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Stolpersteine Ahornallee 50

Link zu: Ahornallee 50, 26.1.2012
Ahornallee 50, 26.1.2012
Bild: Bezirksamt Charlottenb.-Wdf., KHMM

14 Schülerinnen und Schüler der Katholischen Schule Liebfrauen nahmen sich im Geschichtskurs des Schuljahrs 2010/11 vor, das Leben und Sterben von Opfern des Nationalsozialismus zu recherchieren und ihrer zu gedenken, indem sie Stolpersteine verlegten. Sie erfuhren die Namen von neun Menschen, die in der Ahornallee, der Straße der Schule, gewohnt hatten. Diese Menschen wollten sie kennenlernen, indem sie möglichst viele Informationen über ihr Leben und Schicksal in Erfahrung bringen, damit sie und die schrecklichen Folgen des rassistischen Antisemitismus während des Nationalsozialismus in Deutschland nicht vergessen werden. Das Ergebnis eines halben Schuljahres an Recherchearbeit waren eine Broschüre und die Stolpersteinverlegung mit einem Gedenken.

Die Stolpersteine für Josefine Huldschinsky und Gertrud Lisbeth Heller, zuletzt wohnhaft Ahornallee 50, sowie für Berta, Alice und Gittel Zellner, Albert, Pauline und Hertha Lewinnek und Hildegard Peril, zuletzt wohnhaft in der Ahornallee 10 wurden von den Schülerinnen und Schülerinnen der Katholischen Schule Liebfrauen und einigen Eltern gespendet und am 28.06.2011 verlegt.

Link zu: Stolperstein für Josefine Huldschinsky, 26.1.2012
Stolperstein für Josefine Huldschinsky, 26.1.2012
Bild: Bezirksamt Charlottenb.-Wdf., KHMM

HIER WOHNTE
JOSEFINE
HULDSCHINSKY
GEB. SORGER
JG. 1870
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 9.4.1943

Bildvergrößerung: Historisches Foto des Bayerischen Platzes, ca. 1912.
Historisches Foto des Bayerischen Platzes, ca. 1912.
Bild: entnommen aus dem Gedenkbuch Katholische Schule Liebfrauen Wahlpflichtkurs Geschichte 2010/2011 (Hrsg.)

Josephine Huldschinsky, geborene Sorger, erblickte am 5.9.1870 in Wien das Licht der Welt. Sie war evangelisch, was darauf schließen lässt, dass sie ein „Mischling ersten oder zweiten Grades“ war oder aber sie selbst oder ihre Familie vom Judentum zum Christentum konvertiert waren. Zudem war sie verheiratet. Wir wissen über den Mann allerdings nur, dass er bereits tot war, als sie ihre Vermögenserklärung ausfüllte. Höchstwahrscheinlich war ihr Ehemann ein Bruder von Gertrud Heller. Sie lebte die ersten 40 Jahre ihres Lebens in Wien und zog dann am 3.6.1910 nach Berlin. Josephine wohnte zuerst in der Barbarossastraße 18 im Bayerischen Viertel. Dieses Viertel war um diese Zeit ein bei der jüdischen Bevölkerung sehr beliebter Stadtteil Berlins (Abb.12 Foto vom historischen Bayerischen Viertel).

Bildvergrößerung: Foto einer Gedenktafel im Bayerischen Viertel.
Foto einer Gedenktafel im Bayerischen Viertel.
Bild: entnommen aus dem Gedenkbuch Katholische Schule Liebfrauen Wahlpflichtkurs Geschichte 2010/2011 (Hrsg.)

Heute ist das Bayerische Viertel unter anderem eine Gedenkstätte für die ermordeten Juden. An den Laternenpfählen hängen Schilder, auf denen verschiedene Gesetze, die gegen Juden entworfen wurden stehen oder geschriebene Briefe von den jüdischen Verfolgten.

Im Jahre 1939 zog Josephine zu ihrer Schwägerin Gertrud Heller und deren Tochter Annemarie Heller in die Ahornallee 50. Die Ahornallee mündet in den Theodor-Heuss-Platz, der am 21. April 1933 in „Adolf- Hitler-Platz“ umbenannt wurde. Sie lebte dort in einer schönen Villa. Dies lässt auf einen gehobenen Lebensstandard ihres Lebens schließen. In der Ahornallee wohnte sie als Untermieterin und musste100 RM Miete im Monat zahlen. Der Vermögenserklärung war zu entnehmen, dass sie als Untermieterin ein komplettes Schlafzimmer sowie eine Figurengruppe aus Marmor besaß. Weiterhin gab sie an, dass sie 15.000 RM in Wertpapieren und ein Guthaben von 19.200 RM bei der Deutschen Bank besaß. Frau Huldschinsky war also eine wohlhabende Frau. Die Nationalsozialisten haben ihr alles geraubt, auch ihr Leben.

