HIER WOHNTE
HEIMANN HEINRICH
LEVY
JG. 1872
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942
Heinrich Heimann Levy wurde am 12. Dezember 1872 in Culmsee (Chełmża, Polen) in Westpreußen geboren. Für seine aus Bromberg (Bydgoszcz, Polen) stammenden
Eltern, den Kaufmann Benas Levy (*23. Oktober 1839) und dessen Ehefrau Rebecca Levy geborene Auerbach (*19. Februar 1839), war er das drittälteste von insgesamt sieben Kindern. Sein ältester Bruder William (*1869), genannt Willi, war drei Jahre und sein Bruder Sally (*15. April 1871) anderthalb Jahre älter als er. Sein Bruder Theodor (*28. August 1874) war anderthalb Jahre jünger als er. Der Bruder Hermann (*1876) starb im Kleinkindalter. Auch seine Schwestern Bertha (*7. Juli 1877) und Dorothea (*3. Juli 1880) wuchsen mit ihm zusammen in Culmsee auf. Der Vater Benas Levy war in Culmsee ein sehr angesehener Geschäfts-und Verwaltungsmann, der die Genehmigung erhalten hatte, mit Bernstein und Fellen zu handeln. Die Mutter Rebecca widmete sich der Kultur, sie malte und musizierte.
Die Familie gehörte dem „konservativen Judentum“ an, einer religiösen Ausrichtung zwischen liberalem und orthodoxem Judentum.
Heinrich wurde wie sein Vater Kaufmann von Beruf. Er handelte mit Getreide. Wie seine Mutter war er sehr musikalisch und spielte Violine.
Sein ältester Bruder, der Fabrikbesitzer Willi Levy, heiratete 1897 die Cousine Marie Levy (*13. April 1874), Tochter von Abraham Levy und Auguste Levy geborene Auerbach, in Culmsee. Sie bekamen zwei Kinder in Driesen, Friedrich (*27. September 1898) und Erna (*16. April 1906).
Seine Schwester Bertha heiratete 1901 in Berlin den aus Heiligenstadt in Sachsen stammenden Kaufmann Adelbert Grunsfeld (*2. November 1872). Am 21. Juli 1902 kam ihre Tochter Nora in Braunschweig zur Welt.
Am 2. November 1903 heiratete die jüngste Schwester Doro den aus Magdeburg stammenden Kaufmann Arthur Grunsfeld (*4. Januar 1874) in Berlin. Ihre Tochter Steffie wurde am 20. März 1905 geboren.
Der Bruder Theodor heiratete 1904 Rosalie Stargardter (*1881) aus Elbing. Ihr Sohn Franz wurde am 11. Juni 1906 in Culmsee geboren. 1906 war auch das Geburtsjahr von Evelyn Levy, der Tochter von Sally Levy und dessen Ehefrau Bertha.
Wann und wo Heinrich seine spätere Ehefrau, die aus Thorn im Regierungsbezirk Marienwerder stammende Susanne Fabian (*1880), kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie verlobten sich am 22. April 1906 und heirateten vermutlich wie damals üblich drei Monate später. Am 28. Dezember 1907 kam ihr erster Sohn Joachim Siegfried zur Welt. Am 21. Februar 1909 wurde ihr zweiter Sohn Berthold Fabian und am 6. Juli 1911 ihre Tochter Lotte in Culmsee geboren.
Als sein ältester Bruder Willi mit 45 Jahren am 2. August 1914 starb, wohnten die Eltern Benas und Rebecca Levy schon in Wilmersdorf in der Trautenaustraße 10. Am 10. März 1918 feierten sie hier zusammen mit ihrer großen Familie die Goldene Hochzeit. Schon kurze Zeit später, am 26. Mai 1918, starb Rebecca Levy geborene Auerbach mit 79 Jahren. Gut ein Jahr später, vier Wochen vor Vollendung des 80. Lebensjahres, verschied auch Benas Levy am 23. September 1919. Er wurde am 28. September 1919 auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.
