Stolpersteine Ludwigkirchstraße 10A

Hauseingang Ludwigkirchstr. 10A

Hauseingang Ludwigkirchstr. 10A

Diese Stolpersteine wurden am 21.9.2013 verlegt.

Stolperstein Paul Maximilian Eppstein

HIER WOHNTE
PAUL MAXIMILIAN
EPPSTEIN
JG. 1902
DEPORTIERT 26.1.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 28.9.1944

Paul Maximilian Eppstein wurde am 4.3.1902 in Ludwigshafen geboren als Sohn des Handlungsreisenden Isidor Eppstein und dessen Ehefrau Johanna Eppstein geb. Scharff. 1909 wurde sein Bruder Lothar geboren (gest. 1977 in USA). Sein Abitur machte er in Mannheim und studierte dann in Heidelberg Rechts- und Staatswissenschaften, Soziologie und Volkswirtschaft und promovierte 1924 an der philosophischen Fakultät. Neben seiner Lehrtätigkeit als Privatdozent an der Handelshochschule in Mannheim wurde er 1928 Leiter der Volkshochschule Mannheim. Er gestaltete dieses Institut völlig um, es wurde zu einem der wichtigsten Institute der Erwachsenenbildung in Deutschland. 1930 heiratete er Dr. Hedwig Strauß. Anfang der 1930er Jahre lehrte er auch Soziologie an der Hochschule für Wissenschaften des Judentums in Berlin. 1933 erschien von ihm das Taschenbuch: „Die Symptomatik in der Konjunkturforschung.“

Paul Eppstein

Im gleichen Jahr wurde er aus rassischen Gründen aller Ämter enthoben und aufgefordert, dem Vorstand der Reichsvertretung der Juden in Berlin beizutreten. Er fungierte dort als Leiter der Auswanderungsabteilung (außer Palästina). Diese 1939 gegründete Reichsvertretung oder Reichsvereinigung war eine Zwangsorganisation aller jüdischen Bewohner (ausgenommen in „Mischehen“ lebender) und jüdischen Organisationen, wie Nachrichtenblätter, Wohlfahrtsorganisationen. Sie war von den Nazis gegründet und unterstand dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und der Gestapo. Das zwang Paul Eppstein mit Leuten wie Adolf Eichmann zu verhandeln, er wurde mehrfach inhaftiert und misshandelt. Dennoch gelang es ihm, bis zum Verbot der Auswanderung 1941 rund 100 000 Juden zur Rettung ins Ausland zu verhelfen. In der Entschädigungsakte beschreibt seine 80 jährige Mutter aus New York seine Tätigkeit so:

bq. Als seine wissenschaftliche und soziale Tätigkeit 1933 einen jähen Abschluss fand, wurde, auf Grund von Persönlichkeit, Bildungsgrad und höchster Charakterqualifikation zum geschäftsführenden Direktor der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland ernannt. Er war richtungsgebend in jeder wichtigen Entscheidung und wurde zu einer zentralen Persönlichkeit im damaligen jüdischen Leben Deutschlands. Er allein führte die Verhandlungen mit den damaligen politischen Behörden Deutschlands, namentlich mit der Gestapo, er führte alle Verhandlungen mit den jüdischen Hilfsorganisationen aller Länder und verwaltete die gewaltigen Fonds und organisierte das Darlehenskassenwesen. Er führte die Auswanderungsverhandlungen mit vielen ausländischen Organisationen: British General Fund, Hias, American Jewish Joint Committee u.a.
…. er widmete seine ganzen Energien den auswandernden, hinsterbenden deutschstämmigen Juden, einer verlorenen Sache, in der es Promotion nur einer Art gab: durch die Engel oder die Gaskammern ins Grab.

Die Historikerin Beate Meyer beschreibt in ihrem Buch “Tödliche Gratwanderung“ das unauflösliche Dilemma der jüdischen Funktionäre, die, um Hilfe für ihre Glaubensbrüder und -schwestern leisten zu können mit ihren Mördern zusammenarbeiten mussten. Paul Eppstein hat sicher geglaubt, Schlimmeres verhüten zu können mit Verhandlungsgeschick und das ganze Ausmaß an Willkür und Gewalt der Nazis war für ihn schlichtweg unvorstellbar. Er ist bis heute in seiner eigenen Community umstritten. 1943 wurde er mit der Lüge, seine soziale Arbeit dort fortsetzten zu können, nach Theresienstadt deportiert und zum Judenältesten gewählt. In seiner Akte ist auch das Zeugnis von Ludwig Wolfram, des 2. Vorsitzenden der Vereinigung ehemaliger Theresienstädter:

bq. im Jahre 1944 war eine internationale Kommission im Lager und diese wurde von Eppstein geführt. Man hatte ihm für die Tage der Besichtigung durch die Kommission den Titel eines Bürgermeisters von Theresienstadt gegeben. Es wurde ihm sogar ein Kraftwagen zur Verfügung gestellt und auch sonst allerlei Vergünstigungen gegeben..

