Stolperstein Pestalozzistraße 74

Hausansicht Pestalozzistr. 74

Dieser Stolperstein wurde am 10. Oktober 2017 verlegt.

Stolperstein Siegbert Röhmann

HIER WOHNTE
SIEGBERT RÖHMANN
JG. 1881
DEPORTIERT 30.6.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 26.12.1943

Siegbert Röhmann wurde am 11. März 1881 in Meseritz in der Mark Brandenburg geboren. Für seine Eltern, den aus Zirke stammenden Hermann Hirsch Röhmann (geb. 1848) und dessen aus Meseritz stammende Ehefrau Jeanette Röhmann geborene Kupfer (geb. 1848), war er das zweite von insgesamt vier Kindern. Sein vier Jahre älterer Bruder Georg (geb. 1877) starb mit 18 Jahren am 19. September 1895 in Berlin. Seine Schwester Gertrud (geb. 25. Februar 1883) war zwei Jahre und sein Bruder Hugo (geb. 15. April 1885) vier Jahre jünger als er.

Siegbert wurde Kaufmann von Beruf. Seine Schwester arbeitete als Verkäuferin und heiratete mit 22 Jahren 1905 den Schneider Wilhelm Baum (geb. 28. Januar 1880). Der jüngere Bruder Hugo, der als Tapezierer arbeitete, heiratete am 9. April 1910 die aus Graudenz (Grudziądz, Polen) stammende, evangelisch getaufte Näherin Anna Frieda Thiem (geb. 1. November 1889). Für Hugo trat Frieda dem Judentum bei. Drei Monate später starb der Vater am 14. Juli 1910 mit 57 Jahren. Der 29-jährige Siegbert heiratete kurze Zeit später in erster Ehe am 3. November 1910 die 21-jährige Gerti Hennes (geb. 1. Mai 1888). Hugo und Frieda wurden ein Jahr später Eltern ihrer Tochter Irmgard (geb. 9. Januar 1911).

Als der Erste Weltkrieg begann, war Siegbert 32 Jahre alt und nahm aktiv daran teil. Als Auszeichnung bekam er das Eiserne Kreuz II. Klasse und das am 3. März 1918 von Kaiser Wilhelm II. erstmals gestiftete Verwundetenabzeichen. Seine Ehe war nach Ende des Krieges zerbrochen und wurde am 22. Dezember 1919 geschieden. Gerti heiratete 1920 in zweiter Ehe Ludwig Laserstein. Siegberts Mutter starb am 18. April 1925 mit 76 Jahren. Das Berliner Adressbuch führte Siegbert in den 1920er-Jahren bis Anfang 1932 in der Wörther Straße 29 in Berlin-Prenzlauer Berg. Sein Bruder Hugo wohnte in der Sedanstraße 13 und 50 (heute Bizetstraße) in Berlin-Weißensee in der Nähe des Jüdischen Friedhofs. Hier arbeitete er seit den 1920er-Jahren als Kultusbeamter, Friedhofsangestellter und Sargträger.

Wann und wo Siegbert seine zweite Ehefrau, die aus Buchenhain in Groß Wartenberg in Schlesien (Bukowine, Polen) stammende, katholisch getaufte Magdalena, geborene Wodak (geb. 17. April 1894) kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten vermutlich 1925. Am 11. Juni 1926 wurden sie Eltern ihres ersten Sohnes Wolfgang. Am 17. Mai 1929 kam ihr zweiter Sohn Joachim Hans zur Welt.

1934 war Siegbert Röhmann zum ersten Mal im Berliner Adressbuch in der Pestalozzistraße 74 in Berlin-Charlottenburg zu finden, demnach war die Familie 1933 nach Berlin-Charlottenburg gezogen. Die beiden Söhne gingen hier in die öffentliche 21. Volksschule. Siegbert und Magdalena Ursula lebten für die Nationalsozialisten in einer „privilegierten Mischehe”. Magdalena Ursula wurde unter Druck gesetzt, sich von ihrem jüdischen Ehemann scheiden zu lassen. Am 13. Februar 1940 ließen sie ihre Söhne katholisch taufen. Am 15. Oktober 1941 wurden die Söhne in der Familienschule für „nichtarische” Christen in der Oranienburger Straße 20 in Berlin-Kreuzberg angemeldet. Am 5. Februar 1942 verließ der jüngere Sohn Hans Joachim mit 14 Jahren die Schule. Vermutlich verließen Siegberts Ehefrau Magdalena Ursula und ihre gemeinsamen Söhne zu dem Zeitpunkt Berlin.

Seit Februar 1942 wohnte Siegbert zur Untermiete in einem möblierten Zimmer im ersten Stock des Vorderhauses bei seinem Bruder Hugo in der Alten Jakobstraße 171 (heute 169) in Berlin-Kreuzberg, wo dieser schon bei der „Minderheiten-Volkszählung“ im Mai 1939 mit seiner Familie wohnte. Siegbert leistete Zwangsarbeit bei der „Wemag“.

Seine Schwägerin Frieda Röhmann geborene Thiem wurde laut Mitteilung des Polizeipräsidenten vom 20. Mai 1942 als „jüdischer Mischling 1. Grades” anerkannt, damit verfiel die Verpflichtung zur Führung des Vornamens „Sara“. Am 14. Dezember 1942 teilte die jüdische Kulturvereinigung in Berlin mit, dass Frieda Röhmann mit Genehmigung der Gestapo am 24. Oktober 1942 aus der Vereinigung ausgetreten sei. Friedas Ehemann, der Arbeiter Hugo Röhmann, starb am 8. Februar 1943 mit 57 Jahren an Herzmuskelschwäche.

Nach neuerlicher Mitteilung des Polizeipräsidenten vom 20. Februar 1943 wurde auf der Heiratsurkunde von Hugo und Frieda Röhmann vermerkt, dass die Ehefrau nicht „Mischling ersten Grades”, sondern „deutschblütig” im Sinne der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 sei.

Siegbert konnte noch bis Mitte Juni 1943 bei seiner Schwägerin Frieda in der Alten Jakobstraße 171 zur Untermiete wohnen bis er den Deportationsbefehl erhielt.

In der Alten Jakobstraße 169 (damals 171) erinnert ebenfalls ein Stolperstein an Siegbert Röhmann. Dies war aber nicht sein letzter freiwillig gewählter Wohnsitz.

Am 25. Juni 1943 unterschrieb Siegbert seine Vermögenserklärung. Auf der Deportationsliste wurde vermerkt, dass er das Verwundetenabzeichen erhalten habe – Grund für die Gestapo, ihn als 62-Jährigen mit dem 93. Alterstransport am 30. Juni 1943 vom Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt und nicht nach Auschwitz zu deportieren. Aufgrund der menschenunwürdigen Lebensbedingungen im Ghetto starb Siegbert Röhmann ein halbes Jahr später am 26. Dezember 1943.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Mai 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 31259,
  • Siegbert Röhmann