Stolperstein Fasanenstraße 49

Hauseingang Fasanenstr. 49

Der Stolperstein für Saul Rudermann wurde am 09. Juni 2015 auf Wunsch von Cristina Konn-Saile, einer Nachbarin, verlegt. Die Stolpersteine für Max und Henny Jordan wurden am 15. Juni 2022 verlegt.

Stolperstein Saul Rudermann

HIER WOHNTE
SAUL RUDERMANN
JG. 1887
DEPORTIERT 12.10.1944
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Saul Rudermann entstammte einem frommen jüdischen Elternhaus. Er wurde in Minsk geboren, am 25. August 1887. Nach der Mittelschule ließ er sich zum Zuschneider ausbilden, zog nach Kowno und heiratete im August 1910 die vier Jahre jüngere Musikerin Ida Franke. Sie hatten zwei Kinder, den 1911 geborenen Sohn Victor und 1913 die Tochter Sascha.

Während des Ersten Weltkriegs emigrierte Saul Rudermann nach Deutschland. Ida und die Kinder folgten ihm 1920. Er lebte mittlerweile in Hannover und war Mitinhaber der Maßschneiderei Scheiberg und Rose. Als das Geschäft 1927 aufgelöst wurde, zog die Familie nach Berlin, wo Saul Rudermann als Geschäftsführer und Zuschneider in die Firma Dobzinski in der Taubenstraße eintrat. Er verstand sein Handwerk, war hochangesehen und brachte es dank Fleiß und Geschick zu einem guten privaten Kundenkreis. Rudermanns waren gut situiert. Ihre Wohnung in der Marburger Straße 16 war geräumig und mit wertvollen Möbeln ausgestattet, die Kinder gingen auf höhere Lehranstalten und erhielten Sprach- und Musikunterricht.

Aufgrund der Ausgrenzung jüdischer Studierender aus deutschen Hochschulen konnte Victor Rudermann sein Medizinstudium nicht fortsetzen und emigrierte 1935 nach Paris. Im selben Jahr wanderte auch der jüdische Inhaber der Firma Dobzinski aus. Saul Rudermann arbeitete sodann nur noch für seine privaten Kunden, verdiente jedoch weiterhin sehr gut. Das machte es ihm möglich, im Mai 1939 zunächst seine Tochter Sascha illegal nach Belgien ausreisen zu lassen und fünf Monate später auch seine Frau Ida. Er wollte bald folgen und zog in die Fasanenstraße 49, in den linken Seitenflügel, III. Stock, zur Untermiete bei Henny Jordan geb. Gross.

Im Juli 1940 wurde Saul Rudermann “wegen Devisenvergehens” festgenommen und in Plötzensee inhaftiert, von wo er im Januar 1941 nach Spandau überführt und vermutlich zwei Monate später entlassen wurde. Als ihm im Mai 1942 der Deportationsbescheid zugestellt wurde, tauchte er unter. Ein halbes Jahr später wurde sein inländisches Vermögen zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen und im Juni 1943 seine Wohnung in der Fasanenstraße geräumt. Zu dem Zeitpunkt war seine Vermieterin Henny Jordan bereits umgekommen. Sie war am 15. August 1942 mit 49 Jahren nach Riga deportiert und dort drei Tage später erschossen worden.

Gut zwei Jahre nach seinem Untertauchen wurde Saul Rudermann gefasst und am 12. Oktober 1944 mit dem von den NS-Behörden so bezeichneten 58. Osttransport nach Auschwitz deportiert.

Ida und Victor Rudermann überlebten den Krieg. Sascha starb im Dezember 1942 in einem Kellerversteck, in dem sie und ihre Mutter sich seit einem Jahr verborgen hielten.

Text: Cristina Konn-Saile

Quellen: Unterlagen des Brandenburgisches Landeshauptarchivs Potsdam sowie des Entschädigungsamts Berlin

Stolperstein für Max Jordan

Stolperstein für Max Jordan

HIER WOHNTE
MAX JORDAN
JG. 1886
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Max Jordan wurde am 25. Oktober 1886 in Telgte, Kreis Münster in Nordrhein – Westfalen geboren. Mitte des 19. Jahrhunderts lebten 12 jüdische Familien in Telgte, darunter die Familie Jordan. Die Gemeinde besaß eine kleine Synagoge und zeitweise auch eine eigene jüdische Schule. Der Jordans nahmen lebhaften Anteil am gesellschaftlichen Leben, z. B. in dem 1889 gegründeten „Kriegerverein“ und dem seit 1889 bestehenden Verein „Eintracht“, dessen Ziel „gesellige Zusammenkünfte unter Ausschluss von Religion und Politik“ waren.

