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Kiezspaziergang am 12.6.2004

vom Olympiastadion zum Ruhwaldpark

mit Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen
Treffpunkt: S-Bahnhof Olympiastadion, Ausgang Flatowallee

Sehr geehrte Damen und Herren!

Herzlich willkommen zu unserem Kiezspaziergang im Juni. Wie Sie alle wissen, wird in wenigen Wochen das komplett umgebaute Olympiastadion neu eröffnet. Deshalb haben wir gedacht, wir sollten uns beim heutigen Kiezspaziergang einmal anschauen, wie es jetzt aussieht. Leider können wir nicht hinein, weil die letzten Bauarbeiten auf Hochtouren laufen und eine Besichtigung zu gefährlich wäre. Wir werden das aber nachholen und voraussichtlich im September mit fachkundiger Hilfe das gesamte Olympiagelände besichtigen. Wundern Sie sich also nicht, wenn es dann wieder heißt: Treffpunkt Kiezspaziergang am S-Bahnhof Olympiastadion.

Heute wollen wir uns auf den Eindruck von außen beschränken und dafür ein wenig den Kiez zwischen dem Olympiastadion und Westend erkunden. Ich denke, dass wir vor allem den Brixplatz und den Ruhwaldpark in frühsommerlicher Vegetation genießen können. Außerdem werden Sie heute feststellen, dass Berlin doch nicht so flach ist, wie immer behauptet wird. Wir werden heute nahezu alpine Verhältnisse erleben.

Vorher wie immer der Hinweis auf den nächsten Kiezspaziergang. Am zweiten Sonnabend im Juli bin ich nicht in Berlin. Deshalb wird mein Kollege Joachim Krüger, der Bezirksstadtrat für Bürgerdienste, wieder die Leitung übernehmen, und zwar wird er einen Teil der so genannten Rheingauer Siedlung vorstellen und dabei auch unsere Gartenarbeitsschule besuchen. Treffpunkt ist am Sonnabend, dem 10. Juli, um 14.00 Uhr auf dem Breitenbachplatz am U-Bahnhof Breitenbachplatz am Ausgang Schorlemer Straße. Ziel wird der Weinbrunnen auf dem Rüdesheimer Platz sein. Wer will, der kann dann dort ein Gläschen Wein von einem Winzer aus unserem Partnerlandkreis Rheingau-Taunus probieren. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich es schade finde, dass ich zu diesem Kiezspaziergang nicht in Berlin bin.

Umso mehr freue ich mich darauf, heute mit Ihnen bis zum Ruhwaldpark zu gehen.

S-Bahnhof Olympiastadion

Der S-Bahnhof Olympiastadion wurde 1909 von Schwarz und Dörgé als Teil der ehemaligen Vorortbahn nach Spandau gebaut, 1936 wurde er für den Ansturm zu den Olympischen Spielen umgebaut. Von 1961 bis 1998 war die S-Bahn hier außer Betrieb.

Flatowallee

Die Flatowallee wurde am 21. Februar 1997 benannt nach den beiden jüdischen Turnern Alfred und Gustav Flatow. Die Straße hieß von 1914 bis 1936 Rennbahnstraße und von 1936 bis 1997 Reichssportfeldstraße. Seit den 80er Jahren wurde über eine Umbenennung des von den Nationalsozialisten gewählten Namens diskutiert. Nachdem die Umbenennung dann 1995 angeordnete wurde, gab es Anwohnerproteste und Klagen, so dass es schließlich noch einmal 21 Monate dauerte, bis die Straße tatsächlich neu benannt werden konnte.

Alfred Flatow wurde 1869 in Danzig geboren. Er kam 1887 nach Berlin und errang mit der deutschen Turnerriege bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen 1896 Gold am Barren und Reck und im Einzelturnen Gold am Barren und Silber am Reck. In Berlin hatte er einen kleinen Fahrradladen und lebte zurückgezogen in Schöneberg, später in Kreuzberg. 1936 war er noch Ehrengast der Olympischen Spiele hier im Olympiastadion. Danach wurde er als Jude mehr und mehr diskriminiert, 1942 von den Nazis zum “Reichsfeind” erklärt und am 30. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo er im Alter von 73 Jahren den Hungertod starb.

