Westens (1897), das Delphi-Kino und viele Geschäfte, Restaurants und Cafés entstanden.

Wilmersdorfer Str. 58

Schirmständerhaus

Das Haus wurde 1956 von Hans Simon für das Schuhhaus Stiller errichtet. Es ist ein fünfgeschossiges Geschäftshaus mit einem über die Fassade ragenden Flugdach mit runden Öffnungen, das ihm den Namen “Schirmständerhaus” eintrug. 2002 wurde das Haus von Regina Herrmann und Isolde Kepler für die Münchner WDS Immobilien denkmalgerecht renoviert. Dank neuer Neonröhren leuchtet das Haus als “Blaues Wunder” wieder im Dunkeln. Die Beleuchtung war seit den 70er Jahren nicht mehr eingeschaltet.

Pestalozzistraße

1887 benannt nach dem Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827)

Brunnen “Schlorrendorfer Plantsche”, 1978 vom Architekturbüro Grashorn und Wortmann gebaut.

Goethestraße

1872 benannt, zunächst nur von der Hardenbergstraße bis zur Leibnitzstraße, 1884 bis zur Wilmersdorfer Straße verlängert.

Wilmersdorfer Str. 125

Bong-Apotheke, Sitz der Arbeitsgemeinschaft Wilmerdorfer Straße e.V., ein Zusammenschluss der Geschäftsleute. Als Ansprechpartner des Bezirksamtes ist die Arbeitsgemeinschaft wichtig zur gemeinsamen Arbeit an der Verbesserung der Straße.

Schillerstraße

1872 benannt, zunächst nur von der Hardenbergstraße bis zur Leibnitzstraße, 1884 bis zur Wilmersdorfer Straße verlängert, später bis zur Windscheidstraße.

Bismarckstraße

1871 benannt, zuvor Mühlenweg. Bereits 1765 war hier eine breite Allee im Stadtplan eingezeichnet, aber noch ohne Namen.

Wilmersdorfer Str. 145/146

Rogacki GmbH & CoKG: Delikatessen, Imbiss, Stadtküche

1928 gründete der polnische Einwanderer Rogacki eine Räucherwarenhandlung im Wedding. Bereits 1932 siedelte sie in die Wilmersdorfer Straße über und wurde die erste Charlottenburger Aal- und Fischräucherei. Nach Kriegszerstörungen wurde das Geschäft wieder aufgebaut und erweitert. Zum Sortiment kamen jetzt Wild, Geflügel, Fleisch- und Wurstwaren. Später kamen eine Käseabteilung und eigene Bäckerei hinzu sowie der Gourmetstand. Rogacki ist ein Familienbetrieb in der dritten Generation. Nach wie vor ist die Herstellung von geräuchertem Fisch die Spezialität des Unternehmens. Die Fischabteilung bietet etwa 70 Sorten frischen sowie lebenden Fisch an.

Spielhagenstraße

Benannt 1902 nach dem Schriftsteller und Publizisten Friedrich Spielhagen (1829-1911). Er schrieb zunächst in der Gartenlaube und wurde zu einem der erfolgreichsten Romanciers in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mehr gelesen als beispielsweise sein Zeitgenosse Theodor Fontane. Sein Werke sind heute weitestgehend vergessen. Die erfolgreichsten waren “Hammer und Amboß” (1869, 5 Bände) und “Sturmflut” (1877, 3 Bände). Spielhagen starb 1911 in Charlottenburg.

Zillestraße

Benannt 1947, zuvor Wallstraße (1720-1933) und Maikowskistraße (1933-1947). Heinrich Zille (1858-1929) wurde als “Pinselheinrich” zum wohl populärsten Graphiker und Zeichner Berlins. Seine sozialkritischen und liebevollen Porträts der einfachen Leute, des “Milljöhs” brachten ihm viel Sympathie. 1970 wurde er postum zum Berliner Ehrenbürger ernannt.

Hier beginnt der historische Abschnitt der Wilmersdorfer Straße. Ab hier ist sie Teil der Altstadt Charlottenburg, die seit der Stadtgründung 1705 in dem Dreieck zwischen Schloßstraße, Zillestraße (damals Wallstraße) und Otto-Suhr-Allee (damals Berliner Straße) entstand. Die damalige Wallstraße bildete lange Zeit eine natürliche Grenze der Bebauung, weil an ihrer Südseite der “Schwarze Graben” oder auch “Lietzengraben” verlief. Er wurde um 1860 zugeschüttet. Erst danach konnten die Schloßstraße und die Wilmersdorfer Straße bis zur Bismarckstraße und darüber hinaus verlängert werden.

