Stolpersteine Pommersche Straße 15

Hausansicht Pommerschestraße 15

Diese Stolpersteine wurden am 13. Juli 2019 verlegt.

Stolperstein Max Brahn

HIER WOHNTE
MAX BRAHN
JG. 1873
FLUCHT 1939 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 18.1.1944
THERESIENSTADT
ERMORDET 30.10.1944
AUSCHWITZ

Max Brahn wurde am 15. Juni 1873 in dem kleinen Bergwerksdorf Laurahütte (Huta Laura, Polen) zwischen Kattowitz und Königshütte in Oberschlesien als zweites von insgesamt sechs Kindern geboren. Seine Eltern waren der aus Siemianowitz (Siemianowice) stammende Kaufmann und Lebensmittelladenbesitzer Gustav Brahn (*September 1843) und die aus Myslowitz (Mysłowice) bei Kattowitz stammende Rosamunde (genannt Munda) Friedericke Brahn geborene Silberstein (*20. April 1851). Seine Schwester Marie (*8. Januar 1872) war ein Jahr älter als er. Nach ihm folgten seine jüngeren Brüder Benjamin Adolf (*22. November 1877) und Alfred (*1879). Seine jüngste Schwester hieß Clara und sein jüngster Bruder Otto Konrad (*1883).

Max besuchte das Gymnasium in Beuthen, welches er 1891 mit dem Abitur abschloss. Er studierte anfangs Medizin, sattelte aber nach dem Physikum auf Psychologie und Philosophie um. Er promovierte 1895 zum Doktor der Philosophie. Danach arbeitete er am Institut für experimentelle Psychologie in Leipzig unter Leitung von Prof. Dr. Wilhelm Wundt. Am 25. Juli 1898 stellte er einen Antrag an die philosophische Fakultät Leipzig, ihn zur Habilitation in den Fächern Philosophie und Psychologie zuzulassen. Er fertigte eine Habilitationsschrift an und hielt am 17. Dezember 1901 eine Probevorlesung. Danach arbeitete er als Privatdozent in Leipzig, weil ihm als Juden die ordentliche Professur versagt blieb.

Seine spätere Ehefrau Hedwig Cahn (*25. Februar 1880) lernte er bei einer Gesellschaft, zu der Hedwigs Eltern, der Geheime Legationsrat des Auswärtigen Amtes Dr. phil. Wilhelm Cahn und seiner Ehefrau Helena Cahn geborene Ehrlich 1901 eingeladen hatten, kennen.
Max Brahn bemühte sich zunächst vergeblich um Hedwig. Doch ihre Mutter sah in dem 28-jährigen Privatdozenten und gewandten Mann einen idealen Schwiegersohn für ihre ernste und etwas unpraktische Tochter, denn einen Haushalt zu führen, hatte sie nicht gelernt.

Max Brahn und Hedwig Cahn heirateten am 13. März 1903 in Berlin und lebten danach in Leipzig in einer großen Wohnung mit zwei Hausangestellten, deren Finanzierung sein Schwiegervater unterstützte.

1906 gründete der Leipziger Lehrerverein ein „Institut für experimentelle Pädagogik und Psychologie“ und betraute Max Brahn mit dessen wissenschaftlicher Leitung. Drei Jahre später wurde er zum Vorsitzenden des Vereins zur Gründung eines Schulmuseums in Leipzig gewählt. Im „Institut für experimentelle Pädagogik und pädagogische Psychologie der Universität Leipzig“ übernahm Max Brahn 1911 die Leitung des Labors. Daneben trat er an der privaten Hochschule für Frauen in Leipzig eine Dozentenstelle an.

Max und Hedwig Brahn wurden Eltern zweier Kinder. Ihr Sohn Gustav Wilhelm kam am 10. September 1910 zur Welt. Ihre Tochter Ursula Hedwig Charlotte wurde am 12. Juli 1913 geboren. Beide Kinder wurden in der Kaiser-Wilhelm-Kirche (heute: Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche) evangelisch getauft.

Max’ jüngerer Bruder Alfred, Inhaber der Firma Brahn & Co, Märkische Kamm- und Celluloidwaren-Fabrik in Hohenschönhausen, starb mit 35 Jahren am 1. Mai 1914 an einer Blutvergiftung. Sein jüngster Bruder Otto Konrad, ein Jurist, dem er das Studium finanziert hatte, fiel 1915 als Soldat im Ersten Weltkrieg in den Karpaten.

