99. Kiezspaziergang am 13.3.2010

Frauen in der Villenkolonie Grunewald

Am Bahnhof Grunewald, Foto: KHMM

Am Bahnhof Grunewald, Foto: KHMM

Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen

Treffpunkt: S-Bahnhof Grunewald, vor dem Bahnhofsgebäude

Sehr geehrte Damen und Herren!
Herzlich willkommen zu unserem 99. Kiezspaziergang. Der März ist für uns in Charlottenburg-Wilmersdorf traditionell der Frauenmonat, denn am 8. März war der Internationale Tag der Frau, und wir haben bisher in jedem Jahr auf den Kiezspaziergang im März einen weiblichen Schwerpunkt gelegt. Das wollen wir auch in diesem Jahr so halten.
Hier am Rande der Villenkolonie, auf dem Gelände des früheren Güterbahnhofs Grunewald, entsteht eine neue Wohnsiedlung. Eine neue Straße zur Erschließung dieser Siedlung wurde nach einer Frau benannt, und in der Villenkolonie haben viele bedeutende Frauen gelebt, darunter Vicki Baum, Brigitte Bermann Fischer, Isadora Duncan, Judith Kerr, Hildegard Knef und Romy Schneider. Es ist also ein besonders interessanter Ort für einen Spaziergang im Frauenmonat März.
Am Montag dieser Woche, also am Internationalen Frauentag, habe ich in Schmargendorf an der Auguste-Viktoria-Straße 64 eine neue Gedenktafel für eine Frau enthüllen dürfen, und zwar für Marie Munk, die erste Rechtsanwältin und Richterin in Preußen. Auch heute werden wir einige Gedenktafeln sehen, die an Frauen erinnern. Es sind aber noch immer viel zu wenige. Von 333 Gedenktafeln in Charlottenburg-Wilmersdorf erinnern 216 an Männer, 36 an Frauen, 14 an Paare und 67 an Institutionen. Wir haben also noch viel zu tun, denn es gab viele bedeutende Frauen, die in unserem Bezirk gelebt haben.
Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen mitteilen, wo der Treffpunkt für den nächsten Kiezspaziergang sein wird. Es wird der 100. sein. Leider hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit abgesagt. Ich hatte ihn als prominenten Charlottenburg-Wilmersdorfer eingeladen, nachdem aus Ihrem Kreis die Idee kam, aber er kann leider nicht.
Wir wollen zum 100. Jubiläum an den ersten Kiezspaziergang erinnern und schauen, was sich dort rund um den Lietzensee verändert hat, wo wir am 12. Januar 2002 entlang gegangen sind.
Treffpunkt ist am Sonnabend, dem 10. April, um 14.00 Uhr am S-Bahnhof Messe Nord / ICC, und das ist auch schon die erste Änderung, denn dieser Bahnhof hieß damals noch Witzleben.

Villenkolonie Grunewald
Die Villenkolonie Grunewald entstand im Zusammenhang mit dem Ausbau des Kurfürstendammes zum Boulevard. Fürst Bismarck hatte auf diesen Ausbau großen Wert gelegt. Da er privat finanziert werden musste, durfte die dafür gegründete Kurfürstendamm-Gesellschaft als Gegenleistung 234 ha Grunewaldgelände für die Anlage einer Villenkolonie erschließen. Dies geschah im Jahr 1889, unter anderem durch die künstliche Anlage von vier Seen: Dianasee, Koenigssee, Herthasee und Hubertussee. 1889 wurde auch das Straßennetz angelegt, und die ersten Grundstücke wurden baureif gemacht und verkauft. 10 Jahre später, 1899 erhielt die Kolonie den Status einer selbständigen Landgemeinde. Allgemein wurde sie in Berlin die “Millionärskolonie” genannt.
Hier ließen sich Bankiers, Unternehmer, Professoren, erfolgreiche Künstler und Schriftsteller nieder und genossen bis zur Eingemeindung 1920 die Steuervorteile der Landgemeinde Grunewald.
1920 wurde Grunewald mit 6.449 Einwohnern gemeinsam mit Eichkamp, der Gemeinde Schmargendorf und der Großstadt Wilmersdorf zum Bezirk Wilmersdorf, dem 9. Bezirk von Berlin zusammengefasst.
Eine der ersten Bewohnerinnen der Millionärskolonie war übrigens eine berühmte Frau. Jedenfalls war sie damals so berühmt wie heute Anna Netrebko. Lilli Lehmann wurde als Opernsängerin weltweit gefeiert, als sie 1891 zusammen mit ihrem Ehemann, dem weniger bekannten Hofopernsänger Paul Kalisch, in die gerade neu gegründete Villenkolonie Grunewald zog, und zwar in die Herbertstraße 20. Das ist eine Ecke der Kolonie, die wir heute nicht erreichen werden. Deshalb möchte ich hier vorab auf sie eingehen, denn ihre Geschichte ist aufschlussreich für die Entstehung der Villenkolonie Grunewald.
Die 1848 in Würzburg geborene Lilli Lehmann wuchs in Prag auf und hatte 1865 ihr Debut in der “Zauberflöte” am Prager Landestheater gegeben. 1870 wurde sie als Koloratursopranistin Mitglied der Berliner Hofoper.
1885 bis 1890 sang sie an der Metropolitan Opera in New York, danach auf persönlichen Wunsch Kaiser Wilhelms II wieder an der Berliner Hofoper.
Lilli Lehmann war gerade aus New York nach Berlin zurückgekehrt. Obwohl ihre Freunde skeptisch waren, ließ sie sich in Grunewald nieder und schrieb fast dreißig Jahre später in ihren Memoiren von ihrem “Grunewald-Heim, dem ich trotz mancher Prophezeiung, ich würde es nicht vier Wochen darin aushalten, seit 29 Jahren treu geblieben bin und wo ich mich sehr glücklich fühle.”
Sie schrieb weiter: “‘Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion’, so hieß das schöne Lied, das man in Berlin auf allen Straßen hörte, dessen tiefe Bedeutung mir erst klar werden sollte, als uns Regierungsbaumeister Solf einlud, ein soeben für Friedrich Dernburg von ihm vollendetes Landhaus im Grunewald zu besichtigen. Ohne dass wir ahnten, was sich hier in aller Stille entwickelt hatte, sahen wir staunend den Grunewald, den ich früher so oft zu Fuß durchwanderte, plötzlich für Koloniezwecke nutzbar gemacht, in Bauparzellen und Straßen eingeteilt. Hier also spielte sich die Grunewalder Holzauktion ab!
So schnell fanden wir Gefallen an dem noch ganz idyllischen Platz, dem hohen Waldbestand, dass es nur der Frage: ob noch Bauplätze unverkauft, und der bejahenden Antwort Solfs bedurfte, um mir zwei Parzellen zu sichern, die ich am nächsten Mittag bereits mein eigen nannte. Und ebenso schnell, als der Kauf abgeschlossen ward, zeichnete Solf die Pläne zu unserem Landhaus…”
Lilli Lehmann trat bis 1920 als Konzert- und Liedsängerin auf. Ihre Stimme ist auf Schallplattenaufnahmen der Jahre 1905 bis 1907 überliefert. Sie lebte bis zu ihrem Tod 1929 in ihrer Villa in der Herbertstraße 20, wo heute eine Gedenktafel an sie erinnert.