Die ersten Häuser Charlottenburgs entstanden im Zusammenhang mit dem Bau des Schlosses Charlottenburg für die Schlossbediensteten seit 1695 an der Schloßstraße. Später im 18. Jahrhundert bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden weitere Häuser gebaut nach dem Muster des Modellhauses von Eosander von 1705 für die neugegründete Stadt-Charlottenburg. Von diesem Haustyp sind nur noch 3 Gebäude in der Altstadt erhalten, unter anderem das älteste Haus Charlottenburgs in der Schustehrusstraße 13.

In diesem nördlichen Bereich der Wilmersdorfer Straße lebte auch die Frau Schwanz, deren Auseinandersetzung mit den Behörden vielleicht einen guten Einblick gibt in die damaligen Lebensverhältnisse in Charlottenburg:

Der Briefwechsel zwischen Frau Schwanz und der Polizei-Direktion Charlottenburgs zwischen 1873 und 1897 zeigt , dass sie nur mit Mühe ihre Wohnverhältnisse aufrechterhalten konnte. Strenge Bauvorschriften und Kontrollen durch die Behörden erschwerten ihr Leben. Frau Schwarz versuchte, durch Bittgesuche ein Entgegenkommen der städtischen Behörden zu erreichen, war jedoch nur selten erfolgreich.

Eine kurze Chronik ihrer Auseinandersetzungen mit der Polizei-Direktion

1879: Mängelfeststellung : Der Putz in den Stuben ist lose, wodurch Personen gefährdet sind, außerdem ist der Schornstein undicht.

1885: Mängelfeststellung: Der Ziegenstall und die daneben als Wohnung benutzten Räume sind baufällig, außerdem sind beide aus Holz und polizeilich nicht genehmigt. Der Anbau des Hauses im Hof ist ebenfalls baufällig. Alles muss innerhalb von acht Tagen beseitigt werden. Der Boden des Hauses darf nicht als Schlafraum für Personen genutzt werden. Das Hauptgebäude muss einer Hauptreparatur unterworfen werden.

1885: Abriss des alten Gebäudes. Frau Schwanz errichtet ein eingeschossiges neues Wohnhaus.

1886: Frau Schwanz‘ Antrag auf Ausbau des Dachbodens zu einer Wohnung wird abgelehnt. Sie soll es unterlassen, auf ihrem provisorisch eingerichteten Kochherd, der sich im Keller des Rohbaus befindet, Kaffee und Essen zu kochen.

Bei Abnahmebesichtigung des Neubaus wird festgestellt: Kochmaschine und Closet sind nicht vorschriftsmäßig eingebaut.

1887: Mängelfeststellung: Auf dem Grundstück befindet sich kein Brunnen, es ist keine vorschriftsmäßige Aschgrube vorhanden.

Die Closetanlage ist noch immer mangelhaft, es fehlen die Tonne mit Zubehör, der Trichter mit Überschieber und die Tonnenkammer. Die Witwe hätte stattdessen einen Eimer im Keller, den sie täglich in die Dunggrube auf dem Hof entleert.

Ihr Antrag auf Einrichtung einer Laube wird abgelehnt.

Pfändungsprotokoll, weil die Stadt jetzt den Einbau des Closets vornehmen lässt. Es werden folgende Einrichtungsgegenstände im Werte von 50 Mark genannt: 1 Kleiderspind, 1 Spiegelspind, 1 Kommode, 1 Sopha, 1 Tisch. Die Sachen verbleiben aber im Haus, Frau Schwanz verweigert die Unterschrift unter das Protokoll.

Briefe der Frau Schwanz an die Charlottenburger Polizei- Direktion:

“An die königliche Polizei Direction

Da mir die Erlaubniß, einen Verschlag für die Ziege auf meinen Hof zu haben, verweigert wird, so wage ich die königl. Polizei-Direction gehorsamst zu bitten, gütigst gestatten zu wollen, daß ich auf meinem Hof, in eine Ecke, eine Laube aufstellen darf, damit ich meine Stühle im Freien flechten kann, weil ich auf einen Auge blind bin, und die Sehkraft des anderen Auges durch die Luft gestärkt werden soll, und habe ich einer gütigen Gewährleistung meiner Bitte und einer geneigten Antwort entgegenharrend, mich ganz ergebenst zu unterzeichnen.

