HIER WOHNTE
MORITZ LÖWENTHAL
JG. 1866
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 4.1.1943
Moritz Löwenthal wurde am 1. Dezember 1866 in Rehna in Mecklenburg geboren. Für seine Eltern, den Kaufmann Levy Ahrens Aaron Löwenthal (*28. Juli 1826) und dessen Ehefrau Fanny Löwenthal geborene Valk (*1826), war er das sechste von insgesamt sieben Kindern. Julius (*1853) war 13 Jahre, Adolf Abraham (*1856) 10 Jahre, Auguste (*1859) sieben Jahre, Eduard (*1862), vier Jahre und Hermann zwei Jahre älter als er. Sein Bruder Adolph war fünf Jahre jünger als er.
Wie sein Vater wurde auch Moritz Kaufmann von Beruf und arbeitete als Vertreter.
Wann und wo er seine spätere Ehefrau, die aus Köslin (Koszalin, Polen) stammende Bertha Grünwald (*6. Dezember 1866) kennenlernte, ist nicht bekannt. Moritz und Bertha heirateten am 9. September 1895 in Cammin bei Rostock. Zusammen gingen sie nach Hamburg, wo ihre Tochter Emma Johanna am 8. Februar 1897 geboren wurde. Von Hamburg ging es in die Reichshauptstadt Berlin.
Emma, auch Emmy genannt, heiratete am 9. September 1921 mit 24 Jahren den aus Posen stammenden Bankbeamten Wilhelm Baer in Berlin-Neukölln. Moritz und Bertha Löwenthal wohnten damals ebenfalls in Berlin-Neukölln in der Bürknerstraße 22. Moritz Löwenthal war Trauzeuge bei der Hochzeit seiner einzigen Tochter.
Am 15. März 1925 wurden Emmy und Wilhelm Baer Eltern von Manfred. Moritz Löwenthal wurde mit 59 Jahren Großvater. Seit 1930 wohnte die Familie Löwenthal zusammen mit der Familie ihrer Tochter Emmy in einer 5 ½ -Zimmer-Wohnung im Vorderhaus der 1. Etage der Detmolder Straße 4 in Berlin-Wilmersdorf.
Zur Ausübung seiner Arbeit als Vertreter hatte Moritz immer einen Chauffeur gehabt. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, wurde dem Chauffeur gekündigt. Moritz’ Tochter Emma machte daraufhin am 30. Oktober 1933 den Führerschein und fuhr fortan ihren Vater, damit dieser seinen Beruf ausüben konnte. Zwei Jahre später, am 27. Januar 1935, starb der Bankbeamte Wilhelm Baer mit 52 Jahren im Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde an Krebs. Moritz‘ Tochter Emma wurde mit 38 Jahren Witwe.
Da sich das Leben von Juden in Deutschland nach dem Anschluss Österreichs rasant verschlechterte, machte Cecilie Baer, Emmas Schwägerin, die schon 1928 nach England gegangen war, den Vorschlag, Manfred zu ihr nach England in Sicherheit zu schicken. Im März 1938 feierte die gesamte Familie noch Manfreds Bar Mizwa. Danach beantragten sie für ihn ein Visum für England. Am 6. September 1938 brachte Emmy ihren Sohn nach Hamburg zum Schiff, welches ihn am 9. September 1938 nach Southampton brachte, wo ihn seine Tante abholte.
Emmy heiratete in zweiter Ehe den aus Lubschau (Lubsza, Polen) stammenden Vertreter Oscar Angress (*3. August 1892). Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war dieser noch bei seinem jüngeren Bruder Ludwig und dessen Familie in der Leibnizstraße 44 in Berlin-Charlottenburg gemeldet. Am 4. Juli 1939 zog er zu Emmy und ihren Eltern in die Detmolder Straße 4. Als Moritz’ Ehefrau Bertha am 9. Juni 1940 mit 73 Jahren an einem Herzklappenfehler und Altersschwäche starb, meldete Oscar Angress ihren Tod beim Standesamt.
Moritz Löwenthal deportierte die Gestapo mit dem „3. großen Alterstransport“ am 3. Oktober 1942 zusammen mit 960 meist älteren Menschen über 65 Jahre in das Ghetto Theresienstadt. Nach drei Monaten starb er mit 76 Jahren am 4. Januar 1943 aufgrund der unmenschlichen, unhygienischen Bedingungen im Ghetto.
Emmys zweiter Ehemann Oscar Angress wurde am 29. November 1942 von Moabit aus mit 998 weiteren Leidensgenossen und -genossinnen nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Wann genau Emmy den aus Glogau stammenden ehemaligen Buchdruckereibesitzer Felix Wolff (*29. April 1870) aus der Duisburger Str. 6 kennenlernte, konnte nicht recherchiert werden. Sie heiratete den 27 Jahre älteren Felix Wolff, um nicht nach Polen deportiert zu werden, sondern mit ihm in das Altersghetto Theresienstadt zu kommen, wo Emmy sich eine höhere Überlebenschance ausrechnete.
Felix Wolff gab in seiner Vermögenserklärung am 15. Februar 1943 an, dass er seit dem 11. Februar 1943 in der Detmolder Str. 4 gewohnt habe. Zusammen wurden Emmy und Felix mit dem „4. großen Alterstransport“ am 17. März 1943 in das Ghetto Theresienstadt deportiert.
Bis Juli 1944 schrieb Emmy Briefe aus Theresienstadt an ihren Schwager Emil Baer in Berlin-Kreuzberg, der durch die “Mischehe” mit einer „Arierin“ vor der Deportation geschützt war. Danach verliert sich Emmys Spur. Felix Wolff starb am 3. November 1944 mit 74 Jahren im Ghetto Theresienstadt.
Im Oktober 1945 kam Moritz Enkel Manfred als Soldat der British Army zurück nach Berlin. Erst 1989 traute er sich, das Haus in der Detmolder Straße 4, wo er eine glückliche Kindheit mit seinen Eltern und Großeltern verbrachte, zu betreten.
Text und Recherche: Gundula Meiering, November 2025
Quellen:
- Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
- Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
- Arolsen Archives – Deportationslisten; Mapping the Lives
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über Ancestry
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II) 40467 Felix Wolff und Emma Wolff, verwitwete Angress, geborene Löwenthal
- USC Shoah Foundation, Interview 24463 vom 9. Dezember 1996 mit Martin Barry (ehemals Manfred Baer) in London