HIER WOHNTE
ROSA HIRSCH
GEB. JOLLES
JG. 1876
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942
Rosa Hirsch wurde als Rosa Jolles am 31. Dezember 1876 in Berlin geboren. Für ihre Eltern, den aus Rzeszów im Kaiserreich Österreich (heute Polen) stammenden Kaufmann Heinrich Hirsch Jolles (*1844) und seine aus Breslau stammende Ehefrau Bertha geborene Silbermann (*1849), war sie das zweite von insgesamt drei Kindern. Rosas ältere Schwester Alice war im gleichen Jahr am 26. Januar geboren. Ihr kleiner Bruder Leopold (*1877) kam ein Jahr nach ihr zur Welt.
Ihr Vater betrieb die Firma „Heinrich Jolles & Co Damenhüte“ in der Greifswalder Straße 5. Der Wohnsitz der Familie befand sich 1925 in der Heinersdorfer Straße 20 in Berlin-Prenzlauer Berg. Hier war Rosa im Berliner Adressbuch als Kauffrau gemeldet. Wann Rosa ihre Mutter verlor, ist nicht bekannt.
Ihr Bruder Leopold wurde Ingenieur von Beruf und heiratete die aus Frankfurt stammende Katharina Franziska Eva Weihkopf (*23. Januar 1880). Sie wohnten in der Großbeerenstraße 82 in Berlin-Kreuzberg. Am 5. Oktober 1909 wurde ihre Tochter Charlotte Alice Berta Eva Jolles in Neubabelsberg geboren.
Rosas Schwester Alice betrieb ein „Putzgeschäft“ (Hutgeschäft) in der Heinersdorfer Straße 20 in Berlin-Prenzlauer Berg. Sie heiratete mit 49 Jahren am 25. August 1925 den aus Bromberg stammenden Kaufmann Schimsche Schmul (Simon Samuel) Hirsch (*14. Februar 1870). Sie wohnten zusammen in der Helmstedter Straße 15 in Berlin-Wilmersdorf.
Nach gut einem halben Jahr Ehe starb Alice schon mit 50 Jahren am 26. April 1926. Simon Hirsch wurde mit 56 Jahren Witwer.
Vermutlich hatte Rosa das Putzgeschäft ihrer Schwester übernommen, als diese 1925 heiratete.
Drei Jahre nach dem Tod ihrer Schwester Alice heiratete die 52-jährige Geschäftsinhaberin Rosa Jolles am 17. Januar 1929 ihren ehemaligen Schwager, den Witwer Simon Hirsch. Sie wohnten zuerst in der Heinrich-Roller-Straße 20 in Berlin-Prenzlauer Berg und dann in der Mommsenstraße 65 in Berlin-Charlottenburg.
Rosas Vater starb 1930 mit 86 Jahren, ihre Schwägerin Katharina Franziska Eva Jolles, die Ehefrau ihres Bruders Leopold, mit 50 Jahren. Leopold zog als Witwer zusammen mit seiner 21-jährigen Tochter Charlotte in die Trautenaustraße 1 in Berlin-Wilmersdorf.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zogen Rosa und Simon Hirsch am 20. Mai 1933 auch nach Berlin-Wilmersdorf in die Sächsische Straße 73. Nach sieben Jahren Ehe starb Rosas Ehemann Simon Samuel Hirsch am 18. Januar 1936 mit 65 Jahren im Jüdischen Krankenhaus. Im Berliner Adressbuch war Rosa fortan wieder als Kauffrau in der Sächsischen Straße 73 gemeldet. Vermutlich führte sie das „Rosa Hirsch Putz Atelier“ in der Rheinstraße 8 in Berlin-Friedenau. 1938 musste sie ihr Geschäft als Jüdin aufgeben.
Als am 3. April 1938 auch noch ihr Bruder Leopold starb, waren sie und ihre Nichte Charlotte Jolle, die 29-jährige Tochter ihres Bruders, die einzig Übriggebliebenen aus der Familie. Rosa und Charlotte zogen am 15. Februar 1939 zusammen in die Trautenaustraße 12.
Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war nur noch Rosa in der Trautenaustraße 12 gemeldet. Charlotte war die Flucht nach Großbritannien gelungen. Ab dem 29. August 1939 wohnte Rosa in der Meraner Straße 24 in Berlin-Schöneberg.
Am 9. Februar 1942 zog sie zur Untermiete in eine 3-Zimmer-Wohnung bei Adele und Hedwig Schiff im Gartenhaus im 1. Stock der Kastanienallee 23 in Berlin-Charlottenburg. Sie mietete dort ein möbliertes Zimmer für 56 RM monatlich. Rosa hatte nur noch einen Koffer mit einigen Kleidungsstücken. Sie war die erste der drei Bewohnerinnen, die den Deportationsbefehl der Gestapo erhielt. Im Sammellager in der Gerlachstraße 18-21 füllte sie die 16-seitige Vermögenserklärung aus und unterschrieb diese am 27. Juli 1942. Eigentlich war sie für den sogenannten „Ersten großen Alterstransport“ am 17. August 1942 nach Theresienstadt vorgesehen und stand schon auf der Deportationsliste dieses Transports. Vermutlich fehlten für den Transport nach Riga noch Menschen, um die anvisierte Zahl von 1.000 Personen zu erreichen. So wurde Rosa Hirsch auf der Deportationsliste für den Theresienstadt-Transport gestrichen und auf die Liste für den Riga-Transport gesetzt. Am 15. August 1942 wurde sie zusammen
mit 1.044 weiteren Personen von Berlin-Moabit nach Riga deportiert. Nach Ankunft des Zuges in Riga, am 18. August 1942, wurden die Insassen des Transports zu den Massengräbern in die Nähe von Riga gebracht und erschossen. Bald darauf wurden die Kleidungsstücke der Ermordeten und ihr Gepäck in das Ghetto nach Riga gebracht. Von den aus Berlin Deportierten erreichte niemand das Ghetto Riga. Rosa Hirsch starb mit 65 Jahren.
Recherche und Text: Gundula Meiering, März 2025
Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives – Karteikarten;
Personenstandsunterlagen / über Ancestry;
My Heritage;
Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärung, Reg.36A (II) 15547 Rosa Hirsch geborene Jolles und Reg.36A (II) 6A 33731 Alice und Hedwig Schiff