Der Metzger und Viehhändler Abraham Jordan heiratete im Januar 1875 in Bielefeld Pauline Goldstein, Tochter des Tabakfabrikanten Moses Goldstein. Das Ehepaar bekam 7 Kinder: Johanna, geb. 3. Dezember 1875, Adolf, geb. 04. April 1877, Wilhelmine, geb. 22. März 1879, Moritz, geb. 18. März 1881, Helene, geb. 12. Oktober 1883, Louis (Ludwig), geb. 9. April 1885 und Max, geb. 25. Oktober 1886.

Die Familie Jordan zog nach Aufgabe des Telgter Geschäfts nach Münster. Max wohnte dort seit 1904. Als Abraham Jordan 1912 in Münster starb, meldete Max den Tod beim Standesamt. Pauline zog 1916 nach Dortmund. Wann genau Max nach Berlin umsiedelte, ist nicht bekannt. Seine Geschwister Louis, Johanna, Wilhelmine und Helene gingen ebenfalls in die Hauptstadt.

Max Jordan startete zusammen mit seinem Bruder Louis – dieser nannte sich in Berlin Ludwig – sein berufliches Leben in Berlin in der Textilbranche. 1920 finden wir den ersten Eintrag „Gebr. L. & M. Jordan, Fabrikat. von Celluloid – Damenwäsche u. seid. Modeartikel, Inh. Ludwig & Max Jordan“ im Berliner Adressbuch mit der Anschrift Poststraße 28 im Nikolaiviertel. 1929 sind im Handelsregister unter der Adresse Scharrenstraße 11/13 Ludwig und Max Jordan „Seidene Modenartikel“ eingetragen, 1930 befindet sich die Firma ein Haus weiter in der Brüderstraße 2. In den Jahren 1931 bis 1935 ist die Textilfirma nur noch mit dem Namen Max Jordan, „Rockfabrik“ oder „Röcke und Blusen“ unter verschiedenen Adressen (Friedrichstraße 62 und Jerusalemer Straße 16) angegeben.

1937 bezieht Max Jordan mit seiner Firma Räume am Hausvogteiplatz 11a.
Der Friedrichswerder, wo sich die Geschäfte der Brüder Jordan befanden, war im 19. und frühen 20. Jahrhunderts das Zentrum der jüdischen Konfektionsindustrie. Durch die Enteignung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Eigentümer verschwand der hier ansässige Mode – Großhandel dauerhaft und unwiederbringlich.

1938 stellte Max die Produktion seiner Modeartikel ein und nach den Novemberpogromen 1938 wurde die Firma liquidiert.

Anfang der 1930er- Jahre hatte er sich beruflich von seinem Bruder Ludwig getrennt. Ludwig Jordan verließ mit seiner Frau Anne und den Kindern Lore und Hans Nazideutschland und wanderte nach Kolumbien aus. Nach dem Tod seiner Frau 1957 in Bogotá kehrte er nach Deutschland zurück. Er starb 1966 in Baden Baden.

Max’ Privatwohnung war seit Ende der 1920-er Jahre in der Brandenburgischen Straße 25 und zur Zeit der Volkszählung im Mai 1939 in der Mommsenstraße 14. Nach der Aufhebung des Mieterschutzes für die jüdische Bevölkerung, war Max gezwungen, diese Wohnung zu verlassen und er zog mitsamt seinem Mobiliar zu Henny Wortsmann in deren große Wohnung in der Fasanenstraße 49. Wann und wo er Henny kennengelernt hatte, wissen wir nicht. Sie war seit 1939 verwitwet und lebte mit ihrer Mutter Emma zusammen. Ihre drei Kinder waren 1938 und 1939 nach England geflohen. Max und Henny heirateten 1941. Sie wurden beide zur Zwangsarbeit herangezogen.

Am 15. August 1942 wurden Max Jordan und seine Frau Henny deportiert. Der 18. Osttransport nach Riga umfasste 1002 Berliner Jüdinnen und Juden, vorwiegend mit der Berufsbezeichnung „Arbeiter“. Die Insassen dieses Zuges, der am 18. August 1942 Riga erreichte, wurden gleich nach Ankunft erschossen und in einem der Massengräber um Riga verscharrt. Nur die Kleidungsstücke der Ermordeten, die man ihnen zuvor abgenommen hatte, gelangten in das Rigaer Ghetto.

