HIER WOHNTE
ILSE HERZFELD
GEB. WEYL
JG 1890
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
19.10.1941
Ilse Herzfeld wurde als Ilse Weyl am 30. November 1890 in Glogau, Niederschlesien (Głogów, Polen) geboren. Für ihre Eltern, den aus Turek, Polen stammenden Louis Weyl (*1841) und die aus Lublinitz (Lubliniec, Polen) stammende Clara Weyl geborene Kornblum (*15. April 1855), war sie das jüngste von insgesamt vier Kindern. Ihre Schwester Margarete Dorothea (*28. Juni 1876) war 14 Jahre und Elise (*27. Mai 1881) 9 Jahre älter als sie. Ihr Bruder Rudolph (*1882) war mit 7 Jahren ein Jahr vor ihrer Geburt gestorben.
Ihre älteste Schwester Margarete heiratete 1895 mit 19 Jahren den aus Breslau stammenden Kaufmann Eugen Siegfried Schacher (*29. April 1861). Sie wurden Eltern zweier Söhne, Gerhard (*5. Juni 1896) und Ludwig (*29. Juni 1900).
Als Elise am 21. Mai 1904 mit 23 Jahren den Kaufmann, Bankbeamten und späteren Fabrikdirektor Fritz Landé (*18. Juni 1876) heiratete, war ihr Vater bereits verstorben und die Mutter Clara wohnte zusammen mit der 14-jährigen Ilse in der Hohenstaufenstraße 52 in Schöneberg. Am 27. Juli 1905 wurden Elise und Fritz Eltern des Sohnes Rudolf Emil Louis und wohnten in der Luipoldstraße 21 in Schöneberg.
Wie und wann Ilse ihren späteren Ehemann, den aus Harburg stammenden Kaufmann Julius Herzfeld (*5. Januar 1884), kennenlernte, ist nicht bekannt. Julius Herzfeld war der Sohn des Bankiers Alexander Herzfeld und dessen Ehefrau Bertha geborene Menke. Der 28-jährige Julius und die 22-jährige Ilse heirateten am 22. Juni 1913 in Schöneberg. Trauzeugen waren Julius’ Schwager Isidor Hirsch, Ehemann seiner Schwester Elsa (*1878-1914), und Fritz Landé, Ehemann von Ilses Schwester Elise. Ein Jahr später, am 9. Juni 1914, wurde ihre Tochter Lore Dorothea in Berlin geboren. Die Familie wohnte damals in der Barbarossastraße 42 in Schöneberg bei Berlin.
Ilses Schwester Elise Landé starb am 7. Mai 1925 mit 44 Jahren. Gut ein Jahr später, am 24. September 1926, meldete der Polizeipräsident den Tod von Ilses Ehemann Julius Herzfeld im Krankenhaus Berlin-Friedrichshain. Ob er an den Folgen eines Unfalls oder aufgrund von Selbstmord starb, konnte nicht recherchiert werden. Julius Herzfeld starb im Alter von 42 Jahren und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Ilse wurde mit 35 Jahren Witwe und Lore mit 12 Jahren Halbwaise.
Ilse zog mit ihrer Tochter Lore am 11. Januar 1930 in die Württembergische Straße 33 in Berlin-Wilmersdorf. Nebenan in der Württembergische Straße 34 wohnte ihr Onkel Arthur Kornblum, der am 31. Oktober 1934 verstarb. Nachdem Ilses Schwager, der Kunstmaler Eugen Schacher, am 21. Dezember 1931 mit 70 Jahren in der Barbarossastraße 41 in Berlin-Schöneberg gestorben war, zog auch ihre Schwester Margarete in ihre Nähe an den Kurfürstendamm 185 und wurde Inhaberin einer Pension. Vermutlich arbeitete Ilse in der Pension als Empfangsdame.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 suchte sich ihre 18-jährige Tochter Lore eine eigene Wohnung. Sie heiratete kurz nach ihrem 20. Geburtstag am 20. Juni 1934 den 19-jährigen Arbeiter Heinz Julius Kanal (*1. Mai 1915) und wohnte mit ihm in der Münzstraße 4 in Berlin-Mitte.Trauzeugen waren gleichaltrige Freunde der beiden. Danach verliert sich zunächst ihre Spur. Vermutlich konnte Lore nach Palästina auswandern. Dort heiratete sie 1957 in zweiter Ehe den aus Berlin stammenden Arzt Dr. Leo Less.
