Stolperstein Joachim-Friedrich-Straße 16

Hausansicht Joachim-Friedrich-Str. 16

Dieser Stolperstein wurde am 21.04.2016 verlegt.

Stolperstein Richard Isidor Hirsch

HIER WOHNTE
RICHARD ISIDOR
HIRSCH
JG.1873
DEPORTIERT 19.1.1942
RIGA
ERMORDET

Richard Isidor Hirsch stammte aus Prenzlau in der Uckermark. Dort kam er am 5. August 1873 als Sohn des Kaufmanns Nathan Hirsch und dessen Ehefrau Lina, geboren Pincus, zur Welt. Er hatte mindestens vier Geschwister: eine ältere Schwester namens Fanny (*1867), zwei ältere Brüder namens Paul (*1868) und Hermann (*1869) und einen jüngeren Bruder namens Martin (*1875).

Als Richard ein kleiner Junge war, zog die Familie nach Berlin. Die Kinder wurden auf eine private Grundschule geschickt, danach besuchten die Söhne das Gymnasium zum Grauen Kloster. 1885 starb ihr Vater. Während sein großer Bruder Paul im Grauen Kloster das Abitur ablegte und danach in Berlin Medizin und Nationalökonomie studierte, verließ Richard, wohl auf Wunsch der Mutter, das Gymnasium ohne Abschluss und machte bei der Textilfirma Carl Cohn in der Klosterstraße eine Kaufmannslehre. 1898 zog er nach Brüssel. Dort arbeitete er in dem neuen Kaufhaus A l’Innovation. 1903 heiratete er die aus Traben-Trarbach gebürtige Kaufmannstochter Franziska Simon (*1875). Das Ehepaar zog nach Brüssel-Schaarbeck und bekam dort zwei Töchter, Irma (*1905), die Erna gerufen wurde, und Marguerite (*1907).

Im Januar 1916 wurde Richard Hirsch von der deutschen Militärbehörde eingezogen und war bis zum Ende des Ersten Weltkriegs als Soldat an der Front. Einige Tage vor Kriegsende wurden seine Frau und seine Töchter aus Belgien ausgewiesen. Die Familie Hirsch zog nach Berlin. Nach dem Krieg trat Richard hier eine Stelle im Warenhaus Tietz in der Leipziger Straße an und war für Warenannahme und -ausgabe verantwortlich. Hermann Tietz war sein Vetter.

Richards großer Bruder Paul Hirsch, der als Journalist und Parlamentsberichterstatter gearbeitet hatte, war in den 1890er-Jahren in die SPD eingetreten. 1908 wurde er als einer der ersten Sozialdemokraten ins preußische Abgeordnetenhaus gewählt, dem er bis 1918 als Fraktionsvorsitzender der SPD angehörte. 1921 bis 1925 war er Stadtrat und stellvertretender Bürgermeister von Charlottenburg, von 1918 bis 1920 Ministerpräsident des Freistaates Preußen. Er blieb bis 1932 Mitglied des preußischen Landtags, dann zog er sich aus der Politik zurück. Er lebte mit seiner Frau und zwei Töchtern in Charlottenburg. Die Töchter von Richard und Franziska Hirsch, Erna und Marguerite, besuchten in Berlin ein Mädchengymnasium. Erna arbeitete danach als Sekretärin und Buchhalterin, Marguerite als kaufmännische Angestellte. 1931 heiratete Erna den Berliner Kaufmannssohn Gerhardt Byk. Er hatte ebenfalls eine kaufmännische Ausbildung genossen, wollte aber Sänger werden und studierte, bis die Nationalsozialisten seine Karriere beendeten, an der Berliner Staatsoper Gesang. Erna und Gerhardt lebten in Berlin-Grunewald.
Im Zuge der “Arisierung” verlor Richard Hirsch seine Stelle im Warenhaus Tietz. Er arbeitete danach zumindest noch eine Weile als Handelsvertreter. Das Ehepaar Hirsch und die noch unverheiratete Tochter Marguerite wohnten wohl in der Xantener Straße in Wilmersdorf und zogen erst 1937 oder 1938 in eine Dreieinhalbzimmerwohnung in der vierten Etage der Joachim-Friedrich-Straße 16 Ecke Kurfürstendamm in Berlin-Halensee. Das Haus steht nicht mehr, weil es im letzten Kriegsjahr von einer Brandbombe getroffen wurde.

Richard und Franziska Hirsch wurden 1939 beim Reichsarbeitsdienst registriert. Richard war damals schon 66 Jahre alt. Ob das Ehepaar noch zur Zwangsarbeit herangezogen wurde, ist unbekannt. Am 22. August 1940 starb Richards Frau Franziska. Drei Wochen früher, am 1. August, war bereits sein großer Bruder Paul gestorben; dessen Frau Lucie beging ein Jahr später Selbstmord, um der Deportation zu entgehen. Für sie ist in der Gervinusstr. 24 ein Stolperstein verlegt.

Richards Tochter Erna Byk und deren Mann Gerhardt gelang Anfang 1939 die Flucht nach Bolivien. Im selben Jahr heiratete seine Tochter Marguerite den Kaufmann Julius Olschewitz, der ebenfalls in den gemeinsamen Haushalt in der Joachim-Friedrich-Straße zog. Das Ehepaar ließ sich nach wenigen Jahren scheiden.

Am 19. Januar 1942, einen Tag vor der sogenannten Wannsee-Konferenz, wurde Richard Hirsch von der Gestapo in seiner Wohnung abgeholt und nach Riga in Lettland deportiert. Dort erschoss man ihn wahrscheinlich in den Wäldern am Stadtrand. Sein Todesdatum ist unbekannt. Richard Isidor Hirsch aus Prenzlau wurde 68 Jahre alt. Seine Tochter Marguerite verrichtete bei der Siemens-Schuckertwerke AG Zwangsarbeit. Nach der Deportation ihres Vaters zog sie in ein Untermietzimmer in der Flensburger Straße im Hansaviertel. Am 3. Februar 1943 wurde sie nach Auschwitz verschleppt und im Alter von fünfunddreißig Jahren vergast. Im April 1943 deportierte man auch ihren Ex-Mann Julius Olschewitz nach Auschwitz und ermordete ihn.

Was aus Richards Brüdern Hermann und Martin wurde, war nicht herauszufinden. Seine Schwester Fanny verwitwete Eliason und deren Kinder Hans und Charlotte wurden ebenfalls im Holocaust ermordet. Seine Tochter Erna Byk und deren Mann Gerhardt blieben bis in die 1960er-Jahre in La Paz in Bolivien, dann zogen sie nach Los Angeles/Kalifornien. Gerhard starb dort 1980, Erna 1985.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundes
Berliner Adressbücher
MyHeritage
Wikipedia “Paul Hirsch”
Thomas Hüttmann: “… dass einmal dem Juden das Land auf diese Weise abgenommen wird …”: Die jüdischen Einwohner von Enkirch vor und während der Zeit des Nationalsozialismus. 2022

Alle Texte und Bilder auf dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht ohne Erlaubnis des/r Rechteinhaber*in verwendet werden.

Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Wegen der Wartezeit von 3 bis 4 Jahren können keine neuen Anträge für Stolpersteine angenommen werden. Bereits registrierte Anträge werden bearbeitet.

Because of a waitingtime of 3 to 4 years new requests for Stolpersteine cannot be accepted. Requests already registered will be processed.

Adresse

Stolperstein

Verkehrsanbindungen