Im Mai 1939 hatten sich Max’ Schwester Helene und ihr Mann Siegfried Israel entschlossen, ihre Villa in der Selchowstraße 7 in Schmargendorf und somit Deutschland zu verlassen. Die Villa konnte vor ihrer Abreise nicht verkauft werden, sie galt im Adressbuch von 1940 als „unbewohnt ohne Eigentümer“. Helene und Siegfried bestiegen in Hamburg den Dampfer „Cap Arcona“, der sie nach Montevideo/Uruguay bringen sollte. Die „Cap Arcona“ durchquerte den Golf von Biscaya, als Siegfried Israel an Herzversagen starb. Die deutsche Gesandtschaft in Lissabon registrierte seinen Tod. Helene setzte offenbar die Reise fort, sie kehrte nach dem Krieg nach Berlin – Schmargendorf zurück, wo sie noch einige Jahre im Altenheim der jüdischen Gemeinde in der Berkaer Straße 32 – 35 verbrachte.

1956 starb sie ebendort an den Folgen einer Lungenentzündung, die sie sich nach einem Oberschenkelhalsbruch zugezogen hatte.

Wilhelmine Waldmann geb. Jordan war ebenfalls nach Südamerika ausgewandert. Im Juli 1952 reiste sie per Schiff von Montevideo nach New York und ließ sich in San Francisco nieder. Mit ihr reiste die 38-jährige Hildegard Frankenthal geb. Waldmann, möglicherweise ihre Tochter. Wilhelmine starb am 29. März 1958 in San Francisco.

Max’ seit 1925 verwitwete Schwester Johanna wurde am 12. April 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Sie hatte von 1939 bis zum Zeitpunkt ihrer Deportation bei Max und Henny in der Fasanenstraße 49 gewohnt.

Das weitere Schicksal der Geschwister Jordan ist hier zu finden. „Biografie Abraham Jordan“ von Dr. Barbara Elkeles zu finden.

Recherche und Text: Karin Sievert Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf
Dank an Dr. Barbara Elkeles „Erinnerung und Mahnung, Verein zur Förderung des Andenkens an die Juden in Telgte.“

Quellen:
Stolperstein für Henny Jordan

Stolperstein für Henny Jordan

HIER WOHNTE
HENNY JORDAN
GEB. GROSS
JG. 1893
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Henny Gross wurde am 24. August 1893 in Magdeburg/ Sachsen Anhalt geboren. Ihr Vater war der Kaufmann Jacob Gross, ihre Mutter war Emma Gross geb.Gottschalk. Henny war einziges Kind ihrer Eltern. In Magdeburg lebte die Familie in der Himmelreichstraße 22. Wann genau der Umzug nach Berlin erfolgte, ist nicht bekannt. Hier war ihre Wohnung in der Allensteinstraße 38 (heute Liselotte – Hermann – Straße) in Prenzlauer Berg. Am 24. Juli 1919 heiratete Henny Justin Isaak Wortsmann (*24. Januar 1890). Justin stammte aus Burgharlach in Oberfranken/ Bayern und war lt. Heiratsurkunde Handlungsbevollmächtigter.

Zuvor hatte Justin im Ersten Weltkrieg als Leutnant der Reserve gedient. Nach Kriegsende war er nach Berlin gezogen und wohnte zusammen mit seiner verwitweten Mutter Babette in Lichterfelde in der Gélieustraße 2. Henny war als „Geschäftsführerin“ in der Heiratsurkunde eingetragen. Es ist nicht bekannt, in welcher Branche sie tätig war. Ab 1921 wohnten Henny und Justin in der Schlossstraße 18 in Steglitz, Babette blieb weiterhin in Lichterfelde.

Henny Gross 1920 (aus der Fotosammlung des Ururenkels Harvey Collier)

Henny Gross 1920 (aus der Fotosammlung des Ururenkels Harvey Collier)

1921 kam Dorothee als erstes Kind auf die Welt, sie wurde am 22. Januar geboren, es folgte am 14. September 1922 Stephan, und Peter wurde am 20. August 1924 geboren.

