115. Kiezspaziergang am 9.7.2011

Vom Stuttgarter Platz zum Kudamm-Karree

Link zu: Start am Bahnhof Charlottenburg, Foto: KHMM
Start am Bahnhof Charlottenburg, Foto: KHMM
Bild: Bezirksamt

Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen

Treffpunkt: Vor dem Bahnhof Charlottenburg, Ecke Kaiser-Friedrich-Straße

Sehr geehrte Damen und Herren!
Herzlich willkommen zu unserem 115. Kiezspaziergang. Auch heute wollen wir zum Kurfürstendamm gehen, der in diesem Jahr seinen 125. Geburtstag als Boulevard feiert. Aber zunächst wollen wir den neu gestalteten Vorplatz des Bahnhofs Charlottenburg und den neuen Parkstreifen entlang der Bahntrasse begutachten und dann über Niebuhrstraße und Leibnizstraße zum Olivaer Platz gehen, der grundlegend neu gestaltet werden soll. Von der Lietzenburger Straße aus wollen wir durch das Kudamm-Karree zum Kurfürstendamm gehen. Das Kudamm Karree ist zwar derzeit nicht gerade einladend. Aber auch hier steht eine völlige Neugestaltung bevor. Heute geht es also um eine Reihe von Zukunftsprojekten unseres Bezirks.
Wer regelmäßig an unseren Kiezspaziergängen teilnimmt, wird feststellen, dass es in der Leibnizstraße Überschneidungen gibt mit unserem Spaziergang vom April. Das lässt sich leider in diesem Jahr nicht ganz vermeiden, weil wir uns auf das Kurfürstendamm-Jubiläum konzentrieren möchten. Aber auch heute gibt es Neues zu entdecken, und die Themen gehen uns nicht aus. Es ist also durchaus möglich, dass auch mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin mit den Kiezspaziergängen weiter macht. Sie können die Kandidatin und die Kandidaten ja bei Gelegenheit einmal danach fragen und Ihre Wahlentscheidung davon abhängig machen.
Bevor wir beginnen möchte ich Ihnen den Treffpunkt für den nächsten Kiezspaziergang mitteilen. Er wird wie immer am zweiten Samstag des Monats um 14.00 Uhr sein, also am 13. August, und zwar am U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz, am Ausgang Hardenbergstraße Ecke Schillerstraße. Dort werden wir gleich zu Beginn das Renaissance-Theater besuchen und danach über die Knesebeckstraße und Goethestraße zum Steinplatz gehen und von dort über Carmerstraße, Savignyplatz und Kantstraße zum Breitscheidplatz.
Ein Highlight im Kudamm-Jubiläumsjahr ist das Sommerfest der AG City vom 6. bis zum 14. August auf dem Breitscheidplatz. Dazu wurden alle Partnerboulevards der „Vereinigung weltbekannter Einkaufsstraßen“ eingeladen. Diese Vereinigung wurde am 13.09.2010 in Peking gegründet. Mitglieder sind unter anderem die Fifth Avenue und der Times Square in New York, Champs-Élysées in Paris, Oxford -, Regent – und Bond Street in London, Wangfujing Street in Peking und natürlich der Kurfürstendamm. Das Sommerfest der AG City will nun die Partnerboulevards vorstellen. Und das wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen und deshalb am Sonnabend, dem 13. August zum Breitscheidplatz gehen. Außerdem wird am 13. August der 50. Jahrestag des Mauerbaues sein. Charlottenburg-Wilmersdorf hatte zwar keine direkte Berührung mit der Mauer, aber am Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus auf dem Steinplatz erinnern wir an diesem Tag traditionell mit einer Kranzniederlegung an den Mauerbau.

Bahnhof Charlottenburg, Stuttgarter Platz
Der Bahnhof Charlottenburg wurde am Ende des 19. Jahrhunderts als Endstation der Stadtbahn und Übergang der Ringbahnzüge auf den Nord- und Südring geplant. 1882 wurde er mit vier Bahnsteigen angelegt. Das Empfangsgebäude wurde als bescheidenes “ländliches” Fachwerkhaus errichtet, die Bahnsteighallen später als Wannseebadtypus, das heißt als offene Hallen mit hölzerner Dachkonstruktion über gusseisernen Säulen. 1926-28 gab es im Zuge der Elektrifizierung starke bauliche Veränderungen der Gleisanlagen. Nach Kriegszerstörungen wurde die Anlage mit Abstrichen wiederhergestellt. Als im Zusammenhang mit der Verkehrsberuhigung der Wilmersdorfer Straße Ende der 1960er Jahre die Lewishamstraße als neue Verbindung zwischen Kurfürstendamm und Kaiser-Friedrich-Straße geschaffen wurde, musste das alte Bahnhofsgebäude abgerissen werden. 1970/71 wurde von Günter Hönow das neue Empfangsgebäude mit einer Fassade aus roten Klinkern errichtet.

Der Stuttgarter Platz verdankt seine Entwicklung der Eröffnung der Stadtbahn im Jahr 1882. Sie verband Berlin und Charlottenburg erstmals mit einem direkten, schnellen und bequemen Verkehrsmittel. Sie brachte einen Schub für die Bautätigkeit und für das Bevölkerungswachstum.
Seinen Namen erhielt der Stuttgarter Platz 1892. In den Jahren 1893-94 entstanden die auf der Westseite des Platzes erhaltenen repräsentativen Wohnhäuser. 1895 wurden Grünanlagen vor dem Bahnhof geschaffen, die als Vorbild für die jetzt fertig gestellten neuen Grünanlagen dienten. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der damals hier gelegene Busbahnhof zu einer Hochburg des Schwarzhandels, in den 1960ern machte die Kommune I den Platz über Berlin hinaus bekannt, und in den 70ern entstanden hier die ersten Bürgerinitiativen.
Zwischen Windscheidstraße und Kaiser-Friedrich-Straße zeichnet sich der Stuttgarter Platz heute aus durch eine gute Wohnlage mit stuckverzierten Altbauten, gemütlichen Cafés und Feinkostläden, mit Verkehrsberuhigung, einer Grünanlage und einen Spielplatz mit Spielbrunnen, die Ende der 70er Jahre durch eine Bürgerinitiative initiiert wurden. Dies ist der gut bürgerliche Teil des Stuttgarter Platzes.
Von der Kaiser-Friedrich-Straße bis zur Wilmersdorfer Straße ist der Stuttgarter Platz nicht gerade ein Schmuckstück. Hässliche Neubauten der 70er Jahre; Bordelle, Bars und Clubs, sowie billige Im- und Exportgeschäfte beherrschen hier das Bild. Vor 15 Jahren kämpfte eine Bürgerinitiative erfolgreich gegen eine Hochhausplanung in diesem Bereich, und die Bürgerinnen und Bürger haben auch viel dazu beigetragen, dass sich hier jetzt vieles zum Besseren entwickelt.