Gustav Felix Flatow wurde 1875 in Berent geboren, kam 1892 nach Berlin und nahm gemeinsam mit seinem Cousin Alfred Flatow ebenfalls an den Olympischen Spielen 1896 in Athen teil. Bei den Spielen in Paris im Jahr 1900 blieb er erfolglos, zog sich vom Sport zurück und führte seine 1899 gegründete Textilfirma. 1933 emigrierte er nach Holland, wurde dort an Silvester 1943 verhaftet und im Februar 1944 in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort fanden ihn Mithäftlinge am 29. Januar 1945 verhungert und erfroren vor einer Baracke.

Jesse-Owens-Allee

Die frühere Stadionallee wurde 1984 nach dem Leichtathleten Jesse Owens benannt. Der 1913 in Alabama geborene Jesse Owens gewann bei den Olympischen Spielen 1936 über 100 Meter, 200 Meter, Weitsprung und in der 4 mal 100 Meter Staffel jeweils eine Goldmedaille. Auch Hitler konnte nicht verhindern, dass Owens 1936 zum Star der Olympischen Spiele wurde. 1980 starb er 66jährig in Arizona an Lungenkrebs.

An der Ecke Flatowallee und Jesse-Owens-Allee ist der Sitz des Landessportbundes Berlin und der Sportjugend Berlin.

Trakehner Allee

Die Trakehner Allee wurde 1923 benannt nach Trakehnen, einem ehemals ostpreußischen Ort im Kreis Nesterow. Heute ist sein russischer Name Jasnaja Poljana.

Coubertinplatz

Der Platz wurde 1936 benannt nach dem Sportpädagogen Pierre Baron de Coubertin. Er wurde 1863 in Paris geboren, setzte sich ein für die Idee einer Neugründung der Olympischen Spiele und war Gründer und Vorsitzender des Internationalen Olympischen Komitees seit 1894. Die Olympischen Spiele in Berlin 1936 und die Benennung dieses Platzes erlebte er noch im Alter von 73 Jahren, bevor er ein Jahr später 1937 in Genf starb.

Sie sehen von hier aus den Glockenturm und das Marathontor. Zwischen dem Marathonthor und dem Glockenturm befindet sich das Maifeld. Es ist 290 m lang und 275 m breit. Auf den Wällen und Tribünen des Maifeldes finden bis zu 75.000 Besucher Platz. Während der Olympischen Spiele 1936 fanden hier die Polowettbewerbe, das Dressurreiten und eine Vorführung von 20.000 Berliner Schulkindern statt.

Der Glockenturm ist 77 m hoch und 6 × 10 m breit. Er steht auf 56 Pressbetonpfählen. Während der Olympischen Spiele waren auf mehrere Geschosse Beobachtungsposten für die Polizei, den Sanitätsdienst und die Festleitung verteilt. Die Alliierten sprengten 1948 den stark beschädigten Turm. In den 50er Jahren wurde er von Werner March wieder aufgebaut. Heute ist er ein gern besuchter Aussichtsturm. Er ist von April bis Oktober täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

Südtor

Südtorweg

Gutsmuthsweg

Der Gutsmuthsweg wurde 1936 nach dem Turnpädagogen Johann Christoph Friedrich Guts Muths benannt. Er wurde 1759 in Quedlinburg geboren und starb 1839 in Schnepfenthal, dem heutigen Waltershausen. In Schnepfenthal ließ er den ersten Sportplatz in Deutschland anlegen. Er schuf ein beispielhaftes System des Schulturnens und wirkte vor allem durch sein 1793 erschienenes Buch über die “Gymnastik für die Jugend” für die Entwicklung und Verbreitung des Leibesübungen.

Olympisches Tor

Der Platz vor dem Olympischen Tor, dem Haupteingang des Stadions, erhielt 1936 seinen Namen.