Bahnhof Grunewald
Dieser Bahnhof wurde 1879 zunächst als Bahnhof Hundekehle eröffnet, 1884 wurde er umbenannt in “Bahnhof Grunewald”. Zunächst wurde er vor allem von den Grunewald-Ausflüglern aus Berlin genutzt, seit der Zeit um 1900 zunehmend auch von den Bewohnern der Villenkolonie. Das Bahnhofsgebäude wurde 1899 von Karl Cornelius im Villenstil gebaut. Es steht ebenso unter Denkmalschutz wie der Tunnel, der 1884-85 entstand.

Mahnmal des Berliner Senats, Foto: KHMM

Mahnmal des Berliner Senats, Foto: KHMM

Mahnmal des Berliner Senats
Seit dem 18. Oktober 1941 fuhren von hier und von den Bahnhöfen Putlitzstraße und Lehrter Stadtbahnhof Deportationszüge nach Lodz, Riga und Auschwitz und brachten insgesamt mehr als 50.000 jüdische Berlinerinnen und Berliner in die Vernichtungslager, wo die meisten von ihnen ermordet wurden.
Auf Initiative der Bezirksverordnetenversammlung Wilmersdorf wurde am 18. Oktober 1991 das Mahnmal von Karol Broniatowski enthüllt. Es zeigt in einem Betonblock Negativabdrücke von menschlichen Gestalten und informiert daneben auf einer Bronzetafel über die Deportationen. Der Text lautet:
“Zum Gedenken an die mehr als 50.000 Juden Berlins,
die zwischen Oktober 1941 und Februar 1945
vorwiegend vom Güterbahnhof Grunewald aus
durch den nationalsozialistischen Staat
in seine Vernichtungslager deportiert und ermordet wurden.
Mahnung an uns,
jeder Mißachtung des Lebens und der Würde des Menschen
mutig und ohne Zögern entgegenzutreten.”
Mahnmal der Deutschen Bahn AG

Gleis 17, Foto: KHMM

Gleis 17, Foto: KHMM

Gleis 17
Auch die Deutsche Bahn AG hat sich für die Erinnerung an die Deportationen von diesem Bahnhof engagiert. Am 27. Januar 1998 wurde Gleis 17, das Mahnmal der Deutschen Bahn AG auf der Gleisanlage, enthüllt. Es wurde von Nicolaus Hirsch, Wolfgang Lorch und Andrea Wandel geschaffen. Es befindet sich an den Gleisen, von denen die Deportationszüge abgefahren sind. Es besteht aus Metallplatten auf den ehemaligen Verladebahnsteigen. Auf diesen Metallplatten sind die Daten, Bestimmungsorte und die Opferzahlen der einzelnen Transporte eingraviert. Wir kennen diese Daten aus den Transportlisten der Nationalsozialisten.
Die großen Transporte mit meist mehr als 1000 Menschen gingen zunächst nach Lodz und Riga, seit Ende 1942 bis Juni 1943 nach Auschwitz. Die Reichsbahn verlangte von der SS pro Person und gefahrenem Schienenkilometer 4 Pfennige, pro Kind 2 Pfennige, nur die Hälfte wenn mehr als 400 Menschen transportiert wurden. Für die ersten Transporte wurden noch Personenzüge verwendet, später Güterzüge.
Von den etwa 170.000 in Berlin lebenden Juden wurden 55.000 in Konzentrationslagern ermordet – Männer, Frauen und Kinder. Von 5000, die in den Untergrund gingen, haben 400 überlebt – wie zum Beispiel Hans Rosenthal und Inge Deutschkron, die davon in ihren Lebenserinnerungen berichtet haben.
Seit Jahren organisieren Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit dem Holocaust-Überlebenden Isaac Behar am 9. November einen Gang vom Gedenkstein an der Koenigsallee Ecke Erdener Straße, der an die Ermordung Walther Rathenaus 1922 erinnert, hierher, wo eine Gedenkveranstaltung mit Holocaust-Überlebenden stattfindet.
Im Gegensatz zu dem großen Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor ist der Bahnhof Grunewald ein authentischer Ort, der mit dem tatsächlichen historischen Geschehen des Holocaust in Verbindung steht. Deshalb hat dieser Ort eine große Bedeutung für uns und vor allem für Juden. Staatsgäste aus Israel besuchen in der Regel diese Gedenkstätte und gedenken hier der Opfer des Holocaust – nicht am Holocaust-Mahnmal in Mitte.

Hilde-Ephraim-Straße, Foto: KHMM

Hilde-Ephraim-Straße, Foto: KHMM

Güterbahnhof Grunewald
Das 100.000 qm große Gelände des Güterbahnhofs Grunewald zwischen der Trabener Straße und den Bahngleisen wird von der Deutschen Bahn AG nicht mehr benötigt. Es soll mit rund 100 neuen Villen auf jeweils rund 1.000 qm großen Grundstücken bebaut werden. Über die Pläne wurde einige Jahre lang diskutiert. Es ging dabei um Schallschutzwände gegenüber den Bahngleisen und der AVUS. Es ging um die Verkehrsbelastung der Villenkolonie Grunewald durch die neuen Zufahrtswege. Und es ging dabei um die Gedenkstätte, die nicht durch die Nachbarschaft beeinträchtigt werden soll.
Für die Bebauung des Güterbahnhof-Geländes mit Wohnhäusern hat die Bezirksverordnetenversammlung strenge Auflagen formuliert: Das Mahnmal muss in seiner jetzigen Anlage und künstlerischen Gestaltung unversehrt und unbeeinträchtigt bleiben. Die Sichtachse von Gleis 17 in die Ferne muss frei gehalten werden. Ein Supermarkt darf hier in der Nähe nicht errichtet werden. Im Zusammenhang mit dem Bauprojekt ist eine ausführliche Dokumentation zum Geschehen am Bahnhof Grunewald erstellt worden. Sie stammt von Nikolaus Hirsch, Wolfgang Lorch, AndreaWandel und wurde inzwischen unter dem Titel “Gleis 17 / Track 17” in einer zweisprachigen Ausgabe, deutsch und englisch im Sternberg Press Verlag veröffentlicht.
Inzwischen sind die Lärmschutzwälle fertig und die Zufahrtsstraße ist angelegt. Sie wird benannt nach der Sozialarbeiterin und Widerstandskämpferin Hilde Ephraim.

