HIER WOHNTE
MARTHA BIRNBAUM
GEB. CROHN
JG. 1862
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 21.12.1942
Martha Birnbaum wurde als Martha Crohn am 14. Mai 1862 in Oranienburg im Kreis Niederbarnim in der Mark Brandenburg geboren. Für ihre Eltern, den aus Charnikau im Regierungsbezirk Bromberg in der Provinz Posen (Czarnków, Polen) stammenden Kaufmann Itzig Crohn (*24. Mai 1820) und dessen Ehefrau Rosalie geborene Neisser (*9. Januar 1834), war sie das dritte von insgesamt sieben Kindern. Ihre Schwester Helene (1858-1934) war vier Jahre und ihr Bruder Albert (1859-1933) drei Jahre älter als sie. Ihre jüngeren Geschwister waren Jenny (*14. Januar 1866), Eugen (*23. März 1872), Elsbeth (*23. Dezember 1874) und Hedwig (*11. November 1876).
Wann und wo Martha ihren späteren Ehemann, den aus Trachenberg in Schlesien (Żmigród, Polen) stammenden Kaufmann Sylvius Birnbaum (1854-1912) kennenlernte, ist nicht bekannt. Der 29-jährige Sylvius und die 21-jährige Martha heirateten ca. 1883 in Oranienburg. Am 3. Februar 1889 wurde ihr einziges Kind Leopold geboren.
Zwei Jahre später, am 21. Dezember 1891, starb Marthas Vater Itzig in Oranienburg mit 71 Jahren und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Oranienburg beigesetzt. Ihre Mutter Rosalie starb am 8. November 1902 mit 68 Jahren in Berlin und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Marthas Sohn Leopold wurde kaufmännischer Beamter von Beruf. Am 22. März 1912 starb ihr Ehemann Sylvius Birnbaum mit 58 Jahren in der gemeinsamen Wohnung in der Altonaer Straße 12 im Berliner Hansaviertel. Martha wurde mit 49 Jahren Witwe.
Leopold heiratete drei Jahre später, am 17. April 1915, die Kontoristin Emmy Elisabeth Lach (*30. Juni 1899). In der Heiratsurkunde gaben sie an, evangelisch zu sein. Ihre Tochter Lieselotte kam am 19. August 1915 zur Welt. Martha wurde mit 52 Jahren zum ersten Mal Großmutter. Zwei Söhne wurden danach tot geboren. Leopold und Emmy ließen sich am 7. Oktober 1925 scheiden. Die 10-jährige Lieselotte blieb bei der Mutter. 1928 wurde Leopold aus einer unehelichen Beziehung Vater von Edith Kusch (*3. August 1928). In dieser Zeit machte er eine Ausbildung zum staatlich geprüften Krankenpfleger, welche er 1930 abschloss. Seitdem arbeitete er als selbstständiger Krankenpfleger und für die jüdische Gemeinde.
Als am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war Martha 70 Jahre alt. Am 25. März 1933 heiratete Leopold in zweiter Ehe mit 44 Jahren die 22-jährige Nicht-Jüdin Gerda Ilse Ruth Donath (*15. November 1911). Als Wohnort gab er die Livländische Straße 17, die Wohnanschrift seiner Mutter an. Diese Ehe blieb kinderlos.
Ab dem 1. Januar 1939 musste Martha als Jüdin den zusätzlichen Zwangsvornamen „Sara“ annehmen. Jüdische Männer waren gezwungen, den zusätzlichen Zwangsvornamen „Israel“ anzunehmen. Leopold aber hatte am 21. Dezember 1938 mit Genehmigung des Polizeipräsidenten anstelle seines bisherigen Vornamens den Namen „Denny“ als Zwangsnamen eintragen lassen. Bei der Minderheiten-Volkszählung am 17. Mai 1939 wohnte er mit seiner Frau Gerda in der Waitzstraße 2 in Berlin-Charlottenburg, während Martha weiterhin in der Livländischen Straße 17 gemeldet war. Marthas jüngerer Bruder Eugen Krohn (nicht Crohn), dessen Ehefrau 1940 starb, wohnte ganz in ihrer Nähe in der Badenschen Straße 21 in Berlin-Wilmersdorf.
Marthas Schwester Jenny, die 1919 ihren Ehemann Philipp Nagel (*1866) verloren hatte, war vor 1939 zusammen mit ihren erwachsenen Kindern Lotte (*1895) und Ernst (*1898) sowie deren Familien die Emigration nach Buenos Aires in Argentinien gelungen.
Marthas jüngste Schwester Hedwig wurde am 12. Februar 1940 von Stettin (Szczecin, Polen) aus in das Ghetto Piaski deportiert, wo sie mit 64 Jahren ermordet wurde.
Am 23. Februar 1941 wurde auch Leopolds zweite Ehe geschieden. In dritter Ehe heiratete er Betty Slomke (*5. April 1899) und wohnte mit ihr in der Zietenstraße 38 in Neukölln.
Marthas Bruder Eugen war der erste aus der verblieben Oranienburger „Crohn-Familie“, der den Deportationsbefehl bekam und am 10. August in das Ghetto Theresienstadt transportiert wurde. Die 80-jährige Martha erhielt den Deportationsbefehl kurze Zeit später. Die Gestapo deportierte sie mit dem sogenannten „1. Großen Alterstransport“ am 17. August 1942 mit mehr als 1.000 weiteren jüdischen Menschen in das Ghetto Theresienstadt. Vier Tage später, am 21. August 1942, wurden auch ihre jüngere Schwester Elsbeth und deren Ehemann Ludwig Seefeld (*30. Dezember 1873) aus Berlin-Zehlendorf dorthin deportiert. Ludwig starb aufgrund der menschenunwürdigen Lebensbedingungen im Ghetto schon am 4. Dezember 1942. Martha folgte ihm 17 Tage später am 21. Dezember 1942, zwei Tage vor Elsbeths 68. Geburtstag. Martha Birnbaum geborene Crohn starb mit 80 Jahren. Ihre Schwester Elsbeth Seefeld geborene Crohn überlebte noch drei weitere Monate und starb am 17. März 1943. Ihr Bruder Eugen hielt bis zum
4. Juli 1943 durch. Er starb mit 71 Jahren.
Marthas Sohn Leopold war am 26. Oktober 1942 zusammen mit seiner dritten Ehefrau Betty mit dem sogenannten „22. Osttransport“ vom Güterbahnhof Putlitzstraße in Berlin-Moabit nach Riga deportiert worden. Fast alle Deportierten wurden am 29. Oktober 1942 unmittelbar nach Ankunft am Güterbahnhof Skirotava in Riga im Wald von Bikernieki von SS-Einsatzgruppen erschossen. Leopold starb mit 53 Jahren und Betty mit 43 Jahren.
Recherche und Text: Gundula Meiering, Juli 2026
Quellen:
• Bundesarchiv – Gedenkbuch
• Mapping the Lives
• Berliner Adressbücher
• Arolsen Archives – Deportationslisten
• Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
• My Heritage
• Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 3880, Denny (Leopold) Birnbaum