Stolpersteine Niebuhrstraße 64

Hausansicht Niebuhrstr. 64

Die Stolpersteine für Elisabeth und Ruth Sommerfeld, Margarethe und Heinz Max Wolffsohn, Gisela Friedmann wurden am 10.5.2017 verlegt.

Die Stolpersteine für Gertrud Bindefeld, Martha Herrmann, Rosa und Abraham Kirschner, Sara Goldstein wurden am 16.3.2018 verlegt.

Stolperstein Elisabeth Sommerfeld

HIER WOHNTE
ELISABETH
SOMMERFELD
GEB. KRISCH
JG.1897
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Elisabeth Krisch wurde am 15. Januar 1897 in Inowrazlaw geboren, damals preußische Provinz Posen, als Tochter des Fleischermeisters Samuel Krisch und seiner Frau Bertha, geb. Baer. Der Ort erfuhr im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einen großen Aufschwung durch Thermalbäder. 1904 wurde der Name in Hohensalza eingedeutscht. Nach dem 1. Weltkrieg kam die Stadt zu Polen und hieß wieder Inowrocław, nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 wurde sie wieder in Hohensalza umbenannt, seit 1945 heißt sie erneut Inowrocław. Die Stadt hatte schon im 16. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde, die mit der Zeit auf bis zu 40 Prozent der Bevölkerung anwuchs. Um 1900 waren von etwa 26 000 Einwohnern ca. 1 500 Juden. Die Familie Krisch scheint dort alteingesessen gewesen zu sein, der Name kommt häufig vor. Es ist allerdings nicht immer feststellbar, ob es sich um direkte Verwandte von Elisabeth handelt. Dokumentiert ist, dass sie einen älteren, 1885 geborenen Bruder namens Hermann hatte und einen weiteren, Ernst, dessen Geburtsdatum wir nicht wissen und der vor 1927 starb. Möglicherweise gab es noch mehr Geschwister.

Unklar bleibt, wann und warum Elisabeth nach Berlin zog – die Eltern blieben in Hohensalza. Als sie am letzten Tag des Jahres 1919 den Viehhändler Gustav Georg Sommerfeld heiratete, wohnte sie in der Mommsenstraße 43, zur Untermiete bei dem dort gemeldeten Viehhändler Samuel Salomon. Er war auch einer der Trauzeugen. Der andere war Georgs Bruder Abraham, ebenfalls Viehhändler und Inhaber einer Großfleischerei. Die Kontakte im Viehhändlermilieu dürften über Elisabeths Vater erfolgt sein. Elisabeths Mutter war zum Zeitpunkt der Heirat schon in Hohensalza gestorben.

Gustav (genannt Georg) Sommerfeld war in Krojanke, seinerzeit Westpreußen, heute Krajenka, Polen, am 23. Mai 1891 auf die Welt gekommen. Sein Vater Adolf Sommerfeld war auch Viehhändler, die Mutter war Johanna geb. Gotthilf. Sie starb bereits 1899, als Georg 8 Jahre alt war. Die Sommerfelds waren eine kinderreiche Familie, Georg hatte 9 Geschwister und einen Halbbruder.

Auch von Georg wissen wir nicht, wann er nach Berlin ging. Seine Brüder Abraham und Hermann waren wohl schon in der Hauptstadt, als Georg und Elisabeth am 31. Dezember 1919 in Charlottenburg heirateten. Am 30. Oktober 1920 brachte Elisabeth ihren Sohn Heinz zur Welt, die Tochter Ruth folgte sechs Jahre später fast auf den Tag genau am 31. Oktober 1926. Die Familie wohnte in der Gervinusstraße 18. Etwa 1933 zog Georg mit Frau und Kindern in die Greifswalder Straße 89a.

Georg betrieb ein Fleisch- und Wurstwarengeschäft in der Hohenstaufenstraße 55, das offenbar gut lief. Sein Sohn Heinz gab später an, die Familie sei recht wohlhabend gewesen. Nach dem Boykott 1933 habe er die Fleischerei in der Greifswalder Straße 89a verlegt und weiterbetrieben.

Aber am 31. Mai 1934, eine Woche nach seinem 43. Geburtstag, starb Georg Sommerfeld in seiner Wohnung in der Greifswalder Straße. Er wurde am 3. Juni auf dem Friedhof Weissensee beigesetzt. Laut seinem Sohn hinterließ er ein „ansehnliches Vermögen“, u. a. den Besitz von zwei Mietshäusern, eines in der Großen Frankfurter Allee, eines in der Bleibtreustraße. Etwa zwei Jahre nach Georgs Tod bezog seine Witwe mit ihren zwei Kindern eine Wohnung in der Niebuhrstraße 64, erster Stock. Ihren Lebensunterhalt – so Sohn Heinz – verdiente sie durch die Mieteinnahmen, die Verwaltung der beiden Mietshäusern besorgte sie selbst.

Inzwischen wurden die NS-Diskriminierungsmaßnahmen gegen Juden zunehmend wirksam. Nach Heinz‘ Erinnerung konnten Elisabeth und ihre Kinder dennoch zunächst ein auskömmliches Leben führen. Dies habe sich 1938/39 geändert, da habe Elisabeth nicht mehr ihre Tätigkeit als Hausverwalterin ausüben können. Anzunehmen ist, dass sie nach den Pogromen vom November 1938, wie auch andere jüdische Hauseigentümer genötigt wurde, den Grundstückbesitz an Nichtjuden zu verkaufen, in der Regel weit unter dem tatsächlichen Wert. Um den Lebensunterhalt zu bestreiten, sei sie gezwungen gewesen, auch ihre Wohnungseinrichtung weitgehend zu verkaufen, nach Heinz‘ Schätzung zu 10 % ihres Wertes.

Elisabeth Sommerfeld war allen Ausgrenzungsbestimmungen für Juden, die v.a. nach den Pogromen in großer Zahl erlassen wurden, ausgesetzt. Juden durften an keinen öffentlichen oder kulturellen Veranstaltungen mehr teilnehmen, zahlreiche Bannstraßen und -bezirke nicht mehr betreten, beruflich kaum noch tätig sein, mussten Wertsachen, elektrische Geräte, Fahrräder u.ä. abgeben, und viele Einschränkungen mehr. Ihren Kindern wurde der Besuch öffentlicher Schulen versagt. Heinz musste das Werner-Siemens-Gymnasium verlassen, Ruth besuchte jüdische Privatschulen. Auch Heinz ging noch ein Jahr auf die Schule der Jüdischen Gemeinde in der Klopstockstraße, bevor er eine kaufmännische Lehre bei der Firma Silberstein & Schybilski, Herrenkonfektion, antrat. Nach Beendigung der Lehre 1938 konnte er noch einige Monate dort als Angestellter arbeiten, dann wurde die Firma „arisiert“ und er entlassen.

Es wurde beschlossen, Heinz – inzwischen 19 Jahre alt – auf ein Hachschara-Lager zu schicken, zur Vorbereitung auf die Einwanderung in Palästina. Dort erwarben die Jugendlichen Fertigkeiten in Land- und Gartenwirtschaft und in handwerklichen Berufen, lernten Hebräisch und führten ein Kibbuz-ähnliches Leben. Heinz wurde als Landwirtschaftlicher Praktikant 1939 im Gut Skaby nahe Berlin angemeldet. Von dort wurde er im August 1940 mit über 300 weiteren Jugendlichen – unter ihnen Heinz‘ Vetter Gert Sommerfeld, Sohn von Georgs Bruder Moses Sommerfeld – auf die abenteuerliche Überfahrt nach Palästina geschickt. Die Fahrt ging über Wien nach Bratislava, von dort mit einem Dampfer nach Tulcea in Rumänien, wo die Flüchtlinge auf drei Schiffe verteilt wurden mit dem Ziel Palästina. Heinz war auf der SS Pacific. Da die Emigration aber aus Sicht der britischen Mandatsbehörden illegal war, wurden die Schiffe von der Marine aufgebracht und nach Haifa geleitet. Dort wurden die Passagiere auf die SS Patria umgeschifft, die sie auf die Insel Mauritius deportieren sollte. Doch am 25. November 1940 versuchten Mitglieder der Untergrundorganisation Haganah das zu verhindern, indem sie eine Bombe im Maschinenraum des Schiffes explodieren ließen. Sie hatten jedoch deren Sprengkraft falsch eingeschätzt, das Schiff sank innerhalb weniger Minuten, über 200 Menschen von fast 2000 ertranken. Die Überlebenden, unter ihnen Heinz, wurden an Land gebracht und im Lager Atlith festgehalten. Erst nach etlichen Monaten kamen sie frei und konnten in Palästina bleiben.

Kontakt mit seiner Mutter konnte Heinz nur noch über Rot-Kreuz-Briefe halten. Auf ihnen konnte man mit höchstens 25 Wörtern kurze Nachrichten schicken, die Briefe kamen oft Monate später an.

