Stolperteine Mommsenstraße 47

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Hausansicht Mommsenstr. 47
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Die Stolpersteine für Wolfgang Werner, Grete Zerline und Max Heinz Nathan, Elfriede, Paul und Elisabeth Alexander wurden am 10.05.2017 verlegt.

Die Stolpersteine für Emil Gutmann, Bertha Isaacsohn, Adolf Ajack Isaacsohn, Julius Jastrowitz, Betty Jastrowitz, Helga Oppenheim, Alice Marcus, Irma Wolff, Ella Silberstein, Gertrud Berlin wurden am 22.02.2019 verlegt.

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Stolperstein Wolfgang Werner Nathan
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
WOLFGANG WERNER
NATHAN
JG. 1886
DEPORTIERT 16.12.1942
THERESIENSTADT
BEFREIT

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Stolperstein Grete Zerline Nathan
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
GRETE ZERLINE
NATHAN
GEB. HAHN
JG. 1894
DEPORTIERT 16.12.1942
THERESIENSTADT
BEFREIT

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Stolperstein Max Heinz Nathan
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MAX HEINZ
NATHAN
JG. 1920
FLUCHT 1939
ENGLAND
1940 BIS 1944
JÜDISCHES PIONIER CORPS

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Werner Nathan
Bild: privat

Wolfgang Werner Nathan kam am 21. März 1886 in Berlin auf die Welt. Er stammte von einer der 50 jüdischen Familien ab, die 1670 aus Wien vertrieben worden waren und 1671 vom brandenburgischen Kurfürsten die Erlaubnis erhielten, sich in Berlin und Brandenburg niederzulassen. Werners Vater Max Nathan war ein gebürtiger Berliner, sein Vater stammte aus Spandau. Werner Nathans Mutter war Clara geb. Weiß, sie war in Oranienburg geboren, 1872 zog ihre Familie nach Berlin. Werner hatte zwei Brüder, den drei Jahre älteren Bernhard und den fünf Jahre jüngeren Peter Percy. Ein Vetter Werners, der 1880 geborene Bernhard Weiß, gelangte später als Vizepolizeipräsident Berlins während der Weimarer Republik zu Berühmtheit.

Max Nathan war „vereidigter Wechsel-, Fonds- und Geldmakler“ mit Geschäftssitz in der Neuen Friedrichstraße 56. Zum Zeitpunkt von Werners Geburt wohnte die Familie in der Friedrich-Wilhelm-Straße 24 (heute Klingelhöfer Straße) und zog wenige Jahre darauf an das nahe Lützowufer 4. Als Werner 8 Jahre alt war, verlegte die Familie wieder ihren Wohnsitz, diesmal nach Wilmersdorf in die Uhlandstraße 38. Max Nathan war der Eigentümer des Hauses, seine Geschäfte liefen gut und Werner wuchs im Wohlstand auf. Max Nathan hatte sich schon 1890 eine Villa in Groß Tabarz/Thüringen bauen lassen, wo die Brüder oft die Sommerferien verbrachten. 1904 verkaufte Max Nathan das Haus in der Uhlandstraße und zog in die Neue Bayreuther Straße 6 (heute Welserstraße). Vermutlich zog er sich um 1910 ganz nach Tabarz zurück, wo er 1918 starb.

Werner absolvierte eine kaufmännische und vermutlich auch eine juristische Ausbildung, da er später als Rechtsberater arbeitete, sich aber stets als Kaufmann bezeichnete. Im Ersten Weltkrieg wurde er in Frankreich bei Sennecey schwer verwundet und hatte fortan einen Lungenschaden. Er geriet in Kriegsgefangenschaft und kam 1918 im Rahmen eines Gefangenenaustausches frei. Sein Bruder Bernhard fiel schon 1916 in Lettland.

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Grete Nathan
Bild: privat

Im Januar 1919 verlobte sich Werner mit Grete Hahn und heiratete sie bald darauf. Sie nahmen eine Wohnung in der Wilmersdorfer Straße 80, wo am 5. Mai 1920 ihr Sohn Max Heinz geboren wurde.

Zerline Margarethe Hahn, genannt Grete, war am 23. Januar 1894 als älteste Tochter des Kaufmannes Arthur Hahn und seiner Frau Julie geb. Schwarz in der Kreuzberger Prinzessinnenstraße 26 geboren worden. Sie bekam noch drei Geschwister: 1895 Leo, 1898 Erna und 1902 Lotte. Ein Jahr nach Gretes Geburt zogen ihre Eltern an das Luisenufer 35, heute Legiendamm, am Engelbecken. An der alten Adresse, Prinzessinenstraße 26, war auch die Firma „Gebrüder Fischel ansässig, eine Lederfabrik von Samuel und Benno Fischel, zwei Onkel mütterlicherseits von Julie Hahn. Als Arthur Hahn um 1910 Mitinhaber der Fabrik wurde, hatte er vermutlich schon länger für sie gearbeitet. Die Firma hieß weiterhin „Gebrüder Fischel“. 1919, im Jahr von Gretes Verlobung und Heirat, hatten Hahns bereits Kreuzberg verlassen und wohnten in der Uhlandstraße 162 – genau gegenüber der Nr. 38, die bis 1904 Max Nathan gehört hatte.

Werner Nathan arbeitete als Rechtsberater bei der Firma Tietz. Der Warenhauskonzern musste nach der Weltwirtschaftskrise 1929 empfindliche Umsatzeinbußen hinnehmen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten folgte dann die schrittweise „Arisierung“ des Konzerns, die 1934 beendet war. Spätestens dann verlor Werner Nathan seine Stelle. Er fand wieder eine Beschäftigung bei der Wohnungsberatungsstelle der Jüdischen Gemeinde.

1932 waren Nathans von der Wilmersdorfer Straße in die Mommsenstraße 47 gezogen. Bald darauf begannen unter dem NS-Regime die offiziellen Diskriminierungen und Benachteiligungen von Juden. 1934 musste Werners Sohn Max Heinz das Goethegymnasium verlassen und auf die Theodor-Herzl-Schule wechseln. Auch dort konnte er kein Abitur machen. Ein schon zugesagter Lehrvertrag in einem Elektrobetrieb scheiterte an einem nationalsozialistischen Betriebsrat. Max Heinz machte daraufhin einen von der Jüdischen Gemeinde organisierten Schweißerkurs, nachdem er verschiedene Stellen als ungelernter Arbeiter bei jüdischen Betrieben verloren hatte, weil diese aufgelöst worden waren.

Die schon sehr schwierigen Lebensumstände für Juden verschlechterten sich noch mal drastisch nach den Pogromen vom November 1938. Waren Juden schon entrechtet und isoliert, so zielte die nun sprunghaft erhöhte Zahl von antijüdischen Verordnungen auf ihre völlige wirtschaftliche und soziale Ausgrenzung. Verbote in allen Lebensbereichen, Ablieferung von Wertsachen, eingeschränkte Verfügung über ihr Vermögen, Sondersteuern und Sonderabgaben, Bannbezirke, Bannzeiten, Entwürdigung allenthalben. Anfang 1939 wurde der 18-jährige Max Heinz zur Zwangsarbeit bei der Rüstungsfirma Kallmann verpflichtet.

Wer konnte, verließ Deutschland. Dies war allerdings auch erschwert durch weitere Bestimmungen und v.a. durch die Preise für Visa und Schiffspassagen, die entsprechend der Nachfrage sprunghaft stiegen. Dennoch gelang es Werner und Grete ihrem Sohn die Ausreise nach England zu ermöglichen. Auch seine erlernten handwerklichen Fähigkeiten waren entscheidend dafür, dass er am 8. März 1939 Berlin verlassen konnte. In England wurde er sofort zur Renovierung des Flüchtlingslagers Kitchener camp in Richborough, Kent, eingesetzt.

Werner und Grete sollen auch mehrere Versuche zur Auswanderung unternommen haben, sämtlich ohne Erfolg. Nach Kriegsbeginn war es erneut schwieriger geworden, 1941 wurde Auswanderung ganz verboten. In diesem Jahr ist Werner Nathan zum letzten Mal im Adressbuch aufgeführt. Wie viele andere wurden er und Grete genötigt, ihre Wohnung aufzugeben und in beengteren Verhältnissen mit anderen Juden zusammen zu leben, um für Nichtjuden Platz zu machen. Das Ehepaar Nathan zog zusammen mit Gretes Mutter Julie Hahn in die Sybelstraße 58. Julie Hahn hatte bis dahin in der Roscherstraße gelebt.

Im Dezember 1942 wurden Werner, Grete und Julie von der Gestapo in die Gerlachstraße 19-21 gebracht. Dies war ein zum Teil als Sammellager umfunktioniertes jüdisches Altersheim. Durch seine Arbeit bei der Jüdischen Gemeinde hatte Werner schon vorher davon erfahren, und sie hatten bereits kleine Koffer mit unter anderem den ihnen verbliebenen Wertsachen vorbereitet, z. B. eine wertvolle Briefmarkensammlung. Doch die Koffer mussten sie abgeben und sahen sie nie wieder. Auch die Wohnungsschlüssel mussten sie in der Gerlachstraße abgeben. Am 16. Dezember 1942 wurden Werner und Grete in einer Gruppe von 100 Opfern vom Anhalter Bahnhof aus nach Theresienstadt deportiert, einen Tag nachdem schon Julie Hahn ebenfalls nach Theresienstadt verschleppt worden war.

Theresienstadt, euphemistisch als „Altersghetto“ bezeichnet, war praktisch ein Durchgangslager, in dem erbärmliche Lebensbedingungen herrschten: die Wohnräume heruntergekommen und brutal überbelegt, die Nahrung unzureichend, die hygienischen Umstände katastrophal. Hunger, Kälte, Krankheiten und Seuchen suchten die Bewohner heim und rafften sie dahin. Auch Gretes Mutter Julie Hahn erlag diesen Zumutungen etwa 9 Monate nach Ankunft am 1. September 1943. Sie starb offiziell an einer Lungenentzündung, was angesichts der beschriebenen Umstände sogar plausibel ist. Für sie liegt ein Stolperstein vor der Roscherstraße 12.

Werner und Grete hingegen gelang es, mehr schlecht als recht zu überleben. Es heißt, dass sie dank Werners Kriegsverletzung eine geringfügig bessere Verpflegung bekommen konnten. Sie erlebten das Kriegsende und kamen zunächst in das Lager für „Displaced Persons“ bei Deggendorf, nahe Bamberg, in der amerikanischen Zone. Von dort versuchten sie, wieder ohne Erfolg, Deutschland zu verlassen. Sie bekamen eine Wohnung in Würzburg, wo sie ihre letzten Lebensjahre verbrachten. Werner starb am 21. November 1953, Grete überlebte ihn bis zum 11. November 1956.

