Stolperstein Konstanzer Str. 54

Die Stolpersteine für Antonie und Ludwig Berggruen wurden am 23.20.2019 verlegt.

Stolpertein Antonie Berggruen

HIER WOHNTE
ANTONIE BERGGRUEN
GEB: ZADEK
JG. 1889
FLUCHT 1939 KUBA
MS ST. LOUIS
EINREISE VERWEIGERT
BELGIEN, ENGLAND
1943 KANADA, USA

Antonie Zadek, die man Toni nannte, kam am 5. Juli 1889 in Bromberg in der Provinz Posen (heute Bydgoszcz in Polen) zur Welt. Ihr Vater Julius stammte aus Stettin und hatte 1881 in Bromberg eine Firma gegründet, die zunächst mit Leder und Schuhmacherartikeln handelte, später vor allem mit Schuhen. Ihre Mutter hieß Fanny geborene Placzek. Toni hatte eine ältere Schwester namens Paula (*1884) und einen älteren Bruder namens Alex (*1887).

1910 verlobte sie sich mit Ludwig Berggruen (*17. Juli 1882), der ebenfalls in Bromberg geboren und Sohn eines Kantors war. Toni und Ludwig heirateten und zogen nach Berlin-Wilmersdorf in die Konstanzer Straße 54. Dort eröffneten sie ein Papier- und Schreibwarengeschäft in der Nähe des Olivaer Platzes. Am 6. Januar 1914 bekamen sie ihr erstes und einziges Kind, den Sohn Heinz, auf den sie sehr stolz waren. “Meine Eltern waren weder Großbürger noch Kleinbürger, sondern irgendwo dazwischen”, erzählte Heinz später. Und dass sie ein ungleiches Paar waren: Antonie sehr energisch, Ludwig sehr sanftmütig.

Nachdem Bromberg 1919 an Polen fiel, verlegte Antonies Vater seine Schuhhandlung in seinen Geburtsort Stettin, wo er sie erfolgreich weiterführte. 1922 starb er. Antonies Mutter Fanny zog daraufhin ebenfalls nach Berlin.

Die Berggruens scheinen eine glückliche Familie gewesen zu sein. Auch der Schreibwarenladen, der Luxuspapiere für eine gehobene Kundschaft anbot, lief gut.
Sohn Heinz besuchte das Goethe-Gymnasium in der Gasteiner Straße in Wilmersdorf. 1932 immatrikulierte er sich an der Friedrich-Wilhelms-Universität und nahm ein Studium der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte auf, wechselte dann aber bald an die Universität Grenoble und dann an die Universität Toulouse. Antonie holte ihren rastlosen Sohn dann aber bald wieder zurück nach Berlin; die Nationalsozialisten waren schon an der Macht, aber die Familie Berggruen nahm sie nicht ernst und glaubte, der Spuk würde bald ein Ende haben.

Heinz schloss sein Studium ab und arbeitete als Volontär bei einer jüdischen Wochenzeitung. 1936 erhielt er ein Stipendium an der Berkeley University in Kalifornien. Diesmal holte ihn Antonie nicht wieder zurück. Heinz blieb in den Vereinigten Staaten und entdeckte dort seine Liebe zur zeitgenössischen Kunst. Im letzten Moment gelang es ihm, seine Eltern ebenfalls zur Emigration zu bewegen. Es gelang Antonie nicht, ihre Mutter Fanny mitzunehmen. Sie blieb in Berlin zurück.

Zusammen mit 935 weiteren deutschen Jüdinnen und Juden traten Antonie Berggruen und ihr Mann im Mai 1939 auf der St. Louis, einem Hamburger Passagierschiff, die Reise nach Kuba an. Das Schiff bekam aber keine Landeerlaubnis, obwohl es schon in der Bucht von Havanna ankerte, weil Kuba plötzlich beschlossen hatte, dass die Touristenvisa der Flüchtlinge nicht gut genug waren. Nur 26 Personen durften an Land gehen – die Berggruens gehörten nicht dazu.