Die Straßenschilder, Foto: KHMM

Die Straßenschilder, Foto: KHMM

Hilde-Ephraim-Straße
Die Straßenschilder stehen schon, die offizielle Benennung wird am 1. April sein.
Hilde Ephraim wurde am 1. April 1905 in Charlottenburg geboren. Sie hat als Fürsorgerin in der Stadt Brandenburg gearbeitet und kam 1931 zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschland SAPD, einer Links-Abspaltung von SPD-Mitgliedern, die nicht bereit waren, Kompromisse mit dem bürgerlichen Lager zu akzeptieren.
1933 wurde Hilde Ephraim wegen ihrer jüdischen Herkunft und ihres politischen Engagements aus dem Staatsdienst entlassen. Sie zog nach Berlin und schloss sich dem Untergrundkampf der SAP an. Sie wurde verantwortlich für die “Rote Hilfe” und kümmerte sich vor allem um die Familien von Verhafteten. Im Juli 1936 wurde sie selbst verhaftet, von Gestapo-Leuten schwer misshandelt und ein Jahr später vom Volksgerichtshof zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, die sie in Lübeck und Amberg absaß.
1940 wurde sie nicht aus der Haft entlassen, sondern bei der NS-“Euthanasie”-Aktion T4 in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz in Österreich verschleppt, wo sie am 20. September 1940 im Alter von 35 Jahren starb.
Mit dieser Straßenbenennung wollen wir an eine tapfere Frau erinnern, die von den Nationalsozialisten ermordet wurde, und wir wollen auch daran erinnern, dass viel zu wenige Straßen nach Frauen benannt sind.

Trabener Straße
Die Trabener Straße wurde 1895 benannt nach Traben-Trarbach, der Wein-Stadt an der Mosel in Rheinland-Pfalz. Die Straßen in diesem Teil der Villenkolonie Grunewald wurden überwiegend nach Weinorten benannt.

Trabener Straße 16, Foto: KHMM

Trabener Straße 16, Foto: KHMM

Trabener Str.16: Gedenktafel für Isadora Duncan und Engelbert Humperdinck
Die Berliner Gedenktafel (Porzellantafel der KPM) an dem Haus Trabener Straße 16 wurde am 26.10.1993 enthüllt. Der Text lautet:
Hier lebten und arbeiteten
von 1904 bis 1914
ISADORA DUNCAN
26.5.1877 – 14.9.1927
Tänzerin, Moderner Ausdruckstanz
von 1908 bis 1912
ENGELBERT HUMPERDINCK
1.9.1854 – 27.9.1921
Komponist, “Hänsel und Gretel” (1893)
Isadora Duncan gründete hier zusammen mit ihrer Schwester
Elizabeth eine Tanzschule für Kinder, die von Engelbert
Humperdinck unterstützt und gefördert wurde. 1914 zogen die
Duncans mit ihrer Tanzschule nach Paris
Soweit der Tafeltext.
Isadora Duncan wurde als Angela Isadora Duncan in San Francisco in den USA geboren. Als sich die Eltern scheiden ließen, wuchs Isadora zusammen mit drei Geschwistern bei ihrer Mutter in Armut auf. Die Mutter arbeitete als Musiklehrerin und ging 1899 mit ihren Kindern nach Europa.
Bereits als Zwölfjährige hielt Isadora Duncan die Ehe für sinnlos. In ihren Memoiren schrieb sie später: “Die Benachteiligung der Frauen machte tiefen Eindruck auf mich, und das Schicksal meiner Mutter vor Augen beschloss ich damals schon, mein ganzes Leben im Kampf gegen die Ehe zu verbringen: ich wollte für die Frauenemanzipation, für das Recht jeder Frau eintreten, Kinder zu gebären, wann es ihr beliebte…“
Schon als Kind entwickelte Isadora Duncan einen eigenen Tanzstil. Mit 21 Jahren feierte sie die ersten künstlerischen Erfolge in London. Auf Tourneen bereiste sie halb Europa und gastierte in den Metropolen Süd- und Nordamerikas. Als Tänzerin und Choreografin war sie die Wegbereiterin des modernen sinfonischen Ausdruckstanzes. Sie entwickelte ein neues Körper- und Bewegungsempfinden, das sich am griechischen Schönheitsideal orientierte.
Sie setzte als Erste klassische Konzertmusik tänzerisch um. Als Gegnerin des klassischen Balletts versuchte sie, den Tanz der Antike wieder zu beleben. Bei ihren Auftritten zog Isadora Duncan ihr Publikum vom ersten Augenblick an in ihren Bann. Sie tanzte korsettlos und barfuß sowie in griechisch-römischen Gewändern, in Chiton und Tunika, die den Blick auf die entblößten Arme und Beine weitgehend freigaben.
Zusammen mit ihrer Schwester Elizabeth Duncan (1871-1948) gründete Isadora Duncan 1904 hier in der Trabener Straße eine Internats-Tanzschule, in der Kinder kostenlos von frühester Jugend an in ihrem Sinne ausgebildet wurden. Körper, Seele und Geist der Schülerinnen sollten sich gleichermaßen entwickeln. Die Schule übersiedelte später unter der Leitung ihrer Schwester nach Darmstadt und dann auf das Schloss Klessheim bei Salzburg. Im Jahr 1936 wurde das gesamte Institut in die Kaulbachstraße in München verlegt.
Nachdem sie sich von ihrem ersten Lebenspartner Gordon Craig getrennt hatte, wurde der Nähmaschinen-Erbe Paris Singer von 1910 bis 1913 ihr Lebensgefährte. 1913 starben ihre beiden Kinder bei einem tragischen Autounfall in Paris.
Ihr Chauffeur hatte vergessen, die Handbremse anzuziehen, als er ausstieg, um den in einer Kurve stockenden Motor zu reparieren. Das Auto stürzte in die Seine und die Kinder und das Kindermädchen ertranken. Nach dem Tod ihrer Kinder begann Isadora Duncan zu trinken, wurde füllig und verlor ihre äußeren Reize. Sie scherzte resignierend: „Ich liebe Kartoffeln und junge Männer“. Ihr späteres drittes Kind (ein Sohn) starb kurz nach der Geburt. 1922 heiratete sie in Moskau den 26 Jahre alten russischen Dichter Sergei Jessenin.
Isadora Duncan starb auf tragische Weise mit 50 Jahren in Nizza. Als sie mit einem Begleiter in einem offenen Amilcar in Nizza spazieren fahren wollte, verfing sich ihr langer roter Seidenschal, den sie um ihren Hals geschlungen hatte, vor der Abfahrt in den Radspeichen des Sportwagens, so dass der scharfe Ruck bei der Anfahrt des Wagens ihr Genick brach. Sie verstarb am Unfallort. Ihre Lebensgeschichte wurde 1968 in dem Streifen „Isadora“ mit Vanessa Redgrave in der Hauptrolle verfilmt.

