HIER WOHNTE
BEILE COHN
GEB. CANTOR
JG. 1864
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 13.12.1942
Beile Cohn wurde als Beile Cantor am 23. Oktober 1864 in Czarnikau in der Provinz Posen (Czarnków, Polen) geboren. Ihre Eltern waren der Agent Heymann Canter und dessen Ehefrau Amalie geborene Steinberg (*15. Juli 1824). Ihre älteste Schwester Flora (*3. November 1848) war 16 Jahre älter als sie. Nachdem Berlin 1871 Reichshauptstadt geworden war, zog die Familie hierher. Fortan führten sie die Familiennamen Canter und Cantor. Beiles Schwester Johanna Cantor (*1855) starb am 9. Februar 1882 mit 27 Jahren. Der Tod wurde von dem „Holz-Kommissionär” Hermann Cantor, vermutlich ein Bruder der Schwestern, beim Standesamt gemeldet. Die Familie wohnte damals in der Weinmeisterstraße 8 in Berlin-Mitte. Beile wurde Verkäuferin von Beruf.
Wann und wo sie ihren späteren Ehemann, den Kaufmann Abraham Heymann Cohn (*12. September 1857), kennenlernte, ist nicht bekannt. Er war in Beyersdorff im Kreis Pyritz im Regierungsbezirk Stettin der preußischen Provinz Pommern (Powiat Pyrzycki, Polen) geboren worden und wohnte schon vor der Hochzeit in Rostock. Seine Eltern waren Louis Cohn und dessen Ehefrau Emilie geborene Posener, die in Beyersdorff wohnten.
Die 26-jährige Beile und der 33-jährige Heymann heirateten am 8. November 1890 in Berlin. Am 22. September 1891 wurden Beile, auch Betty genannt, und Heymann, der sich auch Heinrich nannte, in Rostock Eltern ihrer ersten Tochter Erna. Kurz nach deren Geburt, am 16. Oktober 1891, starb Beiles Mutter mit 67 Jahren und neun Monaten in der Rosenthaler Straße 19 in Berlin-Mitte, wo die Familie inzwischen hingezogen war.
Am 4. Januar 1893 wurde der erste Sohn Georg Gustav und am 19. September 1894 ihre zweite Tochter Margarete (Grete) in Rostock geboren. Ihr jüngster Sohn Harry kam am 25. Oktober 1899 in Güstrow zur Welt, wo die Familie in der Zwischenzeit wohnte.
Nachdem der jüngste Sohn Harry seine Reifeprüfung abgelegt hatte, ging die Familie vermutlich nach Berlin, wo er eine Baugewerkschule besuchte und später ein Baugeschäft in der Aschaffenburger Straße 23 führte.
Beiles Ehemann Heinrich hatte mit 65 Jahren das Rentenalter erreicht. Er starb am 9. April 1927 mit 70 Jahren und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Beile wurde mit 62 Jahren Witwe.
Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war Beile 68 Jahre alt.
Ihrem ältesten Sohn Georg wurde als Rechtsanwalt ein Berufsverbot erteilt, was ihn und seine Ehefrau Vera dazu bewog, nach Großbritannien zu emigrieren. Auch Harry, Beiles jüngster Sohn, flüchtete nach England. Ihre Töchter Erna und Margarete (Grete) blieben beide ledig, hatten aber ihre eigenen Wohnungen. Erna wohnte bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 in der Hohenstaufenstraße 45 in Berlin-Schöneberg, wo sie ein Geschäft für Festdichtungen führte. Margarete (Grete) wohnte damals in der Sächsischen Straße 2 in Berlin-Wilmersdorf, während ihre Mutter Beile in der Nähe in der Konstanzer Straße 55 in Berlin-Wilmersdorf gemeldet war.
Margarete war die erste, die den Deportationsbefehl in den Osten erhielt. Mit dem VI. Osttransport wurden sie und 1.005 weitere Personen am 17. November 1941 vom Bahnhof Grunewald nach Kaunas (Kowno, Litauen) deportiert. Alle Deportierten wurden am 25. November 1941 im Fort IX erschossen. Margarete Cohn starb mit 47 Jahren.
Ein Jahr später deportierte die Gestapo Beile Cohn mit dem 1. großen Alterstransport am 17. August 1942 in das Ghetto Theresienstadt. Aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto starb Beile Cohn mit 78 Jahren am 13. Dezember 1942.
Ihre älteste Tochter Erna starb am 3. Januar 1943 im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße 2 in Berlin-Wedding mit 52 Jahren an einem Magengeschwürdurchbruch.
Recherche und Text: Gundula Meiering, Juni 2026
Quellen:
• Bundesarchiv – Gedenkbuch
• Mapping the Lives
• Berliner Adressbücher
• Arolsen Archives – Deportationslisten
• Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
• My Heritage