Ihre Tochter Lotte besuchte ab 28. Februar 1911 die Höhere Mädchenschule zu St. George von Dr. Rudolf Knauer in der Neuen König-Straße 35. Für diese Schule hatten ihre Eltern Schulgeld zu zahlen.
Lotte heiratete mit 20 Jahren am 29. Dezember 1925 den 15 Jahre älteren Robert Gundelfinger (*28. Januar 1890) aus Altdorf in Baden. Gemeinsam ging das Paar nach Mannheim, wo am 5. Oktober 1927 ihre Tochter Erika Bella zur Welt kam. Marie wurde mit 50 Jahren zum ersten Mal Großmutter.
Die jüngste Tochter Margot heiratete mit 26 Jahren am 9. März 1933, den aus Landsberg stammenden Richard Springer (*11. September 1904), der wie Martin Kallmann in der Schuhwarenbranche tätig war. Sie wohnten bei Martin und Marie in der Niebuhrstraße 70.
Schon 1933 emigrierte Maries 26-jähriger Neffe Fritz Flesch (*21. Januar 1907), Sohn ihres Bruders Oscar und designierter Geschäftsinhaber des Modehauses Flesch in Heilbronn, nach Palästina, da er aufgrund der antisemitischen Boykotte der Nationalsozialisten für sich und das Geschäft keine Zukunft mehr in Deutschland sah. Maries Bruder Oscar zog mit seiner Ehefrau Charlotte ca. zwei Jahre später, am 1. April 1935, nach Berlin-Wilmersdorf in die Duisburger Straße 19. Sein Geschäft in Heilbronn musste er zu einem Spottpreis verkaufen.
Im April 1934 wurde Maries Enkelin Erika in Berlin-Tempelhof, wo die kleine Familie in der Zwischenzeit lebte, eingeschult. Am Ende der 2. Klasse wechselte sie am 5. Februar 1936 in die Jüdische Mädchenschule Auguststraße 11-13. Für eine BBC-Dokumentation kehrte die 79-jährige Erika 2008 zurück an den Ort ihrer Kindheit. Sie erinnerte sich, dass sie in den Straßen Berlins von ehemaligen Klassenkameraden und Lehrern diskriminiert, verspottet und angespuckt worden war.
Am 24. Januar 1938, kurz vor seinem 70. Geburtstag, starb Martin Kallmann in der Wohnung in der Niebuhrstraße 70. Sein Schwiegersohn Richard Springer zeigte den Tod im Charlottenburger Standesamt an. Martin Kallmann wurde auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee beigesetzt.
Am 27. Oktober 1938 meldeten Lotte und Robert Gundelfinger ihre Tochter Erika von der Schule ab. Zusammen bestiegen sie am 25. November 1938 in Hamburg ein Schiff, welches sie am 3. Dezember 1938 nach New York in Sicherheit brachte.
Für die 60-jährige Marie begann nach dem Tod ihres Mannes und der Emigration ihrer ältesten Tochter und einzigen Enkelin ein neuer Lebensabschnitt. Sie musste die Wohnung in der Niebuhrstraße 70, in der sie fast 20 Jahre gewohnt hatte, an eine 5-köpfige „arische“ Familie aus Essen abgeben. Sie zog in eine Art Witwen- Wohngemeinschaft in die Gervinusstraße 20 in Berlin-Halensee (heute Charlottenburg). Hauptmieterin dieser Wohnung war die Witwe Anna Guttmann, die zwei Zimmer ihrer 3-Zimmer-Wohnung im dritten Stock des Hauses zwangsweise untervermieten musste. Zwar hatten Maries ältere Schwester Therese und deren Ehemann Julius ihr angeboten, zu ihnen an den Kurfürstendamm 75 zu ziehen, aber Marie hing, wie Julius vermutete, zu sehr an ihrer „Unabhängigkeit“.
Margot und Richard Springer fanden eine Wohnung in der Spichernstraße 11/12 in Berlin-Wilmersdorf, wo sie bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 noch gemeldet waren. Am 30. Juli 1939 nutzten die beiden die letzte Möglichkeit, nach England zu flüchten. Margot war im 7. Monat schwanger. Zwei Monate später wurde Maries zweites Enkelkind Evelyn in London geboren. Aufgrund der politischen Verhältnisse konnte Marie Evelyn nie kennenlernen.
