HIER WOHNTE
ELISABETH
SOMMERFELD
GEB. KRISCH
JG.1897
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ
Elisabeth Krisch wurde am 15. Januar 1897 in Inowrazlaw geboren, damals preußische Provinz Posen, als Tochter des Fleischermeisters Samuel Krisch und seiner Frau Bertha, geb. Baer. Der Ort erfuhr im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einen großen Aufschwung durch Thermalbäder. 1904 wurde der Name in Hohensalza eingedeutscht. Nach dem 1. Weltkrieg kam die Stadt zu Polen und hieß wieder Inowrocław, nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 wurde sie wieder in Hohensalza umbenannt, seit 1945 heißt sie erneut Inowrocław. Die Stadt hatte schon im 16. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde, die mit der Zeit auf bis zu 40 Prozent der Bevölkerung anwuchs. Um 1900 waren von etwa 26 000 Einwohnern ca. 1 500 Juden. Die Familie Krisch scheint dort alteingesessen gewesen zu sein, der Name kommt häufig vor. Es ist allerdings nicht immer feststellbar, ob es sich um direkte Verwandte von Elisabeth handelt. Dokumentiert ist, dass sie einen älteren, 1885 geborenen Bruder namens
Hermann hatte und einen weiteren, Ernst, dessen Geburtsdatum wir nicht wissen und der vor 1927 starb. Möglicherweise gab es noch mehr Geschwister.
Unklar bleibt, wann und warum Elisabeth nach Berlin zog – die Eltern blieben in Hohensalza. Als sie am letzten Tag des Jahres 1919 den Viehhändler Gustav Georg Sommerfeld heiratete, wohnte sie in der Mommsenstraße 43, zur Untermiete bei dem dort gemeldeten Viehhändler Samuel Salomon. Er war auch einer der Trauzeugen. Der andere war Georgs Bruder Abraham, ebenfalls Viehhändler und Inhaber einer Großfleischerei. Die Kontakte im Viehhändlermilieu dürften über Elisabeths Vater erfolgt sein. Elisabeths Mutter war zum Zeitpunkt der Heirat schon in Hohensalza gestorben.
Gustav (genannt Georg) Sommerfeld war in Krojanke, seinerzeit Westpreußen, heute Krajenka, Polen, am 23. Mai 1891 auf die Welt gekommen. Sein Vater Adolf Sommerfeld war auch Viehhändler, die Mutter war Johanna geb. Gotthilf. Sie starb bereits 1899, als Georg 8 Jahre alt war. Die Sommerfelds waren eine kinderreiche Familie, Georg hatte 9 Geschwister und einen Halbbruder.
Auch von Georg wissen wir nicht, wann er nach Berlin ging. Seine Brüder Abraham und Hermann waren wohl schon in der Hauptstadt, als Georg und Elisabeth am 31. Dezember 1919 in Charlottenburg heirateten. Am 30. Oktober 1920 brachte Elisabeth ihren Sohn Heinz zur Welt, die Tochter Ruth folgte sechs Jahre später fast auf den Tag genau am 31. Oktober 1926. Die Familie wohnte in der Gervinusstraße 18. Etwa 1933 zog Georg mit Frau und Kindern in die Greifswalder Straße 89a.
Georg betrieb ein Fleisch- und Wurstwarengeschäft in der Hohenstaufenstraße 55, das offenbar gut lief. Sein Sohn Heinz gab später an, die Familie sei recht wohlhabend gewesen. Nach dem Boykott 1933 habe er die Fleischerei in der Greifswalder Straße 89a verlegt und weiterbetrieben.
Aber am 31. Mai 1934, eine Woche nach seinem 43. Geburtstag, starb Georg Sommerfeld in seiner Wohnung in der Greifswalder Straße. Er wurde am 3. Juni auf dem Friedhof Weissensee beigesetzt. Laut seinem Sohn hinterließ er ein „ansehnliches Vermögen“, u. a. den Besitz von zwei Mietshäusern, eines in der Großen Frankfurter Allee, eines in der Bleibtreustraße. Etwa zwei Jahre nach Georgs Tod bezog seine Witwe mit ihren zwei Kindern eine Wohnung in der Niebuhrstraße 64, erster Stock. Ihren Lebensunterhalt – so Sohn Heinz – verdiente sie durch die Mieteinnahmen, die Verwaltung der beiden Mietshäusern besorgte sie selbst.
Inzwischen wurden die NS-Diskriminierungsmaßnahmen gegen Juden zunehmend wirksam. Nach Heinz‘ Erinnerung konnten Elisabeth und ihre Kinder dennoch zunächst ein auskömmliches Leben führen. Dies habe sich 1938/39 geändert, da habe Elisabeth nicht mehr ihre Tätigkeit als Hausverwalterin ausüben können. Anzunehmen ist, dass sie nach den Pogromen vom November 1938, wie auch andere jüdische Hauseigentümer genötigt wurde, den Grundstückbesitz an Nichtjuden zu verkaufen, in der Regel weit unter dem tatsächlichen Wert. Um den Lebensunterhalt zu bestreiten, sei sie gezwungen gewesen, auch ihre Wohnungseinrichtung weitgehend zu verkaufen, nach Heinz‘ Schätzung zu 10 % ihres Wertes.
