Stolpersteine Xantener Straße 6

Hausansicht Xantener Str. 6

Diese Stolpersteine wurden am 17.05.2017 verlegt.

Stolperstein Martin Zielke

HIER WOHNTE
MARTIN ZIELKE
JG. 1907
DEPORTIERT 29. 1. 1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Stolperstein Grete Zielke

HIER WOHNTE
GRETE ZIELKE
GEB. NEUMANN
JG. 1913
DEPORTIERT 29. 1. 1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Stolperstein Emmy Hirschfeld

HIER WOHNTE
EMMY HIRSCHFELD
GEB. SALOMON
JG. 1878
DEPORTIERT 16.7.1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Stolperstein Ilse Moses

HIER WOHNTE
ILSE MOSES
GEB. UNGAL
JG. 1902
VERHAFTET
RAVENSBRÜCK
‘VERLEGT’ 25.4.1942
BERNBURG
ERMORDET 25.4.1942

Stolperstein Else Philippson

HIER WOHNTE
ELSE PHILIPPSON
GEB. WECHSELMANN
JG. 1877
DEPORTIERT 26. 6. 1942
MINSK
ERMORDET IN
MALY TROSTINEC

Stolperstein Valentin Pinner

HIER WOHNTE
VALENTIN PINNER
JG. 1876
DEPORTIERT 2. 3. 1943
AUSCHWITZ
ERMORDET MÄRZ 1943

Valentin Pinner, auch Falk genannt, kam am 7. April 1876 in Liegnitz in Niederschlesien (heute Legnica in Polen) als Sohn des Kaufmanns Theodor David Pinner und dessen Ehefrau Rosalie, geborene Neftel zur Welt. Er hatte zwei ältere Brüder namens Felix (*ca. 1864) und Max (*1865), eine ältere Schwester namens Clara (*1869) und eine jüngere Schwester namens Margarete (*1881). Valentins Vater Theodor hatte vor seinem Umzug nach Liegnitz gemeinsam mit seinem Onkel mütterlicherseits in Breslau ein Handelsunternehmen betrieben. Die Familie Pinner zog nach Berlin, als Valentin drei oder vier Jahre alt war.

Wahrscheinlich machte er eine kaufmännische Ausbildung bei seinem Vater. Als er im März 1902 in Berlin die Ostpreußin Luise Raczinski (*1878) heiratete, stand „Kaufmann” auf dem Trauschein. Er führte allerdings eine Art Doppeleben: Einerseits war er Teilhaber der väterlichen Firma, die in Moabit mit Wollabfällen handelte, andererseits hatte er gerade seine Karriere als Komponist, Texter, Pianist und Theatermacher begonnen, wahrscheinlich nach autodidaktischen Anfängen. Als Künstler nannte er sich Harry Waldau.

1900 war sein Walzer „Der Rattenfänger” im Druck erschienen, und im Jahr seiner Hochzeit trat er als Schauspieler in einem Berliner Possentheater auf.

1906 bekam das Ehepaar Pinner einen Sohn, der tot zur Welt kam oder gleich nach der Geburt starb. Sie hatten danach keine weiteren Kinder.

Valentins Eltern starben 1913 und 1915 und wurden auf dem jüdischen Friedhof in Weissensee beigesetzt. Damals hatte Valentin/Falk/Harry seinem Kaufmannsdasein schon Lebewohl gesagt. Ab 1912 und bis in die 1930er-Jahre veröffentlichte er eine Unzahl von Chansons und Schlagern, bei denen er meist sowohl den Text als auch die Musik schrieb. Von vielen sind Schallplattenaufnahmen entstanden. Er schrieb Lustspiele und Operetten und trat als Sänger und Schauspieler auf. Im Lichtspielhaus Cines am Nollendorfplatz dirigierte er das Stummfilmorchester und schrieb auch selbst für viele Filme die Begleitmusik. Daneben leitete er das Kabarett „Die Spinne” und spielte auf Kleinkunstbühnen Klavier.