Olympiastadion

Die Domäne Ruhleben wurde um das Jahr 1900 von Kaiser Wilhelm II für die Erholung und Freizeit der Bevölkerung ausgewiesen. Die ersten Planungen zum Bau eines Deutschen Stadions gab es 1907. Eingeweiht wurde es 1913 zum 25jährigen Regierungsjubiläum Wilhelms II. Das 30.000 Zuschauer fassende Stadion war von Otto March in eine Mulde der ebenfalls von ihm gebauten Grunewaldpferderennbahn des Union-Clubs gesenkt worden. Daher wurde es auch Grunewald-Stadion genannt. Die Aschenbahn wurde von einer Radrennbahn umgeben und an der Nordgeraden zwischen Radrennbahn und Zuschauerrängen ein Schwimmbad eingebaut.

Die Brüder Walter und Werner March gewannen 1926 einen Wettbewerb zur Errichtung des Deutschen Sportforums, das seit 1928 nördlich des Stadions gebaut wurde.

Als Berlin 1931 den Zuschlag für die Austragung der Olympischen Sommerspiele 1936 erhielt, wurde Werner March beauftragt, das Deutsche Stadion dafür konzeptionell zu überarbeiten. Im Juni 1933 wurden seine Pläne vom IOC genehmigt.

Den Nationalsozialisten war zwar alles viel zu klein, aber die Pläne von March wurden weitgehend realisiert. Allerdings sorgte Adolf Hitler persönlich dafür, dass hinter dem Stadion das Maifeld für Massenaufmärsche angelegt wurde. Das Marathontor stellt die Verbindung her zwischen dem Maifeld und dem Olympiastadion. Abgeschlossen wurde das Maifeld von der Langemarckhalle, die dem militärischen Totenkult des NS-Regimes diente. Sie wurde als nationale Gedenkstätte für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges errichtet. Im belgischen Ort Langemarck starben im November 1914 rund 80.000 junge Soldaten.

Das Olympiastadion wurde 1934-36 für die 11. Olympischen Spiele im Zentrum des damaligen Reichssportfeldes, des heutigen Olympiageländes, von dem Architekten Werner March für ursprünglich 100.000 Zuschauer errichtet.

Entstanden ist ein Hochbau über einem ovalem Grundriss von 300 mal 230 Metern. Die Kampfbahn und der untere Zuschauerring befinden sich 12 m unter Bodenniveau. Im Äußeren gibt es einen zweigeschossigen Pfeilerumgang, im Inneren zwei von einander unabhängig erschlossene Zuschauerränge. Der obere Ring öffnet sich an der Westseite (gegenüber) mit dem Marathontor und einer monumentaler Freitreppe zum Maifeld. Auf dem Treppenpodest steht ein bronzener Dreifuß für das Olympische Feuer. Der Haupteingang mit dem Olympischen Tor befindet sich hier auf der östlichen Seite des Stadions. Zum Olympischen Tor gehören links der Bayern- und rechts der Preußenturm und Stelen mit Darstellungen der verschiedenen Sportarten und eingravierten Namen deutscher Olympiasieger.

1974 wurde eine Teilüberdachung errichtet. Im Winter 1977 inszenierte Klaus Michael Grüber (Schaubühne) hier die “Winterreise”, mit Texten aus dem “Hyperion” von Friedrich Hölderlin.

Seit 2000 wird das Olympiastadion für 250 Mio EUR mit starker finanzieller Beteiligung des Bundes grundlegend renoviert und modernisiert. Auch während der Bauzeit fanden Veranstaltungen wie die Bundesligaspiele von Hertha BSC und ein Gastspiel der Rolling Stones statt. Am 31. Juli soll das neue Olympiastadion mit einem Tag der offenen Tür offiziell eröffnet werden. Abends von 20 bis 22 Uhr wird eine Show veranstaltet, die vom ZDF teilweise übertragen wird. Unter anderem werden die Rockband “Rosenstolz” und ein jüdisch-arabisches Jugendorchester unter der Leitung von Daniel Barenboim mitwirken. Johannes B. Kerner wird die Show moderieren. Am 1. August lädt Hertha BSC zu einem Fußballspiel ins Stadion ein. Noch ist nicht geklärt, wer gegen Hertha spielen wird. Das erste große Fußballspiel wird dann am 8. September hier stattfinden, wenn die deutsche gegen die brasilianische Nationalmannschaft antreten wird.

