Stolpersteine Fasanenstraße 06

Hauseingang Fasanenstraße 6

Hauseingang Fasanenstraße 6

Die Stolpersteine für Edith und Fritz Flörsheim wurden am 28. Oktober 2020 verlegt.

Stolperstein für Edith Flörsheim

HIER WOHNTE
EDITH FLÖRSHEIM
GEB. KOPPEL
JG. 1894
DEPORTIERT 13.1.1942
RIGA
ERMORDET

Edith Paula Koppel war das jüngste von vier Kindern des Ehepaares Adolf Koppel und Olga Koppel geb. Phillipsthal. Adolf Koppel war Makler und lebte mit Frau und Kindern zunächst in der Oranienburger Straße 9-10, später in der Friedrichstraße 128.

Fritz Fabian und Bertha, die Erstgeborenen, waren Zwillinge und kamen am 17. Dezember 1887 auf die Welt. Es folgte Erna, geboren am 9. Februar 1890. Edith wurde am 13. Juni 1894 geboren.

Über Ediths Kindheit und Jugendzeit ist nichts bekannt.
Sie heiratete am 8. Juni 1920 den 20 Jahre älteren Bankbeamten Fritz Flörsheim und lebte mit ihm und ihrer Schwiegermutter Caroline bis 1932 in der Bayreuther Straße 5. Auf der Heiratsurkunde wird noch vermerkt „ohne Beruf“, offenbar hat Edith jedoch eine Pflegeausbildung gemacht, denn sie wird in Folge als „Krankenschwester“, „Schwester“ oder „Nurse“ bezeichnet.

Fritz Flörsheim konnte ihr einen gehobenen Lebensstandart bieten, das Ehepaar führte einen mit wertvollen Möbeln und Silberwaren ausgestatteten Haushalt, ab 1932 in einer 5 ½ Zimmerwohnung in der Fasanenstraße 6. Als Fritz seine Anstellung bei der Dresdner Bank im Rahmen der „Entjudungsmaßnahmen“ verlor, beziehungsweise in den vorgezogenen Ruhestand zwangsversetzt wurde, besserte sie das Haushaltseinkommen durch private Pflegetätigkeit auf. Sie wurde dafür mit 5 RM täglich entlohnt.
Die sich drastisch verschärfenden Verfolgungsmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung, die 1939 einen neuen Höhepunkt erreichten, veranlassten Ediths Geschwister zur Ausreise aus Nazi – Deutschland.

Fritz Fabian, seine Frau Kaethe und die gemeinsame Tochter Ruth flohen 1939 zunächst nach England, dann weiter nach Bratislava. Dort bestiegen sie die SS Hilda, die sie flussabwärts über die Donau und das Schwarze Meer nach Haifa brachte. Im Januar 1940 wurden sie nach dem Anlegen des Schiffes von den Briten als illegale Einwanderer verhaftet und im Atlit Gefangenenlager interniert. Sie lebten später in Tel Aviv.

Auch Fritz Fabians Zwillingsschwester Bertha emigrierte nach Palästina, es ist allerdings nicht bekannt, wann sie floh. Sie ließ sich in Haifa nieder.

Erna Koppel flüchtete in die USA. Sie starb im Juli 1987 in New York.

Ediths Vater Adolph war bereits im August 1938 im Alter von 84 Jahren verstorben, ihre Mutter Olga starb 80- jährig im Juni 1940 an einer Krebserkrankung.

Drei Tage vor der Deportation mussten Edith und Fritz Flörsheim die obligatorische „Vermögenserklärung“ abgeben, es entstand eine dreiseitige Liste ihres gesamten Hab und Guts. Wertvolles Silber wurde gesondert taxiert. Das Deutsche Reich wollte sich nichts vom jüdischen Besitz entgehen lassen. Trotzdem gelang es Fritz und Edith Flörsheim, 4 Pakete mit Wertgegenständen wie Silberbesteck, Schmuck, Fotos und privaten Schriftstücken vor dem Obergerichtsvollzieher zu verstecken. Sie wurden erst nach Kriegsende gefunden und 1946 bei der Generalsteuerkasse des Magistrats der Stadt Berlin in Verwahrung genommen. Es ist nicht bekannt, wem von den überlebenden Angehörigen die Pakete ausgehändigt wurden.
Am 24. Februar 1942, 11 Tage nach der Deportation der Flörsheims war die Wohnung in der Fasanenstraße 6 geräumt und „ungezieferfrei“. Die Wohnung konnte also „ sofort – nach Vornahme von Reparaturen zur Unterbringung Bombengeschädigter verwendet werden.“

