Stolperstein Uhlandstraße 184

Hauseingang Uhlandstr. 184, 2014

Hauseingang Uhlandstr. 184, 2014

Der Stolperstein für Rosa Skutsch wurde von Marga Citron (Berlin) gespendet und am 1. April 2014 verlegt.

Die Stolpersteine zum Gedenken an Therese und Julius Hirsch wurden am 17. Juli 2025 in der Uhlandstraße 184 auf Wunsch von Thereses Großgroßnichte Marilyn Weiss aus Berkely, USA und deren Sohn Adam Weiss aus Berlin-Mitte verlegt.

Stolperstein Rosa Skutsch, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Rosa Skutsch, 2014

HIER WOHNTE
ROSA SKUTSCH
GEB. GLÜCKSMANN
JG. 1857
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
2.9.1942

Rosa Skutsch geb. Glücksmann ist am 24. April 1857 in Thorn (heute: Torun, damals in Westpreußen) geboren. In Berlin wohnte sie in der Uhlandstraße 184 im Haus neben der Familie Citron, mit der sie verwandt war. Es gibt eine Eintragung im Berliner Gedenkbuch der Freien Universität von 1995, wonach sie zuletzt in der Flensburger Straße 6 in Tiergarten gewohnt habe. Wahrscheinlich ist sie zwangsweise dorthin umquartiert worden und musste spätestens zu diesem Zeitpunkt wissen, dass auch sie deportiert werden sollte. Ein Deportationsbescheid lag ihr vor. Unter der Adresse Uhlandstraße 184 war sie im Jüdischen Adressbuch für Groß-Berlin, Ausgabe 1931, verzeichnet. Rosa (familienintern polnisch “Roza” gerufen) Skutsch war eine Cousine der Großmutter mütterlicherseits meines Mannes. Sie kannte aber auch die väterliche Familie. Citrons wohnten Anfang des 20. Jahrhunderts Uhlandstraße 183.

Familiengerüchte besagen, dass sie eine Rolle bei der späteren Heirat zwischen Charlotte, der Tochter ihrer Cousine, und Fritz Citron (dem Vater meines Mannes) spielte – umgangssprachlich: sie hat ein bisschen “gekuppelt”, nichts Ungewöhnliches bei Familien zu jener Zeit. Meine Schwiegereltern heirateten 1914, und “Tante Roza” wohnte weiterhin in der Uhlandstraße.

Meine Schwägerin beschreibt sie als eine “Dame”, mit Bubikopf, immer in Schwarz gekleidet, mit leichtem polnischen Akzent. Die Citron-Kinder waren gern bei ihr zu Besuch, es habe immer besondere Leckereien gegeben. Zu jener Zeit, also in den 1920er und 1930er Jahren, war sie bereits verwitwet (ihr Ehemann war gestorben), lebte aber in durchaus guten finanziellen Verhältnissen. So war sie in der Lage, einem ihr bekannten, nicht verwandten jungen Mann, einem Schlosserlehrling, eine Ausbildung zu finanzieren, wofür er ihr lebenslang dankbar war, am Ende aber auch nichts für sie tun konnte.

Meine Schwägerin ist 1938 vorsorglich in England bei Verwandten untergebracht worden. Erst durch die Verhaftung einer Schwester wurden die Nazis auf Rosa aufmerksam.
Nach dem Deportationsbescheid hat sie ihr noch immer vorhandenes Bargeld ihrer Nichte, meiner Schwiegermutter, gebracht, mit der Bitte, einen Teil davon einem anderen Neffen zu übergeben. Am 2. September 1942 nahm sich die 85-jährige alte Dame selbst das Leben. Sie vergiftete sich.

