Stolpersteine Trautenaustraße 10

Hauseingang Trautenaustr. 10

Hauseingang Trautenaustr. 10

Diese Stolpersteine wurden am 29. April 2012 verlegt.

Stolperstein für Dorothea Chalfon

Stolperstein für Dorothea Chalfon

HIER WOHNTE
DOROTHEA CHALFON
GEB. CASPER
JG. 1884
DEPORTIERT 14.11.1941
ERMORDET IN
MINSK

Dorothea Chalfon wurde als Dorothea Casper am 10. November 1884 in Christburg, Kreis Stuhm, Ostpreußen (Dzierzgoń, Polen) geboren. Für ihre aus Berlin stammenden Eltern, den Kaufmann Moritz Moses Lewin Casper (*1846) und seine Ehefrau Laura Casper geborene Heymann (*1848), war Dora, wie sie sie nannten, das jüngste von insgesamt sechs Kindern. Ihr ältester Bruder Georg (*1873) war bei Doras Geburt 11, Abraham Alfred (*7. August 1874) 10, Lydia (*18. Mai 1876) 8 und Hedwig (*1880) 4 Jahre alt. Das Geburtsdatum ihres Bruders Max konnte bisher nicht recherchiert werden.

Hedwig starb schon mit 20 Jahren am 16. Januar 1900. Lydia heiratete am 24. Dezember 1901 Isidor Glaser. Ihr ältester Bruder Georg heiratete am 19. März 1908 Else Exiner und ihr Bruder Alfred am 14. Mai des gleichen Jahres Käte Schäfer. Ihre Mutter Laura Casper starb 1909 mit knapp 60 Jahren.

Wann und wo Dorothea ihren späteren Ehemann, den aus Zaleszczyki in Galizien (heute Ukraine) stammenden Kaufmann Mechel Chalfon recte Samet (*16. Dezember 1877), kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten am 27. Oktober 1910 in Berlin. Dorothea trug fortan „Chalfon recte Samet“ als Familienname. Im Berliner Tageblatt des 1. November 1910 zeigten sie ihre Vermählung und die Flitterwochen in Paris an.

Bis ungefähr 1914 wohnten sie im Siegmunds Hof 12 im Gartenhaus Parterre in Berlin-Moabit. Mechel Chalfon nahm als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. 1915 führte er einen Zigarren- und Zigaretten-Engroshandel in der Jagowstraße 5 ebenfalls in Moabit. Mit einem „Zigarren- und Zigaretten Engroshaus für Detailkunden“ führte ihn das Amtliche Fernsprechbuch 1921 in der Friedrichstraße 103 im Savoy-Hotel in Berlin-Mitte.
Sie wohnten bis ca. 1931 am Hansa-Ufer 6. 1929 führte das Adressbuch „Mechel Tabakwaren En gros“ in der Trebbiner Straße 11 in Berlin-Kreuzberg. Anfang der 1930er- Jahre zog Mechel mit seinem Unternehmen nach Berlin-Charlottenburg in die Kantstraße 5. Seine Privatwohnung befand sich damals in der Altonaer Straße 1 in Moabit.

Am 8. Oktober 1931 ließ ihr Ehemann seinen Namen „Mechel Chalfon recte Samet“ in „Michael Chalfon“ ändern. Diese Änderung des Familiennamens galt auch für Dorothea. Seit 1934 wohnten die Eheleute in der Schlüterstraße 38 in Berlin-Charlottenburg. Ihr Bruder Georg starb am 19. Mai 1936 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Das amtliche Fernsprechbuch führte die Chalfons ab 1938 in der Giesebrechtstraße 9, jedoch ohne Tabakwaren-Großhandel. Vermutlich wurde dieser „arisiert“ oder war aufgrund der Judenboykotte nicht mehr rentabel. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren Michael und Dorothea Chalfon in der Trautenaustraße 10 in Berlin-Wilmersdorf gemeldet. Damals war Dorothea 54 Jahre alt. Im Berliner Adressbuch waren sie nicht mehr gemeldet, demnach wohnten sie zur Untermiete.

Ihr letzter Wohnsitz war die Cuxhavener Straße 18 in Berlin-Moabit. Zusammen mit ihrem 61-jährigen Ehemann Michael deportierte die Gestapo sie mit ca. 1.000 weiteren Leidensgenossen am 14. November 1941 nach Minsk. Sie kehrten nicht zurück und wurden bei Kriegsende am 8. Mai 1945 für tot erklärt.

Recherche und Text: Gundula Meiering, März 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives – Karteikarten;
Personenstandsunterlagen / über Ancestry;
My Heritage

Stolperstein für Michael Chalfon

Stolperstein für Michael Chalfon

HIER WOHNTE
MICHAEL CHALFON
JG. 1877
DEPORTIERT 14.11.1941
ERMORDET IN
MINSK

Michael Chalfon wurde als Mechel Chalfon recte Samet am 16. Dezember 1877 in Zaleszczyki, Galizien (heute Ukraine) geboren. Seine Eltern, der Grundbesitzer David Chalfon und dessen Ehefrau Ettel geborene Samet, stammten aus Butschatsch (Buchats’kyi, Ukraine). Ende des 19. Jahrhunderts war die Gegend um Zaleszczyki in Russisch-Galizien Schauplatz einer Massenauswanderung in die Neue Welt, insbesondere nach Westkanada. Die Familie Chalfon ging nach Berlin.