In der Ahornallee 50 existierte vor dem Krieg eine Holzvertriebsfirma Wittkowsky. Eine Schwester von Gertrud Heller, geborene Huldschinsky, und damit Schwägerin von Josephine trug nach ihrer Hochzeit den Namen Wittkowsky. Es ist daher anzunehmen, dass die Huldschinskys beruflich und familiär in Verbindung mit dieser Firma standen, vielleicht sogar damit ihr Geld verdienten. Genaueres zu diesen Zusammenhängen war den Entschädigungsakten im Landesarchiv Berlin leider nicht zu entnehmen.
Am 18.3.1943 wurde Josephine Huldschinsky mit der Häftlingsnummer 11666 nach Theresienstadt deportiert. Kurz vorher wurde sie aber noch im Sammellager in der Leistikowstraße 2 untergebracht, wo sie ihre Vermögenserklärung ausfüllen musste. Allerdings wurde ihre Wohnung erst am 16.06.1943 geräumt. Sie starb am 9.4.1943, also in einem Zeitraum von weniger als einem Monat, im Alter von 72 Jahren in Theresienstadt.

Der Transport
Josephine Huldschinsky wurde am 18.03.1943 mit dem Transport 1/90 von Berlin nach Theresienstadt transportiert. Dieser Transport war offiziell der dritte große Alterstransport. In diesem Transport befanden sich, wie der Name bereits vermuten lässt, hauptsächlich Leute über 55 Jahren aus der Region Berlin-Brandenburg. Während des Transportes war sie mit der Nummer 11666 markiert, die Transportnummer war also 1/90-11666.
In diesem Transport befanden sich 1285 Personen, von denen 1064 Personen den Transport oder die Zeit im Konzentrationslager nicht überlebten. Lediglich 218 derjenigen, die Josephine begleiteten, haben es geschafft, von drei weiteren Personen ist das Schicksal unbekannt.
Diese Zahlen sind allerdings nicht sehr verwunderlich, wenn man sich die Umstände des Transportes und in den Konzentrationslagern ansieht. Die Juden wurden in Viehwaggons gezwängt, es gab keine Toilette. Die kleinen Fenster, die einzige Luftzufuhr, waren mit Stacheldraht umwickelt, es gab nichts zu trinken.
Auch die Dauer des Transportes, vermutlich ca. zwei Tage war ein Grund für die hohe Sterberate in dem Transport 1/90.
Wie aus der Transportliste, die wir im Landesarchiv Brandenburg einsehen konnten, hervorgeht, waren auch alle drei Personen der Familie Lewinnek, eine jüdische Familie aus der Ahornallee 10, die von einer anderen Gruppe recherchiert wurde, in diesem Transport.

Bildvergrößerung: Das Eingangsschild zum Gestapo-Gefängnis im KZ Theresienstadt
Das Eingangsschild zum Gestapo-Gefängnis im KZ Theresienstadt
Bild: entnommen aus dem Gedenkbuch Katholische Schule Liebfrauen Wahlpflichtkurs Geschichte 2010/2011 (Hrsg.)

Das Konzentrationslager Theresienstadt

Josefine Huldschinsky wurde am 18.3.1943 in das KZ Theresienstadt deportiert. Das KZ Theresienstadt war seit 1940 ein Konzentrationslager. In dieses KZ wurden vor allem alte Leute, vorrangig Juden, aber auch Sinti und Roma oder Homosexuelle, deportiert. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Josefine Huldschinsky, bei ihrer Deportation bereits 72 Jahre alt, in dieses KZ deportiert wurde. Die meisten Häftlinge kamen aus dem Reichsprotekterat Böhmen und Mähren“. Bereits die „Empfangszeremonie“ im Lager war sehr brutal und erniedrigend. So wurden die Häftlinge beleidigt und geschlagen, meistens mit Gummiknüppeln oder Peitschen. Orthodoxen Juden wurden zur Belustigung der SS-Wachen beispielsweise die Bärte und Locken abgeschnitten.
Theresienstadt wurde von den Nationalsozialisten auch als „Vorzeigelager“ genutzt. Der Grund dafür war, dass ein Komitee des internationalen roten Kreuzes das KZ am 23. Juni 1944 besuchte. Dafür wurden von der SS Cafés und Bäder errichtet, die die Gesandten über die wahren Begebenheiten täuschten.
Trotz dieser „besseren Umstände“ starben allein ein Viertel aller Häftlinge an Unterernährung und/oder Krankheiten. Insgesamt wurden innerhalb von fünf Jahren ca. 141.000 Personen nach Theresienstadt deportiert. Darunter befanden sich 15.000 Kinder, von denen gerade mal 150 den Krieg überlebten. Vor allem an Typhus starben viele Häftlinge. Weitere zwei Viertel wurden weiter in die Vernichtungslager Auschwitz, Treblinka und Sobibor deportiert.