In den 1960er Jahren lebte hier der Komponist Hans Werner Henze. Wir werden später auf ihn zurück kommen.

Fontanestraße
Die Fontanestraße wurde 1898 nach dem Schriftsteller Theodor Fontane benannt.

Fontanestr. 8, 10.3.2010, Foto: KHMM

Fontanestr. 8, 10.3.2010, Foto: KHMM

Fontanestr. 8: Gedenktafel für Max Reinhardt
Die KPM-Gedenktafel für Max Reinhardt wurde 2008 anstelle einer früher hier angebrachten kleinen Messingtafel enthüllt. Sie enthält folgenden Text:
Hier lebte von 1902 bis 1905
Marx Reinhardt
9.9.1873 – 31.10.1943
Schauspieler, Regisseur und Theaterleiter
Schöpfer des modernen Regietheaters
Der Intendant bedeutender Sprechbühnen Berlins
und Gründer zahlreicher Theater dieser Stadt
verließ 1933 Deutschland und emigrierte später
in die USA
Gefördert durch die GASAG Berliner Gaswerke Aktiengesellschaft

Max Reinhardt war der bedeutendste Theater-Regisseur in Berlin seit der Jahrhundertwende bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten. Am Anfang seiner Berliner Karriere lebte er hier und lernte um die Ecke in der Trabener Straße Engelbert Humperdinck kennen, den er schon 1905 als Komponisten für seine Bühnenmusik engagierte. 1905 gründete er die Schauspielschule Berlin. Als berühmter Theaterregisseur verließ er 1906 seine Wohnung hier in der Fontanestraße und zog gegen den Trend der damaligen Zeit vom Neuen in den Alten Westen in ein großzügiges Palais im Tiergartenviertel. Er leitete eine Reihe von Berliner Theatern. Er gründete 1924 unter anderem auch die Komödie und das Theater am Kurfürstendamm. Er entdeckte und förderte unzählige Schauspieler und Schauspielerinnen, darunter Tilla Durieux, Camilla Spira und Trude Hesterberg.

Bettinastraße
Die Bettinastraße wurde 1898 nach der Schriftstellerin Bettina von Arnim benannt. Sie wurde als Anna Elisabeth Catarina Ludovica Magdalena von Brentano 1785 in Frankfurt am Main geboren. 1811 heiratete sie Achim von Arnim und zog mit ihm nach Berlin, wo sie auch nach dem Tod Arnims 1831 blieb. Sie war eine vielseitige Künstlerin, malte, komponierte Lieder, schrieb Gedichte und Märchen, unterhielt einen legendären Salon, wo sich illustre Persönlichkeiten trafen. Sie trat für die Rechte der Frauen und für die Lösung sozialer Fragen ein, was sie zeitweilig in den Ruf brachte, eine politische Verschwörerin zu sein. In Appellen an Friedrich Wilhelm IV. prangerte sie das soziale Elend und die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Preußen an.

Bettinastraße 12, Foto: KHMM

Bettinastraße 12, Foto: KHMM

Bettinastr.12: Hildegard Knef
Hildegard Knef hatte viele Adressen in Berlin. Anfang der 1970erJahre, nachdem ihre Autobiographie “Der geschenkte Gaul” erschienen war, lebte sie in einer Suite im Kempinski.
1976 bezog sie eine 10-Zimmer-Wohnung in der Clausewitzstraße, die vergleichsweise preiswert war, weil es sich bei der “Pension Clausewitz” um ein ehemaliges Bordell handelte. Ende der 1970er Jahre zog sie dann mit ihrer Familie hierher, in die Bettinastraße 12. In der Presse waren in dieser Zeit vor allem die Schönheitsoperationen von Hildegard Knef Thema, und sie zeigte sich monatelang nicht der Öffentlichkeit. Dann öffnete sie ihre Türen für die Klatschpresse, die nun darüber abstimmen ließ, ob die Knef besser oder schlechter als zuvor aussah. Für 1980/81 war eine große Tournee durch die deutschsprachigen Länder geplant, die ein grandioser Misserfolg wurde. Hildegard Knef war danach pleite. Sie konnte die monatliche Miete von 4.000 DM nicht mehr bezahlen und musste werden der Mietschulden ausziehen. 1982 zog sie nach Hollywood. 1989 kehrte sie wieder nach Berlin zurück und trat noch einmal mit mäßigem Erfolg in dem autobiographischen Musical “Für mich soll’s rote Rosen regnen” im Varieté Wintergarten auf. Nach langer Krankheit und mehreren Notoperationen starb sie am 1. Februar 2002 mit 76 Jahren in ihrer Heimatstadt Berlin.

Douglasstraße
Die Douglasstraße wurde 1898 nach dem schottischen Botaniker David Douglas benannt, der von 1798 bis 1834 lebte. Der Garten- und Landschaftsplaner John Booth von der Kurfürstendammgesellschaft, der die Villenkolonie Grunewald mit geplant hatte, benannte die Straße, die über seinen Grundbesitz führte, nach seinem jung verstorbenen Freund.

Douglasstraße 26-28, Foto: KHMM

Douglasstraße 26-28, Foto: KHMM

Douglasstr. 26-28: Renate Holm, Ursula Meissner
Diese Villa wurde 1907 von Hart & Lesser für den Bankier Julius Erxleben gebaut. Das Haus diente in den 50er Jahren als Filmkulisse unter anderem für Edgar-Wallace-Filme.
Hier lebte zeitweilig Renate Holm. Sie wurde 1931 als Renate Franke in Berlin geboren. 1961 gelang ihr als Opernsängerin an der Wiener Staatsoper der große Durchbruch. Meist unter der musikalischen Leitung von Herbert von Karajan sang sie an allen großen Opernbühnen, häufig mit Rudolf Schock oder Fritz Wunderlich. Außerdem wirkte sie in rund dreißig Musik- und Heimatfilmen mit. Sie lebt in Wien, gibt nach wie vor Konzerte und tritt bei Festivals auf.
Auch die 1923 geborene Ursula Meissner lebte hier. Als 20jährige Schauspielerin am preußischen Staatstheater versteckte sie 1943 Konrad Latte und seine Eltern. Konrad Latte war damals Organist an der Dahlemer St. Annen-Kirche. Wegen seiner jüdischen Herkunft geriet er immer mehr in Bedrängnis, überlebte aber die Nazizeit dank der Hilfe von Ursula Meissner und anderen. Später wurde er als Leiter des Berliner Barock-Orchesters bekannt.

