Inhaltsspalte

Stolpersteine Kantstraße 30

Bildvergrößerung: Hauseingang Kantstr. 30
Hauseingang Kantstr. 30
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese von Dr. Henry A. Foner (Jerusalem) und von der Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf gespendeten Stolpersteine wurden am 27.März 2015 in Anwesenheit von Henry A. Foner (ehemals Heinz Lichtwitz) verlegt.

Bildvergrößerung: Stolperstein Margarete Lichtwitz
Stolperstein Margarete Lichtwitz
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MARGARETE
LICHTWITZ
GEB. AUERBACH
JG. 1877
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
BEFREIT / ÜBERLEBT

Margarete Auerbach wurde am 20 Dezember 1877 als Tochter des Philosophieprofessors Leopold Auerbach und seiner Frau Elise geb. Solon in Berlin geboren.
Margarete bildete zusammen mit ihren Geschwistern die Auerbach’sche Erbengemeinschaft, die Eigentümergemeinschaft des Eckhauses Kantstraße30/Schlüterstraße 63. 1938 wurde das Haus zwangsweise veräußert. Der neue Eigentümer war ein Georg Schultz, an den die Familie Lichtwitz von nun an die Miete abzuführen hatte. Nach dem Krieg eröffneten die Überlebenden der Auerbach’sche Erbengemeinschaft gegen Georg Schultz ein Wiedergutmachungsverfahren, in dem es um die Immobilie Kantstraße/Schlüterstraße ging.
Margarete heiratete am 27. Juni 1901 Ernst Lichtwitz, den Druckereibesitzer und Erben der traditionsreichen „Buchdruckerei Max Lichtwitz“, die 1862 von seinem Vater gegründet worden war. Das Ehepaar bekam drei Söhne: Max, geb.7. Mai 1902, Ludwig, geb.11. Juli 1903 und Walter, geb. 9.Juni 1907. Bis 1932 hatte die Familie Lichtwitz in der Augsburger Straße 30 gewohnt, ab 1933 lebten sie alle, auch mit den späteren Schwiegerkindern, in der Kantstraße 30.
Am 9.August 1937 starb Ernst Lichtwitz nach schwerer Krankheit. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof Weißensee bestattet. Die Söhne Ludwig und Walter waren beide beruflich in seine Fußstapfen getreten und Buchdrucker geworden, während Max Jura studiert hatte und Rechtsanwalt geworden war.
Die verwitwete Margarete Lichtwitz blieb in der Kantstraße 30 wohnen. Sie kümmerte sich intensiv um ihren Enkel Heinz, der als 5Jähriger seine Mutter verloren hatte. Ilse Lichtwitz hatte sich 1937 das Leben genommen.

Margarete Lichtwitz und ihr Enkel Heinz ca. 1936
Margarete Lichtwitz und ihr Enkel Heinz ca. 1936
Bild: Henry Foner

Am 17. März 1943 wurde sie mit dem sogenannten 4. Alterstransport – er umfasste 1342 Menschen – nach Theresienstadt deportiert. Margarete gehörte zu den 200 Überlebenden dieses Transports. Wie durch ein Wunder überlebte sie die unmenschlichen Lagerbedingungen des Ghettos und die sich noch in den letzten Wochen im Lager ausbreitende Typhusepidemie.
Sie kehrte nach Berlin zurück und starb am 14. August 1951.

Bildvergrößerung: Stolperstein Max Lichtwitz
Stolperstein Max Lichtwitz
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MAX LICHTWITZ
JG. 1902
DEPORTIERT 9.12.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET 8.1.1943

Max Lichtwitz wurde am 7. Mai 1902 als ältester Sohn von Margarete und Ernst Lichtwitz in Berlin geboren.
Er war Rechtsanwalt Dr. jur., durfte aber nach dem Entzug seiner Berufserlaubnis nur noch als „Konsulent“ in Rechtsangelegenheiten für jüdische Klienten tätig werden. Zuletzt war er bei der Jüdischen Kultusvereinigung (JKV) angestellt. Er gehörte zu den 20 Vertretern der Jüdischen Gemeinde, die am 9. November, der Pogromnacht, als Geiseln festgenommen wurden.
Seit 1929 war er in erster Ehe mit Ilse Lichtwitz geb. Badt, Tochter von Albert und Emmy Badt, verheiratet. Sie wurde am 23. April 1905 geboren und beging am 21. August 1937 Selbstmord.