Witwe Schwanz”

“Die königliche Polizei-Direction

Von der königlichen Polizei-Direction bin ich hier angewiesen, die Closetanlage auf meinem Grundstück, welche gegenwärtig nur in einem im Keller des Hauses aufgestellten, täglich geleerten Nachtstuhl besteht, in der Weise zu ändern, daß anstatt dieses Nachtstuhls eine Verschlußtonne an der selben Stelle angebracht werden soll. Da diese Änderung mit größeren Arbeiten an dem Kellereingang verknüpft sein wird und ich in meiner jetzigen Lage kaum im Stande bin, ohne Beistand dieselben auszuführen, so komme ich noch einmal auf meine bei der königl. Polizei-Direction mündlich vorgebrachte Bitte zurück, mir die Beibehaltung der jetzigen Closetanlage bis zu dem Zeitpunkte gestattet zu wollen, wo mein Sohn aus Amerika zu mir zurückkehrt. Derselbe, an dem ich eine Stütze habe, kann die gewünschte Änderung selbst ausführen (……)

Ferner ist mir seitens eines Herrn Wachtmeisters zur Last gelegt worden, daß ich der Unzucht Vorschub leiste dadurch, daß ich dem jungen Mädchen, welches bei mir in Schlafstelle wohnt, sträflichen Verkehr mit Männern in meiner Wohnung gestatte. Es ist dies eine ganz große Anschuldigung; das Mädchen, welches mit mir in einer Stube schläft, ernährt sich ehrlich durch ihre Arbeit in der Fabrik; sie geht morgens um 5 Uhr fort und kommt abends um 7 Uhr zu Hause; in meiner Wohnung hat sie keinen Umgang mit fremden Männern, den ich auch nicht dulden würde.

Frau Schwanz”

Thrasoltstraße

1950 benannt nach dem Schriftsteller, Pfarrer und Pazifisten Ernst Thrasolt (1878 – 1945). Er wurde von der Gestapo verfolgt.

Von 1824 bis 1950 hieß die Straße Kanalstraße, zuvor Am Graben.

Haubachstraße

1947 benannt nach dem Reichsbannerführer und Widerstandskämpfer Theodor Haubach. Er organisierte nach 1933 illegal Gruppen des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, wurde mehrfach in Konzentrationslagern inhaftiert, war als Informationsminister nach dem Attentat auf Hitler vorgesehen. Nach dem gescheiterten Attentat wurde er verhaftet und im Januar 1945 in Plötzensee hingerichtet.

Die Straße hieß bis 1937 Grünstraße und von 1937 bis 1947 Kauffmannstraße.

Die Kreuzung Wilmersdorfer Straße und Haubachstraße ist wohl eine der stadthistorisch interessantesten Straßenkreuzungen in Berlin überhaupt. Diese Ecke ist ein erstaunliches Zeugnis der Entwicklungsgeschichte der Altstadt Charlottenburg. Hier sind Gebäude aus den verschiedensten bauhistorischen Epochen auf engstem Raum versammelt. In den vier Eckhäusern spiegeln sich die unterschiedlichen Bauformen wider, und es ist als außerordentlicher Glücksfall zu bezeichnen, dass die Gebäude im Rahmen der Erneuerung in oft mühevoller Kleinarbeit wiederhergestellt werden konnten.

Das älteste Gebäude ist das einstöckige Eckhaus Haubachstr. 13 / Wilmersdorfer Str. 18. Es ist vor 1823 zu datieren und entspricht der ursprünglichen Bebauung um 1705. Es ist damit unser zweites Beispiel für die frühen, eingeschossigen Ackerbürgerhäuser. Bedingt durch die gewerbliche Nutzung gab es diverse Ladenumbauten und Fassadeneingriffe. Das Haus ist in Privatbesitz und wird leider derzeit nicht genutzt.

Direkt im Anschluss befinden sich nach beiden Seiten zweistöckige Häuser aus der Zeit unmittelbar vor dem Bauboom um 1890, in dem die fünfstöckigen Mietskasernen entstanden. Die Wilmersdorfer Straße 18 wurde 1865, die Haubachstraße 15 1880 erbaut. Bei diesen zweigeschossigen Putzbauten mit Dachgeschoss ist der Fassadenstuck fast vollständig erhalten geblieben und im Rahmen der Erneuerung restauriert worden.

Das Gebäude an der gegenüberliegenden Ecke Haubachstraße 14 / Wilmersdorfer Straße 17 datiert in seiner ersten Fassung um etwa 1730. Der ursprüngliche Bau war ein traditionelles Ackerbürgerhaus. 1880 wurde es aufgestockt und ist 1988 detailgetreu in dieser Fassung rekonstruiert worden.