Link zu: Der neue Park, Foto: KHMM
Der neue Park, Foto: KHMM
Bild: Bezirksamt

Dazu gehört auch die Anlage des neuen grünen Parkstreifens zwischen Kaiser-Friedrich-Straße und Wilmersdorfer Straße hier auf der nördlichen Seite der Bahngleise. Der Park wurde von der Deutschen Bahn AG finanziert, als Ausgleich für gefällte Bäume bei der Ostverschiebung des S-Bahnhofs vor einigen Jahren. Mit dieser sogenannten Umklappung des S-Bahnhofs wurde der Umsteigeweg zum U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße verkürzt. Jetzt haben wir also gewissermaßen als Nachschlag zu dieser Baumaßnahme noch einen neuen Park erhalten. Die Planungen wurden vom Umweltamt gemeinsam mit einem beauftragten Planungsbüro und Bürgerinnen und Bürgern entwickelt. Insgesamt wurden 218 Bäume neu gepflanzt. Mitten durch den Parkstreifen verläuft ein öffentlicher Fußweg.
Es gab zwar auch einzelne Proteste, weil Auto-Parkplätze weggefallen sind, aber insgesamt ist diese Umbaumaßnahme auf große Zustimmung gestoßen. Die Wandlung vom Autoabstellplatz zum Stadtpark ist gelungen und das Wohngebiet um den „Stutti“ hat an Qualität gewonnen. Bereits 2008 hat die Deutsche Bahn AG auf der südlichen Seite der Bahngleise an der Gervinusstraße einen Park mit einem Spielplatz mit rund 750.000 Euro finanziert.
Auch der Bahnhofsvorplatz ist jetzt schön gestaltet worden und hat ein neues, freundliches Gesicht bekommen.
Stadtbekannt ist das russische Lebensmittelgeschäft “Rossia” an der Ecke Kaiser-Friedrich-Straße mit einem großen Angebot an frischem Obst und Gemüse, das 24 Stunden rund um die Uhr geöffnet hat. Der dazugehörige Imbiss wurde jetzt zum Café Rossia erweitert. Sie finden hier natürlich auch Kaviar und mehrere Wodkasorten, aber auch russische Bücher, DVDs und Zeitschriften. Im Fernsehen laufen russische Filme, und an den Wänden hängen Plakate mit russischen Stars. Aber hier kaufen nicht nur Russen ein.
Auch viele Polen und Deutsche schätzen das Geschäft – nicht zuletzt wegen der freundlichen, aufgeschlossenen Bedienung. Und wer russisch lernen will, der findet hier viele Kursangebote.
Bekanntlich lebten in den 1920er Jahren so viele Russen in Charlottenburg, dass man gelegentlich von Charlottengrad sprach. Das gilt auch heute wieder. Viele, die aus Russland und den früheren Sowjetrepubliken nach Berlin kommen, zieht es in unseren Bezirk. Das Geschäft wird seit 2005 betrieben von dem Ehepaar Wladimir und Jekaterina Dik. Wladimir Dik kam 1992 aus Kasachstan nach Berlin.

Kaiser-Friedrich-Straße
Die Straße wurde 1892 benannt nach Friedrich III, dem Sohn Kaiser Wilhelms I. Er war 1888 für 100 Tage Deutscher Kaiser. Sein Nachfolger im gleichen Jahr, dem sogenannten Dreikaiserjahr, war Wilhelm II. Die Kaiser-Friedrich-Straße wurde erst am Ende des 19. Jahrhunderts angelegt.

Kaiser-Friedrich-Str.54a: Kommune I
Am 1. Mai 1967 zogen einige junge Leute, die sich von den Treffen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) her kannten, in die dritte Etage der Kaiser-Friedrich-Straße 54a und bildeten eine Kommune. Sie wurde als Kommune I zur populärsten in Deutschland. Es waren fünf Männer und drei Frauen, unter ihnen Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann, etwas später kamen auch Rainer Langhans und das Foto-Modell Uschi Obermeier hinzu. Sie trugen lange Haare, hörten Rockmusik, rauchten Haschisch und forderten freien Sex. Sie waren eine Provokation für die deutsche Nachkriegsgesellschaft.
Bald wurde die Wohnung in der Kaiser-Friedrich-Straße zu klein. Am 1. August 1968 zog die Kommune l in eine Fabriketage in Moabit, in der alle in einem großen Raum lebten. Nach insgesamt 30 Monaten alternativen Zusammenlebens löste sich die Kommune l offiziell auf.
Das Haus machte Ende der 70er Jahre noch einmal Schlagzeilen in Berlin. Der Hausbesitzer Kausen ließ es leer stehen und ignorierte die vom Wohnungsamt angeordneten Maßnahmen zur Wiederherstellung. In den Zeitungen wurde es als “Spekulationsobjekt des Monats” bezeichnet. Auch eine kurzzeitige Instandbesetzung fand hier statt.
Als kurze Zeit später im Nachbargebäude Nr.54 der Dachstuhl vollständig ausbrannte wurde über vorsätzliche Brandstiftung und warmen Abriss spekuliert.
Wir gehen jetzt durch die neue Parkanlage und werden gegenüber dem Haus Stuttgarter Platz 4 anhalten.