In den 1920er-Jahren lebten Harry Waldau und seine Frau Luise in der Zähringer Straße 17 in Wilmersdorf. Als Komponist und Texter war er damals längst eine Institution. Auch für die heiß geliebte Diseuse Claire Waldoff schrieb er mehrere Lieder, darunter „Mensch komm mal rüber” und „Warum kieckste mir denn immer uff die Beene”. Er war zeitweise Hauskapellmeister im Cabaret „Schall und Rauch”, an dem berühmten Künstler wie Kurt Tucholsky und Friedrich Hollaender beteiligt waren. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 schrieb er auch weiterhin Musik und Libretti für Operetten.

Dann beendeten die Berufsverbote für jüdische Künstlerinnen und Künstler seine Karriere.

Wie Valentin und seine Frau Luise die letzten Jahre ihres Lebens verbrachten, wissen wir nicht. Mitte der 1930er-Jahre zogen sie aus der Zähringer Straße 17 in die Xantener Straße 6 um. Valentin Pinner wurde am 2. März 1943, seine Frau zwei Tage später, am 4. März 1943, nach Auschwitz deportiert. Beide wurden wahrscheinlich gleich nach der Ankunft vergast. Valentin Pinner/Harry Waldau starb mit 66, seine Frau Luise geborene Raczinski mit 64 Jahren.

Valentins Bruder Felix war 1930 gestorben. Sein Bruder Max war mit seiner Frau nach Uruguay emigriert und überlebte den Holocaust. Seine Schwester Clara, die in Moabit gewohnt hatte, war im Sommer 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort ermordet worden. Seine kleine Schwester Margarete hatte mit ihrem Ehemann Gustav Reppert in der Pfalzburger Straße in Wilmersdorf gewohnt. Was aus den beiden geworden ist, konnte nicht zweifelsfrei festgestellt werden. Möglicherweise haben sie den Holocaust überlebt.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • MyHeritage
  • Berliner Adressbücher
  • mappingthelives.org
  • K. Ploog, Als die Noten laufen lernten, Geschichte und Geschichten der U-Musik bis 1945. BoD 2015

Stolperstein Marta Rosenbaum

HIER WOHNTE
MARTA ROSENBAUM
GEB. KÖNIGSFELD
JG. 1873
DEPORTIERT 3. 10. 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 31.10.1942

Marta Königsfeld wurde am 24. Januar 1873 als Tochter von Moritz Königsfeld und dessen Ehefrau Paula Ernestine, geborene Rosenbaum, in Zawada bei Pleß in Oberschlesien (heute Pszczyna in Polen) geboren. Ihr Vater hatte dort eine Gastwirtschaft. Marta wuchs mit vier Geschwistern auf, den Schwestern Clara (*1869), Emma (*1876) und Alma (*1879) sowie dem Bruder Max (*1874).

1894 heiratete sie den schlesischen Kaufmann Otto Itzig Rosenbaum. Sie bekamen drei Töchter: Käte (1897), Lizzi (?) und Steffi (*1907). Die Familie lebte in Breslau.
1903 starb Martas Schwester Clara mit 34 Jahren. Ein Jahr später heiratete ihre Schwester Emma deren Witwer Sigmund Rosenbach. Schwester Alma hatte ebenfalls geheiratet, die Ehe wurde später geschieden. Über das weitere Leben von Martas Schwestern Emma und Alma war nichts herausfinden.

Am 21. April 1924 starb Martas Mann Otto mit 55 Jahren in Breslau. Die Töchter Käte und Lizzi waren zu diesem Zeitpunkt schon verheiratet, Käte mit dem Journalisten Arnold Spingarn, Lizzi mit dem aus Pleß gebürtigen Dr. rer. pol. Ernst Schindler. Die jüngste Tochter, Steffi, die beim Tod ihres Vaters siebzehn Jahre alt war, hatte andere Ambitionen. Sie wollte Schauspielerin werden und hatte beim Breslauer Rundfunk bereits ihre ersten kleinen Sprechrollen. Wenig später schloss sie sich einem Wandertheater an und tourte damit durch Ostpreußen. Sie verkürzte ihren Namen zu Steffi Ronau.

