Stolpersteine Marienbader Straße 12

Hauseingang Marienbader Str. 12

Hauseingang Marienbader Str. 12

Diese Stolpersteine wurden am 24. März 2014 verlegt.

Stolperstein Minna Blau, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Minna Blau

HIER WOHNTE
MINNA BLAU
JG. 1879
DEPORTIERT 1.11.1941
LODZ/LITZMANNSTADT
ERMORDET 30.11.1941

Minna Blau wurde am 9. August 1879 in Stolp in Pommern (heute Słupsk in Polen) geboren. Sie heiratete Anfang des 20. Jahrhunderts mit 21 Jahren den 31-jähriger Apotheker Max Weintraub (geboren am 5. September 1869) aus Königsberg. 1901 wurden sie Eltern eines Sohnes, den sie Kurt nannten.

Damals lebten sie in Culm (heute Chełmno in Polen), einer Kreisstadt in der Provinz Westpreußen im Regierungsbezirk Marienwerder, 2 km von der Weichsel entfernt. Im Jahr 1900 lebten in Culm mit der Garnison 11.079 Einwohner, der Großteil waren Katholiken, 3530 waren Evangelische und 339 Juden.

Wann die Familie Weintraub nach Berlin ging, ist nicht bekannt. Die Ehe von Minna und Max Weintraub wurde geschieden. Minna führte nach der Scheidung wieder ihren Mädchennamen Blau. Ihr Sohn Kurt blieb bei ihr und wurde Kaufmann.

Am 11. September 1919 fand die Polizei in Berlin-Schöneberg Minnas Sohn Kurt Weintraub tot in seiner Wohnung. Er hatte seinem Leben mit 18 Jahren am 31. August 1919 ein Ende gesetzt. Minna war damals 40 Jahre alt. Die Anschrift des Vaters war zu diesem Zeitpunkt unbekannt.

Auch Max Weintraub wurde fast 20 Jahre später, am 15. November 1938, von der Polizei tot in seiner Wohnung in der Swinemünder Straße 53 in Berlin-Wedding aufgefunden. Als Todesursache wurde eine Gasvergiftung festgestellt. Er starb mit 69 Jahren.

Seit 1935 lebte Minna Blau in der Marienbader Straße 12 in Berlin-Schmargendorf. Bei der Minderheitenvolkszählung am 17. Mai 1939 wohnte die ebenfalls geschiedene Margarete Gumpert, geborene Gerstmann, bei ihr zur Untermiete. Sie zog zum 1. Juli 1939 wieder aus. Wer danach einzog, ist nicht bekannt. Es ist aber anzunehmen, dass ihr fortlaufend Untermieterinnen zugewiesen wurden. Bis 1940 war der Name Minna Blau im Telefonbuch zu finden.

Ab September 1941 wurde Minna, wie alle Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich, gezwungen, den gelben Stern zu tragen. Minna Blau war die erste im Haus Marienbader Straße 12, die im Oktober 1941 von der Gestapo aufgefordert wurde, eine Vermögenserklärung auszufüllen. Mit dem IV. Transport wurde sie am 1. November 1941 vom Güterbahnhof Berlin-Grunewald nach Osten deportiert. Das Ziel der Reise wurde verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź, 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitglieds Karl Litzmann in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt. Dort wurde Minna Blau einquartiert. Schon nach kurzer Zeit wurde sie aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustandes in das Ghetto-Krankenhaus in Łódź eingeliefert, wo sie 3 Wochen nach Ankunft im Ghetto mit 72 Jahren an Herzschwäche starb.

Text und Recherche: Gundula Meiering, Oktober 2024

Quellen:
  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945

  • Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Mapping the lives
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry
  • My heritage
Stolperstein Fanny Cohn, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Fanny Cohn

HIER WOHNTE
FANNY COHN
GEB. REIMANN
JG. 1867
DEPORTIERT 8.9.1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Fanny Cohn wurde als Fanny Reimann am 22. Januar 1867 in Danzig geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann David Reimann (*1831) und dessen Ehefrau Amalie geborene Kleemann, war sie die Jüngste von zwei Kindern. Ihr Bruder Leo war sechs Jahre älter als sie. Leo studierte Medizin und promovierte. Er blieb ledig.