Man kann davon ausgehen, dass Elisabeth, noch keine 45 Jahre alt, zur Zwangsarbeit herangezogen wurde, vielleicht auch schon Ruth, die 1941 von der Schule abgemeldet wurde. Elisabeth musste erleben, wie ihr Bruder Hermann mit Frau und zwei Söhnen im Oktober 1941 nach Łódź verschleppt wurde und dass im Juni 1942 ihre Schwägerin, Sara Goldstein geb. Sommerfeld – die bei ihr wohnte – „nach dem Osten“ deportiert wurde. Anfang 1943 erhielten Elisabeth und Ruth dann selbst den Deportationsbefehl, Mutter und Tochter hatten sich in der Sammelstelle in der Großen Hamburger Straße 26 einzufinden, ein von der Gestapo missbrauchtes jüdisches Altersheim. Elisabeth war sich wohl im Klaren, was die Deportation bedeutete. Ihr letzter Rot-Kreuz-Brief an Heinz gibt erschütterndes Zeugnis davon: „Geliebter Junge, letzte Nachricht, vom Schicksal ereilt. Mein letzter Atemzug ein Segenswunsch für dich. Der Herr behüte u. beschütze dich. Gruß, Kuss Mutti Ruth“.

Am 12. Januar 1943 wurden Elisabeth und Ruth Sommerfeld mit fast 2000 weiteren Menschen nach Auschwitz deportiert. Dort angekommen, wurden 127 Männer zur weiteren Zwangsarbeit ins Lager eingewiesen, alle anderen wurden in den Gaskammern von Birkenau ermordet, auch Elisabeth und Ruth Sommerfeld.

Elisabeths Bruder Hermann und seine Frau Mechli, geb. Unterberg wurden vom Ghetto Łódź 1942 ins Vernichtungslager Kulmhof weiter verschleppt und dort ermordet. Ihre Söhne Berthold und Werner hatten sich zu einem Arbeitsdienst gemeldet und hofften so, dem Ghetto zu entkommen. Berthold wurde im Lager Paulseck 1943 ermordet. Werner wurde vom Arbeitslager Rawitsch nach Birkenau, Sachsenhausen und Buchenwald weiter deportiert. In der letzten Station wurde er 1945 befreit. Er lebte später als Fotograf in der DDR und starb im Dezember 2011 in Treptow-Köpenick. Für alle vier liegen Stolpersteine vor dem Haus Bötzowstraße 60.

Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006
  • Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995
  • Berliner Adressbücher
  • Adressbuch Inowratzlaw 1903
  • Landesarchiv Berlin über Ancestry
  • Landesarchiv Berlin Wiedergutmachungsakten und Handelsregisterakten
  • Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin
  • Arolsen Archives
  • Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/)
  • Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005
  • Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer
  • Todesanzeige: MyHeritage

Stolperstein Ruth Sommerfeld

HIER WOHNTE
RUTH
SOMMERFELD
JG. 1926
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Ruth Sommerfeld wurde am 31. Oktober 1926 in Berlin geboren. Ihre Eltern Georg Sommerfeld und Elisabeth, geb. Krisch hatten Ende 1919 geheiratet und waren damals vermutlich noch nicht lange in Berlin. Ruth hatte einen sechs Jahre älteren Bruder, Heinz. Die Familie wohnte damals in der Gervinusstraße 18, Anfang der 30er-Jahre zog sie in die Greifswalder Straße 89a. Ruths Vater war ein wohlhabender Viehhändler, der auch eine Fleischerei betrieb. Aber er starb 1934, als Ruth noch nicht 6 Jahre alt war. Die Mutter Elisabeth zog mit den beiden Kindern in eine Wohnung in der Niebuhrstraße 64. Sie hatte von Georg zwei Mietshäuser geerbt, um deren Verwaltung sie sich kümmerte.

Inzwischen waren die Nationalsozialisten an der Macht, die zahlreiche Verordnungen erließen, um Juden das Leben so schwer wie möglich zu machen. Ruth war direkt betroffen, weil sie nicht mehr auf eine öffentliche Schule gehen durfte. Von 1937 bis März 1939 besuchte sie die 4. Volksschule der Jüdischen Gemeinde in der Klopstockstraße 58, eine Schule der Jüdischen Reformgemeinde. 1939 wurde die Reformgemeinde aufgelöst, aber ihre Realschule, vormals nach dem ersten Prediger dieser Gemeinde Holdheimschule genannt, bestand weiter. Hier wurde Ruth im Oktober 1939 aufgenommen aber bereits zum 11. April 1941 wieder abgemeldet. Eine weitere Ausbildungsmöglichkeit gab es für Ruth nicht mehr. Es ist zu vermuten, dass ihre Mutter, die gezwungenermaßen die Mietshäuser hatte aufgeben müssen, zur Zwangsarbeit verpflichtet wurde und es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch Ruth dazu herangezogen wurde.

Ruths Bruder Heinz war es gelungen, nach dem Besuch 1939/40 eines Hachschara-Zentrums auf Gut Skaby auf äußerst abenteuerlichen Wegen nach Palästina zu gelangen. Für Ruth und ihre Mutter Elisabeth gab es keine Möglichkeit mehr zur Flucht. Ruths Onkel Hermann Krisch und mehrere Geschwister ihres Vaters – darunter ihre Tante Sara Goldstein geb. Sommerfeld, die bei ihnen in der Niebuhrstraße gewohnt hatte – waren bereits deportiert worden, als Ruths Mutter Anfang des Jahres 1943 den Befehl erhielt, sich mit Ruth zur Deportation in der Sammelstelle Große Hamburger Straße bereit zu halten. Ruth konnte noch einen letzten Rot-Kreuz-Brief ihrer Mutter an Heinz mit unterschreiben. Am 12. Januar 1943 wurden sie dann beide nach Auschwitz deportiert und dort in den Gaskammern von Birkenau ermordet.

Heinz Sommerfeld, der sich in Palästina in Tzwi Shdema Zomerfeld umbenannte, hat bei Yad Vashem Gedenkblätter für Elisabeth und Ruth und weitere Verwandte hinterlegt.

Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006
  • Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995
  • Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin
  • Arolsen Archives
  • Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/)
  • Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005
  • Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer

Stolperstein Margarethe Wolffsohn

HIER WOHNTE
MARGARETHE
WOLFFSOHN
JG. 1890
GEB. KIRSCHNER
DEPORTIERT 29.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Margarethe Kirschner wurde am 25. Februar 1890 in Berlin als Tochter des „Konfectionärs“ (Hersteller von Bekleidung) Max Meyer Kirschner und seiner Frau Bertha geb. Cohn in Berlin geboren. Sie hatte einen älteren, 1884 geborenen Bruder, Bruno, und einen zwei Jahre jüngeren, Kurt (*1892). Als Margarethe nur 4 Jahre alt war, starb ihre Mutter. Ob der Vater wieder heiratete, wissen wir nicht.

Max Kirschner zog mit seinen Kindern mehrmals in Berlin um, 1906 schließlich in die Mommsenstraße 44 Ecke Wilmersdorfer Straße, wo die Familie sesshaft wurde. Hier wohnte Margarethe noch, als sie am 28. April 1927 heiratete. Mit 37 Jahren war sie nach damaligen Verständnis „spät dran“, was vermuten lässt, dass sie keine Berufsausbildung machte sondern den Haushalt des verwitweten Vaters führte, zumal in ihrer Heiratsurkunde auch „ohne Beruf“ steht. Der Bräutigam war der Kaufmann Martin Wolffsohn, 1882 ebenfalls in Berlin geboren. Margarethe war seine zweite Frau, die erste, Stephanie geb. Jokl, war 1925 gestorben. Sie hinterließ einen 6 Jahre alten Sohn, Heinz, der nun Margarethes Stiefsohn wurde.

Martin Wolffsohn war ein Sohn von Max Meyer Wolffsohn und seiner Frau Amalie geb. Graetz. Max Wolffsohn, der um 1912 gestorben war, hatte ein Weiß- und Posametierwaren-Geschäft in der Chausseestraße betrieben. Martin hatte mit seiner ersten Frau und dem kleinen Heinz in der Witzlebenstraße 37 gewohnt. Nach der Heirat mit Margarethe bezog die Familie eine Wohnung im 4. Stock des Gartenhauses in der Georg-Wilhelm-Straße 21.

Wir wissen nicht, ob Martin in der gleichen Branche wie sein Vater tätig war. Mit der Judendiskriminierung durch die Nazis ab 1933 dürfte auch er zunehmend berufliche Schwierigkeiten bekommen haben. 1937 wird er im Adressbuch nicht mehr als Kaufmann sondern als kaufmännischer Angestellter bezeichnet. Im selben Jahr mietete er eine 3-Zimmer-Wohnung in der Niebuhrstraße 64. Vielleicht wurde das durch Margarethes Onkel Abraham Kirschner – der jüngste Bruder ihres Vaters – vermittelt, der seit 1935 in dem Haus wohnte.

Lange wohnte Martin Wolffsohn mit seiner Familie nicht in der Niebuhrstraße. Am 10. April 1939 starb er in seiner Wohnung, laut Sterbeurkunde an Kranzaderverkalkung. Angezeigt wurde der Todesfall von seinem Sohn Heinz, zu dem Zeitpunkt von Beruf „Destilateur“. Das Leben war mittlerweile für Juden sehr schwierig geworden aufgrund der zahllosen antijüdischen Verordnungen, die nach den Pogromen vom November 1938 noch stark zunahmen. Nach der Volkszählung vom Mai 1939, bei der Juden getrennt erfasst wurden, wurde Margarethe zur Zwangsarbeit herangezogen, zuletzt bei einer Akkumulatorenfabrik in Steglitz.