Inzwischen sind sämtliche 76.000 Zuschauerplätze überdacht. Die neue 140 qm große Stadion-Anzeigetafel ist die größte Europas. Der neue VIP-Bereich erhält 113 Logen und 4.500 Sitze. Im Bereich der Ehrentribüne wurden 18.000 Natursteinplatten entfernt und nach der Sanierung wieder eingesetzt.

Das Olympiastadion steht unter Denkmalschutz. Deshalb mussten in einem schwierigen Verfahren Kompromisse gefunden werden zwischen den Anforderungen der FIFA für die Ausrichtung internationaler Fußballspiele und den Auflagen des Denkmalschutzes, das Olympiastadion möglichst im Originalzustand zu erhalten. Diese Kompromisse hatten zur Folge, dass die Umbauten aufwendiger und teurer wurden, aber alle Beteiligten stimmen darin überein, dass es sich gelohnt hat. Das Olympiastadion beeindruckt jetzt vor allem durch eine gelungene Kombination von alt und neu.

Der Umbau wurde von dem Augsburger Unternehmen Walter-Bau termingerecht durchgeführt. Dieser Umbau musste gewissermaßen bei rollendem Ball durchgeführt werden, also während der Bundesligasaison von Hertha BSC – und das drei Spielzeiten lang von 2001 bis 2004. Deshalb wurden die alten Tribünen Segment für Segment abgetragen und erneuert. Der Rasen wurde 2 Meter tiefer gelegt und der Unterring in einem steileren Winkel konstruiert, um zusätzliche Sitzreihen zu gewinnen.

Das neue Dach wurde von den Hamburger Architekten Gerkan, Marg und Partner entworfen, und es gilt jetzt schon als ein Meisterwerk der Ingenieur- und Baukunst. Der Dachkranz durfte nicht geschlossen werden, damit die Sicht durch das Marathontor auf das Maifeld nicht versperrt wird.

Bis Oktober sollen im Stadion und im Umfeld des Stadions 35 Tafeln aufgestellt werden, auf denen über seine Geschichte informiert wird. Kurze, lexikonartige Texte auf deutsch und englisch sollen durch Bilder und Lagepläne ergänzt werden. Außerdem soll hier am Haupteingang des Stadions am Olympischen Platz ein Ort der Information errichtet werden.

Zur Fußballweltmeisterschaft, wenn das Stadion im Mittelpunkt des Interesses steht, soll dokumentiert werden, dass wir die Geschichte des Nationalsozialismus nicht verdrängen. Die Texte werden erarbeitet von einer Historikerkommission unter der Leitung von Prof. Joachim Teichler, der an der Universität Potsdam Sportgeschichte lehrt, und von Prof. Reinhard Rürup, dem früheren wissenschaftlichen Direktor der Topographie des Terrors.

Die Olympiaglocke, die aus Anlass der Olympischen Sommerspiele 1936 gegossen wurde, hing im Olympiaturm, der bei Kriegsende ausbrannte und am 15. Februar 1947 gesprengt wurde. Dabei stürzte die 13 Tonnen schwere Glocke ab und bekam einen langen Riss. Während der Bauarbeiten wurde sie weggebracht. Sie soll aber demnächst auf das Gelände zurück kehren. Im neuen Glockenturm hängt eine Ersatzglocke.

Friedhof Heerstraße

Ursprünglich war der Friedhof für den 1911 als Villenkolonie geplanten Gutsbezirk “Heerstraße” zwischen Stößensee und Heerstraßenbrücke gedacht – daher sein heutiger Name, der heute in einiger Entfernung von der Heerstraße etwas deplaziert wirkt. Der Friedhof wurde 1921 bis 1924 von dem Charlottenburger Gartenbaudirektor Erwin Barth rund um den Sausuhlensee angelegt.

Dabei handelt es sich um einen knapp 1 ha großen See in einer eiszeitlichen Rinne. Im April 2000 musste der Friedhof zeitweilig gesperrt werden, als zwei Bachen mit ihren Frischlingen am Sausuhlensee (nomen est omen) ihre Kinderstube eingerichtet hatten und zur Bedrohung für Friedhofsbesucher wurden. Deshalb weißt heute ein Schild am Eingang darauf hin, dass das Tor geschlossen bleiben sollte.