Mechel wurde Kaufmann von Beruf.

Wann und wo er seine spätere Ehefrau, die aus Christburg in Ostpreußen stammende Dorothea Casper, kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten am 27. Oktober 1910 in Berlin. Im Berliner Tageblatt zeigten sie am 1. November 1910 ihre Vermählung und eine Reise nach Paris an.

Bis ungefähr 1914 wohnten sie im Siegmunds Hof 12 im Gartenhaus Parterre in Berlin-Moabit. Mechel Chalfon nahm als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. 1915 führte er einen Zigarren- und Zigaretten-Engroshandel in der Jagowstraße 5 ebenfalls in Moabit. Mit einem „Zigarren- und Zigaretten Engroshaus für Detailkunden“ führte ihn das Amtliche Fernsprechbuch 1921 in der Friedrichstraße 103 im Savoy-Hotel in Berlin-Mitte.

Sie wohnten bis ca. 1931 am Hansa-Ufer 6. 1929 führte das Adressbuch „Mechel Tabakwaren En gros“ in der Trebbiner Straße 11 in Berlin-Kreuzberg. Anfang der 1930er- Jahre zog Mechel mit seinem Unternehmen nach Berlin-Charlottenburg in die Kantstraße 5. Seine Privatwohnung befand sich damals in der Altonaer Straße 1 in Moabit.
Am 8. Oktober 1931 ließ „Mechel Chalfon recte Samet“ seinen Namen in Michael Chalfon ändern. Seinen Tabakwaren-Großhandel führte er 1934 am Kurfürstendamm 36 und 1935 in der Rankestraße 34. Privat wohnten die Eheleute seit 1934 in der Schlüterstraße 38.

Im amtlichen Fernsprechbuch waren die Chalfons ab 1938 in der Giesebrechtstraße 9, jedoch ohne Tabakwaren-Großhandel, zu finden. Vermutlich wurde der Großhandel „arisiert“. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren Michael und Dorothea Chalfon in der Trautenaustraße 10 in Berlin-Wilmersdorf gemeldet. Damals war Michael 61 Jahre alt. Im Berliner Adressbuch war er nicht mehr zu finden, demnach wohnte das Ehepaar zur Untermiete

Sein letzter Wohnsitz war die Cuxhavener Straße 18 in Berlin-Moabit. Mit seiner 55-jährigen Ehefrau Dorothea wurde er am 14. November 1941 in das Ghetto nach Minsk deportiert. Sie kehrten nicht zurück und wurden bei Kriegsende am 8. Mai 1945 für tot erklärt.

Text und Recherche: Gundula Meiering, März 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives – Karteikarten;
Personenstandsunterlagen / über Ancestry;
My Heritage

Stolperstein für Berthold Lewin

Stolperstein für Berthold Lewin

HIER WOHNTE
BERTHOLD LEWIN
JG 1887
DEPORTIERT 12.1.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Berthold Lewin wurde am 9. Oktober 1887 in Neuenrade, Märkischer Kreis in Westfalen geboren. Für seine Eltern, den Großkaufmann Louis Lewin (*1841) und seine aus Bork, Kreis Lüdinghausen stammende Ehefrau Eugenie Lewin geborene Stern (*1859), war er das zweite von insgesamt sechs Kindern. Richard (*1886) war ein Jahr älter als er. Zwei Jahre nach Berthold wurde Simon Friedrich (*1889) geboren. 1891 kam ein Bruder zur Welt, der schon nach einem Tag starb. Sein Bruder Rudolf (*1893) war sechs Jahre jünger als er. Seine Schwester Bertha kam 1896 zur Welt.

Durch Auslandshandel erwarb Bertholds Vater ein beträchtliches Vermögen. Er nahm innerhalb der jüdischen Gemeinde eine herausragende wirtschaftliche und soziale Stellung ein. Sein Vater, sein ältester Bruder Richard und der jüngste Bruder Rudolf, starben 1917 im Ersten Weltkrieg. So blieben nur noch seine Mutter, sein Bruder Friedrich und er, sowie seine kleine Schwester Bertha, die 1923 Max Vasen heiratete und mit ihm 1928 nach Uruguay auswanderte. 1933 lebte nur noch seine Mutter Eugenie in Neuenrade.

Friedrich – genannt Fritz – Lewin heiratete Alice Lewin geborene Löwenherz. Sie wurden am 19. August 1932 in Frankfurt am Main Eltern von Zwillingen, Herbert und Doris.

Wann Berthold nach Berlin ging, ist unbekannt. In Neuenrade mussten Fritz und Berthold 1936 und 1940 mehrere Grundstücke unter Wert an die Stadt verkaufen, um Steuerschulden bezahlen zu können. Ihre Mutter hatte als letzte jüdische Einwohnerin im September 1936 die Stadt verlassen und zog zu ihrer Tochter nach Uruguay.

Das letzte Eigentum, welches Berthold in Neuenrade an die Stadt verkaufen musste, war der jüdische Friedhof. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 wurde Berthold in der Trautenaustraße 10 registriert. Im Januar 1941 musste er hier ausziehen und zur Untermiete in ein möbliertes Zimmer einer Zwangswohnung des Hauptmieters Robert Ollendorf in die Nassauische Straße 61 ziehen.