Paul Eppstein als Judenältester in Theresienstadt

Als er sich weigerte weitere Transporte in die Vernichtungslager vorzubereiten, wurde er im September 1944 unter dem Vorwand die Lagergrenze überschritten zu haben inhaftiert, in die kleine Festung überführt und dort erschossen. Seine Frau wurde über seinen Tod getäuscht bis sie selbst im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und umgebracht wurde. Insgesamt sind 18 Mitglieder der Familie Eppstein-Eppler-Mayer im Holocaust umgekommen.

Biographie: Marianne Gaehtgens

Quellen:
  • Familie (Rolf Michael Mayer)
  • Entschädigungsakte Reg-Nr: 253,555, Entschädigungsamt Berlin
  • Interview Beate Meyer, Mannheimer Morgen, 23.02 2013 „ Eine tödliche Gratwanderung“
  • Wikipedia
  • Trude Simonsohn: Erinnerung an Paul Eppstein, in Theresienstädter Studien und Dokumente,1996

Stolperstein Hedwig Eppstein

HIER WOHNTE
HEDWIG EPPSTEIN
GEB. STRAUSS
JG. 1903
DEPORTIERT 26.1.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 30.10.1944
AUSCHWITZ

Hedwig Eppstein, geb. Strauß, wurde am 6. Januar in Mannheim geboren. Ihre Eltern waren der Kaufmann August Strauß aus Binau bei Mosbach und seine Frau Mathilde Oppenheimer aus Schriesheim.

Nach Schule und Abitur studierte Hedwig und promovierte zum Doktor der Philosophie, war anschließend in Mannheim als Sozialbeamtin tätig und engagierte sich im Jüdischen Frauenbund. Der Vater starb schon 1928. Am 14. August 1930 heiratete sie Paul Eppstein in Ludwigshafen. Sie mussten allerdings 1933 nach Pauls Entlassung aus allen Ämtern ihre Wohnung verlassen und sie zogen bald nach Berlin, wo Paul in den Vorstand der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland berufen wurde. Sie selbst arbeitete bei der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und ab 1938 organisierte sie bei der Kinder- und Jugend-Alija die Ausreise junger Juden, vor allem nach Palästina. Das Ehepaar hatte mehrfach die Möglichkeit sich selbst in Sicherheit zu bringen, sie blieben aber und kehrten auch von verschiedenen Auslandsreisen wieder zurück.

Hedwig Eppstein in besseren Zeiten

Zitat aus einem Brief Hedwigs an Pauls Bruder Lothar im Pariser Exil vom 3. Dezember 1938:

bq. in diesem Augenblick kommt ein Weggehen nicht in Frage. Ein paar Wochen müssen wir hier leisten, was die primitivste Verantwortung verlangt.

Aus ein paar Wochen wurden mehr als vier Jahre, bis die Nationalsozialisten sie im Januar 1943 zusammen mit Leo Baeck in das KZ Theresienstadt deportierten, wo ihr Mann Paul der vorletzte Judenälteste wurde (siehe Biographie Paul Eppstein). Nachdem man Paul Eppstein am 27. Januar 1944 verhaftet und kurz darauf erschossen hatte, täuschte die Lagerleitung über Wochen seine Frau, indem sie Hedwig jeden Tag das Essen für ihren Mann in die kleine Festung bringen ließ. Am 28.10.1944 deportierte man Hedwig Eppstein mit dem letzten Transport von Theresienstadt nach Auschwitz, wo sie ebenfalls ermordet wurde.