Die Grabreihen wurden terrassenförmig um die tiefe Mulde mit dem See im Mittelpunkt gruppiert. Am 7. Oktober 1924 wurde er als interkonfessioneller Friedhof von Groß-Berlin eröffnet. Als “Waldfriedhof Heerstraße” gehörte nicht dem Bezirk Charlottenburg, sondern dem Forstfiskus. Die Kapelle, die übrigen Bauten und die Einfriedung wurden 1921-23 von Erich Blunck errichtet. 1935 wurde das hohe Bogenbohlendach der Kapelle abgeflacht, weil es vom Olympiastadion aus gesehen werden konnte und Anstoß an den zahlreichen jüdischen Begräbnisstätten genommen wurde. Nach Kriegsschäden wurde die Kapelle 1948 mit gotisierenden Elementen wieder aufgebaut.

Von den zahlreichen Grabstätten berühmter Persönlichkeiten seien genannt: der Komponist und Dirigent Leo Blech, der Schriftsteller Ferdinand Bruckner, der am 3.3.2003 verstorbene Schauspieler Horst Buchholz, die Kunstsammeler-Familie Cassirer, die Schauspielerin Tilla Durieux, die Schriftsteller Theodor Däubler und Curt Goetz, der Maler und Grafiker George Grosz, der Kabarettist Wolfgang Gruner, Käte Haack, Maximilian Harden, Felix Holländer, Arno Holz, Benjamine und Georg Kolbe (mit nach Kolbes Entwürfen geschaffenen Stelen), Willi Kollo, Viktor de Kowa, Eduard und Evelyn Künneke, die Vorkämpferin der Frauenbewegung Helene Lange, der Komponist Klaus-Günther Neumann, Joachim Ringelnatz, Willi Rose, Willy Schaeffers, Hannelore Schroth, die Verleger-Familie Ullstein, Paul Wegener und Grete Weiser.

Olympische Straße

seit 1936, zuvor Schwarzburgallee

Olympische Brücke

Die Olympische Brücke wurde 1935 gebaut, 1980 erneuert. Nach rechts blickt man auf das Kraftwerk Reuter in Spandau, nach links auf das Bahngelände mit Kleingärten links und rechts der Gleise. Die Kleingartenkolonien gehören der Eisenbahn Landwirtschaft.

Westendallee

Die Straße wurde 1909 benannt nach der 1866 gegründeten Villenkolonie.

Siedlung Neu-Westend

Seit 1913 entstand südwestlich, im Anschluss an die bereits 1866 gegründete Villenkolonie Westend rund um die Reichsstraße die Siedlung Neu-Westend. Ihre Bebauung ist mit derjenigen der Villenkolonie nicht zu vergleichen: Es handelt sich größtenteils um gut ausgestattete Miets-, Reihen- und Einfamilienhäuser, ab 1930 und nach dem Krieg ab 1954 kamen weitere Mietshausblöcke dazu, zumeist von Wohnbaugesellschaften errichtet.

Während also die Villenkolonie Westend weitgehend den Reichen und Superreichen des Kaiserreiches vorbehalten war, fanden in Neu-Westend seit dem Ende des Kaiserreiches und vor allem während der Weimarer Republik auch weniger vermögende Menschen preiswerten Wohnraum. Der von Erwin Barth mit einem hohen sozialen Anspruch geschaffene wunderbare Brixplatz macht in dieser Siedlung durchaus Sinn.

Brixplatz

Brixplatz 11

Gedenktafel für Joachim Ringelnatz

Joachim Ringelnatz
wohnte in diesem Hause
von 1930 bis zu seinem Tode 1934

Gegenüber gibt es einen schönen Blick in die schluchtartige Vertiefung des Brixplatzes bis hinunter in den von vielen Fröschen bewohnten Teich. Der Höhenunterschied beträgt 14 Meter.

Eingang zum Brixplatz an der Ecke Reichsstraße durch den tempelartigen Pavillon.