Max Lichtwitz, ca. 1939
Max Lichtwitz, ca. 1939
Bild: Henry Foner

1939 heiratete er in zweiter Ehe Luise Lichtwitz geb. Goldstein, geboren am 20. August 1896 in Werther bei Halle in Westfalen.
Seit 1933 wohnten Max und Ilse in der Kantstraße 30 im Vorderhaus im 2. Stock links. Die Wohnung bestand aus vier Zimmern mit Küche, Bad, Diele, Kammer, einem Bodenraum und Balkon. Lichtwitz’ zahlten dafür 95 Reichsmark Monatsmiete an den Hauseigentümer Georg Schultz in Weißensee. Dieser hatte das Haus erworben, nachdem es von der Auerbach’schen Erbengemeinschaft 1938 veräußert werden musste.
In der Wohnung lebte später außerdem die Tochter aus der ersten Ehe von Luise Lichtwitz, Ellen Jordan, geboren am 1. Juni 1921 in Berlin.
Der einzige Sohn von Max und Ilse Lichtwitz, Heinz (Albert) Lichtwitz, wurde am 12. Juni 1932 geboren. Ihm wurde am 3. Februar 1939 mit einem Kindertransport nach England zur Flucht verholfen und damit das Leben gerettet.

Bei der Deutschen Bank hatte Max Lichtwitz nach Auskunft der Stadtzentrale in der Mauerstraße 26-27 einen Kontostand von 651.58 RM und ein Schließfach, das nach der Deportation gewaltsam geöffnet und geleert wurde, „um den Inhalt
für das Reich sicher zu stellen“, wie es in einem Vermerk der Oberfinanzdirektion vom 13. März 1943 hieß.
Die Wohnungseinrichtung war, wie Max und Luise Lichtwitz in ihrer in der Sammelstelle an der Großen Hamburger Straße 26 am 26. Mai 1942 ausgefüllten Vermögenserklärung angaben, unauffällig normal. Immerhin wurde der Wert des Inventars von einem Obergerichtsvollzieher namens Neumann auf 2360,80 RM geschätzt und von der Vermögensverwertungsstelle vereinnahmt.
Max und Luise Lichtwitz und Ellen Jordan wurden am 9. Dezember 1942 in einem Zug mit 994 Menschen vom Berliner Bahnhof Grunewald ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert, von denen 898 in den Gaskammern von Birkenau ermordet worden sind.
Am 25.10.1951 fragte Heinz Lichtwitz, der sich inzwischen in Henry A. Foner umbenannt hatte, über das United Restitution Office London in Berlin an, welche Vermögenswerte seines Vaters „beschlagnahmt und eingezogen worden“ seien.

Bildvergrößerung: Stolperstein Ilse Lichtwitz
Stolperstein Ilse Lichtwitz
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ILSE LICHTWITZ
GEB. BADT
JG. 1905
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
21.8.1937