Biographie: Marianne Gaehtgens

Quellen: Familie (Rolf Michael Mayer)

Bilder: Familie

Stolperstein Else Salomon

HIER WOHNTE
ELSE SALOMON
JG. 1874
DEPORTIERT 8.7.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 27.2.1944

Am 4. Oktober 1874 wurde Else Salomon in Berlin geboren. Der Kaufmann Heinrich Adolph Salomon (*9. März 1841 gest. 13. März 1900) war ihr Vater, Anna Sophia Salomon geb. Grelling (*1853) ihre Mutter. Else hatte zwei Brüder, Fritz Heinrich (genannt Fritz), geboren am 23. September 1878, gestorben 1937 und Heinrich Adolph (genannt Heinrich), geboren am 29. Januar 1885, gestorben am 11. Mai 1935. Das Ehepaar Salomon hatte ein Jahr vor Elses Geburt, am 4. Dezember 1873, geheiratet.

Zur Zeit von Elses Geburt wohnte die Familie in der Hindersinstraße 6 im Alsenviertel. Es galt als Botschaftsviertel in unmittelbarer Nähe zum Reichstagsgebäude. (Die Bebauung der Hindersinstraße wurde aufgrund der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg abgerissen. Der ehemalige Straßenverlauf ist heute mit dem Paul-Löbe-Haus überbaut.) 1978 wohnten die Salomons in der Lützowstraße 43 und um die Jahrhundertwende in der Uhlandstraße 181/182.

Die beiden Söhne waren wie ihr Vater Kaufleute, von Else ist nicht bekannt, ob sie jemals eine Ausbildung gemacht hat und wie sie ihren Lebensunterhalt verdiente.

1914 heiratete Heinrich die geschiedene evangelische Elsa Maria Magdalena Lindenstaedt geb. Kuszinski. Sie brachte den 10-jährigen Hans Georg, Sohn des Kunst- und Plakatmalers Hans Lindenstaedt, mit in die Ehe.

Heinrich und Elsa bekamen zwei gemeinsame Kinder, die am 28. November 1918 geborene Susanne und den am 21. November 1921 geborenen Peter. Elsa verstarb am 26. Dezember 1929 im Alter von 47 Jahren, Heinrich stand nun mit den drei Kindern allein da. Hans Georgs leiblicher Vater war schon 1928 verstorben.

Da Else Salomon in den historischen Adressbüchern zu keiner Zeit verzeichnet war, ist denkbar, dass sie zunächst bei ihrer Mutter Anna in der Fasanenstraße 43 wohnte und später zu ihrem Bruder Heinrich zog, um ihn bei der Versorgung der drei Kinder zu unterstützen.

Heinrich Salomon war beim Pescheck Konzern beschäftigt, einem jüdischen Familienunternehmen mit großen Anteilen an Banken und Braunkohlewerken. Nachdem Heinrich am 16. September 1935 gestorben war, erhielt Else bis 1939, dem Zeitpunkt der Übernahme des Konzerns durch die Hermann Göring Werke, eine monatliche Beihilfe von 100 RM vom Pescheck Konzern. Ihre Nichte Susanne und der Neffe Peter erhielten ebenfalls bis 1939 vom Konzern eine Wirtschaftsbeihilfe über 250 RM. 1939 verließen beide Berlin, Peter ging in die Schweiz und Susanne ließ sich nach dem Krieg in Frankfurt am Main nieder. Ihre Tante haben sie nie wiedergesehen. Der Halbbruder Hans Georg Lindenstaedt blieb in Berlin, er wurde später ein erfolgreicher Tennisspieler.

1934 zog Else als Untermieterin bei Alice Bremer in deren 10-Zimmer-Wohnung in die Ludwigkirchstraße 10a. Die Wohnung befand sich im Vorderhaus in der 4. Etage. Als Miete zahlte sie an Frau Bremer monatlich 40 RM. Sie stattete ihr Zimmer mit ihrem eigenen, zum Teil sehr wertvollen Mobiliar aus.Else schien trotz allem noch ein gutes Auskommen gehabt zu haben. Kurz vor ihrer Deportation gab sie an, Pfandbriefe im Wert von 1000 RM zu besitzen und 1002 RM auf ihrem Konto bei der Deutschen Bank zu haben.

Am 22. Juni 1942 unterschrieb Else Salomon die obligatorische „Vermögenserklärung“, in der alle verbliebenen Besitztümer akribisch aufgeführt werden mussten. Am 8. Juli wurde sie deportiert. Im Beisein ihrer Vermieterin Alice Bremer holte die Gestapo sie aus der Wohnung und verschleppte sie zusammen mit 99 weiteren Berliner Jüdinnen und Juden in das böhmische Ghetto Theresienstadt. Unter den menschenunwürdigen Bedingungen lebte sie dort noch 1 ½ Jahre, bis sie am 27. Februar 1944 im Alter von 70 Jahren starb.

