Stolpersteine Windscheidstraße 15

Hausansicht Windscheidstr. 15

Hausansicht Windscheidstr. 15

Diese Stolpersteine wurden am 7. April 2016 auf den Wunsch von Wolfgang Becker (Walsleben) zum Gedenken an seinen Großonkel Sally Becker und dessen Frau Pauline verlegt.

Stolperstein Sally Becker

HIER WOHNTE
SALLY BECKER
JG. 1887
DEPORTIERT 3.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET 15.3.1943

Sally Becker wurde am 19. Juli 1887 in Schmiegel in der Provinz Posen (Śmigiel, Poznań, Polen) geboren. Für seine Eltern, den Kaufmann Jakob Becker (geb. 15. Dezember 1860) und dessen aus Mieltschin (Mielżyn, Polen) stammende Ehefrau Eva geborene Ziebarth (geb. 15. Mai 1859) war er das zweite von insgesamt vier Kindern. Sein älterer Bruder Martin Max (geb. 26. März 1886) starb nach nur einem Jahr am 20. Juni 1887 kurz vor Sallys Geburt an einer Lungenentzündung. Sein Bruder Ludwig Leo Louis (geb. 27. August 1888) war ein Jahr jünger und seine Schwester Bianka Regina (geb. 14. Oktober 1889) zwei Jahre jünger als er. Die Familie wohnte später in der Kreisstadt Lissa (Leźno, Polen).

Sally und Ludwig genossen eine höhere Schulbildung, die ihnen ein Studium der Pharmazie an der Universität in Würzburg ermöglichte. Beide schlossen das Studium mit der Pharmazeutischen Staatsprüfung ab. Die Schwester Bianka wurde Buchhalterin von Beruf.

Sallys Bruder Ludwig heiratete schon am 23. Januar 1912 die nicht-jüdische, aus Berlin stammende Kassiererin Marie Elisabeth Ketturat (geb. 5. September 1888). Beide waren bei der Hochzeit 23 Jahre alt. Ludwig wohnte damals in Spandau und war schon Apotheker von Beruf. Sie wurden Eltern von drei Kindern.

Sally nahm aktiv am Ersten Weltkrieg teil und gründete nach dem Krieg eine Apotheke in Lissa. Am 17. August 1918 heiratete seine Schwester, die Buchhalterin Bianka Regina Becker, den nicht-jüdischen Buchhalter Alfred Franz Richard Köhler (geb. 27. März 1883). Sie wohnten in Berlin-Lichterfelde.

Wann und wo Sally seine spätere Ehefrau, die aus Cosel in Oberschlesien (Koźle, Polen) stammende Geschäftsinhaberin Pauline Oppenheimer (geb. 20. Oktober 1886) kennenlernte, ist nicht bekannt. Die 39-jährige Pauline und der 38-jährige Sally heirateten am 4. Februar 1926 in Berlin-Wilmersdorf. Als Trauzeugen waren Paulines Vater Samuel Oppenheimer aus der Joachim-Friedrich-Straße 39/40 in Berlin-Halensee und Sallys Bruder Ludwig aus der Kaminer Straße 3 in Berlin-Charlottenburg anwesend. Vor der Hochzeit wohnte Sally in der Wilmersdorfer Straße 150 in Berlin-Charlottenburg. Von 1929 bis 1936 wohnten Sally und Pauline in der Memeler Straße 77 (heute Marchlewskistraße) in Berlin-Friedrichshain. Das Berliner Adressbuch führte ihn als Apotheker Sally Becker. Ob Sally dort auch eine Apotheke betrieb, ist unbekannt.

Als die Nationalsozialisten im Januar 1933 an die Macht kamen, war Sally 46 Jahre alt. Für jüdische Apotheker begann eine Zeit zunehmender Einschränkungen und Repressalien bis hin zum Berufsverbot. Ab dem 26. März 1936 wurden Juden von der Apothekenleitung ausgeschlossen und auch als Pächter nicht mehr zugelassen. Das Gesetz sollte am 1. Oktober 1936 in Kraft treten, sodass den jüdischen Besitzern nur eine sechsmonatige Frist eingeräumt wurde, um ihre Apotheken zu verkaufen oder einen nicht-jüdischen „arischen“ Pächter zu finden. Ob Sally zu diesen Apothekern gehörte, die ihre Apotheke weit unter Wert verkaufen mussten, konnte nicht recherchiert werden.

