HIER WOHNTE
LUDWIG GOLDMANN
JG.1891
DEPORTIERT 14.11.1941
MINSK
ERMORDET
Ludwig Goldmann wurde am 17. November 1891 als einziger Sohn des Justizrats Eduard Goldmann und dessen Frau Rosa geborene Fröschels in Berlin geboren. Sein Vater, ebenfalls ein gebürtiger Berliner, hatte in der Potsdamer Straße eine Anwaltskanzlei mit Notariat. Ludwig hatte zwei ältere Schwestern, Anna (*1887) und Margarete (*1888), und eine jüngere Schwester, Lisbeth (*1895).
Er blieb Junggeselle. Spätestens in den 1930er-Jahren zog er nach Hennigsdorf an der Oberhavel und eröffnete dort in der Waldstraße ein Schuhgeschäft. Im selben Haus befand sich eine Drogerie, dessen Betreiber Hans Brockmann ihm eine Hälfte des Gebäudes vermietete. Mit Herrn Brockmann und dessen Familie freundete sich Ludwig Goldmann an. Als bei den „Kristallnacht“-Pogromen im November 1938 die örtliche SA in sein Schuhgeschäft eindringen wollte, soll ihnen Hans Brockmann mit den Worten „Das ist mein Haus und mein Geschäft“ entgegengetreten sein. Am nächsten Morgen hing an seinem Laden ein Schild mit der Aufschrift „Geht nicht zu dem Drogisten Brockmann, er ist ein Judenfreund“. Hans Brockmann verklagte die Hennigsdorfer SA wegen Geschäftsschädigung; das Amtsgericht Berlin wies die Klage ab und stellte Herrn Brockmann die Kosten in Rechnung. Am 2. Dezember 1938 wurde Ludwig Goldmanns Schuhgeschäft geschlossen. Drei Tage später meldete er bei der Gemeinde
sein Gewerbe ab: „Es finden lediglich nur noch Abwicklungsarbeiten mit der Deutschen Arbeitsfront in Nauen statt, zwecks Übertragung in arische Hände.“ Seines Lebensunterhalts beraubt, zog er zurück nach Berlin. Zum Zeitpunkt der „Minderheiten-Volkszählung“ im Mai 1939 wohnte er zusammen mit seiner großen Schwester Anna Drach in der Rüsternallee 23.
Anna war ausgebildete Krankenschwester. 1905 hatte sie den Rechtsanwalt Hugo Lindemann geheiratet, die Ehe wurde aber bald wieder geschieden. 1914 heiratete sie den Buchhändler Fritz Drach und hatte mit ihm drei Kinder; auch diese Ehe wurde geschieden. Anna war 1921 in die KPD eingetreten. Ihr Exmann Fritz war ebenfalls Kommunist und hatte als Kommandant am Spartakus-Aufstand 1919 teilgenommen. 1933 hatte Anna am Bahnhof Köpenick Flugblätter verteilt, die zu einem Generalstreik gegen die Nationalsozialisten aufriefen; sie wurde festgenommen, verurteilt und vier Monate im Frauengefängnis Barnimstraße inhaftiert. Als ihr Bruder zu ihr zog, war sie als private Krankenpflegerin und als Krankenschwester in einem jüdischen Krankenhaus tätig. Mit großer Wahrscheinlichkeit zog sie vor 1941 aus der gemeinsamen Wohnung aus.
Ebenfalls in der Rüsternallee wohnte auch Ludwigs und Annas verwitwete Schwester Margarete Lachmann.
Drei Tage vor seinem fünfzigsten Geburtstag, am 14. November 1941, wurde Ludwig Goldmann über die Sammelstelle Levetzowstraße zusammen mit 999 anderen Berliner Jüdinnen und Juden ins Ghetto Minsk deportiert und ermordet. Sein Todesdatum ist unbekannt.
Am 19. Januar 1942 wurde auch seine große Schwester Margarete abgeholt. Man verschleppte sie ins Ghetto Riga und brachte sie dort um. Auch Margaretes Todesdatum ist unbekannt.
Das Personal der jüdischen Krankenhäuser, darunter auch Ludwigs Schwester Anna, musste bei den sogenannten „Umsiedlungen“ helfen, etwa bei der Essensversorgung der Sammellager. Ob sich Anna und Ludwig hier noch ein letztes Mal sahen, wissen wir nicht. Anna wechselte dauernd den Wohnsitz, um einer Festnahme zu entgehen, insgesamt an die zwanzig Mal. Sie half dabei auch vielen anderen Jüdinnen und Juden, die untergetaucht waren. Im März 1943, als fast das gesamte jüdische Krankenhauspersonal deportiert werden sollte, wurde sie von der Gestapo gefasst und in das Sammellager Große Hamburgische Straße gebracht. Die Deportation musste wegen der Luftangriffe verschoben werden und die Festgenommenen wurden abkommandiert, um Schutt zu beseitigen. Hier gelang Anna die Flucht: „Ich handelte wie in Trance. (…) Ich füllte einen Eimer mit Schutt (…) schüttete ihn aber nicht aus, sondern stellte ihn hin und legte meinen Stern oben drauf. Dann ging ich langsam weiter.
(…) Ich hatte kein Geld, alles, was ich besaß, war eine alte Wochenkarte der S-Bahn. (…) Ich fuhr direkt zu Freunden.“
Mit Hilfe ihrer Freunde, darunter der „Gerechte unter den Völkern“ Harald Poelchau und seiner Frau, konnte Anna Drach im Versteck überleben. 1947 emigrierte sie nach London, wo sie 1973 starb. Ihr Sohn Hans Drach war ebenfalls als Kommunist im Widerstand. Er wurde 1941 im KZ Niederhagen ermordet. Auch ihre Tochter Rosa trat in ihre Fußstapfen: Sie wurde Krankenschwester wie ihre Mutter und saß ebenfalls wegen „Verschwörung zum Verrat“ im Gefängnis. Danach gelang ihr die Flucht nach England, wo sie mit über hundert Jahren starb. Annas Sohn Thomas, der sich später Gideon nannte, emigrierte in die Niederlande und schloss sich dort der Widerstandsgruppe „Gruppe Westerweel“ an. Er entging im Durchgangslager Westerbork knapp der Deportation nach Auschwitz. Thomas/Gideon Drach starb 1990 in Israel. Lisbeth Goldmann (verheiratet Tell), Ludwigs und Annas kleine Schwester, überlebte den Holocaust ebenfalls. Sie scheint mit ihrem Ehemann Ernst nach Großbritannien
emigriert zu sein und starb 1988 in London.
Recherche und Text: Christine Wunnicke
Quellen:
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundes
MyHeritage
mappingthelives.org
Broschüre „Stolpersteine im Landkreis Oberhavel“, 2024
www.frauen-im-widerstand-33-45.de
Zeugenaussage Anna Drach 1957 in der Wiener Holocaust Library
Kreismuseum Wewelsburg, „Hans Drach und seine Geschwister“