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Kiezspaziergang am 8.5.2004

vom Rathaus Schmargendorf zur Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße

mit Joachim Krüger, Bezirksstadtrat für Bürgerdienste, Wohnen und Personal
Treffpunkt: Rathaus Schmargendorf

Sehr geehrte Damen und Herren!

Herzlich willkommen zu unserem Kiezspaziergang im Mai. Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen ist derzeit nicht in Berlin. Deshalb werde ich heute die Führung übernehmen. Mein Name ist Joachim Krüger, und ich bin Bezirksstadtrat für Bürgerdienste, Wohnen und Personal. Als solcher bin ich auch zuständig für unser Standesamt und damit für die Außenstelle des Standesamtes hier im Rathaus Schmargendorf.

Wir werden heute durch den Schmargendorfer Ortskern gehen, dabei die Dorfkirche Schmargendorf, das älteste Gebäude unseres Bezirks besichtigen, und schließlich am Ende – gewissermaßen als modernen Kontrast – die große Wohnsiedlung der Stadtautobahnüberbauung an der Schlangenbader Straße besichtigen.

Zunächst aber wie immer der Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang, denn wie Sie wissen, bietet das Bezirksamts in jedem Monat, jeweils immer am zweiten Samstag ab 14.00 Uhr einen Spaziergang durch einen Kiez in unserem Bezirk an. Im Juni wird wieder Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen die Führung übernehmen. Es soll vom neu eröffneten Olympiastadion zum Ruhwaldpark gehen. Treffpunkt ist am Samstag, dem 12. Juni, um 14.00 Uhr am S-Bhf Olympiastadion an der Flatowallee.

Allgemeines

Schmargendorf wurde 1354 erstmals urkundlich als “Marggrefendorf” (Dorf des Markgrafen Ludwig des Römers) erwähnt. Daraus wurde “Smargenendorff” und schließlich Schmargendorf. Bis 1899 wurde es von Wilmersdorf mitverwaltet, seit 1899 selbständiger Amtsbezirk, 1920 in den Bezirk Wilmersdorf und damit in die neue Stadtgemeinde Berlin integriert, seit 2001 Ortsteil des neuen Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf.

In den 1890er Jahren verkauften die Bauern ihre Ackerflächen. Der Schmargendorfer Bebauungsplan von 1911 sah die Bebauung sämtlicher Ackerflächen vor, was wegen des Ersten Weltkrieges zunächst nicht geschah. Bis heute wurde das große Kleingartenareal nördlich der Friedrichshaller Straße nicht bebaut.

Rathaus Schmargendorf

Das Rathaus wurde 1900-02 von Otto Kerwien im Stil der märkischen Backsteingotik mit Jugendstilelementen gebaut. Otto Kerwien hatte zuvor das Rathaus Steglitz gebaut. Schmargendorf hatte zu dieser Zeit 3000 Einwohner. Das Rathaus stand auf dem freien Feld und löste viel Verwunderung aus. Heute ist es selbstverständlich ein Baudenkmal.

Nachdem Schmargendorf 1920 in den Bezirk Wilmersdorf eingegliedert worden war, wurde das Rathaus Schmargendorf wohl seit den 30er Jahren als Standesamt genutzt. Wegen seines repräsentativen, verspielten Äußeren wurde es schnell auch bei Prominenten beliebt als Eheschmiede: Unter anderem Bernd Rosemeyer, Romy Schneider, “Fifi” Kronsbein, Anita Kupsch, Gunter Gabriel, Paul Kuhn, Ingrid Steeger und Roland Kaiser haben hier geheiratet

Berkaer Platz

Der Platz hat seinen Namen 1891 nach Bad Berka bei Weimar in Thüringen erhalten. Viele Straßen in dieser Gegend wurden nach bekannten Badeorten benannt.

Berkaer Straße

Die Straße wurde erst 1927 nach Bad Berka benannt. Sie hieß von 1891 bis 1927 Spandauer Straße, denn sie führte durch die Spandauer Heide Richtung Spandau.

Breite Straße

Die Straße erhielt ihren heutigen Namen 1904. Zuvor hieß sie Hauptstraße und davor Dorfstraße. Die Straße war die breiteste in Schmargendorf.

Nr. 24

Das Haus wurde erkennbar als Eckhaus angelegt. Hier sollte ursprünglich die Warnemünder Straße in Richtung Kolberger Platz durchgeführt werden. Die Eckkneipe war bis 1932 Stammlokal der Kommunisten, seit dem 30.1.1933 SA-Sturmlokal. Nach Zeitzeugenberichten verkehrten hier vorher und nachher überwiegend die gleichen Leute. 1945 hatte hier der sowjetische Ortskommandant von Schmargendorf, ein Georgier, seinen Sitz.