Heinrich Levy, der zu Beginn des Ersten Weltkrieges 41 Jahre alt war, nahm aktiv am Krieg teil. Der Name Heinrich Levy fand sich 1918 zum ersten Mal im Berliner Adressbuch in der Neuen Schönhauser Straße 19 in Berlin-Mitte. Nach dem Versailler Vertrag wurde Culmsee polnisch. Die Familie Levy sah sich aufgrund dessen gezwungen, ihre Heimatstadt zu verlassen.
Als der mittlere Sohn Berthold krank wurde, brachten sie ihn in das Universität-Krankenhaus nach Königsberg. Hier starb er am 26. Dezember 1924 mit 14 Jahren, worüber seine Eltern zeitlebens nicht hinwegkamen. Ihr ältester Sohn Joachim, der damals das Gymnasium besuchte, stand zwei Tage vor seinem 17. Geburtstag. Er studierte später an der Universität Berlin und wurde Arzt.
Mitte der 1920er Jahre zogen die Levys nach Berlin-Charlottenburg in die Uhlandstraße 194. Heinrichs älterer Bruder Sally emigrierte 1926 mit 55 Jahren zusammen mit Ehefrau Berta und der 20-jährigen Tochter Evelyn nach New York in den USA.
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, verlor Lotte Levy, Heinrich und Susannes 22-jährige Tochter, sofort ihre Anstellung im Büro eines großen Warenhauses. Der Sohn Joachim wurde nicht mehr zur Promotion zugelassen und erhielt keine Approbation als Arzt, somit war es ihm nicht gestattet, eine eigene Praxis zu eröffnen. Er arbeitete deshalb in der Jüdischen Klinik „Alexander“ als Assistenzarzt und später im jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße 2.
Seit 1935 wohnte die Familie Levy in der Trautenaustraße 16 in der 4. Etage des Vorderhauses in einer 5-Zimmer-Wohnung.
Am 12. September 1936 heiratete die 25-jährige Tochter Lotte den kaufmännischen Angestellten Kurt Karl Theodor Jutrosinski (*25. Februar 1905). In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde Heinrichs Schwiegersohn Kurt auf der Straße festgenommen und in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz gebracht. Anschließend internierte die Gestapo ihn bis Mitte Dezember 1938 im Konzentrationslager Sachsenhausen. Am 9. März 1939 gelang Lotte und Kurt Jutrosinski die Emigration über Rotterdam nach New York. In den USA nannten sie sich mit Nachnamen fortan Jutro.
Auch Heinrichs jüngster Schwester Doro, die 1937 Witwe geworden war, gelang die Emigration zusammen mit ihrer 34-jährigen Tochter Steffi (*30. März 1905) und deren Ehemann Dr. med. Fritz Neumark nach New York.
Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren der 66-jährige Heinrich und die 54-jährige Susanne Levy weiterhin in der Trautenaustraße 16 gemeldet. Ihr ältester Sohn Joachim wurde im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße 2 in Berlin-Wedding registriert. Seit 1941 mussten sie Zwangsarbeit leisten.
Heinrichs Bruder Sally, der 1926 in die USA ausgewandert war, kam ca.1938 ohne Familie zurück nach Berlin und wohnte 1941 ganz in ihrer Nähe in der Güntzelstraße 17/18.
Dr. jur. Fred Levy, Sohn von Heinrichs ältesten Bruders Willi, gelang noch am 27. April 1941 zusammen mit seiner Ehefrau Helene die Emigration nach New York, USA.
Heinrichs Bruder Theodor und dessen Ehefrau Rosalie, die seit dem 1. August 1935 in der Waghäuseler Straße 9-10 auch in Berlin-Wilmersdorf wohnten, waren die ersten der Familie Levy, die den Deportationsbefehl erhielten. Am 12. Oktober 1941 forderte die Gestapo sie auf, die Vermögenserklärung auszufüllen. Hier gaben beide an, dass ihr Sohn Franz in der Großen Hamburger Straße 27 in Berlin-Mitte wohne und verheiratet sei. Diese Angabe, die nicht der Wahrheit entsprach, sollte vermutlich ihren Sohn vor der Deportation schützen. Es half nichts, auch Franz hatte sich im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstr. 7- 8 am 16. Oktober 1941 einzufinden. Dort wurden alle registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert.