Die verwitwete Marta zog nach Berlin, wo auch ihre Tochter Käte mit ihrem Mann Arnold und ihr Bruder Max mit seiner Frau Dorothea lebten. Zunächst wohnte Marta in der Wittelsbacher Straße 17 in Wilmersdorf. Dann zog sie in die Xantener Straße 6 um, wo sie im Mai 1939 bei der „Minderheiten-Volkszählung” erfasst wurde. Ihr Bruder Max und ihre Schwägerin Dorothea wohnten zu dem Zeitpunkt in der Steglitzer Schlossstraße. Ihre Schwester Käte lebte mit ihrem elfjährigen Sohn Günter und ihrer einjährigen Tochter Marion in der Düsseldorfer Straße 48. Kätes Mann Arnold Spingarn, der Vater ihrer Kinder, war 1937, als Käte mit Marion schwanger war, allein nach Schanghai emigriert. Es war nicht herauszufinden, welche Geschichte hinter dieser schmerzhaften Trennung steckte. Arnold Spingarn starb 1971 in Kalifornien.

Martas Tochter Steffi Ronau war nach Engagements in Münster und Wien 1934 ebenfalls nach Berlin gezogen. Sie trat im Café Uhlandeck am Kurfürstendamm auf, wo der jüdische Kulturbund eine Kleinkunstbühne betrieb, dann wechselte sie zum Jugendtheater des Kulturbundes. Sie heiratete dessen Leiter, den Schauspieler Werner Hinzelmann (*1901). Allen Schikanen und Kränkungen zum Trotz spielten die beiden immer weiter Theater. Sie gründeten zusammen auch ein Puppentheater unter dem Dach des Jüdischen Kulturbundes. Steffi Ronau-Hinzelmann und ihr Mann Werner wohnten 1939 ebenfalls in der Düsseldorfer Straße 48, im selben Haus wie Steffis Schwester Käte mit ihren zwei Kindern. Sie dachten über Flucht nach, aber fanden keinen Weg, sie zu realisieren.

Am 18. Februar 1942 wurden Steffi und Werner Eltern einer Tochter, die sie Reha nannten. Ein halbes Jahr später, am 28. August, starb Werner Hinzelmann, und Steffi blieb mit ihrem Baby allein. Einen guten Monat später, am 3. Oktober 1942, wurde ihre Mutter Marta ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Marta Rosenbaum geborene Königsfeld wurde 69 Jahre alt.

Bald darauf folgte Martas Tochter Käte mit Sohn Günther und Tochter Marion. Die drei wurden am 4. März 1943 nach Auschwitz verschleppt und dort wahrscheinlich gleich nach der Ankunft vergast. Käte Spingarn geborene Rosenbaum wurde 45 Jahre alt. Ihr Sohn Günter wurde mit vierzehn und ihr Töchterchen Marion mit fünf Jahren ermordet.

Martas Bruder Max deportierte man am 2. Februar 1943 ins Ghetto Theresienstadt und ermordete ihn dort. Seine Frau Dorothea war bereits 1941 ins Ghetto Lodz deportiert und im Mai 1942 im Vernichtungslager Cheŀmno getötet worden.

Übrig blieben Martas Tochter Steffi und ihre Enkelin Reha. Für eine Flucht war es längst zu spät. Im Februar 1943 tauchten sie in Berlin unter. Reha war gerade ein Jahr alt. Mutter und Tochter überlebten den Holocaust dank der Bordellbesitzerin Charlotte Erxleben, die vielen Berliner Jüdinnen und Juden das Leben rettete, und der später der Titel einer „Gerechten unter den Völkern” verliehen wurden. Ebenfalls geholfen hat ihnen ein Leidensgenosse namens Fritz Walter. Ihm war die Flucht aus dem KZ Majdanek gelungen und auch er hatte bei Charlotte Erxleben Zuflucht gefunden. Er verdiente Geld auf dem Schwarzmarkt und unterstützte damit Steffi und Reha. Letztendlich überlebten sie in Charlotte Erxlebens Keller.