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Max Heinz Nathan
Bild: privat

Max Heinz Nathan hatte sich nach Kriegsbeginn in England der Britischen Armee angeschlossen, er kämpfte in dem jüdischen „Pioneer Corps“. Erst nach dem Krieg erfuhr er wo seine Eltern waren. Er nahm Kontakt auf, schickte ihnen u.a. ein Foto in Uniform. Es gelang ihm, sich bei der amerikanischen Militärverwaltung in Bayern einsetzen zu lassen, um in der Nähe der Eltern zu sein. 1948 heiratete er dann in London Fay Mendzigursky, die als Kind mit einem Kindertransport aus Leipzig den Nazis entkommen war. Sie hatten zwei Töchter, Judith und Jacqueline. In London übte Max Heinz verschiedene Tätigkeiten aus, bevor er sich als Modedesigner behaupten konnte. Später etablierte er sich als Lebensversicherungsmakler. 1963, mit nur 42 Jahren, starb er am 15. Januar an den Folgen eines Herzinfarkts.

Werner Nathans jüngerer Bruder Peter Percy zog schon 1932 mit seiner Frau Tina nach Paris. Sie wurden im Krieg als Juden in französische Lager interniert, konnten entkommen und überlebten versteckt in einem Dorf in den Pyrenäen. Werners Vetter Bernhard Weiß, promovierter Jurist, war in der Weimarer Republik als Vizepolizeipräsident beherzt gegen NSDAP-Mitglieder vorgegangen, besonders auch gegen Goebbels. 1932 wurde er unter Papen entlassen und kurz inhaftiert. Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 konnte er knapp der Verhaftung entkommen, floh nach Prag und von da nach London, wo er 1951 verstarb.

Gretes Bruder Leo starb 1935 an einer Krebserkrankung, seine Frau Margit geb. Singer und der 1926 geborene Sohn Hans emigrierten daraufhin nach Prag, wurden jedoch dort von den Nazis eingeholt und am 8. Juli 1943 nach Theresienstadt deportiert, wo sie – ein schwacher Trost – Grete und Julie treffen konnten. Grete musste aber noch erleben, wie Margit und Hans am 15. Mai 1944 dann nach Auschwitz in den sicheren Tod weiterverschleppt wurden. Gretes Schwester Lotte starb 1938 an Nierenversagen. Ihr Mann Lutz Fisch, aus Przemyśl/Galizien stammend, wurde nach dem Novemberpogrom 1938 vermutlich als „staatenlos“ nach Polen ausgewiesen und in das Ghetto Lublin verbracht, wo er starb. Die gemeinsame Tochter Steffie, 1930 geboren, die 1939 mit ihrer Großmutter Julie Hahn in der Roscherstraße lebte, konnte in einem Kindertransport nach England gerettet werden. Gretes zweite Schwester Erna hatte den Nichtjuden Ernst Rehberg geheiratet und 1921 eine Tochter, Ursula, bekommen. Trotzdem sich Ernst Rehberg von ihr scheiden ließ, und sie so nicht mehr durch die „Mischehe“ geschützt war, gelang ihr die Flucht mit ihrer Tochter nach London und später nach New York.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Angaben der Enkelin und Tochter Judith Elam

Recherchen/Text: Micaela Haas, Aufzeichnungen von Judith Elam folgend

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Stolperstein Elfriede Alexander
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ELFRIEDE
ALEXANDER
GEB. PINNER
JG. 1875
DEPORTIERT 4.8.1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

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Stolperstein Paul Alexander
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
PAUL
ALEXANDER
JG. 1870
DEPORTIERT 4.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 5.9.1942

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Paul und Elfriede Alexander
Bild: Jüdisches Museum Frankfurt am Main / Privatbesitz

Paul Alexander wurde am 09. Dezember 1870 in Tirschtiegel, Kreis Meseritz in Posen (heute Trzciel) geboren, als Sohn von Salomon Alexander und seiner Frau Rebecca geb. Pinner. Salomon Alexander war Religionslehrer (Melamed) und Schächter. 1870 lebten in Tirschtiegel rund 200 Juden, es hatte aber schon eine Abwanderung in größere Städte begonnen. Auch Salomon Alexander zog nach Leipzig, noch bevor Paul 10 Jahre alt wurde. Paul hatte drei Brüder, Georg, Edgar und Alexander, und zwei Schwestern, Gertrude und Hylia. Die Kinder wuchsen in einer religiösen und bildungsbewussten Familie auf. Gertrude verstarb bereits im Kindesalter.

In Leipzig machte Paul nach dem Realschulabschluss zunächst eine Ausbildung als Pharmazie–Techniker. Hierin erhielt er so gute Zeugnisse, dass er ohne Abitur zum Chemiestudium zugelassen wurde. Wahrscheinlich wurde sein Studium von seinem in USA lebenden Onkel Moritz Pinner, einem Bruder seiner Mutter, finanziert. 1897 promovierte Paul an der Univesität Leipzig mit der Arbeit „Über die Einwirkung von o-Nitrobenzylchlorid und Matriummalonsaeureaethylester“.

Wahrscheinlich kurz danach übersiedelte er nach Berlin, wo sein Onkel Adolf Pinner als anerkannter Chemieprofessor an der Berliner Universität ihm sicher beruflich behilflich war und dessen Haus er auch vor seiner Promotion frequentierte. An Pfingsten 1886 „fand“ Paul – nach eigenen Worten – „die Gefährtin, die meinem Leben Richtung und Inhalt gab“. Es war seine Cousine Elfriede, eine Tochter Adolf Pinners. Möglicherweise war dies das Datum der Verlobung und sie heirateten erst ein paar Jahre später.

Elfriede Pauline Pinner, genannt Frieda, war am 27. November 1875 in Berlin geboren worden als erstes Kind von Adolf Pinner und seiner Frau Anna geb. Moritz. Sie bekam noch drei Geschwister: 1877 Katharina (Käthe), 1881 Ernst Ludwig und 1888 August Wilhelm. Ernst Ludwig, der wie sein Vater Chemie studierte, verunglückte 1911 tödlich in den Dolomiten. Vier Jahre später fiel August Wilhelm im Ersten Weltkrieg.

Frieda wuchs in einer wohlhabenden assimilierten bürgerlich-liberalen Familie auf. Ihr Vater war nicht nur bekannter Wissenschaftler sondern auch geachtetes Mitglied der Jüdischen Gemeinde und Vorstand des 1893 gegründeten „Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“. Ihre Kindheit und Jugend verlebte Frieda auf dem Gelände der Tierärztlichen Schule bei der Charité. Adolf Pinner, der dort lehrte, hatte eine Wohnung in der Philippstraße 13 bekommen. Heute noch steht unter dieser Adresse das älteste akademische Lehrgebäude Deutschlands, 1789/90 von Carl Gotthard Langhans erbaut, das „Tieranatomische Theater“, in dem heutzutage wissenschaftliche Ausstellungen stattfinden. Als der erste Bruder Friedas zur Welt kam, änderte sich die Adresse in Luisenstraße 56, wobei es sich sowohl um das gleiche Gebäude handeln kann wie um eine andere, vermutlich größere Wohnung im gleichen Komplex. Dort wohnte Frieda bis zu ihrer Heirat mit Paul Alexander um die Jahrhundertwende. Im Berliner Adressbuch ist Dr. phil. Paul Alexander erst 1903 verzeichnet, in der Friedbergstraße 23, von 1905 bis 1910 in der Holtzendorffstraße 18.

1910 war Paul für das Chemielabor Max Fränkel & Runge in Spandau tätig. Möglich, dass er schon länger für sie arbeitete, die Firma war 1901 von der Großen Hamburger Straße in Berlin nach Spandau gezogen. Ursprünglich hatte sie Tinten, Tuschen, Stempelfarben, Klebstoffe u. ä. hergestellt, später war sie offenbar hauptsächlich in der Herstellung von Kautschukderivaten tätig, denn dies wurde ein Spezialgebiet von Paul Alexander. Paul hatte sich in der Firma eine wichtige Stellung erworben, er wurde zu einem international anerkannten Experten v.a. in der Kautschukregeneration, heute würde man Kautschuk-Recycling sagen. Kautschuk war seinerzeit ein wichtiger Rohstoff und die Wiederverarbeitung von Gummiabfall ein volkswirtschaftlich bedeutsames Gebiet. 1916 wurde die Firma in die Runge-Werke A.G. umgewandelt, Paul war der Vorstandsvorsitzende und Fabrikleiter. Zahlreiche Publikationen auf seinem Spezialgebiet und mehrere Patente im In- und Ausland dokumentieren Paul Alexanders internationale Bedeutung.

1916 wohnten Frieda und Paul bereits seit 7 Jahren in der Dernburgstraße 4 und hatten 6 Kinder. Ruth, die Jüngste, war im August 1915 zur Welt gekommen, zwei Jahre zuvor Brigitte, 1909 Elisabeth, 1906 Gertrude und 1903 Marianne. Friedrich Ludwig, der einzige Sohn und erstes Kind, wurde am 7. November 1902 geboren. 1917 kaufte die Familie ein Grundstück an der Heerstraße in der Insterburgallee, um dort eine Villa bauen zu lassen. Zunächst zogen sie aber in eine wohl größere Wohnung am Kaiserdamm 51. Der Bau der Villa wurde nicht gleich in Angriff genommen, noch 1923 gilt die Insterburgallee im Adressbuch als „unbebaut“. Erst 1923/24 ließen Alexanders vom renommierten Architekten Hermann Muthesius die Villa mit Terrasse errichten. Der Umzug in die Insterburgallee 21 erfolgte 1924. Grundstück und Villa waren mit der Mitgift von Frieda finanziert worden, denn, obwohl Paul durch seine Runge-Werke zu Wohlstand kam, investierte er sein Vermögen immer wieder in die Firma.

Diese, die Firma, bekam Mitte der 20er Jahre Schwierigkeiten. Die Rohstoffpreise für Kautschuk auf dem Weltmarkt sanken, Plastik wurde zur wachsenden Konkurrenz, ein Gummi-Recycling war nicht mehr so lohnend. Hinzu kam die Inflation. Trotz aller Bemühungen Pauls musste die Firma 1928 Insolvenz anmelden. Er beantragte ein Vergleichsverfahren und kämpfte über Jahre für den Erhalt der Firma, sein Lebenswerk. Sein ganzes Vermögen sowie der Erlös vom Verkauf eines Teils des Grundstückes in der Insterburgallee und ein Darlehen von über 10000 RM von seinem Bruder Edgar gingen dabei verloren. Denn 1933 galt der Vergleich als gescheitert, 1935 wurde die Firma gelöscht. Im Rahmen von Hitlers Autarkiepolitik gewann Gummirecycling zwar wieder an Bedeutung, Paul Alexander aber konnte als Jude an dem neuen Aufschwung nicht mehr teilhaben.