Wann und wo Fanny ihren späteren Ehemann, den aus Berlin stammenden, fünf Jahre älteren Kaufmann Moritz Cohn (*20. November 1862), kennenlernte, ist nicht bekannt. Fanny und Moritz heirateten am 23. Februar 1891 in Danzig. Fanny ging mit Moritz von Danzig nach Berlin. Ende 1891 wurde ihre erste Tochter Lucie Selma (*3. Dezember 1891) und 1892 ihre zweite Tochter Ella (*13. Dezember 1892) geboren. Am 30. Mai 1897 kam ihr jüngster Sohn Philipp Viktor Hans, genannt Hans, zur Welt.

Als 1909 ihr Vater in Danzig starb, war die Mutter schon tot. Zwei Jahre später, am 25. Mai 1911, starb auch Fannys Bruder, der Sanitätsrat Dr. med. Leo Reimann, mit 50 Jahren in Danzig. Ihre jüngere Tochter Ella heiratete am 20. März 1913 mit erst 20 Jahren den zwölf Jahre älteren Kaufmann Bruno Rothmann (*29. November 1880).

Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, war ihr Sohn Hans erst 17 Jahre alt. Drei Jahre später meldete das Landwehr-Infanterie-Regiment seinen Tod. In der Todesanzeige, die seine Eltern veröffentlichten, hieß es „Am 24. August 1917 fiel auf dem Felde der Ehre in treuester Pflichterfüllung“ der 20-jährige Hans Cohn. Ein harter Schlag für die Familie, die damals in der Essener Straße 17 in Berlin-Moabit wohnte. Kurz vor Fannys 52. Geburtstag starb am 4. Januar 1919 ihr Ehemann Moritz Cohn mit 56 Jahren in ihrer Wohnung in der Elberfelder Straße 33.

Am 25. August 1920 heiratete Fannys älteste Tochter Selma Lucie den Kaufmann Alfred Moritz Cohn (*25. April 1882). Ihre Tochter Ella Rothmann geborene Cohn wurde am 15. Februar 1921 nach acht Jahren geschieden und heiratete noch im gleichen Jahr in zweiter Ehe den Verlagsbuchhändler Werner Prager (*20. März 1886). Am 28. April 1922 wurden sie Eltern und Fanny Großmutter von Lotte.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Fanny 66 Jahre alt. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 wohnte sie in der Marienbader Straße 12 in Berlin-Schmargendorf. Kurze Zeit später, am 14. Juni 1939, hieß es Abschied nehmen von ihrer ältesten Tochter Lucie, die zusammen mit ihrem Ehemann nach Shanghai in China emigrierte. Vermutlich war ihre jüngste Tochter Ella Prager mit ihrer Familie schon vorher nach Rom in Italien geflüchtet, sodass Fanny allein zurückblieb.

Wann sie in eine Zwangswohnung zur Untermiete bei der aus Hamburg stammenden Irma Freund in die Fasanenstraße 54 in Berlin-Wilmersdorf ziehen musste, konnte nicht recherchiert werden. Hier erhielt sie Anfang September 1942 den Deportationsbefehl. Sie hatte sich im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 einzufinden und dort ihre Vermögenserklärung auszufüllen, die sie am 7. September 1942 unterschrieb. Am nächsten Morgen, dem 8. September 1942, deportierte die Gestapo sie in das Altersghetto Theresienstadt. Hier erwarteten sie unmenschliche Lebensbedingungen. Drei Wochen später, am 29. September 1942, stand sie erneut auf der Deportationsliste in das Vernichtungslager Treblinka, wo sie ermordet wurde. Fanny Cohn geborene Reimann wurde 75 Jahre alt.

Ihre Tochter Ella Prager geborene Cohn überlebte mit ihrer Familie in Rom. Ihr Schwiegersohn Alfred Moritz Cohn starb am 1. Februar 1948 in Shanghai. Ihre Tochter Lucie emigrierte von Shanghai in die USA, wo sie 1961 mit 70 Jahren starb.

Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 6083, Fanny Cohn
Stolperstein Margarete Gumpert, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Margarete Gumpert

HIER WOHNTE
MARGARETE
GUMPERT
GEB. GERSTMANN
JG. 1893
DEPORTIERT 14.11.1941
ERMORDET IN
MINSK

Margarete Gerstmann wurde am 8. Januar 1893 in Breslau geboren. Ihre Eltern, der Kaufmann für Wäsche und Manufakturwaren Elias Gerstmann (geboren 13. September 1853) und dessen Frau Sahra Marcus (geboren am 26. April 1863) hatten am 31. März 1892 in Breslau neun Monate vor Margaretes Geburt geheiratet. Am 25. Juli 1997 bekam Margarete einen kleinen Bruder, der Kurt genannt wurde. Die Breslauer Adressbücher von 1902–1918 weisen ihren Vater Elias Gerstmann als Kaufmann für Grundstücke und Hypotheken-Geschäfte aus.

Über Margaretes Kindheit und Jugend konnte nichts recherchiert werden. Ihr Bruder Kurt trat mit 18 Jahren dem Deutschen Heer bei und nahm am Ersten Weltkrieg teil. Er zeichnete sich als Unteroffizier aus. Stationiert war er in Hagenau im Elsass. Am 5. Juni 1918 starb er für sein Vaterland in Seuzey, Frankreich. Seine ältere Schwester Margarete, genannt Grete, war damals 25 Jahre alt.

Knapp ein Jahr später, im April 1919, verlobte sich Grete mit dem Kaufmann Julian Gumpert, (geboren 20. Mai 1883 in Łekno), den sie am 21. Oktober 1919 in Breslau heiratete. Auch Julians jüngerer Bruder Albert war im Ersten Weltkrieg gefallen.

Am 13. Oktober 1920 wurden Grete und Julian in Wongrowitz zum ersten Mal Eltern. Sie bekamen eine Tochter, die sie Thea nannten. Mit ihr zogen sie nach Berlin, wo schon Julians fünf Brüder mit ihren Familien wohnten. Hier wurde am 18. November 1924 ihr zweites Kind geboren. In Erinnerung an Gretes gefallenen Bruder wurde der Sohn Kurt genannt.

Ab 1925 erschien Gretes Mutter Sahra als Kaufmannswitwe im Breslauer Adressbuch. Sie blieb in Breslau ansässig.

Das jüdische Adressbuch 1931/32 führte Julian Gumpert in der Residenzstraße 11 in Berlin-Reinickendorf. Hier betrieb auch sein Bruder Sally eine Getreide- und Furagehandlung (Furage: veraltete militärische Bezeichnung für Pferdefutter) in der Scharnweberstraße 118.

Anfang der dreißiger Jahre zog die Familie nach Berlin-Wilmersdorf. Ihre Tochter Thea besuchte 1933 das Hohenzollern-Lyceum. Die Familie wohnte damals in der Pariser Straße 38. Ihre letzte gemeinsame Wohnung hatten sie im April 1934 in der Wielandstraße 17 in Berlin-Charlottenburg. Hier wohnten sie, als Kurt in die 5. Klasse der Oberschule eingeschult wurde. Es ist anzunehmen, dass zu dieser Zeit die Ehe zwischen Grete und Julian zerbrach.

Ihre 12-jährige Tochter Thea verließ im November 1934 Berlin mit Hilfe der German Jewish Children’s Aid (GJCA), einer Hilfsorganisation aus den USA zur Unterstützung und Betreuung unbegleiteter oder verwaister jüdischer Kinder. Die Organisation klärte die Einreiseformalitäten in die USA, übernahm die finanzielle Absicherung der einreisenden Kinder und sorgte für deren weitere Unterbringung und Betreuung.

Wann die Ehe zwischen Margarete und Julian Gumpert genau geschieden wurde, ist nicht bekannt. Da sie sich wahrscheinlich über das Sorgerecht für ihren 13-jährigen Sohn Kurt nicht einigen konnten, kam dieser 1937 in die Auerbach´sche Waisen- und Erziehungsanstalt in der Schönhauser Allee 162 in Berlin-Prenzlauer Berg.

Grete zog am 4. Oktober 1937 aus der gemeinsamen Wohnung in der Wielandstraße 17 aus. Ihre erste neue Bleibe fand sie zur Untermiete in der Konstanzer Straße 4 bei der 57-jährigen Rosa Kaul, geborene Jarecki. Hier blieb sie ein halbes Jahr. Am 1. April 1938 zog sie dann in die Kastanienallee 10.