Heinz Wolffsohn heiratete 1941 oder 1942 Käthe Cohn, die daraufhin mit Margarethe und Heinz in der Niebuhrstraße wohnte. Sie war die Tochter von Konrad Cohn und Else geb. Finke und hatte mit ihren Eltern in der Leibnizstraße 6 gewohnt. Ob es sich hier um Verwandte von Margarethes Mutter handelt, ist schwer feststellbar, da der Name Cohn sehr häufig ist. Am 9. Januar 1942 starb Else Cohn und ziemlich genau ein Jahr später zog Konrad Cohn auch in Margarethes Wohnung.

Nur wenige Tage nach Konrad Cohns Umzug bekamen er und die Wolffsohns den Deportationsbefehl und wurden aufgefordert, die Vermögenserklärung auszufüllen, die es dem Deutschen Reich ermöglichen sollte, ihre gesamte Habe zu seinen Gunsten einzuziehen. Sie gaben das 16-seitige Formular am 16. Januar 1943 ab. Vermutlich waren sie da noch nicht in der Sammelstelle, dem umfunktionierten jüdischen Altersheim in der Großen Hamburger Straße 26, denn dort wurde ihnen erst zehn Tage später die Verfügung zugestellt, laut der ihr Vermögen „dem Reich verfallen“ sei. Nach zwei weiteren Tagen, am 29. Januar 1943, wurden sie mit 1000 weiteren Menschen nach Auschwitz vom Güterbahnhof Moabit aus deportiert. Dort angekommen, wurden 140 Männer und 140 Frauen zur Zwangsarbeit eingewiesen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die fast 53jährige Margarethe Wolffsohn dazu gehörte. Alle 724 nicht „selektierten“ Menschen wurden nach Ankunft in den Gaskammern ermordet.

Auch Konrad Cohn, 66jährig, wird wahrscheinlich gleich ermordet worden sein. Von seiner Tochter Käthe kennen wir das Todesdatum nicht, nur für ihren Mann Heinz Wolffsohn ist dokumentiert, dass er wenige Tage später am 10. Februar 1943 ermordet wurde.

Vier Monate vor Margaretes Deportation waren unter ihren Augen ihr Onkel Abraham Kirschner und dessen Frau Rosa geb. Schönberger aus der Niebuhrstraße 64 abgeholt und am 24. September 1942 nach Theresienstadt verschleppt worden – einen Monat nachdem ein anderer Onkel, Wilhelm Kirschner, ebenfalls nach Theresienstadt deportiert worden war. Auch ihre Tante Minna Kirschner geb. Cohn, Ehefrau des 1939 verstorbenen Daniel Kirschner, war im August 1942 nach Theresienstadt verschleppt worden, wo sie nach vier Monaten ums Leben kam (s.a. Stolperstein vor der Bismarckstraße 10).

Margarethes Vater war bereits 1935 in Berlin gestorben, der Bruder Kurt im 1. Weltkrieg 1918 in Frankreich gefallen. Nur der ältere Bruder Bruno Kirschner konnte 1937 nach Jerusalem emigrieren. Er hatte in Heidelberg promoviert und war ein bekannter Historiker, Judaist und Numismatiker und nach dem Krieg Mitbegründer des Leo Beck Instituts in Jerusalem.

Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006
  • Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995
  • Berliner Adressbücher
  • Landesarchiv Berlin über Ancestry
  • Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin
  • Arolsen Archives
  • Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/)
  • Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005
  • Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer
  • zu Bruno Kirschner

Stolperstein Heinz Max Wolffsohn

HIER WOHNTE
HEINZ MAX
WOLFFSOHN
JG. 1918
DEPORTIERT 29.1.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET 10.2.1943

Heinz Max Wolffsohn war der Sohn des Kaufmannes Martin Wolffsohn und seiner Frau Stephanie, geb. Jokl. Er kam am 20. Dezember 1918 in Berlin auf die Welt. Seine Eltern lebten damals in der Witzlebenstraße 37. Als Heinz 6 Jahre alt war, starb seine Mutter. Zwei Jahre später heiratete sein Vater Margarethe Kirschner und zog in die Georg-Wilhelm-Straße 21, Gartenhaus 4. Stock.

Zum Zeitpunkt der Machtübergabe an die Nationalsozialisten war Heinz 14 Jahre alt. Ab Januar 1934 begannen die Einschränkungen für jüdische Schüler, spätestens 1938 durften sie keine öffentlichen Schulen mehr besuchen. Es ist anzunehmen, dass Heinz noch einen mittleren Schulabschluss machen konnte. Anschließend absolvierte er vermutlich eine kaufmännische Lehre, da er bei der Sparkasse ein Konto als „Kaufmann“ eröffnete. Vielleicht arbeitete er mit seinem Vater zusammen. Dieser starb am 10. April 1939 an „Kranzaderverkalkung“, da lebte die Familie schon 3 Jahre in der Niebuhrstraße 64. Der Tod des Vaters wurde von Heinz angezeigt, in der Sterbeurkunde wird er als „Destilateur“ bezeichnet. Beim Finanzamt wurde er später nur noch als Arbeiter geführt, denn bald nach der Volkszählung im Mai 1939 wurde Heinz – wie seine Stiefmutter auch – zur Zwangsarbeit verpflichtet, 1942 war er bei der Gruppe Fahrbereitschaft Berlin für 85 Pfennig die Stunde eingesetzt.

Trotz der vielen antisemitischen Verordnungen, die Juden das Leben unerträglich machten – oder gerade deshalb – heiratete Heinz 1941 oder 1942 Käthe Cohn. Sie zog zu ihm in die Wohnung in der Niebuhrstraße. Käthe war am 30. Januar 1923 in Breslau geboren worden. Unmittelbar vor der Heirat hatte sie mit ihren Eltern, dem Kaufmann Konrad Cohn und seiner Frau Else geb. Finke in der Leibnizstraße 6 gewohnt. Auch Käthe war Zwangsarbeiterin und zwar bei bei DWM Borsigwalde (Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken) am Eichborndamm. Käthes Mutter Else Cohn starb am 9. Januar 1942. Konrad Cohn zog ein Jahr später, am 7. Januar 1943 zu seiner Tochter und dem Schwiegersohn in die Wohnung von dessen Stiefmutter Margarethe Wolffsohn in der Niebuhrstraße 64. Auch Konrad Cohn war Zwangsarbeiter, und zwar in der Transformtorenfabrik von Josef Ehrl, für 27.- RM in der Woche.

Kurz nachdem auch Käthes Vater in die Niebuhrstraße umgezogen war, erhielten sowohl Heinz und seine Stiefmutter, sowie seine Frau Käthe und deren Vater den Deportationsbefehl. Die vier Vermögenserklärungen, die sie wie alle zur Deportation Bestimmten ausfüllen mussten, scheinen alle bis auf die Unterschrift von gleicher Hand beschrieben worden zu sein, vermutlich von Heinz. Sie enthielten nur sehr spärliche Informationen und wurden am 16. Januar 1943 abgegeben. Am 27. Januar waren alle vier bereits im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 und wurden dort per Verfügung informiert, dass ihr gesamtes Vermögen „dem Reich verfallen“ sei. Außer kleineren Sparguthaben enthielt das Formular allerdings keinerlei Vermögensangaben, auch nicht über den Hausrat. Der wurde später von einem Gerichtsvollzieher auf 1145.-RM geschätzt, plus 950.- RM für die Einrichtung von Konrad Cohns Zimmer, Beträge, die natürlich auch der Oberfinanzkasse gutgeschrieben wurden.

Am 29. Januar 1943 wurden dann Heinz Wolffsohn, seine Frau Käthe Wolffsohn, seine Stiefmutter Margarethe Wolffsohn und sein Schwiegervater Konrad Felix Cohn mit 1000 weiteren Menschen vom Güterbahnhof Moabit aus nach Auschwitz deportiert. 140 Männer und 140 Frauen aus diesem „Transport“ wurden in das Lager eingewiesen, die anderen 724 gleich in den Gaskammern von Birkenau ermordet. Heinz Wolffsohn war wohl zunächst zur Zwangsarbeit bestimmt, kam aber schon am 10. Februar 1943 ums Leben. Den Todestag von Margarethe, Käthe und Konrad kennen wir nicht.

Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006
  • Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995
  • Berliner Adressbücher
  • Landesarchiv Berlin über Ancestry
  • Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin
  • Arolsen Archives
  • Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/)
  • Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005
  • Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer

Stolperstein Gisela Friedmann

HIER WOHNTE
GISELA FRIEDMANN
GEB. KLAPPER
JG.1878
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
27.3.1942

Gisela Klapper kam am 11. November 1878 in Jassy, Rumänien (heute Iași) auf die Welt. Der Vater hieß Maer David Klapper, die Mutter Reghina Klapper geb. Gelber, beide Jahrgang 1845. Gisela hatte einen ein Jahr älteren Bruder, Emil. Von Giselas Schwester Thea – später verheiratete Nowak – kennen wir nicht das Geburtsdatum. Ob es noch weitere Geschwister gab, ist nicht dokumentiert. Jassy war zeitweise die Hauptstadt des Fürstentums Rumänien, ab 1862 war dies dann Bukarest. Jassy hatte eine große jüdische Bevölkerung, eine der größten im Land, 1900 waren 51 % der Bewohner Juden.