Juden sahen sich inzwischen unter Hitler zahlreichen Diskriminierungen und Einschränkungen im täglichen und im Berufsleben ausgesetzt. 1937 war Paul Alexander gezwungen, das Haus in der Insterburgallee zu verkaufen und mit der noch bei den Eltern lebenden Tochter Elisabeth in die Mommsenstraße 47 zu ziehen. Die anderen Kinder, außer Ruth, waren längst verheiratet und schon nach Palästina und Südafrika emigriert. Ruth arbeitete seit 1934 in der jüdischen Jugendhilfe in München und Dinslaken. Anfang 1938 hielt sie sich wahrscheinlich bei den Eltern in der Mommsenstraße auf, wanderte aber auch im Juli 1938 nach Palästina aus. Für Elisabeth, die seit Geburt herzkrank war und außerdem an Depressionen litt, konnte kein Visum beschafft werden. Dies war auch der Grund, warum Paul und Frieda, trotz dem Drängen ihrer Kinder, ihre eigene Auswanderung nicht betrieben, sie wollten auf keinen Fall Elisabeth, Bethchen genannt, zurücklassen.

Im November 1936 starb Friedas Mutter Anna – sie war schon seit 1909 Witwe – und Friedas ebenfalls verwitwete Schwester Käthe, verheiratete Wolff, die mit der Mutter gelebt hatte, zog zu Frieda in die Mommsenstraße. Paul arbeitete weiter an seinem Spezialthema Kautschuk, seine Artikel mussten aber ohne Namensnennung veröffentlicht werden oder in ausländischen Zeitschriften erscheinen. Er konnte sogar 1937 einen Fachkongress in Paris und 1938 die Gummitagung in London besuchen.

Nach den Pogromen vom 9./10. November 1938 verschlechterte sich das Leben von Juden drastisch. Eine Flut von Verordnungen, Verboten und Zwangsmaßnahmen führte zur weiterer Verarmung, Isolierung und Ausschluss aus der Gesellschaft. Wer noch nicht geflohen war, sollte dazu gezwungen werden. Andererseits waren die Hürden dazu immer höher. Mit Kriegsbeginn wurde die Emigration praktisch unmöglich. Noch im Februar 1939 gelang es Käthe nach Panama auszureisen, was einen weiteren schmerzlichen Verlust für Frieda, Paul und Elisabeth bedeutete.

Danach wurde es fortwährend schlimmer. Ab September 1941 mussten Juden den Stern tragen, im Januar 1942 wurde Elisabeth zur Zwangsarbeit – von der sie bis dahin befreit gewesen war – herangezogen und verfiel wieder in eine tiefe Krise. In ihrer Wohnung mussten die Alexanders eng zusammenrücken, in vier der Zimmer hatten sie zwangseingewiesene Juden unterzubringen. Der für Paul und Frieda sehr wichtige Briefaustausch mit den Kindern im Ausland war mit Kriegsbeginn abgebrochen. Mit Datum 25. Mai 1942 verfasste Paul einen acht eng beschriebene Seiten langen Brief an seine Kinder, den er in verschiedenen Durchschlägen an Freunde zur Verwahrung gab. Von einem von ihnen erhielten ihn die Kinder – erst nach dem Krieg. In dem Brief zieht Paul ausführlich Bilanz über seine Lebensarbeit, die er als Dienst an der Allgemeinheit verstand, da er dem Staat viele Ressourcen gespart und Devisen eingebracht habe. Einen Monat später schrieb er noch einen bitteren dreiseitigen Nachtrag: Am 17. Juni waren ihm per Post von der Jüdischen Kultusvereinigung die Formulare zur Vermögenserklärung zugeschickt worden, der Vorbote der Deportation. Es sei ihnen verkündet worden, dass Paul und Frieda zum „Abtransport“ nach Theresienstadt „ausersehen“ seien. Elisabeth habe beantragt, sie begleiten zu dürfen, sollte dies ohne Erfolg bleiben, fürchtete Paul, sie würde sich umbringen.

Es blieb offenbar ohne Erfolg, und die düstere Vorahnung Pauls erfüllte sich. Am 4. August 1942 wurden Paul und Frieda Alexander mit 98 weiteren Opfern in zwei verplombten Waggons, die an den fahrplanmäßigen 6.07 Uhr Zug nach Prag angehängt wurden, nach Theresienstadt deportiert. Einen Tag zuvor, am 3. August, stürzte sich Elisabeth aus dem Fenster im 3. Stock in der Mommsenstraße. Es ist zweifelhaft, ob ihre Eltern das noch erfuhren, denn sie waren zuvor in die Sammelstelle in der Großen Hamburger Straße 26 transportiert worden – Elisabeth war allein zurückgeblieben.

Theresienstadt galt zwar als Vorzeige-Ghetto, in dem die Juden angeblich ein „angenehmes Leben“ mit eigenen Kultureinrichtungen usw. führen könnten – folgte man der entsprechenden Propaganda. Aber in Wirklichkeit war es nur eine Durchgangsstation, die in den systematisch herbeigeführten Tod führte. Wer dort nicht an Krankheit und Entkräftung ob der miserablen Lebensumstände starb, wurde nach „Osten“ weiterdeportiert. Paul Alexander überlebte die Ankunft in Theresienstadt lediglich einen Monat. Am 5. September 1942 erlag er um 4 Uhr früh den dortigen Daseinsbedingungen, offiziell einem akuten Darmkatarrh, sicherlich Folge der katastrophalen hygienischen Zustände. Drei Wochen später, am 21. September 1942 (zwei Monate vor ihrem 67. Geburtstag) wurde Elfriede Alexander weiter nach Treblinka verschleppt und dort ermordet. Paul hatte seinen 72. Geburtstag nicht mehr erreicht.

Paul und Frieda Alexanders Hab und Gut „verfiel“ an das Deutsche Reich: nicht nur noch vorhandenes Vermögen wurde enteignet, die gediegene Wohnungseinrichtung, von Paul Alexander mit bitterer Ironie minutiös aufgeführt (z.B.: „Besteckkasten 0 Teile“ – wie alle Juden hatten Alexanders Schmuck und Silber 1939 abgeben müssen) wurde auf 3470 RM geschätzt. Paul war sich bewusst, dass der „gesamte Besitz für die Betroffenen unwiederbringlich verloren“ sei. Mit der von Paul besonders hervorgehobenen Fachbibliothek von 2200 Schriften, deren Wert er auf 10000 RM schätzte, konnten die den Nachlass ersteigernde Trödler vermutlich wenig anfangen.

Pauls Bruder Edgar, der Arzt in Leipzig war, später aber auch nach Berlin zog, war schon am 20. Juli 1942 ebenfalls nach Theresienstadt deportiert worden. Wahrscheinlich konnten ihn Paul und Elfriede dort auch treffen. Edgar starb dort am 1. Dezember 1942, laut offizieller „Todesfallanzeige“ an einer Gehirnblutung. Auch Pauls Bruder Georg und dessen Sohn Fritz wurden Opfer des Holocaust. Wie Georg umkam, ist nicht eindeutig zu ermitteln. Fritz Alexander wurde am 26. September 1942 nach Raasiku in Estland verschleppt, wo die nicht gleich Erschossenen zur Zwangsarbeit in der Ölschiefergewinnung eingesetzt wurden. Da Fritz Alexander nicht im Gedenkbuch des Bundesarchivs aufgeführt ist, könnte er überlebt haben, was allerdings sehr unwahrscheinlich ist.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; Karola Nick, Kommentare zu den „Alexander-Briefen“, Jüdisches Museum Frankfurt/M; Todesfallanzeige Paul Alexander: https://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/81683-alexander-paul-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt

Recherchen/Text: Micaela Haas

Brief von Paul Alexander an seine Kinder

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Stolperstein Elisabeth Alexander
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ELISABETH
ALEXANDER
JG. 1909
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
VOR DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
3.8.1942

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Stolperstein Emil Gutmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
EMIL GUTMANN
JG. 1870
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 25.1.1943

Emil Gutmann wurde am 5. September 1870 in Merchingen, Baden, als Sohn von Abraham Gutmann und Sara geb. Staadecker geboren. Er hatte einen älteren Halbbruder, Nathan, und drei weitere Brüder: Israel, ein Jahr älter als Emil, Moses und Adolph, 1872 und 1874 geboren. Nesthäkchen war die einzige Schwester, Elsa, Jahrgang 1888, später verheiratete Danziger. Da der Vater 1894 in Merchingen verstarb, kann man annehmen, dass die Familie den Ort nicht verließ und Emil seine Kindheit und Jugend dort verbrachte. Er machte wohl eine Kaufmannslehre, da er später Fondsmakler wurde. Seine Brüder Israel und Adolph wanderten schon früh in die USA aus, Israel starb 1897 in Baltimore, Adolph 1943 ebenda. Moses blieb in Deutschland und studierte Medizin.

Emils verwitwete Mutter Sara zog nach Berlin, im Adressbuch ist sie ab 1910 mit einer eigenen Wohnung vermerkt. Elsa und ihr Mann Bernhard waren bereits in Berlin, vielleicht auch Moses, der sich inzwischen Max nannte. 1914 lebte Sara in der Dahlmannstraße 31. Unklar bleibt, wann Emil heiratete. Von seiner Frau ist nur der Familienname, Burchard, bekannt. Vermutlich hatten sie keine Kinder. Auch wann er nach Berlin kam, wissen wir nicht. Es ist gut möglich, dass Emil – vielleicht noch Junggeselle, vielleicht schon verwitwet – mit seiner Mutter in der Dahlmannstraße 31 wohnte. Denn nachdem Sara um 1924 starb, wohnte Emil – weiter? – dort: ab 1925 ist er unter dieser Adresse im Adressbuch vertreten.

Zehn Jahre später war Emil Gutmann ein paar Häuser weiter in die Dahlmannstraße 26 gezogen. Vielleicht musste er eine bescheidenere Wohnung beziehen, weil seine Geschäfte infolge der Judendiskriminierung nicht mehr gut liefen. Denn seit 1933 war Antisemitismus Staatsräson. Judenboykott, Berufsverbote, Sondersteuern, allerlei Einschränkungen im Alltag machten Juden das Leben zunehmend schwer. Ein Höhepunkt der Diskriminierung und Verfolgung von Juden wurde die Zeit nach den Pogromen vom November 1938. In kurzer Folge wurden Verordnungen erlassen, die Juden zur Auswanderung treiben oder sie vollständig aus dem wirtschaftlichen und öffentlichen Leben ausschalten sollten. Besuch von öffentlichen Veranstaltungen wie Theater, Kino u.ä. war ihnen verboten, Verkehrsmittel konnten sie nur beschränkt benutzen, sie durften zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Bannbezirken nicht auf die Straße, nur von 4 bis 5 Uhr nachmittags war ihnen erlaubt einzukaufen. Sie mussten Wertgegenstände abliefern, Rundfunkgeräte wurden beschlagnahmt, Telefonanschlüsse gekündigt. Ab 19. September 1941 hatten sie den Judenstern zu tragen.