Max Brahn

Max Brahn

1916 ereignete sich für die Brahns ein großes Unglück. Ihr Sohn Gustav starb mit 6 Jahren nach einem tragischen Unfall in den Ferien. Max’ Ehefrau Hedwig erlitt daraufhin einen Schock und wurde in ein Sanatorium eingewiesen. Seine älteste Schwester Marie in Kattowitz beaufsichtigte in dieser Zeit ihre dreijährige Tochter Ursula.
Da Hedwig nicht mehr in die Leipziger Wohnung zurückkehren wollte, zu viel erinnerte sie an Gustav, löste Max die gemeinsame Wohnung auf und nahm eine kleine Wohnung für sich allein.

Für das Oberkommando der Luftstreitkräfte beteiligte er sich im Ersten Weltkrieg an Forschungen wie der Entwicklung von Eignungsprüfungen für Flieger und machte Untersuchungen zum Gleichgewichtssinn der Militärflieger.
Nach dem Krieg gab Max seine Positionen in Leipzig auf und zog nach Berlin. Aufgrund seines guten Rufes wurde er in das durch die Weimarer Republik neu gegründete Reichsarbeitsministerium als Regierungsrat berufen.

1919 starb seine jüngste Schwester Clara an Krebs. Seine Mutter Munda Brahn, die seit 1908 Witwe war, starb 1920 mit 69 Jahren. Innerhalb von sechs Jahren hatte er fünf geliebte Angehörige verloren.
Seine ältere Schwester, die 48-jährige Witwe Marie Laband geborene Brahn, und sein jüngerer Bruder, der Apotheker und Chemiker Dr. rer. nat. Benjamin Adolf Brahn, der Benno genannt wurde, lebten ebenfalls in Berlin. Benno hatte eine leitende Anstellung im Krankenhaus Friedrichshain und wohnte bis 1921 in der Bamberger Straße 29 in Berlin-Wilmersdorf.

Als er am 11. August 1921 die Laborantin aus dem Krankenhaus Friedrichshain, eine Baronesse aus baltischen Adel Eugenie von der Osten-Sacken (*1894), die sie Genia nannten, heiratete, waren der Schwager Dr. med. Ludwig Cohn, Witwer seiner Schwester Clara und Max Brahn die Trauzeugen. Damals wohnte Max mit seiner Familie in der Ahornstraße 6 in Berlin-Charlottenburg. Benno und Genia zogen in die Fasanenstraße 58 in Berlin-Wilmersdorf.

1922 wurde Max Brahn Deutscher Bevollmächtigter für Arbeitsfragen im zwischen Polen und dem Deutschen Reich aufgeteilten Oberschlesien. Hier war er außerdem ab 1927 als „Ständiger Schlichter für Arbeitskonflikte für die Schlichtung von Lohn- und Tarifstreitigkeiten“ und ab 1928 desgleichen auch für Westfalen zuständig. Er hielt sich nur noch ca. ein Drittel des Monats an seinem Wohnsitz in Berlin auf. Aufgrund seiner erfolgreichen Tätigkeit als Schlichter wollte General Kurt von Schleicher ihn 1932 in seinem „Kabinett der Fachleute“ als Arbeitsminister benennen, was am Widerstand der Nationalsozialisten gegen einen jüdischen Minister scheiterte.

Für seinen Onkel Isidor Carl Silberstein (*25. September 1873), dem jüngsten Halbbruder seiner Mutter, der ein Vierteljahr jünger als er war, wurde Max Mitglied im Aufsichtsrat in dessen Textil-Engros Geschäft mit teilweise 350 Beschäftigten.