1910 starben beide Eltern Giselas. Unklar bleibt, ob sie und Emil bereits dann nach Berlin gingen. Emil war vermutlich im Ersten Weltkrieg Soldat, nach dem Krieg lebte er in Berlin bei der Witwe Selinde Klapper, sicherlich eine Verwandte. 1919 heiratete er Grete Wagner und zog in die Jagowstraße 7. Wo Gisela bis zu ihrer Heirat wohnte, ist nicht dokumentiert. Auch das genaue Datum der Hochzeit mit Joseph Friedmann war nicht feststellbar. Jedenfalls waren sie im April 1921 ein Ehepaar, als sie sich beide als Eigentümer des Hauses Niebuhrstraße 64 zu gleichen Teilen ins Grundbuch eintragen ließen. Als Adresse des Eigentümers ist die Nassauischen Straße 25 angegeben. Sie wohnten dort wohl vorübergehend als Untermieter.

Joseph Friedmann wurde am 31. Januar 1864 geboren in Tarnopol, damals Teil des österreichischen Galiziens, heute Ternopil in der Westukraine. Er war Ingenieur und ist im Berliner Adressbuch erst ab 1926 registriert. Unmittelbar davor lebte er in Calau und war Prokurist der Calauer Mühlen- und Futtermittelwerke A.G. In Berlin bezog das Paar Friedmann dann eine Wohnung in ihrem Haus in der Niebuhrstraße, zunächst im Gartenhaus, 5. Stock, später eine 4-Zimmer-Wohnung im 1. Stock des Vorderhauses.

Welcher Tätigkeit Joseph Friedmann in Berlin nachging, ist nicht bekannt. Offenbar lebten er und seine Frau in Wohlstand, nicht zuletzt durch die Mieteinnahmen des Hauses. Das Paar blieb kinderlos. Im Juli 1938 verfasste Gisela ein Testament, das so begann: „Da mich das unsägliche Unglück betroffen hat meinen über alles geliebten Mann, für den mein ganzes Vermögen bestimmt war, zu verlieren …“. Joseph Friedmann war am 3. August 1936 in seiner Wohnung gestorben, wie der Beerdigungskommissar der Jüdischen Gemeinde Georg Redlich dem Standesamt meldete. Im März 1938 war auch Giselas Bruder Emil Klapper gestorben und Gisela ernannte nun dessen Kinder Renate und Max zu ihren Universalerben. Im Testament war auch Giselas Schwester Thea Nowak bedacht.

Zum Erbfall konnte es zunächst nicht kommen. Da Gisela einen polnischen Pass hatte, wurde sie Opfer der NS-„Verordnung über das Vermögen von Angehörigen des ehemals polnischen Staates“ vom 17. September 1940, welche die Beschlagnahme jüdischer Vermögenswerte durch die Haupttreuhandstelle Ost (HTO) vorsah. Am 10. Februar 1941 wurde Giselas gesamtes Bankvermögen beschlagnahmt und „zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen“, ein Tag zuvor war das Grundstück Niebuhrstraße 64 beschlagnahmt worden, sodass Gisela weder über die Mieteinnahmen verfügen noch das Haus verkaufen konnte. Schließlich wurden am 27. November 1941 ihr gesamter Hausrat und Schmuck ebenfalls „zugunsten des Reiches“ entzogen.

So völlig ausgeraubt, erhielt sie im März 1942 auch noch den Deportationsbefehl. Am 13. März unterschrieb sie die drakonisch formulierte Erklärung, demnach ihr eröffnet worden sei, dass ihr gesamtes Vermögen beschlagnahmt sei und sie sich jeglicher Verfügung darüber zu enthalten habe. „Zuwiderhandlungen werden mit schärfsten staatspolizeilichen Maßnahmen geahndet.“ Bei einem Verstoß gegen diese Anordnung habe sie „auf keine Nachsicht“ zu rechnen. Zudem habe sie die ihr ausgehändigte Vermögenserklärung genauestens auszufüllen.

Die Vermögenserklärung -16 Seiten, in denen bis zum letzten Unterwäschestück alles angegeben werden sollte – füllte sie akribisch aus, hinter jedem einzelnen Posten schrieb sie „von der Haupttreuhand Ost beschlagnahmt und entzogen“. Außerdem schrieb sie nochmal alles für sich ab, offenbar um eine Nachweis zu haben, was alles nicht mehr ihr Vermögen war. Die offizielle Erklärung unterschrieb sie und lieferte sie am 18. März ab. Dann wurde sie wohl angewiesen, sich in das Sammellager in der Levetzowstraße 7/8, eine von der Gestapo missbrauchte Synagoge, zu begeben. Dort wurde ihr per Verfügung (nochmal!) mitgeteilt, dass ihr Vermögen zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen sei. Dies soll eine Zustellungsurkunde bezeugen, von Ober-Gerichtsvollzieher Vogel unterschrieben, wonach er die Verfügung an Gisela Friedmann selbst im Hause Levetzowstraße 7 bis 8 am 27. März 1942 übergeben habe.

Die Richtigkeit dieser Urkunde darf bezweifelt werden. Entweder konnte sie nicht an Gisela Friedmann selbst ausgehändigt worden sein oder das Datum stimmt nicht. Es ist auch sehr unwahrscheinlich, dass Gisela schon im Sammellager gewesen und dann nochmal in ihre Wohnung gegangen sei. Denn dort, in der Niebuhrstraße 64, wurde sie laut Sterbeurkunde an ebendem 27. März 1942 um 18:00 Uhr tot aufgefunden. Gisela Friedmann hatte beschlossen, sich der unmittelbar bevorstehenden Deportation durch Freitod zu entziehen.

Das Grundstück Niebuhrstraße 64 wurde im Namen der Haupttreuhand Ost wenige Monate darauf am 13. Juni 1942 an Sophie Gritzbach für den Einheitswert von 150.000 RM verkauft. Sie war die geschiedene Frau von Erich Gritzbach, ein hoher Beamter im Stabsamt des Reichsmarschalls, der sich bei der Scheidung im Unterhaltsvertrag verpflichtet hatte, seiner ehemaligen Ehefrau über die Treuhand Ost das Grundstück zu verschaffen und den Kaufpreis zu zahlen. Der Erlös wurde ebenfalls zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen.

Giselas Schwägerin Grete Klapper geb. Wagner, die Frau von Emil Klapper, wurde am 1. März nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ihren Sohn Max Klapper verschleppte man einen Tag später ebenfalls nach Auschwitz, wo er am 20. Mai ums Leben kam. Die Tochter Renate, Giselas Nichte, konnte rechtzeitig nach London flüchten. Auch Giselas Schwester Thea Nowak emigrierte nach London und lebte dort nach dem Krieg mit Renate zusammen.

Haus und Grundstück Niebuhrstraße 64 wurden 1955 der rechtmäßigen Erbin Renate Klapper zurückgegeben, es folgte aber noch jahrelanger Streit über die Entschädigung für entgangene Mieteinnahmen und die Rückzahlung des Verkaufserlöses.

Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006
  • Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995
  • Berliner Adressbücher
  • Adressbuch Calau 1925
  • Landesarchiv Berlin über Ancestry
  • Landesarchiv Berlin Wiedergutmachungsakten
  • Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion
  • Arolsen Archives
  • Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/)
  • Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Stolperstein Gertrud Bindefeld

HIER WOHNTE
GERTRUD BINDEFELD
GEB. MEYERHOF
JG. 1906
DEPORTIERT 18.4.1944
AUSCHWITZ
ERMORDET OKT. 1944

Mitte April 1906 zeigte der Fabrikant Benjamin Meyerhof beim Standesamt Berlin 12B die Geburt seiner Tochter Gertrud am 16. April 1906 an. Die Mutter war seine Frau Bertha, geb. Pollak. Das Paar war kurz zuvor in die Wullenweberstraße 4/5 gezogen. Davor hatten sie in der Breiten Straße 7 mit dem 1903 geborenen Sohn Fritz gewohnt. Weitere Geschwister hatte Gertrud nicht. Benjamin Meyerhof, genannt Benno, war Mitinhaber der Damenmäntelfabrik Bennigson & Kuttner. Wenige Jahre nach Gertruds Geburt war die Firma in Meyerhof & Sundheimer umbenannt. Nachdem Benno aus der Firma ausgeschieden war, gründete er 1924, nach der großen Inflation, ein eigenes Unternehmen, Meyerhof & Co, Damenwäsche, mit Sitz in der Neuen Friedrichstraße 48 und später in der Heiligegeiststraße 21. Prokurist wurde 1925 der Sohn Fritz.

Man kann annehmen, dass die Geschäfte gut gingen und Gertrud und Fritz in einer wohlhabenden Familie aufwuchsen. Gertrud ging in die Auguste-Viktoria-Schule in der Nürnberger Straße und danach in das Mädchengymnasium der Fürstin-Bismarck-Schule in der Sybelstraße. Nach der Untersekunda besuchte sie das Lettehaus und eine Handelsschule und arbeitete anschließend als Sekretärin für einen Pariser Korrespondenten einer deutschen Zeitung.