Vom 1. Februar 1939 bis zum 1. Juli 1939 wohnte sie in der Marienbader Straße 12 zur Untermiete bei Minna Blau, die ebenfalls von ihrem Ehemann geschieden war.

Von hier aus zog sie zur Untermiete zu Rosa Nicolaier an den Kurfürstendamm 177. Da die gebürtige Breslauerin Rosa Nicolaier 1939 nach England emigrierte, musste Grete erneut umziehen. Zum 1. Januar 1940 fand sie ein Zimmer zur Untermiete bei Else Baum in der Mommsenstraße 56. Die damals 52-jährige Else Baum wohnte schon seit 1924 in dieser Wohnung und war selbstständige Masseurin. Die beiden Frauen lebten fast zwei Jahre zusammen.

Am 18. Dezember 1940 heiratete Gretes inzwischen 20-jährige Tochter Thea in New York den ebenfalls aus dem Deutschen Reich ausgewanderten George Wilhelm Cahn (geboren 6. Juni 1915 in Mannheim). Schon am 17. Mai 1941 wurde ihre Tochter Evelyn geboren. Grete wurde mit 48 Jahren Großmutter, aber wir wissen nicht, ob sie von der Geburt ihrer Enkeltochter überhaupt erfuhr. Gretes Sohn Kurt machte zu dieser Zeit eine Motorenbau-Lehre im Siemens-Schuckert-Elektromotorenwerk.

Ab September 1941 wurde Grete, wie alle Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich, gezwungen, den gelben Stern zu tragen. Mit Schreiben der Jüdischen Kultusvereinigung zu Berlin e.V. vom 7. November 1941 wurden Else Baum und Grete Gumpert aufgefordert, sich am 11. November 1941 im Sammellager in der Levetzowstraße 7/8 einzufinden. Hier mussten sie ihre Vermögenserklärungen ausfüllen und abgeben. Zusammen mit ca. 1.000 anderen Berliner Jüdinnen und Juden, darunter auch Berthold Rudner, dessen Tagebuch überliefert ist, wurden sie am 14. November 1941 zum Güterbahnhof Grunewald gebracht.

Berthold Rudner notierte dazu in seinem Tagebuch: “Ca. 2:30 [Uhr] mit Polizeiwagen nach Grunewald gebracht. Stundenlang vor dem Zug gestanden, ohne einsteigen zu können. Alles fror. Kinder weinten. Endlich Verladung in uralte […] Zuggarnitur. Gegen 19 Uhr Abfahrt bei Nacht und Nebel und Kälte.” Nach viertägiger Fahrt trafen sie schließlich in Minsk ein. Berthold Rudner hielt an diesem Tag fest: “18. XI. morgens in Minsk. Erst nachmittags ausgeladen. Zug der Verfemten und Erniedrigten zieht ins Getto nach 90stündiger Fahrt.”
Die Spur von Margarete Gumpert verliert sich im Ghetto Minsk. Vermutlich starb sie mit 49 Jahren kurze Zeit später an den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto.

Am 9. Januar 1942 meldete ihr Sohn Kurt den Tod seines 58-jährigen Vaters beim Berliner Standesamt. Der geschiedene Julian Gumpert war im Jüdischen Krankenhaus an einem Herzinfarkt gestorben.

Kurt Gumpert zog im Herbst 1942 in das Jüdische Jugendwohnheim in die Rosenstraße 4-8. Von hier aus deportierte ihn die Gestapo am 14. Dezember 1942 nach Auschwitz, wo er am 7. Januar 1943 mit 18 Jahren ermordet wurde.
Gretes Mutter Sahra Gerstmann geborene Marcus wurde 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Sie starb am 28. Januar 1943 laut Todesfallanzeige des Ghettos an Darmkatarrh.

