1916 ereignete sich für die Brahns ein großes Unglück. Ihr Sohn Gustav starb mit 6 Jahren nach einem tragischen Unfall in den Ferien. Max’ Ehefrau Hedwig erlitt daraufhin einen Schock und wurde in ein Sanatorium eingewiesen. Seine älteste Schwester Marie in Kattowitz beaufsichtigte in dieser Zeit ihre dreijährige Tochter Ursula.
Da Hedwig nicht mehr in die Leipziger Wohnung zurückkehren wollte, zu viel erinnerte sie an Gustav, löste Max die gemeinsame Wohnung auf und nahm eine kleine Wohnung für sich allein.
Für das Oberkommando der Luftstreitkräfte beteiligte er sich im Ersten Weltkrieg an Forschungen wie der Entwicklung von Eignungsprüfungen für Flieger und machte Untersuchungen zum Gleichgewichtssinn der Militärflieger.
Nach dem Krieg gab Max seine Positionen in Leipzig auf und zog nach Berlin. Aufgrund seines guten Rufes wurde er in das durch die Weimarer Republik neu gegründete Reichsarbeitsministerium als Regierungsrat berufen.
1919 starb seine jüngste Schwester Clara an Krebs. Seine Mutter Munda Brahn, die seit 1908 Witwe war, starb 1920 mit 69 Jahren. Innerhalb von sechs Jahren hatte er fünf geliebte Angehörige verloren.
Seine ältere Schwester, die 48-jährige Witwe Marie Laband geborene Brahn, und sein jüngerer Bruder, der Apotheker und Chemiker Dr. rer. nat. Benjamin Adolf Brahn, der Benno genannt wurde, lebten ebenfalls in Berlin. Benno hatte eine leitende Anstellung im Krankenhaus Friedrichshain und wohnte bis 1921 in der Bamberger Straße 29 in Berlin-Wilmersdorf.
Als er am 11. August 1921 die Laborantin aus dem Krankenhaus Friedrichshain, eine Baronesse aus baltischen Adel Eugenie von der Osten-Sacken (*1894), die sie Genia nannten, heiratete, waren der Schwager Dr. med. Ludwig Cohn, Witwer seiner Schwester Clara und Max Brahn die Trauzeugen. Damals wohnte Max mit seiner Familie in der Ahornstraße 6 in Berlin-Charlottenburg. Benno und Genia zogen in die Fasanenstraße 58 in Berlin-Wilmersdorf.
1922 wurde Max Brahn Deutscher Bevollmächtigter für Arbeitsfragen im zwischen Polen und dem Deutschen Reich aufgeteilten Oberschlesien. Hier war er außerdem ab 1927 als „Ständiger Schlichter für Arbeitskonflikte für die Schlichtung von Lohn- und Tarifstreitigkeiten“ und ab 1928 desgleichen auch für Westfalen zuständig. Er hielt sich nur noch ca. ein Drittel des Monats an seinem Wohnsitz in Berlin auf. Aufgrund seiner erfolgreichen Tätigkeit als Schlichter wollte General Kurt von Schleicher ihn 1932 in seinem „Kabinett der Fachleute“ als Arbeitsminister benennen, was am Widerstand der Nationalsozialisten gegen einen jüdischen Minister scheiterte.
Für seinen Onkel Isidor Carl Silberstein (*25. September 1873), dem jüngsten Halbbruder seiner Mutter, der ein Vierteljahr jünger als er war, wurde Max Mitglied im Aufsichtsrat in dessen Textil-Engros Geschäft mit teilweise 350 Beschäftigten.
1932 nahm Max den Schlichterposten für die Bezirke Berlin-Brandenburg und Schlesien an. Der Amtssitz war ab dem 1. Januar 1933 Berlin. Schon am 1. Juli 1933 wurden alle Schlichtungsdienststellen von den Nationalsozialisten aufgelöst. Tarifkonflikte galten von nun an als Landesverrat. Für sein Amt als „Deutscher Bevollmächtigter in Oberschlesien“ konnte kein Ersatz gefunden werden, deshalb beließen die Nationalsozialisten Max Brahn im Amt. Da es ihm schwerfiel, der Hitler-Regierung zu dienen, reichte er selbst mit 61 Jahren Ende 1934 zum 1. Januar 1935 seinen Antrag zur Pensionierung ein. Trotz seines bevorstehenden Ausscheidens aus dem Amt bat ihn der nationalsozialistische Reichsarbeitsminister Franz Seldte brieflich, noch ein Gutachten zu schreiben, um den „Volksgenossen“ seiner oberschlesischen Heimat zu helfen. Max Brahn schrieb das Gutachten, weil ihm seine Mitmenschen nicht egal waren. Es fiel ihm schwer, sein Vaterland, welches ihm sehr viel bedeutete, zu verlassen.
Ihre Tochter Ursula hatte im Sommersemester 1933 ein Germanistikstudium in Berlin angefangen, welches sie nicht fortführen konnte, da sie Jüdin war. Obwohl sie ihr Studium gerne im Ausland fortgesetzt hätte, nahm sie den Rat ihres Vaters an, der es für wichtiger erachtete, erst einmal gut Sprachen zu lernen. Sie ging deshalb im Herbst 1933 nach Paris, um Französisch zu lernen und 1934 nach England, um Englisch zu lernen. Im Herbst 1934 durfte sie dann ihr Studium der Germanistik in Bern in der Schweiz fortsetzen. Hier lernte sie ihren späteren Ehemann Walter Zürcher (*1907) kennen, den sie 1937 im Beisein ihrer Eltern heiratete.