Trotz dieser kaufmännischen Ausbildung stand in ihrer Heiratsurkunde vom 2. Juni 1927 „ohne Beruf“. Der Bräutigam war der Kaufmann Georg Bindefeld, 1895 in Berlin geboren und somit elf Jahre älter als Gertrud. Das Paar nahm eine Wohnung in Steglitz, in der Kniephofstraße 6, 2. Stock. Die Ehe hielt jedoch nicht lange, bereits im Oktober 1930 wurden Gertrud und Georg geschieden. Nach der Scheidung lebte Gertrud zunächst bei den Eltern in der Wullenweberstraße. Sie machte einen Zuschneidekurs und begann mit der Handstrickerei. Um 1934 zog sie dann in die Niebuhrstraße 64, offenbar zur Untermiete, da sie im Adressbuch nicht verzeichnet ist. Sie machte sich als Heimstrickerin selbstständig und meldete 1936 ein eigenes Gewerbe an – allen mittlerweile zunehmenden amtlichen Schikanen gegen Juden zum Trotz. Anfang 1937 meldete sie ihr Gewerbe um als Zwischenmeisterin mit 6 Heimarbeiterinnen. Laut Gertruds Mutter ging das Geschäft so gut, dass Gertrud anbot, den Haushalt der Eltern auch zu finanzieren, wenn Benno nicht mehr arbeiten könne. Jedoch nach den Novemberpogromen 1938 wurde sie gezwungen, zu Jahresende den Betrieb einzustellen und abzumelden. Auch Benno musste die Löschung seiner Firma im März 1939 beantragen, obwohl laut Industrie- und Handelskammer das Unternehmen im Juni 1938 noch „vollkaufmännisch“ war.

Über Gertruds weiteren Werdegang muss erstmal spekuliert werden. Ab spätestens 1935 wohnte in der Niebuhrstraße 64 auch der Ingenieur Hans Liebhardt. Er war zumindest zuletzt der Vermieter von Gertrud Bindefeld, wahrscheinlich auch schon ab 1934 oder 35. Als Beruf gab Hans Liebhardt „Strickwarenfabrikant“ an. Es liegt also nahe anzunehmen, dass Gertrud nach Abmeldung ihres Gewerbes weiter für oder mit Liebhardt gearbeitet hat. Seit wann sie sich kannten und welcher Art ihre Beziehung war, wissen wir nicht. Benno unterstützte seine Tochter mit 80.- RM monatlich, was er sich allerdings von einem Gericht genehmigen lassen musste, da Juden nicht mehr ohne weiteres über ihr Vermögen verfügen konnten.

Ab Oktober 1938 trat im Deutschen Reich die allgemeine Kennkartenpflicht in Kraft. Karten von Juden hatten ein großes rotes „J“ aufgedruckt. Gertrud versäumte es offenbar, eine solche Karte zu beantragen. Obwohl ihr Verbleib in der Niebuhrstraße 64 mehrheitlich aktenkundig war, so etwa bei der Volkszählung im Mai 1939, schien das bis 1944 nicht aufgefallen zu sein. In diesem Jahr wurden Gertrud Bindefeld und Hans Liebhardt am 5. April in der Niebuhrstraße verhaftet. Hans Liebhardt, der selbst laut Nazi-Einstufung ein „Mischling 1. Grades“ war (er hatte eine jüdische Mutter) wurde vorgeworfen, eine Jüdin versteckt zu haben, in der NS-Amtssprache „Judenbegünstigung“. Er kam zunächst ins Polizeigefängnis am Alexanderplatz und vier Monate später in das KZ Buchenwald.

Gertrud wurde in das Sammellager Schulstraße 28 eingewiesen, das war die ehemalige Pathologie des Jüdischen Krankenhauses. Dort musste sie die 16-seitige „Vermögenserklärung“ ausfüllen, aufgrund derer ihr per Zustellungsurkunde am 13. April mitgeteilt wurde, ihr gesamtes Vermögen sei „dem Reich verfallen“. Allerdings hatte sie außer den persönlichen Daten keinerlei Angaben gemacht, ein Vermögen gab es wohl nicht mehr. Dem Gerichtsvollzieher, der wenigstens den Hausrat schätzen wollte, wurde beschieden, das gesamte Inventar sei Eigentum von Liebhardt, Gertruds Garderobe sei bei der Verhaftung gleich mitgenommen worden.

Gertrud hatte bereits erleben müssen, wie ihr Bruder Fritz und dessen Ehefrau Gerda, geb. Beer am 24. Oktober 1941 in das Ghetto Litzmannstadt (Łódź) deportiert wurden. Vermutlich hat sie nicht erfahren, dass beide am 14. Mai 1942 in das Vernichtungslager Kulmhof weiterdeportiert und dort ermordet wurden. Neun Monate nach Fritz‘ Deportation, am 27. Juli 1942 kam der nächste Schicksalsschlag: Gertruds Eltern, Benno und Bertha Meyerhof, wurden nach Theresienstadt verschleppt. Sicher hatte Gertrud auch sonst von der Deportation von Bekannten oder Freunden erfahren. Nun, am 18. April 1944, wurde sie selbst in einem kleinen „Transport“ von 31 Menschen nach Auschwitz verbracht. Nur wenige von ihnen, meist Männer, wurden zur Zwangsarbeit bestimmt und nicht gleich ermordet. Offenbar auch die erst 38 Jahre alte Gertrud Bindefeld. Dies war jedoch nur ein Aufschub, Ende Oktober des Jahres kam auch sie ums Leben.

Sicherlich hat Gertrud nicht Kenntnis davon erhalten, dass ihr Vater Benno Meyerhof am 10. Mai 1944 infolge der unbeschreiblich schlechten Lebensbedingungen in Theresienstadt gestorben war. Bertha Meyerhof, Gertruds Mutter, hielt indes noch ein Jahr bis zu der Befreiung durch die Rote Armee am 9. Mai 1945 durch. Erst im August 1945 konnte sie zurück nach Berlin. Sie lebte dort im jüdischen Altersheim Iranische Straße und verstarb am 27. Mai 1962.

Hans Liebhardt überlebte Buchenwald und emigrierte nach der Befreiung nach England. Georg Bindefeld war bereits in den 30er Jahren nach England ausgewandert und heiratete dort 1938 erneut. Nach Kriegsbeginn wurde er ein Jahr interniert. 1964 starb er in Surrey.

Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006
  • Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995
  • Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin über Ancestry
  • Landesarchiv Berlin Wiedergutmachungsakten und Handelsregisterakten
  • Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion
  • Arolsen Archives
  • Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/)
  • https://www.geni.com/people
  • Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Stolperstein Martha Herrmann

HIER WOHNTE
MARTHA HERRMANN
GEB. JACOBY
JG. 1876
DEPORTIERT 2.4.1942
GHETTO WARSCHAU
ERMORDET

Das Geburtsdatum von Martha Jacoby wird allgemein mit 30. Januar 1876 angegeben, nur in ihrer Heiratsurkunde wird das Jahr 1866 genannt – vermutlich ein Schreibfehler des damaligen Standesbeamten. Sie kam in Prenzlau zur Welt, der Spediteur Abraham Jacoby und seine Frau Friederike, geb. Pincus waren die Eltern. Sie hatten vier weitere Kinder, Leopold (*1868), Eva Emma (*1870), Julius (*1872) und Benno René (*1880), alle in Prenzlau geboren. Die Familie lebte in der Wilhelmstraße 239, das Haus hatte Friederikes Vater Moses Pincus gehört, 1873 übertrug er es seinem Schwiegersohn Abraham. Von den Kindern blieb nur Julius in Prenzlau und übernahm 1914 das Geschäft des Vaters. Friederike, die Mutter, war 1913 gestorben. Leopold ging nach Hamburg, Eva heiratete nach Templin, Benno ging nach Berlin.

Als Martha am 10. April 1899 Hugo Herrmann heiratete, wohnte auch sie noch im elterlichen Haus in Prenzlau. Hugo Herrmann war 1862 in Hammer/Oststernberg geboren worden und führte mittlerweile eine „Colonialwaren-, Wein- und Liqueurhandlung“ in der Friesenstraße 8 in Berlin Kreuzberg. Das frischverheiratete Paar nahm eine Wohnung in der nahe gelegenen Gneisenaustraße 22, II. Stock. Hier brachte Martha ihre beiden Töchter zur Welt, Dorothea Pauline (genannt Thea) am 13. April 1900 und Erna Anna am 15. November 1902. Ein Jahr darauf konnte Hugo das Wohnhaus Naunynstraße 45 kaufen und die Familie zog dorthin. Hugo übernahm auch das „Butter und Käse engros“-Geschäft von Gustav Leue im gleichen Haus. Das Geschäft in der Friesenstraße gab er auf.

In der Naunynstraße lebte die Familie nachweislich bis 1910. Danach gehörte das Haus wieder Gustav Leue. Da der Name Hugo Herrmann häufig ist, ist anhand des Adressbuchs nicht nachzuweisen, wo Hugo mit Martha und den Töchtern in den nächsten Jahren wohnte. Dokumentiert ist, dass die Ehe am 8. Januar 1916 geschieden wurde. Schon in diesem Jahr führt das Adressbuch Martha in der Schönhauser Allee 28 auf, was den Schluss zulässt, sie habe sich schon mindestens ein Jahr zuvor von Hugo getrennt. In der Schönhauser Straße 88 nennt das Adressbuch 1914 einen Rentier Jacoby, 1915 eine Rentiere M. Jacoby. Denkbar ist, das es sich um Verwandte von Martha handelte und sie nach der Trennung mit ihren Töchtern zu ihnen gezogen ist und später die Wohnung übernommen hat. Offenbar war die 40-Jährige berufstätig, denn sie ließ sich als „Filialleiterin“ eintragen, 1917 dann als „Kauffrau“. Ab 1918 wird sie als Kaufmannswitwe oder schlicht Witwe bezeichnet, was eigentlich nicht die genaue Bezeichnung für eine geschiedene Frau ist. Es ist unwahrscheinlich, dass sie nochmal geheiratet hatte, denn sie führte weiterhin den Namen Herrmann. Vielleicht war Hugo kurz vor oder nach der Scheidung gestorben, vielleicht fand sie es einfach respektabler, als Witwe zu gelten.