Als Vertreter der Endphasen der baulichen Entwicklung sind die beiden anderen Eckgebäude Wilmersdorfer Straße 156 Ecke Haubachstraße 11 von 1877 sowie Wilmersdorfer Straße 157 Ecke Haubachstraße 12 von 1902 zu sehen. Das erste von 1877 ist ein viergeschossiger Putzbau. Er gehört zur sogenannten “Vorgründerphase” mit ihrem ersten, intensiven Bebauungsschub. Die ursprüngliche Stuckgestaltung der Fassade war hier nur noch an der Seite zur Haubachstraße erhalten, während die Fassade an der Wilmersdorfer Straße abgeschlagen und mit Kratzputz versehen worden war. 1985 konnte schließlich die gesamte Fassade renoviert und der Bereich an der Wilmersdorfer Straße inklusive des Eckrisalits wieder aufgestuckt werden.

Das Gebäude Wilmersdorfer Straße 157 Ecke Haubachstraße 12, ist ein fünfgeschossiges Eckhaus. Es zeigt den historischen Endpunkt der bautypologischen Entwicklung. Seine reiche plastische wie ornamentale Gestaltung durch Erker und

Jugendstilelemente konnte ebenfalls 1985 wiederhergestellt werden. Im Zuge der Erneuerung wurde hier das Dachgeschoss zu Wohnzwecken ausgebaut.

Das Bemühen, zu einer möglichst umfassenden Wiederherstellung des historischen Zustandes zu gelangen, blieb aber nicht nur auf die Fassaden beschränkt. Auch Treppenhäuser und Innenhöfe wurden rekonstruiert.

Wilmersdorfer Str. 13

Adresse des letzten Henkers in Berlin und Charlottenburg, Julius Krautz. Den Scharfrichter Krautz kannte im Berlin der Gründerjahre fast jeder mit Namen. Er betrieb Abdeckereien in Charlottenburg und Spandau. Damit verbunden war bis 1888 das Amt des Scharfrichters. Er führte 55 Verurteilte zum Richtblock, unter ihnen den Kaiser-Attentäter Hödl. Er war dem Weißbier und den Frauen nicht abgeneigt und verkehrte in verschiedenen Destillen. Über sein blutiges Handwerk sprach er kaum. Um so mehr riss man sich dann um den Sensationsroman “Der Scharfrichter von Berlin”, der 1889 mit 250.000 Exemplaren zu einem Bestseller wurde. In dem 3118 Seiten starken Werk für 13 Goldmark wurden sein Leben, seine Opfer, seine Liebschaften und seine schlaflosen Nächte zu einem schaurig-sentimentalen Sittengemälde ausgeschmückt

Behaimstraße

Benannt 1950 nach dem Nautiker und Geograph Martin Behaim (1459-1507). Die Straße hieß vorher Schulstraße

Schustehrusstraße

Benannt 1950 nach dem ersten Oberbürgermeister Charlottenburgs, Kurt Schustehrus. Er wurde 1856 in Ostpreußen geboren. 1899 trat er sein Amt als Erster Bürgermeister in Charlottenburg an, 1900 wurde ihm der Titel Oberbürgermeister verliehen, was er bis zum seinem Tod 1913 blieb.

Die Straße hieß bis 1824 “Deichstraße”, danach bis 1950 “Scharrenstraße”.

Für die frühe Entwicklung Charlottenburgs spielte die damalige Deichstraße und spätere Scharrenstraße eine wichtige Rolle. Sie war die Hauptstraße der Stadt zwischen Schloßstraße und Berliner Straße (Otto-Suhr-Allee) mit der 1712 gebauten Luisenkirche auf dem Gierkeplatz im Zentrum.

Heute befindet sich an der Schustehrusstraße 13 das älteste Haus Charlottenburgs. Friedrich I, der Stadtgründer Charlottenburgs, ließ von seinem Hofarchitekten Eosander von Göthe das Straßennetz anlegen, die Grundstücke parzellieren und ein Musterhaus entwerfen. Jeder Bauwillige musste nach diesem vorgegebenen Musterentwurf bauen, denn die entstehende Stadt sollte ein regelmäßiges Erscheinungsbild erhalten. Heute existieren nur noch zwei Beispiele dieser Musterhäuser: Haubachstr. 8 und Schustehrusstraße 13.

Otto-Suhr-Allee

Die Otto-Suhr-Allee wurde am 3. September 1957 nach dem dritten Regierenden Bürgermeister von Berlin benannt, kurz nachdem er am 30.8.1957 gestorben war. Davor hieß die Straße “Berliner Straße”, denn sie führte von Charlottenburg nach Berlin, und sie war Teil des königlichen und kaiserlichen Weges vom Berliner Schloss zum Schloss Charlottenburg. Allerdings soll Kaiser Wilhelm II sich geweigert haben, diesen Weg zu benutzen, seit das Rathaus Charlottenburg gebaut worden war, weil die bürgerlichen Bauherren sich erdreistet hatten, einen 88 m hohen, weithin sichtbaren Turm zu bauen, der höher war als das benachbarte Schloss Charlottenburg.