Text: Marga Citron, leicht ergänzt von Helmut Lölhöffel

Uhlandstraße 184 Therese Hirsch

Stolperstein Therese Hirsch

HIER WOHNTE
THERESE HIRSCH
GEB. FLESCH
JG. 1872
DEPORTIERT 18.10.1941
ŁODZ / LITZMANNSTADT
1942 CHEŁMNO / KULMHOF
ERMORDET 8.5.1942

Therese Hirsch wurde als Therese Flesch am 1. August 1872 in Heilbronn geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann Julius Flesch (*1840) und dessen Ehefrau Bella Flesch geborene Stern (*1844), war sie das erste von insgesamt drei Kindern. 1875 kam ihr Bruder Oscar und 1877 ihre jüngste Schwester Marie zur Welt.

Ihre Eltern betrieben seit ca. 1870 in der Innenstadt von Heilbronn in der Kaiserallee 30 das Modehaus Flesch. Das 20. Jubiläum des Geschäftes konnte ihr Vater nicht mehr erleben. Er starb mit 49 Jahren, als Therese 17 Jahre alt war.

Bevor Thereses jüngerer Bruder Oscar das Geschäft übernehmen konnte, führte ihre Mutter Bella es vorübergehend mit Hilfe der gesamten Familie fort. Es ist anzunehmen, dass Therese im elterlichen Betrieb als Verkäuferin oder Buchhalterin arbeitete.

Wie und wann Therese ihren späteren Ehemann, den aus Zirke (Sieraków, Polen) im Kreis Birnbaum stammenden Julius Hirsch (*8. Juni 1872), kennenlernte, ist unbekannt. Als Thereses Mutter Bella Flesch geborene Stern am 31. Januar 1923 mit 79 Jahren starb, waren Therese und Julius Hirsch als Ehepaar auf der Todesanzeige angegeben.

Therese und Julius Hirsch

Therese und Julius Hirsch

Höchstwahrscheinlich bezogen Therese und Julius Hirsch Anfang der 1920er-Jahre ihre erste gemeinsame Wohnung in der Uhlandstraße 184 in Berlin-Charlottenburg. Bis 1923 wohnte hier auch Julius Tochter Else aus erster Ehe.

Bis 1931 arbeitete Julius bei der Norddeutschen Baugesellschaft GmbH in der Potsdamer Straße 13. Er bezog ein monatliches Gehalt von 1.000 RM. Mit 60 Jahren konnte er sich aufgrund dessen als Privatier zur Ruhe setzen.

Im Januar 1933 wanderte Else, Julius Tochter aus erster Ehe, mit ihrem Ehemann Georg Albert Griesbach und ihrer 6-jährigen Tochter Dorothee nach Kapstadt in Südafrika aus. Einen Monat später starb Thereses Schwiegervater Michaelis Hirsch mit 87 Jahren in der gemeinsamen Wohnung in der Uhlandstraße 184.

1933 emigrierte auch Thereses Neffe Fritz Flesch, Sohn ihres Bruders Oscar und designierter Geschäftsinhaber des Modehauses Flesch in Heilbronn, nach Palästina, da er für sich und das Geschäft keine Zukunft mehr in Deutschland sah. Thereses Bruder Oscar zog mit seiner Ehefrau Charlotte ca. zwei Jahre später, am 1. April 1935, nach Berlin-Wilmersdorf in die Duisburger Straße 19, weil er sein Geschäft in Heilbronn für einen Spottpreis hatte verkaufen müssen.

Die Wohnung in der Uhlandstraße 184 mussten Therese und Julius im März 1937 aufgeben und zogen am 1. April 1937 in eine kleinere 4-Zimmer-Wohnung im II. Stock am Kurfürstendamm 75. Noch konnten sie sich eine Haushaltshilfe leisten, aber die Schikanen gegen die Juden nahmen immer mehr zu.

Laut Verordnung vom 26. April 1938 mussten die beiden, wie alle Juden im Reich, die über mehr als 5.000 RM verfügten, ihr Vermögen detailliert deklarieren, darunter auch Gegenstände aus Edelmetall sowie Juwelen und Perlen.