Die Wohnung behielt Martha bis 1935. Zum Unterhalt trugen auch die Töchter Thea und Erna bei, beide zu Stenotypistinnen ausgebildet, die bis zur jeweiligen Heirat mit Martha zusammenwohnten. Thea heiratete am 8. März 1920 den aus Glogau stammenden Kaufmann Siegfried Tikotin, den sie am Silvesterabend 1919 im Hause eines Verwandten kennengelernt hatte. Sie zog mit ihm nach Dresden, wo Siegfried mit seinem Bruder Ernst das Familienunternehmen Pelz & Hannes, eine Textilfabrik, übernommen hatte. Das Paar wird zwei Kinder bekommen, Peter (*1920) und Stefanie (*1924). Laut späterer Aussage der Kinder, waren beide Eltern „Kommunisten oder Marxisten“.

Auch Marthas zweite Tochter, Erna, bewegte sich offenbar in linken Kreisen. Am 19. Dezember 1929 heiratete sie den drei Jahre jüngeren Bildhauer und Bauhaus-Architekten Ludwig Grusemann, der 1931 in die Kommunistische Partei eintrat. Ein Jahr später ging er in die Sowjetunion, wahrscheinlich, aber nicht dokumentiert, ging Erna mit ihm.

Martha besuchte öfters Thea und die Enkel in Dresden. 1935 zog sie dann von der Schönhauser Allee in eine – vermutlich kleinere – Wohnung in der Niebuhrstraße 64. Im Adressbuch wird sie jetzt als Rentnerin bezeichnet. In der Niebuhrstraße wurde sie auch in der sog. Ersatzkartei der Volkszählung vom 17. Mai 1939, in der Juden separat erfasst wurden, registriert. Im selben Haus, vielleicht auch in derselben Wohnung, war Heinrich Jacoby gemeldet, 1905 in Prenzlau geboren und von einer Quelle als Verwandter von Martha bezeichnet – vielleicht ein Neffe Marthas. Knapp ein Monat nach der Volkszählung emigrierte dieser Heinrich Jacoby nach Shanghai. Vielleicht hatte Martha vor, mit ihm zusammen auszuwandern, denn eine Quelle gibt auch für sie an „emigriert am 11.6.1939 nach Shanghai“. Dies dürfte aber eine Falschinformation sein, da es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass die 63-jährige Martha von Shanghai wieder nach Berlin zurückgekommen wäre. Denn von hier wurde sie fast drei Jahre später, am 2. April 1942, in das Warschauer Ghetto deportiert. Auf der Deportationsliste steht als letzte Adresse Niebuhrstraße 66. Möglich, dass Martha, wie so viele Juden, noch nach 1940 ihre Wohnung räumen und beengt in ein Zimmer als Untermieterin zu anderen Juden umziehen musste. Es sei denn, dass auch hier ein Schreibfehler des entsprechenden Beamten vorliegt.

Die über 1000 Menschen aus dem Zug vom 2. April wurden nach Ankunft in Warschau zunächst in der sog. „Quarantäne Gerichtsstraße 109“ untergebracht, ein Gebäude, in dem ursprünglich an dem grassierenden Flecktyphus Erkrankte isoliert werden sollten. Es bleibt unklar, wann diese Menschen in das Ghetto entlassen wurden. Wir wissen nicht, ob Martha Herrmann an Flecktyphus umkam oder an den elenden Lebensbedingungen im völlig überfüllten Ghetto zugrunde ging oder ob sie später, wie viele andere, in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort ermordet wurde. Gesichert ist nur, dass sie die Shoa nicht überlebte.

Marthas Tochter Thea und ihr Mann versuchten schon 1933 auszuwandern, sie waren in der Schweiz, in Frankreich, in Holland. Es gelang ihnen aber nicht eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen und sie kehrten nach Dresden zurück. Die Fabrik wurde „arisiert“ und nach den Novemberpogromen wurde Siegfried zwei Wochen in Buchenwald interniert und misshandelt. Die Kinder wurden auf auswärtige Internate geschickt, Peter nach England, Steffi nach Holland. Anfang 1939 können dann auch Thea und Siegfried nach Holland ausreisen. Nach einigen Jahren werden sie aber auch dort von den Nazis eingeholt. Sie werden im Lager Westerbork interniert und am 4. September 1944 nach Theresienstadt deportiert. Von dort verschleppt man sie getrennt am 29. September und am 1. Oktober weiter nach Auschwitz. Siegfried wird dort auf Ankunft ermordet, Thea soll bei der Räumung von Auschwitz auf dem Weg irgendwo in „Mitteleuropa“ am 28. Februar 1945 zu Tode gekommen sein. Marthas Enkel überlebten, Peter in England, von wo er als „feindlicher Ausländer“ nach Australien verschickt wurde. Steffi konnte in Holland bis Kriegsende bei verschiedenen Familien untertauchen.

Tragisch und nicht völlig geklärt ist auch das Schicksal von Marthas Tochter Erna. Ihr Mann Ludwig Grusemann wurde in der UdSSR 1937 vom NKWD verhaftet, danach verliert sich seine Spur vollkommen. Von Ernas Sohn Rolf hieß es nach dem Krieg, er sei in Russland verschollen, also ist anzunehmen, dass auch sie zunächst dort geblieben war. Schließlich soll sie vor 1939 nach Palästina eingewandert sein. Sie galt nach dem Krieg als verstorben.

Von Marthas Geschwistern überlebte Benno René. Ludwig war bereits 1918 in Hamburg gestorben, Eva, die mit ihrem Mann Berthold Kohn von Templin nach Eberswalde gezogen war, starb dort 1932. Julius war Mitte der 30er-Jahre – vielleicht nach „Arisierung“ des väterlichen Betriebes – nach Berlin gezogen, wo er 1936 starb. Möglicherweise war er der Vater von jenem Heinrich Jacoby, der bei Martha in der Niebuhrstraße gewohnt hatte. Dieser konnte von Shanghai aus in die USA einreisen, wo er 1953 eingebürgert wurde.

Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:

Stolperstein Rosa Kirschner

HIER WOHNTE
ROSA KIRSCHNER
GEB. SCHÖNBERGER
JG. 1877
DEPORTIERT 24.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 7.3.1944

Rosa Kirschner, geboren am 17. Juli 1877 als Rosa Schönberger, war eine Tochter des Kantors Zemach Schönberger und seiner Frau Bertha, geb. Friedland. Bertha war Litauerin, Zemach stammte aus Lettland. Als sie im Januar 1874 ihren ältesten Sohn Theodor bekamen, lebten sie noch in Kosten (heute Kościan, Polen), südwestlich der Stadt Posen, wo Zemach 1872 seine erste Anstellung bekommen hatte. Zwei Jahre später, 1874, wurde er nach Czarnikau (heute Czarnków) nordwestlich von Posen berufen. Noch im Dezember des gleichen Jahres wurde dort der zweite Sohn, Julius, geboren. Hier kam auch Rosa zur Welt und ihre Schwestern Johanna (*1878) und Lena (*1880) ebenfalls. Ein Jahr darauf ging Zemach als Oberkantor nach Potsdam, wo im Januar 1882 sein jüngstes Kind Ida geboren wurde.

Zemach Schönberger erweiterte in Potsdam seine Ausbildung in Gesang und Theorie und war in der dortigen Gemeinde hoch angesehen. Er gründete und leitete auch den „Allgemeinen Deutschen Kantorenverband“ und die „Hilfskasse für israelitische Kultusbeamte, deren Witwen und Waisen in Deutschland“. Rosas Geschwister erhielten eine höhere Ausbildung. Theodor studierte Musik, wurde Klavierlehrer und Organist und unterrichtete später am Stern‘schen Konservatorium in Berlin. Johanna studierte am Konservatorium Potsdam und gab später Klavierstunden. Julius wurde Zahnarzt und Ida eine sozial engagierte Frauen- und Kinderärztin. Nur von Lena und Rosa kennen wir nicht den späteren Werdegang, es ist aber sehr wahrscheinlich, dass auch Rosa wie Ida die höhere Mädchenschule in Potsdam besuchte, vielleicht bekam sie auch eine musikalische Ausbildung.

Rosa Kirschner

Rosa Kirschner

Bei dem familiären Hintergrund verwundert es nicht, dass Rosa den Berliner Kantor und Gesangslehrer Adolf Abraham Kirschner kennen lernte. Sie heiratete ihn im Juni 1905 und zog zu ihm nach Berlin. Am 11. Januar 1918 brachte sie ihr erstes und einziges Kind zur Welt, die Tochter Ruth.

Rosa, Adolf und Ruth wohnten in der Schillstraße 3 und ab 1929 am Lützowplatz 8. Als Adolf – jetzt wieder Abraham – 1935 in Pension ging, zogen sie in eine 3 ½ -Zimmer Wohnung in der Niebuhrstraße 64. Ruth, die seit einem Jahr bei der Jüdischen Gemeinde arbeitete, entschloss sich in Anbetracht der mittlerweile seit 1933 zunehmenden Einschränkungen für Juden zur Auswanderung nach Palästina, finanziert durch jüdische Organisationen. Die dafür nötige landwirtschaftliche Ausbildung, Hachschara, sollte sie auf einem Gut nahe Stettin absolvieren. Sie musste sie jedoch nach einem Monat infolge der Pogrome im November 1938 abbrechen. Im März des darauffolgenden Jahres konnte sie die Ausbildung wieder auf einem Gut in Dänemark aufnehmen und im Dezember dann – über Stockholm, Riga, Moskau, Odessa und Istanbul – nach Haifa fahren. Sie kam zunächst in eine Mädchenfarm bei Tel Aviv, heiratete dann 1942 Ernst Pless. Sie bekamen zwei Kinder und lebten im Kibbuz Shave Zion.

Rosa und Abraham hatten wohl nicht die Mittel, um auch auszuwandern. Sie mussten weiterhin all die Schikanen und Diskriminierungen ertragen, die die Nationalsozialisten Juden auferlegten. Nach den Novemberpogromen 1938 stieg die Anzahl antijüdischer Verordnungen rasant, Juden wurden förmlich aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt, gedemütigt und finanziell ruiniert. Abrahams Pension wurde 1941 um die Hälfte auf 175 RM im Monat reduziert. Spätestens mit Kriegsbeginn änderten die Nazis ihre Politik, Juden zur Auswanderung zu drängen, und gingen dazu über, sie selbst „abzuschieben“, ein Euphemismus für die Deportation mit anschließender Vernichtung. Rosa und Abraham ereilte dieses Schicksal im September 1942. Sie konnten noch einen letzten Rotkreuzbrief an Ruth schicken, in dem sie ihre „baldige Abreise“ ankündigten. Am 24. September wurden sie vom Gleis 1 am Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt deportiert. Mit 98 weiteren Opfern mussten sie frühmorgens einen von zwei Waggons 3. Klasse besteigen, die später verplombt an den fahrplanmäßigen Zug nach Prag um 6:07 Uhr angehängt wurden.

Theresienstadt war mitnichten das Vorzeige – „Altersghetto“, von dem die Nazipropaganda sprach. Heruntergekommene und brutal überbelegte Wohnräume, unzureichende Nahrung, katastrophale hygienische Bedingungen, Kälte, Krankheiten und Seuchen brachten den allermeisten Insassen den systematisch herbeigeführten Tod. Rosa und Abraham hielten anderthalb Jahre diese erbärmlichen Lebensumstände aus, am 8. März 1944 erlag ihnen aber auch Abraham Kirschner, Rosa überlebte ihn nur drei Wochen, am 29. März starb sie ebenfalls.

Rosas Bruder Theodor Schönberger wurde 1935 aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Er konnte nach Australien flüchten, wo er allerdings schon am 10. Februar 1945 starb. Ida emigrierte 1935 nach Palästina und war dort weiter als Ärztin tätig. Sie starb 1978 in Nahariya. Julius, Johanna und Lena tauchen in keinem Gedenkbuch auf, sodass man hoffen kann, dass sie den Nazischergen entkommen konnten.

Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006
  • Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995
  • Berliner Adressbücher
  • Landesarchiv Berlin über Ancestry
  • Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin
  • Arolsen Archives
  • Mapping the Lives
  • https://www.geni.com/people
  • Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005
  • Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer
  • Einwohnermeldekartei Posen
  • zu Zemach Schönberger: Freimann Sammlung

Stolperstein Abraham Kirschner

HIER WOHNTE
ABRAHAM KIRSCHNER
JG. 1870
DEPORTIERT 24.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 17.4.1944

Abraham (Adolf) Kirschner kam in Beuthen (heute Bytom) am 31. Juli 1870 auf die Welt. Er war das jüngste von elf Kindern des Bäckermeisters Aron Kirschner und seiner Frau Bertha Kirschner geborene Böhm.

Das Paar war erst zwei Jahre vor Abrahams Geburt im preußisch-österreichischen Krieg mit ihrer Kinderschar von Karf (heute ein Stadtteil von Bytom) nach Beuthen umgezogen. Abrahams neun Brüder und eine Schwester waren: Herman Hirschel (*1854), Max (*1855), Emanuel (*1857), Selma (*1859), Jakob (*1860), Moses (*1861) der nur 1 ½ Jahre alt wurde, Markus (*1862), Daniel (*1864), Benjamin (*1865) und Wilhelm (*1867). Ein weiterer Bruder, Joseph, starb 1858 wenige Monate nach der Geburt, eine Schwester wurde 1867 tot geboren. Als Abraham neun Jahre alt war, starb seine Mutter in Beuthen. Der Vater Aron war, nachdem er sich zur Ruhe gesetzt hatte, nach Berlin gezogen, wo die meisten seiner Kinder lebten. Er starb dort 1911.

Abrahams Großvater, Moses Kirschner, war Begründer und 1. Vorsitzender des Talmud-Thora-Vereins zu Beuthen und auch sein Vater achtete auf die Einhaltung religiöser Bräuche. Beuthen hatte eine der ältesten jüdischen Gemeinden in Oberschlesien. Wie seine Geschwister wird Abraham in die jüdische Schule in Beuthen gegangen sein. Und wie sein 13 Jahre älterer Bruder Emanuel erhielt Abraham wohl auch an der Synagoge Musik- und Gesangunterricht. Emanuel wurde später ein bedeutender Kantor und Komponist und war 45 Jahre Oberkantor der Hauptsynagoge in München.

Abraham Kirschner

Abraham Kirschner

Auch Abraham wurde Kantor von Beruf. Ob er seine ganze Ausbildung in Beuthen erhielt, oder wie sein Bruder auch am Lehrerseminar der jüdischen Gemeinde in Berlin studierte, wissen wir nicht. Im Berliner Adressbuch finden wir ihn ab 1905 unter dem Namen Adolf Kirschner als „Kantor und Gesangslehrer“ in der Luckenwalder Straße 14. Das heißt nicht, dass er nicht schon zuvor in Berlin als Untermieter gewohnt haben könnte. Jedenfalls heiratete er im Juni 1905 die sieben Jahre jüngeren Rosa Schönberger, selbst Tochter des Oberkantors Zemach Schönberger zu Potsdam. Nach dem Krieg lebte das Paar in der Schillerstraße 3. Seit dem 11. Januar 1918 hatten sie eine Tochter, Ruth. Sie sollte ihr einziges Kind bleiben.

Abraham, oder Adolf Kirschner war 1920 einer von sieben und 1925 einer von sechs Kantoren der Jüdischen Gemeinde Berlin. Ab 1929 wohnte die kleine Familie am Lützowplatz 8. Sechs Jahre später ging Adolf in Pension und nahm eine Wohnung in der Niebuhrstraße 64. Das Adressbuch führt ihn fortan als Abraham Kirschner. Abrahams Nichte Margarethe und ihr Mann Martin Wolffsohn zogen zwei Jahren später auch in dieses Haus. Abraham war von der Jüdischen Gemeinde auf Lebenszeit eingestellt und bekam nun eine Pension von 350 RM/monatlich. Ab Juni 1941 wurde sie halbiert – wohl auf Anweisung der Gestapo.

Das Leben wurde mittlerweile Juden äußerst schwergemacht. Neben zahlreichen beruflichen Einschränkungen gab es, vor allem nach den Pogromen vom November 1938, sehr viele Verordnungen, die darauf abzielten, Juden auch im Alltagsleben aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Sie sollten möglichst dazu gedrängt werden, ob der unerträglichen Umstände Deutschland zu verlassen. Andererseits wurden sie durch zahlreiche Bestimmungen ihres Vermögens beraubt, was die Emigration wiederum unmöglich machte – es waren nicht nur Visagebühren und Fahrkarten zu bezahlen, sondern auch hohe Sondersteuern wie die Reichsfluchtsteuer und die sog. „Sühneabgabe“. Ohnehin durften Juden bei der Ausreise nur 10 RM Bargeld mitführen.

Abraham und Rosa hatten jedenfalls nicht die Mittel für eine Flucht. Für Ruth, die seit 1934 als Volontärin und zwei Jahre später fest angestellt bei der Jüdischen Gemeinde arbeitete, bot sich die Gelegenheit mit Finanzierung jüdischer Organisationen wie „Hechaluz“, der damalige Dachverband zionistischer Jugendorganisationen, und Wizo, die Frauenarbeitsgemeinschaft für Palästina, dorthin auszuwandern. Dafür musste sie zunächst auf Hachschara gehen, d.h. eine landwirtschaftliche Ausbildung als Vorbereitung absolvieren. Ruth wurde 1938 auf das Gut Freienstein bei Stettin geschickt, wo allerdings die Ausbildung infolge der Novemberpogrome nach einem Monat aufgelöst wurde. Erst im März 1939 konnte sie im dänischen Flemlöse die Ausbildung weiterführen und Ende des Jahres nach Palästina weiterwandern.

