HIER WOHNTE
MORITZ WEISS
JG. 1879
DEPORTIERT 5.9.1942
RIGA
ERMORDET 8.9.1942
Moritz Weiss wurde am 7. Januar 1879 als Sohn von Jechiel Leib Weiss und dessen Ehefrau Marie, geborene Lomanitz in Jarotschin in der Provinz Posen (heute Jarocin in Polen) geboren. Er hatte eine große Schwester namens Sara (*ca. 1877) und einen kleinen Bruder namens Joseph (*18. März 1882). Ihr Vater hatte wahrscheinlich in Jarotschin eine Buchbinderei.
Moritz und sein Bruder Joseph zogen beide in den 1910er- Jahren nach Berlin. Ihre Schwester Sara zog zu einem unbekannten Zeitpunkt in die Niederlande. Moritz wurde Lehrer von Beruf. Er heiratete 1905 die etwa gleichaltrige Krefelderin Julie Pauline Winterschweig. Am 12. Oktober 1906 bekamen sie eine Tochter, die sie Martha nannten; am 27. Juli 1912 folgte ein Sohn, Felix Heinz. Von einem zweiten Sohn, Alfred, war das Geburtsdatum nicht herauszufinden. Moritz’ Frau Julie starb im Dezember 1922 mit 46 Jahren.
Auch Moritz’ Bruder hatte in Berlin geheiratet, die Posenerin Ernestine Pinkus, mit der er einen Sohn namens Leo (*ca. 1908) hatte. Joseph Weiss verlor seine Frau ebenfalls früh, sie starb mit Ende 40. Joseph scheint sich danach kein zweites Mal verheiratet zu haben.
Moritz Weiss heiratete bereits ein Jahr nach dem Tod seiner Frau Julie erneut, die Wienerin Auguste „Gusti” Schidlof (*1897). Diese Ehe blieb kinderlos und wurde 1926 schon wieder geschieden. Im selben Jahr heiratete er zum dritten Mal, die Posenerin Doris Neumann (*1899). Auch dieses Paar hatte keine Kinder.
Moritz’ Tochter Martha hatte den gleichaltrigen Berliner Buchhändler Hans Eliason geheiratet und wohnte mit ihm zunächst in der Gervinusstraße in Charlottenburg.
Zum Zeitpunkt der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 wohnten Moritz und Doris Weiss sowie Moritz’ unverheirateter Sohn Felix und sein verwitweter Bruder Joseph zusammen in der Dahlmannstraße 4 in Charlottenburg. Josephs Sohn Leo scheint Deutschland bereits Jahre zuvor verlassen zu haben; sein weiteres Schicksal war nicht zu rekonstruieren. Moritz’ zweitem Sohn Alfred war ebenfalls die Flucht aus Deutschland gelungen. Er war nach Palästina emigriert und lebte später in Israel, sein Todesdatum war nicht herauszufinden.
Moritz’ Tochter Martha wohnte im Mai 1939 mit ihrem Ehemann Hans Eliason (*14. Mai 1906), ihrer verwitweten Schwiegermutter Fanny Eliason geb. Hirsch (*7. August 1867) und ihrer verwitweten Schwägerin Charlotte Julie Wronker geb. Eliason (*4. Juni 1898) in der Cuxhavener Straße 10 in Tiergarten.
Moritz’ Schwester Sara heiratete im November 1940 mit 63 Jahren in Arnheim in den Niederlanden den verwitweten belgischen Filialleiter Guillaume Henri Marie Petri, der mit großer Wahrscheinlichkeit kein Jude war. Hier verlieren sich ihre Spuren. Auf den Opferlisten des Holocaust taucht sie nicht auf. Ihr Mann starb 1952.
Moritz Weiss und seine Frau Doris wurden am 5. September 1942 mit dem sogenannten „19. Osttransport” zusammen mit knapp 800 weiteren Berliner Jüdinnen und Juden vom Güterbahnhof Moabit nach Riga in Lettland deportiert. Nach drei Tagen Fahrt erreichten sie einen Bahnhof in der Nähe des völlig überfüllten Ghettos. Mit Ausnahme von einigen als arbeitsfähig eingestuften Männern wurden alle Deportierten, darunter auch Moritz und Doris, gleich nach der Ankunft in einem Wald erschossen. Moritz Weiss wurde 63 Jahre alt, seine Frau Doris wurde kurz vor ihrem 43. Geburtstag ermordet.
Moritz’ Sohn Felix Heinz wurde nicht mit den Eltern zusammen deportiert. Mit großer Wahrscheinlichkeit musste er in Berlin noch Zwangsarbeit verrichten. Am 12. Januar 1943 wurde er dann ebenfalls verschleppt, nach Auschwitz, wo er unter grausamsten Bedingungen noch wochenlang arbeiten musste. Am 28. Februar 1943 starb er mit 30 Jahren.
Auch Moritz’ Tochter Martha und die Familie, mit der sie in Tiergarten zusammengewohnt hatte, überlebten den Holocaust nicht. Martha wurde gemeinsam mit ihrem Mann Hans Eliason am 14. November 1941 ins Ghetto von Minsk deportiert, wo beide zu einem unbekannten Zeitpunkt mit Mitte 30 getötet wurden. Marthas Schwiegermutter Fanny Eliason geb. Hirsch wurde im September 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie am 4. Oktober mit 75 Jahren starb. Marthas Schwägerin Charlotte Wronker geb. Eliason wurde am 29. Oktober 1942 im Ghetto von Riga mit 44 Jahren ermordet.
Was mit Moritz’ Bruder Joseph Weiss weiter geschah, der mit Bruder, Schwägerin und Neffen 1939 in der Dahlmannstraße 4 gewohnt hatte, war nicht herauszufinden. Auf den Opferlisten des Holocaust taucht er nicht auf. Gelang es ihm noch, seinem Sohn Leo zu folgen und aus Deutschland zu fliehen? Es bleibt unbekannt.
Recherche und Text: Christine Wunnicke
Quellen:
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundes
MyHeritage
geni.com
mappingthelives.org
Adressbuch aller Länder der Erde, der Kaufleute, Fabrikanten etc. 1885
openarchieven.nl