Ilse Lichtwitz, geb. Badt
Ilse Lichtwitz, geb. Badt
Bild: Henry Foner

Ilse Lichtwitz kam am 23. April 1905 als ältestes Kind des Kaufmanns Albert Badt und Emmy Badt, geb. Wolff auf die Welt. Ihre Schwester Dora Minna wurde am 13. Juli 1906 geboren, der Bruder Erich Ludwig in Jahr 1918. Die Eltern hatten 1904 in Darmstadt geheiratet, die Kinder kamen aber in Berlin zur Welt. Die Familie wohnte damals in der Oranienburger Straße 13/14. Ilse wurde zur medizinisch – technischen Laborassistentin ausgebildet und heiratete 1929 den Juristen Max Lichtwitz. Sie hatten ein gemeinsames Kind, Heinz Albert Lichtwitz, geboren am 12. Juni 1932, später umbenannt in Henry Foner.
Ilse Lichtwitz beging am 21. August 1937 Selbstmord. Ihr Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee. Ihre Mutter Emmy Badt nahm sich ebenfalls das Leben. Sie starb am 27. Januar 1939 durch Freitod und wurde ebenfalls in Weißensee beigesetzt.

Bildvergrößerung: Stolperstein Heinz Lichtwitz
Stolperstein Heinz Lichtwitz
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HEINZ LICHTWITZ
JG. 1932
KINDERTRANSPORT 1939
ENGLAND
PFLEGEFAMILIE FONER
HENRY FONER

Heinz kurz vor seiner Abreise nach England
Heinz kurz vor seiner Abreise nach England
Bild: Henry Foner

Heinz (Albert) war das einzige Kind von Max und Ilse Lichtwitz. Er wurde am 12. Juni 1932 in Berlin geboren. Im Alter von fünf Jahren verlor er seine Mutter Ilse Lichtwitz, die sich 1937 das Leben nahm. Heinz wurde von nun an von seinem Vater Max und seiner inzwischen verwitweten Großmutter Margarete betreut.
1938 beschloss Max Lichtwitz, sein Kind mit einem der Kindertransporte nach England zu schicken, sicherlich in der Hoffnung, es so bald wie möglich wieder zu sich holen zu können. Am 3. Februar 1939 sah Heinz seinen Vater zum letzten Mal. Er reiste über die Niederlande nach Wales in England, wo er in Swansea von dem jüdischen Ehepaar Morris und Winifred (Winnie) Foner an Kindes Statt in die Familie aufgenommen wurde. Sein Vorname Heinz wurde in Henry umgeändert.

Max Lichtwitz schrieb seinem Sohn so oft es ging tröstlich gemeinte Zeilen auf bunten Postkarten:

Berlin, 31. August 1939

Mein lieber kleiner Henry
Ich bin froh, dass Du wohlauf und glücklich bist. Ich hoffe es wird nicht zum Krieg kommen. Falls er doch ausbrechen sollte, möge Gott Dich segnen….

Einen Tag später überfiel die deutsche Wehrmacht Polen und der 2. Weltkrieg begann.
Winnie Foner sammelte die Postkarten und Henry Foner stellte sie 2005 der Gedenkstätte Yad Vashem zur Verfügung, wo sie in einer der Ausstellungen zu sehen sind.
Max Lichtwitz quälte sich bis zu seinem Tod mit dem Gedanken, seinen Sohn weggeschickt zu haben. Er ahnte, welches Schicksal den Juden bevorstand und schrieb im November 1941 in einem Abschiedsbrief an einen Freund:

Sage ihm (Heinz) bitte später einmal, dass ich ihn nur aus tiefer Liebe und Sorge um seine Zukunft fortgegeben habe, dass ich ihn aber auf der anderen Seite Tag für Tag auf das Schmerzlichste vermisst habe und dass mein Leben seinen Sinn verloren hat, wenn es nicht doch noch einmal eine Möglichkeit geben sollte, ihn wiederzusehen.