Stuttgarter Pl.4: Gedenktafel für Christian Morgenstern
Die Berliner Gedenktafel, eine Porzellantafel der KPM, wurde bereits 1987 enthüllt. Sie ist damit eine der ersten Gedenktafeln dieser Art, denn die Berliner Sparkasse hatte das Programm Berliner Gedenktafel zur 750-Jahr-Feier Berlins 1987 gestiftet.
Der Text auf der Tafel lautet:
Hier lebte um die Jahrhundertwende
CHRISTIAN MORGENSTERN
6.5.1871-31.3.1914
Schriftsteller, Dramatiker und Lyriker,
Verfasser der Galgenlieder

Der in München geborene Christian Morgenstern gehört zu den eigenwilligsten deutschen Lyrikern. Seine „Galgenlieder“ enthalten grotesk-komische Gedichte, die sich durch enormen Sprachwitz auszeichnen. Bekannt ist etwa seine Schöpfung des „Nasobem“, eines Säugetiers, das sich auf der Nase fortbewegt. Unter Biologen ist die Vorstellung eines solchen Geschöpfes zu einem Running Gag geworden.
Morgenstern hielt sich seit 1894 in Berlin auf. Hier beschäftigte er sich unter anderem mit Nietzsche und brachte sein erstes Buch heraus. Neben seinem Dasein als Dichter betätigte er sich als Übersetzer und Literaturkritiker. Christian Morgenstern litt an Tuberkulose und starb ein halbes Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Meran in Südtirol.

Wilmersdorfer Straß e
Hier beginnt die 1978 eröffnete Fußgängerzone der Wilmersdorfer Straße. Am Ende des vorigen Jahrhunderts geriet sie mehr und mehr in die Krise, die auch immer deutlicher optisch sichtbar wurde. 2001 wurden im Rahmen einer Neugestaltung zur Verbesserung des Ambientes die Pavillons und Überdachungen der U-Bahnabgänge entfernt. Seither hat die Wilmersdorfer Straße eine deutliche Image-Verbesserung erlebt – nicht zuletzt auch durch die Aktivitäten der neu gegründeten AG Wilmersdorfer Straße e.V.. 2005 eröffnete hier am südlichen Ende das Kant Center und seit 2007 gibt es auf der anderen Seite am nördlichen Ende die Wilmersdorfer Arcaden.

Link zu: In der Niebuhrstraße, Foto: KHMM
In der Niebuhrstraße, Foto: KHMM
Bild: Bezirksamt

Niebuhrstraße
Die Straße wurde 1902 nach dem Historiker und Politiker Barthold Georg Niebuhr benannt. Er wurde 1776 in Kopenhagen geboren, trat im Jahre 1800 in den dänischen, 1806 dann in den preußischen Staatsdienst ein und wurde 1810 Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. Von 1816 bis 1823 vertrat er Preußen als Gesandter in Rom und lehrte anschließend an der Universität in Bonn, wo er 1831 starb.
Nachdem wir am Stuttgarter Platz ein russisches Lebensmittelgeschäft kennengelernt haben, werden wir gleich an einem iranischen Lebensmittelgeschäft an der Niebuhrstraße 55 vorbeikommen, woran Sie wieder einmal die Vielfalt der Kulturen in unserem Bezirk erkennen können. Der schön gestaltete Innenhof des Hauses Niebuhrstraße 57 erinnert dann eher an eine Mittelmeeridylle.

Niebuhrstr. 58: Stolpersteine
In diesem Charlottenburger Kiez war in den 1920er Jahren der Anteil jüdischer Bürgerinnen und Bürger an der Bevölkerung besonders hoch. Sie können das beispielsweise hier in der Niebuhrstraße an den vielen Stolpersteinen erkennen, die inzwischen verlegt wurden.
Wie Sie wissen hat der Bildhauer Gunter Demnig 1996 in Köln die ersten Stolpersteine verlegt, die im Gehweg vor dem früheren Wohnort an Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen erinnern.
Inzwischen wurden in Berlin mehr als 2.000 Stolpersteine verlegt, davon bei uns in Charlottenburg-Wilmersdorf bereits mehr als 1.200.
Die Stolpersteine für Dina Simon und Helene Kaufmann wurden am 7. April 2010 verlegt. Der Text auf den Steinen lautet:
HIER WOHNTE
DINA SIMON GEB. ALEXANDER JG. 1869
DEPORTIERT 29.7.1942 THERESIENSTADT
ERMORDET 17.8.1942

HIER WOHNTE
HELENE KAUFMANN JG. 1889
DEPORTIERT 19.1.1942 RIGA
ERMORDET

Niebuhrstr. 59/60: Lebensort Vielfalt
Am 19.1.2011 war der Spatenstich für das erste barrierefreie Mehrgenerationenhaus Deutschlands für homosexuelle Männer und Frauen einschließlich einer Demenz-WG. Ein früheres Kita-Gebäude wird umgebaut zum „Lebensort Vielfalt“. Vielleicht kennen einige das Projekt auch noch aus der Planungsphase unter der Bezeichnung “Regenbogenvilla”. Manche sehen darin ein Haus mit Modellcharakter für Deutschland.

Niebuhrstr. 62: Stolpersteine
Die Stolpersteine für Max und Dora Liebenau, Frieda und Salomon Sonn und Rika von Halle wurden am 27. Oktober 2009 verlegt.
Max Liebenau, geboren am 21. August 1882 in Berlin, und Dora Liebenau geb. Simke, am 9. November 1888 in Berlin, wurden am 27. November 1941 nach Riga deportiert und dort im Wald von Rumbula zusammen mit über tausend anderen Menschen aus Berlin am 30. November 1941 ermordet.
Frieda Sonn geb. Katzenstein, am 18. September 1880 in Kaltennordheim, und Salomon Sonn, geboren am 16. August 1868 in Zündersbach, wurden am 15. August 1942 nach Riga deportiert und dort nach der Ankunft am 18. August 1942 ermordet.
Rika von Halle geb. Rosenthal, am 11. September 1872 in Bromberg wurde am 17. August 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 28. August 1942 ermordet.

Niebuhrstr. 63: Stolpersteine
Die Stolpersteine für Albert Meyer, Berta und Peter Feuer und Recha Jacoby wurden am 27. Oktober 2009 verlegt. Der Stolperstein für Milly Jacoby wurde später, am 7.4.2010, verlegt. Der 1863 geborene Albert Meyer wurde 1944 in Theresienstadt ermordet, die 1907 geborene Berta Feuer und der 1930 geborene Peter Feuer 1943 in Auschwitz, die 1886 geborene Recha Jacoby und die 1884 geborene Milly Jacoby 1942 in Riga

Niebuhrstr. 65: Stolperstein
Der Stolperstein für Hedwig Leviton wurde am 16. September 2009 verlegt. Die 1877 geborene Hedwig Leviton wurde 1942 in Kulmhof ermordet. Inzwischen wissen wir, dass aus diesem Haus weitere sechs Menschen Opfer der Nationalsozialisten wurden.