Nach den Novemberpogromen von 1938 wurde den deutschen Juden in ihrer Gesamtheit am 12. November 1938 eine Sonderzahlung von 1 Milliarde Reichsmarkt auferlegt und die Finanzverwaltung mit der Einziehung des Geldes beauftragt. Dies traf Therese und Julius hart. Ab dem 21. Februar 1939 mussten sie außerdem ihre Wertsachen wie Gold, Silber und Schmuck bei der Pfandleihstelle in der Jägerstraße in Berlin-Kreuzberg abgeben.
Die Judenvermögensabgabe zwang Julius Hirsch Anfang 1941 dazu, nicht nur seine gesamten Rücklagen abzugeben, sondern auch ein Grundstück in Wandlitz zu einem Preis unter dem Einheitswert zu verkaufen.

Am 29. April 1941 gelang Julius Tochter Else mit ihrer Familie die Emigration über England und Montreal, Kanada nach New York in die USA, wo sie am 17. Juni 1942 eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung beantragten.
Am 11. Juni 1941 gelang Thereses und Julius Wirtschafterin Ingeborg Herper (*9. Oktober 1915), die auch bei ihnen wohnte, die Ausreise aus Berlin in die USA. Nach dem Auszug von Ingeborg wurden sie gezwungen, eine Untermieterin in ihrer Wohnung aufzunehmen. Am 1. Juni 1941 zog die Witwe Else Joseph geborene Kaufmann (*21. Dezember 1885), die zuvor am Kurfürstendamm 90 gewohnt hatte, ein. Da sie auf die Ausreise nach Kuba wartete, hatte sie ihren gesamten Hausrat versteigert und wohnte bei den Eheleuten Hirsch in einem möblierten Zimmer.

Spätestens am 1. September 1941 zog auch Thereses Schwester Marie Kallmann bei ihnen ein. Alle vier bekamen Anfang Oktober 1941 den Befehl, ihre Vermögenserklärungen auszufüllen, die sie am 11. Oktober 1941 zu Hause in Berlin-Halensee unterschrieben.

Am 16. Oktober 1941 hatten sie sich im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7- 8 einzufinden. Dort wurden sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert.

Zwei Tage später, am 18. Oktober, ging es zu Fuß in strömendem Regen oder zum Teil auf offenen Lastwagen für jeden sichtbar zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald, von wo aus der erste Deportationszug insgesamt 1.251 Personen in den „Osten“ transportierte. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Lodz, 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt. Dort wurden Therese und Julius Hirsch und Thereses Schwester Marie in die Reiterstraße 25 in Raum 9 einquartiert. In erbärmlichen Verhältnissen verbrachten sie hier den Winter und das Frühjahr 1942.

Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chełmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielten auch Therese, Julius und Marie einen „Ausreisebefehl“ für den 6. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurden sie am 8. Mai 1942 in einem Gaswagen ermordet.

Therese Hirsch geborene Flesch musste aufgrund antisemitischen Rassenwahns und Verschwörungstheorien mit 69 Jahren sterben.
Ihr Ehemann Julius starb kurz vor seinem 70. Geburtstag und ihre Schwester Marie Kallmann geborene Flesch mit 64 Jahren. An sie erinnert ein Stolperstein in der Niebuhrstraße 70 in Berlin-Charlottenburg.
Die Untermieterin Else Joseph, die zuletzt in der Rauchgasse im Ghetto Litzmannstadt gewohnt hatte, wurde schon am 1. Mai 1942 in Kulmhof ermordet.

Thereses Bruder Oscar und dessen zweite Ehefrau Lucie deportierte die Gestapo am 28. August 1942 aus der Holsteinischen Straße 9 in Berlin-Wilmersdorf, wo sie mittlerweile zur Untermiete bei der Familie Altmann wohnten, in das Ghetto Theresienstadt. Am 29. September 1942 wurden die beiden weiter in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet. Oscar starb mit 67 und Lucie mit 52 Jahren. An Oscar erinnert ein Stolperstein in der Duisburger Straße 19 in Berlin-Wilmersdorf.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Oktober 2025
Mit Unterstützung von Marilyn Weiss aus Berkely, USA, Adam Weiss aus Berlin-Mitte und Stephanie Gross aus New York, USA.