Henry Foner 2015 in Jerusalem
Henry Foner 2015 in Jerusalem
Bild: Henry Foner

Henry wurde in die Britische Armee einberufen und in Ägypten und dem Sudan eingesetzt. Nach dem Militärdienst studierte er Chemie an der Universität von Leeds. Im Jahr 1960 heiratete er Judy Ophen aus Ramat Gan, Israel. Zunächst ließen sich die Eheleute in Leeds nieder, die Familie emigrierte 1968 nach Jerusalem, Israel, wo Henry eine leitende Positionen beim Geologischen Dienst Israel innehatte.
Henry und Judy haben drei Kinder und acht Enkelkinder.
2013 veröffentlichte Yad Vashem Henry Foners Buch „Postkarten an einen kleinen Jungen“ in Englisch, Hebräisch und Deutsch. Das Buch beschreibt Henrys eigene Erfahrungen und enthält die Postkarten, die ihm sein Vater in dem Zeitraum nach der Abreise aus Deutschland und dem Ausbruch des 2.Weltkrieges schickte. Es enthält außerdem die geschichtliche Betrachtung der Kindertransporte.
Die Postkarten und Max Lichtwitz letzter Brief sind ebenfalls einzusehen unter:
https://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/through-the-lens/postkarten-kindertransporte.asp#gallery

Bildvergrößerung: Stolperstein Luise Lichtwitz
Stolperstein Luise Lichtwitz
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
LUISE LICHTWITZ
GEB. GOLDSTEIN
JG. 1896
DEPORTIERT 9.12.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Luise Goldstein wurde am 20 August 1896 in Werther/Westfalen geboren. Sie war seit 1939 mit Max Lichtwitz verheiratet. Aus einer ersten Ehe hatte sie eine Tochter, Ellen Jordan. Ellen wohnte bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater in der Kantstraße 30.
Luise war zuletzt als Zwangsarbeiterin bei dem Rundfunkunternehmen Blaupunkt in der Köpenicker Straße 154 beschäftigt und bekam einen Hilfsarbeiterinnenlohn von 16 Reichsmark Wochenlohn.
Luise wurde zusammen mit ihrem Ehemann Max und ihrer Tochter Ellen am 9. Dezember 1942 in einem Zug mit 994 Menschen vom Berliner Bahnhof Grunewald ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert, von denen 898 in den Gaskammern von Birkenau ermordet wurden.

Bildvergrößerung: Stolperstein Ellen Jordan
Stolperstein Ellen Jordan
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ELLEN JORDAN
TOCHTER VON
LUISE LICHTWITZ
JG. 1921
DEPORTIERT 9.12.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Ellen Jordan, geboren am 1. Juni 1921 in Berlin war die Tochter aus der ersten Ehe von Luise Lichtwitz. Ihr Beruf wurde mit „Arbeitsökonom“ angegeben. Über ihren Vater ist nichts bekannt. Sie hatte zur Zeit der Volkszählung 1939, in der Juden in einer besonderen Kartei erfasst wurden, in der Mommsenstraße 58 gewohnt. Nach der Heirat ihrer Mutter mit Max Lichtwitz zog sie wohl in deren gemeinsame Wohnung in der Kantstraße 30.
Ellen Jordan wurde zusammen mit ihrer Mutter Luise und dem Stiefvater Max Lichtwitz am 9. Dezember 1942 in einem Zug, in dem 994 Menschen zusammengepfercht wurden, vom Berliner Bahnhof Grunewald ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. 898 von ihnen wurden in den Gaskammern von Birkenau ermordet. Da Ellen Jordan als 21jährige junge Frau auf der Deportationsliste noch als arbeitsfähig eingestuft wurde, gehörte sie vielleicht zu den 25 Frauen des Transports, die als Häftlinge in das Lager eingewiesen wurde. Überlebt hat sie jedoch die Haft nicht.

Bildvergrößerung: Stolperstein Walter Lichtwitz
Stolperstein Walter Lichtwitz
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
WALTER LICHTWITZ
JG. 1907
FLUCHT 1933
FRANKREICH
INTERNIERT VICHY
BEFREIT / ÜBERLEBT

Der jüngste der drei Söhne von Margarete und Ernst Lichtwitz, Walter, wurde am 9. Juni 1907 in Berlin geboren.
Er hatte ebenso wie sein Bruder Ludwig eine Ausbildung zum Buchdrucker gemacht und in der Familiendruckerei gearbeitet.
Schon kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialsten 1933 floh Walter nach Paris, wo er einen kleinen Druckereibetrieb eröffnete. Seit 1938 war Walter mit der niederländischen Krankenschwester und Sozialarbeiterin Evelyne Josephine van Praag, einer entfernten Kusine, verheiratet. Diese war am 21. Juli 1908 in Den Haag zur Welt gekommen.