Niebuhrstr. 66: Stolpersteine
Die Stolpersteine für Gerhard, Paula, Joachim und Helena Wolff, Salomon Cohen, Lina Potolowsky und Selma Schlesinger wurden am 27. Oktober 2009 verlegt.
Gerhard, Paula und Joachim Wolff wurden am 27. November 1941 nach Riga deportiert und dort am 30. November 1941 im Wald von Rumbula ermordet. Helene Lina Wolff wurde am 25. Januar 1942 nach Riga deportiert und dort am 5. Februar 1942 ermordet. Salomon Cohen wählte am 23. September 1942 den Freitod, um einer Deportation zu entgehen. Lina Potolowsky wurde am 27. Juli 1942 nach Theresienstadt und von da am 18. Dezember 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Selma Schlesinger wurde am 13. Juni 1942 nach Sobibor deportiert und dort ermordet.
Die Stolpersteine für Martha und Salomon Grohnem wurden am 7. April 2010 verlegt.
Martha Grohnem wurde am 19.10.1942 nach Riga deportiert und dort am 22.10.1942 in den Wädern von Bikernieki ermordet. Salomon Grohnem wurde am 23.6.1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 1.8.1942 ermordet.

Niebuhrstr. 67: Stolpersteine
Die Stolpersteine für Julius, Elly und Ernst Goldstein wurden am 11.12.2006 verlegt.
Julius Goldstein wurde am 19.2.1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Elly Goldstein starb am 29.5.1941 in Berlin. Ernst Goldstein starb unter ungeklärten Umständen in Berlin-Wittenau am 11.7.1941.

Link zu: Wohnanlage Niebuhrstraße, Foto: KHMM
Wohnanlage Niebuhrstraße, Foto: KHMM
Bild: Bezirksamt

Niebuhrstr. 14-19b: Wohnanlage
Die Wohnanlage Niebuhrstraße wurde unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg 1919 von Paul Weingärtner als Notstandssiedlung für Kriegsheimkehrer und kinderreiche Familien errichtet. Ursprünglich entstanden fünf Zeilen zweigeschossiger Häuser mit Kleingärten zur Selbstversorgung. In den 50er und 70er Jahren wurden einzelne Bauten abgerissen. Die beiden verbliebenen Häuserzeilen wurden 1994 unter Denkmalschutz gestellt und 2004 restauriert. Die Wohnungen wurden inzwischen in Eigentumswohnungen umgewandelt und verkauft. Sehr liebevoll werden die dazugehörigen Gärten gepflegt.

Leibnizstraße
Die große Durchgangsstraße wurde 1869 nach dem Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz benannt, der von 1646 bis 1716 lebte und mit der preußischen Königin Sophie Charlotte befreundet war. Bis zum frühen Tod Sophie Charlottes 1705 war er ein gern gesehener Gast im Schloss Charlottenburg, damals noch Schloss Lieztzow. Die beiden gründeten 1700 die “Sozietät der Wissenschaften”, die spätere Preußische Akademie der Wissenschaften.

Leibnizstr. 65-68 (Ecke Niebuhrstraße): Meta-Haus
Das Gebäude wurde 1928/29 von Hans Heinrich Müller als Abspannwerk für die Stromversorgung des Wohnquartiers in Charlottenburg errichtet. Es ist ein typisches Beispiel für die Bewag-Architektur der 1920er Jahre nach den Entwürfen von Müller, dem Leiter der Bewag-Bauabteilung, die zu einem Markenzeichen des Unternehmens wurden. Dezentrale Um- und Abspannwerke dienten dazu, die in den Kraftwerken erzeugte hochgespannte Energie in eine für Haushalt und Gewerbe geeignete Größe umzuwandeln. Die technologische Entwicklung machte sie überflüssig. Deshalb wurde dieses Abspannwerk 1984 stillgelegt. 1999-2001 wurde das Haus durch Petra und Paul Kahlfeldt restauriert und als Meta-Haus für das Designzentrum MetaDesign umgebaut. Die Architekten wurden für die vorbildliche Restaurierung ausgezeichnet.

Leibnizstr. 60: Zwei Gedenktafeln für Adele Sandrock
An diesem Haus befinden sich zwei Gedenktafeln für Adele Sandrock. Die erste Tafel hier an der Leibnizstraße ist eine Berliner Gedenktafel, also eine Porzellantafel der KPM. Sie wurde am 29.9.1989 enthüllt und einige Zeit später entwendet, als in dem Haus Bauarbeiten stattfanden. Die Hauseigentümer ließen deshalb auf eigene Inititative um die Ecke an der Mommsenstraße eine neue Tafel anbringen. Die Berliner Gedenktafel wurde bald danach im Internet bei Ebay zur Versteigerung angeboten, schließlich von der Kriminalpolizei sichergestellt und wieder am Haus an der Leibnizstraße angebracht. Sie enthält folgenden Text:
Hier lebte von 1905 bis 1937
ADELE SANDROCK
19.8.1864 – 30.8.1937
Schauspielerin
Berühmt und populär wurde sie durch
ihre Verkörperung der “komischen Alten”
auf der Bühne und im Film

Die zweite Tafel an der Mommsenstraße ist aus schwarzem Marmor. Sie enthält folgenden Text:
Hier lebte von 1905 bis 1937
ADELE SANDROCK
19.8.1864 – 30.8.1937
Schauspielerin

Leibnizstr.57: 2 Stolpersteine
Die Stolpersteine für Paul und Martha Korngold wurden am 12.5.2006 verlegt. Paul Korngold, geboren am 30.03.1885 in Biadoliny, und Martha Korngold geb. Hecht, am 25.06.1878 in Klein-Chelm, flohen in die Niederlande, von dort wurden sie nach Bergen-Belsen deportiert. Vor der Befreiung durch britische Truppen sollten sie am 10. April 1945 nach Theresienstadt verschleppt werden. Der „verlorene Zug“ kam bis Tröbitz im Süden Brandenburgs. Martha erlag am 23.04.1945 im Zug einer Flecktyphus-Epidemie, Paul starb nach der Befreiung am 14. Mai 1945 in Tröbitz.