Am 10. Januar 1943 wurde er gezwungen, eine Vermögenserklärung auszufüllen, die ihm am gleichen Tag in der Sammelstelle in der Großen Hamburger Straße 26 wieder zugestellt wurde. Die Angabe seiner Forderungen aus Darlehensverträgen aus den Jahren 1936 und 1939 waren mit einem blauen Kopierstift gestrichen worden. Das Finanzamt interessierte sich nur für Guthaben.

Mit dem 26. Osttransport wurde der ledige 55-jährige Berthold Lewin am 12. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Sein Bruder Friedrich Lewin wurde im Oktober 1942 von Mechelen, Belgien nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Mai 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives;
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry;
My Heritage;
Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II) 22568, Berthold Lewin
Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Münster 2021
Seite 646

Stolperstein für Anna Nachtlicht

Stolperstein für Anna Nachtlicht

HIER WOHNTE
ANNA NACHTLICHT
GEB. LEVY
JG. 1880
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET 22.10.1942

Anna Nachtlicht, geb. Levy, hatte eine Schwester und drei Brüder. Sie kam nach der Jahrhundertwende als junge Frau nach Berlin. Dort heiratete sie um 1908 den Architekten Leo Nachtlicht und bekam 1909 und 1912 die Töchter Ursula und Ilse. Die Familie lebte ohne finanzielle Sorgen. Der Ehemann und Vater betrieb als bekannter Architekt ein großes Büro, um die vielen Aufträge für Wohn- und Geschäftsbauten zu erfüllen. In der Weltwirtschaftskrise versteigerte das Ehepaar 1932 seine Kunstsammlung. 1933 erhielt Leo Nachtlicht als Jude Arbeitsverbot, konnte jedoch 1938 noch den Töchtern die Ausreise nach London ermöglichen. 1941 nahmen diese die britische Staatsbürgerschaft an.

Ehepaar Nachtlicht

Am 22. September 1942 starb Leo Nachtlicht im Jüdischen Krankenhaus. Anna Nachtlicht verließ am 19. Oktober 1942 mit dem „21. Osttransport“ vom Moabiter Bahnhof Putlitzbrücke Berlin Richtung Riga. Unter den 959 Berliner Jüdinnen und Juden dieses Transportes waren 140 Kinder unter zehn Jahren. In Riga wurden 81 Männer zum Arbeitseinsatz ausgewählt, nur 17 von ihnen überlebten. Alle anderen Menschen wurden nach der Ankunft in umliegende Wälder gebracht und dort ermordet.
Die Töchter beantragten 1949 eine Wiedergutmachung für den Verlust des elterlichen Haushaltes und die berufliche Benachteiligung des Vaters. Erst nach achtjährigem Verfahren kam es zu einem Vergleich mit dem Berliner Finanzsenator, der nicht annähernd den Wertverlust und eine Wiedergutmachung für das ihren Eltern zugefügte Unrecht spiegelte.

Biografische Zusammenstellung:
Christl Wickert
Dank an Atina Grossmann/New York, eine Großnichte der Nachtlichts.

Stolperstein für Leo Nachtlicht

Stolperstein für Leo Nachtlicht

HIER WOHNTE
LEO NACHTLICHT
JG. 1872
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
TOT 22.9.1942

Leo Nachtlicht stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Schlesien. Er hatte zwei Brüder. Nach dem Abitur studierte er in Berlin an die Technische Hochschule Charlottenburg (heute: TU Berlin) Architektur und besuchte nebenbei eine Kunstschule und die Kunstgewerbeschule. Ein Semester hörte er auch an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Leo Nachtlicht arbeitete seit den 1890er Jahren im Architekturbüro des Berliner Jugendstilarchitekten Bruno Möhring (1863-1929), zu dem 1902 auch der Architekt und Stadtplaner Bruno Taut (1880-1938) stieß. Ab 1904 führte Nachtlicht ein eigenes Atelier in Berlin, in jenem Jahr hatte er das Empfangszimmer des deutschen Pavillions auf der Weltausstellung in St. Louis gestaltet. Er entwarf und baute Landhäuser, Villen und deren Inneneinrichtungen, wie die seines Schwagers Heinrich Busse in der Friedenauer Fregestraße 20. Bekannt wurde er auch für Ladenbauten und Warenhäuser. Nachtlicht beteiligte sich an Kunstgewerbe- und Architekturausstellungen, so bekam er 1931 für einen Entwurf zur Berliner Bauausstellung den ersten Preis.

Leo Nachtlicht heiratete Anna, geb. Levy. Das Paar hatte zwei Töchter, Ursula (1909–1999) und Ilse (1912- ). Ab 1913 lehrte er an der Höheren Fachschule für Dekorationskunst, die 1910 u.a. vom Deutschen Werkbund mitgegründet worden war. Von 1928 bis 1930 gehörte Hermann Henselmann (1905-1995) zu den Mitarbeitern in Nachtlichts Büro. Nach 1945 war dieser einer der führenden Architekten in der DDR. Leo Nachtlicht war Mitglied im Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin, im Deutschen Werkbund und im Vorstand des Bundes Deutscher Architekten.

