HIER WOHNTE
JULIUS HIRSCH
JG. 1872
DEPORTIERT 18.10.1941
ŁODZ / LITZMANNSTADT
1942 CHEŁMNO / KULMHOF
ERMORDET 8.5.1942
Julius Hirsch kam am 8. Juni 1872 in Zirke (Sieraków, Polen) im Kreis Birnbaum in der Provinz Posen zur Welt. Für seine Eltern, den Kaufmann und Pferdehändler Michaelis Hirsch (*27. Juli 1845) und dessen Ehefrau Roeschen Hirsch geborene Friedländer (*6. März 1846), war er das zweite von insgesamt vier Kindern. Seine ältere Schwester Martha (*30. Oktober 1870) war zwei Jahre älter als er. Seine jüngeren Schwestern hießen Pauline (*1. Februar 1875), die drei Jahre, und Gertrud genannt Trude (*17. November 1878), die sechs Jahre jünger war.
Julius wurde wie sein Vater Kaufmann von Beruf und ging nach Berlin.
Seine ältere Schwester Martha heiratete den aus Arnswalde (Choszczno, Polen) in Pommern stammenden Louis Ehrlich (*1864). Ihre Tochter Margarethe wurde am 26. August 1895 in Arnswalde geboren.
Seine jüngere Schwester Pauline heiratete den Fabrikbesitzer Paul Heinrich. Ihre Tochter Hertha Käthe kam am 5. September 1899 zur Welt.
Julius heiratete mit 26 Jahren am 9. Mai 1898 in erster Ehe die gleichaltrige Marie Antonie Löwenstein (*11. November 1872) aus Hamburg. Ihre gemeinsame Tochter Else kam am 7. Februar 1899 in der Köpenicker Straße 6 in der Nähe des Schlesischen Tores in Berlin-Kreuzberg zur Welt. Die Ehe hielt nur fünf Jahre und wurde am 3. Januar 1903 geschieden. Marie Antonie ging nach der Scheidung zurück nach Hamburg und starb dort am 15. April 1924 mit 51 Jahren in der Staatskrankenanstalt Friedberg für psychisch Kranke.
Bei der Hochzeit seiner Schwester Gertrud mit Eugen Rychwalski 1903 war Julius Trauzeuge und wohnte in der Wilhelmstraße 18 in Berlin-Mitte. Gertrud und Eugen wurden Eltern von zwei Söhnen, Kurt (*8. Juni 1904) und Horst (*7. Juni 1910), und wohnten in Tirschtiegel (Trzciel, Polen) im Kreis Meseritz. 1928 wurde Eugen Rychwalski ein drittes Mal Vater, zusammen mit seiner zweiten Ehefrau. Vermutlich war Gertrud in den 1920er-Jahren gestorben.
Am 14. April 1918 starb Julius Mutter mit 72 Jahren. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.
Wann und wo Julius seine spätere zweite Ehefrau Therese Flesch kennenlernte, ist unbekannt. Als Thereses Mutter Bella Flesch geborene Stern am 31. Januar 1923 mit 79 Jahren starb, waren Therese und Julius Hirsch als Ehepaar auf der Todesanzeige angegeben.
Höchstwahrscheinlich bezogen Therese und Julius Hirsch Anfang der 1920er Jahre ihre erste gemeinsame Wohnung in der Uhlandstraße 184 in Berlin-Charlottenburg. Am 4. November 1922 fand hier auch die Hochzeit seiner 23-jährigen Tochter Else mit Georg Albert Griesbach (*9. Juni 1890) statt.
Am 8. Juni 1925 heiratete seine Nichte Hertha Käthe Heinrich den Arzt Dr. Friedrich Leopold Silberstein (*20. Mai 1890). Sie lebten in Düsseldorf. Bei der Hochzeit von Thereses Nichte Lotte Kallmann mit Robert Gundelfinger am 29. Dezember 1925 war Julius Hirsch neben dem Vater der Braut, Martin Kallmann, der zweite Trauzeuge.