Recherche und Text: Karin Sievert, Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
  • Theresienstädter Gedenkbuch Holocaust.cz
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv www.blha.de
  • Vermögensverwertungsakte
  • Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten – Entschädigungsbehörde
  • Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
  • Deportationslisten
  • Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
  • Yad Vashem – Opferdatenbank
  • Arolsen Archives
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Georg_Lindenstaedt

Stolperstein Georg Nomburg

HIER WOHNTE
GEORG NOMBURG
JG. 1885
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
1942 CHELMNO / KULMHOF
ERMORDET

Stolperstein Charlotte Nomburg

HIER WOHNTE
CHARLOTTE
NOMBURG
GEB. HEYMANN
JG. 1898
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
1942 CHELMNO / KULMHOF
ERMORDET

Die Stolpersteine für Georg und Charlotte Nomburg wurden am 21. September 2013 verlegt, zusammen mit 55 weiteren Steinen im Ludwigkirchsviertel. Es war eine nachbarschaftliche Aktion im Kiez, bei der sich fast alle Nachbarn mit Interesse, mit Spenden und anderer Hilfe beteiligt haben.

Georg Nomburg

Georg Nomburg wurde am 6. Oktober 1885 in Myhlacz, Kreis Oels (Schlesien) als Sohn des Kaufmanns Adolf Nomburg und seiner Ehefrau Rosa, geb. Elias geboren. Er hatte noch einen jüngeren Bruder Hans, der 1894 in Bielitz, damals Österreich, jetzt Polen geboren wurde. Beide Brüder gingen in Bielitz in die Schule, Georg machte eine kaufmännische Berufsausbildung im Kaufhaus Bernstein in Oels, Hans absolvierte das Abitur. Beide nahmen am ersten Weltkrieg in der österreichischen Armee teil. Nach dem Krieg gründete Georg Nomburg im Oktober 1919 eine Herrenkleiderfabrik in Coburg, in die sein Bruder nach Beendigung der Kriegszeit zunächst als Auszubildender aufgenommen wurde. 1926 wurde er Teilhaber der Firma Nomburg& Co.

Charlotte Nomburg

Am 27. Dezember 1921 heiratet Georg Nomburg Charlotte Eugenie (Lotte) Heymann, geb. am 17. August 1898 in Braunschweig.

Wie viele aus diesem blühenden Familien- und Freundeskreis der Shoah zum Opfer gefallen sind, ist heute über die Familie nicht mehr zu erfahren.

Hochzeitsfoto Georg und Charlotte Nomburg

Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne hervor, nämlich Manfred (jetziger Name Yair Noam), geboren am 21. November 1922, und Harry, geboren am 17. November 1923.

In Coburg entstanden ab 1926 antijüdische und antipolnische Übergriffe, obwohl die Familienmitglieder durch Einbürgerungsurkunde der Regierung von Oberfranken vom 11.März 1926 Deutsche geworden waren. Daraufhin übersiedelten die Familien 1928 in die Großstadt Berlin. Die Firma Nomburg & Co befand sich seitdem bis zur zwangsweisen Auflösung im Dezember 1938 in Berlin C.2, Spandauerstr. 11, also in der Nähe des Hackeschen Marktes, wo die sogenannten „Textiljuden“ ihre Domäne hatten. Die vierköpfige Familie Georg Nomburg bewohnte in der Ludwigkirchstr. 10A eine 3 ½ Zimmerwohnung. Im Jahre 1936 wurde den Brüdern Nomburg und ihren Familien nach den Nürnberger Rassegesetzen die deutsche Staatbürgerschaft aberkannt, sie wurden zu staatenlosen Bürgern erklärt.
Hans Nomburg hatte bereits eine Einwanderungserlaubnis für Chile und verließ Deutschland am 31.Juni 1939 von Bremerhaven aus. Georg und Charlotte bezahlten ebenfalls für ein Visum nach Chile, was sich aber als gefälscht erwies und so mussten sie die weiteren Schikanen erdulden. Als erstes kümmerten sie sich um die Rettung der beiden Söhne.

Manfred wanderte 1938 nach Palästina aus und kam bei Verwandten mütterlicherseits unter und änderte seinen Namen in Yair Noam, Harry bekam 1939 einen Platz auf einem Kindertransport nach England. Georg Nomburg und seine Frau Charlotte mussten 1939 ihre Wohnung aufgeben, sie mussten Zwangsabgaben leisten, wie Vermögensabgabe und Fluchtsteuer, Georg leistete Zwangsarbeit. Hausrat, Möbel und Teppiche mussten verschleudert werden, der Judenstern musste getragen werden. Sie zogen für kurze Zeit in ein Leerzimmer in der Heilbronner Str. 10. Am 18. Oktober 1941 wurden sie mit dem 1. Deportationzug nach Lodz / Litzmannstadt deportiert, 1942 nach Chelmo/ Kulmhof und dort umgebracht. Charlotte war 43 Jahre alt, Georg 56.

In der Entschädigungsakte schreibt der Bruder Hans in seinem Lebenslauf:

bq. Wir haben stets einen guten Umsatz getätigt und ca. 60 Arbeitskräfte beschäftigt, so daß schon daraus hervorgeht, daß unsere Firma eine gewisse Bedeutung in der Deutschen Bekleidungsindustrie hatte. Wir haben nur den besten Genre für die Modellkonfektion hergestellt und mit den allerersten Häusern Deutschlands auf diesem Gebiet gearbeitet. Bis zum Jahre 1939 hatten wir eine sehr gut gehende Kleiderfabrik, die dann langsam durch den Boykott der Nazis aller nichtarischen Betriebe langsam zum Stillstand getrieben wurde. Bei den Zerstörungen der Synagogen und Verfolgungen der jüdischen Männer am 9. November 1938 mußte ich mich 14 Tage bei einer befreundeten holländischen Familie verstecken, um nicht ins K.Z. zu kommen, wie viele Tausende. Dadurch war unsere Fabrik ohne Leitung und wurde in dieser Zeit auch noch bestohlen.
Durch diese Maßnahmen wurden wir gezwungen, im Jahre (1.12) 1938 unser blühendes Unternehmen unter großen Verlusten zu liquidieren. Es war uns nicht mehr möglich, unsere großen Lagerbestände nicht einmal zum Selbstkostenpreis, sondern zu einem Schleuderpreis anzubringen. Was wir durch müheselige Arbeit im Laufe von 20 Jahren aufgebaut haben, ist durch die Nazis zerstört worden……

Die Geschichte der beiden überlebenden Brüder Yair und Harry ist sehr interessant. Harry schreibt:

bq. at the age of fifteen I was sent by my Jewish parents to England to escape Nazi Germany. I left Berlin on May 21,1939. It happened to be a Sunday as well as Mother´s Day. I never saw my parents again……

Manfred und Harry Nomburg mit einem Freund aus früheren Zeiten, Berlin Mai 1946

Er trat mit achtzehn Jahren in die Britische Armee ein, sie benannten ihn um in Harry Drew und er landete mit einem Britischen Kommando am D-Day in der Normandie in der Nähe von La Breche. Einige Zeit vor seinem Tod gab er ein Shoah Foundation Interview, welches im Jüdischen Museum und in der Freien Universität zu hören ist. Unter diesem link beschreibt er seine Militärlaufbahn:
www.eastlothianatwar.co.uk/ELAW/Harry_Nomburg.html

Er war verheiratet, seine Frau Beatrice und seine beiden Kinder kamen zur Stolpersteinverlegung aus New York und San Francisco.
Sein Bruder Yair Noam lernte in Haifa den Beruf des Graphikers, erhielt im September 1941 auf einem Rote-Kreuz-Formular die letzte Nachricht von seinen Eltern aus Berlin:

bq. Uns geht es gut, Harry schrieb zufrieden, möge es bei Euch und ihm immer so bleiben.

Er meldete sich 1942 auch als Freiwilliger zur britischen Armee und kam 1945 mit der US Army über Italien nach Berlin. Dort trafen sich die beiden Brüder.

bq. Was für eine Freude war das, wir liefen gemeinsam über den Kudamm, zwei englische Soldaten, die überlebt hatten. Und wie weh tat das: Der Verlust der Eltern und Berlin, das ganz und gar zerstört war.

Davon gibt es ein Bild mit der zerstörten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im Hintergrund.

