HIER WOHNTE
FRITZ FLÖRSHEIM
JG. 1874
DEPORTIERT 13.1.1942
RIGA
ERMORDET
Fritz Flörsheim wurde am 19. Februar 1874 in Berlin geboren. Sein Vater, der Kaufmann für Baumwollwaren Samson Eduard Flörsheim (1836 – 1897) stammte aus dem niedersächsischen Peine, seine Mutter Caroline, geb. Levy (1843 – 1932) aus Birnbaum an der Warthe/Posen. Das Ehepaar heiratete am 5. September 1871 in Berlin. Ein Jahr darauf kam Fritz’ älterer Bruder Ernst (*20. September 1872) auf die Welt. Ernst und Fritz waren die einzigen Kinder des Ehepaares Flörsheim. Die Familie lebte in Mitte in der Holzmarktstraße 53, später Nr. 67.
Nach dem Tod Eduard Flörsheims am 12. April 1897 zog seine Witwe zunächst nach Wilmersdorf in die Fasanenstraße 29, ab 1918 finden wir sie in der Bayreuther Straße 5 gemeldet.
Fritz, der als Bankbeamter bei der Dresdner Bank in der Französischen Straße (heute Hotel de Rome) tätig war, heiratete am 8. Juli 1920 die 20 Jahre jüngere Krankenschwester Edith Paula Koppel (*13. Juni 1894). Bis zu diesem Zeitpunkt wohnte er in der Küstriner Straße 3 (heute Damaschkestraße) in Charlottenburg, seit der Eheschließung lebte das Ehepaar zusammen mit Fritz’ Mutter bis 1932 in einer Erdgeschosswohnung in der Bayreuther Straße 5. Caroline Flörsheim starb am 26. Juli 1932. Im April desselben Jahres zogen Fritz und Edith in eine 5 1/2 Zimmerwohnung im Gartenhaus parterre in der Fasanenstraße 6.
Es ist nicht überliefert, wann Fritz im Rahmen der „Entjudungsmaßnahmen“ der Dresdner Bank seine Beschäftigung verlor. Dieser Prozess zog sich von 1933 bis 1938 hin. Nach seiner Entlassung bezog Fritz Flörsheim eine Pension in Höhe von 210 RM, die sich hauptsächlich aus Beiträgen der Reichsversicherung des Bank- und Bankiergewerbes zusammensetzte. Nur ein geringfügiger Anteil, nämlich 15,75 RM, kam von der Dresdner Bank. Für einen großen Haushalt war das ein nicht auskömmlicher Betrag, sodass Edith durch private Pflegetätigkeit einen Teil zum Haushaltseinkommen beigetragen haben wird.
Nach Aufhebung des Mieterschutzes für Juden 1939 wurden den Flörsheims zwei Untermieterinnen zugewiesen, „Sara“ Nesselowitsch und „Sara“ Goldmann.
Am 10. Januar 1942 mussten Fritz und Edith Flörsheim die obligatorische Vermögenserklärung ausfüllen, ein sicherer Hinweis auf die bevorstehende Deportation. Sie erklärten einen Barbesitz von 120 RM von Fritz und 20 RM von Edith. Die 3-seitige Inventarliste ihrer Wohnung, die nach der Deportation erstellt wurde, führte wertvolle Besitztümer auf, die von einem gehobenen Lebensstil der Eheleute zeugten. Die Behörden legten besonderes Augenmerk auf die silbernen Gegenstände, die sie vorgefunden hatten. Diese ließen sie von einem Juwelier und vereidigtem Sachverständigen gesondert begutachten.
Dennoch gelang es Fritz und Edith Flörsheim, 4 Pakete mit Wertgegenständen wie Silberbesteck, Schmuck, Fotos und privaten Schriftstücken zu verstecken. Sie wurden erst nach Kriegsende gefunden und 1946 bei der Generalsteuerkasse des Magistrats der Stadt Berlin in Verwahrung genommen. Wem aus der Familie Flörsheim, die den Holocaust überlebt hatten, diese 4 Pakete später übergeben wurden, konnte nicht geklärt werden.
Am 13. Januar wurden Fritz und Edith Flörsheim mit dem „8. Osttransport“ nach Riga deportiert. Der Transport ging vom Bahnhof Grunewald ab. Vom Sammellager der entweihten Synagoge in der Levetzowstraße in Tiergarten wurden die Älteren, Kranken und Kinder in offenen Lastwagen zum Bahnhof transportiert, alle anderen mussten den langen Weg unter den Augen der Berliner Bevölkerung zu Fuß zurücklegen. Von den 1034 deportierten Menschen dieses Transports überlebten nur 15 den Holocaust.
Fritz Flörsheims Bruder Ernst hatte Medizin studiert und zunächst im Urban Krankenhaus als Assistenzarzt gearbeitet. Er ließ sich später in der Rheinstraße 11 als praktischer Arzt nieder. Seine Wohnung befand sich in der Burggrafenstraße 18. Er war verheiratet mit Dora, geb. Valentin. Das Ehepaar bekam 4 Kinder, Dorothea, verh. Goldschmidt (geb. 5. August 1905 gest. 1967 in Spanien), Ilse verh. Hulse (geb. 3. Mai 1907, gest. 21. Dezember 1980 in den USA), Eduard Ernst (geb. 25. November 1911, gest. 23. September 1993 in Brasilien) und Susanne, verh. Spatz (geb. 13. August 1918, gest. 29. Mai 2013 in den USA).
Alle vier Kinder erkannten, in welcher Gefahr sie unter dem NS Regime lebten und konnten rechtzeitig fliehen. Auch Ernst und Dora reisten 1937 nach England aus, kamen aber aus nicht bekannten Gründen nach Berlin zurück. 1939 flüchtete das Ehepaar in die Niederlande, wurde dort von der Gestapo aufgegriffen und über das Durchgangslager Westerbork am 1. Februar 1944 nach Bergen – Belsen deportiert. Dort starb Ernst am 1. Juli 1944 an „Urämie“, einer Blutvergiftung infolge von Nierenversagen. Dora überlebte wie durch ein Wunder die Hölle von Bergen – Belsen. Sie wanderte nach dem Krieg in die USA aus. Sie lebte in New York, wo sie am 10. September 1971 starb.
Ihre Tochter Susanne Spatz hinterlegte in der Gedenkstätte Yad Vashem Gedenkblätter für ihren Vater Ernst Flörsheim, ihren Onkel Fritz Flörsheim und ihre Tante Edith Flörsheim.
Recherche und Text:
Karin Sievert Stolperstein-Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf
Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Brandenburgisches Landeshauptarchiv www.blha.de
Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Deportationslisten
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Yad Vashem – Opferdatenbank
Arolsen Archives
Landesarchiv, Personenstandsunterlagen über Ancestry
MyHeritage
Mapping the Lives