Juden mussten auch zusammenrücken, um Wohnraum für Nichtjuden frei zu machen. Gaben sie nicht freiwillig ihre Wohnungen auf, wurden sie bei anderen Juden zur Untermiete eingewiesen. Emil Gutmann kam dem zuvor, indem er vermutlich schon 1936 zu seiner Schwester Elsa Danziger in die Mommsenstraße 47 zog. Elsa war seit vielen Jahren von ihrem Mann getrennt oder geschieden, hatte eine „Fabrik für elegante Blusen“ übernommen und sich als Kauffrau bewährt. Sie hatte länger in der Kuno-Fischer-Straße 15 gewohnt, im gleichen Haus wie der Jurist Erich Danziger, wahrscheinlich ihr Schwager. Als dieser 1933 Berlin verließ, bezog sie die Wohnung in der Mommsenstraße 47. Bei der Volkszählung vom 17. Mai 1939, bei der Juden in eine besondere Kartei eingetragen werden mussten, wurden Elsa und Emil dort registriert.

1940 gelang Else – obwohl es inzwischen äußerst schwierig geworden war – noch die Auswanderung nach Mexiko. Emil blieb in Berlin zurück und musste wieder umziehen, diesmal in die Mommsenstraße 44, bei Max Lewy. Nach den Angaben, die er in der obligatorischen „Vermögenserklärung“ machte, war er Untermieter der Untermieterin Lina Weber, geb. Zwick, und teilte sich die Miete, möglicherweise auch das Zimmer, mit einem Herrn Zwick, ein Verwandter von Lina Weber.

Besagte Vermögenserklärung, die Vorbereitung zur Deportation, füllte er am 1. September 1942 aus. In ihr war nicht nur Vermögen anzugeben, sondern sämtlicher Besitz, bis zum letzten Wäschestück. Emil Gutmann hatte nicht mehr viel in seinem Besitz, einige Angaben zeugten jedoch davon, dass er früher wohlhabend war. So gab er unter anderem an, 11 Servietten zu besitzen, 3 Paar Stiefel, eine Hutschachtel, und – ganz ungewöhnlich – 20 Hemden.

Emil Gutmann war zur Deportation nach Theresienstadt vorgesehen, das angebliche „Altersghetto“, wo, wie es hieß, Juden in Ruhe den Lebensabend verbringen würden. Dazu sollte er zunächst ins Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 eingewiesen werden, ein umfunktioniertes jüdisches Altersheim. Dieses war aber überfüllt, da statt wie üblich 100 Menschen die Gestapo vorhatte, 1000 auf ein Mal zu deportieren. Vermutlich brachte man Emil in das Lager in der Artilleriestraße (heute Tucholskystraße), auch ein ehemaliges Altersheim.

Am 14. September 1942 wurde er mit diesem sog. „2. großen Transport“ vom Güterbahnhof Moabit aus nach Theresienstadt deportiert. Dort konnte von einem ruhigen Lebensabend nicht im Entferntesten die Rede sein. Räumliche Enge, Hunger, Kälte und Krankheiten infolge katastrophaler hygienischer Verhältnisse rafften die bereits geschwächten Menschen schnell dahin. Auch Emil Gutmann überlebte den Winter nicht, er starb am 25. Januar 1943 im Zimmer O.17 des Gebäudes L.306, offiziell an Darmkatarr und Enteritis, eine verschleiernde Formulierung für den Tod infolge der menschenverachtenden Lebensumstände dort.

Emil Gutmanns Schwester Elsa Danziger starb 1973 in Flushing, N.Y. Ihr vermutlicher Schwager Erich Danziger war 1933 nach Frankreich geflohen, wurde jedoch von den Nazis 1943 eingeholt und von Drancy aus nach Auschwitz und Majdanek deportiert und dort ermordet. Für ihn und seine Familie liegen Stolpersteine vor der Kuno-Fischer-Straße 15.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Todesfallanzeige für Emil Gutmann; Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer

Recherchen/Text: Micaela Haas

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Stolperstein Bertha Isaacsohn
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
BERTHA ISAACSOHN
GEB. KARPF
JG. 1897
DEPORTIERT 26.9.1942
RAASIKU
1944 STUTTHOF
ERMORDET 9.1.1945

Bertha Issohaacn wurde als Bertha Karpf am 1. September 1897 in Erlangen geboren. Sie war das jüngste Kind von Josef Karpf und Regina geb. Weinberg, beide aus Gersfeld. Josef Karpf war Zigarrenfabrikant. 1887 zog er nach Erlangen. Bertha hatte 5 weitere Geschwister: Henriette, David und Rosa wurden 1882, 1883 und 1886 in Gersfeld geboren. Zwei weitere, Julius und Max, kamen 1888 und 1890 in Erlagen zur Welt, nachdem die Familie dorthin umgesiedelt war. Der Umzug war möglicherweise die Folge eines Feuers, dass im Mai 1886 – Rosa Karpf war zwei Monate alt – in Gersfeld ausbrach und u.a. die Tabakfabrik von Karpf und Frank zerstörte „…von besonders erheblichem Werte waren die in der Tabakfabrik aufgespeicherten Vorräte an Zigarren und Tabak, von denen auch nicht das Geringste gerettet werden konnte“ heißt es in der Zeitschrift „Der Israelit“. In Erlangen widmete sich Josef Karpf erneut dem Tabakgeschäft. 1901 siedelte die Familie dann nach Nürnberg um.

Im Januar 1915 – Bertha war 17 Jahre alt – fiel ihr Bruder Max bei Réméreville. Bertha verbrachte die nächsten Jahre in Nürnberg. Ihr Bruder David gab später an, dass sie als Krankenpflegerin arbeitete. Am 5. April 1927 heiratete sie Walter Stiassny. Ein Jahr später starb Josef Karpf, ihr Vater. 1935 wurde Berthas Ehe mit Walter Stiassny für aufgelöst erklärt. Im Jahr darauf meldete sich Bertha nach Chemnitz ab, weit von Nürnberg entfernt, vielleicht im Rahmen ihrer Arbeit als Krankenpflegerin. Berthas Mutter Regine Karpf blieb in Nürnberg, starb aber im Juni 1937. Am 13. Mai 1938, im Alter von 40 Jahren, heiratete Bertha in Chemnitz Adolf Isaacsohn.

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Stolperstein Adolf Ajack Isaacsohn
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ADOLF AJACK
ISAACSOHN
JG. 1879
„SCHUTZHAFT“ 1938
BUCHENWALD
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Adolf Isaacsohn war am 12. März 1879 in Prillwitz /Pommern auf die Welt gekommen.
1899, im Alter von 20 Jahren, kam er nach Chemnitz, verließ es aber schon 1901. Als er 1908 wieder nach Chemnitz kam und sich dort niederließ, war er verheiratet mit Cheine (genannt Anna) aus Przemsyl. Adolf widmete sich dem Futtermittelgeschäft, ab 1920 als Getreide- und Futtermittelhandel im Handelsregister eingetragen. Er lebte in der Gravelottestraße 7 (heute Franz-Mehring-Straße). 1928 starb seine Frau Cheine, Adolf blieb in der Gravelottestraße wohnen. Dort wohnte er auch noch 1938, als er und Bertha heirateten. Wenige Monate nach der Heirat, am 10. November 1938, wurde er bei dem Pogrom festgenommen und in Buchenwald inhaftiert. Da er vermutlich, wie andere auch, nur unter der Auflage, Deutschland zu verlassen freikam, plante er seine Auswanderung und schickte schon sein „Auswanderungsgut“ als Fracht nach Uruguay voraus. Es kam dort allerdings nie an.

Anfang 1939 gingen Adolf und Bertha nach Berlin, vermutlich um die Papiere zu regeln, am 17. Mai 1939, dem Tag der Volkszählung, bei der Juden in einer extra Kartei erfasst wurden, wohnten sie zur Untermiete in der Mommsenstraße 47. Die Wohnung in Chemnitz behielt Adolf wohl zunächst, denn auch dort wurden sie im Zensus registriert. Die Auswanderung scheiterte jedoch, wahrscheinlich kam der Kriegsausbruch dazwischen. Bertha und Adolf blieben in Berlin.

In ihrer Vermögenserklärung 1942 gab Bertha an, sie sei geschieden. Seit Dezember 1941 wohnte sie, sicher nicht freiwillig, in der Mommsenstraße 3, zur Untermiete bei Moses Baehr. Adolf war inzwischen, möglicherweise nachdem die Ehe geschieden wurde, in das Jüdische Altersheim in der Gerlachstraße 18/21 eingewiesen worden. Am 26. September 1942 wurde Bertha nach Raasiku in Estland deportiert. Sie gehörte zu den zur Zwangsarbeit „Selektierten“, wurde am 23. August 1944 in das KZ Stutthof weiterverschleppt und in Heiligenbeil, einem Außenlager von Stutthof, am 9. Januar 1945 ermordet.

Adolf Isaacsohn sollte am 14. August 1942 nach Theresienstadt deportiert werden, kam aber in letzter Minute auf die Deportationsliste vom 15. August 1942 nach Riga, wo er nach Ankunft am 18. August ermordet wurde. Es wird vermutet, dass für den „Transport“ nach Riga, der nach Gestapo-Vorgaben 1000 Deportierte zählen sollte, nicht genügend Juden auf den Listen standen und daher auch Menschen, die ursprünglich nach Theresienstadt sollten, kurzerhand auf diese Liste kamen.

Berthas letzter Vermieter, Moses Baehr, Jahrgang 1868, wurde wenige Monate nach ihr, am 20. November 1942, nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Chemnitzer Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Stadtarchive in Erlangen, Gersfeld und Chemnitz; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer

Recherchen/Text: Micaela Haas

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Stolperstein Julius Jastrowitz
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
JULIUS JASTROWITZ
JG. 1876
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Julius Jastrowitz kam am 13. März 1876 in Berlin zur Welt. Seine Eltern waren Ludwig Jastrowitz und Pauline Jastrowitz geb. Isaak. Der Vater war Schneidermeister und arbeitete die meiste Zeit seines Berufslebens für die Militär-Effekten-Handlung Mohr und Speyer in der Jägerstraße. Julius hatte einen Bruder, Benno, und drei Schwestern, Rosa, Ernestine und Betty. Seine Jugend verbrachte Julius vornehmlich in der Spandauer Vorstadt, seine Eltern zogen von der Kleinen Hamburger in die Oranien- und dann in die Rosenthaler Straße. 1896 wohnten sie wiederum in die Linienstraße 76. Im nächsten Jahr erhielt Julius seinen ersten eigenen Eintrag ins Adressbuch, mit der gleichen Anschrift wie sein Vater in der Linienstraße 76. Julius war inzwischen Kaufmann, hatte seine Lehre bei der Textilfirma Gebrüder Iklé, Mechanischen Stickereien, der Schweizer Brüder Julius und Josef Iklé in der Breiten Straße 1/2 absolviert. Bei den Gebrüdern Iklé blieb er angestellt als Reisender bis er 1913 zusammen mit seinem Kollegen Max Hirsch die Knopffabrik Duisberg & Co in der Köpenicker Straße 133 kaufte. Der Firmengründer Martin Duisberg war 1912 gestorben und seine Witwe verkaufte die Fabrik. Die Firma florierte unter den neuen Besitzern. 1922 – Julius wohnte nun mit seiner verwitweten Mutter in der Zionskirchstraße 28 – heiratete er die Witwe Betty Presch geb. Moses.

