HIER WOHNTE
SIEGFRIED
JABLONSKI
JG. 1874
DEPORTIERT 15.12.1942
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET
Siegfried Jablonski wurde am 28. Juli 1874 in Pleschen (Plescew, Polen), etwa 80 Kilometer südsüdöstlich von Posen und 35 Kilometer nordöstlich von Krotoschin (Krotoszyn, Polen), geboren. Für seine Eltern, den Kaufmann Markus Jablonski (*1838) und dessen Ehefrau Rosalie geborene Levy (*1844), war er der älteste von insgesamt zwei Kindern. Bei der Geburt seiner Schwester Nathalie Rosalie am 7. März 1877 starb seine Mutter, als er drei Jahre alt war. Seine Schwester Nathalie Rosalie starb kurze Zeit später, am 24. März 1877. Aus der zweiten Ehe seines Vaters am 13. August 1878 mit Rosalies Schwester Lina, genannt Lenchen, (*8. Februar 1854) aus Krotochin hatte Siegfried noch vier Halbgeschwister: Regina (1880-1882), Hugo (*12. März 1881), Martha (1. Januar 1889) und Ella (5. September 1892).
1893, als er 19 Jahre alt war, starb auch sein Vater. Siegfried studierte in Breslau und Freiburg im Breisgau Pharmazie und beendete das Studium mit der Promotion. Zurück in Breslau gründete er die Engel Apotheke mit einem pharmazeutischen Laboratorium. Am 9. Februar 1905 heiratete er die 21-jährige Eva Wolff (*31. Januar 1884). Als Trauzeugen waren sein Vormund, der 65-jährige Kaufmann Bernhard Süßmann, und Evas Vater, der Kaufmann Bernhard Wolff, anwesend. Siegfried und Eva wurden am 13. Juni 1906 Eltern eines Sohnes, den sie Gerhard nannten.
Sein Halbbruder Hugo studierte Pharmazie in Erlangen. In seiner Heiratsurkunde vom 13. April 1913 war er als Apothekenbesitzer ausgewiesen. Er heiratete Irma Seidemann (*19. Januar 1890) in Cosel. Er war Inhaber der Kronen Apotheke in Frankfurt an der Oder. Im jüdischen Adressbuch von 1931/32 wurde das Paar in der Knesebeckstraße 75 in Berlin-Charlottenburg geführt.
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Siegfried 58 Jahre alt und lebte mit seiner Ehefrau in Breslau. Er betrieb weiterhin die Engel Apotheke in der Scheitniger Straße 28. Sein Sohn Gerhard hatte als Lehrling in Betrieben, die mit dem Lebensmittelgroßhandel seines Großvaters verbunden waren, gearbeitet. Denn Wilhelm Wolff hatte in seinem Testament verfügt, dass sein Enkel mit 27 Jahren Teilhaber des Unternehmens werden sollte, was ab 1933 nicht mehr möglich war. So wurde Gerhard zusammen mit einem Franzosen Teilhaber eines Kaffeeimporteurs in Hamburg. Außerdem war Gerhard ein begabter Oboist, der mit Orchestern auftrat und bei Hochzeiten und anderen Veranstaltungen in ganz Deutschland spielte.
Am 12. November 1936 heiratete ihr Sohn Gerhard, die aus Köln stammende Fotografin Gerda Jeanette Charlotte Gottschalk (*1. April 1910), in Köln. Ende 1937 musste Gerhard als Teilhaber des Kaffeeimporteurs aussteigen, da die Bank keine Geschäfte mehr mit jüdischen Partnern machen wollte. Das junge Paar entschloss sich, daraufhin in die USA auszuwandern. Hierfür benötigte er eine Eidesstattliche Erklärung einer Person in den USA. Im Telefonbuch von New York City suchte er nach Personen mit dem Namen Jablon/Yablon. Er schrieb etwa 100 Briefe und fragte an, ob jemand von ihnen als Bürge in Frage käme. Glücklicherweise meldete sich Phillip Yablon und gab sich als sein Cousin aus. Er reichte die erforderliche eidesstattliche Erklärung ein.
