Stolpersteine Westfälische Str. 28

Hauseingang Westfälische Str. 28, Foto: H-J. Hupka, 2014

Hauseingang Westfälische Str. 28, Foto: H-J. Hupka, 2014

Diese Stolpersteine wurden am 6. Mai 2014 verlegt.

Stolperstein Georg Biermann, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Georg Biermann, Foto:H.-J. Hupka, 2014

HIER WOHNTE
GEORG BIERMANN
JG. 1890
DEPORTIERT 12.1.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 3.4.1945

Georg Biermann wurde am 26. März 1890 in Greifswald geboren. Seine Mutter Auguste, geborene Zülzer war Schlesierin, sein Vater Salomon „Salo” Biermann stammte aus der Provinz Posen. Er war Kürschnermeister und hatte in der Langen Straße 32 in Greifswald ein Geschäft für Herrenbekleidung.

Georg hatte zwei Brüder, Erich (*1884) und Paul (*1886), und zwei Schwestern, Ilse (*1888) und Martha (*1893). Nach dem Abitur studierte er Rechtswissenschaften. Sein Referendariat absolvierte er am Oberlandesgericht Stettin und im Berliner Justizministerium. Er promovierte zum Dr. jur. und trug später die Titel eines Justizrats und Regierungsrats. In den 1920er-Jahren zog er nach Forst-Lausitz und arbeitete dort in leitender Position beim Finanzamt.

Im November 1929 verlobte er sich mit der dreizehn Jahre jüngeren Hildegard Baeck aus Grünberg in Schlesien (heute Zielona Góra in Polen). Deren Vater hatte ebenfalls ein Bekleidungsgeschäft. Der einflussreiche Rabbiner und Religionsphilosoph Leo Baeck, eine der wichtigsten Leitfiguren für die verfolgten Juden der NS-Zeit und Gründer des später nach ihm benannten Leo-Baeck-Instituts, war Hildegards Onkel.

Sie hatte eine höhere Schulbildung genossen und das Lehrerinnenseminar an der Viktoria-Luisen-Schule in Berlin absolviert. Nach der Hochzeit zog sie zu ihrem Mann nach Forst-Lausitz. Das Ehepaar Biermann bekam dort am 20. März 1931 ihr einziges Kind, den Sohn Ludwig.

Spätestens 1935 zog die Familie nach Berlin und dort in die Westfälische Straße 28. Ihr Sohn Ludwig besuchte die 2. Gemeindeschule Wilmersdorf (heute Halensee-Grundschule) in der Joachim-Friedrich-Straße 35-36, bis er sie im November 1938 verlassen musste, als jüdische Kinder aus den Regelschulen ausgeschlossen wurden. Das Bekleidungsgeschäft von Georgs Vater in Greifswald, das nach dessen Tod 1928 unter seinem Namen weitergeführt worden war, wurde bei den Novemberpogromen verwüstet. Spätestens seit 1939 lebte Hildegards verwitwete Mutter Regina Baeck geborene Todtmann bei Georg, Hildegard und Ludwig in der Westfälischen Straße.

Am 12. Januar 1943 wurden alle vier gemeinsam ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Den elfjährigen Ludwig begleitete ein kleiner Stoffhase. Er nahm Abschied von seiner Großmutter Regina, die sofort weiter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Ludwig blieb mit seinen Eltern Georg und Hildegard im Ghetto. Dort verbrachte die Familie über zwei Jahre.
Hildegards Onkel Leo Baeck war ebenfalls im Januar 1943 nach Theresienstadt deportiert worden. Er war dort Mitglied des Ältestenrats und kümmerte sich unermüdlich um die Belange seiner Mitgefangenen. Wahrscheinlich stand er auch seiner Nichte und dessen Familie bei. Von Ludwig ist eine kleine Zeichnung aus dem Ghetto erhalten geblieben, ein Chanukka-Leuchter mit Olivenzweigen und Davidsstern, datiert 1943.

Einen guten Monat vor der deutschen Kapitulation, am 3. April 1945, erlag Georg Biermann den grausamen Bedingungen im Ghetto. Dr. Georg Biermann aus Greifswald, Regierungsrat a.D., wurde mit 54 Jahren ermordet.

Seine Frau und sein Sohn wurden ebenso wie Leo Baeck im Mai 1945 aus dem Ghetto Theresienstadt befreit. Ludwig, der inzwischen vierzehn war, packte seinen Stoffhasen ein und machte sich mit seiner Mutter auf die Reise. Zuerst brachte man sie in das „Displaced Persons”-Lager in Deggendorf, von dort emigrierten sie über Schweden 1946 in die Vereinigten Staaten. Hier verlieren sich ihre Spuren. Beide starben wahrscheinlich in den 1990er-Jahren. Ludwigs Häschen, ein räudiges Geschöpf mit roter Nase und ohne Augen, befindet sich heute im Museum of Jewish Heritage in New York.