Zwei Tage später, am 18. Oktober 1942, ging es zu Fuß im strömenden Regen oder zum Teil auf offenen Lastwagen für alle sichtbar zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald, von wo aus der erste Deportationszug insgesamt 1.251 Personen in den Osten transportierte. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź, 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt. Dort wurden Theodor, Rosalieund Franz Levy einquartiert. In erbärmlichen Verhältnissen verbrachten sie hier den Winter und das Frühjahr 1942.
Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chelmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielten auch Theodor, Rosalie und Franz Levy einen „Ausreisebefehl“ für den 6. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurden sie am 8. Mai 1942 in einem Gaswagen ermordet.
Auch Heinrichs Schwester Bertha und deren Ehemann Adalbert Grunsfeld, die ebenfalls in Heinrich und Susanne Levys Nähe in der Nassauischen Straße 16 zur Untermiete bei Clara Boas geborene Jacoby (*1874) wohnten, wurden 14 Tage später am 1. November 1941 nach Litzmannstadt deportiert. Adalbert starb mit 69 Jahren am 25. März 1942 aufgrund der menschenunwürdigen Lebensbedingungen im Ghetto. Bertha folgte ihm am 5. April 1942 in den Tod. Bertha Grunsfeld geborene Levy starb mit 62 Jahren.
Heinrichs älterer Bruder Sally wurde am 11. August 1942 aus der Güntzelstraße 17/18 nach Theresienstadt deportiert. Aufgrund der unmenschlichen Bedingungen im Ghetto starb er schon zwei Monate später am 2. Oktober 1942. In der Todesfallanzeige war als Todesursache Herzschwäche angegeben.
Am 15. August 1942 wurden Heinrich und Susanne mit dem 18. Osttransport zusammen mit 1043 weiteren gelisteten Personen nach Riga deportiert, wo sie drei Tage später, am 18. August 1942, kurz nach der Ankunft ermordet wurden. Heinrich Levy starb mit 70 Jahren. Susanne Levy geborene Fabian starb mit 57 Jahren.
Heinrichs Schwägerin und Cousine Marie Levy, Witwe des ältesten Bruders Willi, wurde am 27. November 1942 aus ihrer Wohnung in der Neuen Bayreuther Straße 5 in Berlin-Schöneberg von der Gestapo abgeholt und in das Siechenheim in der Auguststraße 14/15 gebracht. Am 10. Januar 1943 wurde sie in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Sie starb dort am 28. April 1943 mit 69 Jahren aufgrund von Hunger, mangelnder Hygiene und ansteckenden Krankheiten im Ghetto.
Ihre Nichte Erna Levy, Tochter des ältesten Bruders Willy, sowie ihre Nichte Nora Lewin geborene Grunsfeld und deren Ehemann Hans Georg Lewin wurden im Rahmen der „Fabrikaktion“ am 27. Februar 1943 von der Gestapo an ihrem Arbeitsplatz festgesetzt. Hans Georg Lewin wurde am 1. März 1943 und Nora und Erna am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert und zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet. Hans Georg Lewin starb mit ca. 35 Jahren. Nora Lewin geborene Grunsfeld starb mit ca. 40 Jahren. Erna Levy starb mit 38 Jahren.
Heinrich und Susannes Sohn Joachim Levy versuchte sich der Deportation zu entziehen und tauchte unter. Am 17. Mai 1943 war er eigentlich für den 38. Osttransport vorgesehen. 1944 wurde er von der Gestapo entdeckt und mit dem 48. Osttransport zusammen mit 48 weiteren gelisteten Personen am 20. Januar 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Joachim Siegfried Levy starb mit ca. 37 Jahren.
Ihre Tochter Lotte Jutro lebte zusammen mit ihrem Ehemann Kurt an verschiedenen Orten der USA. Sie wurden 1944 Eltern eines Sohnes, den sie Peter Richard nannten. Lotte Jutro geborene Levy starb mit 87 Jahren am 3. Februar 1999 in Arlington, Virginia.
Recherche und Text: Gundula Meiering, Mai 2025
Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv; Mapping the Lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten; Personenstandsunterlagen / über ancestry; My Heritage; Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II) 22467, Theodor Levy; USC Shoah Foundation, Interview 42975 vom 2. Juli 1998 mit Lotte Jutro, Tochter von Heinrich und Susanne Levy, in Arlington, Virginia, USA