Quellen:
  • Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv
  • Mapping the lives
  • Berliner Adressbücher
  • Amtliche Fernsprechbücher Berlin
  • Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten
  • Personenstandsunterlagen / über ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II), 1544 Julius und Therese Hirsch
Uhlandstraße 184 Julius Hirsch

HIER WOHNTE
JULIUS HIRSCH
JG. 1872
DEPORTIERT 18.10.1941
ŁODZ / LITZMANNSTADT
1942 CHEŁMNO / KULMHOF
ERMORDET 8.5.1942

Julius Hirsch kam am 8. Juni 1872 in Zirke (Sieraków, Polen) im Kreis Birnbaum in der Provinz Posen zur Welt. Für seine Eltern, den Kaufmann und Pferdehändler Michaelis Hirsch (*27. Juli 1845) und dessen Ehefrau Roeschen Hirsch geborene Friedländer (*6. März 1846), war er das zweite von insgesamt vier Kindern. Seine ältere Schwester Martha (*30. Oktober 1870) war zwei Jahre älter als er. Seine jüngeren Schwestern hießen Pauline (*1. Februar 1875), die drei Jahre, und Gertrud genannt Trude (*17. November 1878), die sechs Jahre jünger war.

Julius wurde wie sein Vater Kaufmann von Beruf und ging nach Berlin.
Seine ältere Schwester Martha heiratete den aus Arnswalde (Choszczno, Polen) in Pommern stammenden Louis Ehrlich (*1864). Ihre Tochter Margarethe wurde am 26. August 1895 in Arnswalde geboren.

Seine jüngere Schwester Pauline heiratete den Fabrikbesitzer Paul Heinrich. Ihre Tochter Hertha Käthe kam am 5. September 1899 zur Welt.

Julius heiratete mit 26 Jahren am 9. Mai 1898 in erster Ehe die gleichaltrige Marie Antonie Löwenstein (*11. November 1872) aus Hamburg. Ihre gemeinsame Tochter Else kam am 7. Februar 1899 in der Köpenicker Straße 6 in der Nähe des Schlesischen Tores in Berlin-Kreuzberg zur Welt. Die Ehe hielt nur fünf Jahre und wurde am 3. Januar 1903 geschieden. Marie Antonie ging nach der Scheidung zurück nach Hamburg und starb dort am 15. April 1924 mit 51 Jahren in der Staatskrankenanstalt Friedberg für psychisch Kranke.

Bei der Hochzeit seiner Schwester Gertrud mit Eugen Rychwalski 1903 war Julius Trauzeuge und wohnte in der Wilhelmstraße 18 in Berlin-Mitte. Gertrud und Eugen wurden Eltern von zwei Söhnen, Kurt (*8. Juni 1904) und Horst (*7. Juni 1910), und wohnten in Tirschtiegel (Trzciel, Polen) im Kreis Meseritz. 1928 wurde Eugen Rychwalski ein drittes Mal Vater, zusammen mit seiner zweiten Ehefrau. Vermutlich war Gertrud in den 1920er-Jahren gestorben.

Am 14. April 1918 starb Julius Mutter mit 72 Jahren. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Wann und wo Julius seine spätere zweite Ehefrau Therese Flesch kennenlernte, ist unbekannt. Als Thereses Mutter Bella Flesch geborene Stern am 31. Januar 1923 mit 79 Jahren starb, waren Therese und Julius Hirsch als Ehepaar auf der Todesanzeige angegeben.

Höchstwahrscheinlich bezogen Therese und Julius Hirsch Anfang der 1920er Jahre ihre erste gemeinsame Wohnung in der Uhlandstraße 184 in Berlin-Charlottenburg. Am 4. November 1922 fand hier auch die Hochzeit seiner 23-jährigen Tochter Else mit Georg Albert Griesbach (*9. Juni 1890) statt.

