HIER WOHNTE
GEORG BIERMANN
JG. 1890
DEPORTIERT 12.1.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 3.4.1945
Georg Biermann wurde am 26. März 1890 in Greifswald geboren. Seine Mutter Auguste, geborene Zülzer war Schlesierin, sein Vater Salomon „Salo” Biermann stammte aus der Provinz Posen. Er war Kürschnermeister und hatte in der Langen Straße 32 in Greifswald ein Geschäft für Herrenbekleidung.
Georg hatte zwei Brüder, Erich (*1884) und Paul (*1886), und zwei Schwestern, Ilse (*1888) und Martha (*1893). Nach dem Abitur studierte er Rechtswissenschaften. Sein Referendariat absolvierte er am Oberlandesgericht Stettin und im Berliner Justizministerium. Er promovierte zum Dr. jur. und trug später die Titel eines Justizrats und Regierungsrats. In den 1920er-Jahren zog er nach Forst-Lausitz und arbeitete dort in leitender Position beim Finanzamt.
Im November 1929 verlobte er sich mit der dreizehn Jahre jüngeren Hildegard Baeck aus Grünberg in Schlesien (heute Zielona Góra in Polen). Deren Vater hatte ebenfalls ein Bekleidungsgeschäft. Der einflussreiche Rabbiner und Religionsphilosoph Leo Baeck, eine der wichtigsten Leitfiguren für die verfolgten Juden der NS-Zeit und Gründer des später nach ihm benannten Leo-Baeck-Instituts, war Hildegards Onkel.
Sie hatte eine höhere Schulbildung genossen und das Lehrerinnenseminar an der Viktoria-Luisen-Schule in Berlin absolviert. Nach der Hochzeit zog sie zu ihrem Mann nach Forst-Lausitz. Das Ehepaar Biermann bekam dort am 20. März 1931 ihr einziges Kind, den Sohn Ludwig.
Spätestens 1935 zog die Familie nach Berlin und dort in die Westfälische Straße 28. Ihr Sohn Ludwig besuchte die 2. Gemeindeschule Wilmersdorf (heute Halensee-Grundschule) in der Joachim-Friedrich-Straße 35-36, bis er sie im November 1938 verlassen musste, als jüdische Kinder aus den Regelschulen ausgeschlossen wurden. Das Bekleidungsgeschäft von Georgs Vater in Greifswald, das nach dessen Tod 1928 unter seinem Namen weitergeführt worden war, wurde bei den Novemberpogromen verwüstet. Spätestens seit 1939 lebte Hildegards verwitwete Mutter Regina Baeck geborene Todtmann bei Georg, Hildegard und Ludwig in der Westfälischen Straße.
Am 12. Januar 1943 wurden alle vier gemeinsam ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Den elfjährigen Ludwig begleitete ein kleiner Stoffhase. Er nahm Abschied von seiner Großmutter Regina, die sofort weiter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Ludwig blieb mit seinen Eltern Georg und Hildegard im Ghetto. Dort verbrachte die Familie über zwei Jahre.
Hildegards Onkel Leo Baeck war ebenfalls im Januar 1943 nach Theresienstadt deportiert worden. Er war dort Mitglied des Ältestenrats und kümmerte sich unermüdlich um die Belange seiner Mitgefangenen. Wahrscheinlich stand er auch seiner Nichte und dessen Familie bei. Von Ludwig ist eine kleine Zeichnung aus dem Ghetto erhalten geblieben, ein Chanukka-Leuchter mit Olivenzweigen und Davidsstern, datiert 1943.
Einen guten Monat vor der deutschen Kapitulation, am 3. April 1945, erlag Georg Biermann den grausamen Bedingungen im Ghetto. Dr. Georg Biermann aus Greifswald, Regierungsrat a.D., wurde mit 54 Jahren ermordet.
Seine Frau und sein Sohn wurden ebenso wie Leo Baeck im Mai 1945 aus dem Ghetto Theresienstadt befreit. Ludwig, der inzwischen vierzehn war, packte seinen Stoffhasen ein und machte sich mit seiner Mutter auf die Reise. Zuerst brachte man sie in das „Displaced Persons”-Lager in Deggendorf, von dort emigrierten sie über Schweden 1946 in die Vereinigten Staaten. Hier verlieren sich ihre Spuren. Beide starben wahrscheinlich in den 1990er-Jahren. Ludwigs Häschen, ein räudiges Geschöpf mit roter Nase und ohne Augen, befindet sich heute im Museum of Jewish Heritage in New York.
Drei der vier Geschwister von Georg Biermann wurden ebenfalls im Holocaust ermordet: Seine verwitwete Schwester Ilse und sein Bruder Paul starben 1942 in Riga, sein Bruder Erich und dessen Ehefrau Gertrud 1943 in Auschwitz. Das Todesdatum seiner Schwester Martha war nicht festzustellen.
Recherche und Text: Christine Wunnicke
Quellen:
- Yad Vashem
- Gedenkbuch des Bundes
-
mappingthelives.org
- MyHeritage
- Greifswalder und Berliner Adressbücher
- Forster Stadtbuch 1927
- KC-Mitteilungen 1929
- Arolsen-Archives
- Website des Museum of Jewish Heritage