Douglasstraße 22, Foto: KHMM

Douglasstraße 22, Foto: KHMM

Douglasstr. 22: Gedenktafel für Friedrich Wilhelm Murnau
Die Gedenktafel für Friedrich Wilhelm Murnau wurde 1989 enthüllt. Der Text lautet:
Hier lebte von 1919 bis 1926
FRIEDRICH WILHELM MURNAU
28.12.1888 – 11.3.1931
Schauspieler, Regisseur zahlreicher Stummfime:
“Nosferatu” (1921) “Der Letzte Mann” (1924) erschloß dem
Film neue Ausdrucksmöglichkeiten durch “Entfesselung der
Kamera”. Seit 1926 in Hollywood, drehte dort unter anderem
“Sunrise” (1927)

Villa Epstein, Foto: KHMM

Villa Epstein, Foto: KHMM

Douglasstr. 15: Villa Epstein
Dieses Haus ließ sich der Rechtsanwalt Max Epstein 1922-25 von dem berühmten Architekten Oskar Kaufmann bauen, der vor allem durch seine Theaterbauten berühmt wurde. In Berlin hat er unter anderem die Volksbühne, das Hebbel-Theater, die ursprüngliche Komödie, das Theater am Kurfürstendamm und das Renaissance-Theater gebaut.

Stolperstein für Johanna Jacobsthal

Stolperstein für Johanna Jacobsthal

Douglasstr. 11: Stolperstein für Johanna Jacobsthal
Nachdem der Schnee endlich weggetaut ist, sind auch die Stolpersteine wieder zu sehen, wenn sie nicht von einer dicken Schicht Granulat verdeckt werden. 1996 hat der Bildhauer Gunter Demnig in Köln die ersten Stolpersteine verlegt: 10 × 10 cm große aus Beton gegossene Steine mit eingelassener Messingtafel, in die der Künstler mit Hammer und Schlagbuchstaben “Hier wohnte”, Namen, Jahrgang und Stichworte zum weiteren Schicksal eines einzelnen Menschen einstanzt. Die im Gehweg vor dem früheren Wohnort eingelassenen Stolpersteine sollen an die Opfer von Holocaust und Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern.
Inzwischen hat Gunter Demnig über 22.000 Steine in etwa 530 Städten und Gemeinden in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Österreich, Polen, Tschechien, der Ukraine und Ungarn gesetzt. In Charlottenburg-Wilmersdorf wurden bisher rund 700 Stolpersteine verlegt, und in diesem Jahr werden wohl rund 900 weitere hinzu kommen.
Hier, vor dem Haus Douglasstraße 11, erinnert ein Stolperstein mit folgendem Text an Johanna Jacobsthal:
HIER WOHNTE
JOHANNA JACOBSTHAL
JG. 1896
DEPORTIERT
26.09.1942
RAASIKU
ERMORDET
Johanna Jacobsthal wurde mit über tausend anderen jüdischen Menschen, darunter 108 Kindern im Alter unter 10 Jahren, nach Raasiku in Estland deportiert und dort ermordet. Nur 26 Menschen aus diesem Transport überlebten.

Douglasstraße 10, 10.3.2010, Foto: KHMM

Douglasstraße 10, 10.3.2010, Foto: KHMM

Douglasstr.10: Gedenktafel für Alfred Kerr
Hier erinnert eine Gedenktafel am Zaun an Alfred Kerr:
Hier lebte bis zu seiner Emigration
im Jahre 1933
ALFRED KERR
Theaterkritiker, Schriftsteller
und Dichter
*25.12.1867 Breslau +12.10.1948 Hamburg

Er lebte hier von 1929 bis 1933. Seine Tochter Judith Kerr beschrieb in ihrem Buch “Als Hitler mein rosa Kaninchen stahl” ihre Kindheit und Schulzeit in Grunewald und die Emigration der Familie. Aus der kindlichen Perspektive beschreibt Judith Kerr die überstürzte Flucht des Vaters im Februar 1933, dem die Familie bald folgte:
“Warum ist Papa so plötzlich weggefahren?”
“Weil ihn gestern jemand angerufen und ihn gewarnt hat, daß man ihm vielleicht den Paß wegnehmen würde. Darum habe ich ihm einen kleinen Koffer gepackt, und er hat den Nachtzug nach Prag genommen – das ist der kürzeste Weg aus Deutschland hinaus.”
“Wer könnte ihm denn seinen Paß wegnehmen?”
“Die Polizei. In der Polizei gibt es ziemlich viele Nazis.”
“Und wer hat ihn angerufen und ihn gewarnt?”
Mama lächelte zum ersten Mal.
“Auch ein Polizist. Einer, den Papa nie getroffen hat; einer, der seine Bücher gelesen hat, und dem sie gefallen haben.”
Judith Kerr hat mehrere Bücher geschrieben und lebt als bekannte Autorin in London.

Während der Zeit des Nationalsozialismus lebte hier die 1917 in Berlin geborene Schauspielerin Jutta Freybe. Nach dem Propagandafilm “Die goldene Spinne” 1943 gab sie ihre Filmkarriere auf. Sie starb 1971 in Büsum.

Gustav-Freytag-Str. 6-8, 10.3.2010, Foto: KHMM

Gustav-Freytag-Str. 6-8, 10.3.2010, Foto: KHMM

Gustav-Freytag-Str. 6-8: Ilse Werner
Ilse Werner war nicht nur eine beliebte Schauspielerin der 1940er Jahre, sondern sie konnte auch pfeifen, was sie noch populärer machte. Während dem Zweiten Weltkrieg unterhielt sie das Publikum in Filmen wie “Bel Ami” (1939), “Die schwedische Nachtigall” (1940) oder “Wir machen Musik” (1942). Mit Carl Raddatz stand sie in dem nationalsozialistischen Propagandafilm “Wunschkonzert” vor der Kamera. Ilse Werner starb 2005. Sie wurde auf eigenen Wunsch auf dem Goethefriedhof in Potsdam-Babelsberg beigesetzt. Ihren Nachlass übertrug sie dem Filmmuseum Potsdam.

Koenigsallee
Die Koenigsallee wurde 1895 nach dem Bankier Felix Koenigs benannt, einem Mitbegründer der Villenkolonie Grunewald. Koenigs schrieb sie mit “oe”, nicht mit “ö”.