Am 13. Januar 1942 wurden Fritz und Edith Flörsheim mit dem „8. Osttransport“ nach Riga verschleppt. Der Transport ging vom Bahnhof Grunewald ab. Vom Sammellager der entweihten Synagoge in der Levetzowstraße in Tiergarten wurden die Älteren, Kranken und Kinder in offenen Lastwagen zum Bahnhof transportiert, alle anderen mussten den langen Weg unter den Augen der Berliner Bevölkerung zu Fuß zurücklegen. Zahlreiche Menschen starben schon während der 3-tägigen Fahrt bei bitterster Kälte in den gedeckten Viehwaggons. Von den 1034 deportierten Menschen dieses Transports überlebten insgesamt nur 15 den Holocaust.

Recherche und Text:
Karin Sievert Stolperstein-Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen
:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945


Brandenburgisches Landeshauptarchiv www.blha.de

Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin

Deportationslisten

Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Yad Vashem – Opferdatenbank

Arolsen Archives
Landesarchiv, Personenstandsunterlagen über Ancestry
MyHeritage
Mapping the Lives

Stolperstein für Fritz Flörsheim

HIER WOHNTE
FRITZ FLÖRSHEIM
JG. 1874
DEPORTIERT 13.1.1942
RIGA
ERMORDET

Fritz Flörsheim wurde am 19. Februar 1874 in Berlin geboren. Sein Vater, der Kaufmann für Baumwollwaren Samson Eduard Flörsheim (1836 – 1897) stammte aus dem niedersächsischen Peine, seine Mutter Caroline, geb. Levy (1843 – 1932) aus Birnbaum an der Warthe/Posen. Das Ehepaar heiratete am 5. September 1871 in Berlin. Ein Jahr darauf kam Fritz’ älterer Bruder Ernst (*20. September 1872) auf die Welt. Ernst und Fritz waren die einzigen Kinder des Ehepaares Flörsheim. Die Familie lebte in Mitte in der Holzmarktstraße 53, später Nr. 67.

Nach dem Tod Eduard Flörsheims am 12. April 1897 zog seine Witwe zunächst nach Wilmersdorf in die Fasanenstraße 29, ab 1918 finden wir sie in der Bayreuther Straße 5 gemeldet.

Fritz, der als Bankbeamter bei der Dresdner Bank in der Französischen Straße (heute Hotel de Rome) tätig war, heiratete am 8. Juli 1920 die 20 Jahre jüngere Krankenschwester Edith Paula Koppel (*13. Juni 1894). Bis zu diesem Zeitpunkt wohnte er in der Küstriner Straße 3 (heute Damaschkestraße) in Charlottenburg, seit der Eheschließung lebte das Ehepaar zusammen mit Fritz’ Mutter bis 1932 in einer Erdgeschosswohnung in der Bayreuther Straße 5. Caroline Flörsheim starb am 26. Juli 1932. Im April desselben Jahres zogen Fritz und Edith in eine 5 1/2 Zimmerwohnung im Gartenhaus parterre in der Fasanenstraße 6.

Es ist nicht überliefert, wann Fritz im Rahmen der „Entjudungsmaßnahmen“ der Dresdner Bank seine Beschäftigung verlor. Dieser Prozess zog sich von 1933 bis 1938 hin. Nach seiner Entlassung bezog Fritz Flörsheim eine Pension in Höhe von 210 RM, die sich hauptsächlich aus Beiträgen der Reichsversicherung des Bank- und Bankiergewerbes zusammensetzte. Nur ein geringfügiger Anteil, nämlich 15,75 RM, kam von der Dresdner Bank. Für einen großen Haushalt war das ein nicht auskömmlicher Betrag, sodass Edith durch private Pflegetätigkeit einen Teil zum Haushaltseinkommen beigetragen haben wird.

