Stolperstein Dahlmannstraße 4

Hauseingang Dahlmannstr. 4, 20.4.13

Hauseingang Dahlmannstr. 4, 20.4.13

Der am 2. April 2013 verlegte Stolperstein für Käthe Pestachwski wurde von James K. Genden (Evanston, IIlinois, USA) gespendet. Die Stolpersteine für Doris Weiss, Moritz Weiss, Felix Weiss, Hedwig Stern und Klaus Lothar Stern wurden am 7. April 2022 verlegt. Die Stolpersteine für Hildegard und Gert Max Holländer, Eva und Emil Seelig, Anna Halpersohn und Lotte Ledermann wurden am 7. September 2022 verlegt.

Stolperstein Käthe Pestachowski, April 2013

HIER WOHNTE
KÄTHE
PESTACHOWSKI
GEB. LÖVINSOHN
JG.1895
DEPORTIERT 24.10.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Käthe Pestachowski, geb. Lövinsohn wurde am 24. Oktober 1895 als Tochter von Emil und Margarethe, geb. Abraham, in Berlin geboren. Sie war Hausfrau und verheiratet mit Benno Pestachowski. Über dessen Verbleib ist nichts bekannt. Vielleicht war sie geschieden oder verwitwet. Ihrer Tochter Vera, verheiratete Genden, war es rechtzeitig gelungen, nach Chicago/USA auszuwandern. Vor und während des Zweiten Weltkriegs lebte sie in Berlin in der Dahlmannstraße 4. Käthe Pestachowski war Untermieterin bei dem im Adressbuch 1939 als „Privatier“ eingetragenen Emil Seelig und seiner Frau Eva, die am 11. September 1942 nach Theresienstadt deportiert worden sind. Eine andere Untermieterin, Lotte Ledermann, wurde am 14. Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert.

Im strengen Winter am 12. Januar 1943 wurde sie von Berlin nach Auschwitz/Birkenau deportiert. Und mit ihr 18 Menschen aus der Nachbarschaft, der Droysenstraße 18. Insgesamt wurden mit diesem Zug 1196 Menschen nach Auschwitz deportiert. Das Todesdatum ist nicht bekannt. Nach Angaben ihrer Tochter Vera Genden (Chicago, 1995) ist sie 1944 in Theresienstadt oder in Auschwitz umgebracht worden. Nach früheren Angaben ihres Enkels James Genden (Chicago, 1972) kam Käthe Pestachowski 1945 ums Leben, was ihm aus Theresienstadt bestätigt worden sei. Dies war jedoch ein Irrtum, Käthe Pestachowski stand zweifelsfrei als „Lfd.Nr.360“ auf der Deportationsliste nach Auschwitz.

Text: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf
Quellen: Bundesarchiv, Yadvashem, Deportationsliste

Stolperstein Doris Weiss Dahlmannstraße 4

Stolperstein Doris Weiss

HIER WOHNTE
DORIS WEISS
GEB. NEUMANN
JG. 1899
DEPORTIERT 5.9.1942
RIGA
ERMORDET 8.9.1942

Stolperstein Moritz Weiss Dahlmannstraße 4

Stolperstein Moritz Weiss

HIER WOHNTE
MORITZ WEISS
JG. 1879
DEPORTIERT 5.9.1942
RIGA
ERMORDET 8.9.1942

Moritz Weiss wurde am 7. Januar 1879 als Sohn von Jechiel Leib Weiss und dessen Ehefrau Marie, geborene Lomanitz in Jarotschin in der Provinz Posen (heute Jarocin in Polen) geboren. Er hatte eine große Schwester namens Sara (*ca. 1877) und einen kleinen Bruder namens Joseph (*18. März 1882). Ihr Vater hatte wahrscheinlich in Jarotschin eine Buchbinderei.

Moritz und sein Bruder Joseph zogen beide in den 1910er- Jahren nach Berlin. Ihre Schwester Sara zog zu einem unbekannten Zeitpunkt in die Niederlande. Moritz wurde Lehrer von Beruf. Er heiratete 1905 die etwa gleichaltrige Krefelderin Julie Pauline Winterschweig. Am 12. Oktober 1906 bekamen sie eine Tochter, die sie Martha nannten; am 27. Juli 1912 folgte ein Sohn, Felix Heinz. Von einem zweiten Sohn, Alfred, war das Geburtsdatum nicht herauszufinden. Moritz’ Frau Julie starb im Dezember 1922 mit 46 Jahren.