Text und Recherche: Gundula Meiering, Oktober 2024

Quellen:
  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
  • Berliner und Breslauer Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
  • Arolsen Archives – Schülerkarteikarten
  • Mapping the lives
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA) Potsdam – Vermögenserklärung Else Baum und Kurt Gumpert
  • Esther-Julia Howell, IfZ-Archiv (19. Oktober 2023). Selbstbehauptung im Ghetto. Zeitzeugnisse – Forschung – Vermittlung. Teil 1: Das Ghetto Minsk 1941/42. Archive in München.
Stolperstein Marie Händler

Stolperstein Marie Händler

HIER WOHNTE
MARIE HÄNDLER
GEB. LYON
JG. 1902
DEPORTIERT 13.6.1942
ERMORDET IN
SOBIBOR

Marie Händler geb. Lyon ist am 1. August 1902 in Breslau geboren. Ihre Eltern waren Felix und Viktoria Lyon geb. Stoller. 1906 wurde eine Schwester namens Emilie geboren. Marie machte im März 1922 die Lehramtsprüfung für Lyzeen in Breslau 1. Von der Gründung 1935 bis zur Auflösung 1939 war sie Lehrerin an der Berliner Leonore-Goldschmidt-Schule am Roseneck 2 und wohnte als Untermieterin in der Marienbader Straße 12 bei Kurt und Sidonie Mandowsky, die 1942/43 in Auschwitz und in Riga umgebracht worden sind.

An der Goldschmidt-Schule lernte sie Wolfgang Lennert, geboren am 8. Dezember 1907, kennen, der in Friedenau, Menzelstraße 23, wohnte und als „Vierteljude“ vom 1.4.1937 bis Ostern 1939 dort ebenfalls Lehrer war. Die beiden waren ein Liebespaar. Wolfgang wurde 1940 zur Wehrmacht eingezogen und ist in Stalingrad 1943 umgekommen. Er hatte zahlreiche Feldpostbriefe an seine Familie mit Nachrichten an Marie Händler geschrieben 3. An der Front erfuhr er in vermutlich verschlüsselter Form von ihrer Deportation nach Sobibór 4. In der Zentralen Opferdatei von Yad Vashem ist Majdanek als Todesort angegeben, was durchaus denkbar ist.

Kurz vor ihrer Deportation musste sie zwangsweise in die Rankestraße 14 umziehen, von wo sie in die Sammelstelle in der Synagoge Levetzowstraße gebracht wurde. Zu dieser Zeit war Marie Händler als „Arbeiterin“ eingetragen, also war sie vermutlich als Zwangsarbeiterin verpflichtet. Am 13. Juni 1942 ist sie vom Bahnhof Grunewald oder vom Güterbahnhof Moabit – auch das ist nicht mehr genau klärbar – ins Vernichtungslager Sobibór nach Ostpolen deportiert worden. 746 Menschen waren in diesem Zug, der am 15. Juni 1942 dort ankam.

In Sobibór sind mehr als 150 000 Menschen aus mehreren Ländern ermordet worden.

Marie Händlers Mutter Viktoria, geboren am 7. November 1876 in Breslau, ist am 13. April 1942 von Breslau ins Ghetto Izbica deportiert und im Dezember 1944 in Auschwitz ermordet worden. Izbica war ein Dorf in der Nähe von Lublin im Osten Polens, wo Juden zum Weitertransport in Vernichtungsstätten unter entsetzlichen Umständen ausharren mussten.

Vom Vater Felix Lyon, geboren am 7.4. 1872 5 , und von der Schwester Emilie ist weiter nichts bekannt. Beide tauchen auf keiner Deportationsliste auf.