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Stolperstein Betty Jastrowitz
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
BETTY JASTROWITZ
GEB. MOSES
JG. 1883
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Betty Moses wurde in Gartz a.d. Oder (damals Pommern, heute Brandenburg) am 8. September 1883 geboren. Ihr Vater war der Kaufmann Moses Moses und die Mutter Ernestine, geb. Traube. Betty hatte einen zwei Jahre jüngeren Bruder, Georg. Die Eltern waren wohlhabend, führten ein Textilgeschäft und besaßen mehrere Häuser und Grundstücke in Gartz. 1907 heiratete Betty den in Schwiebus am 27. Januar 1881 geborenen Karl Presch, von Beruf Rechtsanwalt. Das Paar ließ sich in Berlin in der Greifswalder Straße 191 nieder. Dort richtete Karl auch seine Kanzlei ein. Am 11. April 1912 brachte Betty ihre Tochter Ilse zur Welt, zwei Jahre später, am 23. März 1914 den Sohn Manfred. Wenige Jahre danach wurde Karl Presch Opfer der Grippewelle, als er bei einem Feld-Militärgericht tätig war. Er starb 37-jährig am 1. Oktober 1918. „Er war mein ganzes Glück, mein Sonnenschein“ ließ Betty in die Traueranzeige schreiben. Er wurde in Weißensee bestattet. Zuletzt war Karl Presch Rechtsanwalt beim Landgericht und hatte seine Kanzlei am Alexanderplatz in der Landsberger Straße 66.67. Betty blieb mit den Kindern in der geräumigen Wohnung in der Greifswalder Straße 191. Im November 1923 verlobte sie sich mit Julius Jastrowitz, am19. Dezember 1923 heirateten sie.

Julius ließ sich im Adressbuch in den folgenden Jahren sowohl mit der alten Adresse Zionskirchstraße 28, wie auch mit der Anschrift Greifswalder Straße 191 eintragen, er war zu Betty gezogen. 1926 wechselten Julius und Betty mit Bettys Kindern in eine 6-Zimmer-Wohnung in der Mommsenstraße 47, 2. Stock links, die später von Verwandten und Freunden als „sehr elegant und vornehm eingerichtet“ beschrieben wurde. Julius und Bettys Ehe blieb kinderlos.

Die Knopffabrik prosperierte, wurde ausgebaut, hatte etwa 50 Angestellte. Zu ihr gehörte auch eine Filiale in Gablonz in Böhmen. Julius Jastrowitz war Eigentümer des Fabrikgrundstücks und eines Hauses in der Exerzierstraße. Noch 1937 bescheinigte die IHK (Industrie- und Handelskammer), das Unternehmen sei „vollkaufmännisch, widme sich der Fabrikation und Großhandel von Knöpfen, Schließen, Schnallen aus Galalith und Metall“. Zu diesem Zeitpunkt waren die Nationalsozialisten bereits vier Jahre an der Macht, hatten Judenfeindlichkeit zur offiziellen Politik erklärt, Judenboykotte ausgerufen. Sicherlich hat das auch die Knopffabrik betroffen. 1939 wurden schließlich Julius und Max Hirsch gezwungen, die Firma aufzugeben, am 20. Mai 1939 schieden beide aus. Die IHK teilte mit: „…es handelt sich um die mit polizeilicher Genehmigung erfolgende Arisierung… den ausscheidenden Gesellschaftern ist eine Abfindung nicht gewährt worden, vielmehr war ihnen lediglich das vorhandene Inventar und Warenlager bezahlt worden.“ Ob die 8500 RM, die ihnen zugesprochen wurden, dem tatsächlichen Wert des Lagers entsprachen und ob sie sie überhaupt erhielten, sei dahingestellt. Käufer waren ein Erich Koch und ein Paul Beckmann.

Juden konnten nicht mehr frei über ihr Vermögen verfügen, ihre Konten waren als „Sicherheitskonten“ gesperrt, sie durften lediglich monatlich eine dem Existenzminimum entsprechende Summe abheben. Das war eine der vielen Einschränkungen des Berufs- und Alltagslebens, die über Juden via Verordnungen verhängt worden waren, die größte Zahl davon nach den Pogromen vom November 1938. Zur Ablieferung von Wertgegenständen und anderem – etwa Radios – kamen zahlreiche Verbote hinzu – Theater, Kinos, Konzerte, öffentliche Verkehrsmittel u.ä. – und auch die Zwangseinweisung von Untermietern, um Wohnraum für Nichtjuden frei zu machen. 1941 (Ilse hatte 1934 geheiratet, Manfred war glücklich ausgewandert) lebten in Jastrowitz’ Wohnung noch zwei weitere Ehepaare, ein Junggeselle und eine alleinstehende ältere Dame.

Anfang 1943 wurde Julius Jastrowitz mit seiner Frau Betty in das Sammellager Große Hamburger Straße 26 verbracht. Am 12. Januar 1943 wurden sie nach Auschwitz deportiert, im gleichen Zug wie die Schriftstellerin Else Ury, die die beliebten „Nesthäkchen“-Geschichten geschrieben hatte. Auch Jastrowitz’ Untermieter Ida und Hans David waren in diesem Zug. In Auschwitz wurden von 1196 Deportierten lediglich 127 Männer zur Zwangsarbeit ausgesucht, Julius war sicherlich nicht darunter, da er bereits auf der Deportationsliste als nicht arbeitsfähig eingestuft war. So wurden er und Betty mit allen übrigen Opfern in den Gaskammern ermordet.

Untermieter Richard Bandmann und seine Frau Frieda wurden verschont, da letztere nicht Jüdin war. Sie haben später bezeugt, dass die Wohnung mit Ausnahme ihres Zimmers versiegelt wurde, dennoch öfter uniformierte Leute etwas „geholt“ hätten. Alles andere wurde von dem Deutschen Reich „eingezogen“, sprich geraubt. Der Versteigehrungserlös erbrachte allerdings nur 512.- RM. Nach dem Krieg wird ein Gericht feststellen, dass solche „Sonderverwertungen“ wohl sehr massiv gewesen sein mussten, da der Erlös des Restes so niedrig ausfiel. Ein Gutachter hatte für das Gericht den Neuwert der einst vorhandenen Möbel auf ca. 50000 DM geschätzt.

Bettys Bruder Georg Moses, seine Frau Hertha und der 7-jährige Sohn Gerd wurden am 4. November 1942 nach Theresienstadt deportiert. Alle drei wurden am 23. Januar 1943 nach Auschwitz weiterverschleppt und dort ermordet. Für sie liegen Stolpersteine in der Pommernstraße in Gartz an der Oder. Julius’ Schwester Betty und ihr Mann Herrmann Baranski deportierte man am 28. Oktober 1942 nach Theresienstadt, wo beide an den unbeschreiblich schlechten dortigen Lebensumständen starben. Ihre Tochter Edith und deren Mann Bruno Neumann waren schon vorher, am 14. April 1942 in das Warschauer Ghetto deportiert worden, wo auch sie zu Tode kamen. Die Tochter Ruth Neumann konnte durch einen Kindertransport nach England gerettet werden. Alle fünf hatten in Schöneiche bei Berlin gelebt, dort erinnern in der Eichenstraße 24 und 26 fünf Stolpersteine an sie. Zwei Söhne, Erich und Heinz Baranski, konnten rechtzeitig Deutschland verlassen, wie auch Julius’ Bruder Benno. Auch die Schwester Rosa und die Kinder von Ernestine, Meta und Bruno, überlebten, Ernestine war möglicherweise schon früher gestorben, sie ist in keinem Gedenkbuch vermerkt.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Mitteilung Michael Knöfel, Gartz a.O.; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer

Recherchen/Text: Micaela Haas

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Bild: Stolpersteininitiative Charlottenburg - Wilmersdorf
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Bild: Stolpersteininitiative Charlottenburg - Wilmersdorf
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Stolperstein Helga Oppenheim
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HELGA OPPENHEIM
GEB. LEWINNEK
JG. 1922
DEPORTIERT 14.10.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Helga Oppenheim wurde als Helga Lewinnek am 20. Juni 1922 in Berlin geboren. Die Eltern waren Lesser Leo Lewinnek und Elli Margot geb. Danziger. Sie hatten im November 1919 geheiratet und waren in die Landauer Straße 16 gezogen. 1924 wechselten sie in eine Wohnung am Kurfürstendamm 93. Um 1927 bekamen sie eine zweite Tochter, Rena.

1920 hatte Leo Lewinnek mit seinem Bruder Martin ein Unternehmen zum Vertrieb von Blusen und Damenkleidung gegründet, Lewinnek & Co., mit Sitz in der Kronenstraße 33. Das Geschäft scheint aber nicht gutgegangen zu sein. 1923 stieg Martin Lewinnek aus, Leo musste 1926 Konkurs anmelden, möglicherweise eine Folge der Inflation. Im gleichen Jahr startete Elli in der nahen Niederwallstraße 33 ein Modeatelier in der ersten Etage. Leo konnte durch Zwangsvergleich den Konkurs abwenden und nahm 1928 seinen Betrieb wieder auf, nun auch in der Niederwallstraße 33. Dazu kommentiert die Industrie und Handelskammer (IHK), die Firma „Lewinnek & Co.“ stünde mit der Firma „Elli Lewinnek“ „in Raum- und Personalgemeinschaft“. Auch Ellis Unternehmen scheint glücklos gewesen zu sein, 1929 wechselte das Geschäftslokal (und damit wohl auch Leos) laut IHK in die Kronenstraße 16, Zwei Jahre später wurde Ellis Firma gelöscht. Ein weiterer Anlass könnte die Scheidung von Leo gewesen sein, laut IHK habe Elli „das Geschäft dem geschiedenen Ehemann übergeben, der es unter seinem Namen fortführt“. Bedeutend kann das Geschäft nicht gewesen sein, in der Kronenstraße 16 hatte Leo laut Polizei nur ein Zimmer, das ihm als Geschäftsraum diente. Elli zog, sicherlich mit den Töchtern, in die Wielandstraße 13. Sie wurde, auch das wusste die IHK, „von dem geschiedenen Ehemann unterhalten“.