1932 nahm Max den Schlichterposten für die Bezirke Berlin-Brandenburg und Schlesien an. Der Amtssitz war ab dem 1. Januar 1933 Berlin. Schon am 1. Juli 1933 wurden alle Schlichtungsdienststellen von den Nationalsozialisten aufgelöst. Tarifkonflikte galten von nun an als Landesverrat. Für sein Amt als „Deutscher Bevollmächtigter in Oberschlesien“ konnte kein Ersatz gefunden werden, deshalb beließen die Nationalsozialisten Max Brahn im Amt. Da es ihm schwerfiel, der Hitler-Regierung zu dienen, reichte er selbst mit 61 Jahren Ende 1934 zum 1. Januar 1935 seinen Antrag zur Pensionierung ein. Trotz seines bevorstehenden Ausscheidens aus dem Amt bat ihn der nationalsozialistische Reichsarbeitsminister Franz Seldte brieflich, noch ein Gutachten zu schreiben, um den „Volksgenossen“ seiner oberschlesischen Heimat zu helfen. Max Brahn schrieb das Gutachten, weil ihm seine Mitmenschen nicht egal waren. Es fiel ihm schwer, sein Vaterland, welches ihm sehr viel bedeutete, zu verlassen.

Ihre Tochter Ursula hatte im Sommersemester 1933 ein Germanistikstudium in Berlin angefangen, welches sie nicht fortführen konnte, da sie Jüdin war. Obwohl sie ihr Studium gerne im Ausland fortgesetzt hätte, nahm sie den Rat ihres Vaters an, der es für wichtiger erachtete, erst einmal gut Sprachen zu lernen. Sie ging deshalb im Herbst 1933 nach Paris, um Französisch zu lernen und 1934 nach England, um Englisch zu lernen. Im Herbst 1934 durfte sie dann ihr Studium der Germanistik in Bern in der Schweiz fortsetzen. Hier lernte sie ihren späteren Ehemann Walter Zürcher (*1907) kennen, den sie 1937 im Beisein ihrer Eltern heiratete.

Sein Bruder Benno war schon 1934 nach Holland emigriert. Max folgte ihm zögerlich und wurde mit Unterstützung seines Bruders Geschäftsführer eines Unternehmens, das mit pharmazeutischen und chemischen Produkten handelte. 1938 hatte er seine Existenz soweit gesichert, dass er seine Reisen zwischen Berlin und Amsterdam mit seinem verbliebenen Diplomatenpass aufgab und offiziell in die Niederlande auswanderte. Er bat seine Frau, ihm erst Mitte 1939 nach Amsterdam zu folgen. Sie nahmen sich in der Vijzelstraat 60 in Amsterdam eine bescheidene Drei-Zimmer-Wohnung.

Ursula besuchte ihre Eltern 1940 in Amsterdam, kurz vor dem deutschen Überfall, und erlebte am 10. Mai 1940 mit ihnen die Besatzung. Erst im Juni 1940 kehrte sie zurück in die Schweiz. Sie ahnte nicht, welch schlimmes Schicksal ihren Eltern noch bevorstand.

1941 wurde Max Brahn als Vertreter der ausländischen Juden Mitglied des Amsterdamer Judenrates. Trotz der Zusicherung der Nationalsozialisten, Mitglieder des Judenrates nicht zu deportieren, erschien die SS an Weihnachten 1943 bei den Brahns, um Max und Hedwig zu verhaften. Max Bruder Benno war durch seine „arische“ Ehefrau geschützt. Am 6. Januar 1944 internierte die SS sie im Durchgangslager Westerbork, von wo sie am 20. Januar 1944 zusammen mit 880 Leidensgenossen nach Theresienstadt deportiert wurden.

Trotz der unmenschlichen Verhältnisse im Ghetto verlor Max Brahn nicht seine Ruhe und seinen Humor und half seinen Leidensgenossen. Er nutzte die kulturellen Möglichkeiten und hielt noch philosophische Vorträge. Seine Frau Hedwig malte auch hier. Am 28. September 1944 begann die Deportation von rund 18.500 Juden aus dem Ghetto Theresienstadt nach Auschwitz. Die Gestapo deportierte Max Brahn und seine Frau Hedwig mit dem letzten Transport am 28. Oktober 1944 in den Osten. Kurz nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau wurden sie am 30. Oktober 1944 in den Gaskammern ermordet. Max Brahn starb mit 70 Jahren und seine Ehefrau Hedwig Brahn geborene Cahn mit 63 Jahren.

Um der Deportation zu entgehen, hatte Max’ ältere Schwester Marie schon am 8. September 1942 in Berlin die Flucht in den Freitod gewählt. In der Sterbeurkunde wurde als Todesursache „Selbstmord durch Schlafmittelvergiftung, vermutlich Suizid, tot (in das jüdische Krankenhaus, Iranische Str. 2) eingeliefert“ angegeben. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Ihre Söhne, die Zahnärzte Paul und Fritz Laband, überlebten den Holocaust.