Auch Moritz’ Bruder hatte in Berlin geheiratet, die Posenerin Ernestine Pinkus, mit der er einen Sohn namens Leo (*ca. 1908) hatte. Joseph Weiss verlor seine Frau ebenfalls früh, sie starb mit Ende 40. Joseph scheint sich danach kein zweites Mal verheiratet zu haben.

Moritz Weiss heiratete bereits ein Jahr nach dem Tod seiner Frau Julie erneut, die Wienerin Auguste „Gusti” Schidlof (*1897). Diese Ehe blieb kinderlos und wurde 1926 schon wieder geschieden. Im selben Jahr heiratete er zum dritten Mal, die Posenerin Doris Neumann (*1899). Auch dieses Paar hatte keine Kinder.

Moritz’ Tochter Martha hatte den gleichaltrigen Berliner Buchhändler Hans Eliason geheiratet und wohnte mit ihm zunächst in der Gervinusstraße in Charlottenburg.

Zum Zeitpunkt der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 wohnten Moritz und Doris Weiss sowie Moritz’ unverheirateter Sohn Felix und sein verwitweter Bruder Joseph zusammen in der Dahlmannstraße 4 in Charlottenburg. Josephs Sohn Leo scheint Deutschland bereits Jahre zuvor verlassen zu haben; sein weiteres Schicksal war nicht zu rekonstruieren. Moritz’ zweitem Sohn Alfred war ebenfalls die Flucht aus Deutschland gelungen. Er war nach Palästina emigriert und lebte später in Israel, sein Todesdatum war nicht herauszufinden.

Moritz’ Tochter Martha wohnte im Mai 1939 mit ihrem Ehemann Hans Eliason (*14. Mai 1906), ihrer verwitweten Schwiegermutter Fanny Eliason geb. Hirsch (*7. August 1867) und ihrer verwitweten Schwägerin Charlotte Julie Wronker geb. Eliason (*4. Juni 1898) in der Cuxhavener Straße 10 in Tiergarten.

Moritz’ Schwester Sara heiratete im November 1940 mit 63 Jahren in Arnheim in den Niederlanden den verwitweten belgischen Filialleiter Guillaume Henri Marie Petri, der mit großer Wahrscheinlichkeit kein Jude war. Hier verlieren sich ihre Spuren. Auf den Opferlisten des Holocaust taucht sie nicht auf. Ihr Mann starb 1952.

Moritz Weiss und seine Frau Doris wurden am 5. September 1942 mit dem sogenannten „19. Osttransport” zusammen mit knapp 800 weiteren Berliner Jüdinnen und Juden vom Güterbahnhof Moabit nach Riga in Lettland deportiert. Nach drei Tagen Fahrt erreichten sie einen Bahnhof in der Nähe des völlig überfüllten Ghettos. Mit Ausnahme von einigen als arbeitsfähig eingestuften Männern wurden alle Deportierten, darunter auch Moritz und Doris, gleich nach der Ankunft in einem Wald erschossen. Moritz Weiss wurde 63 Jahre alt, seine Frau Doris wurde kurz vor ihrem 43. Geburtstag ermordet.

Moritz’ Sohn Felix Heinz wurde nicht mit den Eltern zusammen deportiert. Mit großer Wahrscheinlichkeit musste er in Berlin noch Zwangsarbeit verrichten. Am 12. Januar 1943 wurde er dann ebenfalls verschleppt, nach Auschwitz, wo er unter grausamsten Bedingungen noch wochenlang arbeiten musste. Am 28. Februar 1943 starb er mit 30 Jahren.

Auch Moritz’ Tochter Martha und die Familie, mit der sie in Tiergarten zusammengewohnt hatte, überlebten den Holocaust nicht. Martha wurde gemeinsam mit ihrem Mann Hans Eliason am 14. November 1941 ins Ghetto von Minsk deportiert, wo beide zu einem unbekannten Zeitpunkt mit Mitte 30 getötet wurden. Marthas Schwiegermutter Fanny Eliason geb. Hirsch wurde im September 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie am 4. Oktober mit 75 Jahren starb. Marthas Schwägerin Charlotte Wronker geb. Eliason wurde am 29. Oktober 1942 im Ghetto von Riga mit 44 Jahren ermordet.