Wie Elli mit Helga und Rena einerseits und Leo andererseits sich weiter durchschlugen bleibt unklar, denn nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Leben der beiden als Juden zusätzlich erschwert. Leo soll laut IHK bereits 1931 den Betrieb eingestellt haben, 1936 beantragte er auf Drängen des Gewerbeamtes die Löschung seiner Firma. Leo war mittlerweile an den Kurfürstendamm 146 umgezogen und betrieb dort nun eine Schneiderwerkstatt – ohne Anmeldung bei der IHK -, die er in das Adressbuch mal als „Modesalon“, mal als „Modelle“ mal als „Damenmoden“ eintragen ließ.

Gut möglich, dass auch Elli Lewinnek in ihrer Wohnung weiter Schneiderarbeiten ausführte, und nicht unwahrscheinlich, dass Helga – 1938 war sie 16 Jahre alt – dabei helfen musste. Da der Besuch staatlicher Schulen für Juden zunächst erschwert, schließlich ganz verboten wurde, war es nicht einfach für Helga, eine Berufsausbildung zu machen. Ein späteres Dokument gibt für Helga den Beruf Schneiderin an. Vermutlich lernte sie bei der Mutter, denn Ausbildungsplätze fanden sich nur noch in jüdischen Betrieben, und diese verschwanden auch schließlich durch die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12. November 1938. Dies war eine der vielen Verordnungen, die auf die Pogrome vom 9./10. November folgten, und die das bis dahin schon mühsame Leben der Juden völlig unerträglich machten. Um diese Zeit sah sich Elli Lewinnek gezwungen, in eine Wohnung – oder ein Zimmer – in der Mommsenstraße 57 umzuziehen. Möglicherweise war hier zu wenig Raum, um beide Töchter bei sich zu haben. Jedenfalls wurde am Tag der Volkszählung vom 17. Mai 1939 die noch 16-jährige Helga nicht dort, sondern in der Mommsenstraße 47 erfasst. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag, am 29. Juni 1940, wurde das junge Mädchen zur Zwangsarbeit bei den Siemens-Schuckert-Werken bzw. bei der IG Farben in Lichtenberg herangezogen.

Am 15. Mai 1941 heiratete Helga den sechs Jahre älteren Kurt Oppenheim. Kurt hatte bis dahin in der Droysenstraße 5 gewohnt und war von Beruf Kaufmann, mit Sicherheit aber auch zur Zwangsarbeit verpflichtet. Das Paar zog in die Mommsenstraße 22, zur Untermiete bei Sophie Sohrauer. Kurz darauf wurde Helgas Mutter Elli, noch in der Mommsenstraße 57 wohnhaft, mit einem der ersten Deportationszügen Anfang November 1941 nach Lodz verschleppt, wo sie im Ghetto am 22. Februar 1943 zu Tode kam. Ihre jüngste Tochter Rena konnte noch Anfang Juni 1939 mit einem Kindertransport nach England gerettet werden.

Im Januar 1943 hatten Helga und Kurt beschlossen unterzutauchen. Vielleicht war der Auslöser die Deportation am 12. Januar 1943 ihrer Vermieterin, Sophie Sohrauer, 1888 in Warschau geboren. Sie wurde in Auschwitz ermordet. Anfang Oktober 1943 wurden Helga und Kurt jedoch aufgegriffen, möglicherweise getrennt voneinander, denn sie wurden nicht gemeinsam deportiert. Am 14. Oktober 1943 wurde Helga nach Auschwitz verschleppt, Kurt Oppenheim am 29. Oktober 1943. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass beide, 21 und 27 Jahre alt, zunächst zur Zwangsarbeit „selektiert“ wurden. In diesem Fall sind sie aufgrund der unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der „Vernichtung durch Arbeit“ zum Opfer gefallen, denn es ist nicht bekannt, dass sie überlebt hätten. Ob ein 35 Jahre alter Kurt Oppenheim, der1952 von Le Havre nach New York mit der „Ile de France“ fuhr, mit Helgas Ehemann identisch ist, kann nicht nachgewiesen werden.

Über Helgas Vater Leo Lewinnek meldete die Polizei 1943, er habe sich am 12. Februar 1939 Nach New York abgemeldet. Doch ist er nicht dorthin gelangt. Er kam wohl nur bis Belgien oder Frankreich, wurde dort verhaftet, in Drancy interniert und am 28. August 1942 nach Auschwitz deportiert. Dort wurde der inzwischen 54-Jährige umgebracht. Kurz davor war Leos zwei Jahre jüngerer Bruder Martin Lewinnek am 17. August 1942, ebenfalls von Drancy aus, nach Auschwitz deportiert worden und dort ermordet.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Arolsen Archives; Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer

Recherchen/Text: Micaela Haas

Bildvergrößerung: Stolperstein Alice Marcus
Stolperstein Alice Marcus
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ALICE MARCUS
GEB. GUTMANN
JG. 1894
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
6.6.1939

Alice Marcus geb. Gutmann kam am 27. November 1894 in Berlin zur Welt. Sie war die Tochter des Kaufmannes James Gutmann und seiner Frau Natalie geb. Horwitz. Ihr Vater betrieb eine Fabrik für Spezialnähmaschinen, vornehmlich Knopflochmaschinen, die sein Vater, Julius Gutmann, 1867 gegründet hatte. Die Fabrik war zunächst in der Mayerbeerstraße, später in der Schönhauser Allee 9. Die Wohnadresse von James Gutmann wechselte während Alices Kindheit häufig, am längsten wohnten sie in der Pariser Straße 32 und am Kaiserdamm 116. 1919 lebten sie in der Clausewitzstraße 4. Am 8. März dieses Jahres heiratete Alice den 26 Jahre älteren Kaufmann Max Hadra aus Magdeburg vor dem Standesamt Charlottenburg I. Das Paar bezog zunächst eine Wohnung in der Sybelstraße 42, zog aber nach einem Jahr nach Schmargendorf in die Orberstraße 17. Dort, bzw. in der Privat-Frauenklinik von Prof. Paul Straßmann in der Schumannstraße 18, brachte Alice am 18. Juni 1921 ihre Tochter Ellen zur Welt. Das Klinikgebäude steht heute unter Denkmalschutz als „Strassmann-Haus“, beherbergt nunmehr nur Büros – 1936 war Paul Straßmann zum Zwangsverkauf der Klinik genötigt worden.

Als Tochter Ellen 7 Jahre alt war, am 17. November 1928, starb Max Hadra unverhofft in Rheine (Westfalen), vermutlich war er auf Geschäftsreise. Er ist in Weißensee bestattet, dort ist vermerkt: „Transport der Leiche von Rheine über Osnabrück, Hannover nach Berlin- Halensee“. Einige Jahre zuvor war die Familie in die Nestorstraße 13 in Halensee gezogen. Die Beerdigung fand am 23. November statt. Nach Max Hadras Tod blieb Alice mit ihrer Tochter zunächst in der Nestorstraße wohnen. Im Berliner Adressbuch ist sie 1932 zum letzten Mal angegeben. Möglicherweise war das das Jahr ihrer zweiten Heirat mit Martin Marcus. Über Martin Marcus wissen wir wenig. Er wurde am 20. Januar 1899 in Küstrin geboren, wann er nach Berlin übersiedelte bleibt unklar, da der Name in den Adressbüchern vielfach vorkommt und daher nicht eindeutig zuzuordnen ist. Wir wissen nur, dass er 1924 noch in Küstrin wohnte, angestellter Kaufmann war und sich am 2. August 1924 in Hamburg in das Dampfschiff „Neptun“ einschiffte, um nach Bergen in Norwegen zu fahren. Vermutlich war auch er ein Geschäftsreisender.

Am 17. Mai 1939 wurde eine Volkszählung durchgeführt, bei der Juden in einer „Ergänzungskartei“ separat registriert werden mussten. Alice und Martin Marcus wurden in der Mommsenstraße 47 erfasst. Inzwischen hatte sich die rassische Verfolgung, die 1933 mit Berufseinschränkungen und anderen Diskriminierungen begonnen hatte, drastisch verschärft, vor allem nach den Pogromen vom 9./10. November 1938. Sie dehnte sich auf alle Bereiche des Wirtschafts- und Alltagslebens aus: Juden konnten nicht mehr in ihren Berufen arbeiten, nicht über ihr Vermögen verfügen, sie mussten horrende Abgaben leisten. Sie durften bestimmte Bannbezirke nicht mehr betreten, nicht in Theater, Kinos, Museen usw. gehen, Gold- und andere Wertgegenstände hatten sie abzuliefern, der Mieterschutz wurde speziell für Juden „gelockert“, Verkehrsmittel konnten sie nur eingeschränkt nutzen. Weitere
antisemitische Verordnungen, die noch folgen sollten, erlebte Alice Marcus nicht mehr. Sie beschloss, noch ein Mal frei zu entscheiden und nahm sich, kaum einen Monat nach der Volkszählung, am 6. Juni 1939 das Leben. Martin Marcus ließ sie in Weißensee neben Max Hadra bestatten.

Auch Martin Marcus ist in Weißensee begraben. Er starb am 14. August 1941, entweder auch aus freiem Entschluss oder infolge der vielen Verfolgungsmaßnahmen. Beides hätten die Nationalsozialisten zu verantworten. Ellen Hadra ist nicht in den Gedenkbüchern zu finden, und man kann annehmen, dass es ihr gelang, noch vor ihrem 18. Geburtstag mit einem „Kindertransport“ Deutschland zu verlassen. Diese Rettungsaktionen wurden auf Initiative der Briten kurz nach den Novemberpogromen für Kinder bis zu 17 Jahren in die Wege geleitet. Sie wurden von den Nazis unter strengen Auflagen geduldet – bis zu dem Kriegsausbruch am 1. September 1939.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Auskunft Jüdischer Friedhof Weißensee; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Recherchen/Text: Micaela Haas

Bildvergrößerung: Stolperstein Irma Wolff
Stolperstein Irma Wolff
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
IRMA WOLFF
GEB. ALTMANN
JG. 1891
DEPORTIERT 29.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Irma Wolff wurde am 27. April 1891 in Dramburg, Pommern, als Irma Altmann geboren. Ihr Vater war der Kaufmann Emil Altmann, die Mutter Olga geb. Wolff. Irma hatte einen Bruder, den drei Jahre älteren Richard. Emil Altmann betrieb ein Textilgeschäft in Dramburg. Um 1910 – Irma war etwa 19 Jahre alt – gab Emil Altmann sein Geschäft auf und zog als Rentier nach Berlin in die Kurfürstenstraße 42. In Berlin lebte Irmas Bruder Richard und war als Organist für Synagogen tätig. Er war schon 1903 erblindet, aber nach einem privaten Musikstudium hatte er 1907-1910 am Berliner Konservatorium Orgel, Klavier und Komposition lernen können.