Walter, Ludwig und Evelyne Lichtwitz und Judy Foner, Henry’s Ehefrau
Walter, Ludwig und Evelyne Lichtwitz und Judy Foner, Henry’s Ehefrau
Bild: Henry Foner

Als Walter 1933 Deutschland verließ, waren seine Eltern und Brüder gerade von der Augsburger Straße in die Kantstraße umgezogen. Damals war die Auerbach’sche Erbengemeinschaft schon einige Zeit Eigentümerin des Hauses.
Nach der Besetzung Frankreichs 1940 flohen Walter und Evelyne nach Vichy. Beide wurden verhaftet und interniert, überlebten aber die Haftzeit. Nach dem Krieg kehrten sie nach Paris zurück, wo Walter wieder seinen Druckereibetrieb aufnahm. Am 9. November 1982 starb er an Herzversagen. Noch vor seinem Tod legte er in Yad Vashem für seinen ermordeten Bruder Max ein Gedenkblatt an. Seine Frau Evelyne überlebte ihn um fast 20 Jahre. Sie starb am 4. August 2001.

Bildvergrößerung: Stolperstein Ludwig Lichtwitz
Stolperstein Ludwig Lichtwitz
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
LUDWIG LICHTWITZ
JG. 1903
IM WIDERSTAND
VERHAFTET SEPT. 1943
GESTAPO-GEFÄNGNIS
GROSSE HAMBURGER STR.
17.11.1943 AUSBRUCH
VERSTECKT GELEBT
BEFREIT / ÜBERLEBT

Ludwig Lichtwitz war der zweite der drei Söhne des Ehepaares Margarete und Ernst Lichtwitz. Er wurde am 11. Juli 1903 in Berlin geboren. Wie sein Vater wurde er Buchdrucker und übte seinen Beruf auch nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ aus. Er wohnte mit seiner Familie in der Kantstraße 30/Schlüterstraße 63.
Die Buchdruckerei „Max Lichtwitz“- gegründet von seinem Großvater Max -, in der Ludwig seit seinem 20. Lebensjahr gearbeitet hatte, wurde 1938 „arisiert“. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Betrieb das „Jüdische Familienblatt“ und die „Jüdische Rundschau“ gedruckt.
Ludwig Lichtwitz war seit dem 3. Oktober 1931 mit der nicht – jüdischen Wally Link verheiratet. Sie war am 11. Juni 1904 in Berlin geboren worden. Das kinderlose Ehepaar wohnte bis 1937 in der Innsbrucker Straße 2, ab 1938 in der Schlüterstraße 63. Durch die Ehe mit Wally mag Ludwig in der ersten Zeit des Nationalsozialismus vor Repressalien geschützt gewesen sein, nach den Novemberpogromen 1938 verschärfte sich die Situation für alle Juden dramatisch und Ludwig beschloss 1942 unterzutauchen, er wurde ein U-Boot, wie die versteckt lebenden Juden genannt wurden.
Ein Vertrauter Ludwig Lichtwitz’, Cioma Schönhaus, hatte in einem von Ludwig Lichtwitz angemieteten Laden in Berlin Moabit eine Werkstatt errichtet, in der gefälschte Papiere für untergetauchte Juden und Widerständler hergestellt wurden. Zu der Gruppe gehörte ebenfalls der im Untergrund tätige Elektriker Werner Scharff.
Cioma Schönhaus war ein meisterlicher Fälscher. Er bekam die Aufträge über Franz Kaufmann, der zusammen mit seiner Angestellten Helene Jacobs zu dem Kreis evangelischer Christen der Bekenntnisgemeinde Berlin – Dahlem gehörte.
Mit der Umarbeitung dutzender Ausweise konnte er andere Juden und Widerständler vor der Verfolgung retten. Als die Gefahr entdeckt zu werden immer größer wurde, versteckte Helene Jacobs die Männer in ihrer Wilmersdorfer Wohnung.