Nach Aufhebung des Mieterschutzes für Juden 1939 wurden den Flörsheims zwei Untermieterinnen zugewiesen, „Sara“ Nesselowitsch und „Sara“ Goldmann.
Am 10. Januar 1942 mussten Fritz und Edith Flörsheim die obligatorische Vermögenserklärung ausfüllen, ein sicherer Hinweis auf die bevorstehende Deportation. Sie erklärten einen Barbesitz von 120 RM von Fritz und 20 RM von Edith. Die 3-seitige Inventarliste ihrer Wohnung, die nach der Deportation erstellt wurde, führte wertvolle Besitztümer auf, die von einem gehobenen Lebensstil der Eheleute zeugten. Die Behörden legten besonderes Augenmerk auf die silbernen Gegenstände, die sie vorgefunden hatten. Diese ließen sie von einem Juwelier und vereidigtem Sachverständigen gesondert begutachten.

Dennoch gelang es Fritz und Edith Flörsheim, 4 Pakete mit Wertgegenständen wie Silberbesteck, Schmuck, Fotos und privaten Schriftstücken zu verstecken. Sie wurden erst nach Kriegsende gefunden und 1946 bei der Generalsteuerkasse des Magistrats der Stadt Berlin in Verwahrung genommen. Wem aus der Familie Flörsheim, die den Holocaust überlebt hatten, diese 4 Pakete später übergeben wurden, konnte nicht geklärt werden.

Am 13. Januar wurden Fritz und Edith Flörsheim mit dem „8. Osttransport“ nach Riga deportiert. Der Transport ging vom Bahnhof Grunewald ab. Vom Sammellager der entweihten Synagoge in der Levetzowstraße in Tiergarten wurden die Älteren, Kranken und Kinder in offenen Lastwagen zum Bahnhof transportiert, alle anderen mussten den langen Weg unter den Augen der Berliner Bevölkerung zu Fuß zurücklegen. Von den 1034 deportierten Menschen dieses Transports überlebten nur 15 den Holocaust.

Fritz Flörsheims Bruder Ernst hatte Medizin studiert und zunächst im Urban Krankenhaus als Assistenzarzt gearbeitet. Er ließ sich später in der Rheinstraße 11 als praktischer Arzt nieder. Seine Wohnung befand sich in der Burggrafenstraße 18. Er war verheiratet mit Dora, geb. Valentin. Das Ehepaar bekam 4 Kinder, Dorothea, verh. Goldschmidt (geb. 5. August 1905 gest. 1967 in Spanien), Ilse verh. Hulse (geb. 3. Mai 1907, gest. 21. Dezember 1980 in den USA), Eduard Ernst (geb. 25. November 1911, gest. 23. September 1993 in Brasilien) und Susanne, verh. Spatz (geb. 13. August 1918, gest. 29. Mai 2013 in den USA).

Alle vier Kinder erkannten, in welcher Gefahr sie unter dem NS Regime lebten und konnten rechtzeitig fliehen. Auch Ernst und Dora reisten 1937 nach England aus, kamen aber aus nicht bekannten Gründen nach Berlin zurück. 1939 flüchtete das Ehepaar in die Niederlande, wurde dort von der Gestapo aufgegriffen und über das Durchgangslager Westerbork am 1. Februar 1944 nach Bergen – Belsen deportiert. Dort starb Ernst am 1. Juli 1944 an „Urämie“, einer Blutvergiftung infolge von Nierenversagen. Dora überlebte wie durch ein Wunder die Hölle von Bergen – Belsen. Sie wanderte nach dem Krieg in die USA aus. Sie lebte in New York, wo sie am 10. September 1971 starb.

Ihre Tochter Susanne Spatz hinterlegte in der Gedenkstätte Yad Vashem Gedenkblätter für ihren Vater Ernst Flörsheim, ihren Onkel Fritz Flörsheim und ihre Tante Edith Flörsheim.

Recherche und Text:
Karin Sievert Stolperstein-Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:

Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945


Brandenburgisches Landeshauptarchiv www.blha.de

Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin

Deportationslisten

Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Yad Vashem – Opferdatenbank

Arolsen Archives
Landesarchiv, Personenstandsunterlagen über Ancestry
MyHeritage
Mapping the Lives

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