Link zu: Walter-Benjamin-Platz
Walter-Benjamin-Platz
Bild: Bezirksamt

Walter-Benjamin-Platz
Der Platz wurde 1999 nach dem Philosophen und Schriftsteller Walter Benjamin benannt. Er lebte von 1892 bis 1940 und beschrieb in seinem Buch “Berliner Kindheit um 1900”, wie er im Berliner Westen, in Grunewald, Wilmersdorf und Charlottenburg aufwuchs. Eine Gedenktafel für ihn befindet sich an dem Haus Prinzregentenstr. 66, wo er von 1930 bis 1933 lebte. Auf der Flucht vor der Gestapo wählte er 1940 an der französisch-spanischen Grenze in den Pyrenäen den Freitod.

Leibniz-Kolonnaden
An der Nord- und Südseite des ehemaligen Parkplatzes bauten Hans Kollhoff und Helga Timmermann von 1998 bis 2000 zwei achtgeschossige Wohn- und Geschäftshäuser mit einem Kindergarten auf dem Dach. Strenge Steinfassaden in grau-grünem Granit und Säulengänge mit Art-Deco-Lampen flankieren den Platz. Die computergesteuerte Wasserfontäne ist vor allem bei Kindern sehr beliebt.

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Am Jungschwanenbrunnen, Foto: KHMM
Bild: Bezirksamt

Leibnizstraße, Ecke Kurfürstendamm: Jungschwanenbrunen
Der Jungschwanenbrunnen, auch Schwanenkükenbrunnen oder Entenkükenbrunnen genannt, wurde 1908 von August Gaul für den Garten der Villa des Unternehmers und Papierfabrikanten Max Cassirer an der Kaiserallee182/183 (heute Bundesallee) geschaffen. Cassirer musste seine Villa 1938 nach der “Arisierung” seines Unternehmens- und Aktienbesitzes an das Kaiserliche Japanische Marineministerium verkaufen. Der Sockel des Brunnens blieb bis nach dem Zweiten Weltkrieg in dem Garten stehen, während die bronzene Tiergruppe 1941 versteigert wurde. 1962 wurde der komplette Brunnen durch das Bezirksamt Charlottenburg hier an der Kreuzung Kurfürstendamm und Leibnizstraße wieder aufgestellt.
Der 1857 geborene Max Cassirer kam 1887 nach Charlottenburg bei Berlin. 1893 wurde er parteiloses Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und 1909 Stadtrat von Charlottenburg. Als Charlottenburg 1920 die Selbstständigkeit verlor und Teil von Groß-Berlin wurde, trat er am 18. Februar 1920 als Stadtrat zurück. Anlässlich dieses Datums verlieh ihm die Stadt Charlottenburg für seine Verdienste die Ehrenbürgerwürde.
Im Juni 1920 wurde er Mitglied der neugegründeten Bezirksverordnetenversammlung des Bezirks Charlottenburg.
Er unterstützte verschiedene künstlerische Aktionen. So stiftete er zum Beispiel den Entenbrunnen, der heute vor dem Renaissance-Theater steht. Mit dessen Schöpfer, August Gaul, war er viele Jahre eng verbunden. So war Gaul auch Architekt der 1895 errichteten Familienvilla an der Kaiserallee. Auch in vielen sozialen Bereichen engagierte sich Cassirer. 1928 wurde er Ehrensenator der Technischen Hochschule Charlottenburg.
Nach 1933 verlor er einen Großteil seines Vermögens. Sein Aktienkapital ging an die Siemenstochter Elektro-Licht- und Kraftanlagen AG Berlin.
1938 wurde auch sein restliches Vermögen “arisiert” und er zum Verkauf der Villa gezwungen. Im Dezember 1938 gelang es ihm zu emigrieren. Zuerst floh er zu seiner Tochter in die Schweiz; diese war mit ihrem Mann und Schülern bereits 1934 dorthin emigriert. 1939 reiste er nach Großbritannien, wo er bis zu seinem Lebensende lebte. Im Jahr 1941 wurde er ausgebürgert und sein restliches Vermögen eingezogen.
Er verlor Bankguthaben von mehreren Hunderttausend Reichsmark, seine Kunstsammlung wurde versteigert oder beschlagnahmt. Max Cassirer starb zwei Jahre später im walisischen Exil.

Kurfürstendamm 62: Ehem. Café Reimann
Hier am Kurfürstendamm 62 war in den 1920er Jahren das Café Reimann sehr populär. Es war bekannt dafür, dass an kälteren Tagen Koksöfen im Vorgarten standen und Wolldecken ausgelegt wurden. Da es als jüdisches Café galt, wurde es am 12. September 1931 Opfer eines von den Nationalsozialisten inszenierten antisemitischen Pogroms auf dem Kurfürstendamm. Juden wurden beim Verlassen der Synagoge in der Fasanenstraße beschimpft und Passanten, die nach Auffassung der SA-Leute jüdisch aussahen, verprügelt. Das Cafe Reimann wurde gestürmt und zerstört, wobei einige Gäste schwer verletzt wurden. Unter Taxifahrern heißt der Taxihalteplatz übrigens immer noch “Reimann”.

Die Vitrinen Nr. 99 bis 101 erinnern an den Salon Kitty und das Kino Kurbel in der Giesebrechtstraße und an den Kunstpionier Gerd Rosen.

Der Fahrradabstellbügel mit dem Bezirkswappen ist der erste seiner Art in Berlin. Von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wurden 50.000 Euro für das neue Fahrradabstellanlagenkonzept “Faak” zur Verfügung gestellt, und unser Bezirk hat als erster in Berlin zusätzliche Abstellmöglichkeiten für Fahrräder geschaffen. Weitere werden folgen, denn schließlich sind wir ein fahrradfreundlicher Bezirk.