Hier befindet sich außen am Pavillon eine zweite Gedenktafel für Joachim Ringelnatz mit dem Text eines Gedichts, das er über seinen damaligen Sachsenplatz schrieb:

ES SANG EINE NACHT
EINE NACHTI
JA NACHTIGALL
AM SACHSENPLATZ
HEUTE MORGEN.-HAST DU IN BERLIN
DAS JE GEHÖRT?-SIE SANG, SO SCHIEN
ES MIR, FÜR MICH, FÜR RINGELNATZ

Der Name Joachim Ringelnatz ist ein Pseudonym für den 1883 geborenen Hans Bötticher. Er trat als Kabarettist vor allem in München und Berlin mit seinen aus Tief- und Unsinn gemischten Gedichten, die er in Bänkelsängermanier vortrug, auf. Überaus populär sind die Gedichtsammlungen “Kuttel Daddeldu” und “Kinderverwirrbuch”. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof Heerstraße.

Der Platz wurde bereits 1909 als “Sachsenplatz” benannt und reihte sich damit in das Straßenbenennungsprogramm von Westend ein. Es bestand rund um die Reichsstraße aus den Namen der einzelnen deutschen Staaten, die sich 1871 zum Deutschen Kaiserreich zusammengeschlossen hatten: Koburg, Meiningen, Altenburg, Schaumburg, Bayern, Hessen usw.

Gedenktafel für Erwin Barth im Pavillon:

ERWIN BARTH
1880 -1933

GARTENDIREKTOR VON
CHARLOTTENBURG 1912 – 1926
GROSS-BERLIN 1926 – 29
GUSTAV ADOLF (MIERENDORFF) PLATZ
KAROLINGERPLATZ LIETZENSEEPARK
SACHSEN (BRIX) PLATZ
VOLKSPARK JUNGFERNHEIDE

CHARLOTTENBURG 1980

Leider sind Gedenktafel und Pavillon in einem sehr schlechten Zustand. Der Pavillon wird als Toilette benutzt. Die gleiche Gedenktafel befindet sich noch einmal auf dem Mierendorffplatz.

Der Charlottenburger Gartenbaudirektor Erwin Barth schuf auf dem damaligen “Sachsenplatz” 1919-21 eine öffentliche Grünanlage als Nachbildung einer märkischen Landschaft mit künstlichen Kalksteinfelsen in einer früheren Kiesgrube mit einigen Waldkiefern. Geschaffen wurden Teiche und Sumpfpartien, gärtnerische Bereiche und Naturflächen mit Pflanzen und Tieren aus der Berliner Umgebung.

Das Credo von Erwin Barth lautete: “Wenn irgendwo eine reiche Ausstattung der Plätze mit verschwenderischer Blumenfülle, mit Brunnen und dergleichen angebracht ist, so ist es da, wo Leute wohnen, die sich keine eigenen Gärten leisten können.” – Wir sind ihm auf unseren Kiezspaziergängen schon häufig begegnet. Er gestaltete in Charlottenburg unter anderem den Savigny-, Klausener-, Hochmeister-, Raußendorff-, Goslarer und Kuno-Fischer-Platz, den Schustehruspark, den Krankenhausgarten Krankenhaus Westend und des heutigen Universitätsklinikums Rudolf Virchow, den Friedhof Heerstraße und den Volkspark Jungfernheide.

1947 wurde der Platz neu benannt nach Josef Brix. Der Geheime Regierungsrat war Professor für Städtebau an der Technischen Hochschule. Er lebte von 1859 bis 1943.

1950 wurde die Parkanlage wieder hergestellt und 1960/61 durch Joachim Kaiser umgestaltet. Im Osten entstand ein Pavillon, im Norden ein Schulgarten. Am Ausgang gibt es eine Infotafel.

Der Brixplatz bietet auf kleinstem Raum, so viele Überraschungen und Schönheiten, dass man sich schnell in den Platz verlieben kann.

Der botanische Schulgarten wird seit einem Jahr von der Parkinitiative Brixplatz in Zusammenarbeit mit dem Grünflächenamt ehrenamtlich gepflegt. Die Initiatorin Frau Neumann kann darüber mehr erzählen. Sie hat sich wohl in diesen Platz verliebt und opfert ihre Freizeit für seine Pflege.

