HIER WOHNTE
MORITZ JACOBY
JG. 1883
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942
Moritz Jacoby wurde am 11. Juni 1883 in der Bülowstraße 19 in Berlin geboren. Seine Eltern waren Michael Jacoby (*1850), dessen Beruf in der Geburtsurkunde als Kaufmann angegeben wird, und Martha Jacoby geborene Wittkowsky (*1856). Moritz ist Bruder von Gertrud Jacoby, die drei Jahre später auf die Welt kommt. Daneben gibt es noch drei weitere Geschwister: die älteste Schwester Elsa (*1881), den Bruder Siegfried (*1884) und die jüngste Schwester Tana (*1887). Moritz‘ Vater starb ein halbes Jahr vor dem Ersten Weltkrieg, die Mutter kurz vor ihrem achtzigsten Geburtstag im Jahr 1936. Drei ihrer Kinder wurden in der Shoah ermordet.
Am 11. Mai 1929 heiratete Moritz Jacoby im Alter von 45 Jahren die zwanzig Jahre jüngere Stenotypistin Anna Martha Lasetzky aus Schneidemühl in Pommern (heute: Pila/Polen). Auf dem Standesamt in Berlin-Schmargendorf waren als Trauzeugen der Kaufmann Edmund Lader und der Schriftsteller Doktor Ludwig Davidsohn anwesend. Die Ehe scheint nicht lange gehalten zu haben. Vermutlich wurde Anna von den Nationalsozialisten unter Druck gesetzt, sich von ihrem jüdischen Ehemann zu trennen. Am 23. Dezember 1937 heiratete sie den zwei Jahre jüngeren Geschäftsführer Eduard Barkowiak im Berliner Standesamt 7c, das für das südöstliche Stralauer Viertel zuständig war. Sie überlebte den Nationalsozialismus und starb am 28. Juni 1977 als Witwe eines Vinzent Mruk, ihres dritten Ehemanns, in Berlin-Reinickendorf.
Moritz Jacoby war als Rechtsanwalt und Notar zugelassen, seine Kanzlei befand sich in der Landsberger Straße 83. Ihm wurde nach der Verabschiedung des Gesetzes über die Zulassung der Rechtsanwaltschaft vom 07. April 1933 die Ausübung seines Berufes verboten, weil er „nicht-arischer“ Herkunft war. Kurze Zeit später wurde er als Rechtsanwalt wieder zugelassen, da er am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte bzw. schon vor 1914 als Anwalt tätig war. Das Notariat wurde ihm entzogen, doch er durfte noch bis 1936 für jüdische Kunden als Anwalt tätig sein. Danach musste er Hilfsarbeiten übernehmen und Zwangsarbeit leisten. Sein letzter Arbeitgeber, die Kunstharz-Fabrik Germer & Willems in Moabit, bescheinigte ihm am 08. April 1942, er stehe in der Firma im Arbeitseinsatz und sei mit dringenden Tätigkeiten beschäftigt. Das hat ihn nicht vor der Deportation geschützt.
Moritz Jacoby wohnte seit dem 01. Oktober 1917 bis zu seiner Deportation in der Landhausstraße 25 in Berlin-Wilmersdorf. In der Vermögenserklärung vom 12. August 1942 legte er dar, dass neben ihm und seiner Schwester Gertrud noch drei weitere Personen als Untermieter in der 4 1/2 Zimmer großen Wohnung lebten, unter anderem die gemeinsame Nichte Marga Kilinski. Nach Moritz‘ und Gertruds Deportation wurde sowohl Marga als auch den anderen Untermietern am 01. November 1942 der Untermietvertrag gekündigt. Die jüdische Kultusvereinigung bat die Vermögensverwertungsstelle, Marga in der Wohnung zu belassen, dem Wunsch wurde nicht entsprochen. Marga wohnte bis zu ihrer Deportation am 14. Oktober 1943 höchstwahrscheinlich illegal dort. Für sie liegt schon seit 2013 ein Stolperstein an dieser Stelle. Das Inventar der Wohnung und weiteres Vermögen der Jacobys wurde beschlagnahmt und fielen an das Deutsche Reich.
Am 15. August 1942 wurde Moritz gemeinsam mit seiner Schwester Gertrud mit dem 18. Osttransport nach Riga deportiert. An dem Tag wurden alle Deportierten vom Sammellager, der Synagoge in der Levetzowstraße, zu einem Güterbahnhof an der Putlitzstraße/Quitzowstraße in Berlin-Moabit gebracht. Dies geschah für gewöhnlich in den frühen Morgenstunden. Die Deportierten wurden gezwungen, circa drei Kilometer zum Bahnhof zu marschieren, entlang der Jagowstraße, Alt-Moabit, Turmstraße, Perleberger Straße, Havelberger Straße und der Quitzowstraße. Nicht Gehfähige wurden mit Lastwagen dorthin gebracht. Am Bahnhof standen von der Gestapo bestellte und von der Reichsbahn unter der Nr. Da 401 bereitgestellte Passagierwaggons dritter Klasse bereit und den Deportierten wurde befohlen einzusteigen. Dieser Transport fuhr am selben Tag ab.
Es war der achtzehnte von über 60 Transporten aus Berlin in den Osten (Osttransporte), in denen insgesamt über 35.000 Juden aus Berlin in die Ghettos und Vernichtungslager in Osteuropa deportiert wurden. Dieser Transport bestand aus bis zu 1.004 Männern, Frauen und Kindern, die meisten stammten aus Berlin. Das Durchschnittsalter der Deportierten betrug 46 Jahre, unter ihnen waren auch 83 Kinder unter 15 Jahren, sowie in einem separaten Abteil Insassen des Polizeigefängnisses am Berliner Alexanderplatz. Während der Fahrt wurden die Juden von einem Wachkommando der Schutzpolizei bewacht. Das Ziel wurde ihnen nicht mitgeteilt und nach drei Tagen in überfüllten Waggons kamen sie am 18. August am Bahnhof Skirotava am Stadtrand von Riga an. Schon kurz nach ihrer Ankunft wurden alle Deportierten in den Wäldern von Rumbula und Bikernieki erschossen. So auch Gertrud und Moritz Jacoby.
Text und Recherche: Heike Kohlenberg, März 2026
Quellen:
- Arolson Archives
- Berliner Adressbücher
- Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin, 1930/1931
- Bundesarchiv – Gedenkbuch
- Personenstandsunterlagen (über ancestry)
- Mapping the Lives
- My Heritage
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 17238, Moritz Jacoby