Aus der Memeler Straße 77 zogen Sally und Pauline im Herbst 1936 in eine Drei-Zimmer-Parterre-Wohnung mit Mädchenkammer ohne Komfort im Vorderhaus der Windscheidstraße 15 in Berlin-Charlottenburg. Die Miete betrug 90 RM monatlich. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren auch Paulines ältere unverheiratete Schwestern Rosalie (geb. 10. März 1877), auch Rosa genannt, und Anna (geb. 8. Mai 1882) bei ihnen in der Windscheidstraße 15 zur Untermiete gemeldet.

Sally und Pauline mussten seit circa 1940 Zwangsarbeit leisten. Paulines Schwester Rosa deportierte die Gestapo mit dem 20. Osttransport am 24. September 1942 mit 65 Jahren aus der Windscheidstraße 15 nach Raasiku bei Reval in Estland, wo sie vermutlich kurz nach ihrer Ankunft am 26. September 1942 ermordet wurde.

Als Sally, seine Ehefrau Pauline und seine Schwägerin Anna am Samstagmorgen, dem 27. Februar 1943, ihre Wohnung in der Windscheidstraße 15 verließen, um zu ihren Zwangsarbeitsstätten zu gehen, ahnten sie nicht, dass sie niemals zurückkehren würden. An ihren Arbeitsplätzen setzte die Gestapo an diesem Tag tausende von jüdischen Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern fest und brachte sie in Sammellager, wo sie bis zu ihrer Deportation interniert wurden. Unter ihnen befanden sich auch Sally, Pauline und Anna.

Die Gestapo deportierte Sally Becker und Anna Oppenheimer am 3. März 1943 mit dem 33. Osttransport zusammen mit 1.884 Leidensgenossinnen und -genossen nach Auschwitz, wo sie kurz nach ihrer Ankunft in einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Sally Becker starb mit 55 Jahren. Die Lagerdatei wies nach dem Krieg als Todesdatum den 15. März 1943 aus. Anna Oppenheimer starb mit 60 Jahren. Sallys Ehefrau Pauline wurde schon zwei Tage eher, am 1. März 1943, mit dem 31. Osttransport zusammen mit circa 1.100 Leidensgenossinnen und -genossen nach Auschwitz deportiert, wo sie kurz nach ihrer Ankunft in einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Die Lagerdatei wies auch für sie nach dem Krieg als Todesdatum den 15. März 1943 aus. Pauline Becker geborene Oppenheimer starb mit 56 Jahren.

Sallys Bruder Ludwig und auch seine Schwester Bianka überlebten den Holocaust durch den Schutz ihrer „Mischehen“ mit einer beziehungsweise einem nicht-jüdischen Ehepartner/in.

Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 2103, Sally Becker

Stolperstein Pauline Becker

HIER WOHNTE
PAULINE BECKER
GEB. OPPENHEIMER
JG. 1886
DEPORTIERT 1.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET 15.3.1943

Pauline Becker wurde als Pauline Oppenheim am 20. Oktober 1886 in Cosel in Oberschlesien (Koźle, Polen) geboren. Für ihre Eltern, den Schneidermeister Salo Oppenheim (*1845) und dessen Ehefrau Lina, genannt Lena, geborene Boss (*März 1848), war sie das zweitjüngste von insgesamt sechs Kindern. Ihre älteste Schwester Rosalie (*10. März 1877) war neun Jahre älter als sie und noch in Ratibor geboren, wo die Eltern damals wohnten. Marie (*1880) war die erste, die in Cosel zur Welt kam. Es folgten Anna (*8. Mai 1882) und Emma (*29. Juli 1884). Drei Jahre nach Pauline wurde der „Stammhalter“ Josef (*10. Mai 1889) geboren.

Am 21. Mai 1904 starb mit 56 Jahre ihre Mutter. Pauline war damals 17 Jahre alt. Das Amtsgericht Cosel erlaubte Salo Oppenheim am 15. Mai 1909, den Vornamen Samuel und den Familiennamen Oppenheimer zu führen. Der Nachname Oppenheimer galt fortan auch für seine Kinder. Kurz danach ging die Familie Oppenheimer nach Berlin. Sie wohnten in der Kantstraße 90 in Charlottenburg. Am 30. September 1909 starb Paulines ältere Schwester, die unverheiratete 29-jährige Marie, in Charlottenburg.