Am 8. Juni 1925 heiratete seine Nichte Hertha Käthe Heinrich den Arzt Dr. Friedrich Leopold Silberstein (*20. Mai 1890). Sie lebten in Düsseldorf. Bei der Hochzeit von Thereses Nichte Lotte Kallmann mit Robert Gundelfinger am 29. Dezember 1925 war Julius Hirsch neben dem Vater der Braut, Martin Kallmann, der zweite Trauzeuge.

Mit 55 Jahren wurde Julius Großvater. Seine Tochter Else wurde am 10. Juli 1927 Mutter von Dorothee Griesbach.

Bis 1931 arbeitete Julius bei der Norddeutschen Baugesellschaft GmbH in der Potsdamer Straße 13. Er bezog ein monatliches Gehalt von 1.000 RM. Sein hohes Einkommen erlaubte es ihm, sich schon mit 60 Jahren als Privatier zur Ruhe zu setzen. Wenn 1933 die Nationalsozialisten nicht an die Macht gekommen wären, hätte er mit seiner Gattin Therese ein finanziell sorgenfreies Leben führen können.

Im Januar 1933 verließ seine Tochter Else mit ihrer Familie Deutschland. In Kapstadt, Südafrika arbeitete Elses Ehemann Georg Griesbach fortan als Exportkaufmann.

Einen Monat später, am 23. Februar 1933, starb Julius’ Vater Michaelis Hirsch mit 87 Jahren in seiner und Thereses Wohnung in der Uhlandstraße 184.

Im März 1937 mussten Julius und Therese ihre Wohnung in der Uhlandstraße 184 aufgeben und zogen am 1. April 1937 in eine kleinere 4-Zimmer-Wohnung im II. Stock am Kurfürstendamm 75. Noch konnten sie sich eine jüdische Haushaltshilfe leisten, aber die Schikanen gegen die Juden nahmen immer mehr zu.

Laut Verordnung vom 26. April 1938 mussten Julius und Therese wie alle Juden im Reich, die über mehr als 5.000 RM verfügten, ihr Vermögen detailliert deklarieren, darunter auch Gegenstände aus Edelmetall sowie Juwelen und Perlen.

Am 23. August 1938 emigrierte Julius’ Nichte Hertha Silberstein geborene Heinrich, Tochter seiner Schwester Pauline, mit ihrem Ehemann Dr. med. Friedrich Leopold Silberstein (*20. Mai 1890) von Düsseldorf über Rotterdam nach New York. Als Person im Herkunftsland gab sie ihren Onkel Julius Hirsch an. Pauline war nach dem Tod ihres Ehemannes nach Berlin in die Sybelstraße 6 gezogen. Auch ihre Schwester Martha Ehrlich wohnte ganz in der Nähe in der Pestalozzistraße 88 in Berlin-Charlottenburg.

Nach den Novemberpogromen von 1938 wurde den deutschen Juden in ihrer Gesamtheit am 12. November 1938 eine Sonderzahlung von 1 Milliarde Reichsmarkt auferlegt und die Finanzverwaltung mit der Einziehung des Geldes beauftragt. Dies traf Julius hart. Ab dem 21. Februar 1939 mussten sie außerdem ihre Wertsachen wie Gold, Silber und Schmuck bei der Pfandleihstelle in der Jägerstraße in Berlin-Kreuzberg abgeben.

Julius’ Schwester Pauline starb am 25. Januar 1940 kurz vor ihrem 65. Geburtstag im Jüdischen Krankenhaus an Herzschwäche. Die Judenvermögensabgabe zwang Julius Hirsch Anfang 1941 dazu, nicht nur seine gesamten Rücklagen abzugeben, sondern auch ein Grundstück in Wandlitz zu einem Preis unter dem Einheitswert zu verkaufen.

Am 19. Juli 1940 gelang seiner Tochter Else mit ihrer Familie die Emigration über England und Montreal, Kanada nach New York in die USA, wo sie am 17. Juni 1942 eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung beantragten.