In dem jüdischen Monatsmagazin Aufbau veröffentlichten am 19. April 1954 Max und Hedwigs Tochter, Ursula Zürcher-Brahn, ihr Ehemann Dr. Walter Zürcher, ihre beiden Söhne Kaspar und Max sowie Max’ Bruder Dr. Benno Brahn und Hedwigs Schwester Hilde Semon (ehemals Simon) eine Anzeige für Dr. Max Brahn und Hedwig Brahn geborene Cahn. Sie zeigten an, dass sie annahmen, dass Max und Hedwig nicht mehr lebten, denn „ihre letzte Nachricht kam aus Theresienstadt, von wo aus sie im Spätherbst 1944 nach Auschwitz deportiert worden sind“.

Ursula Zürcher-Brahn schrieb die sehr lesenswerte Lebensgeschichte ihres Vaters in den 50er Jahren auf. Dieses Dokument befindet sich im Leo-Baeck-Institute in New York.

Dr. Kaspar Zürcher initiierte 2019, ein Jahr vor seinem Tod, die Verlegung der Stolpersteine für seine Großeltern Hedwig und Max Brahn.

Text und Recherche: Gundula Meiering, November 2025
Mit Unterstützung der Ehefrau von Dr. Kaspar Zürcher, Dorothee Zürcher-Maass und ihrer Tochter Julia Zürcher, Urenkelin von Hedwig und Max Brahn:

Quellen:
  • Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv
  • Mapping the lives
  • Berliner Adressbücher
  • Amtliche Fernsprechbücher Berlin
  • Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten
  • Personenstandsunterlagen / über ancestry
  • My Heritage
  • Ursula Zürcher-Brahn: Max Brahn, Lebenslauf, nach den spärlichen übriggebliebenen Quellen zusammengestellt von seiner Tochter
  • https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE8662388
  • Ursula Zürcher Brahn (30.1.1993 – 31.1.1995): Familiengeschichte aufgeschrieben für ihre Söhne, Privatbesitz Julia Zürcher

Stolperstein Hedwig Brahn

HIER WOHNTE
HEDWIG BRAHN
GEB. CAHN
JG. 1880
FLUCHT 1939 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 18.1.1944
THERESIENSTADT
ERMORDET 30.10.1944
AUSCHWITZ

Hedwig Brahn wurde als Johanna Hedwig Cahn am 25. Februar 1880 in Berlin als erste Tochter des aus Mainz stammenden Dr. phil. Wilhelm Cahn (*1839) und seiner Ehefrau Helena, genannt Lina, Cahn geborene Ehrlich (*1849) geboren. Drei Jahre später, am 15. November 1883, kam ihre Schwester Barbara Gertrud zur Welt. Sie starb 1887 schon mit drei Jahren und fünf Monaten. Hedwigs jüngste Schwester Rosa Wilhelmine Hildegard wurde am 22. März 1888 ebenfalls in Berlin geboren. Die Familie wohnte damals in der Kaiserin-Augusta-Straße 53.

Ihr Vater war als einziger Jude schon 1874 von Bismarck in den Auswärtigen Dienst des Deutschen Reiches berufen worden und als Expedient tätig. 1886 wurde er zum Königlichen Legationsrat (Gesandten) und 1897 zum Geheimen Legationsrat des Auswärtigen Amtes ernannt. Er erblindete mit 60 Jahren aufgrund einer Netzhautablösung und wurde deshalb vorzeitig pensioniert. 1901 trat er in den Ruhestand. Hedwig war damals 21 Jahre alt.

Sie genoss als Kind eine Höhere Bildung im Mädchen-Zirkel des „Fräulein Le Viseur“ (früher Levisohn). Nach der Schulzeit erhielt sie Privatunterricht in Malerei und Musik. Sie war hochmusikalisch und spielte Geige. Außerdem war sie sehr belesen.

Ihren späteren Ehemann Max Brahn (*15. Juni 1873) lernte sie in der elterlichen Villa bei einer Gesellschaft, zu der ihre Eltern eingeladen hatten, kennen. Die Familie wohnte damals in der Maienstraße 5 im Charlottenburger Teil des „Kielganviertels“ unmittelbar an der Stadtgrenze zu Berlin. Wilhelm und Lina Cahn führten ein offenes Haus mit hochgebildeten Freunden, vielen gesellschaftlichen Verbindungen und Hausmusik.