Josephine Huldschinsky bekam von den Verbesserungen für das Rote Kreuz jedoch nichts mit. Man kann davon ausgehen, dass sie in einer der vielen Altersbaracken zusammen mit vielen anderen unter grausamen Lebensbedingungen leben musste. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Josefine Huldschinsky bereits am 9.4.1943 in Theresienstadt starb, nicht einmal einen Monat nach ihrer Ankunft.

Wichtige Quellen der Recherchearbeit waren:
Das Landesarchiv Berlin (Entschädigungsakten) Das Brandenburgische Landeshauptarchiv Potsdam (Vermögensurkunden)
http://www1.yadvashem.org/yv/en/about/archive/index.asp

Bildquellen:
http://www.steinbergrecherche.com/20070808_B_bayerischer9.JPG http://www.hausamkleistpark-berlin.de/Austrausch_11/baier_400.jpg CC BY-SA 3.0,
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=183798

Vincent Bodenstein, Benedikt Lietz (Klasse 9b) & Lennart Schima (Klasse 9c)

Link zu: Stolperstein für Gertrud Lisbeth Heller, 26.1.2012
Stolperstein für Gertrud Lisbeth Heller, 26.1.2012
Bild: Bezirksamt Charlottenb.-Wdf., KHMM

HIER WOHNTE
GERTRUD LISBETH
HELLER
GEB. HULDSCHINSKY
JG. 1876
DEPORTIERT 10.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 23.1.1943

Gertrud Lisbeth Heller wurde am 17. Mai 1876 in Gleiwitz als eine Huldschinsky geboren. Ihre Eltern waren Edwin und Klara Huldschinsky. Sie hatte zwei Geschwister: Katarina Huldschinsky und Helene Huldschinsky (später Wittkowsky). Ihre Hochzeit fand am 14. November 1934 statt, ihr Mann ist uns jedoch bis heute unbekannt.
Gertrud Lisbeth Heller war eine wohlhabende Frau und gebar drei Kinder: Georg Bernhard Heller, Hubert Heinz Heller und ihre einzige Tochter Anne Marie Heller. Nach der Geburt ihrer drei Kinder starb ihr Ehemann und sie verwitwete.
1936 erhielt sie ein Enkelkind, Marianne Heller, von ihrer Tochter. Sie muss einen Bruder gehabt haben, dessen Identität wir jedoch nicht herausgefunden haben, da Josephine Huldschinsky, mit der sie seit 1939 gemeinsam in der Ahornallee 50 gelebt hat, ihre Schwägerin war.

Ihr letzter freiwilliger Wohnort vor dem Transport mit der Nummer I/63-6525 mit 100 weiteren Personen nach Theresienstadt am 10. September 1942 war die Ahornallee 50 in Berlin-Charlottenburg. Von denen, die mit ihr in diesem Transport waren überlebten nur vier Personen den Holocaust.

Die Transporte waren unmenschlich. Es gab keinen Platz, kaum Nahrungsmittel und es herrschten katastrophale hygienische Zustände. Das Ghetto Theresienstadt wurde ursprünglich als Festungsstadt Ende des 18. Jahrhunderts von Kaiser Joseph II. erbaut.
Es gliederte sich in zwei Teile: die Garnisonsstadt und die Kleine Festung. Nach der Besetzung Böhmens und Mährens durch das nationalsozialistische Deutschland machte die Gestapo im Juni 1940 die Kleine Festung zu einem Gefängnis. Aus dem Festungsteil „Garnisonsstadt“ wurde im November 1941 das Ghetto Theresienstadt, in welchem viele Menschen ihr Leben verloren, auch Gertrud Heller.

Sie starb vier Monate nach ihrer Deportation am 23. Januar 1943 um 11:30 Uhr an Bauchtyphus und Herzmuskelentartung, welches die offiziellen Angaben von Dr. Klapp sind. Jedoch erscheinen diese nicht sehr glaubwürdig. Wahrscheinlicher ist, dass die Hauptgründe für ihren Tod die menschenunwürdigen Umstände, wie z.B. die mangelnde Hygiene, der Mangel an Nahrungsmitteln und ein immenser Platzmangel im Ghetto Theresienstadt waren.

Benedikt Schlüter, Laurens Roer, Malte Harms (Klasse 9a) & Luka Pavlovic (Klasse 9c)

Die Biografien wurden vom Wahlpflichtkurs Geschichte 2010/2011 der Schule zusammengestellt.

Das gesamte Gedenkbuch: http://alt.katholische-schule-liebfrauen.de