Was mit Moritz’ Bruder Joseph Weiss weiter geschah, der mit Bruder, Schwägerin und Neffen 1939 in der Dahlmannstraße 4 gewohnt hatte, war nicht herauszufinden. Auf den Opferlisten des Holocaust taucht er nicht auf. Gelang es ihm noch, seinem Sohn Leo zu folgen und aus Deutschland zu fliehen? Es bleibt unbekannt.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundes
MyHeritage
geni.com
mappingthelives.org
Adressbuch aller Länder der Erde, der Kaufleute, Fabrikanten etc. 1885
openarchieven.nl

Stolperstein Felix Weiss Dahlmannstraße 4

Stolperstein Felix Weiss

HIER WOHNTE
FELIX WEISS
JG. 1912
DEPORTIERT 12.1.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET 28.2.1943

Stolperstein Hedwig Stern Dahlmannstraße 4

Stolperstein Hedwig Stern

HIER WOHNTE
HEDWIG STERN
GEB. NOSSEK
JG. 1889
DEPORTIERT 28.3.1942
PIASKI
ERMORDET

Hedwig „Hedy” Nossen (der Name “Nossek” scheint ein Schreibfehler in den Akten der Nationalsozialisten zu sein, der ins Gedenkbuch übernommen wurde) war eine Kaufmannstochter aus Niederschlesien. In den 1920er- Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Berlin. 1939 wohnte sie mit ihrem Sohn Klaus Lothar in der Dahlmannstraße 4.
1942 wurde sie im Ghetto von Piaski mit 53 Jahren ermordet.

Ihr Sohn Klaus überlebte zwei Jahre lang als Zwangsarbeiter in Auschwitz und wurde bei den „Todesmärschen” befreit.

Als er weit über 80 war, veröffentlichte er seine Memoiren, in denen man sein Schicksal und das seiner Familie nachlesen kann. Sie sind im Internet frei zugänglich: “Klaus L. Stern, “My legacy: blessings, love and courage, 2007

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Stolperstein Klaus Lothar Stern Dahlmannstraße 4

Stolperstein Klaus Lothar Stern

HIER WOHNTE
KLAUS LOTHAR
STERN
JG. 1921
DEPORTIERT 19.4.1943
AUSCHWITZ
FLOSSENBÜRG
MÜHLDORF
BEFREIT

Klaus Lothar Stern wurde am 7. Mai 1921 in Breslau geboren und zog als kleiner Junge mit seiner Familie nach Berlin. 1939 wohnte er mit seiner Mutter Hedwig in der Dahlmannstraße 4. In der „Hachschara”-Ausbildungsstätte Landwerk Neuendorf in Brandenburg lernte er Paula Schaul aus Arnstadt in Thüringen kennen, die er 1942 heiratete. Das junge Paar musste erst in Brandenburg Zwangsarbeit verrichten, dann wurden sie 1943 nach Auschwitz verschleppt. Dort wurden beide als arbeitsfähig eingestuft und voneinander getrennt. Klaus und Paula Stern erlitten und überlebten jahrelang unvorstellbare Quälereien und Strapazen, bis sie 1945 bei den „Todesmärschen” von alliierten Truppen befreit wurden. Sie fanden einander wieder und emigrierten 1946 in die Vereinigten Staaten.

Als er weit über 80 war, veröffentlichte Klaus Stern seine Memoiren, in denen man sein Schicksal und das seiner Familie nachlesen kann.
Sie sind im Internet frei zugänglich: “Klaus L. Stern, “My legacy: blessings, love and courage, 2007
Klaus Stern starb 2013 in Seattle.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Stolperstein Hildegard Holländer

Stolperstein für Hildegard Holländer

HIER WOHNTE
HILDEGARD
HOLLÄNDER
GEB. WERTHEIM
JG. 1893
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
MASSENERSCHIESSUNG
30.11.1941
RIGA-RUMBULA

Hildegard Julie Wertheim kam am 23. April 1893 als Tochter von Michael Wertheim und dessen Ehefrau Rosa, geborene Löwinsohn in Berlin zur Welt. Ihr Vater stammte ursprünglich aus Hessen, ihre Mutter war eine Kaufmannstochter aus Danzig. Sie hatten drei Jahre vor Hildegards Geburt in Berlin geheiratet. Ob Hildegard Geschwister hatte, ist nicht bekannt. Ihr Vater starb drei Tage vor ihrem 14. Geburtstag, mit 59 Jahren, am 20. April 1907 in Berlin. Danach zog sie mit ihrer Mutter in einen Neubau in der Prinzenstraße 50 in Kreuzberg.

