HIER WOHNTE
PAULINE COHN
GEB. BUKOFZER
JG. 1892
DEPORTIERT 17.11.1941
KOWNO FORT IX
ERMORDET 25.11.1941
Pauline Cohn wurde als Pauline Bukofzer am 30. Mai 1892 in Bromberg (Bydgoszcz, Polen) geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann Ludwig Louis Bukofzer (*1857) und Sophie Sara Ryfke Bukofzer geborene Silberblatt (*1859), war sie das jüngste von insgesamt fünf Kindern. Isidor (*1883) war neun, Joseph (*1884) acht, Abraham (*1886) ca. sechs und Henriette, genannt Hennie, (*1889) ca. drei Jahre älter als sie.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Friedensvertrag von Versailles wurde die mehrheitlich deutschsprachige Stadt Bromberg im Januar 1920 an die Zweite Polnische Republik abgetreten. Die Familie Bukofzer zog deshalb nach Berlin.
Mit 29 Jahren heiratete Pauline am 27. Oktober 1921 den aus Mohrungen in Ostpreußen (Morąg, Polen) stammenden Kaufmann Albert Simon (*28. September 1884) im Standesamt Berlin-Kreuzberg. Trauzeuge war ihr Onkel, der Fabrikbesitzer Moritz (Max) Silberblatt und der Privatmann Hermann Steiner, bei dem Pauline damals wohnte. Die Ehe mit Albert hielt sechs Jahre und wurde am 16. Januar 1928 geschieden.
Pauline verdiente nach der Scheidung ihren Unterhalt als Verkäuferin.
Wann und wo sie ihren späteren zweiten Ehemann, den Kaufmann Moritz Cohn, kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten am 22. März 1932. Pauline stand kurz vor ihrem 40. Geburtstag. Durch die Ehe wurde sie Stiefmutter von drei erwachsenen Kindern, Pauline (*1905), Ludwig (*1907) und Cäcilie (*1910). Trauzeugen auf dem Standesamt in Berlin-Kreuzberg waren Moritz‘ Bruder Wilhelm Cohn aus der Fritschestraße 51 in Berlin-Charlottenburg und Paulines Bruder Abraham, genannt Adolf, Bukofzer.
Die Cohns waren ab 1934 in der Trautenaustraße 11 gemeldet. Im Nachbarhaus Nr. 12 wohnten Paulines Bruder Adolf Bukofzer und dessen Ehefrau Annie, die auch Paulines Cousine war. Paulines Ehemann Moritz betrieb im Erdgeschoss des Hauses einen Automatenvertrieb mit Werkstatt und Lagerraum.
Paulines Onkel Moritz Silberblatt zog am 1. Januar 1936 gegenüber in die Trautenaustraße 18. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ 1939 waren auch ihr Bruder Adolf und ihre Schwägerin Annie bei ihm gemeldet.
Paulines Mutter war zusammen mit ihrem ältesten Bruder Isidor und dessen Ehefrau sowie
ihrem verwitweten Bruder Joseph bei der „Minderheiten-Volkszählung“ in der
Chodowieckistraße 42 in der III. Etage des 2. Aufganges in Berlin-Prenzlauer Berg gemeldet.
Auch Schwester Hennie war mit ihrem Ehemann Arthur Hirschfeld (*1883) und ihren beiden Söhnen Ludwig und Werner (*1922) von Küstrin nach Berlin gekommen. Sie wohnten 1939 in der Regensburger Straße 28 in Berlin-Wilmersdorf und später in der Bozener Straße 10 in Berlin-Schöneberg. Ihren beiden Söhnen gelang die Flucht nach Australien.
Moritz‘ Kinder Ludwig und Cäcilie flüchteten am 28. Juli 1939 nach Großbritannien.
Im Oktober 1941 wurde Juden die Ausreise aus dem Deutschen Reich verboten.
Im Sommer 1941 mussten die drei übriggebliebenen Cohns aus der Trautenaustraße 11 ausziehen und zur Untermiete in ein Leerzimmer in die Regensburger Straße 13 ziehen. Das Zimmer befand sich im II. Stock des Gartenhauses.
Mitte November 1941 hatten sich Pauline und ihre Stieftochter und Namensvetterin Pauline im Sammellager in der entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7-8 in Berlin-Tiergarten zu melden. In der Nacht zum 17. November 1941 wurden sie zusammen mit über 1.000 Leidensgenossen quer durch Berlin zum Vorortbahnhof Berlin-Grunewald getrieben, um dort einen Sonderzug zu besteigen, der sie nach Kowno (Kaunas, Litauen) brachte. Dort wurden sie am 25. November 1941 im Fort IX, einer Festungsanlage, die in der ersten sowjetischen Besatzungszeit in den Jahren 1940 und 1941 dem sowjetischen NKWD (Volkskommissariat für „Innere Angelegenheiten der Sowjetunion“, zuständig für Polizei, Geheimdienste, politische Strafjustiz, den Gulag und den Grenzschutz) als Gefängnis diente, ermordet. Pauline starb mit 49 Jahren. Ihre Stieftochter Pauline starb mit 36 Jahren.
Da von den nach Litauen deportierten Berlinern keine Nachrichten kamen, verdichteten sich bald darauf in Berlin Gerüchte von einem Massaker in Kowno.
20 Tage nach der Deportation seiner nächsten Angehörigen wurde auch Paulines Ehemann Moritz von der Gestapo am 27. November 1941 zusammen mit mehr als 1.000 weiteren Leidensgenossen mit dem ersten Sonderzug nach Riga (Lettland) deportiert. Es handelte sich bereits um den 7. “Osttransport“ aus Berlin. Nach ihrer Ankunft in Riga wurden alle im nahegelegenen Wald von Rumbula am 30. November 1941 ermordet. Moritz Cohn starb mit 63 Jahren.
Am 25. Januar 1942 wurden auch Paulines Schwester Hennie und deren Ehemann Arthur Hirschfeld in das Ghetto Riga deportiert. Hennie wurde später in das Konzentrationslager Stutthof gebracht, wo sie am 9. August 1944 starb. Arthur Hirschfeld war zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon tot.
Am 31. August 1942 deportierte die Gestapo Paulines Mutter Sophie Bukofzer in das Ghetto Theresienstadt und am 26. September 1942 weiter in das Vernichtungslager Treblinka, wo sie sie ermordeten. Sie starb mit 83 Jahren.
Paulines Bruder Joseph, ein ausgezeichneter und verwundeter Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges, wurde am 19. November 1942 ebenfalls in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto starb er am 23. März 1944 mit 59 Jahren.
Paulines Bruder Adolf und dessen Ehefrau Annie wurden im Rahmen der „Fabrikaktion“ am 27. Februar 1943 von der Gestapo festgesetzt. Am 12. März 1943 wurden sie nach Auschwitz deportiert und ermordet. Adolf starb mit 57 Jahren und Annie mit 50 Jahren.
Nur Moritz‘ Kinder Ludwig und Cäcilie und die zwei Söhne der Schwester Hennie überlebten.
Recherche und Text: Gundula Meiering, Oktober 2025
Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv; Mapping the Lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten; Personenstandsunterlagen / über ancestry; My Heritage; Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Entschädigungsbehörde (LABO) Reg. Nr. 56908 – Geschädigter: Moritz Cohn, Antragsteller: Vic Collins (ehemals Ludwig Cohn)