Nur ganz wenige Bauten von Leo Nachtlicht überstanden den Zweiten Weltkrieg: Das 1910 von Nachtlicht entworfene und unter seiner Aufsicht errichtete Landhaus für Hugo Corts in Berlin-Frohnau, Sigismundkorso 82 wird heute als Schulgebäude genutzt. In der 1929 für den jüdischen Banker Julius Perlis (1874-1935) fertig gestellten Sacrower Villa wurde jüngst die ARD-Serie Weißensee gedreht. Im gleichen Jahr nahm der Gourmenia-Palast an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche seinen Betrieb auf; geplant und errichtet von Leo Nachtlicht im Sinne der Neuen Sachlichkeit. 1943 wurde das Areal des heutigen Bikinihauses durch Bomben zerstört. Das noch 1933 fertiggestellte Wohnhaus für Oberingenieur Max am Ende in Kleinmachnow, Föhrenwald 5 wurde 2007 abgerissen.

Leo Nachtlicht

Ende 1932 bot Nachtlicht seine Kunstsammlung, darunter Werke von Emil Nolde, Ernst Oppler und Paula Modersohn-Becker, zur Versteigerung an. Nur wenige Monate später wurde ihm als Jude die Arbeitserlaubnis entzogen und er aller Ämter enthoben. Nachtlicht ermöglichte den Töchtern am 18. April 1939 noch die Ausreise nach London, wo sie als Sekretärin bzw. Buchhalterin ihren Lebensunterhalt verdienen konnten. Schon 1938 hatte sich Nachtlicht erfolglos um eine Arbeitserlaubnis in London beworben. Einem seiner Brüder gelang mit seiner Familie die Ausreise nach Australien, der andere Bruder überlebte mit seiner nichtjüdischen Ehefrau in Berlin im Untergrund. Leo Nachtlicht starb im Jüdischen Krankenhaus, wahrscheinlich an den Folgen eines Selbstmordversuchs. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt. Seine Ehefrau Anna wurde genau einen Monat später in Riga ermordet.
Die Töchter beantragten 1949 eine Wiedergutmachung für den Verlust des elterlichen Haushaltes und die beruflichen Benachteiligung des Vaters. Erst nach achtjährigem Verfahren kam es zu einem Vergleich mit dem Berliner Finanzsenator, der nicht annähernd den Wertverlust und eine Wiedergutmachung für das ihren Eltern zugefügte Unrecht spiegelte.

Biografische Zusammenstellung
Christl Wickert, Dank an Atina Grossmann/New York, eine Großnichte der Nachtlichts.
Weitere Quellen
Myra Warhaftig: Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933. Das Lexikon, Berlin 2005.

Stolperstein für Dora Nachum

Stolperstein für Dora Nachum

HIER WOHNTE
DORA NACHUM
JG. 1901
DEPORTIERT 12.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Dora Nachum wurde am 24. Februar 1901 in Hamburg geboren. Ihr Vater Magnus Nachum hatte einen Altmetallhandel im Stadtteil Hammerbrook, ihre Mutter Alma, geborene Goldschmidt, war die Tochter eines Lederhändlers. Dora hatte zwei Schwestern, Gertrud (*1899) und Frieda (*1906).
Die drei Schwestern besuchten die Hamburger Paulsenstiftschule, eine private höhere Mädchenschule mit emanzipatorischer und reformpädagogischer Ausrichtung. Ursprünglich als Armenschule gegründet, unterrichtete sie inzwischen Mädchen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Die langjährige Direktorin, Anna Wohlwill, war Jüdin; sie legte großen Wert auf die Konfessionsunabhängigkeit ihrer Schule. In der Zeit, als die Nachum-Mädchen ihre Schule besuchten, war Anna Wohlwill bereits pensioniert, unterrichtete aber bis fast zu ihrem Tod 1919 weiter.

Dora machte nach der Schule eine Ausbildung zur Lehrerin für Krankenschwestern. Ihre Schwester Gertrud wurde medizinische Assistentin, Frieda Sozialarbeiterin. Bis 1930 lebte Dora allein in einer Wohnung in Hamburg-Altona.
1931 starb ihre Mutter. Bald darauf zog Dora nach Berlin, vielleicht gleichzeitig mit ihrem Vater. 1934 gründete dieser in Berlin-Tiergarten wiederum einen Altmetall-Großhandel. Die Geschäftsräume befanden sich in der Ottostraße, die allerdings in diesem Jahr in “Norkusstraße” umbenannt wurde – nach dem zum “Blutzeugen der Bewegung” erklärten Hitlerjungen Norkus, dessen Todestag zu einem Märtyrergedenktag der Nazis wurde. Heute heißt die Straße wieder Ottostraße.

Dora Nachum, Trautenaustr. 10

Auch Doras Schwester Gertrud zog nach Berlin und heiratete dort. Frieda blieb in Hamburg und heiratete ebenfalls. Dora Nachum blieb ledig und war als Lehrerin berufstätig. Zum Zeitpunkt der sogenannten Minderheiten-Volkszählung 1939 wohnte sie in der Trautenaustraße 10, ihr Vater lebte in der Nähe seiner Metallhandlung in Tiergarten.
Wir wissen nicht, ob Dora und ihr Vater versucht haben, aus Deutschland zu fliehen. Magnus Nachum wurde im Sommer 1942 von Berlin aus erst nach Theresienstadt und dann in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt, wo man ihn am 26. September 1942 im Alter von 70 Jahren ermordete. Dora Nachum wurde am 12. März 1943 vom Güterbahnhof Moabit nach Auschwitz deportiert und gleich nach der Ankunft vergast. Sie war 42 Jahre alt. Ihre Schwester Frieda und deren Mann waren schon im Herbst 1941 von Hamburg aus erst ins Ghetto Łódź und dann ins Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) deportiert worden, wo man sie tötete. Der dritten Schwester, Gertrud, gelang die Flucht nach Palästina. Nach dem Tod ihres ersten Mannes heiratete sie dort noch einmal und lebte mit ihrem zweiten Mann in einem Kibbuz.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Myheritage
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundes
stolpersteine-hamburg.de
dasjuedischehamburg.de
Berliner und Hamburger Adressbücher
Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe Berlin