Max Brahn bemühte sich zunächst vergeblich um Hedwig. Doch Hedwigs Mutter sah in dem 28-jährigen Privatdozenten und gewandten Mann einen idealen Schwiegersohn für ihre ernste und etwas unpraktische Tochter, denn in Haushaltführung war sie nicht ausgebildet.

Max Brahn und Hedwig Cahn heirateten am 13. März 1903 in Berlin und lebten danach in Leipzig, wo Max als Privatdozent tätig war. Die ordentliche Professur blieb ihm als Juden versagt. Zu ihrem Freundeskreis gehörte der Dirigent Arthur Nikisch (*1855-1922), der Bildhauer Max Klinger (1857-1920), der Maler Albert Rieger (1834-1905) und der Komponist Richard Wetz (1875-1935), der Hedwig Brahn 1905 sein op. 21 „Fünf Lieder“ zueignete.

Als 1906 der Leipziger Lehrerverein ein „Institut für experimentelle Pädagogik und Psychologie“ gründete, wurde Max Brahn mit dessen Leitung betraut.

1909 veröffentlichte er die Übersetzung des Buches „Der Mensch ist eine Maschine“ von Julian Offray de la Mettrie, die er auch mit einem Vorwort und Anmerkungen versah. Den größten Teil der Übersetzung aus dem Französischen fertigte seine Ehefrau Hedwig Brahn an, wofür er ihr seinen besonderen Dank aussprach. 1911 übernahm Max Brahn an der privaten Hochschule für Frauen in Leipzig eine weitere Dozentenstelle.

Hedwig und Max Brahn wurden Eltern von zwei Kindern. Ihr Sohn Gustav Wilhelm kam am 10. September 1910 zur Welt. Ihre Tochter Ursula Hedwig Charlotte wurde am 12. Juli 1913 geboren. Beide Kinder wurden in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche evangelisch getauft.

1916 ereignete sich für die Brahns ein großes Unglück. Ihr Sohn Gustav starb mit 6 Jahren in den Ferien nach einem tragischen Unfall. Hedwig erlitt daraufhin einen Schock und wurde in ein Sanatorium eingewiesen. Max’ älteste Schwester Marie beaufsichtigte in dieser Zeit ihre dreijährige Tochter Ursula. Die gemeinsame Wohnung in der sie mit Gustav gelebt hatten, löste Max Brahn auf. Da Max zur Kriegsverwendung herangezogen wurde, nahm er eine kleine Wohnung für sich allein.

In den darauffolgenden Jahren sorgte sich Hedwig sehr um ihre Tochter, die etwas kränklich war. Sie reiste mit ihr in viele Erholungsorte und versuchte sich abzulenken. Nach dem Ersten Weltkrieg gab ihr Ehemann seine Positionen in Leipzig auf und sie wohnten wieder in Berlin.

Am 10. August 1920 starb mit 81 Jahren Hedwigs Vater Dr. Wilhelm Cahn. Den Tod meldete der Kaufmann Erich Simon (*1882), der Ehemann ihrer jüngsten Schwester Hilde, den diese 1908 geheiratet hatte. Nur drei Wochen nach dem Tod des Vaters starb am 2. September 1920 auch ihre Mutter Lina mit 71 Jahren. Das Haus in der Maienstr. 5 wurde verkauft. Von dem Erlös blieb nicht viel, weil die Inflation den Erlös „fraß“.

Hilde wohnte 1920 in Berlin in der Faradaystraße 12 in Dahlem. Ihre Söhne Heinrich Wilhelm (*25. Dezember 1908 – 1930) und Gerhard Alphonse (*21. September 1912) kamen in Freiburg im Breisgau zur Welt. Ihr jüngster Sohn Thomas Theodor wurde am 22. Mai 1922 in Berlin geboren.