(Koenigsallee 83: Brigitte Mira)
In ihrem “Hexenhäuschen” in der Koenigsallee 83, direkt am Grunewald, ein paar Schritte vom Hundekehlesee entfernt, lebte Brigitte Mira.
Leider liegt das Haus ziemlich weit von unserem Rundgang entfernt. Deshalb von hier aus ein paar Worte zu Brigitte Mira: Sie wurde 1910 in Hamburg geboren und wuchs in Düsseldorf auf. Nach der nationalsozialistischen Definition galt sie als „Halbjüdin“. In einer als NS-Propagandaserie gedachten Filmreihe mit dem Titel „Liese und Miese“, die als Vorprogramm zu den Wochenschauen lief, spielte sie die Miese. Dabei war die „Liese“ die „Gute“, die im Sinne der Nazi-Propaganda alles richtig machte. Dagegen machte die „Miese“ alles falsch, hörte Feindsender und hortete Lebensmittel. Brigitte Miras „Miese“ fand aber beim Publikum mehr Anklang als „Liese“, die von Gisela Schlüter gespielt wurde. Das blieb auch dem Propagandaministerium nicht verborgen, und es setzte die Serie wieder ab.
Ihr erster Spielfilm war 1948 „Berliner Ballade“. Bekannt wurde sie vor allem 1974 durch ihre Rolle in Rainer Werner Fassbinders Film „Angst essen Seele auf“ und seit 1977 in der Fernsehserie Drei Damen vom Grill. Ende der 1990er Jahre begann sie eine Chanson-Tournee mit Evelyn Künneke und Helen Vita unter dem selbstironischen Titel Die drei alten Schachteln.
Die drei traten bis zum Tod der beiden jüngeren 2001 gemeinsam auf. Brigitte Mira starb 2005 im Alter von 94 Jahren. Sie wurde auf dem Luisenfriedhof III am Fürstenbrunner Weg begraben.

Koenigsallee 65, 10.3.2010, Foto: KHMM

Koenigsallee 65, 10.3.2010, Foto: KHMM

Koenigsallee 65: Gedenktafel für Walter Rathenau
Die Villa wurde 1910 gebaut. Der Text der Gedenktafel am Zaun lautet:
Dieses Haus erbaute
und bewohnte von
1910 -1922
WALTHER
RATHENAU
Reichsaußenminister

Rathenau selbst hat das Haus gemeinsam mit seinem Freund Johannes Kraaz entworfen. Alfred Kerr schrieb über das “Jagdhaus”: “Es war beileibe weder schlicht noch ein Jagdhaus – sondern barg im Innern, was das Herz begehrte… Wilhelm kam hier oft vorbei, wenn er nach Potsdam fuhr,
Walthers Freunde schoben ihm eine List unter: der Kaiser sollte beim Vorüberfahren aufmerksam werden und nach dem Besitzer des “Jagdhauses” fragen, das in brandenburgischem Spartanertum von den prunkreichen Villen des Grunewalds ruckartig abstach.”
Am 24. Juni 1922 wurde Walther Rathenau auf dem Weg zum Außenministerium in der Koenigsallee Ecke Erdener Straße im offenen Wagen von Rechtsradikalen ermordet. Auf einem kleinen Platz in der Kurve der Koenigsallee erinnert ein Gedenkstein an ihn.

Koenigsallee 53, Foto: KHMM

Koenigsallee 53, Foto: KHMM

Koenigsallee 53: Aniela Fürstenberg, Ingeborg Bachmann
Auf dem Grundstück am Dianasee wurden in den 50er Jahren vier Reihenhäuser entlang der Koenigsallee gebaut.
Von 1898 bis zu seinem Tod 1933 lebte hier der Bankier Carl Fürstenberg. Als Direktor der Berliner Handelsgesellschaft BHG, beteiligte er seine Bank am Ausbau des Kurfürstendamms und an der Erschließung der Villenkolonie Grunewald. Die Villenkolonie war sein Lieblingsprojekt, für das er sich persönlich einsetzte. Er ließ sich hier am Dianasee von dem Architekten Ernst von Ihne eine zunächst nur als Sommersitz gedachte Villa bauen.
1905 zog er ganz in den Grunewald. Alfred Kerr schrieb:
“Der wirkliche Herr des Hauses war nicht der Finanzmann, sondern Aniela, seine Frau: Polin von fremdartiger Schönheit, aristokratisch, überlegen.”
Sie richtete die legendären gesellschaftlichen Empfänge aus, auf denen Künstler wie Walter Leistikow, Hanns Fechner und Max Klein und Prominente wie Richard Strauss, Gerhart Hauptmann, Max Reinhardt, Walther Rathenau, Maximilian Harden und Alfred Kerr verkehrten. Walter Leistikow bewohnte mehrere Jahre ein Gartenhaus auf dem Grundstück und malte hier seine berühmten Grunewald-Bilder.
Alfred Kerr schreibt über die Empfänge bei den Fürstenbergs:
“Aniela hatte mich im Grunewald bei dem Bildhauer Max Klein kennengelernt und in ihr Haus gezogen … Dort waren die Gesellschaften in der Mischung oft recht locker – obschon die Gäste wegen der Tischordnung manchmal tobgrollten. Gutgekleidete Töchter; leckere Mädel aus üppigem Haus; hübsche Finanzfrauen; Diplomatie; zwischendurch irgendein Fürst Radziwill; eine Sängerin; irgendein Douglas; preußische Minister; Volk, Edle, Füllsel – und Rathenau.”
Aniela Fürstenberg war nicht nur als Berliner “Gesellschaftslöwin” beliebt, sondern auch bekannt für ihr soziales Engagement. Im Charlottenburger Westend gründete sie ein Säuglings- und Mütterheim für mittellose und ledige Mütter.

1963 zog die große Schriftstellerin Ingeborg Bachmann nach Berlin, nachdem sie sich von Max Frisch getrennt hatte. Sie lebte zunächst in einer kleinen Wohnung am Hasensprung 2. Wir werden gleich daran vorbeikommen. Dann zog sie hierher in eine Wohnung an der Koenigsallee 53. Sie freundete sich mit dem Komponisten Hans Werner Henze an, der zu dieser Zeit in dem Haus an der Trabener Straße 16 wohnte, in dem vor dem Ersten Weltkrieg Isadora Duncan und Engelbert Humperdinck gelebt hatten. Henze schrieb über seine Freundschaft mit Ingeborg Bachmann:
“Ingeborg Bachmann und ich, wir waren ja ein paar Jahre in Berlin. Ich wohnte am Bahnhof Grunewald, sie etwa zehn Minuten von mir entfernt. Wenn man etwas geschrieben hatte und froh darüber und ganz stolz mit sich selber, dann konnte man zu Fuß hingehen und es jemandem erzählen, der das zu schätzen wusste. Und vice versa ebenfalls. Manchmal schob man das Manuskript auch nur unter der Tür her, um nicht zu stören. Da gab es einen Zusammenklang, der von hoher Produktivität war … Ich lehnte mich an sie an, ihr Geist half meiner Schwachheit auf.”
Soweit das Zitat von Hans Werner Henze. Sie war seine Muse. Es war eine große Freundschaft zwischen der Dichterin und dem homosexuellen Komponisten entstanden.

