HIER WOHNTE
HARRIET
BENNIGSON
GEB. DRESSEL
JG. 1880
DEPORTIERT 25.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 24.5.1943
Harriet Bennigson wurde als Harriet Dressel am 16. Juli 1880 in Darmstadt in Hessen geboren. Für ihre jung verheirateten Eltern, den aus Drossen in der Neumark (Ośno Lubuskie, Polen) stammenden Kaufmann und Zeitungsverleger Adolph Albert Dressel (*25. September 1850) und dessen aus Mewe in Pommern (Gniew, Polen) stammende Ehefrau Hedwig Dressel geborene Markewitz (*31. Mai 1856), war sie das älteste von zwei Kindern. Ihr Bruder Victor Walter (*28. November 1882) war zweieinhalb Jahre jünger als sie.
Als Harriet sich 1906 mit dem Rechtsanwalt Dr. jur. Ludwig Hamburger (*12. März 1875) verlobte, wohnte die Familie Dressel in der Ansbacher Straße 27 in Schöneberg.
Ludwig Hamburger war in Guben in der Niederlausitz geboren. Er war das einzige Kind von Isidor Hamburger und dessen Ehefrau Fanny, geborene Kronheim. Die 27-jährige Harriet und der 31-jährige Ludwig heirateten 1906 und wurden am 10. Mai 1907 Eltern eines Sohnes, den sie Werner nannten. Ihr zweites Kind Marion wurde am 27. Juni 1912 geboren.
Am 29. Dezember 1913 starb Harriets Vater Adolph Dressel in der Kufsteiner Straße 14 in Schöneberg mit 63 Jahren. Ihre Mutter Hedwig wurde mit 56 Jahren Witwe. Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, war Harriets Ehemann Dr. Ludwig Hamburger Hauptmann im Königlichen Bayrischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 13. Bei einem Sturmangriff bei Malancourt-Verdun starb er mit 41 Jahren am 22. März 1915 den „Heldentod“, wie es in der Todesanzeige hieß. Die Sterbeurkunde wurde am 8. Mai 1916 ausgestellt. Harriet wohnte damals mit ihren beiden Kindern in der Landhausstraße 17 in Wilmersdorf.
Wann und wo sie ihren späteren zweiten Ehemann, den Zeitungsverleger und Chemiker Dr. phil. Fritz Bennigson (*10. März 1877), kennenlernte, ist nicht bekannt. Er wohnte ganz in ihrer Nähe in der Güntzelstraße 48. Die 37-jährige Harriet und der 40-jährige Fritz heirateten am 9. September 1917. Als Trauzeugen waren Fritz’ 80-jähriger Vater, der Kaufmann Benjamin Bennigson, und Harriets 34-jähriger Bruder Walter anwesend. Walter wies sich durch einen Urlaubsschein aus, demnach war auch er Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg.
Fritz adoptierte Harriets Tochter Marion, die fortan Marion Bennigson hieß. Ihr Sohn Werner behielt den Namen Hamburger. Am 16. Mai 1924 heiratete ihr jüngerer Bruder, der Verlagsbuchhändler Victor Walter Dressler, die nicht-jüdische Auguste Martha Jagomast (*4. November 1893). Sie wohnten in der Bozener Straße 3 in Berlin-Schöneberg.
Nach dem Amtlichen Fernsprechbuch von Berlin wohnten Fritz und Harriet 1928 und 1929 am Karolingerplatz 4 in Berlin-Charlottenburg.
Harriets Sohn Werner trat später in die Fußstapfen seines leiblichen Vaters und studierte wie er Rechtswissenschaften. Der 25-jährige Rechtsanwalt Dr. Werner Hamburger führte 1932 eine Kanzlei am Kurfürstendamm 216. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, verlor Werner am 7. April 1933, basierend auf dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, die Zulassung als Rechtsanwalt. Da er daraufhin im Deutschen Reich keine Zukunft mehr sah, flüchtete er nach Palästina. 1933 war Harriet 52 Jahre alt.
Bis zu ihrem 80. Lebensjahr wohnte Harriets Mutter Hedwig am Kurfürstendamm 57, wo sie am 26. August 1934 starb. Fritz Bennigson meldete ihren Tod beim Standesamt. Harriet und er wohnten damals Am Fürstenplatz 2 in Berlin-Charlottenburg, wo auch Fritz’ Schwester Caroline Hirsekorn geborene Bennigson mit ihrem Ehemann, dem Verleger Reinhold Hirsekorn, wohnte.
Harriets Sohn Werner Hamburger hatte in Tel Aviv geheiratet. Seine Tochter Judith wurde am 20. Mai 1942 geboren. Harriet wurde das erste Mal Großmutter. Dass sie es erfahren hat, ist eher unwahrscheinlich.
Wann Harriets und Fritz’ Tochter Marion nach Palästina emigrierte, konnte nicht recherchiert werden. Sie heiratete 1944 mit 32 Jahren in zweiter Ehe den aus Pardubitz (Pardubice, Tschechien) stammenden Dr. Eugen Moshe Hoch (*25. Dezember 1908) in Palästina. Sie wurden Eltern von zwei Kindern.
Fritz und Harriet zogen 1936 vom Fürstenplatz 2 in die nahegelegen Frankenallee 14 in Berlin-Westend. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren sie weiterhin in der Frankenallee 14 gemeldet. Es war ihre letzte freiwillig gewählte Adresse. Wann sie in die Bamberger Straße 49 ziehen mussten, ist nicht bekannt. Sie wohnten dort in einem möblierten Zimmer einer Zwangswohnung.
Fritz’ Schwester Caroline und ihr Ehemann Reinhold Hirsekorn wurden am 17. August 1942 als erste der Familie Bennigson nach Theresienstadt deportiert. Eine Woche später, am 25. August 1942, deportierte die Gestapo auch den 65-jährigen Fritz und die 62-jährige Harriet nach Theresienstadt. Aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto starb Harriets Schwager Reinhold Hirsekorn am 31. Dezember 1942 mit 78 Jahren. Auf der Todesfallanzeige wurde Altersschwäche angegeben. Fritz starb gut einen Monat später, am 9. Februar 1943. Auf der Todesfallanzeige wurde als Todesursache Lungenentzündung angegeben. Harriet überlebte ihn noch ca. drei Monate. Sie starb am 24. Mai 1943 kurz vor ihrem 63. Geburtstag. Fritz’ Schwester Caroline starb am 25. Juni 1943 mit 77 Jahren. Auch hier wurde Altersschwäche vermerkt.
Harriets Bruder Victor Walter Dressler überlebte den Holocaust, geschützt durch die Mischehe mit seiner nicht-jüdischen Ehefrau Auguste (*4. November 1893). Er starb an „Herzmuskelschwäche und Sekundenherztod“ am 20. September 1950. Auguste starb am 18. Juli 1972 mit 78 Jahren in der Bozener Straße 3, wo sie 48 Jahre gelebt hatte.
Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2026
Quellen:
- Bundesarchiv – Gedenkbuch
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
- My Heritage