Mit 55 Jahren wurde Julius Großvater. Seine Tochter Else wurde am 10. Juli 1927 Mutter von Dorothee Griesbach.
Bis 1931 arbeitete Julius bei der Norddeutschen Baugesellschaft GmbH in der Potsdamer Straße 13. Er bezog ein monatliches Gehalt von 1.000 RM. Sein hohes Einkommen erlaubte es ihm, sich schon mit 60 Jahren als Privatier zur Ruhe zu setzen. Wenn 1933 die Nationalsozialisten nicht an die Macht gekommen wären, hätte er mit seiner Gattin Therese ein finanziell sorgenfreies Leben führen können.
Im Januar 1933 verließ seine Tochter Else mit ihrer Familie Deutschland. In Kapstadt, Südafrika arbeitete Elses Ehemann Georg Griesbach fortan als Exportkaufmann.
Einen Monat später, am 23. Februar 1933, starb Julius’ Vater Michaelis Hirsch mit 87 Jahren in seiner und Thereses Wohnung in der Uhlandstraße 184.
Im März 1937 mussten Julius und Therese ihre Wohnung in der Uhlandstraße 184 aufgeben und zogen am 1. April 1937 in eine kleinere 4-Zimmer-Wohnung im II. Stock am Kurfürstendamm 75. Noch konnten sie sich eine jüdische Haushaltshilfe leisten, aber die Schikanen gegen die Juden nahmen immer mehr zu.
Laut Verordnung vom 26. April 1938 mussten Julius und Therese wie alle Juden im Reich, die über mehr als 5.000 RM verfügten, ihr Vermögen detailliert deklarieren, darunter auch Gegenstände aus Edelmetall sowie Juwelen und Perlen.
Am 23. August 1938 emigrierte Julius’ Nichte Hertha Silberstein geborene Heinrich, Tochter seiner Schwester Pauline, mit ihrem Ehemann Dr. med. Friedrich Leopold Silberstein (*20. Mai 1890) von Düsseldorf über Rotterdam nach New York. Als Person im Herkunftsland gab sie ihren Onkel Julius Hirsch an. Pauline war nach dem Tod ihres Ehemannes nach Berlin in die Sybelstraße 6 gezogen. Auch ihre Schwester Martha Ehrlich wohnte ganz in der Nähe in der Pestalozzistraße 88 in Berlin-Charlottenburg.
Nach den Novemberpogromen von 1938 wurde den deutschen Juden in ihrer Gesamtheit am 12. November 1938 eine Sonderzahlung von 1 Milliarde Reichsmarkt auferlegt und die Finanzverwaltung mit der Einziehung des Geldes beauftragt. Dies traf Julius hart. Ab dem 21. Februar 1939 mussten sie außerdem ihre Wertsachen wie Gold, Silber und Schmuck bei der Pfandleihstelle in der Jägerstraße in Berlin-Kreuzberg abgeben.
Julius’ Schwester Pauline starb am 25. Januar 1940 kurz vor ihrem 65. Geburtstag im Jüdischen Krankenhaus an Herzschwäche. Die Judenvermögensabgabe zwang Julius Hirsch Anfang 1941 dazu, nicht nur seine gesamten Rücklagen abzugeben, sondern auch ein Grundstück in Wandlitz zu einem Preis unter dem Einheitswert zu verkaufen.
Am 19. Juli 1940 gelang seiner Tochter Else mit ihrer Familie die Emigration über England und Montreal, Kanada nach New York in die USA, wo sie am 17. Juni 1942 eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung beantragten.