Da inzwischen Krieg war, konnte sie nur sehr eingeschränkt über das Rote Kreuz mit ihren Eltern korrespondieren. Der letzte Rotkreuzbrief, den sie von ihren Eltern erhielt, war vom 20. September 1942 und enthielt die Nachricht einer „baldigen Abreise“.

Wohl kurz davor waren Abraham und Rosa in der Sammelstelle für zur Deportation Bestimmte in der Großen Hamburger Straße 26 interniert worden, ein jüdisches Altersheim, das die Gestapo zu diesem Zweck missbrauchte. Am 24. September 1942 deportierte man sie mit weiteren 98 Menschen vom Anhalter Bahnhof aus nach Theresienstadt. Die Lebensumstände in diesem angeblichen „Altersghetto“ waren kaum anders als in Konzentrationslagern. Räumliche Enge, Hunger, Kälte und durch unsägliche hygienische Bedingungen verursachte Krankheiten und Seuchen rafften die ohnehin geschwächten Menschen dahin. Abraham und Rosa überlebten im Vergleich zu vielen anderen Insassen noch ziemlich lange, aber im März 1944 starben beide, Abraham am 8. und Rosa bald darauf am 29. des Monats.

Abrahams Bruder Wilhelm war ein Monat zuvor ebenfalls nach Theresienstadt deportiert worden. Es ist aber zweifelhaft, ob sich die Brüder noch begegnen konnten, Wilhelm wurde fünf Tage nach Abrahams Ankunft weiter in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt. Auch Abrahams Schwägerin Minna Kirschner geb. Cohn, Ehefrau des 1939 verstorbenen Daniel Kirschner war im August 1942 nach Theresienstadt verschleppt worden, kam aber bereits nach vier Monaten dort ums Leben (s.a. Stolperstein vor der Bismarckstraße 10). Alle anderen Brüder waren schon gestorben, Selma Kirschner verheiratete Thoman bereits 1922. Abrahams Nichte Margarethe Wolffsohn, Tochter seines Bruders Max, wurde im Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Ruth, die zunächst auf einer Mädchenfarm bei Tel Aviv gearbeitet hatte, heiratete 1942 Ernst Pless und lebte fortan mit ihm im Kibbuz Shave Zion. Sie bekamen zwei Kinder.

Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006
  • Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995
  • Berliner Adressbücher
  • Landesarchiv Berlin über Ancestry
  • Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin
  • Arolsen Archives
  • Mapping the Lives
  • https://www.geni.com/people; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005
  • Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer
  • zur Familie Kirschner: Gedenken an Emanuel Kirschner

Stolperstein Sara Goldstein

HIER WOHNTE
SARA GOLDSTEIN
GEB. SOMMERFELD
JG. 1886
DEPORTIERT 13.6.1942
ERMORDET IN
SOBIBOR

Am 26. Februar 1886 wurde Sara Sommerfeld in Krojanke, Westpreußen, geboren (heute Krajenka in Polen). Sie war eine Tochter des Viehhändlers Adolf Sommerfeld und seiner Frau Johanna, geb. Gotthilf. Sara hatte einen älteren Bruder, Abraham, fünf jüngere Brüder, Moses, Julius, Georg, Hermann und Martin, drei jüngere Schwestern, Nathalie, Martha und Gertrud und einen 1902 geborenen Halbbruder, Max. Saras Mutter war 1899 gestorben.

Sara wuchs in Krojanke auf. Sie machte eine Ausbildung, die sie befähigte, als Köchin zu arbeiten, wahrscheinlich an einer Haushaltsschule. Unklar bleibt, ob sie schon in Krojanke als selbstständige Köchin zur Ausrichtung von Hochzeiten u. ä. tätig war. In Krojanke heiratete sie am 11. April 1911 den sechs Jahre älteren Kaufmann aus Breslau Ismar Goldstein. Ismar war der Sohn des Tuchhändlers Julius Goldstein, seine Mutter hieß Pauline, geb. Ucko. Möglicherweise kam Ismar als Geschäftsreisender nach Krojanke und lernte dort Sara kennen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach ging das Paar bald nach der Heirat nach Berlin. Ismar ist kein häufiger Name und das Berliner Adressbuch kannte nur einen Kaufmann namens Ismar Goldstein. Er ist ab 1912 registriert, erst in der Greifswalder Straße, dann bis Anfang der 30er- Jahre in der Wallnertheaterstraße 2. Ob das Paar Kinder hatte, ist nicht bekannt. Laut einer eidesstattlichen Erklärung aus der Nachkriegszeit, hat Sara vor allem in Berlin ihre Tätigkeit zusammen mit ihrer 7 Jahre jüngeren Schwester Martha aufgenommen, sie haben „in verschiedenen Hotels Festlichkeiten ausgerichtet, wie z.B. Hochzeiten, Verlobungen und Vereinsfestlichkeiten. Sie waren bekannt als die besten Köchinnen für derartige Veranstaltungen.“

Mit Beginn der offiziellen Judendiskriminierung und der Boykottaufrufe 1933 dürften sowohl Saras wie Ismars Geschäfte schwieriger geworden sein. Ab 1934 ist Ismar Goldstein nicht mehr im Adressbuch vertreten. Wahrscheinlich ist das Paar schon bald zur Untermiete zu Saras Schwägerin Elisabeth in die Niebuhrstraße 64 gezogen, der Witwe von Saras Bruder Georg, der 1934 verstarb. In der Niebuhrstraße 64 war Ismar gemeldet, als er am 7. Mai 1938 im Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde starb. Ihm blieb die drastische Verschärfung der judenfeindlichen Maßnahmen nach den Pogromen vom November 1938 erspart. Nicht so Sara, die bei Elisabeth Sommerfeld wohnen blieb, wie aus der Ergänzungskartei über Juden im Rahmen der Volkszählung vom 17. Mai 1939 hervorgeht. Zum gleichen Zeitpunkt waren in der Niebuhrstraße 64 auch Kurt Goldstein (*1898) und seine Frau Henriette Amalie (*1910) gemeldet, wohl Verwandte von Ismar. Kurt war nach den Pogromen in Sachsenhausen interniert gewesen und mit der üblichen Auflage, Deutschland zu verlassen, entlassen worden. Er betrieb die Emigration nach Belgien. Er hatte Ende 1938 seine Wohnung in der Leibnitzstr 46 aufgelöst und zog für kurze Zeit in die Niebuhrstraße 64. Sommerfelds und Goldsteins lebten wohl beengt alle in der gleichen Wohnung, Juden hatten inzwischen keinen Mieterschutz mehr, sie wurden oftmals gezwungen ihre eigenen Wohnungen aufzugeben bzw. andere Juden in ihren Wohnungen aufzunehmen.

Sara und Elisabeth, sowie deren Tochter Ruth, blieben nach der Emigration von Kurt und Henriette in Berlin. Als erste von ihnen wurde Sara am 13. Juni 1942 mit über tausend Menschen aus Berlin und Potsdam nach „Osten“ deportiert. Die Fahrt ging nach Lublin im Osten Polens, wo einige Männer zur Zwangsarbeit in das Lager Majdanek geschickt wurden. Alle anderen, auch Sara Goldstein, wurden im unweit gelegenen Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Ein halbes Jahr später wurden Elisabeth und Ruth Sommerfeld nach Auschwitz deportiert. Von Saras Geschwistern überlebten Martin, Gertrud und Nathalie. Julius war 1918 im 1. Weltkrieg gefallen, Georg starb 1934. Abraham und seine Frau Lina, geb. Wald flohen in die Niederlande, wurden aber nach der deutschen Besetzung aufgegriffen und nach Sobibor deportiert und dort ermordet. Moses, seine Frau Frieda geb. Hurwitz und die Tochter Ursel wurden in Riga erschossen. Martha und ihr Mann David Mayer wurden schon 1941 nach Łódź deportiert, David starb dort 1942, Martha verschleppte man 1944 weiter nach Kulmhof, wo sie ermordet wurde. Max wurde eine Woche vor Moses nach Riga deportiert und ebenfalls ermordet. Hermann meldete sich am 11. Juli 1933 polizeilich „auf Reisen“ ab. Sein weiteres Schicksal konnte nicht geklärt werden.

Kurt und wahrscheinlich auch Henriette Goldstein wurden nach dem deutschen Einmarsch in Belgien aufgegriffen und im Transitlager Mechelen interniert. Kurt wurde im Januar 1943 nach Auschwitz deportiert, schaffte es aber zu entkommen, indem er vom Zug sprang – und überlebte. Er und Henriette lebten nach dem Krieg wieder in Brüssel und konnten 1949 durch Unterstützung des AJDC (American Jewish Joint Distribution Committee) in die USA einwandern.

Saras Neffe Heinz Sommerfeld, der sich in Palästina in Tzwi Shdema Zomerfeld umbenannte, hat bei Yad Vashem ein Gedenkblatt für sie hinterlegt.

Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006
  • Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995
  • Berliner Adressbücher
  • Landesarchiv Berlin über Ancestry
  • Landesarchiv Berlin Wiedergutmachungsakten und Handelsregisterakten
  • Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion
  • Arolsen Archives
  • Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/)
  • Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer
  • Transportlisten Mechelen https://beeldbank.kazernedossin.eu/portal
  • Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

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