1921 bezog die Familie Brahn eine Parterrewohnung mit großen Garten in der Ahornstraße 6 in Berlin-Charlottenburg, ganz in der Nähe der Maienstraße, wo Hedwig vor ihrer Heirat gelebt hatte. 1922 fing sie wieder an, sich farbig zu kleiden und zu musizieren. Ihre Tochter Ursula besuchte die Staatliche Augustaschule in der Elßholzstraße 34 – 37 in Berlin-Schöneberg, eine Mädchenschule (heute Sophie-Scholl-Schule, Integrierte Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe, Staatliche Europaschule Berlin, Französisch).

Hedwig Brahn

Hedwig Brahn

Nachdem ihnen 1928 der neue Hausbesitzer der Ahornstraße 6 die Wohnung gekündigt hatte, zogen sie, weil sie nichts Passendes fanden, ein paar Monate zu Max’ Schwester Marie, deren Wohnung nach dem Tode ihres Mannes Arthur (1927) und dem Wegzug ihres zweiten Sohnes Fritz zu groß war.

Im Frühjahr 1929 fanden die Brahns eine 6-Zimmer-Wohnung mit Aussicht auf den Preußenpark in der Pommerschen Straße 15 in Berlin-Wilmersdorf. 1932 schloss ihre Tochter Ursula die Schule mit dem Abitur ab.

In den Jahren bis 1932 hielt sich Hedwigs Ehemann Max nur noch ca. ein Drittel des Monats an seinem Wohnsitz in Berlin auf. Als Schlichter in Oberschlesien und Westfalen war er viel unterwegs. In den amtlichen Fernsprechbüchern von Berlin 1931 und 1932 war Max Brahn nicht mehr zu finden, sondern nur „Brahn, Frau Reg.- Rat. Dr., Wilmd. Pommersche Str. 15”.

Aufgrund der antisemitischen Diskriminierungen im nationalsozialistischen Deutschen Reich emigrierte Hedwigs Schwager, der Chemiker Dr. Benno Brahn, schon 1934 nach Holland. Hedwigs Schwester Hilde und Familie gingen schon 1933 nach Paris und emigrierten 1936 nach New York, USA.

Max und Hedwig fiel es schwer, das Deutsche Reich zu verlassen. Max hatte so viel für die Gesellschaft geleistet, dass sie nicht glauben konnten, was sich politisch abzeichnete. Da sie die englische Sprache nicht beherrschten, kam eine Emigration in die USA für sie nicht infrage. Ende 1934 stellte der 61- jährige Max Brahn zum 1. Januar 1935 einen Antrag auf Pensionierung. Mit Unterstützung seines Bruders baute er sich danach eine Existenz in Amsterdam auf. Er bat Hedwig, vorerst in Berlin zu bleiben.

Ihre Tochter Ursula hatte im Sommersemester 1933 ein Germanistikstudium in Berlin angefangen, welches sie nicht fortführen konnte, da sie Jüdin war. Obwohl sie ihr Studium gerne im Ausland fortgesetzt hätte, nahm sie den Rat ihres Vaters an, der es für wichtiger erachtete, erst einmal gut Sprachen zu lernen. Sie ging deshalb im Herbst 1933 nach Paris, um Französisch zu lernen und 1934 nach England, um Englisch zu lernen. Im Herbst 1934 durfte sie dann ihr Studium der Germanistik in Bern in der Schweiz fortsetzen. Hier lernte sie ihren späteren Ehemann Walter Zürcher (*1907) kennen, den sie 1937 im Beisein ihrer Eltern heiratete.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war Hedwig zusammen mit, Max’ Schwester Marie Laband, in der Katzlerstraße 15 in Berlin-Schöneberg gemeldet. Am 29. Juni 1939 wanderte Hedwig in die Niederlande aus. Die Brahns nahmen sich in der Vijzelstraat 60 in Amsterdam eine bescheidene Drei-Zimmer-Wohnung.

Ursula besuchte ihre Eltern 1940 in Amsterdam kurz vor dem deutschen Überfall. Sie erlebte mit ihnen am 10. Mai 1940 die Besatzung und konnte erst im Juni 1940 in die Schweiz zurückkehren. Sie ahnte nicht, welch schlimmes Schicksal ihren Eltern noch bevorstand.

1941 wurde Max Brahn als Vertreter der ausländischen Juden Mitglied des Amsterdamer Judenrates. Trotz der Zusicherung der Nazis, Mitglieder des Judenrates nicht zu deportieren, erschien die SS an Weihnachten 1943 bei den Brahns, um Max und Hedwig zu verhaften. Max’ Bruder Benno war durch seine „arische“ Ehefrau geschützt. Am 6. Januar 1944 internierte die SS sie im Durchgangslager Westerbork, von wo sie am 20. Januar 1944 zusammen mit 880 weiteren Leidensgenossen nach Theresienstadt deportiert wurden.