Am 11. Juni 1941 gelang Julius und Thereses Wirtschafterin Ingeborg Herper (*9. Oktober 1915), die auch bei ihnen wohnte, die Ausreise aus Berlin in die USA. Nach dem Auszug von Ingeborg wurden sie gezwungen, eine Untermieterin in ihrer Wohnung aufzunehmen. Am 1. Juni 1941 zog die Witwe Else Joseph geborene Kaufmann (*21. Dezember 1885), die zuvor am Kurfürstendamm 90 gewohnt hatte, ein. Da auch sie auf die Ausreise nach Kuba wartete, hatte sie ihren gesamten Hausrat versteigert und wohnte bei den Eheleuten Hirsch in einem möblierten Zimmer.
Spätestens am 1. September 1941 zog auch Thereses Schwester Marie Kallmann bei ihnen ein. Alle vier bekamen Anfang Oktober 1941 den Befehl, ihre Vermögenserklärungen auszufüllen, die sie am 11. Oktober 1941 zu Hause in Berlin-Halensee unterschrieben.
Julius gab an, dass ihre Wertpapiere in der Zwischenzeit wertlos geworden seien. Laut Vermögenssteuerbescheid des Finanzamtes vom 12. Februar 1940 hätte ihr gesamtes Vermögen „0 (Null)“ betragen. Eine Rate der Judenvermögensabgabe sei noch fällig. Ihr Leben hätten sie nur durch den Verkauf von Hausrat und durch die Unterstützung von Verwandten bestreiten können.
Am 16. Oktober 1941 mussten sie sich im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7-8 einfinden. Dort wurden sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert. Zwei Tage später, am 18. Oktober 1941, ging es zu Fuß in strömendem Regen oder zum Teil auf offenen Lastwagen für jeden sichtbar zum Güterbahnhof Berlin – Grunewald, von wo aus der erste Deportationszug insgesamt 1.251 Personen in den „Osten“ transportierte. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Lodz, 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann, in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt. Dort wurden Therese und Julius Hirsch und Thereses Schwester Marie in die Reiterstraße 25 in Raum 9 einquartiert. In erbärmlichen Verhältnissen verbrachten sie hier den Winter und das
Frühjahr 1942.
Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chełmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielten auch Therese, Julius und Marie einen „Ausreisebefehl“ für den 6. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurden sie am 8. Mai 1942 in einem Gaswagen ermordet.Julius Hirsch musste einen Monat vor seinem 70. Geburtstag aufgrund antisemitischen Rassenwahns und Verschwörungstheorien sterben.
Die Untermieterin Else Joseph, die zuletzt in der Rauchgasse im Ghetto Litzmannstadt gewohnt hatte, wurde schon am 1. Mai 1942 in Kulmhof ermordet.
Julius älteste Schwester Martha Ehrlich geborene Hirsch deportierte die Gestapo am 3. Oktober 1942 zusammen mit ihrer Tochter Margarethe Arendt geborene Ehrlich aus der Walter – Fischer – Straße 6 (heute Fechnerstraße) in Berlin-Wilmersdorf in das Ghetto Theresienstadt. Aufgrund der menschenunwürdigen Bedingungen im Ghetto starb sie am 7. Februar 1944. Ihre Tochter Margarethe war schon am 4. September 1943 mit 48 Jahren im Ghetto Theresienstadt gestorben. Marthas Enkelin Ilse Editha Arendt (*18. September 1920) überlebte und heiratete 1948 John Frederick (Hans Fritz) Gutstein (*1911) in New York.
Recherche und Text: Gundula Meiering, Oktober 2025
Mit Unterstützung von Marilyn Weiss aus Berkely, USA, Adam Weiss aus Berlin-Mitte und Stephanie Gross aus New York, USA.
Quellen:
- Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher
- Amtliche Fernsprechbücher Berlin
- Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten
- Personenstandsunterlagen / über Ancestry
- My Heritage
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II), 1544 Julius und Therese Hirsch
- Reg. 36A (II), 5039, Eugen, Paula und Heinz Rychwalski
- Reg. 36A (II) 874, Margarethe Arendt und Martha Ehrlich geborene Hirsch