Richard-Wagner-Platz

Die Straße und der Platz wurden 1934 nach Richard Wagner benannt. Zuvor hieß der Platz Wilhelmplatz und die Straße Spreestraße.

Eosanderstraße

1904 benannt nach dem Architekten, Militärschriftsteller und Diplomaten Eosander von Göthe (1669-1728). 1707 wurde er preußischer Schloßbaumeister. Der Ausbau des Schlosses Charlottenburg und die Stadterweiterung von 1702 bis 1706 lagen in seinen Händen. 1713 wurde er unter dem Verdacht der Veruntreuung von Bauunterlagen, Karten, militärischen Plänen und Dokumenten in Unehren aus dem preußischen Dienst entlassen. 1713 trat er in schwedische, 1723 in sächsische Dienste.

Brauhofstraße

1719 benannt. Auf dem vom König geschenkten Gelände entstand hier ein Brauhof, der 1788 geschlossen wurde, als die Gräfin von Lichtenau, Geliebte Friedrich Wilhelm II von Preußen das Gelände erwarb.

Wintersteinstraße

1950 benannt nach dem Charlottenburger Stadtbaurat Prof. Hans Winterstein (1864-1946), der unter anderem die Westendschule gebaut hat. Die Straße hieß von 1824 bis 1950 Spreestraße.

Wintersteinstr. 20

Fassadengemälde “Phönix” 1989 von Gert Neuhaus, zeigt ein Schiff, das zwischen zwei Häusern hervorkommt. Gert Neuhaus verfremdet seit den 70er Jahren Hausfassaden.

Caprivibrücke

Benannt nach Leo Graf von Caprivi (1831 – 1899), Nachfolger Bismarcks als Deutscher Reichskanzler (1890-1894) und bis 1892 preußischer Ministerpräsident.

Sömmeringstraße

1902 benannt nach dem Arzt und Naturforscher Samuel Thomas von Sömmering (1755-1830).

Am Spreebord

1909 benannt. Auf einer Karte von 1835 war an dieser Stelle des Ufers der Spree “Spree Port” eingezeichnet. “Port” bedeutete Hafen. Daraus wurde im Verlauf der Zeit “Spreebord”.

Kraftwerk Charlottenburg

Die Maschinenhalle des Kraftwerks wurde 1899/1900 von Georg Klingenberg als roter Ziegelbau mit weißen Putzfeldern gebaut. Die ursprünglichen Kegeldächer der Ecktürme wurden entfernt. Gleichzeitig wurde der Siemenssteg als Fußgängerweg über die Spree gebaut, eine Metallkonstruktion mit Sandsteinrahmungen. Für das Kraftwerk gab es mehrfach Erweiterungsbauten: 1925 ein Schalthaus im Stil der neuen Sachlichkeit, 1953 Abriss des alten und Bau eines neuen Kesselhauses als vertikal gegliederter Kubus. 1989 Rauchgasentschwefelungsanlagen, 1994 Rauchgasentstickungsanlagen mit dominantem Bauvolumen.

Bei dem Kraftwerk handelt es sich um eine frühe Kraft-Wärme-Kopplungsanlage. Die Errichtung eines eigenen Kraftwerkes für die Stadt Charlottenburg erfolgte durch Magistratsbeschluss von 1898. Die erste Heizwärme floss in das Rathaus Charlottenburg. Die Kraftwerksanlage wurde errichtet durch die Frankfurter Firma Lameyer & Co. Die Generatoren wurden durch Kolbendampfmaschinen angetrieben. Die dafür benötigten Kohle wurde über die Spree angeliefert.

1922 wurde das Kraftwerk in die “Berliner Städtischen Elektrizitätswerke” eingegliedert. 1925/26 Umbau zum ersten deutschen Hochdruck-Großkraftwerk mit Hochdruckturbinen; Einrichtung des ersten Fernheiznetzes Berlins. 1954-66 neben dem mit Wasserdampf als Wärmeträger arbeitenden Heiznetz Heißwasser-Heiznetz. 2001 Ende des “Dampfkraftwerkes” mit Stillsetzung des letzten der drei kohlebefeuerten Dampfblöcke; die heutige Anlage arbeitet mit drei leichtölgefeuerten Gasturbinen; für die nicht mehr benötigten Gebäudekomplexe wird nach einer neuen Nutzung gesucht.