Trotz der unmenschlichen Verhältnisse im Ghetto verlor Max Brahn nicht seine Ruhe und seinen Humor und half seinen Leidensgenossen. Hedwig Brahn-Cahn hielt das beklemmende Alltagsleben im Ghetto in Zeichnungen fest. In dem Buch „Als ob’s ein Leben wär”, das 2005 die Tagebuchaufzeichnungen des in Theresienstadt internierten Philipp Manes für die Öffentlichkeit zugänglich machte, wurde eine Zeichnung von ihr als Illustration veröffentlicht.

Am 28. September 1944 begann die Deportation von rund 18.500 Juden aus dem Ghetto Theresienstadt nach Auschwitz. Hedwig Brahn und ihren Ehemann Max deportierte die Gestapo mit dem letzten Transport am 28. Oktober 1944 in den Osten. Kurz nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau wurden sie am 30. Oktober 1944 in den Gaskammern ermordet. Hedwig Brahn geborene Cahn starb mit 63 Jahren. Ihr Ehemann Max Brahn starb mit 70 Jahren.

Um der Deportation zu entgehen, hatte Max’ ältere Schwester Marie schon am 8. September 1942 in Berlin die Flucht in den Freitod gewählt. In der Sterbeurkunde wurde als Todesursache „Selbstmord durch Schlafmittelvergiftung, vermutlich Suizid, tot (in das jüdische Krankenhaus, Iranische Str. 2) eingeliefert“ angegeben. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Ihre Söhne, die Zahnärzte Paul und Fritz Laband, überlebten den Holocaust.

Hedwigs Schwester Hilde überlebte in New York. 1943 war ihr Ehemann Erich mit 61 Jahren gestorben. Ihr Sohn Gerhard war damals 31 Jahre und ihr Sohn Thomas 21 Jahre alt.

In dem jüdischen Monatsmagazin Aufbau veröffentlichten am 19. April 1954 Max’ und Hedwigs Tochter, Ursula Zürcher-Brahn, ihr Ehemann Dr. Walter Zürcher, ihre beiden Söhne Kaspar und Max, sowie Max’ Bruder Dr. Benno Brahn und Hedwigs Schwester Hilde Semon (ehemals Simon) eine Anzeige für Dr. Max Brahn und Hedwig Brahn geborene Cahn. Sie zeigten an, dass sie annehmen, dass Max und Hedwig nicht mehr lebten, „denn ihre letzte Nachricht kam aus Theresienstadt, von wo aus sie im Spätherbst 1944 nach Auschwitz deportiert worden sind“.

Ursula Zürcher-Brahn schrieb die sehr lesenswerte Lebensgeschichte ihres Vaters in den 50er- Jahren auf. Dieses Dokument befindet sich im Leo-Baeck-Institute in New York. Für ihre Söhne Kaspar und Max schrieb sie ihre Familiengeschichte mit 80 Jahren auf.
Dr. Kaspar Zürcher initiierte 2019, ein Jahr vor seinem Tod, die Verlegung der Stolpersteine für seine Großeltern Hedwig und Max Brahn.

Text und Recherche: Gundula Meiering, November 2025
Mit Unterstützung der Ehefrau von Kaspar Zürcher, Dorothee Zürcher-Maass und ihrer Tochter Julia Zürcher, Urenkelin von Hedwig und Max Brahn

Quellen:
  • Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv
  • Mapping the lives
  • Berliner Adressbücher
  • Amtliche Fernsprechbücher Berlin
  • Arolsen Archives – Karteikarten
  • Personenstandsunterlagen / über ancestry
  • My Heritage
  • Ursula Zürcher-Brahn: Max Brahn, Lebenslauf, nach den spärlichen übriggebliebenen Quellen zusammengestellt von seiner Tochter (Leo-Baeck-Institute)
  • https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE8662388
  • Ursula Zürcher Brahn (30.1.1993 – 31.1.1995): Familiengeschichte aufgeschrieben für ihre Söhne, Privatbesitz Julia Zürcher