Ihre zweite ältere Schwester, die Putzmacherin Emma Oppenheimer, heiratete am 27. Juni 1912 den Geschäftsreisenden Bruno Willdorff (*13. September 1881). Ihr jüngster Bruder, der Kaufmann Josef, heiratete nach dem Ersten Weltkrieg, am 3. April 1919, die Korrespondentin (heute Sekretärin) Lydia Schott (*2. Juni 1890). Die Familie wohnte damals in der Joachim-Friedrich-Straße 39/40.

Wann und wo Pauline ihren späteren aus Schmiegel in der Provinz Posen (Śmigiel, Poznań, Polen) stammenden Ehemann, den Apotheker Sally Becker (*19. Juli 1887), kennenlernte, ist nicht bekannt. Die 39-jährige Pauline und der 38-jährige Sally heirateten am 4. Februar 1926 in Berlin-Wilmersdorf. Als Trauzeugen waren Paulines Vater Samuel Oppenheimer aus der Joachim-Friedrich-Straße 39/40 in Berlin-Halensee und Sallys Bruder Ludwig aus der Kaminer Straße 3 in Berlin-Charlottenburg anwesend.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Pauline 46 Jahre alt. Das Berliner Adressbuch 1933 führte den Apotheker Sally Becker in der Memeler Straße 77 (heute Marchlewskistraße) in Berlin-Friedrichshain.

Seit 1936 wohnten sie in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit Mädchenkammer ohne Komfort im Vorderhaus Parterre in der Windscheidstraße 15 in Berlin-Charlottenburg. Die Miete betrug 90 RM monatlich. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren auch Paulines ältere unverheiratete Schwestern Rosalie, auch Rosa genannt, und Anna bei ihnen in der Windscheidstraße 15 zur Untermiete gemeldet.

Seit circa 1940 leistete Pauline Zwangsarbeit bei der Firma Riedel Putz. Ihre Schwester Rosa deportierte die Gestapo mit dem 20. Osttransport am 24. September 1942 mit 65 Jahren aus der Windscheidstraße 15 nach Raasiku bei Reval in Estland, wo sie vermutlich kurz nach ihrer Ankunft am 26. September 1942 ermordet wurde.

Als Pauline, ihr Ehemann Sally und ihre Schwester Anna am Samstagmorgen, dem 27. Februar 1943 ihre Wohnung in der Windscheidstraße 15 verließen, um zu ihren Zwangsarbeitsstätten zu gehen, ahnten sie nicht, dass sie niemals zurückkehren würden. An ihren Arbeitsplätzen setzte die Gestapo an diesem Tag tausende von jüdischen Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern fest und brachte sie in Sammellager, wo sie bis zu ihrer Deportation interniert wurden. Unter ihnen befanden sich auch Pauline, Sally und Anna. Die Gestapo deportierte Pauline Becker zwei Tage eher als Sally und Anna, am 1. März 1943, mit dem 31. Osttransport zusammen mit ca. 1.100 Leidensgenossinnen und -genossen nach Auschwitz, wo sie vermutlich kurz nach ihrer Ankunft in einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Die Lagerdatei wies nach dem Krieg als Todesdatum den 15. März 1943 aus. Pauline Becker geborene Oppenheimer starb mit 56 Jahren.

Ihren Ehemann Sally und ihre Schwester Anna deportierte die Gestapo zwei Tage nach Pauline, am 3. März 1943, mit dem 33. Osttransport zusammen mit 1.884 Leidensgenossinnen und -genossen nach Auschwitz, wo sie kurz nach ihrer Ankunft in einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Sally Becker starb mit 55 Jahren. Die Lagerdatei wies nach dem Krieg als Todesdatum den 15. März 1943 aus. Anna Oppenheimer starb mit 60 Jahren.

Paulines Schwester Emma war mit ihrem Ehemann Benno Willdorff am 24. Oktober 1939 die Flucht über Schweden nach New York gelungen, wo ihre beiden Töchter Inge (*8. August 1919) und Marianne (*13. März 1922) schon lebten. Die älteste Tochter Leonore (*23. April 1913) lebte 1939 in Paris.

Über den Bruder Josef konnte nach seiner Hochzeit 1919 nichts recherchiert werden. Vermutlich emigrierte er mit seiner Ehefrau schon früh aus dem Deutschen Reich.

Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 2103, Sally und Pauline Becker