1938 wurde vermutlich die Engel Apotheke „arisiert“, da ein Jude keine Apotheke mehr führen oder besitzen durfte. Siegfried und Eva gingen daraufhin nach Berlin. Im Berliner Adressbuch von 1939 waren sie das erste Mal in der Hektorstraße 5 in Berlin-Halensee zu finden und auch bei der „Minderheiten-Volkszählung“ dort gemeldet.
In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde auch ihr Sohn Gerhard von der Gestapo festgenommen und in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, wo er unter harter Zwangsarbeit und Hunger litt. Nach sechs Wochen Lageraufenthalt, gelang es ihm, sich unter der Auflage Deutschland, so schnell wie möglich, zu verlassen, frei zu kaufen. Nach der Entlassung besuchte er seine Eltern, wie sich später herausstellte, ein letztes Mal. Er floh nach Großbritannien, wo ihn seine Ehefrau schon erwartete. Von dort aus emigrierten sie am 1. April 1940 in die USA, wo sich Gerhard „Gerald Jablon“ nannte. 1942 und 1944 wurden sie Eltern einer Tochter und eines Sohnes. Ihre Enkelkinder lernten Siegfried und Eva nie kennen. Sie zogen am 1. April 1941 als „Rentner“ in die Brandenburgische Straße 38 in Berlin-Wilmersdorf. Finanzielle Probleme hatten sie nicht, die Ausgrenzung von Juden in der damaligen Zeit wird ihnen zu schaffen gemacht haben.
Sein Bruder Hugo und dessen Ehefrau Irma gehörten zu den ersten in Berlin, die in den Osten deportiert wurden. Sie waren am 1. November 1934 in die Geisbergstraße 29 in Berlin-Schöneberg gezogen, von wo sie Mitte Oktober 1941 aufgefordert wurden, sich in die Sammelstelle in der Levetzowstraße 7/8 in der umfunktionierten Synagoge einzufinden. Hier unterschrieben sie am 22.Oktober 1941 ihre Vermögenserklärung. Am 27. Oktober 1941 transportierte sie die Gestapo in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz, Polen), wo Irma schon am 18. Dezember 1941 und Hugo am 11. Januar 1942 aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen starben.
Im Oktober 1941 erließ das NS-Regime ein umfassendes Ausreiseverbot für Juden aus dem Deutschen Reich, damit saßen Siegfried und Eva in der Falle. Mehr als ein Jahr später bekamen sie Anfang Dezember 1942 den Deportationsbefehl. Sie hatten sich in der Sammelstelle Gerlachstraße 18-21, einem ehemaligen jüdischen Altersheim, in Berlin-Mitte einzufinden, um dort ihre Vermögenserklärung auszufüllen, die sie am 7. und 8. Dezember doppelt ausfüllten und unterschrieben. Am 15. Dezember 1942 deportierte die Gestapo sie vom Anhalter Bahnhof in das Altersghetto in Theresienstadt. Hier überlebten sie trotz menschenunwürdiger Lebensbedingungen fast zwei Jahre, um dann am 28. Oktober 1944 von Theresienstadt mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz deportiert zu werden, wo sie kurz nach ihrer Ankunft in einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Siegfried Jablonski starb mit 70 Jahren und Eva Jablonski geborene Wolff mit 60 Jahren.
Recherche und Text: Gundula Meiering, März 2026
Quellen:
- Bundesarchiv – Gedenkbuch
- Mapping the lives
- Berliner Adressbücher
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
- My Heritage
- Holocaust remembered, Memory, April 12, 2023, Survivor Gerald Jablon
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 16.600 Dr. Siegfried Jablonski und Eva Jablonski, Reg. 36A (II) 16.591, Hugo Jablonski