Koenigsallee 45: Gedenktafel für Vicki Baum
Die Porzellantafel der KPM wurde 1989 angebracht. Sie enthält folgenden Text:
In dem früher hier stehenden Haus lebte
von 1926 bis zu ihrer Übersiedlung in die USA 1931
VICKI BAUM
24.1.1888 – 29.8.1960
Journalistin, Schriftstellerin und Drehbuchautorin
schrieb hier 1929 ihren Erfolgsroman
“Menschen im Hotel”

Vicki Baum wohnte hier mit ihrem Mann Richart Lert, der Generalmusikdirektor an der Staatsoper Unter den Linden war. Ihre beiden Söhne besuchten das nahegelegene Grunewald-Gymnasium, das heutige Walther-Rathenau-Gymnasium. In ihrem Erinnerungsbuch “Es war alles ganz anders” schrieb sie:
“Wir wohnten nahe den Grunewaldseen, und in der warmen Jahreszeit fuhren wir nach einem leichten Frühstück allesamt hinaus, um rasch ein paar Stöße zu schwimmen … Dann brachten wir, mein Mann und ich, die Kinder zur Schule, aber um Himmels willen nie bis an den Eingang: wer im Wagen vorfuhr, war als Dicketuer gezeichnet.”
Zur Verfilmung ihres Romans “Menschen im Hotel” reiste Vicki Baum 1931 nach Hollywood, kehrte noch einmal kurz zurück, entschied sich aber dann wegen des wachsenden Antisemitismus 1932 endgültig zur Übersiedlung in die USA.

Koenigsallee.30-32 Stiftung Starke im Löwenpalais
1903/04 baute Bernhard Sehring für Emilie Habel, ein Mitglied der Familie des kaiserlichen Kellermeisters Habel, den schlossartigen Putzbau mit reichem historischem Baudekor, kupferner Kuppel und zwei steinernen Löwen, nach denen das Haus den Namen “Löwenpalais” erhielt. Es ist einer der größten und prunkvollsten Bauten der Villenkolonie Grunewald. Nach 1930 wurde das Haus aufgeteilt in 30 luxuriöse Wohnungen, in denen bis in die Nachkriegszeit zahlreiche Künstler wohnten, unter anderem O.W. Fischer und O.E. Hasse.
Innen stark verändert, beherbergt das Palais heute die 1988 gegründete gemeinnützige Kunststiftung Starke. Sie bietet jungen Künstlern im Löwenpalais Wohn- und Arbeitsateliers zur temporären Nutzung als Artists in Residence. Und sie veranstaltet Kunstausstellungen mit wissenschaftlicher Begleitung und fördert den Dialog zwischen Künstlern und Öffentlichkeit. Spektakulär waren in den vergangenen Jahren einige Projekte mit Yoko Ono, der Witwe von John Lennon.

Hasensprung, Foto: KHMM

Hasensprung, Foto: KHMM

Hasensprung
Die 1920 errichtete Hasensprungbrücke überquert im Zuge des Promenadenweges zwischen Koenigsallee und Winklerstraße die enge Verbindung von Dianasee und Koenigssee. Der Name des Fußweges nach einer Weinlage im Rheingau gab 1924 den gestalterischen Anstoß für die beiden spiegelbildlichen Steinfiguren auf der Brückenbrüstung.

Dianasee und Koenigssee
Der 2,5 ha große Dianasee und der 2,2 ha große Koenigssee sind zwei der vier 1889 beim Ausbau der Villenkolonie Grunewald künstlich angelegten Seen.
Diana war in der römischen Mythologie die Göttin des Mondes und der Fruchtbarkeit, Beschützerin der Frauen und Mädchen. Später wurde sie der griechischen Artemis angeglichen und so auch zur Göttin der Jagd.
Der Koenigssee wurde wie die gleichnamige Allee nach dem Bankier und Mäzen Felix Koenigs benannt.

Winkler Straße
Die Winkler Straße wurde 1898 nach dem Weinort Oestrich-Winkel im Rheingau-Taunus benannt. In diesem Teil Grunewalds wurden einige Straßen nach Weinorten und Weinsorten benannt: zum Beispiel Trabener, Erdener, Erbacher, Niersteiner. Die Winkler Straße ist eine der besonders reizvollen Straßen in der Kolonie mit bedeutender Villenarchitektur.

Winkler Str. 11
Die Villa wurde 1906 von Hermann Muthesius im englischen Landhausstil für den Ingenieur und Fabrikanten Eduard Bernhard gebaut. Sie war für damalige Verhältnisse recht modern, ohne historisierende Ausschmückungen. Auffällig ist beispielsweise die ebenerdige Eingangstür ohne pompöse Freitreppe. Manche Architekturkritiker halten sie für die schönste Villa in Grunewald. Heute ist sie Bau- und Gartendenkmal. Der Pavillon als Ausguck weist darauf hin, dass ursprünglich von hier aus der Blick auf den Dianasee frei war.

Winkler Str. 13
Die Villa wurde im malerischen Landhausstil mit vielen Türmchen, Spitzdächern und Giebeln 1895/96 von Cornelius & Jaehn für den Druckereibesitzer Martin Franz gebaut. Sie steht heute ebenfalls auf der Baudenkmalliste.