Am 11. Januar 1923 heiratete sie den Berliner Kaufmann Fritz Holländer (*15. November 1884) und zog mit ihm in die Dahlmannstraße 4 nach Charlottenburg. Ein gutes Jahr später, am 10. Februar 1924, starb Fritz mit 39 Jahren. Hildegard war damals im achten Monat schwanger. Am 15. März brachte sie einen Sohn zur Welt und nannte ihn Gert Max. In anderen Quellen ist Gert Marcel angegeben. Mutter und Sohn blieben in der Dahlmannstraße 4 wohnen.

Im November 1941 mussten sich Hildegard Holländer und ihr minderjähriger Sohn in der zum Sammellager umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße einfinden. Am 27. November wurden sie mit über 1000 weiteren Berliner Jüdinnen und Juden am Bahnhof Grunewald/Gleis 17 in überfüllte Eisenbahnwaggons gepfercht und in einer dreitägigen Zugfahrt zum Bahnhof Rumbula bei Riga gebracht. Das eigentliche Ziel, das Ghetto von Riga, konnte wegen Überfüllung nicht angefahren werden. Bei klirrender Kälte mussten sich die Berliner Deportierten den Marschkolonnen der aus dem Ghetto abgeholten lettischen Jüdinnen und Juden anschließen. Sie wurden in einen Kiefernwald geführt, in dem russische Kriegsgefangene bereits Gruben ausgehoben hatten, mussten sich entkleiden und mit dem Gesicht nach unten hineinlegen – die Berlinerinnen und Berliner zuerst. Dann schoss man ihnen mit Maschinenpistolen ins Genick. Die nächsten, die an der Reihe waren, mussten sich, wiederum mit dem Gesicht nach unten, auf die blutigen Leichen legen. In dieser Weise starben an diesem Tag über 15.000 Menschen im Wald bei Rumbula. Hildegard Holländer geborene Wertheim war 48 Jahre alt. Ihr Sohn Gert war 17.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundes
Berliner Adressbücher
Arolsen Archives
MyHeritage
geni.com
mappingthelives.org

Stolperstein für Gert Holländer

Stolperstein für Gert Holländer

HIER WOHNTE
GERT MAX
HOLLÄNDER
JG. 1924
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
MASSENERSCHIESSUNG
30.11.1941
RIGA-RUMBULA

Gert Max – andere Quellen schreiben Gert Marcel – Holländer kam am 10. Februar 1924 als einziges Kind von Hildegard Holländer geborene Wertheim und ihrem Mann Fritz Holländer in Berlin zur Welt. Seinen Vater, einen Berliner Kaufmann, durfte er nicht kennenlernen – er war einen guten Monat vor seiner Geburt gestorben.

Gert wuchs in der Dahlmannstraße 4 in Charlottenburg bei seiner Mutter auf, die sich nicht wieder verheiratete. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war er neun Jahre alt. Als die Nürnberger Gesetze erlassen wurden, die Jüdinnen und Juden systematisch die Bürgerrechte entzogen, war er elf. Nach den Novemberpogromen 1938 wurden jüdische Kinder nach vielen vorangegangenen Schikanen und Ausgrenzungen endgültig aus den öffentlichen Schulen ausgeschlossen, da war Gert vierzehn.