Sein Bruder Benno war schon 1934 nach Holland emigriert. Max folgte ihm zögerlich und wurde mit Unterstützung seines Bruders Geschäftsführer eines Unternehmens, das mit pharmazeutischen und chemischen Produkten handelte. 1938 hatte er seine Existenz soweit gesichert, dass er seine Reisen zwischen Berlin und Amsterdam mit seinem verbliebenen Diplomatenpass aufgab und offiziell in die Niederlande auswanderte. Er bat seine Frau, ihm erst Mitte 1939 nach Amsterdam zu folgen. Sie nahmen sich in der Vijzelstraat 60 in Amsterdam eine bescheidene Drei-Zimmer-Wohnung.
Ursula besuchte ihre Eltern 1940 in Amsterdam, kurz vor dem deutschen Überfall, und erlebte am 10. Mai 1940 mit ihnen die Besatzung. Erst im Juni 1940 kehrte sie zurück in die Schweiz. Sie ahnte nicht, welch schlimmes Schicksal ihren Eltern noch bevorstand.
1941 wurde Max Brahn als Vertreter der ausländischen Juden Mitglied des Amsterdamer Judenrates. Trotz der Zusicherung der Nationalsozialisten, Mitglieder des Judenrates nicht zu deportieren, erschien die SS an Weihnachten 1943 bei den Brahns, um Max und Hedwig zu verhaften. Max Bruder Benno war durch seine „arische“ Ehefrau geschützt. Am 6. Januar 1944 internierte die SS sie im Durchgangslager Westerbork, von wo sie am 20. Januar 1944 zusammen mit 880 Leidensgenossen nach Theresienstadt deportiert wurden.
Trotz der unmenschlichen Verhältnisse im Ghetto verlor Max Brahn nicht seine Ruhe und seinen Humor und half seinen Leidensgenossen. Er nutzte die kulturellen Möglichkeiten und hielt noch philosophische Vorträge. Seine Frau Hedwig malte auch hier. Am 28. September 1944 begann die Deportation von rund 18.500 Juden aus dem Ghetto Theresienstadt nach Auschwitz. Die Gestapo deportierte Max Brahn und seine Frau Hedwig mit dem letzten Transport am 28. Oktober 1944 in den Osten. Kurz nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau wurden sie am 30. Oktober 1944 in den Gaskammern ermordet. Max Brahn starb mit 70 Jahren und seine Ehefrau Hedwig Brahn geborene Cahn mit 63 Jahren.
Um der Deportation zu entgehen, hatte Max’ ältere Schwester Marie schon am 8. September 1942 in Berlin die Flucht in den Freitod gewählt. In der Sterbeurkunde wurde als Todesursache „Selbstmord durch Schlafmittelvergiftung, vermutlich Suizid, tot (in das jüdische Krankenhaus, Iranische Str. 2) eingeliefert“ angegeben. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Ihre Söhne, die Zahnärzte Paul und Fritz Laband, überlebten den Holocaust.
In dem jüdischen Monatsmagazin Aufbau veröffentlichten am 19. April 1954 Max und Hedwigs Tochter, Ursula Zürcher-Brahn, ihr Ehemann Dr. Walter Zürcher, ihre beiden Söhne Kaspar und Max sowie Max’ Bruder Dr. Benno Brahn und Hedwigs Schwester Hilde Semon (ehemals Simon) eine Anzeige für Dr. Max Brahn und Hedwig Brahn geborene Cahn. Sie zeigten an, dass sie annahmen, dass Max und Hedwig nicht mehr lebten, denn „ihre letzte Nachricht kam aus Theresienstadt, von wo aus sie im Spätherbst 1944 nach Auschwitz deportiert worden sind“.
Ursula Zürcher-Brahn schrieb die sehr lesenswerte Lebensgeschichte ihres Vaters in den 50er Jahren auf. Dieses Dokument befindet sich im Leo-Baeck-Institute in New York.
Dr. Kaspar Zürcher initiierte 2019, ein Jahr vor seinem Tod, die Verlegung der Stolpersteine für seine Großeltern Hedwig und Max Brahn.
Text und Recherche: Gundula Meiering, November 2025
Mit Unterstützung der Ehefrau von Dr. Kaspar Zürcher, Dorothee Zürcher-Maass und ihrer Tochter Julia Zürcher, Urenkelin von Hedwig und Max Brahn:
Quellen:
- Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv
- Mapping the lives
- Berliner Adressbücher
- Amtliche Fernsprechbücher Berlin
- Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten
- Personenstandsunterlagen / über ancestry
- My Heritage
- Ursula Zürcher-Brahn: Max Brahn, Lebenslauf, nach den spärlichen übriggebliebenen Quellen zusammengestellt von seiner Tochter
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https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE8662388
- Ursula Zürcher Brahn (30.1.1993 – 31.1.1995): Familiengeschichte aufgeschrieben für ihre Söhne, Privatbesitz Julia Zürcher