Ilses Mutter Clara wurde in den 30iger Jahren von ihrem Bruder Paul Kornblum aus Wiesbaden mit 100RM monatlich unterstützt, was darauf hinweist, dass es Geldsorgen gab. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war Clara Weyl noch im Askania Haus in der Passauer Straße 18 im damaligen Berlin-Wilmersdorf (heute Schöneberg) gemeldet. Ilse wurde in der Trautenaustraße 10 registriert.
Am 5. Oktober 1940 starb erst ihre Schwester Margarete mit 64 Jahren an Herzschwäche und dann einen guten Monat später ihre Mutter Clara am 24. November 1940 mit 85 Jahren im „Siechenheim“ in der Auguststraße 14/15 in Berlin-Mitte. Nun war Ilse vollkommen allein. Ihre Tochter war vermutlich zu diesem Zeitpunkt schon ausgewandert wie auch ihre Neffen Gerhard Schacher, Syndikus und promovierter Dr. der Staatswissenschaften und Rechte, sowie Rudolf Landé. Auch Rudolfs Vater Fritz Landé war Anfang 1939 die Flucht nach New York, USA gelungen, wo er am 31. Mai 1939 gestorben war.
Ilses Neffe Ludwig Schacher war der einzige aus der Verwandtschaft, der noch als Zwangsarbeiter in Berlin lebte und arbeitete. Ob auch Ilse zur Zwangsarbeit herangezogen wurde, ist nicht bekannt. Seit September 1941 wurde sie als Jüdin verpflichtet, den gelben Stern, Symbol der Stigmatisierung und Diskriminierung, zu tragen.
Vermutlich wurde ihr Anfang Oktober 1941 die Aufforderung zugestellt, eine Vermögenserklärung auszufüllen und sich am 16. Oktober 1941 im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstr. 7- 8 für die erste Deportation aus Berlin in den Osten einzufinden. Das Ziel der Reise wurde verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Lodz 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Hier sollten die Deportierten in einem abgeriegelten Ghetto zusammengepfercht werden.
Als der Deportationszug mit insgesamt 1.251 Personen vom Güterbahnhof Grunewald losfuhr, war Ilse Herzfeld nicht dabei. Sie hatte ihrem Leben mit einer Überdosis Betäubungsmittel ein Ende gesetzt. Sie starb mit 50 Jahren am 19. Oktober 1941 um 15.45 Uhr an einer Barbitursäurevergiftung im Jüdischen Krankenhaus Berlin und wurde auf dem Jüdischen Friedhof neben ihrem Ehemann Julius Herzfeld beigesetzt.
Auch ihr Neffe Ludwig Schacher entzog sich seiner Deportation in den Osten und entschloss sich einen Monat nach Ilse am 18. November 1941 zu derselben Verzweiflungstat. Er starb mit 41 Jahren am 19. November 1941 um 0.45 Uhr im Jüdischen Krankenhaus an einer Morphiumvergiftung. Der Polizeipräsident zeigte den Selbstmord am 25. November 1941 dem Standesamt an.
Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2025
Quellen:
Mapping the lives; Berliner Adressbücher; Amtliche Fernsprechbücher Berlin; Arolsen Archives; Personenstandsunterlagen / über ancestry; My Heritage;
Website Klaus Flick: Judenhäuser in Wiesbaden 1939-1942, Familie Kornblum
https://moebus-flick.de/ (letzte Ansicht 22.4.2025)