Link zu: Wohnhaus am Kurfürstendamm Ecke Leibnizstraße, Foto: KHMM
Wohnhaus am Kurfürstendamm Ecke Leibnizstraße, Foto: KHMM
Bild: Bezirksamt

Kurfürstendamm 59/60: Wohnhaus
Das Wohnhaus an der Ecke Leibnizstraße ist eines der besterhaltenen und prächtigsten Häuser am Kurfürstendamm und steht unter Denkmalschutz. Es wurde 1905-07 von den Architekten und Bauherren Hans Toebelmann und Henry Gross als fünfgeschossiges Eckhaus und Teil eines Ensembles von vier Mietshäusern errichtet. Dem üppig geschmückten Äußeren entsprachen im Inneren die jeweils zwei Wohnungen auf einem Geschoss mit je elf Zimmern, davon sechs besonders aufwändig ausgestaltete Gesellschaftszimmer auf 580 Quadratmetern. In den 1920er Jahren wurde das Erdgeschoss in eine Ladenzone umgewandelt. Heute sind die Wohnungen in mehrere kleinere unterteilt.
Das gut erhaltene und prächtig restaurierte Gebäude ist ein prägnantes Beispiel für den großbürgerlichen Mietshausbau um 1900 am Kurfürstendamm.
In der Nacht vom 27.7. zum 28.7.2008 wurde während Sanierungsarbeiten im Tresorraum der Commerzbankfiliale im Keller des Hauses ein spektakulärer Einbruch verübt.

Link zu: Grüne Insel am Kurfürstendamm, Foto: KHMM
Grüne Insel am Kurfürstendamm, Foto: KHMM
Bild: Bezirksamt

Ecke Lietzenburger Straße / Konstanzer Straße
Der Garten- und Landschaftsplaner Christian Meyer hat hier 1997 mitten in der City unmittelbar am Kurfürstendamm auf eigene Initiative ein ökologisches Kleinod geschaffen. Er nannte sein Projekt den “Einzug der Gräser und Blütenstauden auf den Kurfürstendamm”, hat dafür Sponsoren gewonnen und wurde bereits mehrmals dafür ausgezeichnet, unter anderem mit unserer Bürgermedaille, dem bezirklichen Ehrenamtspreis und 2008 mit dem Erwin-Barth-Preis, den die Bauabteilung seit einigen Jahren für besonderes Engagement in der Grünpflege vergibt. Christian Meyer leistet die Pflege dieser Staudenfläche gemeinsam mit Studenten der Landschaftsplanung. Auf einem Schild werden die unterstützenden Firmen aufgeführt und ein Spendenkonto angegeben.

Olivaer Platz
Die 6 Meter hohe, schwarz getönte Stahlskulptur wurde 1992 von Pit Kroke geschaffen und im März 1998 am Eingang zum Olivaer Platz an der Konstanzer Straße Ecke Lietzenburger Straße aufgestellt, nachdem sie zuvor in den Hackeschen Höfen aufgestellt war. Zunächst war auch am Olivaer Platz nur eine temporäre Installation für die Dauer von 6 Monaten geplant.

Link zu: Auf dem Olivaer Platz, Foto: KHMM
Auf dem Olivaer Platz, Foto: KHMM
Bild: Bezirksamt

Der Olivaer Platz wurde 1892 nach dem Kloster Oliva in Danzig benannt, wo 1660 der “Frieden von Oliva” unterzeichnet wurde. 1910 wurde er streng symmetrisch angelegt mit einem von Pyramidenpappeln umgebenen Terrassenplatz samt Grottenbrunnen im westlichen Teil, einem Kinderspielplatz im östlichen, dazwischen eine vertiefte Rasenfläche. Hecken und Alleen begrenzen den Platz an den Seiten. Auf alten Fotos mit Kinderwagen schiebenden Hausmädchen wirkt der Platz sehr idyllisch.
Es gab mehrfach Änderungen und 1961 eine komplette Neugestaltung durch Eberhard Fink.
Sie wurde erforderlich durch den 1956 begonnenen Ausbau der Lietzenburger Straße zu einer Hauptverkehrsstraße. Rasenflächen, Blumenbeete Sitznischen und Kinderspielecken, Wasserspiele, Gartenbeleuchtung, Mauern, Pergolen und Gehölzgruppen wurden jetzt asymmetrisch angeordnet. Die 1963 von Yasuo Mizui geschaffene Skulptur eines stilisierten Schlüssels aus Muschelkalk steht mitten auf dem Hauptweg. Ohne Sockel erhebt sie sich aus dem Pflaster.
Auf der östlichen Seite entstand ein Parkplatz für Autos.
2009 wurde über Pläne der Unternehmensgruppe Peter Unger diskutiert, für 25 Mio EUR auf dem Olivaer Platz nach dem Vorbild von Covent Garden in Londen eine Markthalle mit 4.000 qm Verkaufsfläche in drei Geschossen zu bauen, in der Brandenburger Erzeuger ihre Produkte direkt vermarkten können sollten. Darunter sollte eine Tiefgarage entstehen. Alternativ dazu sollte der Olivaer Platz mit Hilfe von EU-Fördermitteln als Grünfläche zum Flanieren und Verweilen qualifiziert werden. Diese Pläne konnten nicht realisiert werden.
Jetzt soll nach einer Verkehrsuntersuchung und der Ermittlung der Anforderungen an den Platzumbau in Bürgerworkshops noch in diesem Jahr ein Wettbewerb ausgelobt werden.
Dabei sollen sowohl Varianten mit einem reduzierten Stellplatzangebot als auch vollständig ohne Parkplätze vorgelegt werden. Die Ergebnisse sollen dann ab 2012 umgesetzt werden.

Pariser Straße
Die Pariser Straße verläuft von der Bundesallee bis zum Olivaer Platz. Sie wurde 1895 nach der Hauptstadt Frankreichs benannt. Der frühere Name “Hopfenbruchstraße” verweist auf die dörfliche Vergangenheit Wilmersdorfs. Sie ist eine besonders gute Adresse in unserem Bezirk mit vielen Restaurants, Boutiquen, Galerien und exquisiten Geschäften.