1919 starb Irmas Mutter, 1922 der Vater. Schon vorher hatte Irma den Zahnarzt Adolf Schüler geheiratet, das Paar wohnte in der Kantstraße 4. 1929 zogen sie in die Fürther Straße 6/7. Kinder sind aus der Ehe nicht bekannt. Um 1934 herum starb Adolf Schüler, Irma zog in eine vermutlich kleinere Wohnung in der Bayerischen Straße 11a.

Am 17. Februar 1937 heiratete Irma in Flensburg Alexander Ludwig Wolff, Besitzer des dortigen Gutes Jägerslust. Darüber, was Irma nach Flensburg führte, können wir nur spekulieren. Zum einen waren die Flensburger Wolffs vielleicht mit ihr entfernt verwandt, Irmas Mutter war eine geboren Wolff gewesen. Zum anderen betrieben Alexander und seine verwitwete Mutter, Käthe Wolff geb. Jacoby, auf dem Gut seit 1934 eine land- und hauswirtschaftliche Hachscharah-Ausbildungsstätte für die Vorbereitung junger Juden auf die Alija, die Auswanderung nach Palästina. 1936 waren die Nationalsozialisten drei Jahre an der Macht und es war abzusehen, dass sie Juden das Leben zunehmend schwer machen würden. Das mag Irma dazu bewogen haben, sich auf dem Gut nützlich zu machen, vielleicht hatte sie selbst eine Auswanderung nach Palästina ins Auge gefasst. Möglich auch, dass sie Alexander Wolff schon in Berlin kannte und erst nachdem sie beschlossen hatten zu heiraten, nach Flensburg ging.

Die Familie Wolff war in Flensburg hoch angesehen gewesen und hatte trotz wachsendem Antisemitismus vergleichsweise wenig Probleme das Gut und die Schule zu führen. Außerdem wurden die Hachscharah-Einrichtungen zunächst von dem NS-Regime geduldet, da man bestrebt war, möglichst viele Juden zur Auswanderung zu treiben. Hatten sich in den 20er Jahren hauptsächlich Kinder aus zionistischen Familien dazu entschlossen nach Palästina zu gehen, so waren mit der Machtübertragung an Hitler und den folgenden antisemitischen Maßnahmen immer mehr Jugendliche ohne zionistischen Hintergrund dazu bereit. Die Gruppe von Auswanderungswilligen lernte dort gemeinsam, was für den Aufbau eines Gemeinwesens in Palästina notwendig erschien. Es ging vor allem um gärtnerische, land- und hauswirtschaftliche sowie handwerkliche Fertigkeiten. Sie lernten auch modernes Hebräisch und wurden zur jüdischen Religion, Kultur und Geschichte unterrichtet. Leben und Arbeiten im Kollektiv galten als besonders wichtig. Auf Jägerslust waren zunächst 12 „Umschulungs“-Plätze, im Laufe der Jahre konnten an die hundert junge Männer und Frauen ihre Lehrzeit dort – ganz oder zum Teil – absolvieren. Das alles änderte sich abrupt in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Ein NS-Schlägertrupp in Zivil überfiel das Gut mitten in der Nacht, plünderte und verwüstete die Einrichtungen und misshandelte die Bewohner. Alle Anwesenden, auch Irma Wolff und ihre Schwiegermutter Käthe Wolff, wurden verhaftet und in das Flensburger Polizeigefängnis verbracht. Auf dem Weg dorthin gelang es Alexander Wolff, über die Dänische Grenze zu flüchten.

Am nächsten Morgen wurden die Männer nach Sachsenhausen überführt, die Frauen aber freigelassen. Käthe und Irma Wolff konnten jedoch nicht zurück nach Jägerslust, zu groß waren die Zerstörungen. Sie fanden provisorische Unterkunft in Flensburg, entschlossen sich jedoch Anfang 1939 nach Berlin zu gehen, wo Irmas Bruder Richard und Käthes Tochter Lilly Wolff lebten. Zum Zeitpunkt der Volkszählung vom 17. Mai 1939 wohnte Irma zur Untermiete bei der Familie Alexander in der Mommsenstraße 47, Käthe Wolff wurde in der Rankestraße 20 erfasst. Alexander Wolff bemühte sich derweil in Dänemark verzweifelt, Visa für sich und auch für Irma, für seine Mutter und für seine Schwester zu bekommen – ohne Erfolg. Schließlich erhielt er eines nur für sich für die USA und konnte Ende November 1939 dorthin fahren.

1940 zog Irma zu ihrem Bruder in die Karlsruher Straße 29 in Halensee, nachdem dessen Frau Alice im Juli gestorben war. Richard Altmann war 1935 aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen worden, was einem Berufsverbot gleichkam. Er konnte nur noch für die jüdische Kultusvereinigung tätig sein. Irma wurde zur Zwangsarbeit herangezogen als Löterin bei dem Radiohersteller Dr. Georg Seibt AG, für 20 Reichsmark im Monat. Im Dezember 1942 wurde Richard Altmann abgeholt und am 14. Dezember nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Genau an diesem 14. Dezember unterschrieb Irma die „Vermögenserklärung“, die jeder zur Deportation Bestimmte ausfüllen musste. Sie hatte noch etwa 5000 RM auf einem „Sicherheitskonto“ bei der Dresdner Bank, von dem sie jedoch monatlich nur 200 RM hatte abheben dürfen. Eine Hypothek über 24000 RM, die sie nach dem Tod ihres ersten Mannes gekauft hatte, musste sie auf Druck der Gestapo 1940 an Nichtjuden verkaufen. Ob und wenn ja, wieviel sie von dem Erlös erhielt, bleibt unklar – frei verfügen hätte sie darüber sowieso nicht können. Irma wurde in das Sammellager Große Hamburger Straße 26 verbracht und dort, wie alle anderen, per Zustellungsurkunde darüber informiert, dass ihr gesamter Besitz vom Deutschen Reich beschlagnahmt sei. Ihr Hausrat wurde „mit den Sachen von Altmann“ geschätzt und brachte wohl keinen nennenswerten Erlös. 77,97 RM Lohnnachzahlung von der Dr. Seibt AG kassierte das Deutsche Reich ebenfalls ein. Am 29. Januar 1943 wurde Irma Wolf von dem Sammellager aus mit über 1000 weiteren Opfern nach Auschwitz deportiert. Sie ist nicht zurückgekommen.

Irmas Schwiegermutter Käthe Wolff geb. Jacoby, Jahrgang 1868, wurde am 14. August 1942 nach Theresienstadt deportiert, von da am 26. September 1942 weiterverschleppt nach Treblinka und dort ermordet. Irmas Schwägerin Lilly Wolff, geboren am 16. Juni 1896, wurde am 5. September 1942 nach Riga deportiert und in Riga-Jungfernhof, Außenlager Ghetto Riga, auf Ankunft am 8. September erschossen. Das Gut Jägerslust, bzw. was von ihm übrig war, wurde vom Deutschen Reich eingezogen, das Gelände militärisch genutzt. Auch nach dem Krieg blieb es ein Truppenübungsplatz, Alexander Wolff erhielt nach einem langen Verfahren eine Entschädigung auf dem Vergleichswege. 1996 wurde das Areal der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein übertragen und wurde Teil vom „Stiftungsland Schäferhaus“. Dort wurden am 23. August 2004 Stolpersteine für Käthe, Lilly und Irma Wolff verlegt. Für Richard Altmann liegt ein Stolperstein vor der Karlsruher Straße 29. Dort hatte er seit seiner Heirat 1917 gewohnt.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Stadtarchiv Flensburg; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; Bernd Philipsen,„Dat Judennest hebbt wi utrökert.“Vom gewaltsamen Ende des Auswanderer-Lehrguts Jägerslust bei Flensburg in: Die „Reichskristallnacht“ in Schleswig-Holstein. Der Novemberpogrom im historischen Kontext. Herausgegeben von Rainer Hering (Veröffentlichungen des Landesarchivs Schleswig-Holstein Band 109). Hamburg 2016. S. 231 – 253
Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer

Recherchen/Text: Micaela Haas

Stolpersteine auf dem ehemaligen Gut Jägerslust, Flensburg
Stolpersteine auf dem ehemaligen Gut Jägerslust, Flensburg
Bild: Stadtarchiv Flensburg
Bildvergrößerung: Stolperstein Ella Silberstein
Stolperstein Ella Silberstein
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ELLA SILBERSTEIN
JG. 1875
DEPORTIERT 10.7.1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Ella Silberstein war die Tochter von Louis und Auguste Silberstein geb. Sommerfeld. Sie wurde am 26. Oktober 1875 in Posen geboren. Ihr Vater war Weinhändler in Posen, wo die Familie damals am Neustädter Markt 10 wohnte und zeitweise auch eine Weinstube betrieb. 1890 lebten sie am Königsplatz 10. Ella hatte eine ältere Schwester, Selma, drei jüngere Schwestern, Margarethe, Gertrud und Martha, sowie zwei, auch jüngere Brüder: Siegbert und Rudolf. Louis Silberstein ließ allen seinen Kindern, auch den Töchtern, eine Berufsausbildung zukommen – außer Selma, die 20-jährig 1895 Hugo Hoppe aus Allenberg (bei Königsberg) heiratete und dorthin zog. Ella und Margarethe wurden Lehrerinnen, Gertrud und Martha vermutlich auch.

Als Volksschullehrerin wurde Ella zunächst vielerorts jeweils kurz eingesetzt. Als erstes kam sie im Januar 1895 in das Dorf Kocanowo bei Pudewitz, nicht weit von Posen. Im November war sie wieder zurück bei den Eltern, um im nächsten Jahr in Liegnitz eingesetzt zu werden, im Jahr darauf in Gumbinnen. Es folgten weitere Orte, darunter auch entferntere wie Halle/Saale oder Herford/Westfalen. Zwischendurch kehrte sie immer wieder für ein paar Monate nach Posen zu den Eltern zurück. Im Februar 1908 starb der Vater – die Mutter war schon 1899 gestorben – und Ella kam wieder nach Posen, um dort die nächsten Jahre als Lehrerin zu arbeiten. Noch 1917 ist sie mit einem eigenen Eintrag in der Ritterstraße 9 im Posener Adressbuch vertreten. Auch die Schwestern wurden in verschiedenen Orten eingesetzt, bevor Gertrud Julius Keidanski und Martha einen Herrn Levy heiratete. Margarethe blieb ledig, wie Ella auch.

Nach dem 1. Weltkrieg und infolge des Großpolnischen Aufstandes im Dezember 1918 wurden die Stadt Posen und Teile der Posener Provinz an Polen angegliedert. Sehr viele Deutsche verließen daraufhin die Stadt, so z. B. auch Margarethe Silberstein, die – obwohl sie schon seit 1907 im Hamburger Schuldienst stand, wohl ihren Posener Wohnsitz beibehalten hatte – sich am 21.Juni 1920 zunächst nach Berlin abmeldete, wo schon seit vor dem Krieg Gertrud und Julius Keidanski lebten. Gut möglich, dass Ella mit ihr zusammen wegzog, mit einer eigenen Wohnung ist sie im Berliner Adressbuch ab 1924 in der Zehdenicker Straße 12 zu finden.