Drei Jahre später, im November 1941, wurde er mit seiner Mutter in die Synagoge in der Levetzowstraße gebracht, die nun als Sammellager für Deportationen diente. Am 27. November wurden sie mit über 1000 weiteren Berliner Jüdinnen und Juden am Bahnhof Grunewald/Gleis 17 in überfüllte Eisenbahnwaggons gepfercht und in einer dreitägigen Zugfahrt zum Bahnhof Rumbula bei Riga gebracht. Das eigentliche Ziel, das Ghetto von Riga, konnte wegen Überfüllung nicht angefahren werden. Bei klirrender Kälte wurden sie in einen Kiefernwald geführt, in dem russische Kriegsgefangene bereits Gruben ausgehoben hatten. Die Deportierten mussten sich entkleiden und mit dem Gesicht nach unten hineinlegen, dann schoss man ihnen mit Maschinenpistolen ins Genick. Die nächsten, die an der Reihe waren, mussten sich wiederum mit dem Gesicht nach unten auf die blutigen Leichen legen. In dieser Weise starben an diesem Tag über 15.000 Menschen im Wald bei Rumbula. Gert Holländer war 17, als man ihn erschoss, seine Mutter 48.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundes
Berliner Adressbücher
Arolsen Archives
MyHeritage
geni.com
mappingthelives.org

Stolperstein für Eva Seelig

Stolperstein für Eva Seelig

HIER WOHNTE
EVA SEELIG
GEB. WILCZYNSKI
JG. 1876
DEPORTIERT 11.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 2.3.1943

Stolperstein für Emil Seelig

Stolperstein für Emil Seelig

HIER WOHNTE
EMIL SEELIG
JG. 1871
DEPORTIERT 11.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 8.6.1944

Emil Seelig kam am 8. August 1871 als einziger Sohn des Kaufmanns Abraham Seelig und dessen Ehefrau Eva, geborene Goldberg, in Hohensalza im Regierungsbezirk Bromberg in der Provinz Posen (heute Inowrocław in Polen) zur Welt. Er hatte eine ältere Schwester namens Hulda (*1866) und zwei jüngere Schwestern Renate (*ca. 1878) und Adele Johanna (*1882). Sein Vater hatte in Lessen in Westpreußen (heute Łasin in Polen) mehrere Unternehmen, darunter eine Destillerie und eine Lebensmittelhandlung. In Lessen kamen auch Emils Geschwister zur Welt und es ist anzunehmen, dass Emil hier zumindest teilweise aufwuchs.

Emil Seelig wurde wie sein Vater Kaufmann. Er heiratete die fünf Jahre jüngere Eva Wilczynski (*17. März 1876), die aus Kruschwitz (Kruszwica) stammte, nur ein paar Kilometer von Emils Geburtsort Hohensalza entfernt. Das Ehepaar hatte keine Kinder. Wann und warum sie nach Berlin zogen, ließ sich nicht herausfinden. Emils Eltern blieben in Lessen. Seine Mutter starb dort 1908, der Vater wohl wenig später.

Über Emils Schwester Renate war nichts in Erfahrung zu bringen. Möglicherweise starb sie im Kindesalter. Seine Schwestern Hulda und Adele lebten ebenfalls in Berlin, beide in Mitte. Hulda war unverheiratet und arbeitete als Handelsfrau und Direktrice. Adele hatte den Ladenbesitzer Alex Kuschinski geheiratet und mit ihm zwei Töchter, Magda Meta (*1905) und Herta (*1906). Adeles Ehemann, von dem sie anscheinend schon vorher getrennt gelebt hatte, starb 1936 und ist auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weissensee begraben.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 wurde Emil Seelig, der nun in Rente war und als „Privatier” im Berliner Adressbuch stand, zusammen mit seiner Frau Eva in der Dahlmannstraße 4 erfasst. Sie hatten zu diesem Zeitpunkt zwei Untermieterinnen, Käthe Pestachowski und Lotte Ledermann; für beide sind vor dem Haus ebenfalls Stolpersteine verlegt. Emils Schwester Hulda wurde in der Auguststraße 14-16 in Mitte gezählt. Seine Schwester Adele hatte mit ihren Töchtern Deutschland verlassen. Sie emigrierten später in die USA. Adele starb dort 1966, ihre Tochter Herta, verheiratete Hirschler 1952 und ihre Tochter Magda, verheiratete Gross 1974.