Link zu: Modegeschäft Anna von Griesheim, Foto: KHMM
Modegeschäft Anna von Griesheim, Foto: KHMM
Bild: Bezirksamt

Pariser Str. 44: Anna von Griesheim
Die 1966 in München geborene Modedesignerin Anna von Griesheim eröffnete 1991 ihren nach eigenen Entwürfen ausgebauten Salon hier in der Pariser Straße 44, über dem auch ihr Atelier liegt, das sie gemeinsam mit der Modedesignerin Carola Ahlers führt. Dort beschäftigt sie inzwischen etwa zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie wirbt für ihre Marke, indem sie häufig in ihren eigenen Abendgarderoben bei Benefizgalas auftritt.
Typisch für von Griesheims Mode ist Einfarbigkeit und ein schräg zum Fadenlauf angelegter Schnitt. Anna von Griesheim hat Garderoben für viele Theater- und Showbühnengrößen entworfen und angefertigt, zum Beispiel für Gudrun Landgrebe, Inge Meysel, Franziska van Almsick, Katarina Witt, Friede Springer, Maybrit Illner, Sandra Maischberger, Marietta Slomka, Sabine Christiansen, Andrea Sawatzki, Esther Schweins, und Renate Künast. Seit Angela Merkels Wahl zur CDU-Vorsitzenden im Jahr 2000 war von Griesheim mit verantwortlich für den Wandel in ihrem Bekleidungsstil zum Moderneren hin. Größere Bekanntheit erlangte beispielsweise das von Merkel zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele im Juli 2005 getragene zartlachsfarbene Abendkleid und die Kombination, die sie 2008 bei der Eröffnung des neuen Osloer Opernhauses trug.

Pariser Str. 44: Gedenktafel
Der gesamte Baukomplex zwischen Emser Straße 40-47, Düsseldorfer Straße 17-18 und Pariser Straße 44 wurde 1930 von E. Paul Hetzer gebaut und steht unter Denkmalschutz. Es ist ein typischer 20er Jahre Bau der Neuen Sachlichkeit. In den Neubau zog 1930 die größte jüdische Organisation Deutschlands mit ihrer Hauptgeschäftsstelle ein, der 1893 gegründete Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, C.-V. mit seinem Philo-Verlag.
Die Gedenktafel hier an der Pariser Str.44 wurde am 8.11.1988 enthüllt Der Text lautet:
In diesem Hause befanden sich seit 1930 bis zu ihrem Verbot vom 9.November 1938 der 1893 gegründete
C.-V. (CENTRALVEREIN DEUTSCHER
STAATSBÜRGER JÜDISCHEN GLAUBENS) (Emser Straße 42)
und der ihm gehörende PHILO-VERLAG (Pariser Str. 44)
Der C.-V., die größte jüdische Organisation in Deutschland,
vertrat beharrlich die staatsbürgerlichen Rechte der deutschen Juden.
Er gehörte zu den Vorkämpfern gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus.

Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens setzte sich für eine möglichst vollständige Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft ein. Mit seinen vielfältigen Publikationen versuchte er, in Deutschland über das Judentum aufzuklären und gegen Vorurteile anzukämpfen, unter anderem mit der C.-V.-Zeitung, die in hoher Auflage in ganz Deutschland erschien.
Für seine Publikationen hatte der C.-V. den Philo-Verlag gegründet und gab unter dem Titel “Anti-Anti” eine Loseblatt-Sammlung heraus, die ständig ergänzt und aktualisiert wurde. Hier wurden antisemitische Vorurteile benannt und mit sachlichen Argumenten widerlegt. Auch nach 1933 gab man im C.V. die Hoffnung nicht auf, sondern arbeitete weiter und versuchte, Wissen an die Stelle von Vorurteilen zu setzen. 1935 erschien das Philo-Lexikon. Es war ein einzigartiges Nachschlagewerk zum Judentum und insbesondere zum jüdischen Leben in Deutschland.
Wir wissen heute, dass all diese Bemühungen leider nichts genützt haben. 1935 musste der C.V. sich umbenennen in “Centralverein der Juden in Deutschland”, denn “deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens” durfte es nicht mehr geben.
Nach der Pogromnacht des 9. November 1938 wurde der C.-V. und der Philo-Verlag aufgelöst und verboten, und die Büros in diesem Haus wurden geschlossen.
Heute gibt es wieder ein Philo-Lexikon. Es ist als “Handbuch des jüdischen Wissens” im Suhrkamp-Verlag erschienen. Es erläutert auch heute wieder verständlich und prägnant Grundbegriffe aus Religion, Tradition, Geschichte und Kulturgeschichte der Juden. Es erschließt in sach- und personenbezogenen Stichworten die jüdische Welt von A bis Z, von ihren Anfängen bis in die Zeit der Moderne, mit besonderem Schwerpunkt auf dem deutschen Sprach- und Kulturkreis.
Heute gibt es auch wieder einen Philo-Verlag. Er will insbesondere auf das jüdische Erbe Europas aufmerksam machen. Denn die Kultur- und Geistesgeschichte Europas ist nicht zu denken ohne die jüdische Geistigkeit.

Ludwigkirchplatz
Der Ludwigkirchplatz war der Treffpunkt des letzten Kiezspaziergangs und wurde von Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler vorgestellt. Deshalb möchte ich ihn heute nicht behandeln, sondern gleich links um die Ecke durch die Emser Straße zur Lietzenburger Straße gehen.

Emser Straße
Die Emser Straße wurde 1892 nach der rheinland-pfälzischen Kreisstadt Bad Ems benannt. 1870 stellte dort der französische Botschafter Vincent Benedetti Forderungen an König Wilhelm I. von Preußen, die den Verzicht der Hohenzollern auf die spanische Thronfolge betrafen. Mit einem regierungsinternen Telegramm wurde Fürst Bismarck davon unterricht. Diese “Emser Depesche” ließ er veröffentlichten und löste damit den Deutsch-Französischen Krieg aus. Nach dem Sieg über Frankreich war dann der Weg offen für die Gründung des Deutschen Kaiserreichs.

Lietzenburger Straße
Bis zur Bezirksfusion 2001 war die Lietzenburger Straße die Grenze zwischen Charlottenburg und Wilmersdorf. Sie wurde 1890 nach dem ursprünglichen Namen des Schlosses Charlottenburg benannt. Der Name Lietzenburg wurde von dem Dorf Lietzow abgeleitet, das 1720 nach Charlottenburg eingemeindet wurde.