Sie kämpft für das Konzept von Erwin Barth: Der botanische Garten soll wie der Brixplatz insgesamt die Botanik der Mark Brandenburg widerspiegeln. Deshalb ist hier eine einzigartige Ansammlung von Wildpflanzen zu studieren, die es sonst nur weit verstreut über ganz Brandenburg gibt.

Der größte Wunsch der Parkinitiative wäre die Instandsetzung des Wasserfalls der eigentlich über die Rüdersdorfer Kalksteinformationen unter dem Tempel rauschen sollte. Leider würde eine solche Instandsetzung rund eine Mio Euro kosten. Sponsoren sind gefragt.

Brixplatz 2

Gedenktafel für Paul Hindemith, die Marmortafel wurde 1968 enthüllt

in diesem hause
wohnte
paul hindemith
1928 – 1938

Der deutsche Komponist, Dirigent und Bratschist lebte von 1895 bis 1963. Er galt als Bahnbrecher der Moderne und war in den 20er Jahren heftig umstritten. 1934 wurde er wegen seiner Oper “Neues vom Tage” von Goebbels persönlich diffamiert, 1938 wurde sein Werk im Rahmen der “Reichsmusik-Tage” als “entartet” vorgestellt. Daraufhin emigrierte er und lehrte in Ankara, Boston, New York und Zürich. Seit 1957 lebte er in Zürich. Der Zwölftontechnik stellte er ein System der freien Tonarbeit jenseits von Dur und Moll entgegen. In der Nachkriegszeit hatte er eine führende Rolle bei den Donaueschinger Musikfestspielen. Sein Werk umfasst sinfonische, chorische und kammermusikalische Werke. Seine bekanntesten Schöpfungen sind die Oper “Mathis der Maler” und “Das Marienleben” nach Rilke.

Reichsstraße

Die Reichsstraße wurde 1906 benannt nach dem 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreich

Meiningenallee

Die Meiningenallee wurde 1909 nach dem Herzogtum Sachsen-Meiningen benannt, das 1871 in das Deutsche Kaiserreich einging

Meiningenallee 7

Gedenktafel für Friedrich Georg Weißler

In diesem Haus lebte seit August 1933
bis zu seiner Ermordung Landgerichtsdirektor
Dr. Friedrich Weißler.
geb. 28.04.1891 gest. 19.2.1937
Aufgrund seiner jüdischen Herkunft
wurde er im März 1933 von den Nationalsozialisten aus seinem Richteramt vertrieben.
Der bekennende Christ war als Rechtsberater
der evangelischen Kirche Mitverfasser
einer Protestschrift an Hitler.
Nach ihrer Veröffentlichung wurde er verhaftet, in das KZ Sachsenhausen verschleppt und dort ermordet.

Fürchte dich nicht, glaube nur.
( Luk. 8.50)

Spandauer Damm

An der Ecke befindet sich rechts die Dietrich-Bonhoeffer-Grundschule (Spandauer Damm 205/215) und links das Wohn-Hochhaus “Am Ruhwaldpark”.

Ruhwaldpark

1867/68 ließ der Kommerzienrat Ludwig von Schaefer-Voit hier am Teltower Höhenrand durch den Architekten Carl Schwatlo für sich das spätklassizistische “Schloss” Ruhwald bauen und von seinem Obergärtner Duckstein einen großen Park anlegen. Im Park wurden teure amerikanische Nadelhölzer angepflanzt und eine kleine Teichanlage geschaffen.

Ludwig Schaefer wurde 1819 in Halberstadt geboren. Er war jüdischer Herkunft und trat zur evangelischen Kirche über. In den 50er Jahren kam er nach Berlin und gründete hier 1854 die iIlustrierte Damen-und Modezeitschrift “Basar”, mit der er zu Reichtum gelangte. Es war die erste deutsche Modezeitung. Seine Frau Margarethe, geborene Voit, unterstütze ihn tatkräftig und redigierte insbesondere die eingesandten Schnittmuster. 1867 wurde Ludwig Schaefer zum Commerzien- und Commissionsrath, später zum Geheimen Kommerzienrat. Als er schließlich in den Adelsstand versetzt wurde, fügte er seinem Nachnamen aus Dankbarkeit den Geburtsnamen seiner Frau hinzu und nannte sich jetzt Ludwig von Schaefer-Voit. In der Literatur taucht häufig auch die Schreibweise “Schaeffer” auf, die er selbst aber nicht verwendet hat. Alle vier Söhne starben vor ihren Eltern: Der 19jährige Leutnant Udo kam 1866 im Krieg gegen Österreich ums Leben, Edgar 1870 im Deutsch-Französischen Krieg.