Stolperstein für Betty Hermann

Stolperstein für Betty Hermann

HIER WOHNTE
BETTY HERMANN
GEB. LEVY
JG 1877
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET 22.10.1942

Betty Hermann wurde als Betty Levy am 18. Dezember 1877 in Marienwerder (Kwidzyn, Polen), Westpreußen geboren. Marienwerder lag etwa 120 Kilometer südöstlich von Danzig (Gdańsk, Polen). Ihr Vater Hermann Levy (*1830) kam aus Samotchin (Szamocin, Polen), ca. 15 Kilometer von Kolmar in Posen entfernt. Er hatte 1865 die 22-jährige aus Bromberg stammende Ernestine Busse (*1843) in Marienwerder geheiratet. Vermutlich kamen Bettys ältere Brüder Ludwig und Maximo vor dem dritten Bruder Heinrich, der am 10. Juli 1873 geboren wurde, zur Welt. Ihre kleine Schwester Anna wurde am 28. Mai 1880 geboren.

Keine zwei Jahre später, im Mai 1882, starb ihr Vater Hermann Levy in Penkendorf (Panków, Polen), ca. 44 Kilometer südwestlich von Breslau (Wrocław, Polen). Ihre Mutter wurde mit 39 Jahren Witwe. Betty war damals erst 5 Jahre alt. Vermutlich ging Ernestine Levy mit ihren Kindern zurück nach Bromberg zu ihren Eltern. Ihre Söhne und auch sie selbst nahmen anstatt des jüdischen Familienamens „Levy“ Ernestines Geburtsnamen Busse an.

Um 1900 ging ihr Bruder Heinrich Busse nach Berlin. 1909 heiratete er Antonie (Toni) Bernhard und eröffnete einen Großhandel für Tischlereibedarf und Möbelbeschläge aus Eigenproduktion. Das Paar bekam drei Töchter, Gerda, Erika und Eva-Renate.

Bettys jüngste Schwester Anna heiratete am 16. Januar 1909 in Danzig den Diplom-Ingenieur und Architekten Leo Nachtlicht (*1872) aus Berlin. Sie wurden Eltern von zwei Töchtern, Ursula (*1909) und Ilse (*1912).

Wo und wann Betty ihren späteren Ehemann Herrn Hermann, kennenlernte und heiratete konnte nicht recherchiert werden. Sie wohnten in Danzig, bis der Ehemann 1939 starb. Wie ihre Geschwister Heinrich und Anna ging auch Betty danach nach Berlin.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939, war sie nicht gemeldet. Kurz vor ihrer Deportation wohnte sie bei ihrer Schwester Anna in der Trautenaustraße 10. Anna war seit dem 22. September 1942 Witwe. Der 60-jährige Leo Nachtlicht starb einen Monat vor ihrer Deportation in der jüdischen Privatklinik Wilmersdorf in der Trautenaustraße 5 an einer Darm-Blasen-Fistel.

Betty und Anna wurden am 19. Oktober 1942 mit dem 21. Osttransport zusammen mit 997 weiteren Berlinerinnen und Berlinern, darunter 60 Kinder aus dem Auerbach´schen Waisenhaus im Alter zwischen 2 und 16 Jahren, nach Riga deportiert. Der Zug wurde am Güterbahnhof Moabit an der Putlitzstraße abgefertigt. In Riga wurden 81 Männer mit handwerklichen Berufen ausgesucht und verschiedenen Arbeitskommandos zugeteilt. Alle anderen Insassen des Transports wurden sofort nach der Ankunft am 22. Oktober 1942 in den Wäldern in der Nähe von Riga erschossen. Betty Hermann geborene Levy wurde mit 64 Jahren ermordet.

Für Anna und Leo Nachtlicht wurden ebenfalls Stolpersteine in der Trautenaustraße 10 verlegt.

Für Heinrich und Toni Busse wurden Stolpersteine in der Fregestraße 20 verlegt.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Mai 2025

Quellen:
Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv;
Mapping the Lives;
Berliner Adressbücher;
Amtliche Fernsprechbücher Berlin;
Arolsen Archives; Landesarchiv Berlin – WGA-Datenbank,
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry;
My Heritage;
Biografische Stolperstein-Zusammenstellungen für Heinrich Busse, Anna Nachtlicht geborene Levy und Leo Nachtlicht von Christl Wickert
Leo Baeck Institut, Nachtlicht-Family-Collection

Stolperstein für Ilse Herzfeld

Stolperstein für Ilse Herzfeld

HIER WOHNTE
ILSE HERZFELD
GEB. WEYL
JG 1890
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
19.10.1941

Ilse Herzfeld wurde als Ilse Weyl am 30. November 1890 in Glogau, Niederschlesien (Głogów, Polen) geboren. Für ihre Eltern, den aus Turek, Polen stammenden Louis Weyl (*1841) und die aus Lublinitz (Lubliniec, Polen) stammende Clara Weyl geborene Kornblum (*15. April 1855), war sie das jüngste von insgesamt vier Kindern. Ihre Schwester Margarete Dorothea (*28. Juni 1876) war 14 Jahre und Elise (*27. Mai 1881) 9 Jahre älter als sie. Ihr Bruder Rudolph (*1882) war mit 7 Jahren ein Jahr vor ihrer Geburt gestorben.

Ihre älteste Schwester Margarete heiratete 1895 mit 19 Jahren den aus Breslau stammenden Kaufmann Eugen Siegfried Schacher (*29. April 1861). Sie wurden Eltern zweier Söhne, Gerhard (*5. Juni 1896) und Ludwig (*29. Juni 1900).

Als Elise am 21. Mai 1904 mit 23 Jahren den Kaufmann, Bankbeamten und späteren Fabrikdirektor Fritz Landé (*18. Juni 1876) heiratete, war ihr Vater bereits verstorben und die Mutter Clara wohnte zusammen mit der 14-jährigen Ilse in der Hohenstaufenstraße 52 in Schöneberg. Am 27. Juli 1905 wurden Elise und Fritz Eltern des Sohnes Rudolf Emil Louis und wohnten in der Luipoldstraße 21 in Schöneberg.

Wie und wann Ilse ihren späteren Ehemann, den aus Harburg stammenden Kaufmann Julius Herzfeld (*5. Januar 1884), kennenlernte, ist nicht bekannt. Julius Herzfeld war der Sohn des Bankiers Alexander Herzfeld und dessen Ehefrau Bertha geborene Menke. Der 28-jährige Julius und die 22-jährige Ilse heirateten am 22. Juni 1913 in Schöneberg. Trauzeugen waren Julius’ Schwager Isidor Hirsch, Ehemann seiner Schwester Elsa (*1878-1914), und Fritz Landé, Ehemann von Ilses Schwester Elise. Ein Jahr später, am 9. Juni 1914, wurde ihre Tochter Lore Dorothea in Berlin geboren. Die Familie wohnte damals in der Barbarossastraße 42 in Schöneberg bei Berlin.

Ilses Schwester Elise Landé starb am 7. Mai 1925 mit 44 Jahren. Gut ein Jahr später, am 24. September 1926, meldete der Polizeipräsident den Tod von Ilses Ehemann Julius Herzfeld im Krankenhaus Berlin-Friedrichshain. Ob er an den Folgen eines Unfalls oder aufgrund von Selbstmord starb, konnte nicht recherchiert werden. Julius Herzfeld starb im Alter von 42 Jahren und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Ilse wurde mit 35 Jahren Witwe und Lore mit 12 Jahren Halbwaise.

Ilse zog mit ihrer Tochter Lore am 11. Januar 1930 in die Württembergische Straße 33 in Berlin-Wilmersdorf. Nebenan in der Württembergische Straße 34 wohnte ihr Onkel Arthur Kornblum, der am 31. Oktober 1934 verstarb. Nachdem Ilses Schwager, der Kunstmaler Eugen Schacher, am 21. Dezember 1931 mit 70 Jahren in der Barbarossastraße 41 in Berlin-Schöneberg gestorben war, zog auch ihre Schwester Margarete in ihre Nähe an den Kurfürstendamm 185 und wurde Inhaberin einer Pension. Vermutlich arbeitete Ilse in der Pension als Empfangsdame.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 suchte sich ihre 18-jährige Tochter Lore eine eigene Wohnung. Sie heiratete kurz nach ihrem 20. Geburtstag am 20. Juni 1934 den 19-jährigen Arbeiter Heinz Julius Kanal (*1. Mai 1915) und wohnte mit ihm in der Münzstraße 4 in Berlin-Mitte.Trauzeugen waren gleichaltrige Freunde der beiden. Danach verliert sich zunächst ihre Spur. Vermutlich konnte Lore nach Palästina auswandern. Dort heiratete sie 1957 in zweiter Ehe den aus Berlin stammenden Arzt Dr. Leo Less.

Ilses Mutter Clara wurde in den 30iger Jahren von ihrem Bruder Paul Kornblum aus Wiesbaden mit 100RM monatlich unterstützt, was darauf hinweist, dass es Geldsorgen gab. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war Clara Weyl noch im Askania Haus in der Passauer Straße 18 im damaligen Berlin-Wilmersdorf (heute Schöneberg) gemeldet. Ilse wurde in der Trautenaustraße 10 registriert.

Am 5. Oktober 1940 starb erst ihre Schwester Margarete mit 64 Jahren an Herzschwäche und dann einen guten Monat später ihre Mutter Clara am 24. November 1940 mit 85 Jahren im „Siechenheim“ in der Auguststraße 14/15 in Berlin-Mitte. Nun war Ilse vollkommen allein. Ihre Tochter war vermutlich zu diesem Zeitpunkt schon ausgewandert wie auch ihre Neffen Gerhard Schacher, Syndikus und promovierter Dr. der Staatswissenschaften und Rechte, sowie Rudolf Landé. Auch Rudolfs Vater Fritz Landé war Anfang 1939 die Flucht nach New York, USA gelungen, wo er am 31. Mai 1939 gestorben war.