Link zu: Hochhaus des Kudamm-Karrees, Foto: KHMM
Hochhaus des Kudamm-Karrees, Foto: KHMM
Bild: Bezirksamt

Von hier aus hat man einen schönen Blick auf das 20geschossige Hochhaus des Kudamm Karrees, das 1969-74 von Sigrid Kressmann-Zschach errichtet wurde. Es erinnert an den Steglitzer Kreisel, der von der gleichen Architektin stammt.
Das frühere Postamt an der Lietzenburger Ecke Emser Straße wurde im März dieses Jahres geschlossen. Hier ist jetzt eine Immobiliengesellschaft, die EB Group, eingezogen.

Lietzenburger Str. 89-91: Hotel Abba
Seit den 1970er Jahren war an dieser Stelle Loretta der größte und bekannteste Biergarten Berlins. In einer rund 10.000 qm großen Baulücke bot der Biergarten 3.000 Sitzplätze, ein Mini-Riesenrad am Eingang, einen Kinderspielplatz und ein Beachvolleyballfeld. Ende 2006 verkaufte der Liegenschaftsfond Berlin das landeseigene Grundstück. Im Juli 2007 wurde Loretta geschlossen, 2008 war Baubeginn, und am 29.7.2009 wurde das Hotel der spanischen Kette Abba eröffnet.

Link zu: Baller-Haus, Foto: KHMM
Baller-Haus, Foto: KHMM
Bild: Bezirksamt

Lietzenburger Str. 86: Baller-Haus
Das Wohn- und Geschäftshaus wurde 1977/78 von Hinrich Baller auf einem Grundstück errichtet, das früher dem Vatikan gehörte. Im Untergeschoss, Erdgeschoss und 1. Obergeschoss befinden sich Gewerberäume, im 2. bis 6. OG 27 Mietwohnungen, die ursprünglich der Sozialbindung unterlagen. Typisch für die Architektur Hinrich Ballers sind die filigranen grünen Geländer und die geschwungenen Balkonformen.

Lietzenburger Str.82: Sperlingsgasse, Kudamm Karree
Die ehemalige Kneipenstraße im Kudamm-Karree wurde im Dezember 1968 nach Wilhelm Raabes “Chronik der Sperlingsgasse” benannt. Jetzt sieht nicht nur die Sperlingsgasse, sondern das gesamte Kudamm Karree recht trist aus, denn es wurde für den geplanten Neubau bereits weitgehend entmietet.
Die Galerie Carlos Hulsch hat um die Jahreswende eine Ausstellung gezeigt mit dem Titel “35 Jahre Kudamm-Karree oder 35 Jahre Galerie Carlos Hulsch”.
Das Gebäudeensemble wurde 1969-74 auf einem 20.000 qm großen Areal von Sigrid Kressmann-Zschach mit dem Hochhaus im Zentrum errichtet. Das Kudamm Karree bietet 40.000 qm Büro- und Geschäftsfläche, ein Parkhaus an der Uhlandstraße, Restaurants und Geschäfte. Das Theater am Kurfürstendamm stammt von 1921, die Komödie von 1924. Beide Theater wurden im Erdgeschoss an der Kurfürstendammseite in den Komplex integriert.
Der Grundriss gilt als wenig gelungen. Er stellt eher eine Anhäufung von Baukörpern dar statt eines konzeptionell einheitlichen Gesamtentwurfes.
Die unzureichende Erschließung durch Passagen und Galerien machte bereits ein Jahr nach der Fertigstellung kostspielige Umbauten nötig. In den Folgejahren waren immer wieder hohe Zuschüsse durch das Land notwendig. Das Hochhaus wurde bis Anfang der 1990er Jahre von der Verwaltungsfachhochschule genutzt, die dafür Miete zahlte.
1999 wurde auf 7000 qm die multimediale Berlin-Ausstellung “The Story of Berlin” eröffnet. Sie ist noch immer Ziel von Besuchergruppen.

Link zu: Vor dem Kudamm-Karree, Foto: KHMM
Vor dem Kudamm-Karree, Foto: KHMM
Bild: Bezirksamt

Der damalige Eigentümer des Kudamm-Karrees, der Immobilienfonds grundbesitz-invest der DB Real Estate Investment Gmbh, die zur Deutschen Bank gehört, kündigte wegen Umbauplänen den beiden Theatern zum Ende des Jahres 2006 die Mietverträge, was einen Proteststurm hervorrief. 2007 kaufte die irische Ballymore Group den gesamten Baukomplex. Sie plant einen Neubau des Häuserblocks unter der Leitung des renommierten Architekten David Chipperfield. Dieser stellte am 22. Februar 2010 sein erstes Konzept vor: Dabei sollen beide Theater abgerissen und eines als Komödie am Kurfürstendamm an einem neuen “Max-Reinhardt-Platz” an der Uhlandstraße wieder aufgebaut werden.
Neben vielen anderen lehnte auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit die Verlagerung der Bühne an die Uhlandstraße ab und meinte, “ein Boulevardtheater gehört an den Boulevard”. Daraufhin erarbeitete Chipperfield einen Alternativvorschlag, der am 16. Juni dieses Jahres vorgestellt wurde. Das Theater soll danach einen Neubau mit 650 Plätzen bekommen, der sich an der historischen Form des ranglosen Saaltheaters von Oskar Kaufmann orientiert. Die Bühne läge direkt am Kurfürstendamm in der dritten Etage des Ku’damm-Karrees und damit oberhalb einer geplanten Ladenpassage. Sie erhielte jedoch einen eigenständigen, großzügigen Eingang direkt am Boulevard und darüber auch eine weitläufige Panoramaterrasse. Die künftige Passage soll zu einem neuen Stadtplatz an der Uhlandstraße führen.
Dies ist der neueste Stand, und der Umbau könnte Mitte 2012 beginnen. Der irische Investor Ballymore will 500 Millionen Euro in den Umbau des Kudamm-Karrees investieren, und der Name Chipperfield ist ein großes Versprechen. Wir dürfen gespannt sein.
Natürlich bietet sich jetzt noch ein Kudamm-Bummel an. In den Vitrinen finden Sie 125 Geschichten, beispielsweise gleich hier die Nummer 63 mit dem Titel “Heute nacht oder nie”.