Am 11. September 1942 wurden Emil Seelig und seine Frau gemeinsam ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Eva Seelig starb dort am 2. März 1943 kurz vor ihrem 67. Geburtstag. Emil überlebte sie um über ein Jahr. Am 9. Juni 1944 erlag auch er den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto. Er wurde 72 Jahre alt.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundes
MyHeritage
genealogy.net
mappingthelives.org
Arolsen Archives
Adressbuch aller Länder der Erde, der Kaufleute, Fabrikanten etc. 1885

Stolperstein für Anna Halpersohn

Stolperstein für Anna Halpersohn

HIER WOHNTE
ANNA HALPERSOHN
GEB. LEWIN
JG. 1875
DEPORTIERT 2.4.1942
GHETTO WARSCHAU
ERMORDET

Anna Lewin kam am 7. Juni 1875 als jüngstes Kind des Rabbiners David Yehuda Leib Lewin und dessen Ehefrau Rachel Leah geborene Reisfeld in Brody in Galizien (heute Ukraine) zur Welt. Sie hatte mindestens acht Geschwister. Ihr ältester Bruder Israel war zwanzig Jahre älter als sie.

Anna heiratete in Brody den 36 Jahre älteren Kaufmann Joseph Halpersohn (*1839). Das Ehepaar bekam am 26. Oktober 1903 einen Sohn, Leo (später auch Leon) David. 1911 zog die Familie Halpersohn nach Berlin und dort in eine Wohnung in der Fritschestraße 47 in Charlottenburg. Annas Mann starb am 7. Juli 1918 mit 79 Jahren. Anna war gerade 43 Jahre alt geworden, ihr Sohn war 14.

Leo besuchte in Berlin das Königstädtische Gymnasium und legte dort die Reifeprüfung ab. Daraufhin immatrikulierte er sich an der Universität und studierte Volkswirtschaft. 1928 bestand er das Examen zum Diplom-Volkswirt, dann schrieb er die wirtschaftswissenschaftliche Arbeit „Lohn und Lebenshaltung in Deutschland, England und Frankreich seit 1924”. 1932 wurde er mit dieser Dissertation in Berlin promoviert.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, wohnte Anna Halpersohn in der Steifensandstraße 3 in Charlottenburg, nahe beim Lietzensee. Ihr Sohn ist im Adressbuch nicht gelistet, vielleicht lebte er zu dem Zeitpunkt noch bei seiner Mutter. Am 1. November 1934 heiratete er die Büroangestellte Amalie Hirsch (*2. November 1904), eine gebürtige Berlinerin. Das Ehepaar zog in den Machandelweg 1 in Charlottenburg. Am 26. Februar 1938 bekamen sie ihr einziges Kind, den Sohn Ralph. Anna wurde mit 62 Jahren zum ersten und letzten Mal Großmutter.

Dr. Leo David Halpersohn emigrierte 1939 allein nach Großbritannien. Sein Ziel war das Kitchener Camp in der englischen Grafschaft Kent, ein ehemaliges Armeelager aus dem Ersten Weltkrieg. Jüdische Hilfsorganisationen hatten nach den Novemberpogromen 1938 diese Rettungsaktion organisiert und aus Spenden finanziert. Rund 4.000 deutsche und österreichische Juden wurden auf diesem Weg vor der nationalsozialistischen Verfolgung gerettet – fast ausschließlich erwachsene, arbeitsfähige Männer, eine Auflage der britischen Regierung bei der Planung des Kitchener Camps. Manchen Bewohnern des Camps gelang es, ihre Familien nachzuholen; viele andere warteten vergeblich auf den in Aussicht gestellten Familiennachzug. Leo Halpersohn sah seine Frau, seinen kleinen Sohn und seine alte Mutter nie wieder.

Anna Halpersohn zog nach 1939 zur Untermiete zu einem Dr. Levy an den Kaiserdamm 11. Am 2. oder 3. April 1942 wurde sie mit rund 1.000 weiteren Jüdinnen und Juden von Berlin ins Warschauer Ghetto deportiert und dort zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet. Sie wurde ungefähr 67 Jahre alt.

Ihre Schwiegertochter Amalie und ihr Enkel Ralph wurden am 6. März 1943 nach Auschwitz deportiert. Aus dem Datum lässt sich schließen, dass Amalie in ihren letzten Lebensjahren Zwangsarbeit verrichten musste oder bei der jüdischen Kultusvereinigung beschäftigt war. Der „35. Osttransport”, der an diesem Tag Berlin verließ, stellte den Abschluss der sogenannten „Fabrikaktion” dar, die die letzten Jüdinnen und Juden, die in Berlin noch hatten arbeiten müssen, in den Tod schickte. Wahrscheinlich wurden Amalie und Ralph gleich nach der Ankunft in Auschwitz ermordet. Amalie Halpersohn geborene Hirsch starb wahrscheinlich mit 38 Jahren. Ihr Sohn Ralph wurde mit fünf Jahren vergast.