Nr. 23

Dies ist das letzte alte Bauernhaus in diesem Bereich. Es gehörte dem Milchpächter Franz Balz, die alten Stallungen sind erhalten und wurden um Garagengebäude ergänzt.

Nr. 22

Bis vor kurzem gab es hier die Bäckerei Wahl als alteingesessenen Betrieb, hervorgegangen aus der Bäckerei von Fritz Lenkersdorf.

Gegenüberliegende Seite:

Durch die Neubebauung in den 60er Jahren wurde der dörfliche Charakter der Breite Straße zerstört. Die südliche Häuserzeile wurde abgerissen, der Dorfanger durch eine neue Straßenführung ersetzt. Am 10.5.1962 war Richtfest für die Bebauung der Südseite durch den Architekten Hans-Jürgen Heide. Entstanden sind 87 Wohnungen und drei flache Ladenpavillons. Im Oktober 1964 wurde die neu angelegte Straße dem Verkehr übergeben.

Nr. 21

hier befand sich bis 1998 das Bekleidungsgeschäft Wuhlert, das von den Töchtern des Gründers Albert Wuhlert geführt wurde. Albert Wuhlert hatte 1891 die Schmargendorfer Freiwillige Feuerwehr gegründet.

Nr. 20

Hier ist noch ein alter Hof mit Stallgebäuden vorhanden, die heute von der “Remise” genutzt werden, einem Antiquitäten- und Second Hand-Handel

Nr. 15

In den 1960ern wurde hier die Villa “Charlotte” zugunsten eines Apartementhauses abgerissen. Die Villa war von Johann Friedrich Balz gebaut worden, der bis 1909 Ortsvorsteher von Schmargendorf war.

Nr. 13-14 (Ecke Cunostraße)

Dies war der Stammsitz der weitverzweigten Schmargendorfer Bauernfamilie Schmidt, bis es um 1900 zum heftigen Erbstreit kam. Im Ergebnis blieb der sogenannte “Eisen-Schmidt” hier ansässig.

Ecke Kirchstraße

Die Dorfkirche Schmargendorf, stammt aus dem 13./14. Jahrhundert und ist im frühgotischen Stil der alten Feldsteinkirchen gebaut. Die Kirche ist das älteste Gebäude im Bezirk und selbstverständlich ein Baudenkmal.

Allerdings sah die Kirche im Mittelalter nicht so aus wie heute. Sie wurde mehrfach umgebaut: 1831 wurde auf dem Giebel ein Dachturm aus Fachwerk aufgesetzt. 1895 wurde sie von dem Friedenauer Baumeister Heinrich Otto Hoffmann nicht besonders glücklich umgestaltet: Einige Fenster wurden vergrößert, der flachgedeckte Saalbau wurde durch ein Tonnengewölbe in einen unproportionierten Raum verwandelt. 1918 und 1937/38 wurde der frühere Zustand weitgehend wiederhergestellt. Noch heute hängen in dem kleinen Kirchturm zwei Glocken aus dem 14. Jahrhundert.

Die Kirche besitzt einen Abendmahlskelch aus Silber, vergoldet mit der Widmung EVWGB 1634 (Eva von Wilmersdorf geborene Below 1634). 1937 hatte man bei den Umbauarbeiten sieben Särge entdeckt, in denen auch die gravierten goldenen Trauringe des ehemaligen Gutsherrenehepaares Hans und Eva von Wilmersdorf gefunden worden waren. Sie sind inzwischen verloren gegangen – nur ein Foto existiert noch. Das Gestühl stammt aus dem 19. Jahrhundert. Früher hatte die Kirche keine Bänke. Man versammelt sich stehend und kniete zum Beten auf den Steinfußboden nieder.

Als am 1.11.1539 Joachim der Zweite zum Protestantismus übertrat, wurden auch die Schmargendorfer Bauern protestantisch (“Cuius regio, eius religio”). Zunächst war die Wilmerdorfer Pfarrei der Schmargendorfer untergeordnet. Der Wilmerdorfer Pfarrer betreute bis 1708 das Dorf Lietzow mit. Als er diese Pfarrei an Charlottenburg verlor, wurden Schmargendorf und Dahlem der Wilmersdorfer Pfarrei untergeordnet. Jahrelang wurde darüber gestritten, ob Schmargendorf als echte Tochtergemeinde oder als Gastgemeinde Wilmersdorfs anzusehen sei.

Seit den 1920er Jahren wurde die Kirche zu klein. Gottesdienste wurden in den Schulaulen der Carl-Orff-Schule und des damaligen Heinrich-von-Kleist-Gymnasiums gehalten. Ende 1929 konnte die Kreuzkirche am Hohenzollerndamm eingeweiht werden. Erst 1960 wurde die evangelische Kirchengemeinde Schmargendorf in die beiden Gemeinden Alt-Schmargendorf und Kreuzkirche geteilt.