Winkler Straße 10, Foto: KHMM

Winkler Straße 10, Foto: KHMM

Winkler Str. 10: Villa Noelle, Elisabeth Noelle-Neumann
Die Villa ließ 1901 der Stahlbauunternehmer und Kommerzienrat Ernst Noelle bauen. Das dazugehörige Grundstück war ursprünglich 9.000 qm groß, lag direkt am Dianasee und reichte bis zum Hasensprung. Es umfasste die heutigen Hausnummern 6a, 8 und 10. Ernst Noelle wurde 1854 in Mülheim an der Ruhr geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Über den Stahlhandel bei Thyssen kam er nach Berlin und gründete hier mit seinem Freund Steffen die Stahlhandelsfirma Steffen und Noelle. Die Firma hat unter anderem den Stahl für den Bau des Funkturms geliefert. Ernst Noelle beauftragte den Architekten Hermann Solf, der bereits einige Villen in Grunewald gebaut hatte, mit dem Bau eines repräsentativen Hauses.
Es wurde im Stil der deutschen Renaissance ausgeführt und erinnert mit seinen Giebeln, Erkern und Dachaufbauten an den Burgenstil. Der Stein für die Fassadengestaltung stammte aus Oberdorla bei Mühlhausen in Thüringen. Ernst Noelle zog 1901 mit seiner Frau und seinen 5 Kindern ein. Er spendierte die Kirchenfenster für die Evangelische Grunewaldkirche und den jährlichen Tannenbaum für die Weihnachtsgottesdienste. Er starb 1916. Sein ältester Sohn hat später die Tobis-Filmgesellschaft gegründet, und dessen Tochter ist die bekannte Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann. Sie steht auch heute noch in enger Verbindung mit dem jetzigen Besitzer. Der Malermeister Uwe Schulz-Eschbach hat das Haus im Oktober 1972 gekauft, hat es saniert und seine Geschichte sorgfältig dokumentiert. Die Firma Schulz-Eschbach ist bekannt für ihre kunstvollen Restaurierungen und hat beispielsweise für den symbolischen Preis eines Preußentalers Schloss Sanssouci mit einem neuen Anstrich versehen.
Elisabeth Noelle-Neumann wurde 1916 hier in Berlin als Tochter von Eva und Ernst Noelle geboren. Sie legte 1935 in Göttingen das Abitur ab und studierte anschließend Philosophie, Geschichte, Zeitungswissenschaft und Amerikanistik in Berlin, Königsberg und in den USA.
1937/38 lernte sie in den USA neueste Demoskopie-Methoden kennen. In ihrer Dissertation mit dem Titel „Meinungs- und Massenforschung in USA“ beschrieb sie Deutschlands schlechtes Ansehen in der Welt vor allem aus der Darstellung der Medien in den USA und machte den Einfluss der amerikanischen Juden dafür verantwortlich. Goebbels berief sie auf Grund ihrer Arbeiten 1942 zur Adjutantin. Eine längere Erkrankung hinderte sie jedoch daran, dieses Amt anzutreten. Seit 1946 war sie mit dem Journalisten Erich Peter Neumann verheiratet, der 1973 starb. 1979 heiratete sie in zweiter Ehe den Physiker Heinz Maier-Leibnitz. Nach dessen Tod im Jahr 2000 nahm sie ihren Geburtsnamen Elisabeth Noelle wieder an, publiziert aber weiter unter dem Namen Noelle-Neumann. 1947 gründete sie ihr “Institut für Demoskopie Allensbach”, das erste Institut für Meinungsforschung in Deutschland. Seither gilt sie als Pionierin der Umfragen und Meinungsforschung in Deutschland und wird als “Pythia vom Bodensee” vor allem von Politikern gefürchtet.

Winkler Str. 12
Diese klassizistische Villa im Stil der italienischen Renaissance wurde 1896/97 von Heimann, Zaar & Vahl für den Arzt Paul Maren gebaut. Sie könnte auch irgendwo in der Toskana stehen. Besonders auffallend ist das Schmuckband im obersten Geschoss direkt unter dem Dach. Bis vor einigen Jahren war hier ein DRK-Wohnheim für Flüchtlingsfrauen untergebracht, jetzt wurde sie vorbildlich restauriert und wird privat genutzt.

Winkler Straße 15, 10.3.2010, Foto: KHMM

Winkler Straße 15, 10.3.2010, Foto: KHMM

Winkler Str. 15
Diese Villa hat der Architekt Ewald Becher 1896 in Anlehnung an den Renaissance-Stil für sich selbst gebaut. Heute ist sie ein Baudenkmal. Auffallend ist der glockenturmähnliche Aufsatz. Ewald Becher hat in der Folge noch eine Reihe von Villen in Grunewald gebaut.

Winkler Str. 15a Norwegische Botschaftsresiden z
Der architektonisch interessante Neubau der norwegischen Botschaftsresidenz wurde vor einigen Jahren auf einem ehemals bezirklichen Grundstück errichtet.

Winkler Str.18
Hier befand sich das 1898 von Alfred Messel gebaute Landhaus Dotti. Alfred Messel hatte unter anderem das berühmte Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz gebaut und auch hier ein architektonisch bedeutendes Wohngebäude geschaffen. Es wurde zerstört, und in den 60er Jahren wurde das Grundstück bis hinunter zum Dianasee dicht bebaut mit terrassenförmig angelegten Flachbauten.

Winkler Str. 20: Botschaftsresidenz der Vereinigten Arabischen Emirate
Hier haben die Vereinigten Arabischen Emirate den Neubau für ihre Botschaftsresidenz errichtet. Das Grundstück zieht sich hin bis zum Dianasee. Der Bau im arabisch angehauchten Architekturstil bereichert die äußerst vielfältige Architektur in dieser Straße.

Winkler Straße 22, 10.3.2010, Foto: KHMM

Winkler Straße 22, 10.3.2010, Foto: KHMM

Winkler Str. 22: Romy Schneider
Am 1. April 1965 wurde das Europa-Center mit viel Prominenz eröffnet, darunter Walter Giller, Günther Pfitzmann, Grethe Weiser und Romy Schneider. Ihr Stiefvater Hans Herbert Blatzheim eröffnete im Europa-Center ein neues Restaurant, und Romy Schneider reiste extra aus Paris an, wohin sie mehr oder weniger geflohen war, um ihrem Sissi-Image zu entkommen. Während der Eröffnungsrede kam verspätet der Schauspieler und Regisseur Harry Haubenstock, der vor allem an Boulevardtheatern inszenierte und sich Harry Meyen nannte. Er sah Romy Schneider, und es war wohl Liebe auf den ersten Blick. Sie heirateten am 15. Juli 1966 und bezogen als Ehepaar Haubenstock eine Vierzimmer-Wohnung hier in der Winkler Straße 22 in Grunewald.
Romy Schneider hat ihren Erinnerungen später ihre Grunewalder Zeit als die “schönsten, glücklichsten und heilsten Jahre” ihres Lebens bezeichnet. Am 3. Dezember 1966 wurde im Rudolf-Virchow-Krankenhaus der Sohn David-Christopher geboren. Zwei Jahre lang zog sich Romy Schneider komplett aus der künstlerischen Arbeit und – soweit es ihr möglich war – aus der Öffentlichkeit zurück.
Ältere Grunewalder erinnern sich noch heute an eine glücklich aussehende, immer freundliche Romy mit ihrem großen Kinderwagen, den sie von der Winkler Straße zu den Wiesen des Diana- und des Koenigssees schob. Aber die Idylle dauerte nicht lange. Die Ehe mit Harry Meyen scheiterte. Er war alkohol- und tablettenabhängig geworden und litt an Depressionen. Er erhängte sich Ende der siebziger Jahre mit einem Seidenschal an einer Feuerleiter.
1981 wurde Romy Schneiders zweite Ehe mit David Biasani geschieden, und im gleichen Jahr verunglückte ihr Sohn David-Christopher tödlich. Am 29. Mai 1982 wurde Romy Schneider in ihrer Wohnung in Paris tot aufgefunden. Ihr Vermächtnis ist ein erstaunliches Lebenswerk von 57 Filmen.

Bahnhof Grunewald