Gustav Schröder, der Kapitän der St. Louis, widersetzte sich den Anweisungen aus Deutschland und versuchte alles, um seine Passagiere zu retten. Eigenmächtig steuerte er sein Schiff Richtung Florida und plante, seine Schutzbefohlenen im Notfall ohne Genehmigung mit Rettungsbooten an Land zu bringen. Die Küstenwache und Marineflugzeuge verhinderten das. Die Interventionsversuche jüdischer Hilfsorganisationen blieben fruchtlos: Sowohl die USA als auch Kanada ließen die St. Louis nicht landen. Die Reederei beorderte das Schiff per Telegramm zurück nach Hamburg, aber Kapitän Schröder verzögerte die Reise so lange, bis das jüdische Hilfskomitee einen sicheren Hafen gefunden hatte: Antwerpen in Belgien. Dort ließ man die St. Louis am 17. Juni 1939 endlich landen. Gustav Schröder, der wahrscheinlich hunderten von Menschen mit seiner Standhaftigkeit und Umsicht das Leben gerettet hat, wurde später der Ehrentitel “Gerechter unter den Völkern” verliehen.

Die Passagiere der St. Louis wurden auf mehrere Länder verteilt. Antonie Berggruen und ihr Mann reisten per Schiff nach Southampton und dann weiter nach London. 1942 gelang es ihrem Sohn Heinz endlich, sie in die Vereinigten Staaten zu holen. Ludwig Berggruen starb am 4. Oktober 1947 in New York, Antonie ebenfalls in New York im Oktober 1968.

Auch Antonies Geschwistern Paula und Alex war die Flucht gelungen. Paula lebte mit ihrem Mann Salomon Nosseck ebenfalls in New York, wo sie 1983 starb. Alex wohnte mit seiner Frau Else in Seattle und starb dort 1973. Antonies Mutter Fanny kam der Deportation zuvor: Sie starb mit 82 Jahren 1942 in Berlin, anscheinend eines natürlichen Todes. Ihre Schwestern Doris und Laura, Antonies Tanten, wurden 1943 und 1944 ermordet, Doris im Ghetto Theresienstadt und Laura in Auschwitz.

Antonies Sohn Heinz Berggruen wurde einer der einflussreichsten Kunstsammler des 20. Jahrhunderts. 1996 kehrte er nach Berlin mit seiner Kunstsammlung zurück. Die Stadt stellte ihm den westlichen Stülerbau gegenüber dem Schloss Charlottenburg zur Verfügung, heute Museum Berggruen. In einer „Geste der Versöhnung“ verkaufte er seine Sammlung weit unter dem geschätzten Preis an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • MyHeritage.com
  • Berliner Adressbücher
  • Werbematerial der Firma Julius Zadek
  • Literatur über Heinz Berggruen
  • Literatur über die Irrfahrt der St. Louis

Stolpertein Ludwig Berggruen

HIER WOHNTE
LUDWIG BERGGRUEN
JG. 1882
FLUCHT 1939 KUBA
MS ST. LOUIS
EINREISE VERWEIGERT
BELGIEN, ENGLAND
1943 KANADA, USA

Ludwig Berggruen oder Berggrün kam am 17. Juli 1882 in Bromberg in der Provinz Posen (heute Bydgoszcz in Polen) als Sohn von Joseph Berggruen und dessen Frau Berta geborene Judkowsky zur Welt. Er hatte eine 17 Jahre ältere Schwester, Fanny, die im schlesischen Nakel geboren war (heute Nakło in Polen), dem Geburtsort des Vaters. Dieser war dort als Kantor in der jüdischen Gemeinde tätig gewesen und übte diesen Beruf wohl auch in Bromberg aus. Über Fannys Leben war wenig herauszufinden, außer dass sie einen Herrn Sabor heiratete.

1910 verlobte sich Ludwig mit der sieben Jahre jüngeren Antonie “Toni” Zadek, der Tochter eines Bromberger Lederhändlers. Sie heirateten und zogen nach Berlin-Wilmersdorf in die Konstanzer Straße 54. Auch Ludwigs Eltern zogen nach Berlin. Sie wohnten in Steglitz. Die Mutter starb dort 1914, der Vater 1915. Beide sind auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee beigesetzt.

Ludwig und Toni Berggruen eröffneten ein Papier- und Schreibwarengeschäft in der Nähe des Olivaer Platzes. Am 6. Januar 1914 bekamen sie ihr erstes und einziges Kind, den Sohn Heinz, auf den sie sehr stolz waren. “Meine Eltern waren weder Großbürger noch Kleinbürger, sondern irgendwo dazwischen”, erzählte Heinz später. Und dass sie ein ungleiches Paar waren: Der Vater sehr sanftmütig, die Mutter sehr energisch.