Am 11. Juni 1941 gelang Julius und Thereses Wirtschafterin Ingeborg Herper (*9. Oktober 1915), die auch bei ihnen wohnte, die Ausreise aus Berlin in die USA. Nach dem Auszug von Ingeborg wurden sie gezwungen, eine Untermieterin in ihrer Wohnung aufzunehmen. Am 1. Juni 1941 zog die Witwe Else Joseph geborene Kaufmann (*21. Dezember 1885), die zuvor am Kurfürstendamm 90 gewohnt hatte, ein. Da auch sie auf die Ausreise nach Kuba wartete, hatte sie ihren gesamten Hausrat versteigert und wohnte bei den Eheleuten Hirsch in einem möblierten Zimmer.

Spätestens am 1. September 1941 zog auch Thereses Schwester Marie Kallmann bei ihnen ein. Alle vier bekamen Anfang Oktober 1941 den Befehl, ihre Vermögenserklärungen auszufüllen, die sie am 11. Oktober 1941 zu Hause in Berlin-Halensee unterschrieben.

Julius gab an, dass ihre Wertpapiere in der Zwischenzeit wertlos geworden seien. Laut Vermögenssteuerbescheid des Finanzamtes vom 12. Februar 1940 hätte ihr gesamtes Vermögen „0 (Null)“ betragen. Eine Rate der Judenvermögensabgabe sei noch fällig. Ihr Leben hätten sie nur durch den Verkauf von Hausrat und durch die Unterstützung von Verwandten bestreiten können.

Am 16. Oktober 1941 mussten sie sich im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7-8 einfinden. Dort wurden sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert. Zwei Tage später, am 18. Oktober 1941, ging es zu Fuß in strömendem Regen oder zum Teil auf offenen Lastwagen für jeden sichtbar zum Güterbahnhof Berlin – Grunewald, von wo aus der erste Deportationszug insgesamt 1.251 Personen in den „Osten“ transportierte. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Lodz, 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann, in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt. Dort wurden Therese und Julius Hirsch und Thereses Schwester Marie in die Reiterstraße 25 in Raum 9 einquartiert. In erbärmlichen Verhältnissen verbrachten sie hier den Winter und das Frühjahr 1942.

Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chełmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielten auch Therese, Julius und Marie einen „Ausreisebefehl“ für den 6. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurden sie am 8. Mai 1942 in einem Gaswagen ermordet.Julius Hirsch musste einen Monat vor seinem 70. Geburtstag aufgrund antisemitischen Rassenwahns und Verschwörungstheorien sterben.

Die Untermieterin Else Joseph, die zuletzt in der Rauchgasse im Ghetto Litzmannstadt gewohnt hatte, wurde schon am 1. Mai 1942 in Kulmhof ermordet.

Julius älteste Schwester Martha Ehrlich geborene Hirsch deportierte die Gestapo am 3. Oktober 1942 zusammen mit ihrer Tochter Margarethe Arendt geborene Ehrlich aus der Walter – Fischer – Straße 6 (heute Fechnerstraße) in Berlin-Wilmersdorf in das Ghetto Theresienstadt. Aufgrund der menschenunwürdigen Bedingungen im Ghetto starb sie am 7. Februar 1944. Ihre Tochter Margarethe war schon am 4. September 1943 mit 48 Jahren im Ghetto Theresienstadt gestorben. Marthas Enkelin Ilse Editha Arendt (*18. September 1920) überlebte und heiratete 1948 John Frederick (Hans Fritz) Gutstein (*1911) in New York.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Oktober 2025
Mit Unterstützung von Marilyn Weiss aus Berkely, USA, Adam Weiss aus Berlin-Mitte und Stephanie Gross aus New York, USA.

Quellen:
  • Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Amtliche Fernsprechbücher Berlin
  • Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten
  • Personenstandsunterlagen / über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II), 1544 Julius und Therese Hirsch
  • Reg. 36A (II), 5039, Eugen, Paula und Heinz Rychwalski
  • Reg. 36A (II) 874, Margarethe Arendt und Martha Ehrlich geborene Hirsch

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