1 Auskunft von Dr. Jörg H. Fehrs, Arbeitsgruppe Pädagogisches Museum Berlin, 6.3.1994
2 „Passages from Berlin. Recollections of the Goldschmidtschule 1935-1939” ed. by Steve J. Heims 1987, S. 38 u. 55 sowie Brief von Brigitte Brandeis, geb. Frankfurther Jerusalem, vom 10.6.1996 an Th. Lennert: „…Meine erste Lehrerin im Jahr 1935 in der 3. Vorschulklasse [vermutlich Volksschulklasse] war Frau Händler…Ich habe Frau Händler als nett und freundschaftlich mit uns stehend in Erinnerung …“
3 Im Besitz von Dr. Thomas Lennert
4 12.7.1942 (Russland) „…dass ich jetzt dringendere andere Sorgen habe. Was die Situation anlangt, so schrieb (…) mir, dass M. – seit der und der Zeit – zu ihrer Mutter gereist sei.—-„
28.7.1942 (Russland) „…das Wissen um M.s trauriges und dabei im einzelnen so ungewisses, unfeststellbares und unerleichterbares Schicksal drückt schwer auf meine Stimmung, wenn auch die ständige Beanspruchung durch den Vormarsch und der ständige Wechsel der Eindrücke es unmöglich machen, sich irgendwelchen Stimmungen zu überlassen …“
3.9.1942 „Im Falle meines Todes, geschrieben in einem Erdloch in der Steppe zwischen Don und Wolga:
… 6) Die Bekleidung u. ä. Gegenstände aus dem bewussten „Nachlass“ soll Dora [seine Schwester] hüten und, soweit das in Frage kommt, benutzen. Ich bin sicher, mit dieser Bestimmung in Übereinstimmung mit der Eigentümerin zu sein. Sollte diese je in die Lage kommen, ihre Sachen zurückzufordern, so wird Euch aus dem etwaigen Nicht-mehr-Vorhandensein einzelner Stücke kein Vorwurf entstehen. Ich bitte aber, auf jeden Fall dies mein „Testament“ für diese, wenn auch nach menschlichem Ermessen noch so Rückforderung des „Nachlasses“ erwiesen sein, fallen alle Sachen Euch zu, und Ihr werdet sie nach Eurem Ermessen unter Euch teilen.“
5 Bankier, in Willy Cohn: „Kein Recht, nirgends. Tagebuch vom Untergang des Breslauer Judentums 1933-1941“, Bd. 1, Köln, 2007, S. 102 u. 434

Text: Dr. Thomas Lennert und Helmut Lölhöffel

Quellen: Informationen von Dr. Thomas Lennert (Berlin), Neffe und Patensohn von Wolfgang Lennert; Bundesarchiv; Deportationslisten

Stolperstein Kurt Mandowsky, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Kurt Mandowsky

HIER WOHNTE
KURT MANDOWSKY
JG. 1883
DEPORTIERT 3.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Kurt Mandowsky wurde am 9. Januar 1883 in Ratibor in Schlesien (Racibórz, Polen) geboren. Für seine Eltern, den Kaufmann Raffel genannt Ferdinand Mandowsky (1839-1895) und dessen Ehefrau Fanni geborene Wechselmann (*1851), war er der jüngste von insgesamt drei Söhnen. Sein ältester Bruder Ludwig (*9. November 1873) war zehn Jahre und sein Bruder Max (*6. November 1874) neun Jahre älter als er. Als sein Vater 1895 starb, war Kurt erst 12 Jahre alt. Seine Mutter wurde mit 44 Jahren Witwe. Vermutlich ging seine Mutter mit ihm nach Berlin.

Ludwig wurde Geschäftsmann in Rybnik (heute Polen). Max studierte Pharmazie und wurde Apothekenbesitzer in Hamburg. Er heiratete am 1. August 1904 Paula Wienskowitz in Breslau. Am 19. November 1911 wurden sie Eltern einer Tochter, die sie Erna Minna nannten.

Kurt studierte Chemie an den Technischen Hochschulen in Darmstadt und München, wo er auch Mitglied des Burschenbunds Thuringia war. Er schloss sein Studium als Ingenieur-Chemiker ab.

Als der Erste Weltkrieg 1914 begann, war Kurt 31 Jahre alt. Im Felde wurde er Vizefeldwebel und für das Eiserne Kreuz vorgeschlagen, so dokumentierte es die Todesanzeige, die seine Familie in der Zeitung veröffentlichte, nachdem sie die Nachricht von der Front erhielten, dass Kurt gefallen sei. Vermutlich handelte es sich um eine Verwechslung, denn er kehrte später aus dem Krieg zurück.

1921 war der Chemiker Kurt Mandowsky in der Bayrischen Straße 27 in Berlin-Wilmersdorf gemeldet. Seine Mutter Fanni wohnte ganz in seiner Nähe in der Ludwigkirchstraße 9. Als sie am 21. April 1921 mit 70 Jahren starb, meldete Kurt ihren Tod beim Standesamt.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Kurt 50 Jahre alt. Wo er lebte und arbeitete, ist unbekannt. Sein ältester Bruder Ludwig und seine Schwägerin Sidonie gingen 1933 nach Berlin. Im Berliner Adressbuch 1934 waren sie zum ersten Mal in der Marienbader Straße 12 in Berlin-Schmargendorf gemeldet. Kurts Bruder Max starb am 9. Oktober 1938 mit 64 Jahren in Hamburg an einem Herzleiden. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof Ilandkoppel in Hamburg-Ohlsdorf beigesetzt.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war Kurt ebenfalls in der Marienbader Straße 12 in Berlin-Schmargendorf bei seinem ältesten Bruder Ludwig und dessen Ehefrau Sidonie in der Wohnung im ersten Stock gemeldet. Wann die drei in die Clausewitzstraße 4 in Berlin-Charlottenburg umzogen, konnte nicht recherchiert werden.