Nach dem Tod der Schwiegermutter Babette Wortsmann im Januar 1931 zog die Familie wieder nach Lichterfelde in die Gélieustraße. Möglicherweise war Justin bei Erwin Wortsmann, der einen Textil- und Bekleidungshandel betrieb, beschäftigt. Ob es sich um einen Verwandten handelte, konnte nicht ermittelt werden. Dessen Geschäft war 1934 gegründet worden und wurde 1938 aus dem Handelsregister gelöscht.

Ab 1935 wohnten die Wortsmanns in einer 6- Zimmerwohnung im Parterre in der Fasanenstraße 49. Hennys Mutter Emma, die seit dem Tod ihres Manns Jacob im Jahr 1928 allein gelebt hatte, zog nun zur Familie ihrer Tochter in die große Wilmersdorfer Wohnung. Hennys Tante Selma Kahlenberg–Wortsmann zufolge war die Wohnung mit wertvollem Mobiliar, Teppichen und Kunstgegenständen ausgestattet.

Am 29. Januar 1938 starb Justin Wortsmann im Alter von 49 Jahren in seiner Wohnung. Angezeigt wurde der Sterbefall von Hennys Onkel, dem Arzt Dr. Fritz Gottschalk.

Noch im selben Jahr fiel die Familie endgültig auseinander. Im Dezember 1938, nach den Novemberpogromen und den bis dahin schlimmsten Verfolgungen der jüdischen Bevölkerung, emigrierten Peter und Stephan nach England. Peter arbeitete dort zunächst als Kellner, er stieg zum Restaurant Manager auf. Stephan wurde Heizungsingenieur, später gab er seinen Beruf mit Zeichner an.

Am 16. April 1939 folgte ihnen ihre Schwester Dorothee. Nach ihrer Heirat mit Edward Hancock im April 1942 war sie Hausfrau und Bürogehilfin.
Henny hatte inzwischen Max Jordan kennengelernt. Er war mit all seinem Mobiliar schon vor der Volkszählung im Mai 1939 aus der Mommsenstraße 14 zu Henny in die Fasanenstraße gezogen. Sein Textilunternehmen war Ende 1938 liquidiert worden.

Sie heirateten 1941 in Wilmersdorf. Hennys Mutter Emma wohnte noch immer bei ihr, starb aber am 22. Mai 1942. Max Jordan zeigte ihren Tod beim Standesamt Schmargendorf an. Auch Max Jordans Schwester Johanna, die noch bis 1939 in der Walter – Fischer – Straße 2 (heute Fechnerstraße) gewohnt hatte zog zu dem Ehepaar in die Fasanenstraße.
Sowohl Henny, als auch Max wurden bis zu ihrer Deportation am 15. August 1942 zur Zwangsarbeit verpflichtet. Henny konnte die ganze Tragödie, die dann folgte, nicht begreifen.

Die Nachbarn der Jordans berichteten: „…Frau Henny Jordan – Wortsmann arbeitete in einer Fabrik und glaubte dadurch vor der Inhaftierung durch die Gestapo gesichert zu sein. Als eines Tages die Gestapo das Ehepaar abholte und Frau Jordan – Wortsmann noch zwei kleine Koffer mitnahm, erklärte sie uns, dass sie bestimmt zurückkommen würde, weil das Ehepaar ja arbeite. Das Ehepaar Jordan – Wortsmann wurde dann von der Gestapo abgeholt und liess all ihren Besitz zurück.“

Der 18. Osttransport nach Riga umfasste 1002 Berliner Jüdinnen und Juden, vorwiegend mit der Berufsbezeichnung „Arbeiter“. Henny wurde in der Transportliste als „Stanzerin“ geführt, vermutlich musste sie diese Tätigkeit an ihrer letzten Arbeitsstelle ausüben.

Die Insassen dieses Zuges, der am 18. August 1942 Riga erreichte, wurden gleich nach Ankunft erschossen und in einem der Massengräber um Riga verscharrt. Nur die Kleidungsstücke der Ermordeten, die man ihnen zuvor abgenommen hatte, gelangten in das Rigaer Ghetto.

Recherche und Text: Karin Sievert Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:
  • 
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945

  • 
Brandenburgisches Landeshauptarchiv www.blha.de

  • Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten – Entschädigungsbehörde

  • Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin

  • Deportationslisten

  • Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
  • Yad Vashem – Opferdatenbank

  • Arolsen Archives
  • Standesamtsunterlagen nach Ancestry
  • MyHeritage

Adresse

Stolperstein

Verkehrsanbindungen