Durch eine Anzeige aus der Bevölkerung wurden Jacobs, Kaufmann und etwa 50 weitere Mitstreiter im Sommer 1943 verhaftet. Ludwig Lichtwitz und Cioma Schönhaus konnten die Wohnung von Helene Jacobs in letzter Minute unentdeckt verlassen. Cioma Schönhaus entkam knapp der Festnahme und floh später mit seinen gefälschten Dokumenten in die Schweiz.
Ludwig Lichtwitz wurde im September verhaftet und landete im Sammellager Große Hamburger Straße im dortigen Gestapo Gefängnis. Dort traf er auf den ebenfalls gefangenen Musiker Konrad Latte.

„In den folgenden Wochen befreundete Konrad sich mit Ludwig Lichtwitz, einem Drucker, der ein paar Tage vor ihm ins Sammellager eingeliefert worden war. Bis zu seiner Verhaftung hatte Lichtwitz, in einer so genannten privilegierten Mischehe mit seiner „arischen” Ehefrau Wally lebend, seine
Druckerkünste Nazi-Gegnern und Verfolgten zur Verfügung gestellt. Gemeinsam mit Lichtwitz plante Konrad die Flucht.
Beide waren für die Arbeit im Kohlen- und Kartoffelkeller eingeteilt, wo sich der Sicherungskasten für die ganze Anlage befand. Am Abend des 27. November 1943 schraubten sie die Hauptsicherung des Gebäudes, die auch den Strom für die Außenscheinwerfer der Anlage regelte, aus der Fassung. Mit einem Schlag wurde es stockdunkel.
Wie sie es berechnet hatten, stürmte das Wachpersonal zuerst zum Vordereingang, um ihn zu sichern. Konrad und Ludwig flüchteten durch den Kellerausgang nach hinten. Zuvor hatten sie den Schlüssel, der im unverschlossenen Zimmer des Wachhabenden hing, an sich gebracht. Eben noch rechtzeitig, bevor die Wachmänner den Hinterausgang erreicht hatten, gelang es ihnen, die Tür von außen zu verriegeln und über die Mauern des jüdischen Friedhofs zu den Hackeschen Höfen zu flüchten. Auf der Straße trennten sie sich.“

Ludwig Lichtwitz lebte bis zum Ende des Krieges weiter im Untergrund. Unter anderem versteckte der später bekannt gewordene Schauspieler Hans Söhnker ihn und Werner Scharff in seinem Wochenendhaus am Wünsdorfer See in der Nähe von Zossen.
Nach Kriegsende zog Ludwig dann wieder zu seiner Frau Wally und war von 1946 bis 1962 im Berliner Telefonbuch unter dem Eintrag: „Lichtwitz Ludwig, Buchdruckerei, Kantstraße 30“ verzeichnet. Das vom Krieg stark zerstörte Haus wurde von ihm wieder aufgebaut.
Er erlag am 7. Januar 1961 einem Herzversagen, seine Frau Wally starb am 19. Juli 1980 in Berlin Wilmersdorf.

Recherche und Texte: Karin Sievert

Quellen:
Angaben von Henry Foner
Dokumentation: „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ DVD
Berliner Adressbücher
Landeshauptarchiv Potsdam
Entschädigungsamt Berlin
Deportationslisten
Peter Schneider: „KONRAD oder DIE LIEBE ZUR MUSIK“ (2000) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-17596401.html
Wolfgang Benz: „Überleben im Dritten Reich: Juden im Untergrund und ihre Helfer“ S. 107
Yad Vashem, Datenbank
https://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/through-the-lens/postkarten-kindertransporte.asp#gallery

Alle Fotos wurden von Henry Foner zur Verfügung gestellt.