Am 30. Januar 1942 starb sein ältester Bruder Ludwig mit 68 Jahren an Herzschwäche in der Clausewitzstraße 4. Kurt meldete auch seinen Tod beim Standesamt. Gut zwei Monate später, am 7. April 1942, mussten er und seine Schwägerin Sidonie in die Gervinusstraße 4 zur Untermiete bei David und Sara Cohen ziehen. Er mietete ein Zimmer im Hochparterre mit Ofenheizung für 50 RM. Anfang August 1942 erhielten er und auch seine Schwägerin Sidonie den Deportationsbefehl. Da Kurt Zwangsarbeit bei der „Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik AG“ leistete, stand er zwar auf der Deportationsliste, wurde aber nachweislich nicht zu diesem Zeitpunkt deportiert. Er füllte für Sidonie die Vermögenserklärung aus und unterschrieb sie am 13. August 1942 für sie. Mit dem 18. Osttransport wurde Sidonie am 15. August 1942 zusammen mit circa 1.000 Leidensgenossen und -genossinnen vom Güterbahnhof Moabit nach Riga deportiert und kurz nach der Ankunft mit 62 Jahren am 18. August 1942 ermordet.

Ein halbes Jahr später bekam auch Kurt den Deportationsbefehl in die Gervinusstraße 4. Am 3. Februar 1943 deportierte ihn die Gestapo nach Auschwitz-Birkenau, wo er vermutlich kurz nach seiner Ankunft in einer Gaskammer ermordet wurde. Kurt Mandowsky starb mit 60 Jahren.

Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 25033, Kurt Mandowsky
Stolperstein Sidonie Mandowsky, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Sidonie Mandowsky

HIER WOHNTE
SIDONIE MANDOWSKY
GEB. FASEL
JG. 1880
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Sidonie Mandowsky wurde als Sidonie Fasal (nicht Fasel, wie irrtümlicherweise auf dem Stolperstein steht) am 17. Januar 1880 in Teschen (Cieszyn, Polen) in der Nähe der tschechischen Grenze geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann Moritz Fasal (*1840) und dessen Ehefrau Fanny geborene Fasal, seine Cousine ersten Grades (*2. September 1848), war sie das jüngste von insgesamt sieben Kindern. Sie hatte drei Brüder, Adolf (*17. August 1871), Oskar (5. Oktober 1874-1946) und Leo (*1877), sowie drei Schwestern, Olga (*1872), Gabriella (*5. Oktober 1874) und Aurelie (*15. Juli 1878). Ihr Vater war Besitzer einer großen Likör- und Sodawasserfabrik in Teschen und Mitglied des Stadtrates, wo er sich in Ausschüssen aktiv für die Rechte der Armen einsetzte.

Wann und wo Sidonie ihren späteren Ehemann, den Geschäftsmann Ludwig Mandowsky (*9. November 1873), kennenlernte, ist nicht bekannt. Ludwig war der älteste Sohn von Ferdinand und Fanny Mandowsky geborener Wechselmann aus Ratibor. Vermutlich heirateten Sidonie und Ludwig Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie wohnten zuerst in Rybnik (heute Polen), wo Ludwig zwei Brauereien besaß. Während der Zeit des Ersten Weltkrieges starb am 5. April 1916 Sidonies Mutter mit 68 Jahren in Teschen und drei Jahre später ihr Vater, der sehr angesehene Besitzer der Firma M. Fasal, mit 79 Jahren am 4. Februar 1919. Er war Träger des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der jüdischen Kahal, Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der Talmud-Thora-Gesellschaft und langjähriges Mitglied des Roten Kreuzes in Teschen.