Ella lehrte an der 24. Volksschule in Berlin Mitte. 1929 ist sie nicht mehr im Adressbuch zu finden, vermutlich wohnte sie dann zur Untermiete. Erst 1934 wird sie wieder geführt, nun in der Mommsenstraße 47. Da war Ella schon als Beamtin entlassen, die Nationalsozialisten hatten gleich nach ihrem Regierungsantritt 1933 allen jüdischen Beamten gekündigt aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933. Dies war möglicherweise auch der Anlass für den erneuten Wohnungswechsel in die Mommsenstraße. Offiziell wurde Ella erst am 31. Oktober 1935 in den Ruhestand versetzt. Ihre Pension für 31 Dienstjahre und 15 Tage betrug 73% des Grundgehaltes, das wiederum für weibliche Lehrkräfte um 10% reduziert war. Später wurden die Bezüge allerdings für „Zwangspensionierte“ wie sie durch die „Siebente Verordnung zum Reichsbürgergesetzt“ vom 5. Dezember 1938 um 20% reduziert.

Ella blieb zwei Jahre lang Hauptmieterin in der Mommsenstraße, dann übernahm ihr Schwager Julius Keidanski die Wohnung – oder mietete eine andere im Haus – und Ella wohnte bei ihm und ihrer Schwester zur Untermiete. Keidanskis hatten davor jahrzehntelang in der Niebuhrstraße 56 gewohnt. Ihnen gelang die Flucht nach England und Ella war daher Anfang 1942 gezwungen abermals umzuziehen. Sie war nun Untermieterin von Maria Frankfurther in der Küstriner Straße 4 (heute Damaschkestraße). Lange konnte sie jedoch nicht dort bleiben. Durch die antisemitischen Gesetze verarmt, entrechtet, gedemütigt und praktisch von der Gesellschaft ausgeschlossen, musste sie Anfang Juli 1942 die obligate „Vermögenserklärung“ ausfüllen, der Vorbote der Deportation. Gewissenhaft zählte sie ihre Haushaltsgegenstände, Kleidungs- und Wäschestücke auf, es waren sowieso nicht mehr viele. Über ihre Ersparnisse durfte sie als Jüdin schon seit geraumer Zeit nicht mehr selbst verfügen.

Sie wurde anschließend in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 verbracht, ein von den Nazis umfunktioniertes jüdisches Altersheim. Am 10. Juli 1942 musste sie in aller Frühe am Anhalter Bahnhof auf Gleis 1 einen von zwei Waggons 3. Klasse besteigen, die später verplombt an den fahrplanmäßigen Zug nach Prag um 6.07 Uhr angehängt wurden. Mit 99 weiteren Leidensgenossen wurde Ella mit diesem Zug nach Theresienstadt deportiert. Angeblich war dieses „Altersghetto“ eine Stätte für einen ruhigen Lebensabend, tatsächlich handelte es sich aber um ein Durchgangslager, in dem die Menschen auf den Tod warteten, herbeigeführt entweder durch die dortigen unmenschlichen Lebensbedingungen oder durch die Ermordung in einem weiteren Vernichtungslager. Letzteres war Ella Silbersteins Schicksal: schon am 19. September 1942 wurde sie weiterverschleppt nach Treblinka und dort ermordet.

Ellas Schwester Margarethe, in Hamburg 1934 zwangspensioniert, war schon am 6. Dezember 1941 nach Riga-Jungfernhof, einem Außenlager des Rigaer Ghettos, deportiert und dort ermordet worden. Gertrud mit ihrem Mann Julius Keidanski sowie ihre Kinder Alice und Alfred konnten rechtzeitig flüchten, auch Martha Levy und Selma mit Hugo Hoppe konnten sich ins Ausland retten. Der Bruder Rudolf Silberstein gelangte nach Südafrika, Ellas Neffe Kurt Hoppe jedoch wurde mit seiner Frau Edith geb. Rubinstein und seiner zweijährigen Tochter Tana am 12. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Unklar bleibt das Schicksal von Ellas Bruder Siegbert – da er in keinem Gedenkbuch aufgelistet ist, kann man hoffen, dass er den Nazischergen entgangen ist.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Adressbuch Posen; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Angaben Susanne Lohmeyer, Stolpersteininitiative Hamburg; Geburtregister: http://www.e-kartoteka.net/en/search?signature=15034

Recherchen/Text: Micaela Haas

Bildvergrößerung: Stolperstein Gertrud Berlin
Stolperstein Gertrud Berlin
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
GERTRUD BERLIN
GEB. STRAUS
JG. 1885
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
26.11.1941

Gertrud Berlin wurde am 26. Juli1885 als Gertrud Straus in Cannstatt geboren. Ihre Eltern waren Ludwig Straus und Meta geb. Uhlmann, der Vater war Miteigentümer einer Bettfedernfabrik in Cannstatt. Mit seinen Brüdern Isac und Max betrieb er die von seinem Vater Seligmann Loeb Straus 1842 in Ulm gegründete Fabrik, die im Zuge der Vergrößerung 1863 nach Cannstatt verlegt und in der Folge zahlreiche Filialen weltweit eröffnete. Auch in Berlin wurde 1898 eine weitere Produktionsstätte aufgebaut. Um 1923 bezeichnete sich Straus & Cie als die größte Bettfedernfabrik der Welt, mit mehreren Patenten und eigener Maschinenherstellung. Ludwig und Max Straus zählten zu den reichsten Bürgern Stuttgarts, eine Liste von 1914 bezeichnet sie als „einfache“ Millionäre.

Gertrud – meistens Trude gerufen – wuchs in der Cannstatter Olgastraße 37 auf, ihr Bruder Leo war drei Jahre älter als sie. 1903 heiratete sie in Cannstatt Joseph Berlin aus Fürth. Gertrud zog mit ihrem Mann nach Fürth. Dessen Vater Wilhelm Berlin hatte eine Spiegelglasfabrik gegründet – ein Gewerbezweig, der in Fürth stark vertreten war. Josef Berlin aber war Teilhaber des Kurz- und Spielwarenexportgeschäfts Fleischmann & Blödel, Nachfolger Joseph Berlin, ab 1919 auch Teilhaber der Gustav Krantz Treibriemenfabrik. Ebenfalls ab 1919 war er zudem Geschäftsführer von Berlin Makler. Gertrud und Joseph wohnten im damaligen besseren Wohnviertel in Fürth, und zwar in der Promenadenstraße 7, später Hornschuchpromenade 7. In Fürth wurden ihre drei Kinder geboren: Lotte 1906, Wilhelm 1910 und Marianne 1919.

Mitte Mai 1926 zog die Familie nach Nürnberg, wo 1926 Tochter Lotte den Dermatologen Ernst W. Nathan heiratete, Vorstand der Hautklinik am Städtischen Krankenhaus. Ein Jahr später starb Gertruds Mann, Joseph Berlin. Gertrud blieb mit ihrer Tochter Marianne in Nürnberg.

Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 wurde Gertruds Schwiegersohn Ernst Nathan sofort entlassen und in den Ruhestand ohne Bezüge versetzt. Er konnte zwar privat weiter praktizieren, bekam aber keine Kassenzulassung. Wie er und Lotte, bekamen auch Gertrud und ihre anderen Kinder die zunehmenden antisemitischen Maßnahmen zu spüren. Zum 30. September 1938 wurde Ernst Nathan die ärztliche Approbation vollständig entzogen. Dies war der Auslöser – vermutlich auch für Gertrud, Wilhelm und Marianne –, die Auswanderung zu betreiben. Ernst und Lotte Nathan gelang es mit ihrem Sohn Robert Ende März 1939 in die USA zu kommen, wo bereits Ernst Nathans Schwester lebte. Wann genau Wilhelm und Marianne flüchten konnten, wissen wir nicht.

Gertrud selbst bereitete ebenfalls ihre Emigration vor, sie zahlte die Reichsfluchtsteuer, packte ihr „Auswanderergut“, sicher bemühte sie sich um ein Visum in die USA, da alle drei Kinder nach New York fuhren. Im September 1937 gab sie ihre Nürnberger Wohnung in der Rieterstraße 4 auf und zog, noch mit Marianne, nach Berlin. Möglicherweise erhoffte sie sich dort bessere Chancen, eine Auswanderung zu regeln. Am 17. Mai 1939, dem Tag der Volkszählung, wohnte sie zur Untermiete in der Mommsenstraße 47, Marianne war da vermutlich schon in den USA. Mittlerweile machten die nach dem November 1938 drastisch verstärkten Diskriminierungsmaßnahmen das Leben für Juden völlig unerträglich. Gertrud gelang es jedoch nicht, vor Kriegsausbruch ein Visum und eine Schiffspassage für sich zu bekommen. Viele Länder erteilten gar keine Visa mehr, andere ließen sich das teuer bezahlen, auch Schiffskarten zu bekommen war aufgrund gestiegener Nachfrage und explodierender Preise sehr erschwert. Zudem konnte Gertrud nicht frei über ihr Vermögen verfügen, Judenkonten wurden als „Sicherheitskonten“ geführt, von denen sie nur Beträge für das Existenzminimum abheben durften.

Gertrud musste immer neue Einschränkungen hinnehmen, so konnten Juden ab Juli 1940 nur von 4 bis 5 Uhr nachmittags einkaufen gehen, sie musste in ein anderes, ihr zugewiesenes Zimmer in der Eosanderstraße 1 bei Kiewitt ziehen, ab September 1941 hatte sie den Judenstern zu tragen, die erst 56-jährige wurde sehr wahrscheinlich zur Zwangsarbeit herangezogen, Mitte Oktober begannen auch noch die Deportationen. Für Gertrud gab es kaum mehr Hoffnung, ihren Kindern zu folgen, sie sah nur einen Ausweg: am 26. November 1941 nahm sie sich das Leben.

Gertrud Berlin hinterließ ein Testament zugunsten ihrer jüngsten Tochter Marianne in New York. Für den Fall, dass diese das Erbe nicht antreten könne, benannte sie Lotte und Wilhelm – nun William – als Erben. Dem Nachlasspfleger beschied jedoch die NS-Behörde „Ausgewanderte sind von der Erbfolge ausgeschlossen“, so konnte der Staat das Vermögen „einziehen“.

Die Bettfedernfabrik wurde ab 1935 „arisiert“, 1936 ist die Berliner Niederlassung letztmalig im Adressbuch aufgeführt, so wie auch Gertruds Bruder Leo, der mit seiner Frau Erika in Berlin gelebt hatte. Er war Vorstandsmitglied der Firma. Ihm gelang die rechtzeitige Emigration, vermutlich auch dank seiner vielen Geschäftskontakte im Ausland.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion

Recherchen/Text: Micaela Haas