Auf dem Friedhof liegt unter anderem der frühere Dorfschulze von Schmargendorf, Peter Gottfried Salomo Schmidt (1781-1844). Das Grab wurde in den letzten Jahren mit Unterstützung des Heimatvereins Wilmersdorf restauriert.

Früher lag vor der Kirche zwischen Kirche und Breite Straße der Dorfteich. 1896 wurde hier ein Denkmal für Kaiser Wilhelm I errichtet.

Cunostraße

Die Straße wurde 1891 benannt nach dem Direktor der früheren städtischen Gaswerke, Rudolf Cuno (1827-1895). Auf dem Gelände des heutigen Horst-Dohm-Eisstadions und Stadions Wilmersdorf wurden am Ende des 19. Jahrhunderts große Gaswerke zur “Erleuchtung Berlins” errichtet, die nach dem Ersten Weltkrieg wieder abgerissen wurden. Mit den Bodenrückständen gab es allerdings bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts Probleme.

Friedrichshaller Straße

1891 benannt nach Bad Friedrichshall

Kleingartenkolonien Oeynhausen, Friedrichshall, Mannheim, Kissingen

Oeynhauser Straße

Breite Straße

Mecklenburgische Straße

1888 benannt

Mecklenburgische Str. 63

Der Cornelsen-Verlag wurde 1946 gegründet. Heute ist es einer der größten deutschen Schulbuchverlage. 1996 gründete Ruth Cornelsen zum Andenken an ihren verstorbenen Mann und Verlagsgründer Franz Cornelsen die Cornelsen-Kulturstiftung, die vor allem die Restaurierung kulturhistorisch bedeutsamer Bauten in Berlin und Brandenburg fördert. Das Barockschloss Caputh bei Potsdam war das erste große Projekt der Stiftung.

Kleingartenkolonien Kissingen, Alt-Rheingau

Die Kolonie Kissingen wurde 1919 als Kleingartenverein Kissingen gegründet. Davor befanden sich auf dem Gelände die “Schmargendorfer Alpen”, ebenfalls Kleingärten.

1958/59 wurde die Zigarettenfirma Reemtsma auf früherem Kleingartengelände erstellt. Sie ist die einzige größere Industrieanlage in Wilmersdorf.

Rudolf-Mosse-Straße

Die Straße wurde 1972, der Platz bereits 1958 nach dem großen Verleger benannt

Mosse-Stift

Das Mosse-Stift wurde 1893-95 als interkonfessionelles Waisenhaus für je 50 Knaben und Mädchen des verarmten Berliner Mittelstandes von Gustav Ebe erbaut, gestiftet von Emilie und Rudolf Mosse, einem der bedeutendsten Berliner Zeitungsverleger. Entstanden ist ein repräsentativer Bau, eine in Wilmersdorf einzigartige neubarocke Dreiflügelanlage mit überkuppeltem Mittelrisalit im Norden eines ehemaligen ausgedehnten Parks. Später wurde das Gebäude als Krankenhaus, Kinder-, Jugend- und Lehrlingsheim genutzt. Heute befindet sich in dem Haus das Jugendfreizeitheim “Mosse-Stift”, ferner die bezirkliche Erziehungs- und Familienberatungsstelle mit der Jugendberatung “Joker”, der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst und der Elterninitiativ-Integrationskindergarten “Kissi”.

Die Gedenktafel am Haus wurde 1989 enthüllt. Sie erinnert an die Stifter.

Dieses Haus wurde gestiftet von
RUDOLF MOSSE
8.5.1843 – 8.9.1920
Verlagsbuchhändler und Verleger
eröffnete 1867 eine Anonncenexpedition,
später einen Zeitungsverlag.
Gründete 1871 das renommierte
“Berliner Tageblatt”

Sodener Straße

Wiesbadener Straße

Die frühere Schmargendorfer Straße wurde 1909 nach der hessischen Hauptstadt Wiesbaden benannt.

Stadtautobahnüberbauung Schlangenbader Straße

Der Wohnkomplex wurde 1976-82 von der landeseigenen Gesellschaft DEGEWO von Gerhard Heinrichs, Gerhard und Klaus Krebs als Großsiedlung mit ca. 2.200 Wohnungen direkt über der Autobahn auf fast 600 m Länge erbaut. Es ist einer der größten Berliner Wohnkomplexe mit Terrassenhäusern und einem darüber liegenden mehrgeschossigen Wohnriegel.

Zur Überbauung einer Autobahnanlage hatte sich das Unternehmen wegen des knappen Baugrundes in der Inselstadt West-Berlin entschlossen. Mit der Errichtung dieses Prototyps wurde auch der Nachweis der technischen Durchführbarkeit erbracht; die Autobahn wird durch zwei statisch und akustisch vom übrigen Bauwerk getrennte Hohlkästen geführt.