Annas Sohn Leo emigrierte aus Großbritannien nach Australien. 1946 heiratete er dort eine Australierin namens Nancy Jean Wilson. Das Ehepaar lebte, anscheinend kinderlos, in Devonport in Tasmanien. Dr. Halpersohn gab die Volkswirtschaft auf und wurde Lehrer für Deutsch und Französisch. Er unterrichtete jahrzehntelang an der Devonport High School. Ehemalige Schüler erinnern sich an einen liebenswerten Gentleman mit breitem deutschem Akzent, der einen Dackel namens Tommy besaß und die Schüler der Abschlussklasse zu sich nach Hause zum Tee einlud. Annas Sohn Leo starb im November 1985 mit 82 Jahren in Devonport.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundes
Berliner Adressbücher
mappingthelives.org
MyHeritage
geni.com
JewishGen.org
Archiv bibiographica judaica, deutschsprachiges Judentum online
kitchenercamp.co.uk
Leo Halpersohn „Lohn und Lebenshaltung in Deutschland, England und Frankreich seit 1924”, Diss. Berlin, 1932
Facebook-Gruppe “Devonport High School 2016 Centenary”

Stolperstein für Lotte Ledermann

Stolperstein für Lotte Ledermann

HIER WOHNTE
LOTTE LEDERMANN
JG. 1896
DEPORTIERT 14.12.1942
AUSCHWITZ
ERMORDET 10.1.1943

Lotte Ledermann kam am 14. September 1896 als Tochter des Kaufmanns Siegfried Ledermann und dessen Ehefrau Julie, geborene Rosenthal in Oppeln in Oberschlesien (heute Opole in Polen) zur Welt. Sie hatte anscheinend keine Geschwister. Ihr Vater, der ursprünglich aus Breslau stammte, besaß am Ring (Rynek), dem lebhaften Markplatz im Zentrum von Oppeln, ein großes Geschäft für Stoffe, Wäsche, Weißwaren und Kurzwaren. Die Familie wohnte nur ein paar hundert Meter entfernt im zweiten Stock der Nikolaistraße 2.

Ende der 1910er-Jahre zogen die Ledermanns nach Berlin und dort an den Kurfürstendamm 72. Lottes Vater starb hier im Mai 1926, ihre Mutter starb wahrscheinlich 1929 oder 1930. Lotte übernahm danach die Wohnung. Sie blieb unverheiratet. Mitte der 1930er- Jahre zog sie an den Kurfürstendamm 56 um und von dort weiter in die Dahlmannstraße 4 in Charlottenburg zur Untermiete bei dem Ehepaar Emil und Eva Seelig. Auch Käthe Pestachowski geborene Lövinsohn, für die vor diesem Haus ebenfalls ein Stolperstein verlegt ist, wohnte bei den Seeligs als Untermieterin.

Das Ehepaar Seelig wurde im September 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort 1943 und 1944 ermordet. Drei Monate später, am 14. Dezember 1942, wurde Lotte Ledermann mit dem „25. Osttransport” nach Auschwitz verschleppt. Der Zug fuhr mit über 800 Berliner Jüdinnen und Juden in verschlossenen Güterwaggons vom Bahnhof Putlitzstraße in Moabit ab. Bei der Selektion durch SS-Personal wurde Lotte in Auschwitz als arbeitsfähig eingestuft und musste noch einige Wochen unter grausamsten Bedingungen Zwangsarbeit verrichten. Sie starb am 10. Januar 1943. Lotte Ledermann wurde 46 Jahre alt.

Ihre Mitbewohnerin Käthe Pestachowski wurde 1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundes
mappingthelives.org
MyHeritage
Adressbücher Oppeln und Berlin
Jüdisches Adressbuch Groß-Berlin
Gaseta Opolska 1917

Adresse

Stolperstein

Verkehrsanbindungen