Der Chronist Monke hat beschrieben, wie Ludwig Schaefer das Grundstück für sein Schloss entdeckt hat:

“Es ist nicht zu verwundern, dass ein Mann wie Ludwig von Schaefer-Voit, der sozusagen vom guten Geschmack lebte und der ihn machte, auch ein feines Verständnis für landschaftliche Schönheit besaß; bald hatte er den schönsten Punkt in der näheren Umgebung Berlins, den Spandauer Berg mit seinem herrlichen Blick über das Spreetal bis zu den Horizontlinien der Barnimer Wälder in blauer Ferne, herausgefunden, und bereits zu Anfang der sechziger Jahre wanderte er oft von Charlottenburg aus, den Feldstuhl unterm Arm zu den Höhen neben der Spandauer Bergbrauerei, um dort die Ruhe und die Fernsicht zu genießen. Damals war das ganze Westendplateau noch völlig unbebaut.”

Leider sind heute alle Aussichten zugewachsen, so dass die wunderbare Lage des Parks nur noch eingeschränkt erfahrbar ist.

Schon sechs Jahre nach dem Bau, 1872 verkaufte Schaefer-Voit sein Schloss an eine Malzfabrik. Wirtschaftlich hatte er dazu keinen Anlass, da sein Geschäft nach wie vor blühte. Grund waren wohl die schmerzlichen Familienereignisse und Ärger mit den Nachbarn, mit denen er wegen eines Wegerechts durch den Park einen langen Prozess führte und verlor.

Die Malzfabrik eröffnete hier einen Restaurantbetrieb. Plünderungen im Park und der Niedergang des Restaurationsbetriebes führten zur Einstellung. (Die Berliner spotteten: “Nun ruhen alle Wälder, vor allem Ruhwald selber.”)

1887 wurde im Schloss eine Nervenheilanstalt eingerichtet, der Park als Kurpark genutzt. Nach dem Ersten Weltkrieg erwarb der Bezirk Charlottenburg Schloss und Park. 1937 wurde das Schloss und seine Nebengebäude mit der Ausnahme von Remise und Wirtschaftsgebäuden abgerissen. Das Wirtschaftsgebäude wurde als Casino genutzt.

Erhalten sind auch die Arkaden des Kavalierhauses mit einer breiten Freitreppe. Sie gehörten zu dem im Stil der italienischen Frührenaissance erbauten Kavalierhaus, das 1952 abgerissen wurde. In den Kolonnaden rechts und links befinden sich Marmorbüsten des Bildhauers Ludwig Cauer von Ludwig und Margarethe Schaefer-Voit. Der Park wurde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 1950 wurde die Gartenanlage wiederhergestellt. Seit 1987 steht der Park unter Denkmalschutz. Vor den Kollonaden befindet sich eine Informationstafel.

Der Park mit einem kleinen Teich, Fußgängerbrücken und einem schluchtartigen Abgang zum Spreetal ist besonders schön, wenn es im Frühling unter den Bäumen blüht. Auf der großen Wiese stehen zwei Rotbuchen, die als Naturdenkmale eingetragen sind.

In dem früheren Wirtschaftsgebäude, das als einziges noch erhalten ist, wurde eine Kita untergebracht. Sie war zwar wunderbar gelegen, musste aber vom Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf im Herbst 2003 wegen der zu hohen Betriebskosten aufgegeben werden. Die Kinder sind umgezogen in ein neues Kitagebäude in der Länderallee. Für das 600 qm große Gebäude ist zunächst eine Zwischennutzung durch eine jüdische Kita vorgesehen.