Drei der vier Geschwister von Georg Biermann wurden ebenfalls im Holocaust ermordet: Seine verwitwete Schwester Ilse und sein Bruder Paul starben 1942 in Riga, sein Bruder Erich und dessen Ehefrau Gertrud 1943 in Auschwitz. Das Todesdatum seiner Schwester Martha war nicht festzustellen.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • mappingthelives.org
  • MyHeritage
  • Greifswalder und Berliner Adressbücher
  • Forster Stadtbuch 1927
  • KC-Mitteilungen 1929
  • Arolsen-Archives
  • Website des Museum of Jewish Heritage
Stolperstein Regina Baeck, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Regina Baeck, Foto:H.-J. Hupka, 2014

HIER WOHNTE
REGINA BAECK
GEB. TODTMANN
JG. 1877
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Regina Todtmann wurde am 12. Oktober 1877 als Tochter von Benjamin Todtmann und dessen Ehefrau Bertha geborene Berger in Rawitsch in der Provinz Posen (heute Rawicz in Polen) geboren. Ihr Vater hatte dort ein Tuch-, Modewaren und Bekleidungsgeschäft. Regina bekam eine kleine Schwester namens Bianka (*1880) und einen kleinen Bruder namens Max (*1878).

1902 heiratete sie in Rawitsch den acht Jahre älteren Kaufmann Alfred Baeck. Er stammte aus der sehr kinderreichen Familie eines Rabbis aus Lissa in Posen (heute Leszno in Polen). Zu seinen mindestens zehn Geschwistern zählte Leo Baeck, der später als Rabbiner eine der wichtigsten Leitfiguren für die verfolgten Juden der NS-Zeit wurde.

Regina und Alfred zogen nach Grünberg in Schlesien (heute Zielona Góra in Polen), wo Reginas Mann ein Konfektionsgeschäft eröffnete. Am 1. März 1903 bekamen sie ihr einziges Kind, die Tochter Hildegard. Hildegard besuchte ein Gymnasium und absolvierte nach der Schule das Lehrerinnenseminar der Königin-Luisen-Schule in Berlin. Sie heiratete 1930 den Justizrat Dr. Georg Biermann und zog zu ihm nach Forst-Lausitz, wo er eine leitende Position beim Finanzamt bekleidete. Am 20. März 1931 wurde Regina Großmutter, als Hildegard und Georg ihr einziges Kind bekamen, den Sohn Ludwig. Regina lebte mit ihrem Mann Alfred weiterhin in Grünberg, wo Alfred 1932 starb.

Reginas Tochter Hildegard und ihre Familie zogen spätestens 1935 nach Berlin und dort in die Westfälische Straße 28. Die verwitwete Regina zog wenig später zu ihnen. Zum Zeitpunkt der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 wurden alle vier in der Westfälischen Straße gemeinsam erfasst. Am 12. Januar 1943 wurde Regina mit ihrer Tochter, ihrem Schwiegersohn und ihrem elfjährigen Enkel Ludwig von Berlin nach Theresienstadt deportiert. Während ihre Familie dort zurückblieb, verschleppte man Regina weiter nach Auschwitz und ermordete sie dort, wahrscheinlich gleich nach der Ankunft. Regina Baeck geborene Todtmann wurde 65 Jahre alt.

Ihre Tochter Hildegard, ihr Schwiegersohn Georg und ihr Enkel Ludwig sowie ihr Schwager Leo Baeck, der sich als Mitglied im Ältestenrat unermüdlich für seine Mitgefangenen einsetzte, überlebten zwei Jahre im Ghetto. Georg Biermann starb einen guten Monat vor der deutschen Kapitulation am 3. April 1945. Hildegard und Ludwig sowie Leo Baeck wurden im Mai 1945 befreit. Reginas Tochter Hildegard und der inzwischen vierzehnjährige Ludwig emigrierten in die USA, wo sie wahrscheinlich in den 1990er-Jahren starben.

Reginas Schwester Bianka wurde gemeinsam mit ihrem Ehemann Richard Strauss 1943 in Auschwitz ermordet. Ihr Bruder Max, der in Berlin eine Fabrik für Damenmäntel gehabt hatte, überlebte den Holocaust und starb 1950.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen: