Stolpersteine Regensburger Str. 27

Link zu: Hauseingang Regensburger Str. 27, Foto: F. Siebold, 2013
Hauseingang Regensburger Str. 27, Foto: F. Siebold, 2013
Bild: Stolpersteine-Initiative CW

Diese Stolpersteine sind von der Hausgemeinschaft gespendet worden und wurden am 8.6.2013 in Anwesenheit von Maria Charlotte Lesser sowie ihrer Mutter und Tochter und zahlreichen Hausbewohner/innen verlegt.

Die Stolpersteine für Ilse und Robert Abraham und Regina Samuel wurden am 2.12.2013 verlegt.

Link zu: Stolperstein Max Ullmann, Foto: F. Siebold, 2013
Stolperstein Max Ullmann, Foto: F. Siebold, 2013
Bild: Stolpersteine-Initiative CW

HIER WOHNTE
MAX ULLMANN
JG. 1875
DEPORTIERT 19.1.1942
ERMORDET IN
RIGA

Link zu: Stolperstein Betty Kohn, Foto: F. Siebold, 2013
Stolperstein Betty Kohn, Foto: F. Siebold, 2013
Bild: Stolpersteine-Initiative CW

HIER WOHNTE
BETTY KOHN
GEB. SABATZKI
JG. 1874
DEPORTIERT 19.1.1942
ERMORDET IN
RIGA

Link zu: Stolperstein Georg Lesser, Foto: F. Siebold, 2013
Stolperstein Georg Lesser, Foto: F. Siebold, 2013
Bild: Stolpersteine-Initiative CW

HIER WOHNTE
GEORG LESSER
JG. 1890
VERHAFTET 1938
SACHSENHAUSEN
DEPORTIERT 26.10.1942
RIGA
ERMORDET 29.10.1942

Link zu: Stolperstein Charlotte Lesser, Foto: F. Siebold, 2013
Stolperstein Charlotte Lesser, Foto: F. Siebold, 2013
Bild: Stolpersteine-Initiative CW

HIER WOHNTE
CHARLOTTE LESSER
GEB. COHN
JG. 1897
DEPORTIERT 26.10.1942
RIGA
ERMORDET 29.10.1942

Ansprache der Hausbewohnerin Marianne Heuwagen zum Gedenken:

„Das Haus Regensburger Straße 27 gehörte Ende der 1930er Jahre einem Diplom-Kaufmann, Dr. Hermann Vater, Nürnberger Platz 3. Zu dieser Zeit waren vier Wohnungen an deutsche Juden vermietet, es wohnten hier zwei verwitwete Personen und zwei Ehepaare. Wie alle Juden wurden auch sie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Opfer systematischer Verfolgung. Zuerst wurde ihre wirtschaftliche Existenz vernichtet. Jüdische Geschäfte wurden boykottiert, Juden wurden aus dem Staatsdienst entlassen, ihre Geschäfte wurden „arisiert“.

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 wurden ihre Lebensmittel rationiert, sie durften keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen, ab September 1941 mussten sie den gelben Stern tragen. Das Leben in Deutschland war für sie unerträglich geworden. Viele Juden mussten sich ihren spärlichen Lebensunterhalt als Zwangsarbeiter verdienen. So kam es, dass aus ehemaligen Kaufleuten plötzlich Hilfsarbeiter wurden. Die Lessers und Abrahams mussten ihre Wohnungen schon 1941 aufgeben, sie lebten danach in möblierten Zimmern zur Untermiete, von wo sie deportiert wurden.

1941 begann die Deportation von mehr als 50 000 Berliner Juden in die Vernichtungslager. Aus diesem Haus wurden sechs Menschen deportiert: Max Ullmann und Betty Kohn sowie die Ehepaare Lesser und Abraham. Für vier von ihnen verlegen wir heute Stolpersteine. Für Robert und Ilse Abraham werden die Steine später verlegt. Wir sind sehr froh, dass die Angehörigen der Familie Lesser, die in Berlin leben, heute an unserer kleinen Gedenkstunde teilnehmen, und die Enkelin, Maria Lesser, wird zu ihren Großeltern etwas sagen.

Kurz vor der Deportation wurden die Juden von der Oberfinanzdirektion aufgefordert, Vermögenserklärungen auszufüllen. Darin mussten sie ihr gesamtes Hab und Gut auflisten: Möbel, Geschirr, Bilder, Teppiche, sogar Kleidungsstücke. Sie mussten auch alle anderen Vermögenswerte angeben: Lebensversicherungen, Bankguthaben, Aktien, die das Deutsche Reich sich dann einfach aneignete. Diese Vermögenserklärungen, die im Landeshauptarchiv Brandenburg lagern, sind oft die einzigen Spuren, die sie hinterlassen haben, sie sind auch die Quelle, aus der unsere spärlichen Informationen stammen, die wir über ihr Leben herausgefunden haben.

Wir gedenken Max Ullmann, Betty Kohn, Georg Lesser und Charlotte Lesser.“

Zur Verlegung der Stolpersteine für Georg und Charlotte Lesser sagte die Enkeltochter Dr. Maria Charlotte Lesser:

„Georg war ein Kaufmann aus Krone, Charlotte kam aus Stralsund und war – so wie es mein Vater erzählt hat – eine bemerkenswert starke Persönlichkeit. Sie haben von 1937 bis Anfang 1942 hier in der Regensburger Straße 27 gewohnt.

Ich weiß nicht viel über die Beiden. Mein Vater musste mit 16 Jahren aus Deutschland fliehen. Den Kontakt zu seinen Eltern zu halten, wurde sehr bald unmöglich. Sicher ist: er hat seine Eltern sehr geliebt und eine glückliche Kindheit gehabt. Zunächst. Er hat bei seiner Mutter – die eine glänzende Pianistin gewesen sein muss – Musik lieben und Klavier spielen gelernt. Stralsund, wo die Familie meiner Großmutter ein Herren-Maßkonfektionsgeschäft hatte, kam in seinen Kindheitserinnerungen oft vor. Als er 1947 als britischer Soldat nach Deutschland zurückkam, hat er sofort nach seinen Eltern gesucht. Was er in Erfahrung brachte war, dass sie 1942 deportiert worden waren – nach Osten. Beide wurden offenbar kurz nach ihrer Ankunft in Riga ermordet. Nur wenige aus der Familie hatten überlebt.

Der Flügel meiner Großmutter ist übriggeblieben. Den hatten Georg und Charlotte, als sie gezwungen wurden, ihre Wohnung aufzugeben und zur Untermiete zu wohnen, bei Freunden untergestellt. Ein Haus war über dem Instrument eingestürzt – aber es hat ‚überlebt‘. Mein Vater hat auf ihm die meisten seiner Werke komponiert, ich habe darauf Klavier geübt – so wie jetzt meine Tochter, deren zweiter Name übrigens CHARLOTTE ist.

Im Jüdischen gibt es ein Wort, das besagt: ‚Ein Mensch ist so lange nicht wirklich tot, als man sich seiner erinnert.‘ Deswegen bin ich Ihnen allen sehr verbunden, dass Sie hier sind bei der Stolpersteinverlegung und sich mit mir und meiner Familie gemeinsam erinnern.“

Von allen jüdischen Bewohnern der Regensburger Straße 27 hat Max Ullmann am längsten hier gewohnt, fast 23 Jahre. Am 20. April 1875 in Berlin geboren, ist er schon im März 1919 eingezogen. Er lebte gemeinsam mit seiner Frau im 2. Stock rechts im Gartenhaus. Von Beruf war er Handelsvertreter in der Fleischwarenindustrie. Das Ehepaar hatte offensichtlich keine Kinder.
In der Vermögenserklärung, die er wie alle Juden vor den Deportationen abgeben musste, beschrieb er sich als Witwer. Max Ullmann füllte diese Erklärung ganz besonders sorgfältig aus und listete einzeln jedes Kleidungsstück auf, das er besaß: 1 Straßenanzug, 1 Wintermantel, 6 Krawatten, 2 Herrenhüte, 1 Paar Stiefel. Max Ullmann war 67 Jahre alt, als er am 19. Januar 1942 vom Bahnhof Grunewald aus während einer andauernden Kältewelle nach Riga deportiert wurde. Fast alle 1002 Insassen des Zuges wurden sofort nach der Ankunft in den Wäldern um Riga erschossen und in Massengräber geworfen. Max Ullmanns Wohnung wurde am 21. April 1942 geräumt.

Betty Kohn geb. Sabatzki ist am 6. November 1874 in Schivelbein (Pommern) geboren. Wann sie in die Regensburger Straße gezogen ist, wissen wir nicht. Betty Kohn lebte im rechten Seitenflügel, 2. Stock und hatte einen Untermieter. Sie war Arztwitwe. Ihr verstorbener Mann, Dr. med. Ferdinand Kohn, war am 2. Juli 1865 geboren. Sie hatten keine Kinder.
In der Vermögenserklärung vom 21.12.1941 führte sie neben anderen Haushaltsgegenständen das Bild „Amor und Psyche“ auf – es muss ihr viel bedeutet haben. Sie nannte auch einen Schrankkoffer, eine Nähmaschine und einen Gobelin. Ferner schrieb sie, dass sie seit einem halben Jahr Wohlfahrtsunterstützung beziehe. Sie gab als Berufsbezeichnung „Maniküre, Pediküre, Fußmassage“ an. Betty Kohn wurde im Alter von 67 Jahren am 19. Januar 1942 vom Bahnhof Grunewald bei eisiger Kälte mit 1002 Menschen in Güterwagen nach Riga deportiert. Dort ist sie – viele waren schon erfroren – wie die meisten nach Riga Verschleppten gleich nach Ankunft am 23. Januar erschossen worden. Nur 55 Überlebende dieses Transportes sind bekannt.

Georg Lesser wurde am 17. März 1890 in Krone a. d. Brahe (Koronowo / Polen) geboren. Er war verheiratet mit Charlotte , geb. Cohn, die am 8. Oktober 1897 in Stralsund geboren wurde. Dier Familie besaß in Stralsund ein Geschäft für Herrenmaßkonfektion. Das Ehepaar hatte einen Sohn, Wolfgang, der am 31. Mai 1923 in Breslau geboren wurde.
Familie Lesser war aus Breslau am 10. Juli 1937 nach Berlin gezogen, vermutlich gleich in die Regensburger Straße 27. Wolfgang Lesser war eng mit dem Sohn des Hausmeisters befreundet, der den jungen Kommunisten vor einer bevorstehenden Verhaftung warnte, sodass Wolfgang nach England fliehen konnte. Georg Lesser war nach Informationen der Jüdischen Gemeinde bis 16.12.1938 im KZ Sachsenhausen – vermutlich ist er im November 1938 bei einer willkürlichen Aktion gegen Juden, die von ihren Arbeitsplätzen geholt wurden, verhaftet worden. Am 10.3.1942 zog das Ehepaar Lesser zur Untermiete in ein Zimmer zu Berta Frommer, Nestorstraße 54, von wo sie abgeholt, nach Riga deportiert und ermordet wurden. Wolfgang Lesser kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg nach Ostberlin zurück, wo er Musik studierte, Komponist wurde und Generalsekretär des Musikrats der DDR, Mitglied der Kulturkommission beim Politbüro der SED und bis 1989 Abgeordneter der Volkskammer der DDR war. Er ist 1999 in Berlin gestorben.
Das Formular der Vermögenserklärung sprach von „Auswanderung“ und enthielt die Frage: „Welche Familienangehörige wandern mit aus?“ Lessers besaßen Aktien und Wertpapiere im Wert von 13000 RM. In Schreiben des Finanzamtes Wilmersdorf-Nord vom April und Juni 1944 hieß es, das Ehepaar Lesser sei in der Regensburger Straße 27 „wohnhaft gewesen“. Als Beruf gab Georg Lesser in der Vermögenserklärung vom 21.10.1942 „Hilfsarbeiter“ an, was bedeutete, dass er in seinem eigentlichen Beruf nicht mehr arbeiten durfte. Er war als Zwangsarbeiter bei der Firma Gossen in Reinickendorf beschäftigt und verdiente 30 RM wöchentlich. Am 28.4.1944 schrieb ein Beamter des Finanzamts Wilmersdorf-Nord „Ich habe für Lesser noch Reichsfluchtsteuersicherheiten in Händen. Der Pflichtige ist am 26.10.1942 nach dem Osten überführt worden. Ich bitte um Mitteilung, ob das Vermögen dem Reich verfallen oder eingezogen worden ist“. Das Bankhaus Scheuermann überwies die Aktien des Ehepaars Lesser an die Oberfinanzdirektion, die Isar- und Allianz-Versicherungen übertrugen die Policen des Ehepaars ebenfalls an die OFD.
Am 26. Oktober 1942 sind Georg und Charlotte Lesser vom Güterbahnhof an der Putlitzstraße in Berlin-Moabit nach Riga (Lettland) deportiert worden, wo sie nach der Ankunft des mit 798 Leidensgenossen voll besetzten Zuges am 29. Oktober 1942 erschossen und in einem der Massengräber in der Umgebung Rigas verscharrt wurden.

Recherchen und Texte: Marianne Heuwagen

Link zu: Stolperstein Ilse Abraham, Foto: H.-J. Hupka
Stolperstein Ilse Abraham, Foto: H.-J. Hupka
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HIER WOHNTE
ILSE ABRAHAM
GEB. COHN
JG. 1898
DEPORTIERT 26.9.1942
RAASIKU
ERMORDET

Link zu: Stolperstein Robert Abraham, Foto: H.-J. Hupka
Stolperstein Robert Abraham, Foto: H.-J. Hupka
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
ROBERT ABRAHAM
JG. 1895
DEPORTIERT 26.9.1942
RAASIKU
ERMORDET

Link zu: Stolperstein Regina Salomon, Foto: H.-J. Hupka
Stolperstein Regina Salomon, Foto: H.-J. Hupka
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
REGINA SAMUEL
GEB. BOAS
JG. 1867
DEORTIERT 26.6.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 13.8.1942

Robert Rudolf Abraham , wurde am 1. April 1895 in Alt-Stüdnitz (Pommern) als Sohn von Wolf und Therese Abraham geboren, war von Beruf Kaufmann und verheiratet mit Ilse Abraham , geb. Cohn, geboren am 20. Oktober 1898 in Bahn (Pommern). Robert und Ilse hatten zwei Kinder: Gerd-Jürgen, geboren am 23. März 1925, und Lilly, geboren am 5. Januar 1928, beide in Stettin. Die Familie zog am 1. April 1928 von Bahn in die pommersche Kreisstadt Pyritz und am 12. April 1937 nach Berlin in die Regensburger Str. 27, wo sie bis Anfang der 1940er Jahre gewohnt haben. Im März 1939 konnten die Geschwister mit einem Kindertransport vor den Nazis nach England fliehen.

Den Firmensitz seines Getreidehandels verlegte Robert Rudolf Abraham am 20.7.1937 in die Regensburger Straße, abner das Geschäft lief nicht, wurde am 13.12.1938 eingestellt und die Eintragung im Handelsregister am 19.12.1940 gelöscht. Er versuchte zunächst sein Glück als Immobilienmakler. In der Vermögenserklärung gab er an, als „Hilfsarbeiter“ beschäftigt zu sein. Die Abrahams zogen aus der Regensburger Straße in ein möbliertes Zimmer in der Spichernstraße ihre Möbel lagerten sie in der Spedition Roth, Reichenberger Straße 114. Offensichtlich hofften sie, noch auswandern zu können, wie ihre Enkel bestätigen. Es war ihnen nicht mehr vergönnt.

Robert und Ilse Abraham wurden aus der Spichernstraße 17 deportiert, wo sie zuletzt im 3. Stock im Gartenhaus bei Erich Salinger in einem Zimmer zur Untermiete wohnten. Der bestätigte am 8.10.1942 der Oberfinanzdirektion (OFD), dass das Ehepaar Abraham „bis zu ihrer am 26.9. erfolgten Abwanderung in Untermiete – und zwar teilmöbliert – bei mir gewohnt hat“. Salinger bat darum, ihre Sachen abzuholen. Später schrieb ein Dr. Kurt Werthauer, dem die juristische Vertretung nur von Juden erlaubt war und der sich „Konsulent zur rechtl. Beratung und Vertretung von Juden“ nennen durfte, dass noch eine Rechnung des jüdischen Arztes Dr. Kurt Mendel in Höhe von 81 RM offen sei, die die OFD begleichen möge. Das Finanzamt Wilmersdorf-Nord beantragte den Einzug des Aktienvermögens der Abrahams als „Reichsfluchtsteuer“. In den Akten der OFD ist eine jahrelange Auseinandersetzung zwischen einzelnen Behörden enthalten, in der es um eine Schuld oder Hypothek auf ein Grundstück in Marienthal, Kreis Greifenhagen (Pommern) geht.

Am 26. September 1942 wurden Robert und Ilse Abraham nach Raasiku (Estland), 35 Kilometer von Reval entfernt, deportiert. Sie wurden am Güterbahnhof Moabit in einen von etwa zehn Waggons getrieben, die an einen aus Frankfurt am Main kommenden Zug angehängt wurden. Nach der Ankunft am 31. September wurden von den 1049 Insassen, darunter 108 Kinder unter zehn Jahren, etwa 200 jüngere Frauen und Männer aussortiert und in Arbeitslager gebracht. Alle anderen wurden in Omnibussen in das nahegelegene Harjumaa gebracht, wo sie getötet wurden.

Die Geschwister Gerd-Jürgen und Lilly stellten 1952 gemeinsam einen Antrag auf Entschädigung. Die Bearbeitung dauerte bis Mitte der 1960er Jahre. Aus diesen Entschädigungsakten geht hervor, dass die Geschwister entweder am 21. oder 23. 3.1939 nach London emigriert waren; zu dieser Zeit lebte die Familie noch in der Regensburger Straße 27.

Gerd-Jürgen Abraham besuchte bis zum 10. Lebensjahr das Bismarckgymnasium in Pyritz. Als seine Eltern 1937 nach Berlin zogen, ging er auf eine jüdischen Privatschule. Nach der Ausreise mit dem Kindertransport nach London fehlte ihm für weiteren Schulbesuch das Geld, er machte eine Uhrmacherlehre. Eigentlich hatte er mal studieren wollen. Mitte der 1950er Jahre lebte er in 66 Salisbury Road, Harrow, Middlesex.

Lilly Abraham ging ebenfalls auf ein jüdische Privatschule, die sie nach der 4. Klasse verlassen musste. Sie besuchte dann weiter die Grundschule in London und ließ sich zur Bürokraft ausbilden, lernte Stenographie und Schreibmaschine und arbeitete als Sekretärin. Am 16.2.1958 heiratete sie in London und trug den Familiennamen Fabian.

Gerd-Jürgen Abraham beschrieb in einem Lebenslauf die Familiengeschichte: Der Großvater Wolff Abraham hatte gemeinsam mit Hermann Pieck den Hermann Pieck OHG Getreidehandel und Zementfabrik in Pyritz (Pommern) betrieben; nach dem Tod von Pieck 1906 übernahmen Robert Rudolf und sein Bruder Martin die Firma; 1921 gründeten sie in Bahn eine Zweigstelle, die Robert Rudolf führte, bis nach 1933 der Gewinn der Firma erheblich zurückging; 1938 wurde die Firma an Fritz Bretzke verkauft und arisiert.

Martin Abraham, geboren am 18. Juli 1885 in Alt-Stüdtnitz, wanderte am 11.7.1939 über Shanghai nach Israel aus, wo er 1951 starb; seine Witwe Sophie, geb. Ring, geboren am 22. März 1894, stellte 1964 von New YorkY aus einen Antrag auf Entschädigung, der abgelehnt wurde.

Robert Abraham was the son of Wolf and Therese Abraham, who lived in Pyritz, Pommern. Together with Hermann Pieck Wolf A. founded the company Hermann Pieck OHG in Pyritz. 1906 Robert (born on 4-1-1895) and his older brother Martin ( born on 7-18-1885) took over the company after the death of Hermann Pieck. In 1921 they founded a branch in Bahn, for which Robert was responsible. In Bahn he must have met his wife, Ilse Cohn (born on 10-20-1898 in Bahn). They had two children, Gerd-Jürgen and Lilly Therese, both were born in Stettin.

After the Nazis came to power they ordered a boycott of Jewish shops and companies. Hermann Pieck OHG lost a lot of its business and in 1938 the company was sold to Fritz Bretzke.

On April 12th, 1937 the family of Robert Abraham moved to Regensburger Str. 27 in Berlin. The records of the city addresses show, that not only the family moved to Wilmersdorf (a part of Berlin), but also what was left of the company. Obviously Robert A had hoped to save the company, but it ceased to exist in 1938. Robert tried to make a living as a real estate agent, but that was not successful probably due to the enormous discrimination and restrictions that Jews had to endure.

Gerd and Lilly went to a private Jewish school not far from the apartment on Joachimsthaler Str, where they lived. In March 1939 they came with a Kindertransport to London. Lilly continued with primary school in London, Gerd, who originally had hoped to study, did not have the money for further education and learned to become a watchmaker.

Before being deported the Jews had to fill out a declaration about everything they owned, a Vermögenserklärung. This declaration often is the only trace they have left. Both Robert and Ilse declared themselves as “laborer” in that declaration. The declaration can be found today in an archive in Potsdam.

After not being able to pay the rent for their apartment any more, Robert and Ilse stored their furniture and other belongings with a moving company called Spedition Roth and moved to Spichernstraße 17, in the garden house on the 3rd floor. Maybe they also hoped to be able to emigrate. They rented a furnished room from Erich Salinger. From there they were deported on 9-26-1942 to Raasiku near Reval in Estland. After they were deported Salinger asked the German Financial Bureaucracy to pick up their belongings. Shortly before being deported they obviously went to a doctor Kurt Mendel who asked for their last bill about 80 Reichsmark to be paid. There must have been a piece of land in Marienthal, Greifenhagen, which kept the financial bureaucracy in Nazi Germany busy.

Martin Abraham emigrated on July 11th 1939 via Shanghai to Israel, where he died in 1951. His widow Sophie (nee Ring on 3-22-1894) later filed for compensation as did the Abraham children from London. Most of the files in the archives are dealing with those compensation and financial matters.

Recherchen und Texte (deutsch und englisch): Marianne Heuwagen

Link zu: Traueranzeige der jüdischen Zeitung „Aufbau“, 13.9.1946
Traueranzeige der jüdischen Zeitung „Aufbau“, 13.9.1946
Bild: Judith Kessler

Regina Samuel, geb. Boas , ist am 31. Oktober 1867 in Schwerin an der Warthe im Bezirk Posen (Poznan) geboren. Anfang der 1939er Jahre wohnte sie in Schöneberg in der Klixstraße 4, später in der Regensburger Straße 27 zur Untermiete bei Max Ullmann im Gartenhaus, 2. Stock. Sie bezahlte dafür 45 Reichsmark monatlich.

Am 13. August 1942 wurde Regina Samuel nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 26. September 1942 ums Leben kam. Mehr als vier Jahre danach, am 13.9.1946, erschien in der jüdischen Zeitung „Aufbau“ eine Traueranzeige, uterzeichnet von acht ihrer Familienmitglieder, die nach Shanghai, Tel Aviv, Mexico und London flüchten konnten. Tllly, Käthe und Adolf, so ist zu vermuten, könnten ihre Kinder sein.

Recherche: Judith Kessler