Steffi Ronau-Hinzelmann und Fritz Walter heirateten nach dem Krieg. Sie unterstützten nun ihrerseits Charlotte Erxleben, die fast mittellos war. Steffi, Fritz und Reha blieben in Berlin. Sofort nach der Befreiung nahm Steffi Ronau ihre Arbeit als Schauspielerin wieder auf. Im August 1945 trat sie bei der Neueröffnung des Hebbel-Theaters unter der Regie von Karlheinz Martin in der „Dreigroschenoper” auf. Jahrzehntelang stand sie in Westberlin auf der Bühne, zuletzt im Theater am Kurfürstendamm. Am liebsten spielte sie Komödien. Marta Rosenbaums Tochter Steffi Ronau starb am 11. Januar 1995.

Reha Hinzelmann, das kleine Mädchen aus dem Kellerversteck, wurde ebenfalls Schauspielerin. Am bekanntesten ist sie als Synchron- und Hörspielsprecherin, unter anderem wirkte sie in den „Bibi Blocksberg”-Hörspielen mit. Reha Hinzelmann lebt in Berlin-Dahlem.

Recherche und Text: Christine Wunnicke (2026)

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • MyHeritage
  • genealogy.net
  • Berliner und Breslauer Adressbücher
  • mappingthelives.org
  • Holocaust Survivors and Victims Database
  • diverse Quellen zu Steffi Ronau, Reha Hinzelmann und Charlotte Erxleben

Stolperstein Hannelore Rubin

HIER WOHNTE
HANNELORE RUBIN
JG. 1933
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Stolperstein Frieda Rubin

HIER WOHNTE
FRIEDA RUBIN
GEB. STERN
JG. 1905
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Stolperstein Jenny Salinger

HIER WOHNTE
JENNY SALINGER
GEB. HAMBURGER
JG. 1883
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Jenny Chana Hamburger kam am 28. Mai 1883 als Tochter des Kaufmanns Louis Hamburger und dessen Ehefrau Sara, geborene Leiser in Posen (Poznań) zur Welt. Sie hatte eine ältere Schwester namens Frieda (*1882).

Die Mädchen verloren früh ihre Mutter. Als sie elf und zwölf Jahre alt waren, heiratete ihr Vater in zweiter Ehe die Breslauerin Emma Peritz. Bald darauf bekamen Jenny und Frieda zwei Halbbrüder, Martin (*1893) und Georg (*1894). 1897 starb ihr Vater.

Ihre Stiefmutter scheint wenig später mit den Kindern nach Berlin gezogen zu sein, wo ein Teil ihrer Familie lebte. Jenny heiratete dort den aus Angermünde gebürtigen Kaufmann Georg Salinger (*1878). Das Ehepaar bezog eine Wohnung in Charlottenburg. Am 19. September 1913 bekamen sie dort ihr einziges Kind, den Sohn Ernst. Etwa gleichzeitig heiratete Jennys große Schwester Frieda einen Amerikaner und zog zu ihm nach New York.

Am 26. April 1926 starb Jennys Mann. Sie wurde mit 42 Jahren Witwe, ihr Sohn Ernst war damals zwölf Jahre alt. Mutter und Sohn zogen in die Detmolder Straße 13 in Wilmersdorf. Hier lebte Jenny noch bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933. Wenig später zog sie nach Tempelhof um und dort in die Kaiser-Wilhelm-Straße 37 (heute Burgemeisterstraße). Dann zog sie in die Xantener Straße 6, wo sie wahrscheinlich zur Untermiete wohnte.

Als die „Minderheiten-Volkszählung” Jenny Salinger im Mai 1939 hier erfasste, hatte ihr Sohn Ernst Deutschland bereits verlassen. Er war nach Palästina emigriert und im April 1937 mit dreiundzwanzig Jahren dort eingebürgert worden. Später nahm er den hebräischen Namen Arie Talmi an. Er heiratete und bekam zwei Kinder. Er starb 1991 in Haifa.

Jenny wurde am 15. August 1942 von Berlin aus ins Ghetto Riga deportiert und dort am 18. August ermordet. Jenny Salinger geborene Hamburger wurde 59 Jahre alt.

Ihrem Halbbruder Georg scheint mit Frau und Sohn die Flucht gelungen zu sein, wahrscheinlich über Belgien nach Kuba. Was aus ihrem Halbbruder Martin geworden ist, ließ sich nicht feststellen.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • MyHeritage
  • Berliner Adressbücher
  • mappingthelives.org
  • Einbürgerungsurkunde nach Palästina Ernst Salinger