Ilses Neffe Ludwig Schacher war der einzige aus der Verwandtschaft, der noch als Zwangsarbeiter in Berlin lebte und arbeitete. Ob auch Ilse zur Zwangsarbeit herangezogen wurde, ist nicht bekannt. Seit September 1941 wurde sie als Jüdin verpflichtet, den gelben Stern, Symbol der Stigmatisierung und Diskriminierung, zu tragen.

Vermutlich wurde ihr Anfang Oktober 1941 die Aufforderung zugestellt, eine Vermögenserklärung auszufüllen und sich am 16. Oktober 1941 im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstr. 7- 8 für die erste Deportation aus Berlin in den Osten einzufinden. Das Ziel der Reise wurde verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Lodz 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Hier sollten die Deportierten in einem abgeriegelten Ghetto zusammengepfercht werden.

Als der Deportationszug mit insgesamt 1.251 Personen vom Güterbahnhof Grunewald losfuhr, war Ilse Herzfeld nicht dabei. Sie hatte ihrem Leben mit einer Überdosis Betäubungsmittel ein Ende gesetzt. Sie starb mit 50 Jahren am 19. Oktober 1941 um 15.45 Uhr an einer Barbitursäurevergiftung im Jüdischen Krankenhaus Berlin und wurde auf dem Jüdischen Friedhof neben ihrem Ehemann Julius Herzfeld beigesetzt.

Auch ihr Neffe Ludwig Schacher entzog sich seiner Deportation in den Osten und entschloss sich einen Monat nach Ilse am 18. November 1941 zu derselben Verzweiflungstat. Er starb mit 41 Jahren am 19. November 1941 um 0.45 Uhr im Jüdischen Krankenhaus an einer Morphiumvergiftung. Der Polizeipräsident zeigte den Selbstmord am 25. November 1941 dem Standesamt an.

Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2025

Quellen:
Mapping the lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives; Personenstandsunterlagen / über ancestry; My Heritage;
Website Klaus Flick: Judenhäuser in Wiesbaden 1939-1942, Familie Kornblum
https://moebus-flick.de/ (letzte Ansicht 22.4.2025)

Dorothea Hauser, Bewohnerin der Trautenaustraße 10, hielt am 29. April 2012 zur Stolpersteinverlegung in der Trautenaustraße und zur Einweihung der Gedenkstele am Nikolsburger Platz die folgende Ansprache:

“Die Trautenaustraße und der Nikolsburger Platz sind für die 110 Menschen, derer wir heute gedenken, Zuhause gewesen. Für manche war es Heimat – viele lebten jahrzehntelang hier -, für andere war die Trautenaustraße letzte Zuflucht.
Genauso wie wir lebten unsere ehemaligen jüdischen Nachbarn gerne hier. Es braucht nur wenig Phantasie, sich das vorzustellen. Damals wie heute erfreute man sich am Gänselieselbrunnen auf dem Nikolsburger Platz. Auch die Rotdorne, die hier in unserer Straße demnächst wieder so blühen werden, gab es bereits. Damals wie heute stand am Nikolsburger Platz die Cecilienschule – wenngleich diese seinerzeit keine gemischte Grundschule, sondern eine höhere Mädchenschule war. Etwa die Hälfte der Schülerinnen war jüdisch.
In Berlin lebte Anfang der 1930er Jahre fast ein Drittel der rund 500.000 deutschen Juden, und Wilmersdorf war in Berlin der Bezirk mit dem höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil, nahezu 14 Prozent. Zum Vergleich: Im Deutschen Reich betrug der Anteil derjenigen, die sich zum jüdischen Glauben bekannten, damals insgesamt weniger als 0,8 Prozent.
Vor der Herrschaft des Nationalsozialismus verstanden sich unsere ehemaligen jüdischen Nachbarn sozial, kulturell und politisch als Teil der deutschen Gesellschaft. Zugleich bewahrten viele von ihnen eine oft stark gelockerte, aber doch durchaus gelebte Bindung an Glauben und jüdische Traditionen. Dazu gehörte der Besuch der liberalen Synagoge hier um die Ecke in der Pariser Straße oder der großen Gemeindesynagoge mit 2300 Plätzen in der Prinzregentenstraße, die im September 1930 eingeweiht wurde.
Trotz der Bedrückungen der Weltwirtschaftskrise von 1930/31 und einzelner antisemitischer Vorfälle schon vor 1933 haben die Juden, die damals hier lebten, Trautenaustraße und Nikolsburger Platz lange als funktionierende Nachbarschaft gesehen.
Man, das heißt jüdische wie nicht-jüdische Nachbarn, traf sich im berühmten Café Josty – dort, wo sich heute Ecke Bundesallee der Bio-Supermarkt befindet. Man schickte die Töchter auf die Cecilienschule. Man traf sich hier am Nikolsburger Platz Nr. 6 in von der Veldens Bücherstube und gab die Wäsche zur Bügelanstalt Buckow im selben Haus. Man begegnete sich gegenüber in der Trautenaustraße 6, heute das Seniorenwohnhaus, in der Buchhandlung Franz, in der Drogerie Fiehring, im Milchladen Kleemann oder beim Friseur Krumesz. Man sah sich dort, wo heute der Spielplatz ist, beim Blumenladen Leuschner und in der Wäscherei Meier oder auf der anderen Seite beim Zahnarzt Israelski am Nikolsburger Platz 1. Und man besuchte gemeinsam die Lichtspiele am Nikolsburger Platz, ein Kino mit 300 Plätzen, das drüben an der Ecke war, dort, wo heute der Neubau Trautenaustraße 18 steht. 1931/32 sah man sich dort die Verfilmung von Erich Kästners „Emil und die Detektive“ an, Drehbuch Billy Wilder, die im Sommer zuvor teils an der Trautenaustraße gedreht worden war, und unsere kleine Straße weithin bekannt machte.
Mit dieser Nachbarschaft war es von 1933 an vorbei. Die Juden in der Trautenaustraße standen stattdessen vor Ausgrenzung und Entrechtung, Job- und Existenzverlust, Vermögensentzug, Ausplünderung und Verfolgung. Viele flohen ihre deutsche Heimat – ein Schritt, für den durch immer neue Bestimmungen und Schikanen des NS-Staats ganz ungeheure Hürden zu überwinden waren, während zugleich die Aufnahmebereitschaft anderer Ländern immer geringer wurde. Immerhin konnten durch die sogenannten Kindertransporte nach Großbritannien zahlreiche Kinder und Jugendliche gerettet werden; ihre Eltern freilich sollten viele nicht wieder sehen. Spätestens im November 1938, als man von diesem Platz aus den Brandgeruch von der Synagoge in der Prinzregentenstraße her wahrnahm, hieß es nur noch: rette sich wer kann. Doch vielen blieb die Möglichkeit der Flucht aus Deutschland, die nach Kriegsbeginn im September 1939 gegen Null ging, verwehrt. Sie waren, wie Sie heute bei der Stolpersteinverlegung und dem Verlesen ihrer Namen und Lebensdaten haben feststellen können, zumeist alt und/ oder weiblich.
Im Oktober 1941 wurde Juden die Auswanderung dann ganz verboten und die systematischen Deportationen begannen. Ilse Herzfeld aus der Trautenaustraße 10, die es offenbar als erste hätte treffen sollen, entzog sich ihrer Deportation am 19. Oktober 1941 durch Selbstmord. Als eine von vier Untermietern der Familie Nachtlicht gehörte sie zu der ganzen Reihe von Zugezogenen, für die heute Stolpersteine gelegt wurden. Es waren zumeist Juden aus der Provinz, Verwandte wie Freunde, die vor der Verfolgung durch NS-Staat und Mitmenschen in die Großstadt Berlin geflohen waren, wo sie sich vergleichsweise erträglichere Lebensbedingungen erhofft hatten. Auch die Witwe Erna Heilbronner aus der Trautenaustraße 16 hatte mehrere Untermieter aufgenommen. Insgesamt 16 Stolpersteine liegen jetzt vor diesem Haus.
Für die verzweifelt und mittellos Zurückgeblieben, bis 1942/43 Todgeweihten, engte sich der Lebensraum auch außerhalb der eigenen vier Wände oder Logis-Zimmer stetig weiter ein. Man weiß gar nicht, wo man anfangen und wie man aufhören soll: Vom November 1938 an, zum Beispiel, durften Juden das Kino am Nikolsburger Platz nicht mehr betreten. Gleiches galt für die Badeanstalt in der Trautenaustraße 5, dem heutigen PANGEA-Haus. Und dann auch für die Wohnungen nicht-jüdischer Nachbarn und Bekannten. Ab Juli 1940 durften Juden in der Trautenaustraße, wo die Kriegswirtschaft bald Schlangen vor den Läden produzierte, wie überall in Berlin nur noch zwischen 4 und 5 Uhr nachmittags einkaufen. Viel weiter schafften sie es zu Fuß kaum, denn die Benutzung der Straßenbahn, die seinerzeit durch die Trautenaustraße rumpelte, war ihnen ebenso verboten wie bald alle anderen öffentlichen Verkehrsmittel. Autos sowieso, Fahrräder wurden beschlagnahmt. Auch Telefon und Radio waren verboten.
Der Friseur Krumesz in der Trautenaustraße 6 wurde für Juden ebenso tabu wie der Zigarrenladen hier drüben am Nikolsburger Platz 1, wo heute ein Garagengeschoss steht, die Milchläden in der Trautenaustraße 6 und der Trautenaustraße 10, die Buchläden am Nikolsburger Platz usw. usf., da Juden weder Milch noch Fleisch noch sogenannte deutsche Druckerzeugnisse oder Eier einkaufen durften. Die Liste ließe sich beliebig verlängern; ich könnte noch sehr lange reden und es ließe sich noch viel mehr sagen: Zu unseren ermordeten ehemaligen jüdischen Nachbarn. Aber auch zu Solidarität und Widerstand von Nicht-Juden, die es in der Trautenaustraße – neben Gleichgültigkeit, Verrat und Berreicherung – auch gegeben hat.”

Alle Texte und Bilder auf dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht ohne Erlaubnis des/r Rechteinhaber*in verwendet werden.

Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Wegen der Wartezeit von 3 bis 4 Jahren können keine neuen Anträge für Stolpersteine angenommen werden. Bereits registrierte Anträge werden bearbeitet.

Because of a waitingtime of 3 to 4 years new requests for Stolpersteine cannot be accepted. Requests already registered will be processed.

Adresse

Stolpersteine

Verkehrsanbindungen