Seit dem Frühjahr 1941 verbrachte Marie tagsüber mehr Zeit bei ihrer älteren Schwester und ihrem Schwager, als in ihrem Zimmer in der Gervinusstraße 20. So lag es nahe, dass sie im Sommer 1941 ganz zu Therese und Julius Hirsch an den Kurfürstendamm zog.
Am 1. September 1941 schrieb Marie einen Brief an ihre Tochter Lotte in New York, in dem sie davon berichtete, dass fast alle Bekannten der drei, die sich noch in Berlin aufhielten, versuchten, das Land zu verlassen. Kurz zuvor war beispielsweise Ingeborg Herper, „Fräulein Inge“, dem früheren Dienstmädchen des Ehepaars Hirsch, die Flucht aus Deutschland gelungen.
Auch Marie hoffte, Berlin verlassen zu können. Ihre Tochter Lotte hatte, nachdem sie in den USA angekommen war, immer wieder versucht, ein Visum für die Einreise ihrer Mutter zu erhalten, was ihr schließlich auch gelang, aber leider zu spät.
Das Telegramm mit der Nachricht, dass ein Einreisevisum für Cuba für Marie bereit liege, kam nicht mehr bei ihr an. Lotte erhielt am 27. Oktober 1941 die Mitteilung, dass das Telegramm nicht zugestellt werden konnte, da die Empfängerin umgezogen sei und die gegenwärtige Adresse unbekannt ist.
Schon am 3. Oktober 1941 waren Marie, Therese und Julius, sowie die am 1. Juni 1941 neu eingezogene 55-jährige Untermieterin Else Joseph aufgefordert worden, Vermögenserklärungen auszufüllen und sich am 16. Oktober 1941 im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7- 8 einzufinden. Dort wurden sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert.
Zwei Tage später, am 18. Oktober, ging es zu Fuß in strömendem Regen oder zum Teil auf offenen Lastwagen, für alle sichtbar, zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald, von wo aus der erste Deportationszug insgesamt 1251 Personen in den Osten transportierte. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź, 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann, in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt. Dort wurden Marie Kallmann, ihre Schwester Therese und ihr Schwager Julius Hirsch in die Reiterstraße 25 in Raum 9 einquartiert. In erbärmlichen Verhältnissen verbrachten sie hier den Winter und das Frühjahr 1942.
Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chełmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielten auch Marie, Therese und Julius einen „Ausreisebefehl“ für den 6. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurden sie am 8. Mai 1942 in einem Gaswagen ermordet. Marie Kallmann geborene Flesch musste aufgrund antisemitischen Rassenwahns und Verschwörungstheorien mit 64 Jahren sterben.
Ihre Schwester Therese und ihr Schwager Julius Hirsch starben mit 69 Jahren. An sie erinnern Stolpersteine in der Uhlandstraße 184 in Berlin-Charlottenburg.
Ihr Bruder Oscar und seine zweite Ehefrau Lucie deportierte die Gestapo am 28. August 1942 aus der Holsteinischen Straße 9 in Berlin-Wilmersdorf, wo sie mittlerweile zur Untermiete bei der Familie Altmann wohnten, in das Ghetto Theresienstadt. Am 29. September 1942 wurden sie weiter in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet. Oscar starb mit 67 und Lucie mit 52 Jahren. An Oscar erinnert ein Stolperstein in der Duisburger Straße 19 in Berlin-Wilmersdorf.
Recherche und Text: Gundula Meiering, Oktober 2025
Mit Unterstützung von Marilyn Weiss aus Berkely, USA, Adam Weiss aus Berlin-Mitte und Stephanie Gross aus New York, USA.
Quellen:
- Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher
- Amtliche Fernsprechbücher Berlin
- Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten
- Personenstandsunterlagen / über Ancestry
- My Heritage
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II), 1544 Julius und Therese Hirsch
- Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Entschädigungsbehörde (LABO) Reg. Nr. 328.009 – Geschädigte:
Marie Kallmann, Antragsteller: Lotte Gundelfinger und Margot Springer, Reg. Nr. 501 244 Geschädigte und Antragstellerin: Margot Springer
- Digitale Ausstellung Zwangsräume
https://zwangsraeume.berlin/de/houses/gervinusstrasse-20 Beitrag Matthias Schirmer, Berlin 2024