Die Berggruens scheinen eine glückliche Familie gewesen zu sein. Auch der Schreibwarenladen, der Luxuspapiere für eine gehobene Kundschaft anbot, lief gut. Da sein Vater ein Kantor war, ist anzunehmen, dass Ludwig in einem frommen Haushalt aufgewachsen war, in Berlin lebte die Familie aber nicht streng religiös.

Sohn Heinz besuchte das Goethe-Gymnasium in der Gasteiner Straße in Wilmersdorf. 1932 immatrikulierte er sich an der Friedrich-Wilhelms-Universität und nahm ein Studium der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte auf, wechselte dann aber bald an die Universität Grenoble und dann an die Universität Toulouse. Seine Mutter beorderte ihren rastlosen Sohn dann aber bald wieder zurück nach Berlin; die Nationalsozialisten waren schon an der Macht, aber die Familie Berggruen nahm sie nicht ernst und glaubte, der Spuk würde bald ein Ende haben.

Heinz schloss sein Studium ab und arbeitete als Volontär bei einer jüdischen Wochenzeitung. 1936 erhielt er ein Stipendium an der Berkeley University in Kalifornien. Diesmal holte ihn die Mutter nicht wieder zurück. Heinz blieb in den Vereinigten Staaten und entdeckte dort seine Liebe zur zeitgenössischen Kunst. Im letzten Moment gelang es ihm, seine Eltern ebenfalls zur Emigration zu bewegen.

Zusammen mit 935 weiteren deutschen Jüdinnen und Juden traten Ludwig Berggruen und seine Frau im Mai 1939 auf der St. Louis, einem Hamburger Passagierschiff, die Reise nach Kuba an. Das Schiff bekam aber keine Landeerlaubnis, obwohl es schon in der Bucht von Havanna ankerte, weil Kuba plötzlich beschlossen hatte, dass die Touristenvisa der Flüchtlinge nicht gut genug waren. Nur 26 Personen durften an Land gehen – die Berggruens gehörten nicht dazu.

Gustav Schröder, der Kapitän der St. Louis, widersetzte sich den Anweisungen aus Deutschland und versuchte alles, um seine Passagiere zu retten. Eigenmächtig steuerte er sein Schiff Richtung Florida und plante, seine Schutzbefohlenen im Notfall ohne jede Genehmigung mit Rettungsbooten an Land zu bringen. Die Küstenwache und Marineflugzeuge verhinderten das. Die Interventionsversuche jüdischer Hilfsorganisationen blieben fruchtlos: Sowohl die USA als auch Kanada ließen die St. Louis nicht landen. Die Reederei beorderte das Schiff per Telegramm zurück nach Hamburg, aber Kapitän Schröder verzögerte die Reise so lange, bis das jüdische Hilfskomitee einen sicheren Hafen gefunden hatte: Antwerpen. Dort ließ man die St. Louis am 17. Juni 1939 endlich landen. Gustav Schröder, der wahrscheinlich hunderten von Menschen mit seiner Standhaftigkeit und Umsicht das Leben gerettet hat, wurde später der Ehrentitel “Gerechter unter den Völkern” verliehen.

Die Passagiere der St. Louis wurden auf mehrere Länder verteilt. Ludwig Berggruen und seine Frau reisten per Schiff nach Southampton und dann weiter nach London. 1942 gelang es ihrem Sohn Heinz endlich, sie in die Vereinigten Staaten zu holen. Ludwig Berggruen starb am 4. Oktober 1947 in New York City, seine Frau Antonie ebenfalls in New York im Oktober 1968. Ihr Sohn Heinz wurde einer der einflussreichsten Kunstsammler des 20. Jahrhunderts. 1996 kehrte er nach Berlin mit seiner Kunstsammlung zurück. Die Stadt stellte ihm den westlichen Stülerbau gegenüber dem Schloss Charlottenburg zur Verfügung, heute Museum Berggruen. In einer „Geste der Versöhnung“ verkaufte er seine Sammlung weit unter dem geschätzten Preis an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • MyHeritage.com
  • Berliner Adressbücher
  • Literatur über Heinz Berggruen
  • Literatur über die Irrfahrt der St. Louis

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