Stolpersteine Ruhrstraße 17

Hausansicht Ruhrstr. 17

Dieser Stolperstein wurde am 30.05.2018 verlegt.

Stolperstein Isak Julius Strauss

HIER WOHNTE
ISAK JULIUS
STRAUSS
JG. 1894
DEPORTIERT 19.5.1942
MAUTHAUSEN
GUSEN
ERMORDET 5.6.1942

Isak Julius Strauss – sein Rufname war Julius – wurde am 15. Mai 1894 in Malsch, Kreis Wiesloch in der Nähe von Heidelberg geboren. Seine Eltern waren Nathan und Rosa, geb. Wartensleben. Julius hatte zwei Geschwister. Der Bruder Fred konnte sein Leben im letzten Augenblick durch die Flucht nach Amerika retten. Seine Schwester Helen wurde nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Julius besuchte in Darmstadt das Gymnasium und verließ es mit dem Abschluss der Mittleren Reife. Danach begann er eine kaufmännische Lehre. Beruflich war er fortan selbstständig als freier Handelsvertreter in der Textilbranche tätig. Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt zog er nach Berlin. Wegen der Häufigkeit des Namens in den Berliner Adressbüchern kann ihm eine bestimmte Anschrift nicht zugeordnet werden.
1930 lernte er Erna Helene Neske kennen, geb. am 17. September 1906. Sie war die Tochter des Ehepaares Gustav und Emma Neske aus Oberschöneweide. Erna war wie ihre Eltern evangelisch getauft.

Julius und Erna heirateten am 2. Februar 1935. Damals wohnte Julius bereits ein Jahr in der Wohnung Ruhrstraße 17. Zwei Jahre nach der Hochzeit sollte das erste Kind, ein Mädchen, geboren werden. Es kam jedoch im März 1937 tot in der jüdischen Privatklinik Schönstadt an der Pariser Straße 1 zur Welt. Ein Jahr darauf, am 26. Oktober 1938, wurde die Tochter Evelyne Marion geboren.
Gleichzeitig geriet die Familie in wirtschaftliche Not. Julius verlor aufgrund der antisemitischen NS-Verordnungen seine Gewerbegenehmigung als Handelsvertreter, die bisher erwirtschafteten Jahreseinkünfte von ca. 20.000 Reichsmark entfielen. Er konnte in seiner Branche keine Beschäftigung mehr finden, war deshalb die folgenden Jahre zu Hause und die Familie lebte von den noch vorhandenen Ersparnissen. Im September 1941 wurde Julius zur Zwangsarbeit in einer Lack- und Farbenfabrik in Weissensee herangezogen. Er arbeitete dort als Transportarbeiter für einen Wochenlohn von circa 18 bis 20 Reichsmark. Natürlich reichte dieses minimale Einkommen nicht aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten und die Eheleute begannen, ihre Wertgegenstände zu verkaufen.
Neben den 1938 verstärkt im öffentlichen Leben einsetzenden Diskriminierungen waren die Strauss’, obwohl in einer „privilegierten Mischehe“ lebend, besonderen Schikanen durch einen Nachbarn ausgesetzt. Dieser wohnte im Nachbarhaus, war Blockverwalter der NSDAP und darüber hinaus Denunziant der schlimmsten Sorte. Er meldete im Laufe des Jahres 1941 Julius Strauss mehrfach bei der Gestapo, da er von dessen regimekritischen Äußerungen erfahren hatte. Julius wurde jeweils stundenlangen Verhören unterzogen.
Im Februar 1942 erhielt er erneut eine Vorladung. Er kehrte diesmal nicht nach Hause zurück. Julius Strauss war im Polizeigefängnis Alexanderplatz in Gefangenschaft genommen worden. Nach seiner Verhaftung wurde seine Wohnung durchsucht und Erna Strauss bei Verhören durch die Gestapo aufgefordert, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen.
Vom Alexanderplatz aus verbrachte man ihn in das „Arbeitserziehungslager Wuhlheide“, ein Straflager der Gestapo in Lichtenberg.
Am 19. Mai 1942 wurde Julius Strauss auf bisher nicht bekannte Weise in das Konzentrationslager Mauthausen transportiert. Dort erhielt er im Lager die Häftlingsnummer 9771. Am 1. Juni wurde er in das Nebenlager Gusen überstellt. Die SS hatte bereits bei der Planung des KZ Mauthausen die im nur wenige Kilometer entfernt liegenden Ort Gusen befindlichen Granitsteinbrüche erworben. 1939 mussten dort Häftlinge aus Mauthausen ein Lager errichten, in dem anfangs etwa 6000 Gefangene untergebracht waren und zur Zwangsarbeit in den Steinbrüchen herangezogen wurden. Insgesamt wurden etwa 71.000 Menschen aus ganz Europa in das KZ Gusen deportiert. Etwa 36.000 überlebten nicht. Die Steinbrüche von Gusen waren gleichermaßen Orte der Zwangsarbeit und Stätten der Vernichtung. Dort wurden viele Häftlinge systematisch zu Tode geschunden.

Julius Strauss starb nur wenige Tage später, am 5. Juni 1942. Im Totenbuch des Lagers wurde als Todesursache „Herzklappenfehler“ vermerkt, eine unglaubwürdige Angabe angesichts der täglichen Morde, die in dem Lager verübt wurden.

Erna Strauss blieb nach dem Krieg zunächst an der Ruhrstraße wohnen, allerdings zog sie ins Haus Nr. 15, 1955 dann in die Mansfelder Straße 28. Sie versuchte den Nachbarn, der ihren Mann in Gestapohaft gebracht hatte, ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen. Er war jedoch infolge einer zivilen Dienstverpflichtung ohne Hinterlassen einer Anschrift nach Paris gezogen und somit nicht mehr auffindbar. Die von Erna Strauss 1955 angesprochenen Behörden reagierten mit der Aussage: „Es können aus diesen Gründen keine Regressansprüche geltend gemacht werden. Es ist daher nichts zu veranlassen.“
Erna starb am 24. Juni 1979 in Zehlendorf.
Evelyne, die im Letteverein Werbegrafik studiert hatte, verließ Berlin und ließ sich in Livorno, Italien nieder. Im Jahr 2005 hinterlegte sie für ihren Vater ein Gedenkblatt in der Gedenkstätte Yad Vashem.

Recherche und Text: Karin Sievert, Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945

Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten – Entschädigungsbehörde

Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
 

Yad Vashem – Opferdatenbank
https://www.mauthausen-memorial.org/de/Gusen
Mauthausen Memorial KZ – Gedenkstätte