Er kehrte nach Palästina zurück, heiratete und bekam drei Kinder. 91-jährig nahm er mit seinem Enkel an der Stolpersteinverlegung für seine Eltern teil und er schrieb später:

bq. Hätte ich jemals geträumt auf einer Berliner Straßenecke öffentlich zu reden? Sie gaben mir die Gelegenheit dazu, und damit zum ersten Mal mehr über das Schicksal meiner Eltern zu sagen. Es war einer der denkwürdigsten Tage in meinem Leben.

Biographie und Recherche: Dr. Marianne Gaehtgens

  • Ansprache Marianne Gaehtgens

    PDF-Dokument (27.6 kB)

  • Ansprache Yair Noam (deutsch)

    PDF-Dokument (9.7 kB)

  • Ansprache Yair Noam (englisch)

    PDF-Dokument (39.3 kB)

Stolperstein Elsa Brunner

HIER WOHNTE
ELSA BRUNNER
GEB. STERN
JG. 1893
DEPORTIERT 8.11.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET DEZ. 1943

Elsa Brunner, geb. Stern wurde am 5. November 1893 in Göttingen geboren. Ihre Eltern waren Bernhard und Rahel Stern. Sie war verheiratet mit dem Makler Carl Hans Brunner. Die Ehe blieb kinderlos.

Da Carl Hans Brunner Christ war, vertraute Elsa Brunner auf den Schutz der von den Nationalsozialisten so genannten „Mischehe“ zwischen “Ariern“ und Juden und verließ Deutschland, im Gegensatz zu ihrer Mutter und ihren drei Schwestern, die nach Israel emigrierten, nicht.

Dieser Schutz entfiel mit dem Tod des Ehemannes, der wohl 1943 gestorben sein muss. Denn er stand von 1938 bis 1943 unter dieser Anschrift im Adressbuch und hat wohl seinen Beruf noch ausüben dürfen. Aus dem Berliner Adressbuch 1943: Brunner, C. H., Makler

Rahel Stern hat 1955 in der Gedenkblätter-Sammlung bei Yad Vashem die Lebens- und Todesdaten ihrer Tochter niedergelegt. Am 8. November 1943 wurde Elsa Brunner mit einem als 46. Osttransport deklarierten Reichsbahn-Zug ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und im Dezember 1943 ermordet. Das genaue Datum ihres Todes ist nicht bekannt, sie wurde 49 Jahre alt.

Recherchen und Text: Monika Hein, Helmut Lölhöffel

Quellen:
  • Bundesarchiv
  • Gedenkblatt von Rahel Stern in der Zentralen Datenbank der Holocaust-Opfer Yad Vashem
  • Berliner Adressbücher

Stolperstein Alice Bremer

HIER WOHNTE
ALICE BREMER
GEB. HIRSCH
JG. 1865
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 6.9.1942

Stolperstein Alice David

HIER WOHNTE
ALICE DAVID
JG. 1892
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
1.4.1942

Alice David wurde am 18. August 1892 in Essen geboren. Sie gab als Beruf „Arbeiterin“ an, was wahrscheinlich bedeutete, dass sie zuletzt Zwangsarbeiterin war, und lebte als Untermieterin in einem möblierten Zimmer bei Alice Bremer.

Um der drohenden Deportation zu entgehen, wählte sie am 1. April 1942 den Freitod. Sie war 49 Jahre alt.

Nach dem Tod von Frau David wurde das Zimmer von einem Gerichtsvollzieher im Beisein eines Finanzbeamten geöffnet und der Wert des persönlichen Besitzes (Koffer, Nachttisch, Bettdecke, Schlafdecke, Wäsche, Bücher und Handtasche) mit 145,00 Reichsmark festgestellt. Die Gegenstände wurden an Einzelhändler, die sich dran bereicherten, zum Verkauf übergeben.

Die Commerzbank am Viktoria-Luise-Platz teilte der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) mit, der Wert des Sparkontos betrage 485,42 RM und der des Depots 7320,75 RM.

Die rechtmäßige Erbin war Bertha David, die Mutter der Verstorbenen. Nach dem „Erlass über die Verwertung des eingezogenen Vermögens von Reichsfeinden„ vom 29.5.1941 (Reichsgesetzblatt I, S.303) wurde der Nachlass jedoch „zu Gunsten des Deutschen Reiches“ eingezogen.

Die Vermieterin Alice Bremer, geb. Hirsch ist am 17. August 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 6. September 1942 umgebracht worden.

Recherchen und Text: Monika Hein

Quellen:
  • Bundesarchiv
  • Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Entschädigungsbehörde
  • Berliner Adressbuch

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