Elisabeth Sommerfeld war allen Ausgrenzungsbestimmungen für Juden, die v.a. nach den Pogromen in großer Zahl erlassen wurden, ausgesetzt. Juden durften an keinen öffentlichen oder kulturellen Veranstaltungen mehr teilnehmen, zahlreiche Bannstraßen und -bezirke nicht mehr betreten, beruflich kaum noch tätig sein, mussten Wertsachen, elektrische Geräte, Fahrräder u.ä. abgeben, und viele Einschränkungen mehr. Ihren Kindern wurde der Besuch öffentlicher Schulen versagt. Heinz musste das Werner-Siemens-Gymnasium verlassen, Ruth besuchte jüdische Privatschulen. Auch Heinz ging noch ein Jahr auf die Schule der Jüdischen Gemeinde in der Klopstockstraße, bevor er eine kaufmännische Lehre bei der Firma Silberstein & Schybilski, Herrenkonfektion, antrat. Nach Beendigung der Lehre 1938 konnte er noch einige Monate dort als Angestellter arbeiten, dann wurde die Firma „arisiert“ und er entlassen.
Es wurde beschlossen, Heinz – inzwischen 19 Jahre alt – auf ein Hachschara-Lager zu schicken, zur Vorbereitung auf die Einwanderung in Palästina. Dort erwarben die Jugendlichen Fertigkeiten in Land- und Gartenwirtschaft und in handwerklichen Berufen, lernten Hebräisch und führten ein Kibbuz-ähnliches Leben. Heinz wurde als Landwirtschaftlicher Praktikant 1939 im Gut Skaby nahe Berlin angemeldet. Von dort wurde er im August 1940 mit über 300 weiteren Jugendlichen – unter ihnen Heinz‘ Vetter Gert Sommerfeld, Sohn von Georgs Bruder Moses Sommerfeld – auf die abenteuerliche Überfahrt nach Palästina geschickt. Die Fahrt ging über Wien nach Bratislava, von dort mit einem Dampfer nach Tulcea in Rumänien, wo die Flüchtlinge auf drei Schiffe verteilt wurden mit dem Ziel Palästina. Heinz war auf der SS Pacific. Da die Emigration aber aus Sicht der britischen Mandatsbehörden illegal war, wurden die Schiffe von der Marine aufgebracht und nach Haifa geleitet. Dort wurden die Passagiere auf
die SS Patria umgeschifft, die sie auf die Insel Mauritius deportieren sollte. Doch am 25. November 1940 versuchten Mitglieder der Untergrundorganisation Haganah das zu verhindern, indem sie eine Bombe im Maschinenraum des Schiffes explodieren ließen. Sie hatten jedoch deren Sprengkraft falsch eingeschätzt, das Schiff sank innerhalb weniger Minuten, über 200 Menschen von fast 2000 ertranken. Die Überlebenden, unter ihnen Heinz, wurden an Land gebracht und im Lager Atlith festgehalten. Erst nach etlichen Monaten kamen sie frei und konnten in Palästina bleiben.
Kontakt mit seiner Mutter konnte Heinz nur noch über Rot-Kreuz-Briefe halten. Auf ihnen konnte man mit höchstens 25 Wörtern kurze Nachrichten schicken, die Briefe kamen oft Monate später an.
Man kann davon ausgehen, dass Elisabeth, noch keine 45 Jahre alt, zur Zwangsarbeit herangezogen wurde, vielleicht auch schon Ruth, die 1941 von der Schule abgemeldet wurde. Elisabeth musste erleben, wie ihr Bruder Hermann mit Frau und zwei Söhnen im Oktober 1941 nach Łódź verschleppt wurde und dass im Juni 1942 ihre Schwägerin, Sara Goldstein geb. Sommerfeld – die bei ihr wohnte – „nach dem Osten“ deportiert wurde. Anfang 1943 erhielten Elisabeth und Ruth dann selbst den Deportationsbefehl, Mutter und Tochter hatten sich in der Sammelstelle in der Großen Hamburger Straße 26 einzufinden, ein von der Gestapo missbrauchtes jüdisches Altersheim. Elisabeth war sich wohl im Klaren, was die Deportation bedeutete. Ihr letzter Rot-Kreuz-Brief an Heinz gibt erschütterndes Zeugnis davon: „Geliebter Junge, letzte Nachricht, vom Schicksal ereilt. Mein letzter Atemzug ein Segenswunsch für dich. Der Herr behüte u. beschütze dich. Gruß, Kuss Mutti Ruth“.
Am 12. Januar 1943 wurden Elisabeth und Ruth Sommerfeld mit fast 2000 weiteren Menschen nach Auschwitz deportiert. Dort angekommen, wurden 127 Männer zur weiteren Zwangsarbeit ins Lager eingewiesen, alle anderen wurden in den Gaskammern von Birkenau ermordet, auch Elisabeth und Ruth Sommerfeld.
Elisabeths Bruder Hermann und seine Frau Mechli, geb. Unterberg wurden vom Ghetto Łódź 1942 ins Vernichtungslager Kulmhof weiter verschleppt und dort ermordet. Ihre Söhne Berthold und Werner hatten sich zu einem Arbeitsdienst gemeldet und hofften so, dem Ghetto zu entkommen. Berthold wurde im Lager Paulseck 1943 ermordet. Werner wurde vom Arbeitslager Rawitsch nach Birkenau, Sachsenhausen und Buchenwald weiter deportiert. In der letzten Station wurde er 1945 befreit. Er lebte später als Fotograf in der DDR und starb im Dezember 2011 in Treptow-Köpenick. Für alle vier liegen Stolpersteine vor dem Haus Bötzowstraße 60.
Recherchen/Text: Micaela Haas, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf
Quellen:
- Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006
- Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995
- Berliner Adressbücher
- Adressbuch Inowratzlaw 1903
- Landesarchiv Berlin über Ancestry
- Landesarchiv Berlin Wiedergutmachungsakten und Handelsregisterakten
- Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin
- Arolsen Archives
- Mapping the Lives (https://www.mappingthelives.org/)
- Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005
- Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer
- Todesanzeige: MyHeritage