Als nach dem Krieg am 3. Juli 1922 der größte Teil des Kreises Rybnik an Polen abgetreten werden musste, gingen Sidonie und Ludwig nach Hindenburg (Zabrze, Polen) in Oberschlesien. Ludwig wurde dort Direktor der „Oberschlesischen Bierbrauerei AG“, deren Haupteigentümer die Ostwerke AG aus Berlin waren. Außerdem war er Mitglied der Handelskammer eines Industrieverbandes und saß im Aufsichtsrat der Deutschen Volksbank. 1928 übernahm die Schultheiss-Patzenhofer AG das Werk, dessen Direktor er war.

Sidonies Bruder Leo, Beamter der Prager Eisenindustrie, starb mit 53 Jahren am 29. Juli 1930 in Prag.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Sidonie 53 Jahre alt und Ludwig im 60. Lebensjahr. Er trat freiwillig von seinem Amt zurück, denn als Jude war er nicht mehr gut angesehen. Sidonie und Ludwig gingen daraufhin nach Berlin. Im Berliner Adressbuch 1934 waren sie zum ersten Mal in der Marienbader Straße 12 in Berlin-Schmargendorf gemeldet. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war auch Sidonies Schwager Kurt bei ihnen in dieser Wohnung im ersten Stock gemeldet. Wann sie in die Clausewitzstraße 4 in Berlin-Charlottenburg umzogen, konnte nicht recherchiert werden.

Am 30. Januar 1942 starb Sidonies Ehemann, der Brauereidirektor außer Dienst Ludwig Mandowsky, mit 68 Jahren an Herzschwäche in der Clausewitzstraße 4. Sidonie wurde mit 62 Jahren Witwe. Gut zwei Monate später, am 7. April 1942, mussten sie und ihr Schwager Kurt in die Gervinusstraße 4 zur Untermiete bei David und Sara Cohen ziehen. Sie mieteten ein Zimmer im Hochparterre mit Ofenheizung für 40 RM. Da der frühere Arbeitgeber ihres Ehemannes, die Schultheiss-Patzenhofer AG, die Zahlungen nach dem Tod ihres Ehemannes eingestellt hatte, schwebte ein Verfahren bei der Schiedsstelle des Reichsverwaltungsgerichts wegen ihrer vermögensrechtlichen Ansprüche aus dem Dienstverhältnis ihres verstorbenen Mannes.

Anfang August 1942 erhielt sie und auch ihr Schwager Kurt den Deportationsbefehl. Da Kurt Zwangsarbeit bei der „Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik AG“ leistete, stand er zwar auf der Deportationsliste, wurde aber nachweislich nicht zu diesem Zeitpunkt deportiert. Sidonies Vermögenserklärung wurde von ihm ausgefüllt und auch am 13. August 1942 von ihm unterschrieben. Mit dem 18. Osttransport wurde sie am 15. August 1942 zusammen mit circa 1.000 Leidensgenossen und -genossinnen vom Güterbahnhof Moabit nach Riga deportiert und kurz nach der Ankunft am 18. August 1942 ermordet. Sidonie Mandowsky geborene Fasal starb mit 62 Jahren.

Ihrer Schwester Aurelie Schindler war nach dem Tod ihres Ehemannes Dr. jur. Paul Schindler (*27. März 1869) am 5. Juni 1927 von Bad Nauheim nach Berlin-Schmargendorf in die Cunostraße gezogen. Ihr Sohn Max (*27. Mai 1901) hatte 1930 die aus Ratibor stammende Rabbinertochter Paula Renata Dienemann in Offenbach geheiratet. Ihnen gelang noch rechtzeitig die Ausreise nach Großbritannien. Aurelie starb am 1. Juli 1943 kurz vor ihrem 65. Geburtstag in London. Auch ihr Bruder Oscar Fasal konnte 1938 in die USA emigrieren, wo er 1946 starb. Ihre Schwester Olga Rudel geborenen Fasal war schon 1937 gestorben.

Ihr ältester Bruder Adolf hatte die Firma des Vaters übernommen und gab sie an seinen Sohn Georg (*20. Mai 1902) weiter. Als die Firma 1938 „arisiert“ wurde, gelang ihnen die Flucht nach Sydney in Australien, wo Adolf 1946 und Georg 1963 starb.

Sidonies Schwester Gabriella Kemeny geborene Fasal starb am 26. April 1944 in Auschwitz.

Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 25034, Sidonie Mandowsky geborene Fasal.

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